Schuppen 68

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Das Kiosk-Projekt – eine öffentliche Intervention 2010/11. August Video und Lockbuch vom Kiosk”Onkel Olli”

Juli 10th, 2010 · Keine Kommentare

Das Kiosk Projekt – eine öffentliche Intervention 2010/11

Erst stirbt der Kiosk, dann stirbt der Kiez (Harenberger Str., Juni 2010)
Der Kiosk stirbt. Was tun?
Hannover ist von einem tödlichen Virus befallen. Hannovers Seele stirbt und niemand merkt es. Nicht der schlammige Gevatter Maschsee ist’s, der final austrocknend alle fünfe von sich streckt, nicht Bruder Rathaus, dessen auf 6.000 einst stahlharte Buchenpfähle gerammtes Fundament den Holzwurmgeist aufgibt, nicht Schwester Nana, deren dralle Polyesterkörper chemisch reagierend sich in Carbonsäure und Alkohol verflüchtigen. Viel schlimmer. Hannovers Seele, Hannovers Herz, Hannovers Leber stirbt:
der KIOSK!
Der SCHUPPEN 68 will mit einer kontinuierlichen öffentlichen Intervention von 2010 bis 2011 auf die Geschichte und die Entwicklung dieser hannöverschen Institution „Kiosk“ aufmerksam machen. Wir fangen mit der Geschichte vom neueröffneten Kiosk „Onkel Olli’s Outpost“ an, die wir hier dokumentieren. Dieser Kiosk hat Ende Juli 2010 aufgemacht und wendet sich als „spezialisierter Nischenkiosk“ eher an die Bedürfnisse alternativer Kundschaft (vegane Gummibärchen und Szenegetränke wie Bumbier und Hermann Brause – benannt nach SCHUPPEN Chefsatiriker Hermann Sievers)

Onkel Olli’s Outpost, Hannover-Linden, Kötnerholzweg, gegenüber SCHUPPEN Sponsor “Fösseapotheke”

Vegan Stuff bei Onkel Olli

Hermann Brause bei Onkel Olli
Wir dokumentieren auf dieser Homepage unsere Performances, öffentliche Kunstausstellungen, Interviews, Materialien zur Entwicklung der Kioske in Hannover-Linden. Erster Höhepunkt soll die “7 Kioske Tournee” sein, bei der wir an ausgesuchten 7 Kiosken Aktionen, Lesungen, Inszenierungen veranstalten. Die Tournee wird unter dem Motto “Ich bin dann mal blau” eine Mischung aus Pilgerreise, Bacchanal und Theater sein und auch an große Rausch- und Entgrenzungsspezialisten der Weltliteratur wie Baudelaire, Joyce oder Bukowski erinnern.

Baudelaire, Joyce, Bukowski
Hintergrund oder: warum das Ganze?
Hannover ist die deutsche Kiosk-Hauptstadt. Nirgendwo – abgesehen vom Ruhrpott – gibt es eine größere Kioskdichte pro Quadratmeter und dickem Kopf. Der Kiosk (auch: Trinkhalle, Bude, Büdchen) ist ein Produkt der Hochphase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, er ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Arbeiterbewegung.
Kioske sind niedrigschwellige, ursprüngliche Orte lokaler Versorgung und nachbarschaftlicher Kommunikation. Jeder Kiosk ist durch Angebot, Ausstattung und Anmutung ein Unikat und existiert widerständig quer zum öden normierten Konsum-Einerlei der Aldi, Lidl, Netto etc.

Die Mutter aller Kioske
So ist es kein Zufall, dass die meisten und skurrilsten Kioske sich im ehemaligen hannöverschen Arbeiterviertel Linden ballen, nun Hochburg der alternativen und subkulturellen Szene. Genauso ist es kein Zufall, dass mit dem Verschwinden der Arbeiterklasse und wachsender De-Industrialisierung auch der Kiosk in seiner Existenz bedroht ist. Die weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten und flächendeckende Durchseuchung aller Stadtteile mit Supermärkten ist eine Konkurrenz, gegen die Kioske auf Dauer nicht ankommen. Damit stirbt ein Mythos von Hannover (fragen Sie mal ältere Hannoveraner nach ihrer „Nebgen Bude“!).
Hier ein paar Beispiele, was aus Kiosken geworden ist, drauf klicken
Man kann unseren Interventionsversuch als kulturgeschichtliche Aufklärung und dramatische Inszenierung von Stadtgeschichte sehen. Es ist aber mehr: es ist ein politischer Akt. Es ist eine Intervention gegen das Vergessen. Wenn uns authentische Bilder und Erinnerungen an die Vergangenheit gestohlen werden, verlieren wir den Kampf um eine erfahrungsgesättigte Utopie von der lebens- und liebenswerten Stadt.
Es muss nicht immer Schloss Herrenhausen sein. Fassade haben wir genug.
Hintergrundinfos über die Geschichte des Kiosks gibt es hier
Wir greifen mit der öffentlichen Intervention Motive eine Aktion von 1992 auf (Quelle: Schädelspalter 09/92)

Stadtmagazin Schädelspalter 09/92

Tags: Schuppen aktuell