23.12.2022 – Zwei Bahnstationen hinter dem Arsch der Welt

Szenen einer Ehe? Denkmal zur Teilung Deutschlands in Duderstadt im Eichsfeld, wo nach dem Grundlagenvertrag 1972 zwischen der BRD und der DDR einer von vier zusätzlichen Grenzübergängen eingerichtet wurde. Damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.

Wer das in der Form vor ein paar Jahren formuliert hätte, dem wäre sofort das Etikett „ewig gestriger Beton-Kommunist“ angehängt worden. Abgesehen davon, dass Beton ein unverzichtbarer Baustoff ist, ich überhaupt nichts gegen „gestern“ einzuwenden habe und als undogmatischer Linker nur Schwierigkeiten mit „Kommunist“ hätte, geht diese Formulierung Ende 2022 für jeden halbwegs mit Verstand Gesegneten völlig ideologiefrei durch. Heute ist die Welt aus den Fugen geraten und so weit von halbwegs in Ordnung entfernt wie ich vom Nobelpreis für Literatur. Ich muss die Fugen nicht alle aufzählen, ein Blick in die Nachrichten genügt.

Alle Jahre wieder Duderstadt, die alte Heimat, wir standen in fröhlicher Runde nach intensiven Fachgesprächen auf dem Weihnachtsmarkt, ich hatte einen Lumumba in der Vorhalte, Kakao mit Rum. Das Getränk Lumumba hat seinen Namen nach dem Freiheitskämpfer Patrice Lumumba, der in den 60ern aus freien Wahlen als Ministerpräsident des Kongo hervorging. Er wurde auf Betreiben der USA, Großbritanniens und Belgiens durch die CIA mit Hilfe des MI6 aus dem Amt geputscht, gefoltert und ermordet. Das war und ist das Tagesgeschäft der CIA, westlicher und aller nennenswerter Geheimdienste und kommt im Zweifel mit ein paar Jahrzehnten Verspätung raus. Sie werden daher verstehen, liebe Leserinnen, wenn ich Hurrameldungen und Nachrichten aus westlichen Geheimdienstkreisen in Sachen Ukrainekrieg mit ähnlicher Vorsicht genieße wie todsichere Börsentipps und Horoskope. Auf gut Deutsch: Unbrauchbar und in die Tonne. Im Moment schwer en vogue ist ja der britische Geheimdienst, wird dauernd zitiert. Die CIA ist wohl und hoffentlich auf Dauer desavouiert.

Andere Teilnehmer der feuchtfröhlichen Lumumba-Runde äußerten angesichts des Denkmals die Vermutung, es handele sich um Szenen einer Ehe. Ich erwiderte, das sei kompletter Blödsinn (der dritte Lumumba begann zu wirken, wir wurden langsam laut und noch fröhlicher). Wäre das Denkmal realistische Szene einer Ehe, müsste die Laufrichtung der Frau um 180 Grad gedreht sein, also fluchtartig vom Mann weg. Das überzeugte die Anwesenden sofort, waren sie doch allesamt verheiratet.

Die Strafe für soviel Lästerei ereilte mich auf dem Heimweg. Zwei Bahnstationen noch hinter dem Arsch der Welt, wo es normalerweise schon abgrundtief depressiv aussieht,

kam auf einmal Boden-Nebel auf, der immer näher waberte. Ich bin allem metaphysischen abhold, habe aber mal den Klassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ gesehen.

Entspannte Jahresendzeit mit einem schönen Jahresendbaum und Jahresendflügern wünsche ich Ihnen..

19.12.2022 – Männer

Männerbild. Irgendwo in den Bergen von Korfu. Als ich das bei einer Wanderung sah, bin ich vor Lachen fast gestorben.

Neues aus dem Scham-Bereich: Heiz-Scham. Hier ein im Gegensatz zu meinen partiellen Beleidigungsanfällen angenehm sachlicher Blog, der den Hintergrund des Begriffes umreißt. Der Blog ist nach erstem Eindruck sehr kenntnisreich, abwägend und gibt nicht vor, der Weisheit letzter Schluss zu sein, siehe Beitrag zu Long Covid.

Der Blogschreiber gehört als Gastroenterologe und Hausbesitzer offensichtlich zu jener Klasse von Menschen, die sich ihre Heizsituation selber aussuchen können, im Gegensatz zu Millionen Anderen. Das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung, die man bei einer ethischen Bewertung der Scham-Welle im Lande im Hinterkopf haben sollte. Bei vielen Zeitgenossinnen werde ich das Gefühl nicht los, sie surfen auf dem jeweiligen Modetrend und nutzen ihre Predigt über ihre jeweilige Scham oder ihr jeweilig politisch korrektes Verhalten als Distinktionsmerkmal. Früher war das die Kunst, mit der man sich vom Pöbel abhob, heute ist es die Scham.

Unser Blogschreiber fällt auch hier angenehm auf, weil er seine Beschränkung, was das Heizen angeht, nicht als gesellschaftlich gefälligst von Allen zu befolgende Tugend anpreist, der Terror der Tugend also, sondern als seine individuelle Notwendigkeit. Auch wohnt ihm offensichtlich nicht dieser grausig-urdeutsche soldatische Masochismus inne, nach dem die lausige gesundheitsgefährdende Kälte nach Heizreduzierung sich auch noch toll anfühlen würde. Hinter diesem Sado-Masochismus steckt ein Männer(selbst)bild, das in der Nachkriegszeit vorherrschend war und der Brut zur Not eingeprügelt wurde: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Was nicht tötet, härtet ab.

Später, Post-68 sozusagen, weichte das auf, wurde kritisch hinterfragt. Und endete nicht selten in Männerselbsthilfegruppen, mit integriertem Heulsusen-Faktor.  

Die in ihrem soldatischen Körperpanzer gefangenen Männer marschierten an dieser Weggabelung der Generationen nach rechts und folgten eher dem Diktum: Männer tanzen nicht. Männer weinen nicht. Männer zeigen keine Gefühle.

Um mich hier mal persönlich zu verorten: Ich tanze gerne und heize, bis mich der Schlag trifft, in Form der AbSchlag-Rechnung. Und Heulsusen-Männer gehen mir gewaltig auf den Sack. Jammer jammer, jaul jaul.

Was meine Polemiken und Injurien hier im Blog angeht, die mir tatsächlich im Vergleich zu obigem Blogschreiber unangenehm ins Gemüt fluteten: Beleidigend und verletzend sind die Verhältnisse und sie stützenden Personen. Ich versuche nur, sie sur le point zu garen. Und ich versuche immer, eine eherne Regel zu beachten: Treten immer von unten nach oben, niemals mit dem Mittel des Ressentiments nach Minderheiten treten. Und immer im Hinterkopf habend, ob man als Schreiber potentiell eher Opfer oder Täter ist.

Ach ja, eins noch: Schämen tu ich mich für meine Ausfälle nicht. Der Tritt gegen mein Scham-Bein zielt ins Leere

18.12.2022 – Scham

BILD

Späthippies und Soldaten warten vereint im Hafen von Agios Stefanos, Korfu, auf eine Fähre zur Nachbarinsel. Ein zentrales Moment von Reisen ins friedliche Bild gerückt: Verbindung und Nähe als Grundlage für Kommunikation. Wer allerdings durch das Bild hindurch- oder über es hinaus schaut, fragt sich vielleicht: Wie ist es zustande gekommen?

Ich hab’s gemacht, wie 99,9 % aller Bilder hier, aus Lizenzgründen. Die Voraussetzung für die Existenz des Bildes war mein Flug. Ich bin geflogen. Habe ich deshalb Flug-Scham?

Im juste milieu der aktuellen Ökos, Alternativen, aufgeklärten Akademixe bis weit hinein ins liberale Bürgertum gehört es seit langem zum guten Ton, Flugscham zu haben, wg. CO2 und Rettung der Welt: „Ich fliege leider noch, find’s aber Scheiße, kompensiere, und bin dabei, es zu reduzieren und mir abzugewöhnen.“ Siehe auch Auto-Scham, Fleisch-Scham und Rauch-Scham.

Wie oft, wenn es etwas zum guten Ton im geschilderten Milieu gehört, ist das nicht zu Ende gedachter Blödsinn.

Verdeulicht wird das an folgender Grenzwert-Diskussion: Gesetzt den Fall, innerhalb Europas wird von einem Tag auf den anderen nicht mehr geflogen, sei es aus Überzeugung oder Verbot. Innerhalb kürzester Zeit würde die Wirtschaft in der gesamten Küstennahen Mittelmeerregion zusammenbrechen, ganze Volkswirtschaften gingen in die Knie und müssten mit Unterstützungsfonds aufrechterhalten werden, die selbst die EU nicht finanzieren könnte. Beispiel Griechenland: Der Anteil des Tourismus am BIP beträgt 20 Prozent, Tendenz rapide steigend, die Urlaubsregionen sind komplett von ihm abhängig. Zum Vergleich: Der Anteil der Autobranche am BIP in Deutschland beträgt keine 5 Prozent. Stünde die hier zur Disposition, gäbe es einen Bürgerkrieg. Es würde also eine EU-Binnenarmutsmigration von nie gekanntem Ausmaß von der Mittelmeerregion zu „uns“ einsetzen.

Im ersten Jahr würden Millionen Urlaubssüchtige versuchen, mit dem Auto in die heißgeliebten Destinationen zu kommen. Spätestens, wenn die ersten 2 – 3.000 km langen Staus von Berlin nach Barcelona, von Aachen nach Athen desaströse sozialökologische Spuren hinterlassen, hat sich der Unfug erledigt. Die Betuchteren, auch ein Millionenheer, fliegen nach Übersee und geben dort den Malediven, Andamanen oder Tongainseln innerhalb eines Jahres mehr als jeder Tsunami den Rest. Die ärmeren Schweine, ein weit größeres Millionenheer, machen Zuhause Urlaub. Eine wundervolle Vorstellung, wie jetzt schon überlastete Nord- und Ostseeküsten in kürzester Zeit in Schutt und Asche gelegt werden und nach zwei Jahren aussehen wie die Wüste Gobi, oder in der Mark Brandenburg ein Gedränge herrscht wie beim Münchener Oktoberfest.

Mit dem Zug fahren? Zur Visualisierung dieses Dystopie schauen Sie sich im Internet die Bilder von indischen Zügen an, wo hunderte auf den Dächern hocken, und multiplizieren das mal 10.

Von Kollateralschäden des Nichtreisens will ich hier gar nicht reden, wodurch die hiesigen Volksgenossinnen noch ignoranter im Kopf werden als eh schon, weil ihnen der letzte Rest von Weltläufigkeit auch noch genommen wurde.

Jetzt höre ich das Milieu protestierend murmeln: Ja, aber wir müssen doch langfristig an Konversion denken, andere Wirtschaftszweige vor Ort entwickeln und implementieren.

Also „wir“ schon mal gar nicht. Ich würde mich schämen für soviel Arroganz aus einem Land, das immer riesigere Straßenpanzer, vulgo SUVs, baut, sich einen Scheißdreck um irgendwelche nachhaltigen Konversionen kümmert und nach wie vor die Welt am doitschen Wesen genesen lassen will.

Eine langsame, eventuell funktioniernde Konversion würde sich über Jahrzehnte hinziehen und dann sind eh Szenarien real, von denen wir uns keine Vorstellung machen.

Schämen sollte sich das geschilderte Milieu allerdings tatsächlich. Aber für sein Verhalten, und zwar für die Frechheit, öffentlich mit derart aus freien Stücken gewähltem, unreflektiertem dummen Zeug hausieren zu gehen, während hierzulande ein wachsendes Millionenheer sich seit Jahren weder Auto noch Flüge und mittlerweile auch kaum noch Fleisch leisten kann.

16.12.2022 – Millionen

BILD

Millionen Impfopfer stimmt insofern, als dass durch die Impfkampagnen Millionen Menschen in ihrer Grundverstörtheit so bestärkt wurden, dass sie komplett in das Lager der Wissenschaftsfeinde, der Faktenleugner und der Aufklärungsgegner abdrifteten. Zu den Fakten: In Niedersachsen gibt es bei ca. 20 Millionen Impfungen 15 anerkannte Impfschäden, darunter allgemeine Schwäche, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Migräne und schmerzhaften Rötungen bis hin zu Schlaganfällen und Lungenembolien. Für eine Anerkennung reicht es, wenn ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Schaden „wahrscheinlich“ ist. Es muss nicht direkt kausal sein. Wir können also hier die Hälfte der 15 anerkannten Konzentrationsstörungen etc. streichen. Wenn wir von zwei Schlaganfällen und/oder Lungenembolien bei 20 Millionen Impfungen ausgehen, bliebt ein – „wahrscheinliches“ (!), nicht gesichertes und eher geringeres -Restrisiko, einen gravierenden Impfschaden zu erleiden von ca. 1 : 10.000.000. Das entspricht in etwa der Wahrscheinlichkeit eines Sechsers im Lotto (1 : 13 Millionen).

Auf der anderen Seite schützt eine Impfung je nach Untersuchung zwischen 80 und 94 Prozent vor Ansteckung, je nach Virusvariante und Impfstoff, Tendenz zur Zeit sinkend . Das ist insofern nicht trivial als, Zitat: Laut Statistischem Bundesamt verstarben an COVID-19 als Grundleiden im Jahr 2021 in Deutschland insgesamt 71 331 Menschen, das waren 79 % mehr als im Vorjahr (2020: 39 758). Damit war COVID-19 bei 7,0 % aller Verstorbenen die ausschlaggebende Todesursache.“

In den Ergebnissen nicht enthalten sind diejenigen Fälle, in denen COVID-19 von der leichenschauenden Ärztin oder dem leichenschauenden Arzt auf dem Totenschein als Begleiterkrankung dokumentiert wurde. Was bedeutet, dass in einer zusätzlichen Vielzahl von Fällen COVID-19 zum vorzeitigen Tod mit beigetragen haben kann. Wie das halt so ist bei einem multikausalen Geschehen.

Hier stand ursprünglicher kompletter Blödsinn, was die Wahrscheinlichkeit des Ablebens als Ungeimpfter angeht, das Sterberisikio bei Ungeimpften ist ca. elfmal höher. Schlimm genug, aber nicht annährend in der Dimension, die hier ursprünglich stand. Sorry. Nicht alles, was nicht rechnen kann, ist ein Milchmädchen.

Was dennoch bleibt:  Keiner der Corona-Schwurbler würde in einen VW steigen, wenn die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit pro Fahrt elfmal höher läge als in einem Fiat. Er führe nur Fiat. Aber beim Impfen spielt diese Kalkulation scheinbar keine Rolle. Wie sagt der Schwurbler so schön: „Impfen? Niemals! Nur über meine Leiche.“

Na dann ….

Das ganze Geschreibsel hier nutzt übrigens für die Tonne. Davon wird nicht eine überzeugt. Wir bewegen uns hier im Reich der Ängste, der Überforderung, des Ressentiments, da kommt kein Argument hin. Erleb ich andauernd, sei es bei Klimaleugnern, bei Neoliberalen, Misogynen … Sogar bei mir selbst.

15.12.2022 – Bilder von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag

BILD

Aus der Serie: „Bilder von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag“. Seit vielen Jahren arbeite ich an einer Fotoserie von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag. Die Serie heißt „Bilder von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag“.

Hintergrund ist die Beschäftigung mit der Theorie der Ästhetik. Das ist ein derart komplexes und kompliziertes Feld, dass hier noch nicht einmal ansatzweise der Raum für auch nur eine minimale Einführung in die Begriffsgeschichte von Ästhetik ist. Vorrangig interessiert mich nicht der bürgerliche Begriff von Ästhetik, die Kunst, Schönheit, Erhabenes um ihrer selbst Willen betrachtet und verehrt, sondern der materialistische und avantgardistische Ästhetik-Ansatz, der schon mal fragt: Was soll das Ganze, wo kommt es her, wem nützt es, kann das weg und wenn ja, wohin, und was nehmen wir stattdessen? Ich könnte auch langatmig über Adornos Begriff von Ästhetik und, mir wesentlich näher und auch zeitgemäßer, Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ referieren, in dem es unter anderem um den Verlust der Aura im und am Kunstwerk geht, wenn es z. B. unendlich technisch (heute = digital) reproduzierbar ist. Selige Aura, wohin bist Du entschwunden?

Aber viel mehr steht bei beiden Genannten auf ein paar 100 Seiten auch nicht drin, als ich mit meiner Frage „Was soll das Ganze etc. …“ angedeutet habe. Bei denen ist es höchstens schwerer verständlich. Des Pudels Kern nähern wir uns eh besser durch die ästhetische Praxis denn durch reine Theorie und damit kommen wir zu meiner Fotoserie „Bilder von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag“. Sie rührt an die Wesensfrage aller Ästhetik, die Sie, liebe Leserinnen, sich sicher dauernd stellen beim Anblick von Kunst, Mode, Design, Werbung, ja, selbst beim Anblick eines flüchtigen Bekannten am Frühstückstisch: Gehört das da hin?

Natürlich fragen Sie sich das auch beim Anblick der Gegenstände auf der Eisfläche im Bild oben. In der paradoxen Unmöglichkeit der Beantwortung dieser Frage oszilliert das Foto von einer rein naturalistischen, dokumentarischen Funktion des fotografischen Festhaltens von Gegenständen auf Eisflächen an einem Dienstag ins Transzendente.

Im Rahmen einer Ausstellung der Fotoserie hat mich mal ein Pharmavertreter gefragt, ob seine Firma das Foto für eine Werbekampagne für ein vaginales Fungizid verwenden könnte. Es hätte den passenden Symbolgehalt und würde sofort ins Auge fallen.

13.12.2022 – Der Hitler-Punsch

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Eisgekühlt. Minus 8 Grad gestern, heute noch kälter. Sekt wird oft zu warm serviert und getrunken, die in Fachkreisen empfohlene Trinktemperatur von 6 – 8 Grad ist zu viel. Wenn das Glas nicht gekühlt ist, man Sommers im Garten sitzt und einen Moment der Perlage nachsinniert, halte ich vier Grad für angemessen. Warm wird er von alleine. Dafür herrschen auf meinem Teich als Kühler jetzt ideale Bedingungen. Irgendeinen Sinn muss diese Kälte ja für mich haben. Dass wir aus ökologischen Gründen auch mal „normal“ kalte Winter bräuchten, ist mir egal. Ich brauch die nicht und was ist schon normal. Unnormal heißt doch nichts anderes, als rechtzeitig am falschen Ort gewesen zu sein. Gilt auch für das Wetter.

Haben wir keine anderen Probleme als ideale Temperaturen für alkoholische Feuchtgetränke? Man verliert halt irgendwann die Übersicht. Andauernd kommt Neues hinzu. Wie jetzt die Verschärfung der Demokratiekrise. Oder besser: Wie die Krise auch für den Dümmsten offensichtlicher wird, von Tag zu Tag, von Putsch zu Putsch. Der „Reichsbürger-Putschversuch“ mag als direkte Aktion so lächerlich wie eine Operette sein, wie unter dem Einfluss von zu viel Punsch ausgedacht. Als Ergebnis eines Prozesses und als Vorgriff auf gesellschaftliche Perspektiven ist er an Dramatik gar nicht hoch genug einzuschätzen. Hier kulminierte die ganze Demokratieverachtung der immer mehr und radikaler werdenden Verschwörungsmythologen, Querspinner, Halb- und Vollfaschisten erstmals in einem lange geplanten, kollektiven Versuch eines terroristischen Umsturzes aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Was verharmlost und kleingeredet wird von Konservativen, die den zersetzenden Staatsfeind in den niedlichen Klebeaktivistinnen sehen.

Mögen die Polizisten, Richterinnen, Soldaten, Adligen – immerhin jetzt schon eine dreistellige Zahl – dieses Mal noch mit der Pappnase des Tweedjacken-Politclowns daherkommen, warum sollen sie nicht in 10 Jahren in Bataillonsstärke auftreten, vorneweg einer in Generalsuniform statt Tweed? Geschichte, das erste Mal als Farce, das zweite Mal als Tragödie.

Vor 99 Jahren fand der Hitler-Putsch statt. Eine dreistellige Zahl von Soldaten, u. a. General Ludendorff, Adligen, Juristen, u. a. einem Oberstlandesgerichtsrat, wollte, anfangs mit geheimer Unterstützung der konservativen bayerischen Landesregierung, die SPD-geführte Reichsregierung in Berlin wegputschen, mit einem Mussoliniähnlichen Marsch in München. An der Spitze Adolf Hitler. Den damaligen Zeitumständen mit blutigen bürgerkriegsähnlichen Unruhen angemessen, endete das blutig. Leider nicht für Hitler.

Das Ganze galt schon damals als lächerlich, dilettantisch und das Operettenhafte des Clowns Hitler hat ja Charlie Chaplin im „Großen Diktator“ deutlich gemacht.

Keine 10 Jahre später war Schluss mit Operette, Clown und lächerlich.

11.12.2022 – Neues Zeitalter

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Kalte Zeiten. Leben wir, wie behauptet wird, an der Schwelle eines neuen Krisenbedingten- und geschüttelten Zeitalters, geprägt durch diffuse Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit? Sind Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet? Nimmt die Militarisierung eine jeden geschichtlichen Vergleich sprengende Dimension an? Was ist mit Intellektuellen, Künstlern und Literaten? Fragen wir Wikipedia:
„ …. Die Zeit war geprägt von ….  diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die maßgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen. Als Überreaktion der europäischen Führungsschichten auf die Krisenerscheinungen und in einer „großen Angst, die unter den Herrschenden umging“, vollzog sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung: „Die Militarisierung nahm eine jeden geschichtlichen Vergleich sprengende Dimension an. … Für Intellektuelle, Künstler und Literaten wurde ein Gefühl von Ohnmacht charakteristisch, weil sie sich angesichts einer einerseits vom Marktgesetz und anonymen Massen beherrschten Großstadtgesellschaft und andererseits von einer zunehmend von Naturwissenschaften und Technik gezeichneten Welt angezogen und abgestoßen fühlten. Sie flohen in ästhetische Gegenwelten. Eine Subkultur oder Gegenkultur zum bürgerlichen Leben entstand mit den Kultfiguren Bohemien, Dandy, Snob und Femme fatale. Sie verachteten die „Philister“, Spießer und Kleinbürger. … Aus einer Mischung aus Unsicherheit und Überheblichkeit formte sich der Sozialdarwinismus ….“

Bei der Beschreibung handelt es sich um das Fin de Siècle, die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, die den drohenden Untergang einer Epoche antizipierte. Im industriellen Massentöten an den Fronten des Krieges schien der Holocaust schon auf, insofern war schon der erste Weltkrieg ein Zivilisationsbruch. Sollen wir also Intellektuelle, Künstler und Literaten befragen?

Wer hat uns verraten?

Intellektuelle, Künstler und Literaten!

Ich neige eher dem Wirtschaftsteil als dem Feuilleton zu: Der Goldpreis hat in den drei letzten Jahren um über 20 Prozent zugelegt, ein sicherer Krisen-Indikator. Der Börsenindex DAX allerdings auch um ca. 9 Prozent. Ein sicherer Antikrisen-Indikator.

Da stehst Du nun, Du armer Tor,

Und bist so klug als wie zuvor!

Lesen Sie, liebe Leserinnen, einfach den Blog regelmäßig. Dann sind Sie auch nicht schlauer, aber das auf einem unterhaltsamen Niveau.

10.12.2022 – Ein schmutzig Beiwort

BILD

Ich bin ein Polit-Clown. In der Asphalt 11/2022 war eine Einschätzung von mir zur geplanten Landeswohnungsbaugesellschaft in Niedersachsen abgedruckt, die perspektivisch für nicht profitorientierten, bezahlbaren Wohnungsraum sorgen soll. In der Folge-Asphalt erschien daraufhin der obige Leserbrief.

Wir brauchen hier ca. 100.000 bezahlbare Wohnungen zusätzlich. Die Wohnungssituation nicht nur in Ballungsräumen ist eine Katastrophe, das verschwindet zur Zeit hinter all den anderen Krisen, wird uns aber im Gegensatz zu denen auf Jahre begleiten. Nach jahrelangen Forderungen und Aktionen der Landesarmutskonferenz haben SDP und Grüne zu Beginn ihrer Koalitionsverhandlungen in Niedersachsen verkündet: Sie soll kommen. Laut Sozialministerin Behrens soll Startschuss Anfang nächsten Jahres sein. Angepeiltes Volumen ca. 1 Mrd. Euro. Natürlich begrüße ich das aufs Schärfste, wenn ich auch aus meiner Skepsis gegenüber der Trägheit von Politik und Behörden kein Hehl gemacht habe. Das kann dauern …

Dieses Projekt stößt natürlich bei den Apologeten des besinnungslos freien Marktes auf erbitterten Widerstand, schmälert es doch unter anderem die Rendite von Börsengaunern wie Deutsche Wohnen und Vonovia und wirkt Mietpreisbremsend. Auftragskiller der Betonmafia habe ich in meiner Hood noch nicht gesichtet, aber immerhin hat sie schon Horst Träger, siehe oben, auf mich angesetzt. Die Titulierung Polit-Clown hat mich tief verletzt.

Nicht etwa, weil das eine Verbalinjurie wäre. Göttin bewahre. Es wäre ja völlig grotesk und jammerlappig, wenn ich Beleidigungen aller Art nicht aushalten könnte; ja, sie regelrecht genieße, so wie ich nicht nur in diesem Blog polemisch austeile. Es ist wohl mit dem schmutzig Beiwort so, wie Hamlet in weiser Einsicht es formuliert:

(… Man heißt uns Säufer …) , hängt an unsre Namen
Ein schmutzig Beiwort; und fürwahr, es nimmt
Von unsern Taten, noch so groß verrichtet,
Den Kern und Ausbund unsers Wertes weg.

Was mich regelrecht verbittert hat, ist die Kategorisierung als Clown. Ich habe Clowns als Kind schon gehasst, wie sie als fürwahr dummer August durch die Manege torkelten, unoriginell und witzlos wie Mario Barth und unterschiedslos brutal auf alles einprügelten, was ihnen vor den Gummihammer kam. Nichts habe ich damals sehnlicher gewünscht, als dass die Zirkuslöwen diesen öden Possenreißer in tausend Stücke reißen würden. Da wo der Hofnarr der Obrigkeit noch den Spiegel vorhielt und der Harlekin eine gewisse Eleganz und Kritikfähigkeit an den Tag legte, vermittelt der Clown dem Betrachter nur die geistlos-depressive Stumpfsinnigkeit der eigenen Existenz.

Und das also soll ich sein. Träger, es wird wie ein Unfall aussehen. Die Humormafia wird Deine Füße mit Beton ummanteln …

06.12.2022 – Auf die Dauer ohne Mörtel keine Mauer.

Ich hatte unlängst auf die Interessenvertretung der Faltschachtelbranche abgehoben und deren Mission. Zu den Stillen, aber Fleißigen im Lande, von denen viele wenig bis nichts wissen, gehört auch der Backzutatenverband. Ohne den Backzutatenverband wäre unsere Republik nicht die, die sie ist. Der deutsche Backzutatenverband im Lauf der Zeit: 2002 erfolgte der Anschluss Österreichs, auf eigenen Wunsch, und 2011 der Umzug des Verbandes nach Berlin-Mitte. Wohin sonst. Dort sitzt auch der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM), in der Reinhardtstr., in der dritten Etage der FDP-Bundesgeschäftsstelle. Ein Verband, dem von jeher meine tiefe Zuneigung galt, gehört zu seinen Aufgabenbereichen doch die Interessenvertretung des Mörtels. Auf die Dauer ohne Mörtel keine Mauer. Das ist ein eherner Grundsatz der Mörtelphilosophie. Es gibt nur noch wenige verbindende Gedanken, Grundsätze, Maxime in unserer Zivilgesellschaft, die sich in immer mehr disparate Segmente dividiert. Einer davon lautet: Weg mit Mauern, auch denen in den Köpfen.

Das ist natürlich gequirlte Scheiße. Erstens ist das pure Ideologie, weil in und um ganz Europa herum seit Jahren tödlichere Mauern aufgerichtet werden als es der antifaschistische Schutzwall – oder die Schandmauer der Ostzone, ganz nach Standpunkt – je war. Ich trete seit Jahrzehnten für eine Revitalisierung des Eisernen Vorhangs ein. Hoch damit, raus mit allem aus der EU, was östlich der Elbe ist. Abgesehen natürlich von meiner zweiten Heimat Berlin, die dann wieder eine politisch selbstständige Einheit wäre.

Hoch damit heißt auch: Wiederaufbau der Mauer und dafür braucht es Mörtel. Und dieses Mal nehmen wir Dünnbettmörtel, denn, so der VDPM:

„ … Dünnbettmörtel wird zum Vermauern („Kleben“) von Steinen eingesetzt, die besonders maßgenau produziert sind (Plansteine). Die Fugendicke beträgt nur 1-3 mm. Wichtig für den Bauherren ist, dass auch Dünnbettmörtel vollflächig aufgetragen wird und ein geschlossenes Mörtelband in ausreichender Dicke entsteht. Nur so lassen sich Schwachstellen vermeiden…“

Nur so lassen sich Schwachstellen vermeiden! Darauf kommt es an. Beim letzten Versuch ist die Mauer an den Schwachstellen gescheitert. Schwachstellen waren z. B. die Reiselust der Insassen der Ostzone und ihre Gier nach Bananen Sie wollten nicht nur ans Schwarze Meer, sondern auch nach Malle. Reisen ist aber ökologisch kontraproduktiv. Gehört verboten. Und Bananen können mittlerweile auf Grund des Klimawandels auch in Meck-Pomm angebaut werden. Da fallen Schwachstellen weg.

Es spricht also viel dafür, die Mauer wieder hochzumörteln, Hand in Hand mit dem Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM), in der Reinhardtstr.. Die dann in Ostberlin wäre. Wie ganz Berlin-Mitte. Ein Verlust, der sich in Grenzen (sic!) hielte.

Sie, liebe Leserinnen, werden jetzt verstehen, warum meine stille Liebe den Verbänden dieser Republik gehört. Da steckt viel mehr drin und dahinter als es scheint.

05.12.2022 – Kurz und beschissen

Schön. Aber grober Unfug. Eine Unsitte sondergleichen, überall im Süden am Strand und sonst wo Steine zu Skulpturen zu stapeln. Steine erfüllen eine Funktion, sie stabilisieren Strände, die eh von Abschwemmung, Erosion und Sanddiebstahl bedroht sind. Und da, wo Einheimische sie zu vermeintlichen Türmchen stapeln, sind das keine Spielereien gelangweilter Pseudokreativlinge sondern Orientierungsmarken. Mir haben solche Marken in einer unwegsamen Küstenregion der Tramuntana mal das Leben gerettet. Na ja, vielleicht etwas übertrieben, aber verlaufen Sie sich mal in Schluchten, wo für Ungeübte eine wie die andere aussieht. Ich hab jedenfalls vor Erleichterung fast geheult, als ich wieder auf Türmchen stieß, an denen ich mich orientieren konnte. Und so nimmt es nicht Wunder, dass ich mitunter in der Dämmerung an Stränden Verdauungsspaziergänge unternehme und pardautz, andauernd über Skulpturen stolpere. Schepper, klapper, polter, stürz, freu, harhar.

Eigentlich müsste ich mich auf eine Podiumsdiskussion über Altersarmut vorbereiten, die gleich stattfindet. Aber bei dem derzeitigen Wetter und Blick aus dem Fenster noch so ein Depri-Thema, da könnte ich mich auch gleich erschießen, das käme Stimmungsmäßig aufs Gleiche raus. Kein Wunder, dass ich lieber Urlaubsfotos angucken, siehe oben. Hat mich aber auch gleich wieder auf die Palme gebracht. Das Leben ist eben wie ne Hühnerleiter, kurz und beschissen.