28.04.2018 – Staatsfeinde, überall Staatsfeinde.


11 Euro Kaltmiete/qm. Bei mir umme Ecke. Das Verwunderliche ist nicht der Preis, sondern die Tatsache, dass es ein Angebot in Form eines Aushangs gibt. Der Regelfall ist das Gesuch, also die Nachfrage.
Ich habe hier vor 20 Jahren umgerechnet ca. 1,50 Euro bezahlt, bei einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Das war zwar eine Schlichtwohnung, allerdings mit Garten. Selbst wenn die Gesellschaft in der Zwischenzeit modernisiert und das auf die Miete umgelegt hätte, inklusive einer für kommunale Wohnungsbaugesellschaften handelsüblichen Mietangleichung, würde ich jetzt vermutlich keine 5 Euro pro Quadratmeter zahlen, wenn ich noch Mieter wäre.
Kommunale Wohnungsbaugesellschaft, Wohnungsgenossenschaft, private Vermieterin oder börsennotierter Wohnungskonzern wie Deutsche Wohnen: die Tatsache, wo man oder frau zur Miete wohnt, macht heutzutage den Unterschied aus, ob man oder frau nach Abzug der Kosten der Unterkunft unter die Armutsgrenze rutscht. Wohnen ist die zentrale soziale Frage und wird es absehbar bleiben.
Die Tatsache, dass der Reichtum auf der anderen Seite in unserem Land regelrecht explodiert, ist zu einem großen Teil auf den Wertzuwachs bei Immobilien zurückzuführen. Jede 70. Deutsche ist Vermögensmillionärin. Das bezieht sich nur auf mobiles Vermögen, sprich Aktien, Anlagevermögen, Gespartes, Bares, Gold, etc., also ohne Immobilien. Deren Verkauf oder Vermietung bildet die Basis für einen horrenden Zuwachs des mobilen Vermögens, neben Gewinnen aus Anlagevermögen,Unternehmensgewinnen und Steuerhinterziehung.
Dieser Prozess bildet die Grundlage des Kapitalismus, an der nicht gerüttelt werden darf. Die Eigentumsfrage, also unter welchen Umständen wer wie enteignet werden kann, darf unter keinen Umständen gestellt werden. Das wird sie allerdings in Sachen „Wohnen“, wo sich Initiativen zur Enteignung von großen profitorientierten Wohnungsbaugesellschaften breitmachen, aus der Not geboren. 1,2 Millionen Menschen sind wohnungslos und wer heute eine Wohnung in städtischen Ballungsräumen sucht, hat schnell ein existentielles Problem an der Backe. Das ist sozialer Sprengstoff.
Wer trotzdem Enteignungen fordert, ist ein Staatsfeind. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man das mediale Trommelfeuer beobachtet, dass die Medien derzeit gegen Enteignungen eröffnen. Das Kapital in Gestalt der Verleger und Medienbesitzer hat seine Agenten und Kettenhunde von der Leine gelassen, in Form von wadenbeißenden Redakteurinnen, die alles ankläffen, was nach Enteignung riecht. Dafür braucht’s keinen Erlass des Chefredaktörs, das macht die eigene Existenzangst von selber, dass da gegen alle Moral und Vernunft gekläfft wird, dass einem ganz albern wird, wenn man diesen gedruckten Müll liest.
Im Grundgesetz steht im Artikel 15: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“
Dieser Artikel gehört zu den Grundrechten im Grundgesetz, sie sind als sogenanntes Derivat der Menschenwürde (Art. 1 GG) definiert, weshalb sie einen gewissen Ewigkeitsschutz genießen, soweit ihr „Menschenwürdekern“ betroffen ist. Und wer wollte bestreiten, dass Wohnen, eine abgeschlossene Wohnung zur eigenen Verfügung, ein Menschenrecht darstellt, dessen massenhafte Verweigerung eine Verletzung des Kerns der Menschenwürde darstellt.
Wer wie die FDP die Abschaffung dieses Artikels fordert, steht damit also nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Insofern ist die FDP eine verfassungsfeindliche Organisation und gehört vom Verfassungsschutz überwacht.
Das, teure Freunde, sind die wahren Staatsfeinde.

27.04.2019 – Seit 1968 Weltweit der erste


Sichtlich stolz nehme ich die Ehrung meines Lieblings-Japaners in Kreuzberg zu meiner Rolle als Mitbegründer des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 entgegen. Auch wenn “ … weltweit der Erste“ es besser getroffen hätte. Aber so isser halt, der Japaner.
Hinwiederum: bin ich dadurch reich und berühmt geworden? Ich bin höchstens, wie mir ein Künstlerkollege hinterwarf: Regional teilbekannt. Immerhin geht’s mir besser als van Gogh: Ich hab‘ noch beide Ohren am Kopf.
Wo auch sonst.
Man muss im Leben Prioritäten setzen. Ich hätte ja auch neben meinen Erwerbstätigkeiten mich nach Feierabend ins Kämmerlein setzen können und der Kulturproduktion frönen, wie Kafka, der tags der Fronarbeit bei einer Versicherung nachging. Und übrigens keineswegs nur darunter gelitten hat oder bitterarm war, wie die Rede früher ging. Ich hätte ja auch der Erwerbsarbeit entsagen können und mich nur der Kulturproduktion widmen, arm wie eine Kirchenmaus, was ja angeblich der Kunst förderlich sei. Siehe van Gogh. Dass mit dem „förderlich“ halte ich für kompletten Blödsinn, den sich gutbezahlte Feuilletonschreiberlinge aus den Fingern gesaugt haben, die keine Ahnung haben, wie zermürbend es ist, wenn man sich tagtäglich um die Grundlagen der materiellen Existenz das Hirn zermartern muss. Die Figur vom Künstler, der leiden muss, um Kunst schaffen zu können, ist insofern das passende Konterstück zu jener bürgerlichen Klischeevorstellung vom „Genie“. Beides, der Leidenskünstler als auch das Künstlergenie, sind pure Ideologiebegriffe, weil sie von den materiellen Bedingungen der Kunstproduktion abstrahieren.
Präzise auf den Punkt gebracht und mit Fakten unterfüttert ist das in dem großartigen Materialband „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ zum gleichnamigen Projekt von 2013 ff. Hier nachzulesen Materialband – Armut – Das ist doch keine Kunst!.
Dass der Band großartig ist, weiß ich aus erster Hand. Ich habe ihn von vorne bis hinten selbst geschrieben. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.
Ich musste den Band auch an dieser Stelle noch mal dokumentieren, weil wir ihn für eine PM benötigen, die demnächst zu einer famosen öffentlichen Intervention des ingeniösen SCHUPPEN 68- Künstlerduos Gleitze & Sievers erscheinen wird. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen. Es wird ganz excellent & exquisit.
Ich musste bei den Vorarbeiten für das Projekt und die PM feststellen, dass es keine Fundstelle für den Materialband mehr gibt, alle Internetpräsenzen mit dem Teil sind erloschen, defekt, whatsoever. Es ist eben einfach Arbeit, harte Kärrnerarbeit.
Wo ich doch lieber an einem korfiotischen Strand abhängen würde oder dem Müßiggang eines Berliner Flaneurs nachgehen auf den Spuren Walter Benjamins.
Letztlich besetze ich doch lieber das Fach des Bonvivants und Connaisseurs als das des brotlosen Künstlers. Und dafür braucht’s nach Lage der Dinge Erwerbsarbeit.
So komm ich also nie nach Hollywood oder Kassel (Documenta), sondern nur bis Berlin oder Korfu.
Macht auch nix. Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

25.04.2019 – Intimes aus meinem WG-Leben


Bohlen Dieter. Gesehen im Baumarkt, wo ich unlängst weilte. Baumärkte sind Orte, die ein Dandy auf jeden Fall zu meiden hat, so wie PC-Läden oder Automessen. Weilen hingegen darf der Dandy an Orten wie Spielbanken, allerdings niemals an solchen, wo es wie in Berlin keinen Dresscode gibt, auf Pferderennbahnen und Portweinverkostungen. Entsprechend war ich extrem schlecht gelaunt, als ich vom Baumarkt nach Hause kam. Dort allerdings verbesserte sich meine Laune schlagartig, als ich die Scheidungspapiere meiner Kreuzberger WG erhielt.
Mit WG-Beziehungen ist es wie mit jenen der Liebe: sie werden oft im Himmel geschmiedet und in der Hölle geschieden. Das Leben ist echt kein Ponyhof.
Ich zitiere wörtlich aus dem mir zugestellten Scheidungsurteil meines WG-Hauptmieters, das Original ist noch 10x so lang („Du“ bin in dem Fall immer ich):
„….. Aber es gibt auch andere Sachen, die mir übel aufgestoßen sind. …..: Wie kommst du denn dazu, meine Zyperngrass einfach auf den Boden in mein Wohnzimmer zu stellen? Das Zyperngrass muss in der Küche stehen, nirgendwo sonst.
Dass du mein Pink-Floyd-Poster abgenommen bzw. den Plastikgrasstrauß in mein Wohnzimmer verfrachtet hast, gut. Aber wieso stellst du die große Pflanze einfach auf den Boden. Sie muss auf dem Hocker stehen wegen Licht. Deshalb gibt es diesen Hocker.
Schon aus diesen Gründen hätten wir uns trennen müssen. Geht ja gar.
Interessant auch deine Nachricht! Sie hatte sich auf meiner Tischplatte so durchgefärbt, dass ich lange gebraucht habe, um die Reste abzuwischen. Blumenreste, Feuchtigkeit und mittenmang diese Nachricht.
Klausi, mach et jut.“

Dieser letzte, fast zärtliche Nachruf „Klausi“ macht mich allerdings nachdenklich: Geht da noch was? Glimmt da Glut der Liebe unter der Schlacke des Hasses? Soll ich Beziehungsarbeit leisten und versuchen zu retten, was zu retten ist? Sind Wohngemeinschaftsbeziehungen eher wie Sauerkraut und werden besser, wenn man sie aufwärmt? Oder eher wie Pilzgerichte, wo man das Kotzen kriegt, wenn man die aufwärmt?
Außerdem habe ich schon eine Neue. Und offene WG-Dreierbeziehungen? Ich weiß ja nicht … Da fährt doch nur der Satan Eifersucht seine Krallen aus und ich, mittenmang, krieg den ganzen Ärger von Beiden ab, die verbünden sich hinterher gegen mich und ich stehe am Ende auf der Straße.
Ein Gutes hat die Sache auf jeden Fall: Ich arbeite an einem neuen Kabarettprogramm, Arbeitstitel: Szenen einer WG. Bühnenbild: ein WG-Zimmer, mit Zyperngrass, Pink-Floyd-Poster und Plastikgrassstrauß. Ich sitze im Schneidersitz auf meiner am Boden liegenden Matratze und rauche eine monströs große Tüte. Da klingelt mein Handy, mein WG-Hauptmieter ruft an, aus Griechenland, vom Strand aus, wo er im Schneidersitz hockt und eine monströs große Tüte raucht. Das Ganze wird per Video-Einspieler visualisiert. Der Dialog geht ungefähr so los:
Er: „Ey, Digga, was macht eigentlich mein Zyperngrass?“
Ich, ziemlich stoned: „Ey, Alder, krass, gut, dass Du fragst, wir sollten da unbedingt drüber reden, aber locker, ohne Stress, mehr so angstfrei und offen, es ist nämlich so, das rauch ich gerade …“
Alea jacta est! Ich steig wieder ein ins Kabarettgeschäft. Beachten Sie, liebe Leserinnen, bitte die Tournee Ankündigung auf dieser Seite!

21.04.2019 – Wir werden alles anzünden, was nicht niet- und nagelfest ist



Die famoseste Ansammlung von Kasperköpfen in der Post-68er Zeit war sicherlich die KPD-ML, ein irrsinniger Haufen von Wichtigtuern, die ausschließlich damit beschäftigt waren, Abweichler von der wahren Linie zu bekämpfen und sich permanent zu spalten.
Gegen die KPD-ML ist die Monty-Python-Nummer über die judäische Volksfront ein Witz (allerdings ein guter).
Aber irgendwie bin ich fast stolz darauf, dass dieses Dokument der Weltgeschichte (irgendwann vor 1974 entstanden) seinen Ursprung in meinem Nachbarhaus fand, 2. Etg., links (!). Und schmunzeln muss ich über die zentrale Rolle der Arbeiterklasse in dem Flugi.
Über ein paar Strategen aus dem Umfeld dieser Kaspertruppe, mit denen ich leider auch ab und zu politisch zu tun hatte, schrieb nämlich irgendwann ein von deren völliger Unfähigkeit zu konstruktiver Arbeit zu Recht total Abgenervter im Internet :
„ … ihre einzige nennenswerte Leistung besteht darin, Zeit ihres Lebens geregelter Arbeit aus dem Weg zu gehen …“.

Auf die KPD-ML stieß ich, als ich recherchierte, wie viele 1. Mai Demos es denn heuer in Berlin gibt. Es sind mehr als 20. Das übertrifft meine Erwartungen bei weitem und ich bräuchte einen Hubschrauber, um alle auch nur einmal anzugucken.
Ich hatte, glaube ich, „1. Mai, Berlin, Mao“ gegoogelt. Nun ist es keineswegs so, dass diese Satire-Inszenierung der vormaligen KPD-ML mit den 70ern überwunden wäre. Mao bewahre. In Berlin gibt es eine Maoistentruppe namens „Jugendwiderstand“, die militant gegen andersdenkende Linke vorgeht. Überflüssig zu erwähnen, dass das gewaltbereite Antisemiten sind. Chef ist übrigens ein Kindergärtner.
Bis dato habe ich den Begriff „rotlackierte Faschisten“, den die SPD in der Weimarer Zeit gegen die Kommunisten benutzte, für einen semantischen (und politischen!) Fehlgriff der übelsten Kategorie gehalten, weil er eine Einheitsfront gegen die Nazis verhinderte. Auf diese Maoistentruppe allerdings passt er. Und so muss ich in hohem Alter noch erleben, dass ich dem Staatschutz mal die Daumen drücke. Nämlich bei seinen Ermittlungen gegen den Jugendwiderstand.
Ein bisschen übersichtlicher ist es nach meiner 1. Mai Recherche schon geworden. Auf das Myfest darf ich wohl nicht, weil da „abertausende Touris und Druffis zappeln und die Demo dadurch als eine Werbeeinlage für das supercoole Berlin erscheint, in dem es eben auch Demos gibt.“
Das sagen Organisator*innen der revolutionären 1. Mai Demo, die in Fuckhain startet. Wo ich schon seit Jahren nicht mehr abhänge, weil das eine einzige Partymeile für die Jugend dieser Welt geworden ist. Immerhin haben die Kids vom revolutionären 1. Mai die medialen Gesetze gut verstanden, denn, Zitat:
„… Schreib „Wir werden alles anzünden, was nicht niet- und nagelfest ist“ in die Überschrift, dann lesen das dreimal so viele Leute, wie wenn du “Wir wollen Kiezkommunen aufbauen und die Menschen gegen Verdrängung organisieren” schreibst….“
Die Kids werden ihren Weg machen, so wie der um 74 – siehe oben – Steine werfende Ex-Außenminister der Grünen, Joseph Fischer.
Also bisher gesetzt ist bei mir nur der DGB-Bonzen Umzug zum Brandenburger Tor. Aber da ist die After-Show-Party bestimmt langweilig. Egal, ich jedenfalls verspüre endlich mal wieder ein 1.Mai-Vorfreude-Kribbeln. Charmante Rest-Ostern, liebe Leserinnen.

20.04.2019 – Geht doch nach drüben!


Berlin, Bahnhof Friedrichstr. In Berlin laufen so viele Verrückte rum, da kommt es auf einen mehr oder weniger nicht an? Aus pragmatischen Gründen kann man das so sehen, denn wie soll das verhindert werden? Wegsperren, Zwangsjacke, Sedieren? Aus gesellschaftlichen Gründen stellt sich die Situation etwas anders dar und für Linke durchaus nicht unkompliziert. Dieser Mann auf dem Bild ist ein offensichtlich hochgradig durchgeknallter antisemitischer Verschwörungstheoretiker, was de facto eine Tautologie ist, denn kratzt man an einem Verschwörungstheoretiker kommt mit tödlicher Sicherheit ein Antisemit zum Vorschein. Der Antisemitismus wächst ständig und wird immer brutaler und dreister, bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Immer vorweg natürlich unsere „linken“ antisemitischen Genossinnen, denen das ständige Wedeln mit dem Palästinenser-Tuch den Durchblick vernebelt hat. Ihnen rufe ich aus tiefstem Herzen eine Phrase aus der Zeit des seligen Helmut Kohl zu, die krakeelenden 68er-Revolutionslaiendarstellerinnen galt und in Richtung ehemalige Ostzone zielte:
Geht doch nach drüben!
In meinem Fall ist damit der Gazastreifen gemeint, wo die hiesigen Palästinenser-Sympathisantinnen gerne mal eine Christopher-Street-Day-Demo organisieren dürfen, wo sie dann erleben können, welche zivilgesellschaftlichen Standards da drüben herrschen. Nämlich gar keine, und erleben würden sie es auch nicht, weil ein derartiges Unterfangen sofort tödlich endete. Dabei könnten die Saudis und ihre Öl-Spießgesellen mit einem Bruchteil ihres Reichtums aus dem Gazastreifen einen Ort des Wohlstandes machen, wo es Arbeit, Bildung, Krankenhäuser für alle gäbe. Und damit auch Frieden mit Israel. Bei der Umsetzung würden ihnen die Israelis gerne helfen, die wissen, wie man Wüsten zum Blühen bringt. Machen die Saudis aber nicht. Warum wohl?
Eher nicht, weil sie selber Zionisten, Juden, CIA, was auch immer, wären, wie unser Verschwörungsspinner in obigem Bild insinuiert. Das Gefährliche an solchen Leuten ist: Kein Mensch weiß, was für eine Zeitbombe in dem Manne – und es sind fast immer Männer – tickt und wann die wie und wo hochgeht. Eine – noch – offene Gesellschaft wie unsere muss das aushalten. Aber, und hier wird es für Linke spannend, wie weit muss sie es aushalten, dass ein großer Teil des hiesigen Antisemitismus migrantischen Hintergrund hat, dass viele dieser militanten, zornigen, jungen Männer aus dominant muslimisch geprägten Kulturkreisen kommen? Also mir ist es scheißegal, welcher Religion jemand angehört, Hautfarbe, Geschlecht etc. pp. besitzt, wer sich hier als Migrant an unsere durch jahrhundertelange Kämpfe erworbene Standards in der Tradition der Aufklärung nicht hält, wer in Sachen Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie gegen das Strafrecht verstößt, dem rufe ich zu:
Geht doch nach drüben.
Oder im Klartext: Ausweisung nach Maßgabe des Rechtstaates. Meine Utopie „Mit-Ausweisung der diesbezüglich auffällig gewordenen biodeutschen Kartoffeln“ lässt sich leider noch nicht realisieren.
Aber da kommt man als Linker schon mal in Schwulitäten.
Und wo bleibt das Positive? Solche Impulse kriegt man am laufenden Meter beim Flanieren durch Berlin, auch wenn sie erstmal Wut erzeugen. Nur sie, in realer, lebendiger Erfahrung, produzieren politische Erkenntnis mit Handlungsfähigkeit. Das ersetzt mir keine Zeitung und kein Buch. Ich lese tatsächlich kaum noch Bücher. Da hat der Altmeister mal wieder Recht gehabt:
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
und grün des Lebens gold‘ner Baum.

Goldene Bäume, die grün sind? Hat Goethe gekifft?!
Fazit: Berlin geht mitunter mächtig auf den Sack.
Aber was soll’s. Muss ja.

19.04.2019 – Umzug nur noch in der Holzkiste mit den Füßen voran


1. Mai, Faust hoch Demo, Block gegen Verdrängung. Wer sich ein bisschen in subkultureller Semantik auskennt, weiß, dass es bei der hier angekündigten Veranstaltung eher vermummt und rustikal zugeht. Nachdem ich den letzten 1. Mai in Hannover als so deprimierenden Tiefpunkt der jahrelangen negativen Entwicklung der 1. Mai Veranstaltungen erlebt habe, dass ich mir vornahm, den diesjährigen lieber in Berlin zu feiern, besteht also Hoffnung, dass sich was verändert. Die Mietensituation spitzt sich so dramatisch zu, dass sie sich als Kulminations- und Schnittpunkt diverser politischer Strömungen zu entwickeln scheint, radikale linke Formen des Protestes inclusive. Und das ist dringend nötig, denn bisher ist die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich nur trübbraunes Wasser auf die erbärmlichen Mühlen rechter Rattenfänger.
Ich werde trotzdem in Berlin abhängen, die Maigeschichte in Hannover ist für mich auserzählt. Man sollte wissen, wann eine Geschichte zu Ende geht, sonst rennt man wie ein Hamster in der Laufrolle einem imaginären Ziel entgegen, ohne jemals vom Fleck zu kommen. Mich würde allein schon interessieren, was es für 1. Mai Folklore in Berlin gibt, neben dem klassischen DGB-Zug zum Brandenburger Tor, sicher mit einer machtvollen Blablabla-Ansprache irgendeines Gewerkschafts-Vorsitzenden. In Kreuzberg gibt es das Myfest, da treten sich wahrscheinlich die Touris gegenseitig die Hühneraugen platt, auf dem Mariannenplatz ist bestimmt wieder die Avantgarde der autonomen Folklore unterwegs.

Autonome Folklore 1. Mai 2016 in Hannover.
Außerdem gibt es sicher diverse Umzüge irgendwelcher stalinistischen, maoistischen oder sonstigen Spinnersekten und vielleicht noch irgendwas Dadaistisches. Wo ich am liebsten mitmachen würde. Irgendwie passt das mit den ganzen Umzügen auch, denn ich ziehe in Berlin ebenfalls um, von Kreuzberg nach Moabit. Ich hasse Wohnumzüge, und wenn es nach mir geht, mache ich in meiner Original-Homebase nur noch einen, nämlich in einer Holzkiste raus, mit den Füßen voran. Allein dieses Kistenpacken, da krieg ich Pestbeulen, wenn ich nur daran denke. Aber in Berlin flattere ich als „möblierter Herr“ von WG zu WG, da brauch ich immer nur meinen Kulturbeutel (warum heißt der eigentlich nicht Zivilisationsbeutel?) einzupacken, meinen Helm aufzusetzen und mit dem Fahrrad den Kiez zu wechseln. Den Soundtrack dazu liefern Bad Company mit Movin on. „Movin on“ nicht nur im Sinne von Umzügen, Weiterziehen, sondern Veränderung grundsätzlich, ist interessanterweise ein Topos, dass bei schwarzer Musik Soul, Reggae, Funk etc. , selten vorkommt, das ist mehr weißer Shit. Doch das zu ergründen, würde den Raum hier sprengen. Booom.

Black music inna Kreuzberg. Motown Soul, nicht Philly. Wer sich ein bisschen in subkultureller Semantik auskennt, weiß hier Bescheid.
Ich freu mich auf Moabit. Bei mir um die Ecke dort gemahnen mich die mächtigen Wände der legendären Justizvollzugsanstalt daran, die Finger von illegalen Aktivitäten zu lassen. Oder mich zumindest nicht erwischen zu lassen. In Moabit saß übrigens Erich Honecker ein. Zweimal, einmal bei den Nazis 1935, und dann nochmal 1992. Da waren die Nazis aber nicht mehr an der Macht, sondern schon alle tot.
Fast alle.
Fröhliche Ostern, liebe Leserinnen.

18.04.2019 – Notre Dame und die Banlieues


Alle Jahre wieder: Gefüllte Zwerge und Goldene Neger.
Die Garten-Saison ist mitten im Gang. Ich hasse diese primitiven Tätigkeiten wie Baumschnitt, Rasen säen, umgraben. Das befördert den zivilisatorischen Fortschritt kein bisschen, man kriegt einen Hexenschuss und hat man je davon gehört, dass Karl Marx oder Immanuel Kant im Garten gearbeitet hätten?
Gäbe es nicht sowas wie gefüllte Zwerge und goldene Neger, würde ich bei mir einen Kunstrasen ausrollen und Plastikblumen drauf kleben. Die kann man dann im Frühling sauber kärchern und Ende Gelände Gartenarbeit.
Mit einem Kärcher die Banlieues Frankreichs von renitenten Jugendlichen säubern wollte auch schon der vormalige Premierminister Sarkozy, den einen „abgefüllten Zwerg“ zu nennen mir der Anstand, den dieser gallische Trunkenbold nie hatte, verbietet, obwohl der Mann wiederholt brettlbreit in laufende Kameras hineinlallte und kaum über 1,65 groß sein dürfte. Eher noch kleiner war Napoleon, den sich der von mir sonst höchstgeschätzte Deutschlandfunk nicht entblödete, in einem Kommentar als einen Gründungsmythos von Europa zu beschwören. Es ging um den Brand von Notre Dame und welche Bedeutung doch diese Kathedrale für den europäischen Gedanken hätte, vor dem Hintergrund der darin stattgefundenen historischen Momente, wie eben der Kaiserkrönung Napoleons. Und der Tränen Kohls bei der Beerdigung Mitterands.
Da hat’s mich dann doch echt vom Stuhl gekegelt vor Lachen. Die Kaiserkrönung Napoleons war ein Verrat an den demokratischen Idealen der französischen Revolution und folgerichtig hat der Mann danach Europa mit einem nie dagewesenen imperialen Eroberungskrieg überzogen, mit ungezählten Toten.
Und die Tränen vom verblichenen dicken Birne (Göttin hab ihn selig, der Mann war im Vergleich zu seinem Nachfolger, dem Parvenü Schröder, ein Gigant an Sympathie) als Kitt für Europa zu feiern, dazu muss man entweder schwerst bekifft sein oder aber, und letzteres trifft dann wohl leider auf die hier zitierte Kommentatorin des Deutschlandfunks zu, in schwerem Wasser sich befinden. Man tut dem Deutschlandfunk nicht unrecht, wenn man ihn als Hort des liberalen, weltoffenen Bildungsbürgertums bezeichnet, und dem schwimmen angesichts des innergesellschaftlichen und europäischen Verfalls der demokratischen Ideale bis weit in die Mitte der wutbürgerlichen Gesellschaft hinein die Felle davon. Da zerrt sich das weltoffene Bildungsbürgertum bei jeder Gelegenheit Argumente herbei, egal wie unpassend, siehe Napoleon und die Tränen Kohls, um dagegen zu halten. Das mag in manchen Fällen löblich sein, im Fall Notre Dame ist es nicht nur neben der Kappe, sondern kontraproduktiv. Für was ein und für wessen Europa steht denn Notre Dame? Doch offensichtlich für ein Europa der Eliten, siehe das Engagement der französischen Milliardäre, und für ein Europa des wohlsituierten Bürgertums.
Für die brennenden Banlieues, Vororte, sozialen Brennpunkte in ganz Europa interessiert sich kein Schwein. Auch das ist ein europäisches Kulturerbe, aber ein düsteres. Das zu ignorieren und angesichts Notre Dame einen tränenreichen, hysterisierenden Aufriss zu machen als stünde Attila vor den Toren Roms, diese ideologische Verblendung treibt die Spaltung Europas und damit dessen Ende als verbindendes, demokratisches Ganzes nur voran. Den Menschen in den Banlieues dürfte Notre Dame am Arsch lang gehen und ihre Wut durch die Spenden-Millionen der Milliardäre nur angefacht werden.
Und denen, die in all dem Tränenmeer ihren Kopf, den Träger des Verstandes, noch über Wasser halten können, sei jener aufgeklärte säkulare Umgang mit Notre Dame in Folge der französischen Revolution in Erinnerung gerufen: Da war der Trum nämlich ein Weindepot. Prost.
Und ich muss jetzt in den Garten. Mein Gärtner kommt.

14.04.2019 – Immer nur Jesus, Maria und Joseph


Bildnis einer jungen Frau mit entblößter Brust. Um 1525. Berliner Gemäldegalerie.
Unlängst weilte ich in der dortigen Ausstellung „Bellini und Mantegna“, italienische Maler der Renaissance. In Feinheiten sicher interessant, die Beiden gelten als Meister der inventione, der malerischen Erfindungen. So war bei einem Portrait der Hintergrund komplett schwarz, das hatte es wohl bis dato noch nicht gegeben. Aber die Motive waren komplett sakral, biblisch und ein begleitender Freund seufzte irgendwann zu Recht:“Immer nur Jesus, Maria und Joseph, irgendwann reicht’s.“ Ausserdem lungerte da nur Bildungsbürgerrentnervolk rum, es war vormittags. Dieses Volk kann ich echt nicht leiden, mit wichtiger Miene kenntnislos die im Feuilleton gefeierten Blockbuster abklappern und mir die freie Sicht auf die Bilder nehmen, das schätze ich überhaupt nicht. Ich kann ja nicht alle beiseite rempeln.
Aber offensichtlich waren Bellini und Mantegna Wegbereiter, denn ihre Innovationen brachen auch motivischen Neuerungen Bahn. Keine 30 Jahre später ist das obige Bild, das in einem Nebenraum hing, entstanden und da ist von der Bibel keine Rede mehr.
Ein paar Schritte weiter, hinter der Potsdamer Brücke, wurde es sofort wieder weniger erbaulich. Nach meiner Wahrnehmung nimmt nicht nur die Zahl der Bettelnden zu (die alle immer sofort mich ansteuern,mir scheint das Wohlfahrtsgen ins Gesicht geschrieben), sondern auch die der psychisch Auffälligen. In Berlin scheint mir das extrem auffällig,quasi exponentiell gesteigert. Liegt das an dieser Ballung auf engem Raum, wo man den Glücksversprechungen des Kapitalismus dauernd ausgesetzt ist, permanent von ihnen angeschrien wird, aber deren Erfüllung weiter weg als der Mond ist, unerreichbar für immer mehr Menschen? Ist sowas zum verrückt werden?
Ich weiss es nicht, aber die Fallhöhe aus den Tempeln des Bildungsbürgervolkes ist mitunter hoch und wenn die Inszenierung dort wie im vorliegenden Fall mal nicht so erbaulich ist, hat der Lärm, der Dreck, das Chaos des Molochs Berlin einen schnell wieder im Griff.
Und das ist auch gut so.

13.04.2019 – Pizza im Haus


Werbeschild vom Imbiss bei mir im Haus. Dort verkehren Menschen, die nicht zur urbanen, digitalen, hippen Kreuzberger Avantgarde gehören. Es gibt Bier, Kümmerling und Chips, natürlich wird geraucht, und neuerdings gibt es auch Pizza. Ich war da öfter zum TV gucken bei der letzten Fussball-WM und habe mich sehr wohl gefühlt. Das mit dem peinlichen Fussball hat sich ja nun für Besitzer eines Niveau-Passes erledigt, aber auf die Pizza freu ich mich schon. Ich frage mich beim Anblick des Schildes allerdings des öfteren….na ja, und mit der Beendigung dieses in den Raum gestellten Satzfragmentes lasse ich Sie, liebe Leserinnen, für einen Moment alleine.
Wir kommen damit von den Kümmerlingen meines Imbiss zu den sich abzeichnenden Entwicklungen für prekär Lebende im Lande, insbesondere Hartz-IV Bezieherinnen.

Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Die Hauptstadt-Presse vom gestrigen Tag hetzt hier – noch niedrigschwellig – gegen „Drückeberger und Faulpelze“. In der Eskalationsstufe 2 wird es dann gegen „Sozialschmarotzer“ gehen und bei der allgemeinen Verrottung der Zustände in unserer Gesellschaft ist Stufe 3 nicht fern, wo es dann gegen „Volksschädlinge“ gehen wird. Diese sich hier abzeichnende Hetzjagd ist der sichere, letzte Beweis dafür: wir sind in einer beginnenden Rezession.
In ökonomischen Krisenzeit tritt der Boulevard sofort aufs niederträchtigste nach unten, gegen jede Minderheit, gegen alles, was ohnmächtig und wehrlos ist. Dem schliesst sich alsbald die Bürgerpresse an, die Politik greift das gerne auf, so sie es nicht schon instrumentalisiert hat.
Es braucht immer Sündenböcke. Bei Strafe des Untergangs des Systems dürfen die wahren Verantwortlichen für Krisen, Rezessionen niemals benannt werden. Das alles wiederholt sich mit so tödlicher Sicherheit zu den zyklischen Krisen des Kapitalismus wie Ebbe und Flut. Ein Blick auf die Aufsteller der Dreckspresse genügt.
Aber der Mob wird’s nie kapieren, was da passiert. Irgendwie ermüdend.
Solange es jedoch die Museen, Theater und Opern dieser Welt, dieser Stadt gibt, ist das Leben trotz allem eine feine Erfindung. Und die Imbisse nicht zu vergessen.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, ein charmantes Wochenende.

05.04.2019 – Bombenstimmung


Blick aus Hotel-Fenster auf der Insel.
Ein paar Tage Sonne, Meerluft und Stille, abseits vom zuhäusigen Gestank und Lärm von 25.000 Autos am Tag, direkt vor meiner Nase und meinen Ohren,nur noch getoppt von den ca.50.000 Autos am Tag in meiner Berliner Wahlheimat, wär nicht das Verkehrteste, um bei Verkehr zu bleiben. Gesagt, geflogen. Und ja, Asche auf mein sündiges Haupt, Fliegen ist eine Öko Sauerei sondergleichen, Pater peccavi! Aber allein der Blick aus dem Hotel Fenster ist eine Sünde wert. Und wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Ausserdem, wo findet man heute noch Stille, ausser in der Vorsaison an einsamen Stränden am Mittelmeer? Überall wird man von Tönen gepiesackt, selbst auf öffentlichen Scheisshäusern läuft Hintergrund-Musik, um den Mob sogar bei intimen Verrichtungen nicht für eine Sekunde zu sich kommem zu lassen. Wieviel Entfremdung geht noch?
Und Reisen bildet ja auch. Ich lernte, dass in meinem Hotel Agatha Christie abgestiegen war, und Joan Miro und zahlreiche andere Berühmtheiten. Die Gäste waren überwiegend very british,hatten teilweise mit Agatha Christie noch den five o’clock tea genommen, kurz, es war überaus angenehm.
Bis ich mitkriegte, dass 1937 ganz spezielle Landsleute hier zu Gast waren, die Legion Condor. Die hat dann im spanischen Bürgerkrieg die unbefestigte und wehrlose Stadt Guernica bombardiert,mit Hunderten Toten, viele Kinder darunter, um für den 2. Weltkrieg zu üben. Feige und hinterhältig, wie des Deutschen 2. Natur nun mal ist. Die Legion Condor zahlte den Angestellte hier statt der üblichen 2 Peseta Lohn am Tag 25.
Schon damals herrschte also ein günstiger Wechselkurs. Und mit Sicherheit eine Bombenstimmung .
Da zeichnen sich Entwicklungslinien ab, nahtlos in die 70er ff. Terrorismus und Tourismus; die Fortsetzung der Legion Condor mit anderen Mitteln. Der Ballermann als Wehrertüchtigungscamp für Afghanistan. Niedere Gesinnung ist für das Kriegshandwerk Grundvoraussetzung.
Reisen bildet? Manchmal wünschte man sich zwecks Erhaltung der Stimmung etwas weniger Bildung.
Aber schön isses trotzdem hier.