30.01.2019 – Der natürliche Feind des Portugiesen ist der Gast


Algarve im Winter.
Ich weiss aus eigener Erfahrung nicht, wie unfreundlich das diesbezüglich schon sagenumwobene Personal im Dienstleistungsgewerbe in der ehemaligen Ostzone war, aber das portugiesische dürfte dem nicht viel nachstehen. Ich mag keine übertriebene Freundlichkeit, zumal wenn sie schleimiges an sich hat, Tourismus ist ein Deal wie alles im Kapitalismus, ich gebe Geld, das Hotel Unterkunft und einen guten Tag und wenn es gut ist, dazu ein Lächeln. Dass daraus selten internationale Solidarität wird, ist mir klar. Wir leben in illusionslosen Zeiten. Aber so wie das Hotelpersonal hier im Portugal mal wieder drauf ist in Sachen Unfreundlichkeit, das grenzt fast an Körperverletzung.
Jeder hat so sein Lieblingsland, meist bedingt durch Urlaube, Sehnsuchtsprojektionen oder Schwarzgeldkonten. Bei mir ist es Portugal, bedingt durch frühkindliche Tramperfahrungen, mit dem Daumen im Wind und dem Zelt auf dem Rücken, und die Sympathie für die portugiesische Nelkenrevolution. Eine der 68 Todsünden der SPD, die ich ihr nie verzeihe, ist ihre unheilvolle Rolle bei der Abwicklung der Nelkenrevolution, als Helmut Schmidt und Willy Brandt Seit an Seit mit der CIA mittels Geld und Erpressung (nennt man „wirtschaftlicher Druck“, hört sich besser an) die Portugiesen zwangen, vom Versuch einer sozial gerechteren Gesellschaftsordnung Abstand zu nehmen. Kapitalismus beinhart, alte SPD Schule eben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung lieferte die Blaupausen dazu. Eine feine Gesellschaft. Die Ehrlichkeit gebietet, zu erwähnen, dass ich das eine oder andere Mal ebenso vertrauensvoll wie angenehm mit der hiesigen Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen gearbeitet habe. Das Leben ist bunt und selten ein Ponyhof.
Was ist eigentlich von der Nelkenrevolution geblieben?

Zeichen an der Wand (Markthalle in Lagos).
Und die nicht mehr wegzudiskutierende Erinnerung daran und Hoffnung darauf, dass es Zeiten gibt, in denen sich für ein paar Momente das Tor zu einer besseren Welt öffnen kann.
Aber eins, Portugal, das sage ich Dir: wenn das nicht ein bisschen besser wird mit deiner Freundlichkeit, dann wechsle ich mit fliegenden roten Fahnen zum Griechen. Ich hab eure Nelkenrevolution doch nicht versemmelt. Das war die SPD. Die ist an allem schuld.

27.01.2019 – Vor der Hacke ist es duster, aber vor dem Reifen auch nicht ungefährlich


Brother WP-5 – eine Art Hybrid zwischen Schreibmaschine und PC,aus den Achtzigern (?). Gesehen bei mir umme Ecke in Kreuzberg, wo es nichts gibt, was es nicht gibt. Wie in dem Fall ein Riesenladen nur mit Schreibmaschinen, mechanische, elektrische, und eben Brothers (keine Sisters). Da drängten sich mir soviele Fragen auf: wer zum Teufel schreibt noch mit Schreibmaschinen? Leute wie Siegfried Lenz oder Günther Grass, Schreiberlinge halt, die den letzten Schuss nicht gehört haben und noch Faxe verschicken? Wobei die flach fallen, wg. Tod.
Und angesichts der nonchalanten Eleganz, mit der das Schild „gebraucht“ an den Brother gepappt wurde, frage ich mich, was würde der wohl neu kosten? Und wer baut sowas noch? Und wo kriegt man die Disketten dafür her und wer erinnert sich noch an dieses magische, fast ins erotische oszillierende Klicken, mit dem die Disketten in den Laufwerken einrasteten? Wie profan schweigend startet dagegen moderne Software. Sinnliche Geräusche sterben, anschwillt bis zum Erbrechen hinwiederum Lärmdrecksberieselung allüberall, selbst auf Scheisshäusern in Restaurants, ohne Sinn und Verstand, nur mit dem Ziel, die Menschen nie zur Ruhe, zu sich selbst kommen zu lassen.
Ist wohl auch besser so angesichts des Zustandes des Menschengeschlechts.
Mir gefror bei der Entdeckung des Brothers das Gesicht zur starren Maske, es wehte bei minus 8 Grad ein eisiger Ostwind.
Später, am frühen Abend landete ich an der Algarve, wo mir der Taxifahrer ins Hotel bitter verfroren sein Leid klagte, dass die Nächte hier so kalt seien, 8 Grad.
Bei meiner Frage:“Plus oder Minus?“ starrte er mich an , als ob ich eine Meise hätte.
Hier ist also Frühling für mich. Ich schwitze mir im T-Shirt auf dem Radl den Arsch ab und ungefährlich ist es auch nicht, wie an dem Dammbruch vor dem Reifen zu sehen.

Vor der Hacke ist es duster und vor dem Reifen auch nicht ungefährlich.
In der Rest-BRD soll Schnee gefallen sein, hörte ich. Tut das bloss wech! Frustfreien Start in die Woche, liebe Leserinnen.

22.01.2019 – Rechts von mir ist nur die Wand


Alle meine Entchen frieren auf dem See.
In Niedersachsen galt früher für die CDU: Rechts von mir ist nur die Wand. Geprägt von ländlichen Einflüssen wie dem Gülle-Gürtel im Emsland, wo sie regelmäßig Wahlergebnisse von über 60 Prozent holte, Familien mit 8 Kindern keine Seltenheit waren und die Richtlinien der Tagespolitik von der Kirchenkanzel verkündet wurden, konnte man die CDU mit Wohlwollen verwurzelt, bodenständig und konservativ nennen, mit Ehrlichkeit: beinhart reaktionär. Ich weiß, wovon ich rede, ich komme aus dem Eichsfeld. Da war es genauso, nur schlimmer. Jetzt haben wir (?) die AfD, die macht zwar keine großen Sprünge in der Gegend, weil man sich schon echt anstrengen muss, um reaktionärer als die dortige CDU zu sein, aber es reicht, um die Wand einen halben Meter nach rechts zu rücken.
Überflüssig zu erwähnen, dass osteuropäische Arbeitsmigranten in den Fleischfabriken dort bis aufs Blut ausgebeutet werden, die Verhältnisse so unmenschlich sind, dass sogar Tuberkulose wieder auftritt, dass die Mafia im Vergleich zu der feinen Gesellschaft dort eine caritative Vereinigung ist. So sehen also Teilbereiche der hiesigen politischen Landschaft aus, die nicht nur güllemässig zum Himmel stinkt. Kein Wunder, dass dort das Mantra vorherrscht: Der Markt ist unser Gott und wird alles richten und Probleme haben wir mit der linksgrünversifften Gendersprache und dem * , dass der Teufel auf die Welt gebracht hat, aber keinesfalls mit Armut, Wohnungslosigkeit und Menschen, die im Winter auf der Straße erfrieren. Demzufolge blockiert die CDU hier massiv die Gründung einer gemeinnützigen Landeswohnungsbaugesellschaft, die den privaten Börsengaunern wie Vonovia und Deutsche Wohnen etwas Profitwasser abgraben könnte und ein Ansatz wäre, Menschen mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen. Die Bayern (CSU!) haben’s vorgemacht, die NRW SPD fordert sowas und in Berlin wird sogar per Bürger*innenbegehren die Verstaatlichung von Wohnungsbaugesellschaften gefordert.
Die SPD hier, auch relativ nahe an der Wand, was aber für SPD-Verhältnisse schon lange nichts mehr heißt, kneift den Schwanz ein, um den Koalitionsfrieden nicht zu gefährden.
Und mit sowas muss ich mich rumplagen. Tröstlicher Gedanke: Wollte ich auf meine alten Tage noch Staatssekretär oder ähnliches werden, würde mir ein solcher Blog eher nicht hilfreich sein – was der Euphemismus des Tages ist. Da ich aber nun auch rein gar nichts mehr werden will in diesem Leben, brauche ich aus meinem Herzen keine Güllegrube zu machen.
Aber kalt ist es schon hierzulande, eisig. Mein armes Entchen.

20.01.2019 – Wo ist der Klimawandel, wenn man ihn mal braucht?


Olivenbaum, eingehüllt leider nicht von Christo, sondern von mir. Im Christo Fall wäre er eine Million Euro wert und eine Pilgerstätte für alle Kunstliebhaberinnen, in meinem Fall kümmert das kein Schwein. Ab minus 7 Grad beginnt die Schmerzgrenze für Olivenbäume und da dieses Monstrum zu schwer zum in den Keller schleppen ist, muss es jedes Mal eingehüllt werden, wenn diese Grenze droht. Was sie tut und mich ins Fluchen bringt. Ich hasse Gartenarbeit jeglicher Art. Sie ziemt sich nicht für einen Mann meines Standes.
Wobei ich mich frage, welcher das ist. Im weiteren Sinn bin ich Landadel, sozusagen „von“ …. Ich komme von Eichsfeld her. Qua Gesinnung bin ich Proletarier, Angehöriger der Arbeiterbewegung. Hinwiederum schätze ich das Bürgerliche durchaus. Bürgerliche Umgangsformen halte ich für sehr erstrebenswert und einen Fortschritt. Ein Herr sollte einer Dame die Tür auch dann aufhalten, wenn es nicht die Schlafzimmertür ist.
Es ist aber allenthalben ein beklagenswerter Mangel an Courtoisie, Anstand, Manieren. So kommt man ins Grübeln, welchen Sinn, welche Funktion und welchen Ursprung bürgerliche Umgangsformen haben. Darüber haben sich viele Soziologen und andere arbeitsscheue Ungelernte Gedanken gemacht, hier nur so viel: neben der Tatsache, dass bürgerliche Umgangsformen auch zur Abgrenzung gegen andere Klassen dienten und somit zur Konstituierung der bürgerlichen Klasse, waren sie auch geeignet, eigenen Unsicherheiten, psychischen Defekten, Abgründen ein Zwangskorsett anzulegen, Leitplanken einzuziehen, die ein Miteinander-kommunizieren überhaupt erst ermöglichten, ohne größere Katastrophen. Wenn man nichts hat, so hat man wenigstens Manieren.
Die ein Leben ohne Peinlichkeit grundieren, in einer Art Potemkin’schen Dorf von Würde, hinter dessen Fassaden der Terror lauert. Wenn man dann aber über zwei Charaktermasken des Bürgertums liest, wie im Fall Schäuble, Zitat: „ …. dass wir die für unsere Gesellschaft unverzichtbaren Tätigkeiten, die auch heute noch ganz überwiegend Frauen unbezahlt verrichten, anders aufteilen müssen: Kindererziehung, Hausarbeit, Pflege….„, oder wie im Fall von Friedrich Merz, dass er nun doch wieder seinen Aufsichtsrat-Job bei der Mafiagang Blackrock aufnimmt, dann, ja also dann ist es mir zumindest so gegangen, dass mich ein Würgen packte, eine Mischung zwischen Ekel und Pein ob so viel Un-Anstand, einem derartigen Mangel an Contenance und Würde.
Das ist das Bürgertum, nimm ihm die Maske und die Fessel der Manieren weg, und ein Abgrund lacht Dich an. Bleibt nur zu hoffen, dass Frau Schäuble ihrem Alten sinngemäss ungefähr folgendes Zuhause gegeigt hat:
„Wolfgang, einfach mal die Fresse halten und nur von Dingen reden, von denen Du eine Ahnung hast.“
Aber im Falle Merz ist jede Hoffnung vergebens. Es bleibt schlicht nur die Freude darüber, dass der bis an sein Lebensende an den Demütigungen durch die famose Angela Merkel würgen muss.
Nun ist dieser Eintrag auch wieder voll und mir bleibt angesichts dieser dauernden Einwickelei von dem dämlichen Olivenbaum nur die Frage:
Wo ist der Klimawandel, wenn man ihn mal braucht?

18.01.2019 – Gut, dass bei uns das Kapital regiert


Städtebauplanung in den 50ern. Eine der vielen informativen Schautafeln im Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Wer verstehen will, wieso die Wohnungsproblematik in vielen urbanen Regionen und darüber hinaus die große aktuelle soziale Frage schlechthin ist, findet hier tolles Anschauungsmaterial. Städtebau bewegt sich in Zyklen. Der auf der Schautafel Abgebildete wurde in den alternativen 60/70er Jahren abgelöst von einer Utopie der Verbindung von Kieznahem Leben und Arbeiten in einem Zusammenhang, parallel begleitet von heute noch überall sichtbaren Mainstream-Relikten und Ruinen der Großwohnlagen, von Cities in der City, in denen sich Wohnen und Konsum auf einer Großfläche durchmischen sollten. Über allem schwebt unausrottbar Spießers Traum vom eigenen Häuschen im Grünen, Yuppies Drang in die Szenelofts, wachsende Segregation und Gentrifizierung inclusive explodierender Wohnungslosigkeit und am Ende, alles überstrahlend mein Dank an mich selbst, wenigstens einmal in meinem Leben was richtig gemacht zu haben und mir vor Jahrhunderten ne eigene Butze gekauft zu haben. Wo ich nach einem möglichen Atomschlag – die Atomkriegsuhr steht auf 2 vor 12, schlimmer stand sie noch nie https://de.wikipedia.org/wiki/Atomkriegsuhr – sogar Subsistenzwirtschaft betreiben kann, Hühner halten und Kartoffeln anbauen (wobei es in meinem Fall auf Marihuana hinausläuft). Individuell bin ich also guter Dinge, aber als kollektiv denkender und fühlender Homo Politicus bin ich angesichts der Verhältnisse auf einer Dauerpalme und laufe angesichts wachsender gesellschaftlicher Verrohung und Idiotie sowie staatlicher Unfähigkeit, ideologischer Fixierung und pathologischer Verdrängung von Realitäten mit einer permanenten Hasskappe rum. Man kann ja angesichts des Zustandes von Staat und Gesellschaft nur froh sein, dass bei uns das Kapital regiert. Natürlich nicht so, wie sich das Verschwörungstheoretische linke und rechte Kasperköpfe vorstellen, dass in Davos und auf der Bilderbergkonferenz ein paar Leute (Freimaurer und Juden) bestimmen, wo es lang geht und hinterher Angela Merkel am Telefon diesbezügl. einnorden.
Es ist viel einfacher. Das Gift des Neoliberalismus mit seinem Mantra „ Der Markt ist gut und richtet alles, der Staat ist böse und hemmt den Fortschritt“ hat sich in den letzten 30 Jahren in alle Hirne gefressen, bis hinunter zu Politprovinzdackeln, subalternen Behördenchargen, Pommesbuden-Besitzern und Sachbearbeiterinnen, die im permanenten Selbstoptimierungswahn noch auf dem Totenbett vor sich hin röcheln:
„Chakka! Ich schaffe es. Ich habe mein Steuer selbst in der Hand“.
Da sei das Kapital vor, das zumindest im Sinne des eigenen Geschäftsmodells eisern drauf achtet, dass die Kriege nicht zu sehr ausufern, faschistoide Nationalismen nicht zu überhandnehmen und Riots nicht allzu sehr die just-in-time Produktionsketten hemmen.
Soweit sind wir schon, dass das Kapital die letzte Ausfahrt Hoffnung bildet. Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

14.01.2019 – Sexuelle Phantasien


Master and Servant. Rechts André Poggenburg. Lassen Sie Ihre Phantasie schweifen ….
Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie sexuelle Phantasien, Bilder haben, die Sie lieber nie gehabt hätten, und wo Sie händeringend Ihre Phantasie bitten: Tu das weg! Ich hatte neulich ein Bild vor Augen, wie André Poggenburg sich beim Anblick von Hitlerbildern einen runterholte und dauernd stöhnte: „Oh, mein Führer, ich komme, ich komme nach Walhall.“ Ich muss weg, dringend, bin urlaubsreif! Es ist alles so schön krank hier.
Aber das werden mir die Verdi-Genossinnen nicht ganz leicht machen. Die legen sukzessive alle Flughäfen lahm, um maximalen Druck vor den Tarifverhandlungen aufzubauen. Und was soll ich sagen: Die haben vollkommen recht. Im Gegensatz zum drolligen Geschäftsführer des Flughafenverbands ADV, Ralph Beisel, der kritisiert Verdi scharf:
„ …. Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass Verdi die Streiks auf dem Rücken der Reisenden, der Fluggesellschaften und der Flughäfen austrägt.“
Ich gehe davon aus, dass Ralph Beisel in Wirklichkeit nicht so dämlich ist, wie es sich hier liest, sondern einfach nur die Interessen seines Verbandes vertritt, nämlich den Streik von Verdi so flach wie möglich zu legen. Der Geschäftsführer glaubt doch nicht im Ernst, dass ein Streik, der nicht auf dem Rücken der Reisenden, der Fluggesellschaften und der Flughäfen ausgetragen würde, mehr bewirkt als das Umfallen einer Tüte Mehl in meinem Schrank. Was würde wohl passieren, wenn Verdi aus Rücksicht auf Reisende, Fluggesellschaften und Flughäfen eine Mülltonne anstreiken oder den Streik ins hiesige Freibad verlagern würde?
Nichts.
Wenn die Süddeutsche ein Flaggschiff des Journalismus ist, dann ist das hiesige Kampfblatt der Krampfadernschwadrone und Schnarchsackfetischisten, die HAZ, ein leckgeschlagenes Tretboot. Aber selbst das schützt nicht vor richtigen Einsichten, wie in der Kritik über den Auftritt hier des von mir unlängst vollkommen zu Recht als geist- und witzlos angerempelten AfD-Wanderpredigers Dieter Nuhr. Die HAZ schreibt als Fazit: „…. ( Nuhr) fragt: „Kann man heute überhaupt noch Witze machen?“ Nun, er hätte es wenigstens versuchen können.“
Als ich dann las, dass Nuhr über 3.000 Zuschauer hatte, schluckte ich doch wehmütig. Mehr hatte ich bei allen meinen Auftritten zusammen nur deshalb, wenn man meine Straßen-Performances mitrechnet. Da kommt man in einer Großstadt-City zu Feierabend schnell auf 3.000. Seufz.
Was treibt Menschen eigentlich auf die Bühne, ins Rampenlicht? Ist’s neben schnödem Mammon der Ruhm, die Liebe der Massen?
Wenn wir unsere Existenz gleich einer Soße auf den Kern ihres Gehaltes reduzieren, dann bleibt: Unser permanenter Schrei nach Liebe. Und all unser Kummer rührt aus dessen ständiger Kollision mit unserer Sehnsucht nach Autonomie.
Ok, es gibt noch jede Menge anderer Quellen für Kummer, wie Hämorrhoiden, Konto im Minus und angebranntes Gulasch, wie bei mir gestern, watt‘n Qualm. Aber im Wesentlichen geben Sie, liebe Leserinnen, mir doch Recht?
Und hier haben Sie mein wesentliches Motiv für das Führen dieses Blogs: Niemand widerspricht.
Ganz im Gegensatz zu Podiumsdiskussionen. Oder Kundenreklamationen und Beziehungsgesprächen – was letztlich auf das Gleiche hinausläuft.
Wort zum Montag, gehet hin in Frieden.

10.01.2019 – Einweisung wegen Größenwahn


Gott grüß die Kunst. Mach ich, wenn ich sie seh.
„Gott grüß die Kunst“ ist ein alter Gruß der Buchdrucker, der Mitglieder der „schwarzen Kunst“. Gesehen am Redaktionsgebäude der Neuen Deister-Zeitung, wo die Zeitung früher auch gedruckt wurde. Die Drucker und ihre Gewerkschaften waren früher die linke und intellektuelle Speerspitze der Arbeiterbewegung, weil sie als erste und intensiv mit Druckerzeugnissen in Berührung kamen.
Ich hatte gestern ein Pressegespräch bei der Neuen Deister-Zeitung. Bei Pressegesprächen, das liegt in der Natur der Sache, rede normalerweise überwiegend ich. Daher schätze ich solche Termine überaus, im Gegensatz zu Mitgliederversammlungen, Podiumsdiskussionen etc. , wo auch andere zu Wort kommen, was ich für überflüssig und für Zeitverschwendung halte. Ich habe schon überlegt, mal bei einer Einladung zu einer Podiumsdiskussion zu antworten: „Ich komme sehr gerne, aber nur wenn das Podium ausschließlich aus mir besteht.“ Ich habe davon abgesehen, weil ich vermeiden möchte, dass man mich in eine Klapsmühle einweist wegen Größenwahn. Dabei bin ich ein ganz normaler Mann. Nur ehrlicher als der Rest.
Das Gespräch bei der Zeitung war sehr angenehm, der Redakteur schien der Sache zugewandt und vom feeling her habe ich ein gutes Gefühl. Da mich interessierte, ob die Neue Deister-Zeitung unabhängig ist (ist sie) oder dem hiesigen Madsack Konzern gehört, hatte ich vorab Wikipedia aufgesucht und dort folgende Zeilen gelesen:
Der Nationalsozialismus bedeutete für die Neue Deister-Zeitung rasantes Wachstum. Die Auflage stieg von 3000 Exemplaren 1934 auf 4000 Exemplare im Jahr 1939. Ein Erscheinungsverbot bekam die Zeitung anders als viele andere nicht auferlegt, sondern musste erst 1943 aus kriegsbedingten Gründen schließen.“
Das Wachstum war rasant, es ging voran, es war eben nicht alles schlecht, was die Nazis machten. Nur das mit den Autobahnen, das war ein Fehler.
Mein progressiver Alltag wird also durchaus des Öfteren eingetrübt und am liebsten würde ich stante pede meine Siebensachen packen und sofort ans Mittelmeer düsen. Schließlich heißt es in der Hymne der Arbeiterbewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor“. Es heißt nicht: „… Brüder, zur feuchtkalten, tranfunzeligen Trübdüsternis hiesiger Breitengrade hernieder“.
Die Sonne ist also eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für die Autonomie des Subjektes, die Befreiung von Macht und Herrschaft, ergo: die Freiheit! Das sage ich hier und heute als jemand, den die Arbeiterbewegung fest an ihrer Seite weiß, gestern, heute und morgen!
Aber nicht am 23.01! Da will ich in den Süden fliegen. Und da sind die nächsten Tarifverhandlungen des Wachpersonals an Flughäfen und so wie ich meine Pappenheimerinnen kennen, werden die unter mächtigem Getöse mittels Warnstreiks die Verhandlungen instrumentieren und den ganzen Flugverkehr lahmlegen und ich hänge dann jahrelang auf dem Flughafen Tegel ab. Gewerkschaften, wer hat die bloß erfunden?! Die sollte man verbieten! Und überhaupt: „Brüder, zur Sonne …“.
Was ist denn das für eine Horrorvorstellung, mit lauter Brüdern im Süden abzuhängen! Männer, die einem mit ihrer aufgeblasenen Eitelkeit und ihrem Größenwahn sowas von auf die Eier gehen. Ich geh packen.
Schönen Tag noch, liebe Schwestern.

08.01.2018 – Ich weiß bis heute nicht, was das für Pornos waren


Saumagen, Kräuterlikör vom Weingut Doll aus der Pfalz, der Heimat von Helmut Kohl, auch genannt „Birne“.
Da macht ein Grüner mal was richtig und dann ist es auch wieder nicht recht. Robert Habeck hatte mit seinem Satz über Thüringen zumindest zu 50 % recht, sieht man von dem Grünentypisch aufgeblasenem Größenwahn des „Wir“ ab: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ….“ Der Satz ist insofern Blödsinn, als das Thüringen natürlich frei und demokratisch ist, aber trifft es, als Thüringen wie der Rest der Ostzone, nur nicht ganz so ausgeprägt, keineswegs offen und liberal ist. Dass Habeck sich als Folge davon aus den sozialen Netzwerken abgemeldet hat, ist als Zeichen und Anstoß zum Nachdenken auch in Ordnung, was man allein an dem gedankenreduzierten Einheitsbrei sieht, den die versammelte Bürgerpresse heute als Kommentare gegen diese Entscheidung serviert, soweit ich das eben im Deutschlandfunk mitverfolgen musste. Mein Facebook Account für die Landesarmutskonferenz wurde mal vor Zeiten gehackt und darüber wurden Pornos versandt an unsere Mitglieder, unter anderem die Caritas. Fuckbook sieht mich mit Sicherheit nie wieder (wobei ich bis heute nicht weiß, was das für Pornos waren…)
Grundsätzlich ist meine Meinung über soziale Netzwerke ambivalent; um ihre Funktion und Wirkungsweise zu verstehen, um grundsätzlich zu verstehen, wie unsere Gesellschaft kommuniziert und insofern überhaupt funktioniert, muss man sich natürlich auf soziale Netzwerke einlassen, zumal es jobmässig mittlerweile ohne nicht geht. Aber ich sage mir auch: Sollen die Jungen mal machen. Ich bin mittlerweile in dem Alter, wo ich nicht mehr hinter jeder Sau herhechele, die über den Marktplatz geprügelt wird. Vielmehr beginne ich mich zu fragen: Was bleibt von mir am Ende des Tages?
Von Helmut Kohl bleibt, zumindest in meiner Erinnerung, der „Saumagen“, mit dem Birne fremdländische Staatsgäste malträtierte. Schade, dass die derart Misshandelten ihren Racheplan, daraufhin wieder in Deutschland einzumarschieren, nicht in die Tat umsetzten. Ansonsten war Kohl im Gegensatz zu seinem Nachfolger Schröder, dem Parvenü, kein gänzlich Missratener. Nur das mit der Einheit, das werde ich ihm nie verzeihen.
Der Saumagen oben ist der beste Kräuterlikör der Welt. Manchmal sitze ich versonnen mit einem Gläschen davon nach dem Essen am Tisch und proste Helmut hoch droben im ewigen Plenarsaal zu: „Ach, Birne, Du fehlst mir. Als Du noch König von Deutschland warst, war die Welt überschaubar. Wenn Du wüsstest, was jetzt hier unten alles los ist …. “

Was aber bleibt von mir am Ende des Tages? Trübsinnige Gedanken beim trübsinnigen Blick auf die lauteste, dreckigste und hässlichste Straße der Welt. An der meine Wohnung liegt.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, heiterere Anblicke – wie den in Ihrem Spiegel. (Alter Charmeur…)

04.01.2019 – VHS-Schreibkurs für retirierte Diplompädagoginnen


Algarve im Dezember.
Auch wenn mir gestern bei Ostwind und null Grad auf dem Radl gefühlt fast das Gesicht erstarrend wegflog, ist es nicht so sehr die Kälte, die mich an hiesigen Wintern stört. Es ist vielmehr das trübe Dauer-Grau. Es muss nicht permanente Sonne sein, die mitunter, wenn sie im Süden winters sehr tief steht, gebieterisch andere Farben mit ihrem gleißenden Licht überstrahlt, es können auch gerne ein paar Wölkchen sein, die die Sonne mal ein bisschen runterdimmen, um den Braun- und Ockertönen der Felsen und dem leuchtenden Azur des Meeres ein Chance auf der Leinwand des Lebens zu geben. Nur für das grellblendende Weiß des Strandes, da braucht’s Meisterin Sonne, um ihm prachtvolle Geltung zu verschaffen.
Genug rumpoetisiert, wir sind hier nicht im VHS-Schreibkurs für retirierte Diplompädagoginnen, wir sind hier in meinem Blog und da bestimme ich allein, wo es lang geht, und zwar demnächst an die Algarve. Wenn ich die Zeit, in der ich vermodernd in einer 200 x 80 Kiste zu Kompost werde, also endlich mal was Nützliches produziere, in Relation setze zu der Zeit, die ich mit einem Portwein auf einer portugiesischen Praça in der milden Wintersonne verbringe, vaterseelenallein und vollkommen unbelästigt von auf Sächsisch oder Schwäbisch daher plärrenden Ostgoten, dann erschließt sich auch dem Übelwollendsten ein grobes Missverhältnis zuungunsten von Letzterem.
Auch zieht’s mich dort ins Gebirge, Monchique genannt, und bei meiner Recherche zu dem mir bis dato unbekannten Bergdörfchen Alferce stiess ich auf meinen bisherigen Lieblingssatz für 2019, einer automatischen Übersetzung auf Tripadvisor „Wir nahmen eine Fahrt nach Monchique und fuhren den ganzen Weg den Berg hinauf, nur um zu entdecken, was dort war, es war ein Kreisverkehr.“
Dieser makellose Spannungsaufbau, um dann jählings in das auflösende „es war ein Kreisverkehr“ abzustürzen, das ist ganz großes Sprachtheater, hinter dem all meine erbärmlich dahingestümperten Poetologien verblassen wie Eos, die Göttin der Morgenröte, an einem deutschen Wintertag. Eos ist nicht zu verwechseln mit Eros, dem Gott der Begierde, mitunter auch der Morgenlatte, was aber ein schlüpfriges Terrain ist, in das wir in diesem Blog eher nicht eindringen.
Wir (Wer ist hier eigentlich Wir?) bleiben also auf dem Terrain der Zitate und wollen anhand eines einzigen falsch verwendeten Wortes das ganze Elend der bürgerlichen Journaille decouvrieren, die, mitunter durchaus wohlmeinend, keinen Schimmer von nationalökonomischen Grundbegriffen hat. Spiegel online schreibt über den Neo-Mussolini Brasiliens: „Brasiliens neuer Präsident Bolsonaro äußert sich frauenverachtend, rassistisch, homophob und er will den Umweltschutz beschneiden. Die Finanzmärkte quittieren seine ersten Tage im Amt trotzdem mit Begeisterung.
Potzdonner, welch fatale Fehlformulierung. Richtigerweise muss natürlich das konzessive „trotzdem“ weg und es muss heißen „Die Finanzmärkte quittieren seine ersten Tage im Amt deshalb mit Begeisterung“.
Wir (Wir?) wollen das an einem einzigen Beispiel verdeutlichen: Der Neo-Mussolini ist frauenverachtend, das heißt, er wird alles dafür tun, dass es bei der Gender-Pay-Gap bleibt, nach der Frauen fast auf der ganzen Welt, so auch in Brasilien, erheblich weniger verdienen für gleiche Arbeit als die Bolsonaros dieser Erde. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist ein Kostenfaktor, den sparen sich die Arbeitgeber in Brasilien, das lässt die Kurse steigen. So wird der Drops gelutscht.
Und weil in Brasilien Portugiesisch gesprochen wird, hängt auch in diesem Blogeintrag wieder alles mit allem, siehe oben, zusammen.

03.01.2019 – Prost Neujahr


Ürziger Würzgarten Jahrgang 1966. Das ist eine Lage an der Mosel, in der seit 2000 Jahren Wein angebaut wird, gut und teuer. Spitzenweine von der Mosel gehören zu den teuersten der Welt. Obige Flasche brachte ein Freund zur Sylvesterfeier mit, skurrile Umstände hatten sie in seinen Besitz gebracht und was sind Weinfreuden, wenn man sie nicht mit Freunden teilt, am besten solchen, die was von Wein verstehen? Der Korken war völlig hinüber und bröselte beim Korkenzieher Ansetzen sofort in die Flasche, wir mussten den Inhalt durch ein Filter-Sieb dekantieren. Der Wein hatte eine tiefgoldene Farbe und war in der ersten Nase weder zu Sherry noch zu Essig geworden. Er war vollkommen genießbar.
Wein ist Hobby von mir, auch theoretisch. Ich weiß um die Preisdimensionen bei alten Jahrgängen und so warf ich in die Runde einen Verdacht: „Alte Jahrgänge von der Mosel können sehr teuer sein. Was, wenn wir hier gerade eine Flasche geköpft haben, die 37.000 Euro wert ist?“
Keine Ahnung, wieso ich gerade auf 37.000 Euro kam, vermutlich weil sich das kenntnisreicher anhört, als wenn man sagen würde: „Circa 40.000 Euro“. Hintergrundinfo: Der teuerste Weißwein, der je auf einer Versteigerung verkauft wurde, kostete 85.000 Euro.
Die Runde schwieg einen Moment.
Nach Kant gibt es vier Grundfragen der Philosophie:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Mir drängte sich in dem Moment vor der Flasche eine fünfte auf:
5. Wie verhalte ich mich, wenn ich erfahre, dass meine eben für Freunde geöffnete Flasche Wein 37.000 Euro wert ist?
Und als hochqualifizierter Teamer mit therapeutischer Zusatzausbildung spiegele ich diese Frage jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Gehen Sie einen Moment in sich und seien Sie offen und angstfrei in der Beantwortung, wie würden Sie reagieren? Dann gehen Sie mit einem erheblichen Erkenntnisgewinn in das neue Jahr.

In meinem Besitz befindet sich ein Senheimer Rosenberg Jahrgang 1968, dem Gründungsjahr des Künstler-Netzwerks SCHUPPEN 68. Es war extrem schwierig, an diese Flasche zu kommen, allerdings nicht, weil sie wegen der Qualität dieses Jahrgangs so teuer wäre. Der 1968er war mit der schlechteste des letzten Jahrhunderts, große Teile kamen erst gar nicht in den Handel.
Was aber zu keinen plumpen Analogieschlüssen reizen sollte. Guten Start weiterhin.