15.05.2022 – Glück und Paradies


Paradiesische Zustände. Glück ist kaum planbar, nicht zu fassen und flüchtig. Der Rest ist Zufriedenheit- wenn man Glück hat. The pursuit of happiness, das Streben nach Glück, ist in der Verfassung der USA als unveräusserliches Recht festgeschrieben und das Paradies als Quelle ewigen Glücks ist eine der ältesten Menschheitsheitsphantasien. Alles Übel dieser Welt setzte mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies ein. Sie mussten im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen. Arbeit war in der Welt. Oje.
Die Geschichte ist gelogen. Adam und Eva sind freiwillig aus dem Paradies abgehauen. Wer will schon dauernd glücklich sein, nur im Paradies leben. Den Beiden war einfach langweilig. Das wahre Glück kann nur die genießen, die auch Niederlage kennt, Nackenschläge, Enttäuschung. Wie paradiesischer hinterher dann Zufriedenheit oder auch mal Glück. Immer nur Glück, Paradies ist in sich unlogisch und langweilig.
Da der Gott des alten Testaments, der angebliche Adam und Eva-Vertreiber, aber rachsüchtig war, beschloss er die Geschichte umzuschreiben. Diese Schmach, hauen die einfach ab!, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. So beauftragte er einen alten Zausel, das Ammenmärchen so zu verfassen, wie wir es heute kennen. Er köderte den Mann mit dem Versprechen, Männern mit dieser Geschichte die Verfügbarkeit über den Körper der Frau zu gewähren, abgeleitet aus der Herkunft Evas aus der Rippe Adams, und sich den Mehrwert fremder Arbeit aneignen zu können, wo immer möglich.
Und so kam das Patriarchat und der Kapitalismus in die Welt, obwohl die ursprüngliche Geschichte ganz anders war. Eine Schande, dass es Jahrtausende brauchte, bis jemand, ich nämlich, das mal gerade gerückt hat. Aber wenn es darum geht, Gott einen reinzuwürgen, bin ich immer gerne dabei. Und jetzt muss ich wieder meinen Ranzen schnüren. Dem Glück entgegen.

13.05.2022 – Viel Lärm. Um Nichts?


So gesehen, sieht die Welt doch ganz passabel aus. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell sich unter der Sonne des Südens das Denken verflüchtigt. Was nicht an der Menge geistiger Getränke liegt. Beim Wandern trägt man grundsätzlich zwei Rucksäcke: einen mit Wasser, Proviant, Sonnencreme und einen mit Erinnerungen und Gedanken. Der Erste wird immer schwerer, obwohl das Wasser weniger wird, der Zweite wird immer leichter, obwohl ich mir gerne vornehme, im Akt des Schreitens für Klarheit im Hirn zu sorgen. Spätestens an der ersten steilen, sonnendurchglühten sich endlos hinziehenden Steigung erledigt sich das. Man besteht nur noch aus dem Pochen der Halsschlagader und Keuchen. Denken ist Luxus. Und wird überschätzt. Am Ende lande ich doch immer in einer Taverne und im Meer. Da ist Denken auch nicht der Sache förderlich. Lustiges gibt es auch. Ob man wirklich so einen Gesichtsausdruck hat, wenn man über die Klippen 200 Meter tief segelt?

Eigentlich wollte ich was über Lärm schreiben, siehe Überschrift. Aber irgendwie hab ich den Faden verloren. Macht nix. Wozu brauch ich hier Fäden.

07.05.2022 – Die Farbe Rot


U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, Berlin. Dieses Foto fällt in meinem Ordner selbst in der Miniaturansicht unter Hundertern sofort ins Auge. Live ist das eine regelrechte Augen- und Mentalitätsattacke, wenn man aus dem überaus gediegenen, von Stuckverzierten Altbauten geprägten Güntzelkiez und Bayrisches Viertel tritt und auf diese U-Bahnstation schaut. Popart pur. Das Rot ist so rot, dass der Bildschirm Schwierigkeiten in der Verarbeitung hat. Flimmern und Schlieren. Noch heute, im Zeitalter digitaler Bildwelten, gilt für TV-Kameras: Kleine Karos und Rot vermeiden. Kriegt man als erstes für längere Auftritte im TV ans Herz gelegt: Keine kleinen Karos. Ist sowie nicht mein Ding. Und das mit dem Rot ist für linke Parteien echt Scheiße.
Wer ins faszinierende städtebauliche Detail der U-Bahnstation gehen will, ist hier gut bedient. So wie in Musik und Literatur ein Rhythmuswechsel durchaus förderlich ist, um Spannungsbögen aufrecht zu halten, so ist es beim Flanieren. Nichts wäre öder, dauerhaft in den zugebenen überaus angenehm anzuschauenden, von geschmackvollen Restaurants, Bars, Galerien, Boutiquen geprägten Kiezen in Charlottenburg und Wilmersdorf zu wandeln, die gepflegten Plätze zur Muße nutzend, Viktoria-Luise Platz, Prager Platz, Ludwig-Kirch-Platz. Nach soviel gediegener Bürgerlichkeit tut der postproletarische Pop am Fehrbelliner Platz dem eingeschläferten Gemüt wohl und es gelüstet den subkulturell sozialisierten Flaneur nach mehr, nach Schmutz, Unordnung, Aufruhr. Wenn sich Dunkelheit naht, lockt SO 36, Oranienstr. Adalbertstr., mit Kneipen wie Trinkteufel und Jodelkeller. Aber nicht zu lange. Es gilt, das Zertifikat des VHS Kurses „In Würde altern“ zu erwerben und alsbald überfällt den Flaneur eine Zivilisationsmattigkeit. Metropolenmüde sehnt er sich nach Ruhe, weitem Blick, Natur, Meer, Sonne, Strand.
Rhythmuswechsel. Wenn es einen Cocktail gäbe gegen Langeweile, wäre das eine zentrale Ingredienz.
Aber wenn es Sie, liebe Leserinnen, mal nach Berlin verschlägt, sollten Sie sich die U-Bahnstation Fehrbelliner Platz nicht entgehen lassen.

06.05.2022 – Wellgunde, Woglinde und Floßhilde


Hagen versenkt den Nibelungenhort. Peter von Cornelius, 1859. Aus der Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“, Deutsches Historisches Museum Berlin. Die Ausstellung ist in mehrere Themenbereiche gegliedert wie Entfremdung und Zugehörigkeit, Eros und Ekel. Diese vier Gefühle standen im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt der Versuche, Identität zu definieren. Der Komponist Richard Wagner nahm sie auf und machte sie „deutsch“. Bei derartigen Gefühls-Konstellationen wundert es nicht, dass Wagner notorischer Antisemit und Hitlers Lieblingskomponist war. Seinen Ring der Nibelungen kann man als konstituierendes Werk für deutsches Nationalgefühl lesen. Der arisch-blonde Recke Siegfried wird hinterrücks vom düster-verschlagenen Hagen ermordet, was auch antisemitisch zu lesen ist.
Umso drolliger fand ich Hagens Darstellung auf dem Bild oben. Eher ein schwuler, leicht tuntiger Balletttänzer und nicht die sonst übliche Anmutung eines düster-muskulären Zausels.
Ich musste vor dem Bild lachen und guckte mir den Schwulst genauer an. Die Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde sind schmalbrüstig-androgyn dargestellt und nicht mit üppigen Brüsten ausgestattet wie sonst genreüblich. Heute würde man formulieren: Der Maler hat hier ein Eros dargestellt jenseits von Heteronormativität. Was umso bemerkenswerter ist, weil der Maler von Ideologie und künstlerischer Ausrichtung her eher rückwärtsgewandt bis reaktionär war und mit Sicherheit ein über die Heteronormativität hinausgehendes Eros als undeutsch abgelehnt hätte, siehe Ekel.
Offensichtlich hat in seinem Bild sein Begehren sich quasi hinter seinem Rücken Bahn gebrochen. Es bricht eben immer durch, was in uns waltet und wütet, lässt sich nur begrenzt kontrollieren, kanalisieren, sublimieren. Es beschert uns Erhabenes und Lächerliches, siehe oben. Bei all dem Schwulst und Kitsch, dem eine klebrig-braune vorgestrige Patina anhaftet, gilt es zu bedenken, dass Wagner und Cornelius Zeitgenossen von Marx waren, der zwar in seiner Frühzeit auch üble antisemitische Anwandlungen hatte, dem man aber eins nicht nachsagen kann: Kitsch und Vorgestrigkeit.
Die Geschichte ging übrigens für Hagen nicht gut aus. Er wurde von Wellgunde, Woglinde und Floßhilde in die Tiefen des doitschen Vater Rhein gezogen und es bleibt der Phantasie der Leserinnen überlassen, was die vier da in der Phantasie von Peter von Cornelius wohl getrieben haben ….

05.05.2022 – Der der Normalität entwöhnte Blick


Der Chip-Körper. Demo Berlin.
Dass einem in Berlin alle Naslang unnormales vor die Augen kommt, ist völlig normal. Das ist mitunter bedrückend, wenn es sich um Elend handelt, das es hier geballter, offener und brutaler gibt als im Rest der Republik. Meist aber ist es skurril, lächerlich, erhaben, immer aber anregend bis lehrreich. Die Welt ist eben anders als im eigenen Kopf, vom eigenen Spießerkiez mal ganz zu schweigen.
Das Thema „Chip im Körper“ ist in den Wahnwelten gepeinigter Wesen nicht neu, hat aber durch Corona neue, enorme Schubkraft gewonnen. Keine Schwurblerdemo ohne den Hinweis auf die Mikrochips im Impfstoff, die uns unfruchtbar machen sollen im Auftrag der Merkel-Echse (Wo doch Scholz viel echsiger ist, seine Scholzomaten-Visage erinnert mich immer an meine Lieblingsechse, den Scheltopusik) .
Ach, wenn es doch nur so wäre mit dem unfruchtbar.
Ich weiß nicht genau, wo die inhärente Logik, die Kausalität liegt zwischen dem tendenziellen Fall der Profitrate (das Kapital macht auf Grund seiner inneren Gesetzmäßigkeit kontinuierlich weniger Reibach) und dem der Größe von Mikrochips. Also wie genau je mehr Digitalisierung, desto weniger Profit bei der Kapitalseite. Man darf sich dabei nicht blenden lassen durch den extremen Reichtum der paar Tech-Titanen wie Fuckerberg, Bezos, Gates, Musk. Diese Oligopole sind nicht die Regel, nicht die Masse. Tatsache ist, dass jede neue Produktionsform, wie industrielle oder digitale Revolution, eigene Gesetzmäßigkeiten produziert, was Profit, Beschäftigung, Demokratie, Konsum, aber auch Bewusstsein, Körper und Krankheiten angeht. Die wachsende Mobilität z. B. im 19. Jahrhundert mit der als rasend wahrgenommenen Geschwindigkeit des neuen Transportmittels Eisenbahn (weit über 20 kmh!) hatte natürlich Auswirkungen auf die Individuen und für Fortschrittsgegner war klar: Bahnreisen sind lebensgefährlich wegen der extremen Geschwindigkeit und allein der Anblick macht krank, verrückt, hysterisch. Hysterie war noch zu Freuds Zeiten eine beliebte Diagnose, bei Frauen. Diagnose war Männersache damals. Dass die Diagnostiker selber meist viel mehr Latten am Zaun locker hatten, war eine späte, eher feministische Erkenntnis.
Die schrumpfende Größe von Mikrochips, bei denen sowieso kaum jemand weiß, wie sie aussehen und funktionieren, und ihre rasend wachsende Leistungsfähigkeit hat natürlich auch Auswirkungen auf die Individuen, ihre Phantasien und Pathologien. Was ich nicht erkenne, begreife ich nicht, das ist bedrohlich. Der Mikrochip ist eine ideale Projektionsfläche für Menschen, die vom rasenden Wandel erschöpft, überfordert, bedroht sind. Solche Bilder wie oben, der Normalität entwöhnt, sind kein Einzelfall, und tauchen zwangsläufig gehäuft bei Schwurblerdemos auf.
Die Frage ist für mich, wie man sich dem Wandel gestaltend nähert und gewinnbringend integriert in den Alltag.
Hört sich toll an, bringt mich aber xmal am Tag auf die Palme. Auf den mir bekannten Bahnsteigen im Berliner Hauptbahnhof gibt es z. B. keinen Wagenstandanzeiger (Wer hat sich das Wort ausgedacht?) in Papier mehr. Also musste ich mir noch eine verf…. App runterholen.
Und was machen die 50 Prozent aller über 65jährigen, die kein Smartphone nutzen?
Unnormal-heiteres zum Schluss, aus dem Bergmann-Kiez in Kreuzberg

Ich hab das Dreier-Set genommen.

01.05.2022 – Seine Lehre ist unsere Leere


Er wies uns den Weg. Wir sind dann irgendwann falsch abgebogen.
Aus der Marx Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Zum 1. Mai muss ja irgendwas Kritisch-Lustiges hier rein. Was zum Schmunzeln. Nachher erst meine eigene Mai-Demo, dann die Traditionsschnarchsack-Demo vom DGB und danach die revolutionären 1. Mai-Demo Neukölln-Kreuzberg. Vielleicht schalte ich später noch paar Live-Impressionen. Eins ist sicher, heute Nacht werd ich gut Bubu machen. Hoffentlich nicht in einer Polizei Zelle. Bleiben Sie drin, es wird spannend.
….
9.54 Uhr: Auf „I’m against it“ Tour vom Brandenburger Tor über DGB Rednertribüne zu Panzer am sowjetischen Ehrenmal.

12.58 Uhr: Für die Wiederschmiedung der IV. Internationale! Nieder mit der V. Internationale!!! Für die Niederschmiedung der III. Internationale!!!

Es gibt so unfassbar viele schräge Vögelinnen in Berlin und sie treffen sich alle am 1. Mai. Eine erfrischende Abwesenheit von Normalität…
19.32 Uhr: Revolutionärer 1. Mai in Kroizberg?

Eher autobefreite Partyzone vom „Trinkteufel“ bis zum „Jodelkeller“. Wie Karneval der Kulturen. Nur ohne Karneval und ohne Kultur. Ermattet mache ich mich auf den Heimweg, von SO 36 nach SW 61. Hubschrauber Geknatter begleitet mich…

28.04.2022 – Ohne Moos nichts los


Ich hab im Garten Moosplatten gepflanzt an schattigen Stellen. Alle eingegangen. Für Moos hab ich kein Händchen. Ans Moos wird es aber vielen gehen, wenn die nächste Rezession hereinspaziert. Ante portas ist sie schon, sie klopft mittels Gashahn an, den der Russe uns demnächst abdreht. Dann wird ein wüstes Hauen und Stechen einsetzen, in welcher Reihenfolge welchen gesellschaftlichen Gruppen und ökonomischen Sektoren zuerst der Hahn abgedreht wird. Private Endverbraucher, Industrie, öffentlicher Sektor, Brauereien ….?
In neoliberaler Logik regelt sowas der Preis. Die Preise werden natürlich explodieren, im Moment explodiert ziemlich viel, und wer nicht mehr zahlen kann, kriegt keinen (Energie-)Stoff mehr. Ganz so rabiat wird der Staat nicht vorgehen, weil ihm sonst der Laden eventuell um die Ohren fliegt. Aber interessant werden auch die Verteilungskämpfe innerhalb der Kapitalfraktionen, zum Beispiel Chemie vs. Autoindustrie. Chemie brauchen wir permanent für laufende Prozesse, Schmierstoffe im wahren und übertragenen Sinn. Aber Autos? Denkbar wäre also ein Produktionsmoratorium für die Autoindustrie mit ihrem riesigen Energiebedarf.
Aber wie reagiert der Auto-Mob darauf? Gibt es dann Demos von SUV-Käufern, die ein Menschenrecht auf Lieferung ihrer bestellten Panzer verletzt sehen? Auf jeden Fall wird die gewerkschaftlich gut organisierte Facharbeitergang der IG Metall auf den Straßen unterwegs sein, wenn denen Kurzarbeit Null droht. Da werden sich Kapital wie VW, BMW etc. und Staat die Differenz zwischen Kurzarbeitergeld und letztem Nettolohn wohl teilen, um den gemeinen Facharbeiter wieder von der Palme resp. Straße zu holen. Wieviel dann fürs Prekariat übrig bleibt ….? Die Verteilungskämpfe zwischen den Fraktionen Chemie und Auto sind schon in vollem Gang. Gerüchteweise sollen sich die Spitzen der auf Co-Management zurechtgestutzten zahnlosen Gewerkschaften IG Metall und IG BCE hinter verschlossenen Türen schon wie Kesselflicker in die Wolle kriegen. Von dieser gekauften Renegatenclique, diesen Bettvorlegern des Kapitals, darf sich der klassenbewusste Revolutionär nicht aufhalten lassen.

Sein Platz am 1. Mai ist auf der Straße! Echt nur mit roter Nelke! Heraus zum 1. Mai. Und zum 2.! Schafft ein, zwei, drei, viele 1. Mai.
Scheißt der Hund im Mai, ist der April vorbei.

27.04.2022 – Blick in die Zukunft


Sieht es in unseren Städten demnächst so aus? Der Begriff „Atomwaffen“ hat mittlerweile Inflation und die Tatsache, dass deren Einsatz das Ende des Lebens, wie wir es kennen, bedeutet, verblasst hinter dem inflationären Gebrauch. Mir schiene es angebrachter mehr zu schildern, wie ein postatomares Armageddon aussähe. Zum Beispiel mit Bildern von Hiroshima und Nagasaki. Oder häufiger über Formen zivilen Widerstandes und Friedensstrategien zu diskutieren statt über die Panzerungen von Gepard, Leo, Tiger, Pitbull oder wie die Panzer alle heißen mögen.
Stattdessen eskaliert immer schneller die Nachrichtenlage. Gestern: Transnistrien, demnächst Krieg in Moldau, mögliche russische Angriffe auf westliches Personal in Kiew, deutsche Panzer in den Osten, Lawrow Atomkrieg. Ich fand es gruselig und bin nur dankbar, dass ich mittlerweile Krisenresistent bis abgestumpft bin.
Die letzten Weltkriege sind nicht vom Himmel gefallen, sondern waren auch das Ende einer langen verbalen Eskalationsspirale. Nach Rüstung kommt Krieg? Sicher. Aber auch: Nach dem Ende einer Friedensdiskussion kommt Krieg und nach Krieg kommt noch mehr Krieg. „Wir“ rüsten verbal immer mehr auf, argumentieren aus – noch – geschützten Schreibstuben die Ukraine immer weiter in einen aussichtslosen Krieg und rüsten sie dafür auf. Russland hat noch nicht einmal die Generalmobilmachung ausgerufen und wird nicht zögern, Atomwaffen gegen die Ukraine einzusetzen, wenn es das Gefühl hat, in die Enge getrieben zu werden. Begründen würde der Russe das mit Hiroshima und Nagasaki. Der Ami hat da ja auch Atomwaffen eingesetzt, um schlimmeres, noch mehr Blutvergießen, zu verhindern. Wenn der Satz gilt: „Wer den Frieden will, muss für den Krieg gerüstet sein“, dann gilt innerhalb dieses Logik-Konstruktes auch der Satz „Wer den Krieg beenden will, muss für das größte (Atom)Übel gerüstet sein“.
Mittlerweile ist die Blutgeschichte von Putins Herrschaft von Tschetschenien bis Syrien ja genug bekannt und über seine Verfassung können keine Illusionen mehr herrschen. Wie kann man da glauben, dass ginge irgendwie gut aus für die Ukraine? Es kann nur noch darum gehen, so viel Tod wie möglich zu vermeiden.
Aber wie oft und immer intensiver, so hoffe ich auch hier, unrecht zu haben. Und dass meine Exitstrategie überflüssig ist: Ein Häuschen weitab vom Fallout, im Alentejo, mieten, je einen Beutel Hanf- und Kartoffelsamen einpacken, ein paar Silbermünzen, Hölderlin Gedichte und ein zweites Smartphone. Der Ire hat sich im 19. Jahrhundert bis zur Kartoffelfäule fast ausschließlich von Kartoffeln ernährt. Geht also. Mit dem Gras treibe ich Handel, Wein kaufen und so, Hölderlin spendet Trost. Guter Plan. Oder sollte ich für den atomaren Ernstfall doch dem Motto frönen: Lieber schnell verdampfen in Berlin als langsam verrotten auf dem Acker?
Ich halte Sie auf dem Laufenden, liebe Leserinnen.

26.04.2022 – 70 Prozent Rabatt


70 Prozent Rabatt bei Kaufhof. Mein nachösterliches Paradies. Ginge es gerecht auf der Welt zu, müsste ich auf Grund meines Süßigkeiten-Konsums so rund sein, dass ich zum Bahnhofe gerollt werden kann. Göttinseidank geht es aber nicht gerecht zu und ich passe nach wie vor in meinen Kommunionsanzug. Fast.
Kaufhäuser in den Innenstädten erinnern mich an gestrandete Wale, unförmig liegen sie da, unfähig sich zu retten, fast meint man, ihr verendendes Stöhnen zu hören. Mit ihnen geht eine glorreiche Ära eines massenhaften Konsums zu Ende, der einherging mit analoger Begegnung, ergo Ausweitung von Öffentlichkeit und damit auch Demokratie. Ein Erlebnis und Fest für Flaneure nach wie vor sind Kathedralen des Konsums wie das KaDeWe oder die Galeries Lafayette in Berlin. Letzter Glanz und Aufbäumen einer faszinierenden Epoche. Jetzt haben wir Amazon.
Im Kaufhof war es öd und leer, riesige Tische und Ständer voll mit österlich Übriggebliebenem zu 70 Prozent Rabatt zeugen von einer gigantischen Einkaufsfehlkalkulation. Nächste Woche bin ich wieder da, vielleicht gibt es dann 90 Prozent.
Ostern, Fest des Friedens und der Hoffnung, wurde von orthodoxen Paffen, die immer so aussehen, als wollten sie zur nächsten Tuntenparade, genutzt zur chauvinistischen Kriegshetze. Begründet wird dieser blutrünstige Geifer mit den üblichen antizivilisatorischen Hassgesängen gegen die Dekadenz westlicher Moderne, Beispiel: Schwulenparaden. Haben die Pfaffen keinen Spiegel Zuhause? Um zu verhindern, dass Schwulenparaden oder gar Genderwahn bei Mütterchen Russland stattfindet, muss in den Augen dieser Geistestalibane das Blut tausender Unschuldiger fließen. Purer Faschismus.
Langsam kam nach Ostern auch die hiesige Bürgerpresse auf den Trichter, die Ursache für die flächendeckende Unterstützung im eigenen Land der russischen Aggression auch da zu suchen, wo sie mit herkommt, nämlich aus der Tiefe dieses religiösen Wahns, und schmähte den russischen Oberpopen Kyrill als nicht Ökumene fähige Schande. Nun ist das dem Weltbürger eher Wumpe, ob eine Krähe der anderen und ein Kardinal dem Popen (im Peter Hacks-Original: Mullah) kein Auge aushackt.
Ärgerlich nur, dass diese Kritik, wie alle bürgerliche, zu kurz springt. Subsummiert sie doch andere orthodoxe Aberglaubensfraktionen in anderen Nationen, die dem russisch-völkischen Wahn nicht folgten, eher unter die Guten. Das verkennt nun völlig die Struktur dieser byzantinischen Bizzarerie. Die ist von Grund auf irrational, antimodern und völkisch. Und so werden in jeder von der Orthodoxie verseuchten Nation die eigenen Waffen gesegnet, der Feind aus der anderen Nation verteufelt, grundsätzlich alle Schwulen und Frauen verachtet und gehasst.
Nur weil der Russe jetzt zu Recht ein von allen geächteter Gegner ist, wird der Rest in Osteuropa doch nicht zur Lichtgestalt.
Ich frage mich immer öfter, ob ich in einem Irrenhaus bin. Kein Wunder, dass es mich auf die Pfade der Flaneure treibt, dem flüchtigen Vergessen entgegen. Brüder und Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit? Von wegen.
Auf ins Lafayette.

23.04.2022 – Supermärkte besuchen


Der erste Blick in den Garten nach der Rückkehr aus Berlin. Birnenblüte. So trostlos kann die Lage zumindest in unseren Breiten gar nicht sein, dass nicht der Anblick von frischer Blüte einen Hauch heiterer Hoffnung ins Herz senken würde. Die Seele atmet auf. Wobei wir Seele mal als die Summe all dessen nehmen wollen, was wir nicht mit dem Verstand fassen, und nicht als göttliches Geschenk an einen unbeseelten Klumpen Lehm. Nur schwer mit dem Verstand fassen kann ich die Tatsache, dass sich bis dato noch nichts auf der Straße rührt gegen Verarmungstendenzen bis in die Mitte der Gesellschaft. Für Wahnhaftes nehmen Zehntausende ihr Recht auf Demonstration wahr, an was die verschwörungstheoretische Corona-Schwurblerszene so alles glaubt, das glaubt man als Verstand-Besitzer gar nicht und wurde hier schon so oft beschrieben, dass ich mir Aufzählungen schenke.
Für handfeste ökonomische Überlebens-Interessen aber, das im wahren Sinne tägliche Brot, rührt sich auf der Straße nix.
Dass wissenschaftsfeindlicher Irrationalismus, also der Glaube, Impfungen schadeten, Corona sei sowas wie ne Grippe und Masken kein Schutz, sondern ein staatlich aufgepresstes Repressionsinstrument, eine postmoderne Form von Religiosität geworden ist, ist mir schon klar. Aber früher waren solche Verrücktheiten was für die stille Betkammer und nicht für die Öffentlichkeit, die Straße, fast im Sinn einer sozialen Bewegung.
Wie klein sind die Menschen doch gemacht worden, wie entsolidarisiert, dass sie nicht völlig berechtigterweise kollektiv Supermärkte wie Lidl oder Aldi besuchen und sich gemeinsam das nehmen (natürlich gegen Hinterlegung eines Obolus, je nach Bedürfnis ud Möglichkeit), was ihnen zunehmend fehlt: Das tägliche Essen. Und dann vor die Staatskanzleien, Bankenhäuser und Konzernzentralen ziehen und dort ihrem Unmut Luft machen.
Ein kluger Kopf hat gestern im NDR verlautbart: „Gleichzeitig sei es ein Skandal, dass in einem der reichsten Länder Welt darüber diskutiert werden müsse, wie sich Millionen Menschen ausreichend ernähren könnten.“ Geneigte Leserinnen werden es ahnen, um wen es sich dabei handelt…
Tränen gelacht habe ich bei der Formulierung in der Mitteilung: LAK-Chef. Und sie nannten ihn: Chef. Dass ich das noch erleben durfte…
Weniger geneigte Leserinnen werden bei dem bis hier Geschriebenen denken: Was stimmt mit dem, also mir, nicht?! Ähnliches habe ich allerdings auch gedacht, als ich mein Ergebnis der Wahl-O-Mat Auswertung für die NRW-Wahl las. Meine Wahlpräferenz laut Wahl-O-Mat. in der Reihenfolge: Tierschutzpartei, Die Partei, DKP, Die Urbane, MLPD, ÖDP, Die Linke.
Das fand ich doch irgendwie verstörend. Nur die Letzen in der Reihenfolge beruhigten mich wieder etwas: Die Basis, Team Hodentöter, Zentrum, FDP, AfD.
In Bochum findet heute eine Mieter*innen-Demo statt. Ein Hoffnungsschimmer. Ich versuche zur Zeit, in meinen Zusammenhängen für eine Demo zu werben (früher sagte man: mobilisieren) gegen wachsende Verarmung. Das wird nach Lage der Dinge ohne Gewerkschaften und Verbände nicht wirkungsvoll realisierbar sein. Dagegen dürfte Sisyphos‘ Job ein Strandspaziergang sein.
Apropos Strand ….