08.06.2022 – Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte


Das beschreibt die Gegend, in der ich in Berlin wohne, auf den Punkt. Hier wohnt eine gutsituierte, alternative , weisse Mittelschichtsklientel, materiell meist sorgenfrei, und widmet sich in gentrifizierter, charmanter Umgebung gerne einer Mischung aus grobem Unfug und esoterischem Blabla. Siehe Bild. Für die, die einer 3-Linien-Koks oder zwei Pullen Wein pro Tag Sucht frönen, dürfte so ein Angebot wie oben schnell in einer zusätzlichen Abhängigkeit von einem Scharlatan und einem um mehrere 1000 Euro erleichterten Konto enden.
Wer heutzutage noch graphologische Gutachten anbietet und auf seiner Homepage eigene Bilder, die den Tatbestand eines ästhetischen Schwerverbrechens erfüllen, hat jenes unerschütterliche Selbstbewusstsein, dessen es bedarf, Menschen mit Humbug Taler aus der Tasche zu ziehen.
Chakren, wer es schon immer wissen wollte, sind Energiezentren irgendwo in unserem feinstofflichen Astralleib, durch Kanäle miteinander verbunden, und wenn wir ordentlich meditieren oder daran rumschrauben, fließt die Energie frei und wir können den Unsinn dieser Welt gelassen und faltenfrei im Gehirn ertragen.
Und falls Sie, liebe Leserinnen, sich jetzt auf diese Art Kanalverkehr einlassen wollen , viel Erfolg. Die Existenz solcher ominöser Kanäle und Zentren konnte bisher nicht bewiesen werden und wird es bis zum jüngsten Gerücht auch nicht.
Aber wenn es doch hilft und heilt und warum ich nicht toleranter sei? Unter anderem, weil derartiger Unfug oft Hand in Hand geht mit rassistischer und antisemitischer Ideologie, siehe Rudolf Steiner, der ein begeisterter Anhänger von derartigem Quatsch war. Und solcherlei Klientel ist folgerichtig extrem anfällig für Coronaschwurbelei.
Ich fühle mich hier übrigens sauwohl. Es ist eine ganz bunte, sehr schöne Gegend, überaus anregend und aufregend.
Kein Wunder, dass hier, im Bergmann Kiez in Kreuzberg, täglich Horden von Touristinnen durchtrampeln.

06.06.2022 – ATOMKRIEG? JA BITTE!


Mein Lieblingsaufkleber. Von 2011. Ich weiß nicht, wieweit kritische Ansätze dahinter stecken oder ob das bloß Provokation ist, eine Geschäftsidee, was auch immer. Der letzte Eintrag auf facebook ist von 2019. Dabei ist das Thema jetzt brisanter denn je. Zwei Nachrichten verdeutlichen, dass wir mit jedem Tag Krieg einem Einsatz von Atomwaffen näher rücken, und damit einem möglichen Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. „Großbritannien bewaffnet Ukraine mit Langstreckenraketen“ und „Marschflugkörper in »kritisch niedriger Höhe« über Atomkraftwerk“
Irgendein Zusammenspiel von Planung, Zufall, Irrsinn kann irgendwann irgendjemanden auf irgendeinen Knopf drücken lassen, einer kleinen Atomrakete, die automatisch eine Wolke von großen und vielen Atomraketen auslösen kann. Kann. Muss nicht. Aber wie das mit einem Kochtopf so ist, in dem kontinuierlich die Temperatur erhöht wird, irgendwann …
Die Freiheit lässt laut diversen Reporterinnen, die allesamt vom Virus des Bellizismus befallen scheinen, die „Ukraine“, (alle Ukrainer*innen?) kämpfen bis zur letzten Patrone. Was für eine Freiheit konkret das sein soll, die wichtiger als das Leben ist, darüber schweigt sich alle Welt aus. Meinungsfreiheit? Reisefreiheit? Freier Handel? Freie Fahrt für freie Bürger? Die Freiheit, als Obdachlose unter Brücken zu schlafen…? Kunstfreiheit?
Ich würde gerne das Motiv oben in Berlin auf eine große Plakatleinwand kleben lassen. Abgewandelt, mir gefällt die Smiley Anmutung da nicht. Wenn schon, dann durchziehen.
Auf die Reaktionen wäre ich gespannt. Ob schon bei dieser Provokation die Kunstfreiheit ihre Grenze findet? Sei es, dass Werbeagenturen sich weigern, das umzusetzen oder Senatsbehörden einschreiten wegen, ja … wegen was? Erregung öffentlichen Ärgernisses?
Die künstlerische Strategie, die hinter dieser situationistischen Idee steckt, heißt Kommunikationsguerilla und sie fußt auf der simplen Idee: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“
Das wäre mit Abstand meine teuerste künstlerische Intervention, aber sie wäre es mir wert. Aus ästhetischer Sicht. Was für ein Bild.
Und weil ich notorischer Rechthaber bin. Ich würde dann mit einem T-Shirt mit diesem Aufdruck durch Berlin flanieren und jedem erzählen: „Ich hab’s doch gleich gesagt“, wenn er sich über uns wölbt:
Der Atompils.
Prost.

02.06.2022 – Denken Sie auch dauernd daran, Corona zu vergessen?


Ich war, Fortuna sei Dank, zur Zeit gerade in dieser Gegend, als mich die Nachricht erreichte: Corona in meiner Berliner WG. Und Göttinseidank hab ich meine Homebase-Ausweichmöglichkeit. Allerdings wurde mir in dem Moment, wo mich die Botschaft erreichte, klar: Irgendwann erwischt es mich auch, so sicher wie das Amen in der Kirche. Expert*innen warnen angesichts eines neuen Subtyps mit explodierenden Fallzahlen und erhöhter Sterblichkeit in Portugal vor dem Herbst hierzulande.
Selbst wenn ich diesen Herbst und Winter noch ungeschoren davonkomme, das Virus mit seinen Varianten und Subtypen verschwindet ja nicht. Ich kenne Fälle, wo Menschen trotz Booster schon zweimal infiziert wurden, mal symptomfrei, beim zweiten Mal mit heftiger Symptomatik. Auch wenn das nur anekdotisches Blabla ist (das ist die dümmste aller Verschwörungserzählungen: „Also ich kenne da jemanden ….“): Es gibt keine hybride Immunität in dem Sinne, dass Geimpften empfohlen werden kann, sich gezielt einer Ansteckung auszusetzen und dann ist alles gut.
Es wird anscheinend auch immer „egaler“, wie viele ungeimpfte Andersbegabte da draußen noch rumrennen. Mittlerweile sind nur noch 7 Prozent der Bevölkerung weder geimpft noch genesen. Die Zahl wird sich logischerweise zum Winter hin weiter drastisch verringern und trotzdem wird uns das Virus noch Jahre begleiten.
Natürlich werde ich mich ein viertes Mal impfen lassen, trage weiter stoisch Maske in Öffis und geschlossenen Räumen, weigere mich standhaft, Präsensveranstaltungen zu organisieren und trotzdem gehe ich davon aus, dass ich irgendwann infiziert werde. Ich hoffe auf milde Symptomatik (bloß keine Geschmacksverlust!), eine jederzeit greifbare Superpille gegen schwerere Verläufe und werbe weiter militant und radikal für eine Impfpflicht. Der Rest entwickelt sich mit der Unabänderlichkeit einer griechischen Tragödie.
Und niemand weiß, was da draußen im Busch oder auftauenden Permafrost noch für Virusgranaten lauern, gegen die Corona eine Hauskatze ist im Vergleich zu einem Tiger.
Trübe Gedanken angesichts der Tatsache, dass in drei Wochen die Tage wieder kürzer werden? Realismus hat noch nie geschadet. Und natürlich kriegen Gedanken andere Schattierungen, wenn man älter wird. Als ich unlängst da oben in der Gegend zwischen Klippen rumkraxelte, um in eine mir länger bekannte einsame und anders nicht zu erreichende Bucht zu gelangen, kam ich an eine Stelle, an der ich dachte: „Oops, hier lieber nicht noch mal.“ Sich an so einer Stelle den Urlaub mit geschundenem Knöchel versauen, muss ich nicht haben. Als ich mich dann am Strand liegend von der Sonne ins Gedankenkoma küssen ließ, wurde mir plötzlich und unabänderlich klar, was das bedeutet: Hier werde ich nie wieder liegen.
War jetzt keine griechische Tragödie im Sophokleschen Sinne. Ich gab mich weiter der Sonne hin. Aber dachte noch als letztes, bevor die Gedanken blasser und blasser wurden:
Das kommt dabei raus, wenn man anfängt zu denken.

01.06.2022 – Warum sind wir so wie wir sind?


Der morgendliche Duft der Rosen ist Balsam für mein Gemüt. Andere bezahlen teures Geld für Therapien und Psychopharmaka oder löten sich jeden Tag die Birne mit Alk voll, um dem inneren Aufruhr, der oft ein Abbild des äußeren ist, Einhalt zu gebieten, die Dämonen zu bannen. Mir reicht ein Gang durch den Garten im Morgentau.
Sobald ich allerdings die Schlagzeilen des Tages lese, bin ich sofort wieder auf Betriebstemperatur, also auf 180. Ich frage mich, woher kommt der Zorn, der dann mitunter waltet, siehe Blog von gestern? Zorn ist eine der 7 Todsünden, eine menschliche Ureigenschaft. Dem Zorn nachzuspüren ist schwierig, ist er doch ein eher flüchtiger Geselle. Und wer hat schon die enorme Introspektion, in einem akuten Zornanfall der eigenen Empfindung nachzuspüren, wenn er am liebsten mit der Axt das Mobiliar zerlegen möchte oder gar die Welt. Das unterscheidet den Zorn z. B. von der wesentlich nachhaltigeren und anhaltenden Liebe oder Angst, welche beide chronisch werden können und den so Geplagten genügend Raum geben, der Befindlichkeit nachzuspüren. Wovon ganze Berufszweige und Industrien leben.
Natürlich ist mein Zorn der des Gerechten, und sei es des Selbstgerechten, aber Hand aufs Herz: Ist der Zorn eine erstrebenswerte Tugend? Dialogfördernd ist er jedenfalls nicht.
Warum sind wir je nach Temperament zu welchen Auslösern zornig? Warum sind wir so wie wir sind?
Ich werde zornig, wenn ich soziale und zivilgesellschaftliche Aspekte unseres Zusammenlebens bedroht sehe, weil ich glaube, dass wir auf einem sich beschleunigenden Marsch in die Unzivilisiertheit sind und weil mich das direkt betrifft. Wenn also einen Steinwurf vor meiner Haustür ein Honk mit seiner tiefergelegten Prollschüssel provozierend durch eine Fußgängerzone brettert, würde ich am liebsten mit einer großkalibrigen Faustwaffe ….
Der Beispiele sind viele. Welche Gedanken mich beispielsweise bei Coronaschwurblerdemos anfluten, schildere ich aus Gründen der Zivilität lieber nicht.
Bei Nachrichten, die den Marsch der Welt in den ökologischen Abgrund betreffen, rührt mich zum Beispiel kein Zorn. Sauerei, denke ich dann z. B., da müsste man doch mal….
Denke ich. Also der Umgang damit ist für mich eine Kopfgeburt, keine Angelegenheit des Thymos.
Warum sind wir so wie wir sind? Dazu machen wir als erstes folgende Übung, liebe Leserinnen: wir schließen die Augen, atmen langsam durch und erinnern uns an die letzte starke Emotion, die uns bewegte. Wir versuchen sie festzuhalten, stellen uns das gerne mit Händen vor, und spüren dem dann nach…
Klappt nicht? Sorry, aber bin ich Jesus.
Dann eben volllöten, das geht immer.

31.05.2022 – Bei allem Respekt


Kirche in Avliotes, Korfu. Religion und Kirche haben in früheren Zeiten für kulturelle Höhepunkte zumindest in der Landschaft gesorgt. Kirchen sind in Dörfern bei Wanderungen immer mein erster Anlaufpunkt, sie sind auch im wörtlichen Sinne herausragend. Um sie herum befindet sich meist der alte, hübschere Dorfkern und wenn es im Dorf überhaupt ein Kafenion, Taverne, Bar, was auch immer gibt, dann nahe der Kirche. Zwischen diesen Polen findet soziales Leben statt. Diese kulturelle Leistung gebietet Respekt.
Weniger Respekt verdient die Blutspur, die Religion und Kirche durch die Geschichte ziehen, was kein Ausrutscher ist, sondern strukturimmanent. Religion zeichnet sich durch Hass auf und Verfolgung Andersdenkender aus. Das mag in unseren Breitengraden durch Aufklärung, Säkularisierung und Demokratie abgemildert sein, aber wer sich in der Welt umschaut, der kriegt das Würgen. Buddhaofaschisten, Talibanhenker, Hindumob, Gewalt im Namen der Religion allenthalben. Und vor unserer Haustür, und hier wird es konkret und rückt uns auf die Pelle, die orthodoxe Kirche im Osten. Sieht sie in Form griechischer Kirchen noch putzig aus, vergeht dem aufgeklärten Geist bei näherer Betrachtung das bildungsbürgerliche Entzücken ob der Backstein-Konfigurationen. Auf das Wesen kommt es an, nicht auf die Erscheinung.
Konkret: Der Chef der russischen Sektion der Orthodoxen, Kyrill, ist ein nationalistischer Hassprediger, ehemaliger KGB Spion und Oligarch mit einem geschätzten Vermögen von 4 Mrd. Euro. Natürlich ist er in tiefer Feindschaft mit den Spießgesellen aus der Ukraine verbunden. Jede Fraktion dieser Durchgeknallten ist ja mit Gott im Bunde und übergießt sich gegenseitig mit Hass und Verachtung. Wobei diese Form der Psychopathologie vulgo Relion in der Ukraine noch wirkmächtiger ist als in Russland. Orthodoxer Glauben, also mörderische Homophobie, Frauenverachtung, Corona-Schwurbelei, Nationalismus, Antisemitismus, all das prägt die ukrainische Gesellschaft in einem Maß, das wir Heiden uns hierzulande kaum vorstellen können. Die Gesellschaft ist, und auch das ist Strukturmerkmal von Religion und Kirche, durch und durch korrupt und vordemokratisch. Im Korruptions-Index liegt die Ukraine auf Platz 117, aus Europa kommt nur noch Russland danach, im Demokratie-Index auf Platz 92, immerhin Dank Selenskiwahl neben Russland noch Bosnien-Herzegowina und Serbien, beide natürlich auch orthodox durchseucht, hinter sich lassend.
Bei aller Solidarität mit dem angegriffenen Staat Ukraine und Mitgefühl mit der leidenden Bevölkerung: Dieser Staat darf in dieser Verfassung niemals Mitglied der EU werden, wie es schon diskutiert wurde. Das würde das Gewicht der osteuropäischen durchgeknallten Nationalisten, Halbfaschisten und Demokratie-Verächter zusätzlich verstärken, den Erosionsprozess der EU beschleunigen und Korruption über alle Maßen fördern. Angesichts der geplanten zig Milliarden Aufbauhilfe für die Ukraine pilgern jetzt schon Mafiagangs aller Schattierungen in die Kirchen und zünden Dankes-Kerzen an ob des zu erwartenden Milliardensegen für ihre Taschen.
Die Tatsache, dass ein irrsinniger Tyrann wie Putin die Ukraine überfallen hat, macht doch aus einem korrupten, vormodernen, maximal semidemokratischen Gebilde nicht über Nacht eine bewundernswürdige Madonna der Aufklärung und ein ehrenwertes Mitglied an der Tafel der Demokratinnen.
Wandel durch Handel und Annäherung? Wie gut das geklappt hat, sehen wir ja gerade an Russland und China.

30.05.2022 – Welches Urlaubsland ist im Video abgebildet?


1. Österreich 2. Paris 3. Burkina Faso.
Eine Hilfe gebe ich noch. Das zu erratende Land wird im Titel des Udo Jürgens Liedes „Griechischer Wein“ erwähnt. Und zwar zu Beginn des Titels! Außerdem sind die Tische in den griechischen Nationalfarben bepinselt. Wenn ich mir das für die BRD vorstelle, würde ich in einen Laden mit Möbeln in doitschen Nationalfarben eher einen Molli werfen als mich da rein zu setzen.
Woran man sieht, dass die Sonne des Südens einem schnell den Verstand weg dörrt. Man lässt eben auch einfach mal alle Viere gerade sein. Überhaupt ist das mit dem Reisen so eine Sache. Die Welt begreift nur, wer reist. Klimmzüge an der eigenen Stadtmauer produzieren geistige Schrebergärtnerinnen. Das ist ne Binse. Wenn ich mir allerdings die Vandalenmeldungen der letzten Zeit anhöre, wo Horden von Teutonen den Ballermann in Schutt und Asche legten oder gleich ihren barbarischen Vorfahren als Vergewaltiger unterwegs waren, würde ich das Reisen als Möglichkeit sozialen Lernens und neuer Erfahrungen doch von jenem unterscheiden, das von vielen Zeitgenossen scheinbar als Fortführung des Polenfeldzuges mit anderen Mitteln begriffen wird.
Ich will mich aber hier nicht allzu sehr bildungsbürgerlich über den Mob erheben, obwohl ich in solchen Fällen durchaus für die Anwendung des Schießbefehls plädieren würde. Das hört sich zynischer an, als es in der Rechtsrealität ist. Gemäß § 64 Abs. 1 Ziff. 1 PolG NRW (sowas regeln die Länder) dürfen Schusswaffen gegen Personen eingesetzt werden, um eine gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben abzuwehren. Was bei fortgesetzter Brandstiftung und Vergewaltigung der Fall ist.
Fakt ist: Es ist so saukalt hier, dass ich die Heizung anhabe und beim Anblick obigen Videos, welches das in Bild gegossene Klischee schlechthin ist, sofort wieder den Trolley packen (man sagt nicht: Koffer packen. Niemand hat mehr Koffer) könnte, obwohl aus dem immer noch der Sand vom letzten Trip rieselt. Offensichtlich befindet sich auch in meinem eigentlich der kritischen Aufklärung zugeneigten Gemüt ein Scheunengroßes Einfallstor für Klischee, Ressentiment und Kitsch.

29.05.2022 – Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan


Ein Blog nur mit Fotos ist ja auch nicht mehr ganz zeitgemäß, also hier mal als Testlauf ein Video.
Der Blogprovider bietet allerdings nur 24 mb pro Datei zum Hochladen an, womit man bei Videos schnell an Grenzen stößt. Das sind je nach Bildqualität maximal 15 Sekunden. So erzieht das Medium via Technik zur Präzision der Kürze. Die Welt allerdings immer in 15 Sekunden einzufangen, das stößt bei mir wiederum an Grenzen, der Akzeptanz. Für den Testlauf hab ich das Video geschnitten. Das mir, der ich schon Schwierigkeiten habe, eine Zwiebel unfallfrei zu schneiden. Ich bin ja auch nicht die Nachwuchshoffnung des Autorenfilms, also dürften das hier eher überschaubar wertvolle Kunstprodukte werden.
Früher, vor dem Krieg, als ich die ersten Videoschritte und – Schnitte unternahm, in einem famosen Uni-Kollektiv, das ich hier in den noch lebenden Restbeständen herzlich grüße, war der Anspruch der Filmschaffenden: Alle machen alles. Also jede*r mal am Schneidepult, im Regiesessel, vor und hinter der Kamera – Tonnenschwer, schwarzweiss, Röhrenmodell. Wenn man da in offenes Licht wie Kerzen reinfilmte, brannte sich ne Lichtspur auf die Videomagnetbänder. Zusätzlich brauchte man und frau bei Außenaufnahmen einen gesonderten, ebenfalls tonnenschweren Portapack-Akkuträger und natürlich Tontechnik. Sowie Catering, also Alkohol. Ach ja, und einen Regisseur, der aber nichts zu melden hatte, weil wir ja ein Kollektiv waren. Summasumarum brauchte es zur Produktion eines Video ungefähr ein Bataillon Personal. Die Arbeit hat bei allen Beteiligten nachhaltigen Eindruck hinterlassen, einen normalen „Weg“ hat da niemand beschritten. Was vermutlich anders gelaufen wäre, wenn wir Pornos gedreht hätten.
Wenn ich es recht überlege, ist es das einzig Nennenswerte, an das ich mich aus dem Studium erinnern kann. Heutzutage tragen wir die komplette Technik für sowas in Form eines qualitiv zigfach überlegenen Smartphones in der Hosentasche. Kein Wunder, dass aus der Jugend von Heute fast immer was Vernünftiges wird.
Wenn der Opa vom Krieg erzählt. Gräßlich. Was ich eigentlich der Welt mit auf den Weg geben wollte: Form und Inhalt, Medium und Geschichte, Technik und Erzählweise, Furz und Feuerstein müßen immer in einem dialektischen Verhältnis stehen, wenn ein autonomes Kunstwerk entstehen soll, das nicht in vormoderner bürgerlicher Erzählweise verhaftet ist.
Wie bei meinem Video oben, aufgenommen am 1. Mai am Mariannenplatz, wo die Jugend der Welt früher (!) dem fröhlichen Hönkeln in Form von Molotowcocktailweitwurfwettbewerben nachging und heute einfach dancing in the streets praktiziert. Mir hat’s gefallen. Die autonome Mairandale im Kreuzberg der Achtziger, zuletzt auch in linken Zusammenhängen Aufstand der Arschlöcher genannt, weil in entpolitisierte Gewalt entartet, ist weitgehend vielen dezentralen fröhlichen Maifeiern gewichen. Sieht man vom DGB-Rentnerinnenball am Brandenburger Tor ab.
Komisch und bezeichnend zugleich, ist doch der Kapitalismus jetzt, im Vergleich zu den Achtzigern, in ein vielfach bedrohlicheres Krisenstadium eingetreten.
Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan.

27.05.2022 – Ein Geist von Rechthaberei und Besserwisserei


taz vom 24.05.2022.
Armutsbekämpfung ist schlimmer als Sisyphos. Der war mit seinem Stein wenigstens fast auf dem Berg-Gipfel oben, bevor er wieder runterrollte. Ein Gipfel, das Erreichen eines wie auch immer definierten Zieles (EU-Lissabon Strategien 2010: Reduzierung EU-Armut um 20 Millionen. Ich hab schon bei der Verkündigung einen Lachanfall gekriegt) ist bei Armutsbekämpfung nicht nur nicht ansatzweise in Sicht sondern rückt in immer weitere Ferne. Die Wohnungs- und Energiesituation wird sich im kommenden Winter mit aller Dramatik entfalten. Ab und zu werden ein paar Brosamen unters bedürftige Volk verteilt, aber die Richtung bleibt klar: Kein Cent mehr Hartz-IV. Dafür sorgt mit eiskalter Brutalität die FDP, die eine auch nur ansatzweise gerechte Steuerpolitik mit Klauen und Zähnen verhindern wird, eine Politik, die die wachsende Zahl der Superreichen in Deutschland wenigstens ansatzweise an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen würde.
Dass diesen Blog hier ein gewisser Geist von Rechthaberei und Besserwisserei durchweht, wird jede gemerkt haben, die auch nur drei Einträge gelesen hat. Insofern sind Sätze aus dem taz Artikel wie „Schon 2019 forderte die Landesarmutskonferenz Niedersachsens Bauminister Olaf Lies (SPD) auf, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“ oder „Jedes Jahr rechnet die etwa die Landesarmutskonferenz unermüdlich vor, fallen mehr Wohnungen aus der Sozialbindung als neue geschaffen werden“ Wasser auf meine Mühlen. Und es wird in Niedersachsen einen Lagerwahlkampf geben im zentralen Punkt „Wohnen“: SPD und Grüne werden eine Landeswohnungsbaugesellschaft fordern, CDU und FDP ablehnen. Wann die dann kommt, steht in den Sternen.
Als die SPD sich dieser Forderung 2020 endlich anschloss, hatte Sisyphos für einen Moment das Gefühl, es geht voran, bergauf. Doch dann Corona-Folgen, Klimakosten, Inflation, Krieg, Flucht und nach Affenpocken vielleicht Pest, Lepra und Cholera.
Sisyphos soll ja aus der Gegend von Korinth stammen, aber ich werde umfangreiche Forschungen anstellen, ob sich das mythische Geschehen nicht doch auf Korfu abgespielt hat. Dann habe ich eine gute Ausrede, dem Elend hier zu entgehen. Mich macht die Brutalität des Klassenfeindes zunehmend wütend aber auch müde.
Die Sache ist für Sisyphos zwar nicht gut ausgegangen, aber er war immerhin ein derartiges Schlitzohr, dass er sogar Thanatos, den Gott des Todes, außer Gefecht gesetzt hatte. À la bonheur. Gibt das Hoffnung für den Klassenkampf?
Was aber bleibt, ist die Erinnerung.

An mein Lieblingsfoto von der Aktion 2019 vor dem Landtag, als wir die Landeswohnungsbaugesellschaft forderten und die versammelten Medien, Gewerkschaftsspitzen und der bärtige Olaf Lies mir scheinbar aufmerksam zuhörten.
Oh Vanitas, Du bist ein flücht‘ger Gast, und wärmst nicht Bauch noch Herz. Sic transit gloria mundi.

25.05.2022 – Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe


Trügerische Idylle, Auflösung des Bildes vom letzten Eintrag. Die orangenen Punkte in der Mitte in der Bucht sind Tret- und Paddelboote. Nachdem diese Doppelbucht jahrelang unbelästigt von touristischem Dreck blieb, weil nur mühselig kraxelnd erreichbar, war sie heuer mit diesem Müll kontaminiert, den irgendein Verleiher dahingeschleppt hatte. Was zur Folge hat, dass jetzt Leute in die eigentlich noch schwerer erreichbare hintere Bucht am oberen Bildrand paddeln und dort ihren Müll hinterlassen, wo sonst nur selten Leute abhingen.
Die Buchten sehen mich nie wieder. Dann eben richtig mit Strand, Bar und Sonnenschirm. Einsame Geheimtipps gibt es eh nicht mehr in Zeiten von Instagram und Co. Alte touristische Erkenntnis: Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe. Ob das auch für andere Lebensbereiche gilt, überlasse ich der Urteilskraft der geschätzten Leserinnen. Alle Kultur, so auch Reisen, ist Aneignung, ob wir das wollen oder nicht. So stehen Natur und Kultur immer in einem oft unauflösbaren Spannungsverhältnis.
Grundsätzlich gibt es wenig Gebote für Kulturproduzenten, eins davon aber lautet: Du sollst nicht nach unten treten und nicht nach oben buckeln. Aus diesem Grund ist mir z. B. der Berufsstand Comedian, anders als Kabarett, ähnlich suspekt wie der des Immobilienmaklers, beide laben sich wie Aasgeier an den Eingeweiden einer verfaulenden Gesellschaft. Comedians sind oft reaktionär und vollkommen geist- und witzlos wie Mario Barth oder Dieter Nuhr, imitieren Menschen mit Handicaps aus dem Prekariat wie Paul Panzer. Sie treten nach unten und biedern sich an den herrschenden Zeitgeist an, der vom Geist der Herrschenden zersetzt ist. Natürlich gibt es Gegenbeispiele feministischer Ansätze wie Carolin Kebekus oder migrantische Comedy, aber tendenziell, siehe oben.
Das im Hinterkopf habend, folgende putzige Geschichte. Unlängst war ich beim Auftritt eines Comedians zugegen, der mich aus dem Publikum pickte, vermutlich weil etwas anders aussehend, nach Namen fragte und: „Was bist Du von Beruf?“
„Witze-Verleiher.“
„Was? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wie soll das denn funktionieren?“
„Wenn Du für Deine Auftritte Material brauchst, leihst Du Dir bei mir paar Witze und zahlst mir nach einem Jahr das dafür, was sie Dir wert waren.“
„Welcher Comedian ist denn so bescheuert und macht sowas?“
„Wenn Du wüsstest, wer bei mir alles Kunde ist … “
„Erzähl doch mal!“
„Geschäftsgeheimnis.“
„Und kann man davon leben?“
Ich klappte mein Jackett Revers nach außen: „Weißt du, was auf diesem Etikett steht? …… Armani…“ (Steht natürlich nicht Armani drauf, man kann ja davon nicht leben. Noch nicht …)
Nach dem Auftritt saß er in einer Ecke und verklappte einen Drink. Ich sprach ihn an: „Das war doch ne 1a Steilvorlage für Dich“. Er, leicht angesäuert: „Alter, Du hast mich verarscht, sowas gibt’s doch gar nicht.“ – Ich: „Ich schick dir mal einen Link davon zu. Und eigentlich steht mir die Hälfte Deiner Gage zu.“
Der Mann ist, wie ich bei Recherche feststellte, erste Liga, tritt unter anderem in Berlin bei den Wühlmäusen auf und ist Deutschlands erfolgreichster Battle Rapper. Er ist Schwarzer, grundsympathisch und ich würde mich freuen, wenn er demnächst Hallen füllt, also Champions League.
Dann könnte ich behaupten, ich hätte mit dem mal einen Beef gehabt. Und bitte jetzt mal die Hand heben, wer weiß nicht, was ein Beef ist ….

20.05.2022 – Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher


Trügerische Idylle
Gestern verlautbarte der niedersächsische Finanzminister Hilbers in Pressegesprächen unter anderem, man solle angesichts der Inflation jetzt nicht zum Chef rennen und mehr Geld verlangen, weil dadurch eine Lohnpreis-Spirale in Gang gesetzt würde. Daraufhin fragte ein Medienvertreter nach, wie ich das einschätzen würde. Man kennt sich, schwätzt schon mal das eine oder andere private Wort und so nahm ich noch weniger Blätter vor den Mund als ohnehin:
Das ist doch Quatsch und so könne vielleicht ein Finanzminister reden, der mit 16 Riesen Brutto im Monat nach Hause geht. Für Millionen Niedriglöhnerinnen sei das völlig inakzeptabel etc. pp. In den 18 Uhr Nachrichten des Senders wurde dann Hilbers kurz im O-Ton zitiert, und danach:
„Alles Quatsch, so Klaus-Dieter Gleitze von der Landesarmutskonferenz ….“
Ich musste lachen, freute mich und grübelte, warum ich ausgerechnet „Quatsch“ gesagt hatte und nicht Blödsinn, Unfug, dummes Zeug … Was hatte da in mir gewaltet?
Und dann dämmerte es mir. Ich war auf den Spuren eines Titanen der frei vagabundieren Rhetorik gewandelt, des anbetungswürdigen Herbert Wehner, der in einem TV-Interview in der Nacht der Bundestagswahl 1969 vor der versammelten Medienmeute von 2 (!) Reportern, mehr Sender gab es damals nicht, mit einer qualmenden Pfeife im Mund unter anderem folgendes von sich gab: „ … Das wird ja versucht von der Hecke aus zu verschleiern…. Ob’s Wachslicht oder Talglicht war …“ Und dann als inkommensurable Climax:
„ Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher…“ ab 5.15
Dieser Sprachrhythmus, die Pausen, die Betonung, die Metaphern, die Mimik, das ist alles so überwältigend, so ragend über dem ganzen Einheitsblablabla-Dreck von heute, wo alle in dieselbe Rhetorikschule gehen und ich nach zwei Silben schon angeekelt wegschalte, dass ich vor Sehnsucht tief seufzen musste.
Lieber Onkel Herbert, falls Du das hier liest: Der Hilbers Quatsch ist eine winzig kleine Hommage von einem Verehrer.