{"id":11228,"date":"2020-09-03T12:28:23","date_gmt":"2020-09-03T06:28:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=11228"},"modified":"2020-09-03T12:28:23","modified_gmt":"2020-09-03T06:28:23","slug":"03-09-2020-hohnsymphonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=11228","title":{"rendered":"03.09.2020 \u2013 Hohnsymphonie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"469\" class=\"alignnone size-large wp-image-11229\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/boxi-624x468.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Berlin, Boxhagener Platz.<\/em> Mitten im Epizentrum der Disneyland-Partyzone Friedrichshain am \u201eBoxi\u201c existiert immer noch diese randst\u00e4ndige <a href=\"https:\/\/gruenberger.so36.net\/html\/wir.html\">Widerstands-Insel<\/a> , immer militant und radikal gegen Staat und Kapital. Die etwas schlicht gewirkten Entscheider*innen in Berlin wollen sowas nat\u00fcrlich r\u00e4umen, platt machen, umwandeln in Eigentumswohnungen etc. Kreative Wirtschaftsf\u00f6rderer sehen auch solche Zonen als Inkubatoren und Experimentierfeld f\u00fcr neue Formen der Stadtentwicklung, des Wirtschaftens, der Kunst, von nichtplanbaren Lebensformen, die letztlich das \u00dcberleben des Prinzips \u201eMetropole\u201c sichern. Und nat\u00fcrlich als Attraktor f\u00fcr Touris.<br \/>\nUnd das mit dem Linksradikalen, das w\u00e4chst sich auch im Laufe der Jahre aus, irgendwann machen die Pfiffigen von denen Karrieren in Stadtverwaltungen, Unternehmen und Politik, es w\u00e4re nicht der erste Steinewerfer von da, der Au\u00dfenminister w\u00fcrde. Der traurige Rest endet als Alki, Drogi oder auf der Stra\u00dfe.<br \/>\nF\u00fcr diejenigen, die tats\u00e4chlich den Traum vom anderen, solidarischen, kollektiven Leben und Arbeiten in der Stadt realisieren k\u00f6nnen, freut es mich umso mehr. Das war auch der einzige Grund, warum ich nach Jahren mal wieder in Friedrichshain, vulgo Fuckhain, abhing: zu gucken, ob diese Insel des Widerstandes noch existiert. Als Nebeneffekt fand ich den gerade stattfindenden \u00d6komarkt am Boxi durchaus witzig und spannend, das Zeug, was da angeboten wird, Insekten aus dem Wok und so Kram, kommt mit zwei, drei Jahren Versp\u00e4tung auch auf Ihre \u00d6kom\u00e4rkte.<br \/>\nNat\u00fcrlich wird da auch flei\u00dfig Kunst gemacht in solchen randst\u00e4ndigen Zentren, gerne auch Schrottkunst, die ihren Namen zu Recht tr\u00e4gt.<br \/>\n Das ist \u00fcbrigens von allen Motiven, Kunst zu machen, eines der ehrenwertesten: B\u00fcrgerliche Erwerbsarbeit zu vermeiden und trotzdem sozial nicht abgewertet zu sein. K\u00fcnstler*in zu sein erfreut sich in den meisten Kreisen eines hohen Distinktionsgewinnes &#8211; au\u00dfer in denen, wo es hei\u00dft: \u201eAch, Sie machen Kunst? Und was arbeiten Sie?\u201c Nat\u00fcrlich erfordert die Entscheidung, hauptberuflich auf Kunst zu setzen, eine extrem hohe Konsequenz-Bereitschaft. Das hei\u00dft im Normalfall Konsumverzicht, Einschr\u00e4nkung, Armut, in Zeichen der Seuche ist das un\u00fcbersehbar. Was sich mit 30 als l\u00e4ssig-elegante Aura der Boh\u00e8me wie eine K\u00fcnstler-Monstranz vor sich hertragen l\u00e4sst, ist mit 60 eher lebensverk\u00fcrzender Schrecken. Dagegen steht der Schrecken der Erwerbsarbeit, die mitnichten Selbstverwirklichung bedeutet, sondern oft einfach monotone, gesundheitsgef\u00e4hrdende Plage ist. Das Geschwafel von Worklife-Balance kann in den Ohren der meisten abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten und kleinen Soloselbstst\u00e4ndigen nur als Hohnsymphonie einer nach A 16 bezahlten, in Teilzeit und im Sabbatical befindlichen Beamten klingen.<br \/>\nAch so, eins noch, liebe Genossinnen, die politische Betrachtungsweise des Virus auf Eurem Transpi oben ist ja soweit ok, aber dialektisch daneben. Hammer und Sichel standen nicht f\u00fcr Befreiung, sondern Kontrolle und Unterdr\u00fcckung. Und das Virus-Schlimme am Kapitalismus sind eben nicht seine feingesponnen Kontroll- und \u00dcberwachungsinstanzen. Das Schlimme ist, dass er die Kontrolle und \u00dcberwachung in die K\u00f6pfe der Individuen verlagert hat. Das mit der Unterdr\u00fcckung besorgen die Unterdr\u00fcckten sich selbst, weil ihnen der Begriff einer autonomen Freiheit schon lange entw\u00f6hnt wurde. Die paar albernen Kameras oder neuerdings Algorithmen sind da nur Beiwerk zur Gewinnmaximierung, Beiwerk, auf das allerdings auch viele schlicht gewickelte Linke reinfallen, nach dem Motto: Uhh, der b\u00f6se \u00dcberwachungsstaat. Die Unterdr\u00fcckung f\u00e4ngt bei der Geburt im eigenen Kopf an und h\u00f6rt in der Kiste auf.<br \/>\nWenn wir Gl\u00fcck haben. Wir sehen uns am Boxi, auf dem \u00d6komarkt, vor der <a href=\"https:\/\/friedrichshainblog.de\/zielona-gora-politik-und-entspannung\/\">Zielona Gora<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, Boxhagener Platz. Mitten im Epizentrum der Disneyland-Partyzone Friedrichshain am \u201eBoxi\u201c existiert immer noch diese randst\u00e4ndige Widerstands-Insel , immer militant und radikal gegen Staat und Kapital. 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