{"id":12523,"date":"2022-02-04T15:16:04","date_gmt":"2022-02-04T09:16:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=12523"},"modified":"2022-02-04T19:35:50","modified_gmt":"2022-02-04T13:35:50","slug":"04-02-2022-nicht-immer-nur-seuche-mal-kurz-beiseitetreten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=12523","title":{"rendered":"04.02.2022 \u2013 Nicht immer nur Seuche. Mal kurz beiseitetreten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"469\" class=\"alignnone size-large wp-image-12524\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit-624x468.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Abschaffel-und-Arbeit.jpg 1156w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\nUnl\u00e4ngst las ich nach der Anregung eines gesch\u00e4tzten und lesenden Freundes Wilhelm Genazinos <a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/abschaffel\/978-3-446-27310-8\/\">Abschaffel<\/a>-Trilogie von Ende der Siebziger wieder. Abschaffel, Flaneur und &#8222;Workaholic des Nichtstuns&#8220;, kompensiert mit innerer Phantasiet\u00e4tigkeit die Ereignis\u00f6de seines Angestellten-Daseins. Vorher hatte ich das zeitgen\u00f6ssische \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeit_(Thorsten_Nagelschmidt)\">Arbeit<\/a>\u201c von Thorsten Nagelschmidt gelesen. Elf meist namenlose Protagonist*innen, fast alle prek\u00e4r lebend, erledigen, unsichtbar f\u00fcr Flaneure, die Drecksarbeit in Berlin.<br \/>\nZwischen beiden Werken liegen ca. 45 Jahre und wie es sich f\u00fcr gute Literatur ziemt, vermessen sie exakt die Entwicklung gesellschaftlicher Zust\u00e4nde im Schnittpunkt mit inneren Befindlichkeiten. 45 Jahre Entwicklungen, Perspektiven aus einer Republik, vormals \u2013 und von mir gerne immer noch so gescholten \u2013 BRD, jetzt Deutschland. Was f\u00fcr Welten liegen dazwischen.<br \/>\nHier Abschaffel, Angestellter im Normalarbeitsverh\u00e4ltnis, damals die absolute Regel. Zustand Abschaffels und der Republik zu jenen Zeiten: \u00d6konomische Sorgen? Ebenso Fehlanzeige wie solche um eine grunds\u00e4tzliche Zukunft. Abschaffel lebt im ausgehenden Goldenen Zeitalter des Kapitalismus, die Welt scheint immer besser zu werden. Es bleibt Zeit und Mu\u00dfe, sich &#8211; obsessiv im Falle Abschaffel &#8211; mit der eigenen Innenwelt zu besch\u00e4ftigen. Im Mittelpunkt steht der sp\u00e4ter legend\u00e4r gewordene \u201eSubjektive Faktor\u201c. Nicht umsonst wurde in jener Zeit, in Abkehr zum politischen Aufbruch von 68ff., das Volltrottelwesen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neo-Sannyas\">Bhagwan<\/a>-Bewegung in der BRD popul\u00e4r, die in Berlin immer noch zu jedem Karneval der Kulturen einen eigenen Wagen mit Bimmel Bimmel und Harri Krischan Sing Sang begleiten. Genazino webt, als sp\u00e4ter Thomas Mann-Verwandter, in den Abschaffel einen ironisch-melancholischen Grundton, der, hat man ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, zum Lachen reizt.<br \/>\nDas Lachen vergeht einem bei \u201eArbeit\u201c von der ersten bis zur letzten Seite. Namenlose, permanent vom Absturz bedroht, eilen, hasten, rasen in st\u00e4ndiger Sorge ums materielle und psychische \u00dcberleben durch die Nacht von Berlin, nichts ist ihnen ferner als Mu\u00dfe, Ruhe, Beschaulichkeit. Der Flaneur in den Stra\u00dfen der Metropole ist ihnen ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Die Literatur von Nagelschmidt, ehemaliges Mitglied einer Punkband, ist wie Herdplatte hei\u00df, w\u00e4hrend das Genazino Instrument eher der Schaukelstuhl ist.<br \/>\nAls teilnehmender Zeitgenosse dieser gesellschaftlichen Entwicklung, dieser Verrohung, fragte ich mich beim vergleichenden Lesen, in einer Mischung aus angeekelt und w\u00fctend: In was f\u00fcr Zeiten leben wir eigentlich?!<br \/>\nHier hilft, ohne die Entwicklung sch\u00f6n reden zu wollen, kurz beiseitetreten. Wenn Abschaffel 45 Jahre zur\u00fcckblickt, schaut er der Fratze des siegreichen Faschismus in die Augen. Deutschland ab 1933 in Vorbereitung des Holocaust. Was f\u00fcr Welten liegen zwischen 78 und 33.<br \/>\nUnd h\u00e4tte Abschaffel 1933 zur\u00fcckgeblickt, w\u00e4re er im Dreikaiserjahr 1888 gelandet, niemand ahnte etwas vom Grauen des ersten Weltkriegs. Elektrischer Strom und Autos? Fehlanzeige. Eine Postkartenwelt. Was f\u00fcr Welten liegen zwischen 33 und 88.<br \/>\nWie auch immer Sie, liebe Leserinnen, die skizzierten Entwicklungen bewerten, f\u00fcr beide B\u00fccher gilt: Lesenswert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unl\u00e4ngst las ich nach der Anregung eines gesch\u00e4tzten und lesenden Freundes Wilhelm Genazinos Abschaffel-Trilogie von Ende der Siebziger wieder. Abschaffel, Flaneur und &#8222;Workaholic des Nichtstuns&#8220;, kompensiert mit innerer Phantasiet\u00e4tigkeit die Ereignis\u00f6de seines Angestellten-Daseins. Vorher hatte ich das zeitgen\u00f6ssische \u201eArbeit\u201c von Thorsten Nagelschmidt gelesen. 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