{"id":13589,"date":"2023-03-04T15:12:18","date_gmt":"2023-03-04T09:12:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13589"},"modified":"2023-03-04T15:12:18","modified_gmt":"2023-03-04T09:12:18","slug":"04-03-2023-ambiguitaetstoleranz-und-meine-persoenliche-lebensplanung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13589","title":{"rendered":"04.03.2023 \u2013 Ambiguit\u00e4tstoleranz und meine pers\u00f6nliche Lebensplanung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13590\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos-624x468.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/moos.jpg 1156w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Moos im Bodenfrost. <\/em>Der Morgentau in den Moosstrukturen gefriert, das gibt ein sch\u00f6nes Bild und zeigt mir: Das Moos im Garten ist auf dem Vormarsch. Ich liebe Moos. Allein deshalb, weil \u00fcberall wo Moos, kein Rasen, den man m\u00e4hen m\u00fcsste. Was ich allerdings seit Jahren schon nicht mehr mache. Rasenm\u00e4hen ist eine inakzeptable inferiore k\u00f6rperliche T\u00e4tigkeit. Also Danke, Moos. Derlei Gedanken fleuchen mir bei meiner morgendlichen Zenbuddhistischen Garten-Meditation durchs Haupt. Die im Wesentlichen aus dem intensiven Nachz\u00e4hlen der drei Gr\u00fcndlinge in meinem Teich besteht. Gestern Morgen allerdings war etwas anders: Der Westwind dr\u00fcckte intensiven G\u00fcllegeruch in meine Nase.<br \/>Ein sicheres Zeichen f\u00fcr nahenden Fr\u00fchling, auch wenn das Wetter weiter winterlich beschissen ist. Das sei jahreszeitlich angemessen und ein gutes Zeichen f\u00fcr die Natur? Drauf geschissen, Natur ist was f\u00fcr Romantiker und Jahreszeiten sind schon lange ein Mythos, gibt\u2019s nicht mehr. Aber sch\u00f6n, dass die Jugend der Welt in Form von Fridays for Future Seit an Seit mit den Genoss*innen von Verdi f\u00fcr den Erhalt von Klima, Jahreszeiten und h\u00f6here L\u00f6hne k\u00e4mpft. Insofern fand ich den Anblick an der Hausvorderseite, der dunklen Seite des Universums, genauso ansprechend wie den des Mooses: An der nahen Kreuzung Autoschlangen ohne Ende. Whow, dachte ich, wie in der Gro\u00dfstadt. Bestreikter \u00d6PNV, also PKW ohne Ende. Dieser Anblick, hinten zartes, zenbuddhistisches Moos, vorne stinkende Autokolonnen, war eine feine Schulung f\u00fcr Ambiguit\u00e4tstoleranz &#8211; also die in Krisenzeiten unerl\u00e4ssliche F\u00e4higkeit, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit aushalten zu k\u00f6nnen. (Die nonchalante, en passant Verwendung dieses Ausdrucks bringt Ihnen, liebe Leserinnen, auf der bis 10 gehenden Sprach-Distinktionsskala eine glatte 9.)<br \/>Vorne bricht scheinbar die Zivilisation zusammen, hinten ein Hauch von stiller Poesie. Der G\u00fcllegeruch, um diesen Ambiguit\u00e4ts-Ausflug in die Endzeit-Philosophie zu beenden, stellt \u00fcbrigens die Dialektik zwischen vorne und hinten her. Beide st\u00fcnden sonst eher unvermittelt gegeneinander.<br \/>Genug geschwafelt. Was aus pragmatischer Sicht bleibt, ist die erstaunliche Koalition von FFF und Verdi. Die Arbeitgeber und deren parlamentarische B\u00fcttel warnen, aus ihrer Sicht v\u00f6llig zu Recht, vor der <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/oeffentlicher-dienst--warnstreiks-legen-nahverkehr-in-vielen-staedten-lahm-33247268.html?utm_campaign=alle&amp;utm_medium=rss-feed&amp;utm_source=standard\">\u00dcberschreitung einer roten Linie in Richtung politischer Streik <\/a>. Der ist in der BRD nach vorherrschender Meinung verboten, insofern er nicht ausschlie\u00dflich tarifpolitische Ziele verfolgt. Zwar ist der Streikaufruf von Verdi rechtssicher abgefasst, aber mit der alltagspraktischen Intervention dieser Koalition kann sich die politische Tektonik nachhaltig verschieben. Wenn sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen &#8211; also politische und kulturelle Aggregatzust\u00e4nde, die eigentlich wie vorne und hinten sind &#8211; dauerhaft und nachhaltig verb\u00fcnden, entst\u00fcnde ein endlich, nach langer Zeit, ein emanzipatorisches Potential, dass das Rennen um mehr sozial\u00f6kologische Gerechtigkeit wieder etwas spannender machen w\u00fcrde. Stellen Sie sich mal vor, ein Meer von roten Fahnen und viele kreative, radikale Aktionen Seit an Seit, gespielt auf der Klaviatur der sozialen Medien, begleitet von medialem Wohlwollen (Nein, Bl\u00f6d-Zeitung nicht, aber die Lehrerinnen-Postillen wie Zeit und S\u00fcddeutsche) und unerl\u00e4sslichen charismatischen Figuren, sowas f\u00fcrchtet das Kapital und seine Schergen wie der Heide das Weihwasser. Ich bin gespannt, was von deren B\u00fcchsenspannern demn\u00e4chst als Konterattacke kommt. Eine derartige Entwicklung k\u00f6nnen die so nicht durchgehen lassen.<br \/>Was die charismatischen Figuren aus dem Gewerkschaftslager angeht, bin ich allerdings sehr, sehr skeptisch. Im Vergleich zu den Oberbonzen von IG Metall und Verdi z. B. sind Valium-Tabletten das reinste Aufputschmittel. Mir f\u00e4llt spontan aus diesem Lager nur einer mit Charisma ein: Ich.<br \/>Aber erz\u00e4hlen Sie\u2019s nicht weiter. Meine Lebensplanung sieht anders aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moos im Bodenfrost. Der Morgentau in den Moosstrukturen gefriert, das gibt ein sch\u00f6nes Bild und zeigt mir: Das Moos im Garten ist auf dem Vormarsch. Ich liebe Moos. Allein deshalb, weil \u00fcberall wo Moos, kein Rasen, den man m\u00e4hen m\u00fcsste. Was ich allerdings seit Jahren schon nicht mehr mache. 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