{"id":13874,"date":"2023-06-09T11:47:14","date_gmt":"2023-06-09T05:47:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13874"},"modified":"2023-06-09T11:50:44","modified_gmt":"2023-06-09T05:50:44","slug":"09-06-2023-ueber-gesellschaftliche-normen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13874","title":{"rendered":"09.06.2023 \u2013 \u00dcber gesellschaftliche Normen"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13875\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen-624x468.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/yorckschloesschen.jpg 1850w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Yorckschl\u00f6sschen, Kreuzberger Institution, Live Club und Biergarten. Hier hat sich seit den 70ern nichts ver\u00e4ndert. Neulich wollten wir dahin. Am Fenster im Parterre unseres Hauses sa\u00df Dieter und rauchte. Wir hielten kurz an: \u201eNa, wie isses?\u201c Er klang unbegeistert: \u201eWas soll\u2019s. Muss ja. N\u00e4chste Woche im Bundeswehrkrankenhaus. Die wollen da nochmal was machen.\u201c Dieter hat Krebs, unheilbar, vom Scheitel bis zur Sohle. Noch ein paar Monate. Man hat ihn aus dem Knast entlassen, Haftverschonung, damit er Zuhause sterben kann. Seine Frau bem\u00fcht sich auch um Hafturlaub, um ihn zu besuchen. Dieter, seine Frau und sein Zuhause lebender Sohn haben ein Familienunternehmen gegr\u00fcndet. Drogenhandel. Unabh\u00e4ngig vom \u201eDruckfesten\u201c, Jahre nach ihm. In derartigen Mengen, dass die ganze Familie ohne Bew\u00e4hrung in den Bau einfuhr, nachdem sie erwischt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter und der Druckfeste sind ganz normale Leute, keine Dealer a la Altfreak mit langen Haaren und Lederjacke oder Neondealer mit Ray-Ban-Sonnenbrille und Gelhaar-Hackfresse. Sie handelten einfach einer gewissen Logik und gesellschaftlichen Norm entsprechend. Die Perspektive eines Lebens als Gro\u00df- und Einzelhandelskaufmann in Legebatterie\u00e4hnlichen Gro\u00dfraumb\u00fcros oder als Staplerfahrer in vesifften Fabrikhallen erschien ihnen wohl offensichtlich so wenig verlockend, dass sie ihr Erwerbs-Portfolio erweiterten, gem\u00e4\u00df dem Motto: Ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hand aufs Herz respektive aufs Portemonnaie: Wer von uns Normalos h\u00e4tte nicht schon mal von einem Leben in Saus und Braus, Luxus und Dekadenz getr\u00e4umt? War fr\u00fcher, in der Phase des Wiederaufbaus nach dem Krieg und der Stabilisierung unserer Gesellschaft, gesellschaftliche Norm der Konsumverzicht, das Sparen, der Triebaufschub &#8211; \u201eSpare in der Zeit, dann hast Du in der Not\u201c, die klassisch protestantisch-kapitalistische Verzichtsethik &#8211; so trat mit wachsender Demokratisierung ab den 70ern Konsum in den Vordergrund. Man g\u00f6nnte sich wieder was. Demokratie und Konsum sind untrennbare zwei Seiten einer Medaille. In sp\u00e4teren Phasen entwickelte sich schamlos zur Schau gestellte Dekadenz von \u00fcberschie\u00dfendem Luxus und Prasserei als permanent medial verbreitetes gesellschaftliches Leitbild, verkn\u00fcpft mit grenzenloser Verachtung f\u00fcr alles, was nach Armut und Prekariat riecht. Man schaue nur mal 30 Sekunden in die Fratzen der Million\u00e4rsfamilie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Geissens_%E2%80%93_Eine_schrecklich_glamour%C3%B6se_Familie\">Geissen<\/a> , ein TV-Sozialpornoformat der \u00fcbelsten Sorte. L\u00e4uft seit 2011.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer wollte es also den Druckfesten und Dieters dieser Welt ver\u00fcbeln, wenn sie versuchen, auf ihre Weise ein St\u00fcck vom goldenen Kuchen abzubekommen. Nicht immer nur Schwarzbrot.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer ab und zu mal einen Joint raucht und einen Beutel Gras f\u00fcr nen Zwanni beim Kumpel kauft, sollte sich klarmachen, dass das Zeug nicht abgepackt in Plastikt\u00fcten von Rosinenbombern abgeworfen wird, sondern auf \u00fcblichen Handelswegen in Verkehr gebracht wird, auch in gro\u00dfen Mengen. Vielleicht wird das durch die Legalisierung von Marihuana mit nachfolgender Subsistenzwirtschaft und lokalen Selbstversorgungsstrukturen etwas besser, aber bis dahin gelten die Gesetze des Handels, auch f\u00fcr Illegales. Es gibt keine rauschfreie Gesellschaft und hier erf\u00fcllen Dealer wie der Druckfeste und Dieter eine nicht akzeptierte, aber notwendige Funktion. Siehe auch Prostitution.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Druckfesten kenne ich schon l\u00e4nger, wir verklappen ab und zu zusammen vor dem t\u00fcrkischen Imbiss in unserem Haus ein Bier. Aber nachdem ich die Geschichte von Dieter erfahren hatte, hab ich doch mal vorsichtig nachgefragt: \u201eEs gibt aber schon noch Leute im Haus, die nicht kriminell sind?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yorckschl\u00f6sschen, Kreuzberger Institution, Live Club und Biergarten. Hier hat sich seit den 70ern nichts ver\u00e4ndert. Neulich wollten wir dahin. 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