{"id":13956,"date":"2023-07-06T11:55:56","date_gmt":"2023-07-06T05:55:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13956"},"modified":"2023-07-06T11:55:56","modified_gmt":"2023-07-06T05:55:56","slug":"06-07-2023-koenigin-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13956","title":{"rendered":"06.07.2023 \u2013 K\u00f6nigin der Nacht"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"930\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-930x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13957\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-930x1024.jpg 930w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-272x300.jpg 272w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-768x846.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-1395x1536.jpg 1395w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-1859x2048.jpg 1859w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/koenigin-der-nacht-624x687.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Zucchinibl\u00fcte, \u00fcber Nacht aufgegangen. Ist nicht so mein Gem\u00fcse, aber die Bl\u00fcten sind zauberhaft. In der Morgend\u00e4mmerung von magischer Strahlkraft, von der auf Grund ihrer Intensit\u00e4t sogar eine gewissen D\u00fcsternis ausgeht. K\u00f6nigin der Nacht, ging mir durch den Kopf. So auch der Name jener Protagonistin aus der Zauberfl\u00f6te mit der wohl ber\u00fchmtesten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xpI4uxcfY-4\">Koloratur <\/a>der Musikgeschichte: Der H\u00f6lle Rache kocht in meinem Herzen .<\/p>\n\n\n\n<p>Dramatischer wird\u2019s aber nicht, prosaisch pfl\u00fcckte ich die Bl\u00fcte, die essbar ist. Nat\u00fcrlich nicht frittieren, es ist ein verbreiteter Unsinn, Bl\u00fcten zu frittieren. Wer sowas will, soll Pommes oder Calamari essen; der Geschmacksnerven Rache siedet in meiner Fritteuse. Einfach roh essen, am Salat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, am PC, verflogen meine bildungsb\u00fcrgerlichen Flausen und Reminiszenzen an die Haute Cuisine im Nu. Beim <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/afd-erfolge-im-osten-hier-fuehlen-sich-viele-gleich-dreifach-abgewertet-als-arbeiter-als-ossi-als-mann-a-151a1bb3-f382-4046-8bc1-47f8494fad85\">Spiegel-Interview<\/a> des gesch\u00e4tzten Jenaer Soziologen Klaus D\u00f6rre, der auch dahin geht mit seinen Forschungen, wo es weh tut, n\u00e4mlich in die Niederungen der Gewerkschaften. Dass Gewerkschaftsmitglieder \u00fcberdurchschnittlich oft AfD w\u00e4hlen, ist bekannt. D\u00f6rre hat \u00fcber rein statistische Erhebungen hinaus versucht, in Tiefeninterviews mit rechtsorientierten Gewerkschaftern und Funktion\u00e4ren in Betrieben in den neuen Bundesl\u00e4ndern deren psychosoziale Dispositionen genauer zu verorten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die massive und nachhaltige Verh\u00e4rtung rechtsextremer bis faschistoider Einstellungen bei nicht geringen Teilen dieser Klientel ist erschreckend und st\u00fcrzt die ohnehin schwachen Gewerkschaften im Osten in ein fast unl\u00f6sbares Dilemma. Zitat D\u00f6rre:\u201c \u2026. <em>Der antifaschistische Grundkonsens geh\u00f6rt quasi zur Geburtsurkunde der Gewerkschaften. K\u00e4me sie \u2026 Forderungen rechter Funktion\u00e4re nach, w\u00fcrde es sie zerrei\u00dfen, massenhaft w\u00fcrden Linke und Mitglieder mit Migrationshintergrund austreten, nach wie vor ihre aktivsten Kerne.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite haben aber Positionen der faschistischen AfD zumindest in l\u00e4ndlichen Regionen des Ostens mittlerweile fl\u00e4chendeckend kulturelle Hegemonie erlangt, in die nat\u00fcrlich auch rechte Gewerkschafter eingebettet sind. Kulturelle <a href=\"https:\/\/freiheitslexikon.de\/kulturelle-hegemonie\/\">Hegemonie<\/a> ist nach Antonio Gramsci eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr die Produktion von Macht im Staat. Die Gewerkschaften befinden sich also in einem derartig tiefen Dilemma, dass D\u00f6rres deprimierendes Fazit lautet:\u201c <em>\u2026 ehrlicherweise kenne ich auch kein Patentrezept zur Eind\u00e4mmung der AfD\u2026\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwar keine Arbeiterbewegung mehr, aber nat\u00fcrlich noch massenhaft Arbeiter, die ohne Klassenbewusstsein in der Gesellschaft frei flottieren, einer Flipperkugel gleich. Sie finden aber im \u00f6ffentlichen und medialen Diskurs nicht statt und sind nirgendwo auch nur ann\u00e4hrend repr\u00e4sentiert. Gewerkschaften w\u00e4ren die einzige zivilgesellschaftliche Organisation, die sie erreichen k\u00f6nnten, das funktioniert aber immer weniger. Auch weil sich Gewerkschaften zunehmend entpolitisieren, zu reinen Tarifmaschinen f\u00fcr Kernbelegschaften in Schl\u00fcsselindustrien degenerieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem also das Prekariat, das Marxsche Lumpenproletariat, haupts\u00e4chlich in sozialen Brennpunkten verortet, schon in Massen AfD w\u00e4hlt, wenn es \u00fcberhaupt noch w\u00e4hlt, wechseln jetzt in Scharen die vom sozialen Absturz bedrohten autorit\u00e4r disponierten Facharbeiter mit fliegenden, braunen Fahnen in das andere Lager \u00fcber. Erst fl\u00e4chendeckend im Osten, dann auch im Westen. Kein neuer Befund, auf diese fundamentale Schwachstelle im demokratischen Konzept haben schon der ph\u00e4nomenale Wilhelm Reich und nach ihm Erich Fromm hingewiesen. Adorno mit dem \u201eautorit\u00e4ren Charakter\u201c in den 50ern war da nur Epigone. Der Mann ist \u00fcberhaupt ein vollkommen \u00fcbersch\u00e4tzter Schwatzhansel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Drama an der hier kurz skizzierten Situation ist aber, dass die hiesige (organisierte) Facharbeiterschaft einerseits schon lange moralisch korrumpiert ist, andererseits aber selbstbewusst \u00fcber ein kollektives Bewusstsein ihrer F\u00e4higkeiten, Organisationserfahrungen und immer noch vorhandenen Macht verf\u00fcgt. Der Mythos der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Br%C3%BCcke_der_Solidarit%C3%A4t#Namensgebung\">Besetzung der Br\u00fccke von Rheinhausen,<\/a> und vieler anderer Streikaktionen, ist immer noch pr\u00e4sent <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist also eine nicht auszuschlie\u00dfende Horrorvorstellung, dass vom Absturz bedrohte und von Krisen \u00fcberforderte Teile der Arbeiterschaft sich in wilden Streiks und Aktionen ihrer Organisationserfahrung bedienen und rechtsextremen, faschistischen Positionen professionell auf der Stra\u00dfe Ausdruck verleihen. Dann w\u00e4re die Demokratie im Zangengriff, auf parlamentarischer Eben die AfD, in der Fl\u00e4che rechtsextreme, kulturelle Hegemonie und auf der Stra\u00dfe der Wille des Volkes. Fehlt nur noch eine charismatische F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeit und wir haben den Kladderadatsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wandere ich aus und werde Zucchinibauer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zucchinibl\u00fcte, \u00fcber Nacht aufgegangen. Ist nicht so mein Gem\u00fcse, aber die Bl\u00fcten sind zauberhaft. In der Morgend\u00e4mmerung von magischer Strahlkraft, von der auf Grund ihrer Intensit\u00e4t sogar eine gewissen D\u00fcsternis ausgeht. K\u00f6nigin der Nacht, ging mir durch den Kopf. 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