{"id":14390,"date":"2023-10-30T16:41:33","date_gmt":"2023-10-30T10:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14390"},"modified":"2023-10-30T16:41:33","modified_gmt":"2023-10-30T10:41:33","slug":"30-10-2023-am-ende-wartet-der-hades","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14390","title":{"rendered":"30.10.2023 \u2013 Am Ende wartet der Hades"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1-1024x767.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14391\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1-1024x767.jpg 1024w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1-768x575.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1-624x467.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/hades1.jpg 1064w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Imbiss in unserem Haus in Kreuzberg, WG-intern Hades genannt. Der Hades ist in der griechischen Mythologie der Ort der Unterwelt, das Reich der Schatten. Wer seine Schwelle \u2013 in der Mythologie den Fluss Acheron &#8211; \u00fcberschreitet, f\u00fcr die gibt es kein Zur\u00fcck. Dort sind alle gleich, arm oder reich. Unser Hades ist eine Insel der M\u00fchseligen und Beladenen, f\u00fcr Menschen mit wenig Geld, in einem Meer von Gentrifizierung ringsum. Die 1,50 f\u00fcr Flasch Bier kann sich auch ein B\u00fcrgergeldempf\u00e4nger mal leisten. Und wenn er nur so da sitzt, davor, in der Sonne, und der gesellschaftlichen Teilhabe und Kommunikation fr\u00f6nt, kr\u00e4ht auch kein Hahn oder Wirt nach. Im Gegenteil, ein Teller Linsensuppe liegt auch mal f\u00fcr lau drin. Der Hades ist seit vielen Jahren funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk. Beispiel: Unser Kellerschloss zickte, unwiderruflich. Ein unl\u00f6sbares Problem f\u00fcr Menschen, deren Sph\u00e4re eher der Diskurs \u00fcber Hegels Ph\u00e4nomenologie des Geistes ist. Mit der man aber ein Kellerschloss nicht aufkriegt. F\u00fcr Fred, den Handwerker, mit seiner Flex, eine Frage von Minuten. Wechselkurs: Zwei Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich vor dem Hades sitze und mit dem Rest kommentierend den Gang der Geschichte um uns herum betrachte, oder seine Schwelle \u00fcberschreite, bin ich in einer anderen Welt. Keine heile, wei\u00df Gott nicht. Nur eine andere, geerdete. Und dem Zustand der Rest-Welt zufolge ist es eine bessere; fast ein utopischer Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Investor hat das Haus gekauft. Die Mieter*innen haben teils langj\u00e4hrige K\u00fcndigungsfristen, Gewerber\u00e4ume wie der Hades aber sind durch reine Nichtverl\u00e4ngerung der j\u00e4hrlichen Mietvertr\u00e4ge ruckzuck entmietet. Bei der Hipsterstruktur des gegen\u00fcberliegenden <a href=\"https:\/\/www.inforadio.de\/dossier\/archiv-2014\/berlins-neues-gesicht\/der-moeckernkiez.html\">M\u00f6ckernkiezes \u00a0<\/a>kommt da gerne auch ein Edelitaliener als Nachfolger in Frage. M\u00f6ckernkiez ist genossenschaftliches Wohnen. Kostet als Einstand pro qm 1.000 Euro und ein monatliches Nutzungsgeld von 13 Euro pro qm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange die Mieter*innen bei uns im Haus m\u00f6glichen Entmietungsterror durchhalten, ist eine weitere Frage. Davon ist im Moment allerdings nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcnnes Eis. Ich m\u00fcsste dem Hades, den Menschen dort, irgendwie eine Stimme geben, damit das alles nicht unerinnert, ungeh\u00f6rt im Orkus verschwindet.&nbsp; Naheliegend w\u00e4re ein kleiner Film. Das ist heutzutage sogar mit guten Handys technisch machbar, und h\u00e4tte auch nicht den bitteren Beigeschmack des klassischen Dokumentarfilms, wo oft ein Filmteam einschwebt, den Film produziert und spurenlos, unbeteiligt an m\u00f6glichen K\u00e4mpfen, Konflikten, wieder verschwindet. Ausbeutung. Ich bin seit Jahren Teil des Hades und des Hauses. Dieses Projekt st\u00fcnde somit auch in der medientheoretischen Tradition von Tretjakov, Benjamin, Brecht, zu Teilen auch dem fr\u00fchen Enzensberger, die von Kulturschaffenden bei der Produktion ihrer Arbeit immer auch eine mitf\u00fchlende Teilhabe an den gesellschaftlichen Konflikten gefordert haben. Also das krasse Gegenteil des konventionellen b\u00fcrgerlichen K\u00fcnstlers, der im Elfenbeinturm seines Ateliers oder seiner Schreibstube individualisiert, entpolitisiert vor sich hin pfuscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem eines solchen Filmes l\u00e4ge eher darin, dass jede Anwesenheit von Technik, Medien das Geschehen, das Verhalten der Menschen, ver\u00e4ndert, so wie Messinstrumente ein Experiment selber ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Und selbst wenn der Film durch verschiedene Montagetechniken unlangweilig r\u00fcber k\u00e4me: Das ist eine unglaublich aufw\u00e4ndige Arbeit, \u00fcber viele Monate, zig Stunden Material, das gesichtet, gewichtet, geschnitten werden muss. Und Zeit ist eine knappe Ressource, sie rinnt mitunter wie Wasser durch die Finger.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich hier in loser Reihenfolge dem Hades eine wie auch immer geartete Stimme gebe. Und mal ehrlich: Welcher Dokumentarfilm hat schon jene 50.000 Besucherinnen, die sich hier im Blog monatlich tummeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf geht\u2019s. Denn eins ist sicher: Am Ende wartet der Hades.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf uns alle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Imbiss in unserem Haus in Kreuzberg, WG-intern Hades genannt. Der Hades ist in der griechischen Mythologie der Ort der Unterwelt, das Reich der Schatten. Wer seine Schwelle \u2013 in der Mythologie den Fluss Acheron &#8211; \u00fcberschreitet, f\u00fcr die gibt es kein Zur\u00fcck. Dort sind alle gleich, arm oder reich. 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