{"id":14535,"date":"2023-12-18T16:42:24","date_gmt":"2023-12-18T10:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14535"},"modified":"2023-12-18T16:49:32","modified_gmt":"2023-12-18T10:49:32","slug":"18-12-2023-still-erleuchtet-jedes-haus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14535","title":{"rendered":"18.12.2023 \u2013 Still erleuchtet jedes Haus"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"938\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized-938x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14536\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized-938x1024.jpg 938w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized-768x838.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized-624x681.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/20231216_171834_resized.jpg 1360w\" sizes=\"(max-width: 938px) 100vw, 938px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Frieda\u2019s mobile Donnerbalken. Hier sitzen Sie First Class. Bitte warten, Sie werden platziert! <\/p>\n\n\n\n<p>Quedlinburg, Ostzone, Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Mit \u00fcber 2000 Fachwerkh\u00e4usern aus 8 Jahrhunderten Weltkulturerbe und eines der gr\u00f6\u00dften Fl\u00e4chendenkm\u00e4ler in Deutschland. Wenn schon Weihnachtsmarkt, dann aber richtig, zumal sich gerade in solch gro\u00dffl\u00e4chigen Anklumpungen stimmungsvoller Erhabenheit dem Humor-Connaisseur immer wieder k\u00f6stliche Pretiosen erschlie\u00dfen, wie \u201eFrieda\u2019s mobile Donnerbalken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leben noch, die innerdeutschen Unterschiede, die leider keine Grenzen mehr sind. In der Ostzone wurden G\u00e4ste fr\u00fcher in jedem Restaurant platziert. Ein Ritual, dass dem BRD-Insassen v\u00f6llig fremd war und dem sich daher der Donnerbalken-Scherzgehalt des \u201eSie werden platziert\u201c nicht in der notwendigen Tiefe entschl\u00fcsselt. Ich h\u00e4tte mir vor Lachen beinahe in die Hose gemacht, hab\u2019s aber gerade noch bis Frieda geschafft. Beim Preis von 1 Euro werden alte Genoss*innen auch gedacht haben: Non olet, der Kapitalismus macht selbst aus Schei\u00dfe Kohle.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Angesicht des hell erleuchteten mobilen Donnerbalkens gingen mir Eichendorffs Zeilen durch den Kopf:<\/p>\n\n\n\n<p>Markt und Stra\u00dfen stehn verlassen,<\/p>\n\n\n\n<p>Still erleuchtet jedes Haus,<\/p>\n\n\n\n<p>Sinnend geh&#8216; ich durch die Gassen,<\/p>\n\n\n\n<p>Alles sieht so festlich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Fenstern haben Frauen<\/p>\n\n\n\n<p>Buntes Spielzeug fromm geschm\u00fcckt,<\/p>\n\n\n\n<p>Tausend Kindlein stehn und schauen,<\/p>\n\n\n\n<p>Sind so wunderstill begl\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines meiner eindr\u00fccklichsten ersten Leseerlebnisse war \u201eAus dem Leben eines Taugenichts\u201c von Eichendorff. Das erschien mir damals, und bei Lichte betrachtet heute noch, nicht die schlechteste Existenz-Variante. Die b\u00fcrgerliche Abwertung \u201eTaugenichts\u201c bezieht sich ja nicht auf fehlende moralische Eigenschaften, sondern einzig auf die Weigerung, sich der Norm des kapitalistischen Erwerbslebens zu unterwerfen. Und angesichts der Verheerungen, die der Fetisch \u201eArbeit\u201c \u00fcber die kapitalistische Welt gebracht hat und bringen wird bis zu ihrem bitteren Ende, scheint mir der Titel \u201eTaugenichts\u201c eine derart \u00fcber alle Ma\u00dfen adelnde Bezeichnung, dass ich in den SCHUPPEN 68-Shop f\u00fcr 2024 das Angebot aufnehmen werde: <\/p>\n\n\n\n<p><strong>T-Shirt, mit Aufdruck \u201eTaugenichts\u201c, 68 Euro.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eichendorff war Romantiker, eine ambivalente Geisteshaltung und Stilrichtung. Einerseits mit der Betonung von Gef\u00fchl, Leidenschaft, individuellem Erleben in ihrer Ablehnung der aufkommenden Moderne, Industrialisierung, und damit in der Abgrenzung von den Verstandeswelten der Aufkl\u00e4rung, eine eher Vernunftfeindliche Ideologie, auf die sich letztlich auch die Nazis bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Wo w\u00e4ren wir ohne Gef\u00fchl, Leidenschaft, individuellem Erleben, ohne unsere inneren Welten der Transzendenz, der Spiritualit\u00e4t, der Seele als Antipodin des Verstandes. Und so war ich Frieda\u2019s mobilem Donnerbalken f\u00fcr ein doppeltes Gef\u00fchl der Erleichterung dankbar, n\u00e4mlich auch dem Gef\u00fchl: Gut, dass wir auch mal \u00fcber den Taugenichts als m\u00f6gliche Figur der Erl\u00f6sung vom kapitalistischen Joch geredet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nieder mit der Arbeitswut! Es lebe das Taugenichtsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier aber endet Eichendorff, ger\u00e4t die gesamte Romantik an ihr immanente Grenzen fehlender Ideologiekritik. Ideologiekritisch m\u00fcssen wir Eichendorffs Zeilen nat\u00fcrlich angesichts der massenhaften traumatisierenden Armut gerade in der Weihnachtszeit und gerade f\u00fcr Kinder, die wenig bis nichts geschenkt kriegen, wie folgt erg\u00e4nzen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Tausend Kindlein stehn und schauen,<\/p>\n\n\n\n<p>Sind so wunderstill begl\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>400 Kindlein stehn und trauern,<\/p>\n\n\n\n<p>Sind so w\u00fcrdelos bedr\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frieda\u2019s mobile Donnerbalken. Hier sitzen Sie First Class. Bitte warten, Sie werden platziert! Quedlinburg, Ostzone, Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Mit \u00fcber 2000 Fachwerkh\u00e4usern aus 8 Jahrhunderten Weltkulturerbe und eines der gr\u00f6\u00dften Fl\u00e4chendenkm\u00e4ler in Deutschland. 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