{"id":14818,"date":"2024-02-28T13:31:23","date_gmt":"2024-02-28T07:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14818"},"modified":"2024-02-28T14:31:41","modified_gmt":"2024-02-28T08:31:41","slug":"28-02-2024-klammheimliches-bedauern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=14818","title":{"rendered":"28.02.2024 \u2013 Klammheimliches Bedauern"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14819\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh-624x832.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/monat-zu-frueh.jpg 1734w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Zu fr\u00fch. Japanische Blutpflaume, Bl\u00fctenbeginn. Ein zauberischer Anblick im Garten, wenn das zart wei\u00dfrosa Bl\u00fctenmeer in ein paar Tagen seine blendende Helligkeit ausbreitet, inmitten der noch trostlos gr\u00e4ulichen, nur vom ersten Rosengr\u00fcn und den allf\u00e4lligen Krokussen besprenkelten Restvegetation. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sp\u00e4t ist es f\u00fcr den Staat hingegen nie. Mit eiserner H\u00e4rte klebt er an den Resten der dritten Generation der RAF und hat nun Erfolg, wohl nach der TV-Oberpetze-Sendung \u201eAktenzeichen XY\u201c. Daniela Klette wurde im SO 36 Teil von Kreuzberg festgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die Meldung las, war mein erstes Gef\u00fchl: Schade. Dient das jetzt noch substanziell dem Rechtsfrieden?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein klammheimliches Bedauern. Diese Codierung muss ich f\u00fcr die nach 1965 Geborenen erkl\u00e4ren. \u201eKlammheimliche Freude\u201c empfand der sogenannte G\u00f6ttinger Mescalero in einem Artikel angesichts der Ermordung des damaligen Generalbundesanwaltes Siegfried Buback durch die RAF, ohne diesem Mord zuzustimmen und gegen derartige Terrorakte argumentierend. &nbsp;Also durchaus differenzierend. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%B6ttinger_Mescalero\">Zitat<\/a>: &nbsp;<em>\u201eDer G\u00f6ttinger Mescalero war der pseudonyme Autor des Textes Buback \u2013 Ein Nachruf, der 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion (RAF) in einer Weise kommentierte, die in der \u00d6ffentlichkeit vor allem als Zustimmung zu dem Mord gewertet wurde, obwohl der Autor in Wirklichkeit gegen solche Terrorakte argumentierte. Die Mescalero-Aff\u00e4re f\u00fchrte zu einer kontrovers gef\u00fchrten, \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber Sympathisanten und das Verh\u00e4ltnis der extremen Linken zum Terrorismus der RAF.  \u201e<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die RAF besa\u00df damals im juste milieu der radikalen Linken und dar\u00fcber hinaus durchaus in b\u00fcrgerlich-liberalen Kreisen eine nicht geringe Zustimmung und auch Unterst\u00fctzung. Es galt f\u00fcr die, die Gewalt auch in der b\u00fcrgerlichen Demokratie im Prinzip als Widerstandsmittel legitim hielten: Gewalt ist illegal, aber legitim. Die Grenze f\u00fcr die Meisten bildete Gewalt gegen Personen. Diese Grenze \u00fcberschritten nur wenige.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Theorie waren sich alle weitgehend einig: Wir leben in einer Klassengesellschaft (richtig). Der Staat ist lediglich demokratische Fassade und Handlanger des Kapitals (halbrichtig). Das Kapital beutet die elenden Massen weltweit erbarmungslos aus (fast richtig). Die Gesellschaft, das Volk (!, oje, v\u00f6lkischer Alarm) wird verdummt und verblendet, muss nur aufgekl\u00e4rt und agitiert (vor dem Werkstor) werden und wartet blo\u00df auf ein revolution\u00e4res Terror-Fanal der k\u00e4mpfenden Avantgarde, um loszuschlagen (entsetzlich falsch). Vor dem Werkstor gab\u2019s auf die Fresse beim Flugi verteilen und der Mob wollte nur eins: H\u00e4uschen, Auto, Urlaub, Bild und Glotze.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hier beschriebene Gegensatz Staat \u2013 Gesellschaft existiert nach wie vor noch. Nur haben sich die Vorzeichen radikal ge\u00e4ndert. Sollte damals die aufzukl\u00e4rende Gesellschaft gegen ein als faschistoid denunzierten Staat in Stellung gebracht werden, sieht die Realit\u00e4t heute so aus: Der b\u00fcrgerliche Staat ist bei aller Kritik mit seinen verrechtlichten Institutionen (Justiz) eine der letzten Brandmauern gegen den grassierenden Faschismus in der Gesellschaft. Und so schwer es allen Staatsskeptikern (wie mir) auch fallen m\u00f6ge, ist dieser Staat und damit die Restdemokratie, zu verteidigen. Gegen seine Insassen. The times they are a changing.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz habe ich nach wie vor Sympathien f\u00fcr den reflektierten Ansatz der RAF, nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr Desperados und Faschisten wie Baader und Horst Mahler, aber f\u00fcr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrike_Meinhof\">Ulrike Meinhof <\/a>, stellte er doch das Verh\u00e4ltnis Staat \u2013 Gesellschaft &#8211; Individuum in der BRD vor neue Fragen, wie: Wann wird Widerstand n\u00f6tig, gar zur Pflicht. Gem\u00e4\u00df dem Diktum: Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Realit\u00e4t da drau\u00dfen, jenseits meines Kopfes und meines Schreibtischs, wird immer surrealer. Wie ein Film. Und in diesem Film h\u00e4tte ich es als vers\u00f6hnlich empfunden, wenn Daniela Klette hinaus in die untergehende Sonne geritten w\u00e4re und der Sheriff im Saloon zu seinen Marshals geflucht h\u00e4tte: \u201eVerdammt, wieder entwischt. Die kriegen wir nicht mehr\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so gilt meine klammheimliche Sympathie den beiden fl\u00fcchtigen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Straub. Jungs, haltet durch. Und macht einen Bogen um SO 36.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu fr\u00fch. Japanische Blutpflaume, Bl\u00fctenbeginn. Ein zauberischer Anblick im Garten, wenn das zart wei\u00dfrosa Bl\u00fctenmeer in ein paar Tagen seine blendende Helligkeit ausbreitet, inmitten der noch trostlos gr\u00e4ulichen, nur vom ersten Rosengr\u00fcn und den allf\u00e4lligen Krokussen besprenkelten Restvegetation. &nbsp; Zu sp\u00e4t ist es f\u00fcr den Staat hingegen nie. 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