{"id":9374,"date":"2018-08-08T11:08:21","date_gmt":"2018-08-08T05:08:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=9374"},"modified":"2018-08-08T11:19:35","modified_gmt":"2018-08-08T05:19:35","slug":"08-08-2018-irgendwer-muss-ja-das-geld-fuer-dieses-rumgesuelze-hier-verdienen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=9374","title":{"rendered":"08.08.2018 \u2013 Irgendwer muss ja das Geld f\u00fcr dieses Rumges\u00fclze hier verdienen."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"833\" class=\"alignnone size-large wp-image-9375\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206-624x832.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/linien-206.jpg 774w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Das letzte besetzte Haus in Berlin, Linienstr. 206. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themen\/reportage\/wohnprojekt-geraeumt-linie206-war-das-letzte-umkaempfte-haus-in-mitte\/12180220.html\">Ger\u00e4umt 2016<\/a>.<\/em><br \/>\nS\u00e4mtliche besetzte H\u00e4user in Berlin sind entweder ger\u00e4umt oder unter unterschiedlichen Vorzeichen (Kauf durch Stiftungen o. \u00e4.) legalisiert worden.<br \/>\nIn den Achtzigern und Neunzigern gab es Hunderte besetzter H\u00e4user in Berlin, bei deren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%A4umung_der_Mainzer_Stra%C3%9Fe\">R\u00e4umung<\/a> es mitunter zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Stra\u00dfenschlachten kam.<br \/>\nHintergrund Vergleich damals \u2013 heute:<br \/>\n1990 gab es drei Millionen Sozialwohnungen in Deutschland. Heute gibt es 1,2 Millionen, Tendenz weiter sinkend.<br \/>\nHeute gibt es ca. 800.000 Wohnungslose. Genaues wei\u00df kein Mensch, es gibt dar\u00fcber nicht eine einzige valide Statistik. Und das in einem Land, wo jede Gelbbauchunke eine Personalnummer besitzt. Wieviel Wohnungslose es 1990 auch nur ann\u00e4hernd gab, wei\u00df ich nicht. Mit Sicherheit nur einen Bruchteil.<br \/>\nWeiter: die Armutsquote lag in den Neunziger bei ca. 11 Prozent, heute liegt sie bei 16 Prozent.<br \/>\nAlso ist es nicht vermessen zu behaupten, dass die soziale Spaltung heute wesentlich tiefer ist als in den Neunzigern und die Wohnungssituation dramatischer. Trotzdem gibt es nicht ein einziges besetztes Haus in ganz Berlin.<br \/>\nEs ist ein wunderbar milder Morgen, ich war eben textilreduziert im Garten, die W\u00e4rme liegt sanft auf der Haut wie ein Seidenshirt, ein paar V\u00f6gel zwitschern hitzeermattet lustlos vor sich hin, die Brut ist aus dem Haus, die Katze tr\u00e4ge, was soll man da gro\u00df zetern, zwei, drei Bienen torkeln ziellos in der Luft unterm japanischen Flieder umher, nichts liegt ferner als soziale Konflikte und Ursachenforschung. Aber die Geschichte mit den (nicht-) besetzten H\u00e4usern geht mir einfach nicht aus dem Kopf.<br \/>\nWenn man Hausbesetzungen als eine Form sozialen Widerstandes betrachtet, gibt es einige soziologische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die hier extrem verk\u00fcrzt geschilderten Entwicklungen (aber reichen die? Mir fehlt da irgendwas, schwer greifbares): In den 90ern waren Hausbesetzungen nicht nur Mittel zum Zweck (der Befriedigung des Wohnbed\u00fcrfnisses), sondern auch Ausdruck und Strategie eines nennenswert vorhandenen linksradikalen Impulses gegen einen zunehmend durch\u00f6konomisierten Kapitalismus. Es gab Formen sozialer Bewegungen, aus denen Hausbesetzungen sowohl Personal als auch ideologische Referenzen bezogen: Reste der Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, \u00d6kobewegung, jeweils mit ihren radikalen Fraktionen.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus, nicht zu vernachl\u00e4ssigen, gab es im linksliberalen B\u00fcrgertum Sympathisantinnen. Ohne die w\u00e4re z. B. eine Legalisierung der Hamburger Hafenstr. nicht m\u00f6glich gewesen.<br \/>\nDas alles gibt es heute nicht mehr. Und insofern beschreibt der Zustand einer nicht vorhandenen Hausbesetzerszene pars pro toto den unserer Gesellschaft. Ihr sind nicht nur die linken, sondern auch die liberalen Impulse ausgegangen. Ermattet, wie von einer Hitze, hechelt sie, schon leicht agonisch wie ein kranker Hund, der am Boden liegt, einem Zwischenzustand entgegen, den ich mir jetzt lieber nicht vorstellen m\u00f6chte, weil der Tag, siehe oben, einfach zu sch\u00f6n ist.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"833\" class=\"alignnone size-large wp-image-9376\" srcset=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad-624x832.jpg 624w, http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50-grad.jpg 825w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Hitze, gestern Mittag, Veranda in der Sonne, analog gemessen \u00fcber 50 Grad.<\/em><br \/>\nWir, liebe Leserinnen, wollen jetzt aber keine Analogien zwischen dem Klima und der Gesellschaft ziehen, siehe Hitzeermattung, am Horizont ziehen dunkle Wolken auf und es blitzt und donnert, etc. blabla. Das ist platter Symbolismus und in welchen literaturgeschichtlichen Genres der gerne verwendet wird, das ist das Thema unseres n\u00e4chsten \u201eWort zum Sonntag\u201c. Ich muss jetzt leider anfangen zu ackern.<br \/>\nIrgendwer muss ja das Geld f\u00fcr dieses Rumges\u00fclze hier verdienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das letzte besetzte Haus in Berlin, Linienstr. 206. Ger\u00e4umt 2016. S\u00e4mtliche besetzte H\u00e4user in Berlin sind entweder ger\u00e4umt oder unter unterschiedlichen Vorzeichen (Kauf durch Stiftungen o. \u00e4.) legalisiert worden. In den Achtzigern und Neunzigern gab es Hunderte besetzter H\u00e4user in Berlin, bei deren R\u00e4umung es mitunter zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Stra\u00dfenschlachten kam. 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