{"id":10328,"date":"2019-08-06T12:38:58","date_gmt":"2019-08-06T06:38:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=10328"},"modified":"2019-08-06T12:41:43","modified_gmt":"2019-08-06T06:41:43","slug":"06-08-2019-fin-de-siecle-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuppen68.de\/?p=10328","title":{"rendered":"06.08.2019 \u2013 Fin de Si\u00e8cle 2.0"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"469\" class=\"alignnone size-large wp-image-10329\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel-624x468.jpg 624w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/kiefernnadel.jpg 1032w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Ich lag am Teufelssee und schaute den Kiefernnadeln \u00fcber mir beim Wachsen zu. <\/em><br \/>\nEs war ein sehr hei\u00dfer, trockener Tag. Ich wartete an den Ampeln darauf, dass auf den Dauerbesonnten Kreuzungen in Berlin der Asphalt aufplatzte, mit Blasen, wie Milch, wenn sie kocht. Tat er nicht. Wir sind ja hier nicht in einem \u00d6ko-Kitschfilm. Wer konnte, floh wie ich in den Schatten, an Badeseen. Manchmal streifte ein Gedanke mein Gem\u00fct, aber er blieb nie haften. Einzig die Entscheidung, wann ich wieder eine Runde schwimmen w\u00fcrde, bel\u00e4stigte mein Gehirn im halbst\u00fcndigen \u2013 oder war es halbj\u00e4hrlich? Wen interessiert Zeit unter solchen Bedingungen \u2013 Rhythmus. Ich versuchte, den Tagesspiegel zu lesen, aber die Artikel l\u00f6sten in mir ein \u00e4hnliches Interesse aus wie die Lekt\u00fcre von 6 Seiten \u201eM\u00fcller\u201c aus dem Telefonbuch. Die Welt ist eine Ansammlung von Katastrophen, die Kunst ist bunt, die D\u00fcrre verheerend, ein Bombenanschlag, der Arbeitsmarkt ist noch stabil, die Immobilienpreise steigen, ein Fu\u00dfballer hat ein Tor geschossen, ein Mann mit einer Gitarre singt blablabla zu einer Tonika und 100.000 Leute in einem Stadion n\u00e4ssen sich ein vor Freude \u2026..<br \/>\nAuf einmal setzt sich ein Widerhaken in Form eines echten Gedankens in meinem Hirn fest und ich rolle mich auf den Bauch, fast begeistert, immerhin ist es auch schon 18 Uhr und die sedierende Sonne verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln am Teufelssee, der in einer Senke liegt.<br \/>\nLeben wir vielleicht in einem neuen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fin_de_Si%C3%A8cle\">Fin de Si\u00e8cle<\/a>, 2.0, so der Gedanke? Unsere Besserwisserin Vicky P. Dia meint dazu:<br \/>\n<em>\u201e \u2026 bezeichnet eine k\u00fcnstlerische Bewegung in der Zeit von etwa 1890 bis 1914\u2026. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war von einem Bewusstsein gepr\u00e4gt, dass eine Epoche sich endg\u00fcltig dem Ende zugeneigt hatte\u2026.<br \/>\n\u2026 Die Zeit war gepr\u00e4gt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebens\u00fcberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Verg\u00e4nglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolit\u00e4t und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die ma\u00dfgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gef\u00e4hrdet schienen.<br \/>\n\u2026. vollzog sich eine kontinuierliche milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung \u2026\u201c<\/em><br \/>\nPasst.<br \/>\nJetzt hab ich Denkfutter. K\u00fcnste sind Seismographen, wenn sie gut sind, spiegeln sie oft zuerst aufkommende Zeitenwenden. Wenn sie schlecht sind, geben sie nur den herrschenden Zeitgeist wieder, der immer der Geist der Herrschenden ist.<br \/>\nWie sieht es aktuell mit einem Fin de Si\u00e8cle 2.0 aus? Was ist mit Literatur, bildender Kunst, Popmusik? Spiegeln sie so etwas wie einen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qfZVu0alU0I\">Eve of destruction <\/a> wieder, wo es heisst: \u201cIf the button is pushed, there&#8217;s no runnin&#8216; away.\u201d (Was den \u201e\u00d6ko-Eve of destruction\u201c angeht, spiegeln die K\u00fcnste nur den herrschenden Zeitgeist wieder, langweilig und angepasst rennen sie T\u00fcren ein, die eh sperrangelweit offen stehen, Betroffenheitskitsch oft.)<br \/>\nZeitgen\u00f6ssische Popmusik interessiert mich einen Furz, zeitgen\u00f6ssische Literatur w\u00fcrde mich interessieren, lese ich aber nicht, zeitgen\u00f6ssische Kunst gucke ich mir oft an, aber deren Subsummierung in Styles, Schulen, Kategorien, Genres interessiert mich auch nicht. Dieses geballte Nichtwissen ist ja eine tolle Grundlage f\u00fcr die Verfolgung des Gedankens Fin de Si\u00e8cle 2.0.<br \/>\nJe mehr und rapider sich die Welt ver\u00e4ndert, und ich versuche, mich mit zu \u00e4ndern, um ein bisschen davon zu verstehen, desto mehr gehen Sicherheiten fl\u00f6ten. Fr\u00fcher hatte ich zu allem eine Meinung. Jetzt gucke ich den Kiefernnadeln beim Wachsen zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lag am Teufelssee und schaute den Kiefernnadeln \u00fcber mir beim Wachsen zu. Es war ein sehr hei\u00dfer, trockener Tag. Ich wartete an den Ampeln darauf, dass auf den Dauerbesonnten Kreuzungen in Berlin der Asphalt aufplatzte, mit Blasen, wie Milch, wenn sie kocht. Tat er nicht. Wir sind ja hier nicht in einem \u00d6ko-Kitschfilm. 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