{"id":13821,"date":"2023-05-26T11:57:51","date_gmt":"2023-05-26T05:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13821"},"modified":"2023-05-26T12:04:29","modified_gmt":"2023-05-26T06:04:29","slug":"26-05-2023-der-textilarbeiterstreik-von-crimmitschau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuppen68.de\/?p=13821","title":{"rendered":"26.05.2023 \u2013 Der Textilarbeiterstreik von Crimmitschau"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"697\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-1024x697.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13822\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-1024x697.jpg 1024w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-300x204.jpg 300w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-768x523.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-1536x1045.jpg 1536w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-2048x1394.jpg 2048w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/20230422_110604-624x425.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo in Kreuzberg. Autos interessieren mich so viel wie ein Betonpfosten in Oer-Erkenschwick, aber da hab ich schon mal hingeguckt. Zumal der laut Zettel hinten dran noch fahren soll. Der Besitzer befindet sich in einem erbitterten Krieg mit dem Ordnungsamt, dass das Ding weghaben will. Versuch sowas mal in Kreuzberg durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch \u00e4lter als diese famose Karre ist der <a href=\"https:\/\/www.volksliederarchiv.de\/lexikon\/textilarbeiterstreik\/\">Textilarbeiterstreik von Crimmitschau<\/a>, eine Ikone unter den Streiks der daran nicht armen Arbeiterbewegung. 1903 gef\u00fchrt gegen unmenschliche Arbeits- und damit Lebensbedingungen: 11-Stunden-Tag, Hungerl\u00f6hne, die zum Leben nicht reichten und menschenverachtende Arbeitsbedingungen<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Arbeiterbewegung damals st\u00e4ndig am wachsen war, Gewerkschaften und SPD wurden immer st\u00e4rker und einflussreicher, entwickelte sich der Streik \u00fcber Monate zu einem \u201eNo pasaran\u201c seitens des Kapitals. Die Unternehmer wussten, wenn sie sich selber nicht organisierten und gegenhielten, w\u00fcrde ihnen eines Tages etwas drohen, was der erst ein paar Jahre zuvor verstorbene Karl Marx im \u201eKommunistischen Manifest\u201c prophezeit hatte: \u201eEin Gespenst geht um in Europa! Das Gespenst des Kommunismus\u2026\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Und dieses Gespenst w\u00fcrde ihnen das Leichentuch weben.<\/p>\n\n\n\n<p>Also schlossen sich die Unternehmer in Arbeitgeberverb\u00e4nden zusammen, sammelten Geld gegen den Streik, mobilisierten Politik, Polizei, Presse, selbst die Pfaffen wetterten von den Kanzeln gegen die Streikenden, die dort unter Risiko ihrer Existenz um eine Verbesserung ihres erb\u00e4rmlichen Lebens k\u00e4mpften. Mit Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach sechs Monaten brach der Streik zusammen, eine schwere Niederlage der Arbeiterbewegung, die allerdings f\u00fcr zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe als Fanal bewahret wurde und insofern positives hatte: Kein zweites Crimmitschau. Soweit in K\u00fcrze die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer kleinen Korrektur: Wenn Sie sich das Foto im Artikel des Links anschauen, sehen Sie: Alles Frauen. Es war ein Textilarbeiterinnenstreik. Anders als das m\u00e4nnliche Genus uns vorgaukelt, waren es eben keine schwieligen Arbeiterf\u00e4uste, die sich da im Blaumann dem Klassenfeind trotzig entgegenstellten. Das ist, und jetzt kommen wir zur Nutzanwendung der Geschichte durchaus nicht trivial im albernen Sinne eines \u201eAch, die Frauen sind doch immer mit gemeint\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das durchweg maskuline Genus fr\u00fcherer Jahre bei allen Beschreibungen fand und findet nat\u00fcrlich Eingang als Datengrundlage in jene Algorithmen, die im Rahmen von KI auf der Basis der Vergangenheit \u00fcber unsere Zukunft bestimmen. Da Algorithmen im Zweifel wissen, dass es \u2013 mindestens \u2013 zwei Geschlechter gibt, sie aber fast ausschlie\u00dflich in m\u00e4nnlichen Kategorien agieren und also auch maskulin zentrierte Entscheidungen treffen, die die Anwender*innen meist kritiklos \u00fcbernehmen, kann das schon mal lebensgef\u00e4hrlich werden. Wenn n\u00e4mlich Algorithmen medizinische Diagnosen und Therapien erstellen, deren Medikationen am m\u00e4nnlichen K\u00f6rper orientiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Weniger lebensgef\u00e4hrlich, aber diskriminierend: Personalentscheidungen auf KI-Basis, wenn die Arbeitswelt nach Daten-Basis ausschlie\u00dflich bis \u00fcberwiegend als eine m\u00e4nnliche erscheint, werden nat\u00fcrlich sofort alle Frauen im Vorfeld automatisch aussortiert, wenn\u2019s besonders d\u00e4mlich l\u00e4uft. Und KI ist, anders als der Name sagt, immer besonders d\u00e4mlich, n\u00e4mlich genauso d\u00e4mlich wie die Menschen dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte kann sich zwar digital, durchaus fortschrittlich Marx folgend, als eine Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen darstellen, aber nach Algorithmen eben als eine von M\u00e4nnern gef\u00fchrte. Was das im individuellen aber auch kollektiven Unterbewusstsein, und in Schulb\u00fcchern, Feuilletons etc., f\u00fcr Bilder und Ressentiments produziert und tradiert, brauche ich Ihnen, meine Leserinnen, nicht zu sagen. Dem Rest der Welt schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deshalb gehe ich in diesem Blog gerne spielerisch mit der Frage der geschlechtersensiblen Sprache um und verwende oft die rein weibliche Form. Ich gehe davon aus, dass Sie, liebe Leser, dass nicht krummnehmen. Sonnige Pfingsten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwo in Kreuzberg. 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