{"id":16547,"date":"2025-10-26T21:57:43","date_gmt":"2025-10-26T15:57:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=16547"},"modified":"2025-10-26T22:56:04","modified_gmt":"2025-10-26T16:56:04","slug":"26-10-2025-archetyp-nr-2-hippie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuppen68.de\/?p=16547","title":{"rendered":"26.10.2025 \u2013 Archetyp Nr. 2: Hippie."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16548\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-624x832.jpg 624w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/arilas-tal-colibri-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Tal irgendwo im Nordwesten von Korfu. \u00dcber dem sonnigen Setting wabert eine unsichtbare Wolke von Esoterik, Selbstachtsamkeit und Humbug. Am oberen Bildrand befindet sich ein ehemaliger Ashram der Bagwahnsekte, heute Hotel f\u00fcr die \u00e4lter gewordene Klientel. In der Bildmitte ein Festivalgel\u00e4nde f\u00fcr die Hippies der ganzen Welt. Zumindest den Teil, der sich bis zu 5.555 Euro f\u00fcr ein paar Tage, Zitat aus der Homepage \u201e <em>\u2026 t\u00e4gliche Feiern, Opfergaben, Meeresrituale, Bewegung, Atem, Tanz, heilige Nahrung, Heilungssitzungen, Konzerte, Vortr\u00e4ge, Workshops, Zeremonien und vieles mehr\u2026\u201c<\/em> leisten kann. Hier tummelt sich also mein Archetyp Nr. 2: Der Hippie. Ich orientiere mich bei dem Begriff \u201eArchetyp\u201c an C. G. Jung, auch wenn ich dessen unwissenschaftliche und antiaufkl\u00e4rerische, in Teilen antisemitische Ideologie in keiner Weise teile. Mir geht es darum, zu gucken, in welche Gruppen gliedert sich unsere heutige Gesellschaft jenseits des Klassenbegriffs. Der nat\u00fcrlich nach wie vor die Grundlage aller Analysen sein muss, aber f\u00fcr eine notwendige Feinjustierung nicht ausreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Klassenbegriff orientiert sich am Antagonismus Kapital vs. Arbeit. Es gibt die, die Produktionsmittel, Kapital und Macht besitzen und vom Profit leben, und es gibt die, die ihre Arbeitskraft zu Markte tragen m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben. Die Unterteilung in Klassen, auch die in Untergruppen der Klassen, orientiert sich an Verm\u00f6gen, Bildung, Beruf, Einkommen &#8211; \u00f6konomische Kategorien eben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man eine Ebene tiefer in der Oberschicht strukturiert, gibt es Superreiche mit einem Verm\u00f6gen von mehr als 100 Mio. Dollar, normale Reiche w\u00e4ren dann die, die von den Eink\u00fcnften ihres Verm\u00f6gens gut leben k\u00f6nnen, also das Fu\u00dfvolk der einfachen Million\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mittelschicht gibt es Wohlhabende, mit hohem Einkommen, ordentlichem Verm\u00f6gen (wir reden hier \u00fcber mehrere Hunderttausend Euro), oft geerbt, mit akademischer Ausbildung, F\u00fchrungsverantwortung, das ist die obere Mittelschicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterschicht besteht aus dem Prekariat der Geringverdienenden, Minijobberinnen, Scheinselbstst\u00e4ndigen (Kurierfahrer etc.) mit Hungerexistenzen. Da, wo die wachsende untere Mittelschicht der kleinen Routinearbeit-Angestellten und niederen Facharbeiter*innen st\u00e4ndig vom Absturz bedroht ist, hat das Prekariat, die Unterschicht, keine Aussicht auf Aufstieg, Verbesserung der elenden Situation. Innerhalb der Unterschicht kann man nat\u00fcrlich auch weiter differenzieren, schlimmer geht immer. Es gibt Menschen in der unteren Unterschicht, in extremer Armut, Obdachlose, Menschen im Knast, in Psychiatrien, in Abschiebelagern, Illegale etc. pp. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch sowas wie eine hedonistische Unterschicht, Menschen mit wenig Einkommen, ungesicherter Existenz etc., \u00f6konomisch abgeh\u00e4ngt, aber psychosozial oft integriert und nicht nach Aufstieg gierend, z. B. Schriftsteller, freie Kulturarbeiter*innen, Lebensk\u00fcnstler, Blogschreiber etc. pp.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber diese Ausdifferenzierung der Klassengesellschaft und welche Konsequenzen in unserer Gesellschaft das hat, hier ein <a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/de\/article\/3394.die-bundesrepublik-eine-demobilisierte-klassengesellschaft.html\">\u00dcberblick von Klaus D\u00f6rre <\/a> , einer der wenigen Soziologen hierzulande, die noch bei Verstand und Begriff sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bisher geschilderten Aspekte schildern eine sozio\u00f6komische Perspektive, also Einkommen, Verm\u00f6gen, Beruf, Bildung, Status etc. Genauso wichtig f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, was in unserer Gesellschaft aktuell so verkehrt antizivilisatorisch l\u00e4uft, ist aber eine Analyse und Kategorisierung jener Mentalit\u00e4ten, psychischen Strukturen, Ideologien, kollektiven Verhaltensnormen, die eben nicht zwangsl\u00e4ufig synchron zur Klassenidentit\u00e4t, zur Schichtzugeh\u00f6rigkeit, zur \u00d6konomie verlaufen. &nbsp;Archetypen wie \u201eSchreberg\u00e4rtner\u201c oder \u201eHippie\u201c k\u00f6nnen durchaus Million\u00e4r, Studienrat, Prekariatsangeh\u00f6riger sein, was sie eint, ist nicht zwangsl\u00e4ufig ihr \u00f6konomischer Status, ihre Klassenzugeh\u00f6rigkeit, sondern ihr mitunter antidemokratisches Potential, strukturelle Deformationen wie Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit, gesellschaftliches Desinteresse, Empathielosigkeit, Unbildung, Egoismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Esoterik mit Hang zu Irrsinn &amp; Schwurbelei, Kenntnislosigkeit, nackter Egoismus, Unbildung, Desinteresse, Kulturimperialismus, all das traf ich im wundersch\u00f6nen Tal oben. Beim Hippie, der sich, in der Mehrzahl in der weiblichen Form, gleich mir dort am FKK-Strand tummelte. Im nahegelegenen ex-Ashram kann der Hippie nicht nur in die wunderbare Welt der Bachbl\u00fcten, einer der Kronen des postmodernen Humbugs, eintauchen. Dar\u00fcber hinaus geht es um, Zitate: \u201e <em>\u2026 Alchemie der 4 Elemente &#8211; Entdecke deine eigene Magie. <\/em>(Nein, nicht Maggie. D. A.) <em>Meridianstreching<\/em> (im Original so falsch geschrieben). <em>Heartsinging. Wiedergeburt in die Liebe &#8211; Tanze deinen Weg zur Verbundenheit und Freude .. \u201e<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und danach tanze ich meine Postleitzahl \u2026.. Gelehrt von u. a. Naveen, Shivananda, Vadan. Im Normalleben vermutlich Karl Dall, Grete Tofu und Hans Wurst.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass dort am Strand sich dutzende von Hippies aufget\u00fcrmte, vermeintlich niedliche Steint\u00fcrmchen stapelten, eine Seuche, die sich immer mehr ausbreitet. Das ist an D\u00e4mlichkeit nicht zu \u00fcberbieten. Steine erf\u00fcllen am Strand eine zentrale \u00f6kologische und geologische Funktion. Steine bilden am Strand Lebensraum und Schutz f\u00fcr Insekten, Krebse, Amphibien, sensible Pflanzen. Dieser Raum wird durch Verschieben der Steine zerst\u00f6rt. Au\u00dferdem stabilisieren die Steine den Strand, der zunehmend von \u00dcberschwemmung und Absp\u00fclung bedroht ist. Nicht umsonst steht die Ausfuhr von Steinen unter Strafe. Steht fett am Flughafen. Das alles ist dem Hippie in seinem egoistischen Selbstverwirklichungswahn Wurst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz schlimme neueste Unsitte: Fl\u00e4chendeckend werden unschuldige Steine bemalt, mit albernen Liebesbotschaften oder bunter Farbe. Ich dachte, mir bluten die Augen, als ich dieses \u00e4sthetische Schwerverbrechen das erste Mal gesehen habe. Was f\u00fcr eine dummdreiste R\u00fccksichtslosigkeit gegen die Natur. Und vor allem gegen mich!<\/p>\n\n\n\n<p>Kr\u00f6nung dieses Irrsinns: Das helle Kliff am Strand, in der Bildmitte, besteht auch aus Lehm. Mit dem beschmierten sich unsere h\u00fcllenlosen Intelligenzbestien nach Art des Hauses Woodstock ganzk\u00f6rperlich, indem sie ihn aus dem Kliff rausbrachen. Das einzig Positive an dieser Orgie aus Schlamm und Schwachsinn war f\u00fcr mich die Vorstellung, wie tausende Festivalbesucherinnen n\u00e4chstes Jahr das Gleiche praktizieren, tonnenweise, die Lehmmassen ein Einsehen haben, abbrechen, das ganze Elend unter sich begraben und das Festivalgel\u00e4nde mit ins Meer sp\u00fclen. \u00c4rgerlich nur, dass ich dann in der Nachsaison mir einen neuen Strand suchen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Randnotiz: Das komplette Festivalgel\u00e4nde ist blickdicht nach au\u00dfen abgesperrt, \u00fcberall Kameras, Zugang \u00fcber elektronische Tastatur-Schl\u00f6\u00dfer. An einem wie auch immer gearteten Austausch, Kontakt zur Region sind die Insassen dort Null interessiert, laut meinem Vermieter Nikos. Hauptsache Sonne, Meer und good vibrations. Kulturimperialismus pur.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, Sie, liebe Leserinnen, verstehen jetzt, worauf ich mit meiner Archetypisierung hinaus will, im Aufst\u00f6bern antizivilisatorischer Reflexe und Verhaltensweisen auch bei mitunter harmlosen und eigentlich liebenswerten Mitgliedern der menschlichen Spezies in unseren Breitengraden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil werde mich n\u00e4chstes Jahr wohl auf die nahegelegenen diapontischen Inseln zur\u00fcckziehen, um meine Nerven in purer Einsamkeit zu schonen, auch wenn mich bei der letzten \u00dcberfahrt beinahe ein Brecher in st\u00fcrmischer See vom Oberdeck gekegelt h\u00e4tte. Eingeborene sitzen bei sowas immer unten. So bl\u00f6d wie ich sind nur Touristen. Auch so ein Archetyp \u2026..<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tal irgendwo im Nordwesten von Korfu. \u00dcber dem sonnigen Setting wabert eine unsichtbare Wolke von Esoterik, Selbstachtsamkeit und Humbug. Am oberen Bildrand befindet sich ein ehemaliger Ashram der Bagwahnsekte, heute Hotel f\u00fcr die \u00e4lter gewordene Klientel. In der Bildmitte ein Festivalgel\u00e4nde f\u00fcr die Hippies der ganzen Welt. 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