{"id":16555,"date":"2025-10-31T17:07:45","date_gmt":"2025-10-31T11:07:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=16555"},"modified":"2025-10-31T18:35:49","modified_gmt":"2025-10-31T12:35:49","slug":"31-10-2025-zwischen-currywurst-und-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuppen68.de\/?p=16555","title":{"rendered":"31.10.2025 \u2013 Zwischen Currywurst und Philharmonie"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16556\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251027_194358_resized-624x468.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Curry 36, vom omnipr\u00e4senten Zweisternekoch Tim Raue hochgelobtes Fastfood-Paradies in Kreuzberg. Neulich hab ich\u2018s mal probiert, war ok. Am interessantesten war das Sprachbabylon an den Bistrotischen. Ich lauschte an meinem dem fremdartigen Klang zweier Koreanerinnen. Wir kamen ins englische Gespr\u00e4ch, sie w\u00fcnschten mir in perfekter deutscher Sprachmelodie und Modulation \u201eIch w\u00fcnsche Ihnen einen guten Appetit\u201c. Ach, w\u00e4re mein Koreanisch nur halb so wohlklingend. Interessanterweise war am Vortag im Rahmen des Lunchkonzertes in der Philharmonie mit Seongkyung Kim eine junge, arrivierte Oboistin aufgetreten, aus Korea. So frug ich mich, nachdem sich die beiden Koreanerinnen mit einem perfekten \u201eWir w\u00fcnschen Ihnen einen sch\u00f6nen Abend\u201c verabschiedet hatten, ob die Koreanerin als solche einen feineren Zugang zu Melodie und Sprache hat als der vielleicht eher tumbe und grobschl\u00e4chtige Ostgote, ob das vielleicht am Bildungssystem liegt, und ob derart von lediglich anekdotischer Evidenz unterlegte erste Schlussfolgerung nicht eventuell ganz leicht ins rassistische Stereotyp hineinlappt. Seufzend verzog ich mich auf eine Molle und einen Korn, anders ist derartige Atzung auch nicht hinunterzusp\u00fclen, in die direkt nebenan gelegene Absturzkneipe \u201eBierexpress\u201c. Man kann sein Essen auch da mit rein bringen. Ein \u00fcberaus angenehmer Laden jenseits aller Trends und Szene-Wichtige-Miene. Kurzbeschreibung: Rauh, aber herzlich und 200 Jahre Knast im sp\u00e4rlichen Publikum. Eine Bereicherung des Stadtbildes im Kiez\u2026<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"747\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-1024x747.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16557\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-1024x747.jpg 1024w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-768x560.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-1536x1121.jpg 1536w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-2048x1494.jpg 2048w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20251029_114823_resized-624x455.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Oben erw\u00e4hntes Lunchkonzert in der Berliner Philharmonie findet jeden Mittwoch von 13 \u2013 14 Uhr im Foyer statt, immer einer Wundert\u00fcte voller \u00dcberraschung. Von 12 \u2013 13 besteht die M\u00f6glichkeit zu einem Lunch aus dem excellenten Catering der Philharmonie f\u00fcr wenig Taler. Und das Sch\u00f6nste: Der Eintritt ist umsonst und es ist trotzdem nicht \u00fcberlaufen. Ich checkte beim Warten in der milden Oktobersonne das Publikum, alles wohlerzogene und adrette Angeh\u00f6rige des Bildungsb\u00fcrgertums. Schade, dachte ich, dass diese famose kostenlose Teilhabe am kulturellen Leben fast ausschlie\u00dflich von jener Schicht genutzt wird, die es sich auch ohne das leisten kann und leistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und rief mich im m\u00e4hlichen Vorr\u00fccken in der Schlange ob meines linearen, vielleicht vorurteilsbehafteten Denkens zur Ordnung, lie\u00df es m\u00e4andern. Was, wenn jene Dame mittleren Alters vor mir im Burberry selbstst\u00e4ndige Musiklehrerin ist, mit sinkendem Einkommen, weil Knappheit und Angst vor dem Absturz auch die bildungsbeflissene Mittelschicht zum Sparen zwingt und also der Burberry nicht nur aus Neigung, sondern auch aus Not das Mittwochsangebot annimmt? Ganz zu schweigen von der vierk\u00f6pfigen Familie hinter mir, mit den beiden Zwergen im schulpflichtigen Alter. Beide Eltern ordentlich bis gut verdienend, denen aber der Wohnungseigent\u00fcmer wegen vermeintlichem Eigenbedarf die bezahlbare Wohnung in Prenzlberg gek\u00fcndigt hat und die vor dem unl\u00f6sbaren Problem stehen, innerhalb des Cityringes eine bezahlbare Wohnung zu finden. Unter anderem wg. Schulweg der Zwerge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig ist so, wie es scheint. Auch das babylonische Sprachgewirr am Curry 36 stellt sich vielleicht nur f\u00fcr den der gr\u00f6bsten Sorgen enthobenen kosmopolitischen Flaneur als bereichernde Note eines bunten, diversen, globalen Schmelztiegel Kreuzberg dar. Ein eingeborener Berliner, gleich welcher Herkunft, in einem prek\u00e4ren Job, mies bezahlt und gedem\u00fctigt von sadistischen Vorgesetzen, wird nach Feierabend in der U 8 an der Neuk\u00f6llner Haltestelle Boddinstr. andere Wahrnehmungen und Empfindungen haben, wenn dort auf den B\u00e4nken, in den Ecken, Hauseing\u00e4ngen, osteurop\u00e4ische Armutsmigranten im Fuselkoma laut, unverst\u00e4ndlich krakeelen, das vorherrschende Idiom von jugendlichen Machos dort arabisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stadtbild dort ist von einem komplett anderen Universum als jenes in Dahlem, wo elegante Villen hell, freundlich in der Herbstsonne vor sich hinl\u00e4cheln und man als Flaneur nur sehr selten auf Leben trifft. Eine ehrenwerte Einsamkeit herrscht in den breiten Stra\u00dfen von Dahlem. Unterbrochen h\u00f6chstens von Eleganten, die ihre stilvollen Karossen besteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was will uns der Dichter damit sagen? <em>Das<\/em> Stadtbild gibt es nicht. Was es gibt, ist ein so unterschiedlicher Kanon von Stadtbildern, wie es Gruppen, Schichten, Spaltungen, Bruchkanten in der Gesellschaft gibt, jenseits der notorischen Klassen. Eine Stadtbild-Diskussion kann rassistisch verlaufen. Sie kann aber auch naiv verlaufen, wo sie nicht wahrnimmt, dass es zum Beispiel im Stadtbild um die Neuk\u00f6llner Sonnenallee herum lebensgef\u00e4hrlich w\u00e4re mit einer Kippa herumzulaufen oder sich bunt und divers als queere Person zu inszenieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, dass wir mal dr\u00fcber geredet haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Curry 36, vom omnipr\u00e4senten Zweisternekoch Tim Raue hochgelobtes Fastfood-Paradies in Kreuzberg. Neulich hab ich\u2018s mal probiert, war ok. 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