{"id":9947,"date":"2019-03-04T15:46:18","date_gmt":"2019-03-04T09:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schuppen68.de\/?p=9947"},"modified":"2019-03-04T16:01:52","modified_gmt":"2019-03-04T10:01:52","slug":"04-03-2019-mal-wieder-im-smoking-auf-den-opernball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuppen68.de\/?p=9947","title":{"rendered":"04.03.2019 \u2013 Mal wieder im Smoking auf den Opernball"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen-716x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"894\" class=\"alignnone size-large wp-image-9948\" srcset=\"https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen-716x1024.jpg 716w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen-768x1098.jpg 768w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen-624x893.jpg 624w, https:\/\/www.schuppen68.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/rente-muss-reichen.jpg 811w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Postkarte der DGB Kampagne <a href=\"http:\/\/rente-muss-reichen.de\/\">&#8222;Rente muss reichen&#8220;<\/a><\/em><br \/>\nIch trage nicht nur gerne Schwarzleder, sondern auch Smoking, er verleiht qua Schnitt, Material und eingen\u00e4hter Ideologie Eleganz, L\u00e4ssigkeit, Stil, alles Eigenschaften, die durchaus unterrepr\u00e4sentiert sind. Hier war gerade Opernball, Motto \u201eZwanziger Jahre\u201c, das w\u00e4re so eine Gelegenheit gewesen. Die hiesige Oper ist nett anzuschauen, mit Wandelg\u00e4ngen, in denen man flanieren kann, die Getr\u00e4nke sind akzeptabel bis ordentlich, und einen Walzer kann ich wohl auch passabel drehen. Bleibt die Kostenfrage. Eine Karte kostet ca. 150 Euro, eine Tischreservierung mit Essen und Getr\u00e4nken 125 Euro, dazu kommen unter Umst\u00e4nden Anreise, Hotel, Kost\u00fcm etc. pp.. Das k\u00f6nnen sich gesch\u00e4tzt ca. 20 &#8211; 30 Prozent der Bev\u00f6lkerung leisten.<br \/>\nDie 40 Prozent, die keinerlei R\u00fccklagen haben respektive Schulden, die 25 Prozent im Niedriglohnsektor, die 30 Prozent Normalverdiener*innen, die bis zur Kante mit Abzahlung von Haus, Auto, Brutaufzucht eingedeckt sind, die ca. 20 Prozent Arme eher nicht (115 Prozent? Klar, \u00dcberschneidungen). F\u00fcr die kommt der Besuch eines Opernballs mit einer Marsreise gleich, beides irgendwie seeehr weit weg.<br \/>\nNun ist \u00fcberhaupt nichts gegen Ungleichheit in der Gesellschaft einzuwenden, aus ganz vielen Gr\u00fcnden. Die entscheidenden Fragen sind: wie gro\u00df ist die Ungleichheit und wie geht Gesellschaft damit um?<br \/>\nZum letzteren ein Zitat aus dem hiesigen Heringsblatt, der HAZ, in die man gut jenen Fisch einwickeln kann, der vom Kopf her stinkt. Da schreibt ein Herr Haase, der tats\u00e4chlich von nichts wei\u00df, der Opernball sei ein, festhalten, sonst tr\u00e4gt es Sie, liebe B\u00fcrgerinnen, aus der Sinnkurve: <em>\u201e..wahres B\u00fcrgerfest.\u201c<\/em> Also kein Fest der Eliten, sondern ein wahres B\u00fcrgerfest, f\u00fcr alle eben, f\u00fcr jene 40 Prozent etc. pp. siehe oben. Wie kommt eine derart groteske Verzerrung der Realit\u00e4t zustande?<br \/>\nMan kann vermuten, dass dem Haase beim Eliten-Hinterherhoppeln- und -hecheln der Champagner auf Verlagskosten nicht bekommen ist oder ihm ein Kandelaber aus den Wandelg\u00e4ngen auf den Haasensch\u00e4del gedonnert ist.<br \/>\nRichtig ist aber, dass wir es mit einem klassischen Fall von Ideologie zu tun haben: Das H\u00e4\u00e4schen kann gar nicht anders als die Wirklichkeit durch die Brille seines Verlegers zu sehen, in dessen Blick die 20,30 Prozent aus seiner Klasse mal eben alle B\u00fcrger sind, die wahren B\u00fcrger. Haase ist vermutlich Kind eines Lehrerehepaars, notfrei durchs Germanistikstudium gerauscht und mittels Beziehungen ins Volontariat etc. pp. Er kennt das Leben in sozialen Brennpunkten, in denen die Personengruppe der Alleinerziehenden (90 % Frauen) zu 80 Prozent arm ist, nur aus den Artikeln seines Heringsblattes, also entweder \u00fcberhaupt nicht oder nur insofern, wenn es wieder darum geht, wie die Asis da mal wieder ein  Sofa aus dem 12. Stock geworfen haben. Wie soll er da eine Vorstellung von der Realit\u00e4t haben?<br \/>\nUnd wie denkt der Rest der Haasen-Klasse? Zitat Heringsblatt, von einem Chefdramaturgen namens Klaus Angermann:<br \/>\n<em>\u201eDie Roaring-Twenties waren das Jahrzehnt der Frauen, die ihr Selbstbewusstsein durch endlos lange Zigarettenspitzen zur Schau stellten.\u201c<\/em><br \/>\nIch sehe vor meinem inneren Auge die Roaring-Twenties Arbeiterin im Berliner Wedding in ihrer Waschk\u00fcche, mal wieder schwanger, weil sie von ihrem besoffenen arbeitslosen Ehemann vergewaltigt wurde, von Verh\u00fctungsmitteln oder gar <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1993\/29\/chronik-des--218\">Abtreibung<\/a> so weit entfernt wie vom Mars, siehe oben, wie sie ihr Selbstbewusstsein durch eine endlos lange Zigarettenspitze zur Schau stellt und ..<br \/>\nIch seh schon, das wird auch 2020 nichts mit dem Opernball und mir. Warum muss ich mir aber auch selber die Champagnerlaune verderben. Muss ich das Zeug wieder allein Zuhause verklappen.<br \/>\nEnchant\u00e9, liebe Leserinnen, und eine beschwingte Woche!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Postkarte der DGB Kampagne &#8222;Rente muss reichen&#8220; Ich trage nicht nur gerne Schwarzleder, sondern auch Smoking, er verleiht qua Schnitt, Material und eingen\u00e4hter Ideologie Eleganz, L\u00e4ssigkeit, Stil, alles Eigenschaften, die durchaus unterrepr\u00e4sentiert sind. Hier war gerade Opernball, Motto \u201eZwanziger Jahre\u201c, das w\u00e4re so eine Gelegenheit gewesen. 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