
Plakat Klaus Staeck. 1980. Ausstellung „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft.“ Neue Nationalgalerie Berlin. Sammlung 1945 – 2000.
Mehr Qualität geht nicht. Grandiose Langzeit-Ausstellung bis 2027 unter anderem mit Marina Abramović, Joseph Beuys, Francis Bacon, Rebecca Horn, Valie Export, Wolfgang Mattheuer, Bridget Riley, Pippilotti Rist, Andy Warhol usw. usf. Für mich auch anrührend, weil anhand der einzelnen Epochen, nach denen die Ausstellung aufgebaut ist, sich auch die eigene Lebensgeschichte mit entfaltet. Kunst war nach Popmusik eine frühe Begleiterin für mich, wobei letztere irgendwann für mich sanft entschlummerte. „Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Yeah Yeah Yeah und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen“ (Walter Ulbricht auf dem XI. Plenum des ZK der SED zum Verbot westlicher Beatmusik in der DDR). Was hätte der Mann erst zu Tekkno gesagt.
In der Ausstellung hängt auch eine Wand mit Plakaten von Klaus Staeck. Wer politisch in den 70ern sozialisiert wurde, kennt die Plakate. Staeck war ein wenig als SPD-Gebrauchsgrafiker verschrien. Umso erstaunlicher, wie fast alle Plakate den Zahn der Zeit überstanden haben und nach wie vor politisch und ästhetisch gültig sind, mitunter mehr denn je. Sei es zu Frieden, zum § 218, zu Klima und Umwelt, Reichtum und Armut.
Gegenüber in den Räumen der Nationalgalerie eine Dauerausstellung mit 100 Werken von Gerhard Richter. Der im Vergleich zur „Zerreißprobe“ relativ kraftlos wirkt, unentschlossen. Richter gilt als einer der bedeutendsten und teuersten zeitgenössischen Künstler. Für mich ein Fall wie Bob Dylan, Thomas Mann, Champagner und Darjeeling. Macht man nichts falsch mit, ecken nirgendwo an. Klassische Fälle von Konsenssoße. Ich steh mehr auf Lou Reed und deutsche Winzersekte. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Ist ein freies Land, sach ich immer. Um sofort bedauernd hinzufügen: Leider.
Freiheit ist in der bürgerlichen Philosophie der höchste Wert und sie als das in Frage zu stellen, kann sich nur leisten, wer – wir wir in unseren Breitengraden- dieses Gut im höchsten Maße genießt. Das tue ich. Und daher nehme ich mir die Freiheit, sie als höchstes aller erstrebenswertesten Güter in Frage zu stellen. Jene Freiheit zum Beispiel, die ich gerne anderen nehmen möchte, z. B. den Millionen Faschisten hierzulande. Jene Freiheit zum Beispiel, die sich die dummdreiste Berliner CDU/SPD-Betonmafia nach wie vor, nach Jahrzehnten, nimmt, um die Stadt im Interesse der Baukonzerne und der eigenen Taschen immer menschenunwürdiger zu gestalten. Der neue Abschnitt der Berliner Stadtautobahn A100 Dreieck Neukölln nach Treptow hat über 700 Millionen Euro gekostet und war schon vor Beginn seiner Planung völlig dysfunktional und spottete jeder Stadtplanung, Klimapolitik und Verkehrslenkung Hohn. Am Eröffnungswochenende staute sich der Verkehr dort auf den lächerlichen 3 km für 20 Minuten. Das mache ich locker zu Fuß. Für den Erweiterungsbau werden jede Menge Clubs wegrasiert, die an der Strecke liegen.
Den Freiheitsbegriff sollten wir also vielleicht nochmal diskutieren, unter der Prämisse: Wer nimmt sich welche Freiheit in wessen Interesse und wer nimmt dadurch wem welche anderen Güter? Zum Beispiel das auf körperliche Unversehrtheit, wenn im irrsinnigen Berliner Verkehr auch dieses Jahr wieder x Radfahrerinnen von LKWs zu Tode gewalzt werden, weil der verpflichtende Einbau in allen LKW von nicht abschaltbaren Abbiegeassistenzsystemen (ein Wort, fast so tödlich wie der LKW selber) nach wie vor aus Kostengründen nicht implementiert ist.
Und da sind wir noch lange nicht bei den ganz großen Freiheitsfragen, wie im Ukrainekrieg zum Beispiel. Wer verteidigt da wessen Freiheit? Die armen Schweine, die keine Möglichkeit haben, sich freizukaufen vom Militärdienst, die Freiheit der ukrainischen Oligarchen, sich im zweitkorruptesten Land Europas die Milliarden westlicher Militärhilfe in die Taschen zu stopfen?
Und wo bleibt das Positive heute? Wenn schon die Realität Scheiße ist, dann sind wenigstens die Aussichten positiv

Berlin EXPO 2035. Ich trainiere jetzt schon dafür….














