
Weinbar im Berliner KaDeWe. Der sechste Stock dort ist das Mekka der Gourmets der Welt. Ich habe nichts gegen Wein für 850 Euro für 0,1 Liter Wein. Wer das Geld dafür hat und den Geschmack … . Und es gibt sozialökologisch zerstörerische Varianten des Kapitalismus als den Nobelweinanbau.
Wobei ich bezweifle, dass der Petrus 42,5mal besser schmeckt als der Beaune, wie der Preis es insinuiert. Peinlich in dem Zusammenhang nur, dass es auf der Karte heißt: Hospieces. Richtig muss es heißen, und das weiß natürlich jeder Weintrinker, der auch nur mal am Amselfelder genippt hat: Hospices. (Wenn überhaupt, müsste es heißen: Hospièces, mit Accent grave. Was natürlich jeder Klippschüler weiß.)
Trotz aller Kritik ist das KaDeWe ein Ort, wohin es jeden Flaneur eher früher als später einmal verschlagen sollte. Ein einzigartiges Geschehen von Luxus und Geschmack, der feinen Stoffe, der edlen Gerüche, ein Exempel dafür, wozu der Kapitalismus in seinen Sternstunden fähig sein kann.
Aber auch für den Klassenkämpfer ist das KaDeWe ein Must-go Ort, kann er doch hier , neben der Befriedigung eventueller eigener Gelüste, dem Klassenhass fette Nahrung geben. Draußen vor der Tür befindet sich der Wittenbergplatz, ein zentraler Berliner Verkehrsknoten mit Gastronomie, Markt, Shops, den täglich Hunderttausende queren. Demzufolge ballt sich hier das Elend, das ebenso viele Schattierungen hat wie der Luxus. Es gäbe jenseits aller offiziellen Statistik, die mit ihren komplizierten Armutsmesszahlen nach unterschiedlichen Parametern das Übel eher verkompliziert und verschleiert anstatt zum Handeln aufzurufen, eine einfache Methode, die Entwicklung von Armut, Elend, Prekarisierung zu verdeutlichen: Man nehme in jedem Berliner Bezirk, oder vergleichbares in anderen Regionen, einen Abfallbehälter, an dem man, unauffällig natürlich, in regelmäßigen Abständen (1x im Monat z. b., am 25., wenn das Geld mal wieder schon seit Tagen alle ist) die Menschen zählt, die dort nach Pfandflaschen suchen. Eine entwürdigende Art, ein paar Cent zusätzlich zum reinen Überleben zu organisieren, muss man (es sind zu ca. 90 Prozent Männer) doch ständig gewahr sein, Bekannten oder Nachbarn über den Weg zu laufen. Wenn man denn noch welche hat.
Es sind ja schon lange nicht mehr die auch äußerlich völlig Verzweifelten, die mit Haken und Taschenlampen die Müllkörbe der Hauptstadt nach den verwertbaren Hinterlassenschaften der Jugend der Welt durchwühlen, es sind zunehmend völlig normal Gewandete.
Und dagegen habe ich dann doch etwas. Nämlich dagegen, dass diejenigen, die im KaDeWe Weine für 850 Euro das Glas verklappen, eine Louis Vuitton Tasche für 10.000 Euro oder eine Rolex für 150.000 Euro kaufen, denen da draußen vor der Tür nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gönnen. Oh, sie selbst würden vielleicht sogar der Bettlerin vor der Tür des KaDeWe einen Euro in den Becher werfen, zumindest in der Vorweihnachtszeit. Darin sind sie ebenso großzügig wie mit ihrer Kleiderspende für den jährlichen Rotarier-Wohltätigkeitsbasar. Kein Mensch, die auf sich hält, trägt ihre Prada, die bekanntlich der Teufel trägt, länger als zwei Saisons. Das gälte in ihren Kreisen als Verletzung der Menschenwürde.
Aber über ihre Agenten wie Friedrich Merz oder Büttel wie Katharina Reiche organisieren sie einen Raubzug, der gegen die ohnehin Gebeutelten und in die zig Milliarden geht. Allein die Kürzungsvorschläge in der Kinder- und Jugendhilfe und bei Behinderten eines Arbeitspapieres von Bund, Ländern und Kommunen belaufen sich auf 8,6 Mrd. Euro.
Weitere Milliardendetails aus dem aktuellen Klassenkrieg entnehmen Sie gerne der morgigen Presse.
Irgendwann, wenn es des Schlechten und des Guten in Gegenden wie dem Wittenbergplatz zu viel wird, treibt es mich weit raus, in Parallelwelten.


Marzahn. Gärten der Welt. Hier der japanische Garten zur Zeit der aktuellen Kirschblüte. Ein zartweißrosa Schleier von Blüten rieselte sanft vor strahlend blauem Himmel zu Boden. Die Gärten aus verschiedenen asiatischen Kulturen mit ihren klaren, klassischen Strukturen versetzten mich in eine heitere, gelassene Stimmung. Harmonie und Frieden, eine Naturmeditation, wie ich sie sonst nur am Meer mit seiner Weite empfinde.

Meer und Weite. Leider nicht Korfu, aber immerhin Warnemünde.
Aber ach, leider macht der Lärm der Welt auch nicht vor diesem zauberischen Ort von Harmonie und Frieden halt. Bewaffnete Räuber stahlen die Kasse vom Blütenfest mit über 100.000 Euro und verletzten dabei die Wachleute.
Liebe Räuber, das ist vollscheiße, wenn ein Prekariat auf das andere losgeht. Überfallt gefälligst das KaDeWe. Paar Uhren abgegriffen, paar Pullen Petrus, ruckzuck sind die Taschen, von Vuitton, voll, und es trifft mit Sicherheit richtigere Leute. Wobei da im Zweifel ja auch leider Wachleute von der Fa. Precarius angestellt sind.
Aber was sind solche Raubzüge im Vergleich zu denen von Merz und seiner Gang.





















