
Gemälde von Otto Dix. Bildnis der Tänzerin Anita Berber, einer Stilikone aus den verruchten 20ern. Aus der Ausstellung „Ruin und Rausch. Berlin zwischen 1910 und 1930“. In der Neuen Nationalgalerie. Über die Widersprüche der Metropole in Zeiten eines radikalen Wandels. Verglichen damit sind unsere aktuellen Krisenzeiten eine Wellness Oase. Manchmal ganz hilfreich, sich die Relativität von Krisen in Erinnerung zu rufen. Da das aber eine kopfgesteuerte Erkenntnis ist, trägt diese Erleichterung weder weit noch tief. Nach ein paar Tagen Metropolenlärm, Gestank, Dreck, Elend brauchte ich etwas Ruhe und begab mich auf eine Zeitreise nach Alt-Tegel. Malerische Idylle am Tegeler See. Ich kenne kaum ein Stadtensemble, das derart konserviertes 70er Jahre Gefühl atmet.

Tegeler Seeterrassen. Es fand gerade der wöchentliche Seniorentanzttee statt, Livemusik mit Schlagern von Michael Holm, Rex Gildo und Udo Jürgens. Männeranteil unter 10 Prozent. Ich legte mir den Termin auf Wiedervorlage.

Hafenbar. Verrucht, aber geschlossen.

Und hinterher ins Kurbad Tegel.

Wehrhaft ist Alt-Tegel allemal, gleich, was aus Richtung Berlin übers Wasser kommt. Es war nicht viel los und ich hatte am Wasser Zeit und Raum, Gedanken und Gefühlen dieser 70er-Jahre Realrevue nachzugehen . Eine Mischung aus wehmütiger Melancholie, innerer Ruhe und heiterer Gelassenheit, jedenfalls war das Gestampf und Gedröhn des Metropolenmolochs erstmal abgelegt. Ich packte mein Klappi in die S25 zurück nach Kreuzberg. Keine zwei Stationen später erwischten mich die wütenden Pfeile und Schleudern (frei nach Hamlet) des Großstadtgeschicks in voller Breitseite. Kontros. Und ich kriegte die Ansicht meiner Deutschlandticket App nicht aktualisiert. Raus auf den Bahnsteig, Ticket 60 Euro, Nerv auf Bahnsteig, bis ich die Ansicht ins Laufen gebracht hatte, weil zwischenzeitlich das Passwort flöten war. Wellen von Hass spülten alle Wellnessgefühle spurenlos aus mir heraus. Weiter zum Ostbahnhof, wo ich die funktionierende App beim dafür zuständigen Servicecenter vorzeigen musste, um das 60 Euro Strafticket wechzutreten. Dazu wurde es immer wärmer. Schweissgebadet kam ich zum Feierabend Bier im Hades an. Kurreif. Morgen würde ich wieder nach Alt-Tegel müssen.
Aber immerhin läuft der Countdown für den Karneval der Kulturen. Ob das eine Art Tanz auf dem Vulkan ist, wird sich zeigen. Vielleicht in einer Ausstellung in ferner Zukunft, wenn es die dann noch gibt, über die Wirren der Berliner Republik der 20er und 30er des 21. Jahrhunderts. Titel der Ausstellung: Ruin und Rausch.

















