03.02.2026 – Klassenkriegserklärung. Aktuelle Armutszahlen.

Sekt und Rosen. Wenigstens dafür ist der Winter gut, für wissenschaftliche Erkenntnis. Schnitt-Rosen halten im Wasser bei minus 7 Grad ewig, werden ruckzuck eingefroren, und für Sekt ist es eine ideale Lagertemperatur. Die Perlage hält mehrere Tage, der Geschmack ist nicht beeinträchtigt und bei Zimmertemperatur merkt man peu à peu, wie der Geschmack sich langsam entfaltet. Und in dem Moment, wo ich mich näher auf den Geschmack einlassen will, kommt die Meldung der neuesten Armutszahlen vom Statistischen Bundesamt über den Ticker. Laut Destatis hatten rund 13,3 Millionen Menschen in Deutschland zuletzt ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Sie sind arm. Das waren 16,1 % der Bevölkerung, Ein Jahr zuvor waren es 15,5 %.

Betrachtet man neben der Einkommenssituation auch die Möglichkeiten der Menschen zur Teilhabe an der Gesellschaft, zeigt sich ein umfassenderes Bild der sozialen Lage. In Deutschland waren im Jahr 2025 rund 17,6 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, das waren 21,2 % der Bevölkerung. Gegenüber dem Vorjahr (21,1 %) blieb dieser Anteil nahezu unverändert.

Nach EU-Definition gilt eine Person als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Bedingungen zutrifft: Ihr Einkommen, siehe oben, liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Was Entbehrung konkret heißt, können Sie hier nachlesen . Der Schwellenwert für Einkommensarmut bei einer alleinlebenden Person in Deutschland liegt netto (nach Steuern und Sozialabgaben) bei 1 446 Euro im Monat (2024: 1 381 Euro). Da bleibt nach Miete in Ballungsräumen, Heizkosten, Lebensmittel schon am 20. des Monats nichts mehr übrig.

Diesen Menschen und allen zusätzlich ca. 10 – 15 Millionen Menschen, die in prekären Verhältnissen leben und arbeiten, erklärt die CDU gerade offen und brutaler denn je den Klassenkrieg. Der CDU-Wirtschaftsrat erledigt doch nur die Drecksarbeit für den Rest der Christlich-Asozialen Union mit Forderungen nach Streichung der Erstattung von Zahnarztkosten, Abschaffung der Mütterrente, der Rente mit 63, Begrenzung des Arbeitslosengeldes. Dafür soll der Solidaritätszuschlag auch für Gutverdiener abgeschafft, die Unternehmensteuer auf 25 Prozent gesenkt und die Grenze für den Spitzensteuersatz angehoben werden. Also die Armen ausplündern und denen, die ohnehin nicht wissen, wohin mit der Kohle, soll leistungslos noch mehr in den Arsch geschoben werden. Die Kriegserklärung der CDU kommt nicht von ungefähr. „Wir stecken in der schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik: längste Rezession, Produktionsschwund seit 2018, geringes Produktivitätswachstum, Letzter im Wachstum unter den großen Volkswirtschaften. Unser Gesellschaftsmodell droht uns zwischen den Fingern zu zerrinnen.“ Das stammt nicht von mir, sondern vom Klassenfeind, dem BDI, der damit bei aller Feindschaft in der Analyse völlig recht hat.

Es geht um Verteilung des kleiner werdenden Kuchens und da schält sich immer klarer heraus: „Wir“, so der Klassenfeind, werden uns von den Minderleistern und unnützen Esserinnen trennen müssen. Durchaus final. Ich möchte nicht wissen, wie viele Rentner*innen mit wenig Geld bei den Temperaturen an Heizung sparen müssen, weil sie sich sonst nichts zu essen kaufen können. Auf dem Totenschein steht dann als Ursache: Lungenentzündung. Kreislaufschwäche. Herzversagen. Es müsste dort aber stehen: Armut. Gesellschaftsversagen.

„„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“. Warren Buffet, 2006, Vermögen 140 Milliarden Euro.

Wo sind dann die legitimen Mittel der Gegenwehr? Burn, Baby, burn? Wie Krieg im Innern aussehen kann, ist hier zu besichtigen. Detroit 1967. Da kam zur Klasse die Rasse dazu.

01.02.2026 – Anlageberatung oder: Das Silber-Gold-Massaker.

Norwegischer Pavillon mit Wasserfall bei der EXPO 2000 in Hannover. In der norddeutschen Tiefebene vor so einem brausenden Wasserfall zu stehen, das hatte etwas durchaus Kreatürliches. Norwegen deckt fast 100 Prozent seines Stromes mit den ca. 1700 Wasserkraftwerken. Die Nutzung dieser kostenlosen natürlichen Ressource und sein Erdölreichtum hat Norwegen mit in die Lage versetzt, einen staatlichen Pensionsfonds aufzubauen, dessen Volumen sich aktuell auf rund 290.000 Euro pro Einwohner beläuft, insgesamt ca. 1.6 Billionen Euro. Der Fonds setzt sich aus ca. 70 Prozent Aktien, 27 Prozent Anleihen und 3 Prozent Immobilien zusammen. Der Fonds erzielt eine durchschnittliche Rendite von ca. 6,5 Prozent (netto 4 Prozent) per Anno . Privatanlegerinnen können den Fonds mit ein paar globalen ETFs und Anleihefonds nachbilden. Der Fonds hat ethische Richtlinien, er investiert nicht in Unternehmen, die Massenvernichtungswaffen herstellten, gegen Menschenrechte verstoßen, in Teile der Rüstungsbranche oder der Tabakindustrie. Er hat Beteiligungen an russischen Unternehmen abgestoßen, an Walmart wegen Verstoß gegen Arbeitnehmerrechte. Und sich von israelischen Beteiligungen wegen des Gazakrieges getrennt. Der Antisemitismus, der dahintersteckt, deckt die ganze verlogene Heuchelei dieses Fonds auf und macht die Unmöglichkeit eines ethischen Agierens auf den Märkten deutlich, selbst für Anlegerinnen, die noch so guten Willes sind.

Natürlich ist der norwegischen Fonds nach wie vor in den meisten der großen US-Konzerne investiert, von Apple über Alphabet bis Meta, die den Faschismus in den USA mit unterstützen und durch ihre Geschäftspolitik mit ermöglicht haben, siehe Hass und Hetze in sozialen Netzwerken. Natürlich sind die Norweger auch in Ölkonzernen wie Shell und Exxon investiert, die für massive globale Zerstörung der Umwelt verantwortlich sind. Er ist größter Anteilseigner bei Vonovia, der deutschen Gauner- und Mafiagesellschaft für beschissenes Wohnen. Zu glauben, dass man im Kapitalismus ethisch investieren könne, ist unter den globalen Vernetzungen, Abhängigkeiten und Überkreuzbeteiligungen von genau dem gleichen intellektuellen und moralischen Kaliber wie die Behauptungen von Fritze Thünkram, dass wir uns hierzulande in einem Work-Life-Balance-Erholungspark befänden und damit den Wohlstand im Lande gefährdeten.

Wohlstand? Den der Obdachlosen, die gerade bei der Kälte unter den Brücken erfrieren? Den der ca. 20 Millionen Armen im Land? Oder den des Schraubenkönigs Würth, mit über 40.000.000.000 Euro einer der reichsten Deutschen, der zur Zeit in allen Medien hysterisch vom Untergang Deutschlands deliriert, weil eine minimale Vermögenssteuer diskutiert wird, bei der er einen winzigen Bruchteil seines unvorstellbaren Reichtums teilen, christlich teilen, müsste? Die natürlich niemals kommt, was Würth weiß, da sind die Christlichen vor.

Sie werden verstehen, liebe Leserinnen, dass ich Ihnen unter diesen Umständen keine ETFs empfehle, die den Norweger nachbilden. Und bei der durchschnittlichen Rendite von 6 Prozent gebe ich Ihnen zu bedenken, dass sich dahinter auch Jahre verborgen haben mit einer Negativrendite von 14 Prozent. Wenn Sie Pech haben, rauschen Sie mit ihrem Investment in eine jahrelange Rezessionsperiode, wo Erträge und Kapital dahinschmelzen wie Butter in der Sonne. Gerade dann, im Alter, wenn Sie es brauchen.

Also dann in Silber und Gold investieren? Silber ist am Freitag an einem einzigen Tag von 100 auf 70 Euro pro Unze abgekackt, bloß weil Trump irgendeine Wurst zum Notenbankchef ernannt hat, von dem die Märkte glauben, er würde den Dollar stabilisieren. 30 Prozent Verlust an einem Tag. Um aber von 70 wieder auf 100 zu kommen, bedarf es einer Steigerung von 42 Prozent. Börsenmathematik.

31.01.2026 – Das nächste Attentat auf Donald steht kurz bevor.

Meine Unterkunft auf Korfu, gerade mal drei Monate her. Kleine Bilder-Fluchten angesichts des schrecklichsten Winters seit Menschengedenken. So würde es zumindest ein Sechzehnjähriger formulieren. Und in Hannover ist es noch goldig im Vergleich zu Berlin, wo jeder Schritt vor die Tür im Krankenhaus enden kann. Schuhspikes gibt es da nicht mehr, ausverkauft. Zeit für drinnen also, Zeit sich um die wesentlichen Dinge des Lebens zu kümmern. Die Märkte. Sie sind volatil, weil Donald erratisch ist.

Eigentlich ist er ein Faschist und mit erratisch unzureichend bis falsch kategorisiert. Ob Halb-, Krypto- oder Dreiviertelfaschist, darüber wird sich dereinst die Geschichtsschreibung streiten. Vielleicht zeitnah, weil er mit einem Loch im Kopf das Zeitliche segnet? Halleluja. Nicht, dass das meine Meinung wäre. Gott bewahre, ich bin Atheist. Nein, Halleluja würde Donald angesichts der himmlischen Heerscharen intonieren. Weil er das Zeitliche ja segnet, und nicht verflucht. Oder achselzuckt….

Es geht hier nicht um meine Gefühle angesichts eines gemeuchelten Faschisten auf dem Thron in Washington. Es geht hier um nüchterne Zahlen. Um Mathematik. Um das Gesetz der Serie. Um Reihen. Es gab mehrere erfolgreiche Attentate auf US-Präsidenten. Das letzte auf den allseits verehrten John F. Kennedy (der, das zur Erinnerung, den Vietnamkrieg angezettelt hat). Das war 1963. Vor über 60 Jahren. Das letzte erfolgreiche Attentat vor Kennedy erfolgte auf William McKinley. 1901. Über 60 Jahre vor Kennedy. Erkennen Sie das Gesetz der Serie? !

Nichts liegt mir ferner als ein „Es wär mal wieder Zeit dafür…“. Es geht mir nur, und darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, darum, auf Gesetzmäßigkeiten hinzuweisen. Zum Beispiel: Donald ist Imperialist, siehe Venezuela und Grönland. William McKinley war ebenfalls Imperialist. Er zettelte den Spanisch-Amerikanischen Krieg an, nach dessen siegreichen Ende der Ami u. a. die Philippinen, Puerto Rico und Guam annektierte. Später noch das unabhängige Königreich Hawaii. Natürlich war Kennedy auch Imperialist, bloß nicht so erfolgreich wie McKinley. Er zettelte die CIA-Landung in der Schweinebucht an, um Kuba zur US-Kolonie zu machen, und danach den Krieg in Vietnam. Beides endete in einem US-Desaster. Erkennen Sie, liebe Leserinnen, die Zusammenhänge? Der Nebel der Geschichte lichtet sich. Dank mir. Bitte. Gern geschehen.

Weiter mit Fakten. Fakten. Fakten. Auf Donald wurden bisher zwei erfolglose Attentate verübt. Allgemein gilt aber das Gesetz: Aller guten Dinge sind … Raten Sie mal, liebe Leserinnen. Da fügt sich doch so offensichtlich ein Puzzlestein an den anderen!

Es ist also nicht die Frage, ob das Loch in den Kopf von Donald kommt, sondern wann. Für mich persönlich allerdings sehe ich schwarz. Wenn es soweit ist, werden mich natürlich CIA, FBI, ICE, NSA und DFB in die Mangel nehmen. Waterboarding und so. Wegen Insiderwissen. So ist es ja immer in der Geschichte. Es trifft immer den Überbringer der Nachrichten, nicht den Verursacher.

Hab ich noch was vergessen? Ach ja. Keine Macht den Drogen. Und eigentlich wollte ich was zu den Märkten sagen, zum Silber- und Goldmassaker von gestern. Morgen ist auch noch ein Tag.

27.01.2026 – Der Tag erwischte mich mit einem Leberhaken.

Mein Desktophintergrund. Nicht gerade sehr intelligent, sich sowas auf den Laptop zu legen, bei diesem grauenhaften Winter ohne Ende. Natürlich kommt da sofort Fernweh auf. Im Hintergrund sind dort die Diapontischen Inseln im Bild, die nordwestlichste griechische Inselgruppe. Die linke Insel ist Mathraki. Abgesehen davon, dass ich bei der letzten Überfahrt fast vom Deck der Fähre gespült worden wäre, ein kleines Paradies.

Zwei Weiler mit einer Taverne

Ein paar Höfe

Alles grün. Und ausgeschildert.

Als Kontrastprogramm dazu schaltete ich heute Morgen wie üblich den DLF ein und wurde vom Tag mit einem Leberhaken erwischt. Heute ist der 27. Januar, was ich nicht auf dem Schirm hatte. Wozu auch, schließlich wartet gerade kein Flieger in den Süden auf mich, kein OP Termin, die eigene Beerdigung auch nicht, wozu muss ich da das Datum wissen.

Heute ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust . An diesem Tag befreite die Rote Armee 1945 das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nachdem ich nüchterne und sachliche Schilderungen ihrer Wahrnehmungen und Empfindungen von mehreren Jüd*innen gehört hatte, die teils seit vielen Jahren in Berlin leben, schaltete ich den Sender aus. Ich merkte, wie Wut und Traurigkeit mein Gemüt verfinsterten. Seit dem 7. Oktober, dem Überfall der faschistischen Hamas auf Israel, ist für sie und viele andere Jüd*innen hier nichts mehr normal im Land der Täter. Fanatischer migrantischer Antisemitismus auf den Straßen nicht nur von Neukölln und Kreuzberg, mit massiver Unterstützung aus der Linken und seitens der hiesigen Kulturbolschewisten. Das ist keine diffuse Bedrohungslage, das ist der Alltag, in dem man und frau immer öfter über die Schulter guckt, reale alltägliche antisemitische Gewalt schwebt über Berlin und dem Rest der Republik. Die Jüd*innen hierzulande lernen hebräisch und sitzen auf gepackten Koffern. Insignien ihres Jüdisch-Seins wie Kippa, Davidstern etc. tragen sie schon lange nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Ich könnte mir jetzt Sand in den Kopf stecken, Koffer packen, ab in den Süden, irgendwie komme ich schon nach Mathraki, und die drei Affen machen, nichts sehen, nichts hören, nicht sagen. Eine weise Strategie, wollen die drei sprichwörtlichen japanischen Primaten doch damit das Böse von sich fernhalten und sich auf das Gute konzentrieren. Aber was ist nach der Rückkehr und wo ist das Gute? In meinem Weinkeller vielleicht, aber sonst… ?

Ich könnte der Wut nachgeben und hier im Blog verbal rumtoben. Hilft als therapeutischer Akt der Katharsis durchaus kurzfristig und irgendwann ist ja auch 28. Januar.

Konstruktiver für das Gemüt ist wahrscheinlich das Einschalten von Vernunft, Ratio und die Suche nach Argumenten, wie umgehen mit der Situation. Also dem migrantischen, linken, kulturellen Antisemitismus. Den offen faschistischen lassen wir mal außen vor, weil die Strategien hier offensichtlicher sind, repressiver, radikaler, militanter sein müssen.

Das Fiese ist ja immer der Feind in den eigenen Reihen. Als solches hätte ich zumindest das linke und kulturelle Milieu früher bezeichnet.

Fangen wir mal mit dem migrantischen Antisemitismus an, der überwiegend ein importiertes Problem aus dem islamischen Kulturkreis ist, also den Herkunftsländern von Nordafrika über den Nahen und Mittleren Osten bis zur Türkei. Eins dürfte klar sein: Aufklärungs- und Informationskampagnen sind hier fehl am Platz. Antisemitismus ist ein Wahn, der damit weder erreicht, geschweige denn „therapiert“ werden kann.

Soll man also Einwandernde aus diesem Kulturkreis auf Antisemitismus überprüfen? Das, was Linke früher „Gesinnungsschnüffelei“ nannten? Wie misst man Antisemitismus objektiv? Wer misst das, wer ist dafür geschult? Inwieweit verschärft das antimuslimischen Rassismus? Soll man eingebürgerten Antisemiten nach antisemitischen Straftaten die Staatsangehörigkeit wieder aberkennen, um sie dann ausweisen zu können, und wenn ja, wohin dann? Hochkomplex, weil das dem Artikel 16 GG widerspricht. Eine Lehre aus dem Nationalsozialismus, weil damals deutsche Jüd*innen ausgebürgert wurden.

Ein nur kleiner erster Einstieg in diese Materie zeigt, wo da konkret Probleme, Fallstricke, Gefahren liegen. Ein Gutes hat so ein Einstieg allerdings: Die Wut ist erstmals verraucht, der Kopf musste ja arbeiten. Und außerdem kommt gerade, um 11.24 Uhr, die Sonne kurz durch. Das ist ja mal ein Anfang.

26.01.2026 – Wat is ne Demokratie überhaupt?

Impressionen meines täglichen Walks im Viertel. Mitten auf dem Bürgersteig entsorgt. Erst scheute ich bei dem Begriff „Bürger“steig und wollte schreiben: Mobsteig. Aber irgendwie ist das schon ein illustrierendes Bild für den Verfall unserer bürgerlichen Gesellschaft. In sozialen Brennpunkten werden Sofas und Waschmaschinen auch schon mal aus dem Fenster geworden, insofern wohne ich privilegiert.

Unsere Demokratie als formaler Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft funktioniert aber noch. Die BRD liegt auf dem Demokratieindex als eine von noch 23 vollständigen Demokratien von insgesamt 167 auf Platz 13 und dafür bin ich ohne Ironie, Wenn und Aber dankbar. Frankreich (Platz 24), die USA (Platz 25), Israel (27), Italien (29) z. B. sind unvollständige Demokratien. Länder wie Rumänien sind weit hinten auf Platz 62, die Ukraine auf Platz 79 wird gar nicht mehr als Demokratie bezeichnet. Dass sowas in der EU ist bzw. da hinein soll ist genauso drollig als wenn man dem örtlichen Mafioso bei der sonntäglichen Kollekte den Klingelbeutel zum Sammeln in die Hand drückt und der Pope in der Predigt dazu verkündet: „Das ist eine vertrauensbildende Maßnahme.“

Geschenkt. Warum soll ich hier Beulen nach Athen tragen.

Wat is ne Demokratie überhaupt?  Da stelle mer uns mal janz dumm und sagen: En Demokratie iss ne jroße, runde, schwarze Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommen die Wahl-Stimmen rein, un watt hinten ruskütt, dat weiss man nie so jenau.

Formal besteht eine bürgerliche Demokratie aus: 1. Volkssouveränität & Wahlen. Wahlen müssen regelmäßig, frei, gleich und geheim sein. 2. Mehrparteiensystem & Pluralismus: Die jeweilige Opposition hat die Möglichkeit, bei Wahlen an die Regierung zu kommen. 3. Rechtsstaatlichkeit: Gesetze binden Regierung und Bürger, und unabhängige Gerichte schützen diese Rechte. Dann gibt es noch Gewaltenteilung, Grundrechte, Meinungsfreiheit. Das sind formale Kriterien.

In der Praxis zeichnet sich bürgerliche Demokratie dadurch aus, dass Wahlen verboten wären, würde bei ihnen grundlegend das bürgerliche System und der Kapitalismus in Frage gestellt. Weiters: Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Meinungsfreiheit sind in immer größer werdendem Ausmaß für unterschiedliche Personengruppen nicht mehr gleichermaßen gewährt. Wer reich ist, kommt eher zu seinem Recht, selbst wenn es Unrecht ist. Und Meinungsfreiheit in den Medien bedeutet, dass die Redakteur*innen die Freiheit besitzen, jederzeit die Meinung ihres Verlegers zu äußern, widrigenfalls sie ihren Job los sind.

Soviel pauschal und in Kürze zum Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Zu erwähnen wäre noch eine weitere Schwachstelle von Demokratie, und das ist für diesen Blog von Bedeutung: Die bürgerliche Demokratie bietet keinen sicheren Schutz vor dem Systemabsturz in den Faschismus. Wie sich jede*r individuell gegen faschistische Tendenzen engagieren kann, im konkreten Fall die in den USA, wo der Systemabsturz wesentlich näher ist als bei uns, dat krieje ma später.

25.01.2026 – Dicke Luft

Sehr schlechte Luftqualität, kurz vor Vollausschlag. Gestern 16.22 Uhr, Messstation Hannover, Am Lindener Berg. Inmitten von Kleingärten. Und einem Friedhof. Gelungener Standort-Humor.

Luftlinie ca. 300 Meter von mir entfernt. Da kriegt das Wort Luftlinie eine ganz neue Qualität. Würde bei mir vor der Tür gemessen, müsste man eine neue Kategorie in den Index einführen, sowas wie „Schwer gesundheitsgefährdend“. Am Fenster meines Arbeitszimmers rauchen täglich über 20.000 Autos vorbei. Ich wollte schreiben „rauschen“. Aber das lass ich mal so stehen.

Jedes Mal, wenn ich mir sage: „Mal lüften. Frische Luft reinlassen.“, kriege ich einen Erstickungsanfall. Im Moment noch vor Lachen, ich habe nämlich einen gesunden Humor. Wer weiß, wie das in 5 Jahren ist. Was dann die Ursache für den Erstickungsanfall ist und wo der „gesunde“ Humor geblieben ist. Was mich tröstet: Woanders ist es schlimmer. In Neu-Delhi z. B.

Und vor der Haustür meines Berliner Domizils in der Yorckstr. Da fahren ca. 50.000 Autos am Tag durch. Die Yorckstr. gilt aufgrund des extrem hohen Verkehrsaufkommens, permanenter Lärmbelastung und hoher Abgaswerte als „gefährlich“ im Gesundheitssinne. Chronischer Lärmstress steigert das Risiko, dass Herzkranzgefäße verkalken, es zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt kommt. Später entstehen dann oft noch Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Von Demenz ganz zu schweigen. Hatte ich ganz vergessen.

Nicht Cholesterin oder hoher Blutdruck sind „unsere“ zentralen Herzprobleme. Da redet in ein paar Jahren kein Mensch mehr von. Wobei die Cholesterinhysterie sowieso überwiegend ein fantastischer PR-Scoop der Cholesterinlobby ist, die mit der so erzeugten Cholesterinpanik gigantische Milliardenumsätze mit ihren Blockbustern in den letzten Jahrzehnten erzielt hat. Natürlich ist es sinnvoll, den LDL-Wert, das „schlechte“ Cholesterin, zu senken. Aber sinnvoll es natürlich auch, flankierend Sport zu treiben, kein Fleisch zu essen, keinen Alkohol zu trinken und nicht zu rauchen. Was man halt alles so machen sollte (zu Recht!), wenn man der Ideologie der Individualisierung von Gesundheitsvorsorge anhängt.

Sinnvoller, individuell gesundheitsfördernder und vor allem nachhaltiger und kostensenkender für den Zustand von Public Health (vulgo Bevölkerungsgesundheit) wäre es allerdings, ginge man die strukturellen Risiken an, wie eben Lärm- und Feinstaubexposition. Das sind die hauptsächlichen Friedhofsfüller. Dann aber müsste sich der Gesetzgeber mit der Auto- und Flugzeuglobby anlegen, denn das hieße: Autos raus aus den Cities und Inlandsflüge verbieten. Verboten werden müssten auch Holzheizungen. Holzöfen stoßen über 20 % der Feinstaubemissionen aus in Deutschland, soviel wie der gesamte Straßenverkehr.

Das erste Gebot in der BRD aber lautet: Freie Fahrt für freie Bürger. Und keine sozialistische Bevormundung beim Heizen. Kümmere Dich selbst um Deine Gesundheit. Zahle gefälligst auch selbst dafür. Staatliche Vor- und Fürsorge ist Sozialklimbim von vorgestern. Wer früher stirbt, ist selber schuld, wenn er arm ist und es sich nicht leisten kann, auf dem Lande zu wohnen, weil da kein ÖPNV mehr verkehrt.

Stopp! Denkfehler. Eine frohe Botschaft, für alle, die sich kein Häuschen auf dem Lande, in der Natur leisten können. 40 Prozent der feinstaubbedingten vorzeitigen Todesfälle in Deutschland sind auf Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft, vor allem aus Gülle und Tierhaltung, zurückzuführen. Und die Lebenserwartung auf dem Land ist eh kürzer, weil man da im Alter im Notfall schon Kompost ist, bevor der Arzt kommt. Denn nicht nur die medizinische Infrastruktur in Güllistan ist verheerend. Sowas wirkt signifikant lebensverkürzend.

Ich könnte natürlich in eine Kleinstadt ziehen, weg aus der Großstadt und die Natur vermeidend. Ich erinnere mich allerdings an meine Gemütsverfinsterungen, wenn ich früher, auf Dienstreisen, in Kleinstädten auf den Bahnhöfen ankam. Ich verfiel jedes Mal allein auf Grund der dort herrschenden niederdrückenden, niederträchtigen, kulturfernen Friedhofs- Atmosphäre umgehend in schwerste Depressionen und mußte sofort diverse Upper einwerfen, um das auch nur für ein paar Stunden zu überleben. Dann lieber aufrecht in der Yorckstr. dement und erstickend mit einem Herzinfarkt umfallen.

So, jetzt habe ich es endlich mal geschafft, mich nicht mit dem Kapitalismus rumzuzanken. Wobei …. Der medizinisch-industrielle Komplex, die Individualisierung von Risiken, der Rückzug des Staates aus Verantwortung, Infrastrukturen und Vorsorge… hat das nicht auch irgendwie mit Kapitalismus zu tun … ?

Es reicht. Ich muss mal lüften.

24.01.2026 – Der Zug der Zeit

Schnellzuglok der Baureihe 12, ölgefeuert. 1940 in Betrieb genommen. Im Rahmen der Elektrifizierung des DB-Streckennetzes wurde der Betrieb auf den letzten Strecken in den 70ern eingestellt. Die Ölkrise 73 gab dem schnaufenden Ungetüm den Rest.

Ich kann mich noch daran erinnern, Jahre vorher als Pöks bei Oma im Hühnerhof gestanden und vor freudiger Angsterregung gezittert zu haben, wenn dieses gigantische Monster zweimal am Tag qualmend, vielleicht noch mit Kohlen befeuert, laut hupend von Ferne herandonnerte, die Pleuelstangen hämmerten einem endlosen Schlagzeugsolo gleich ein regelmäßiges Stakkato in die Eichsfelder Weizenäcker und Kartoffelfurchen. Dann verschwand der Titan direkt an den pickenden Hühnern und mir vorbei in Richtung Zonengrenze. Wie sich sowas ansah und hörte, kann hier ansatzweise nachvollzogen werden

Es gab noch zwei Deutschländer. Eine schöne Zeit. Parallel zum allmählichen Verschwinden der Baureihe 12 entwickelte sich in der BRD eine radikale linke Szene. Deren zahllose untereinander tödlich verfeindete Fraktionen und Splittergruppen zwei Ideologien gemein hatten: Zum einen den Hass auf die jeweilige Bruder-Splittergruppe im Marxschen Geiste und zum anderen den Wahn, dass in der BRD der Faschismus vor der Tür stünde. Was damals, im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus, real vor der Tür stand, war die nächste Lohnerhöhung von 10 Prozent, die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung, die Modernisierung des Scheidungsrechtes, zaghafte Ansätze zur Liberalisierung des § 218, die zweite Welle der Frauenbewegung, eine emanzipatorische Sicht auf Kindererziehung  usw. usf.

Heute steht der Faschismus realiter vor der Tür, die Protagonistinnen von damals sind bestenfalls tot, im Normalfall alt, entpolitisiert und reaktionär.

Vor zwei Jahren fanden Demos gegen Rechts auf den Straßen statt, mit Zehntausenden. Bürgerliche Latschdemos mit peinlichem Hang zum schulterklopfenden Selbstbeweihräuchern. Ungefähr so nachhaltig, als ob ich meinen Namen in den kommenden Schnee pinkele.

Auf der antifaschistischen Seite jenseits der Narrenkappen und Pappnasen gibt es neben den lobenswert Radikalengagierten eine wiedererstarkte Partei „Die Linke“. Die hat ihre Mitgliederzahl im letzten Jahr verdoppelt. Lobenswert. Nur wird die Linke dadurch nicht ihr Antisemitismusproblem los, vermutlich eher im Gegenteil. Bei den antisemitischen Demos in Kreuzkölln in den letzten Jahren habe ich eine wachsende Zahl junger autonom angehauchter Eingeborener beobachtet, potentielle Linken-Klientel. Wer allerdings Antisemit ist, egal, ob links, rechts, migrantisch, aus der Mitte, taugt niemals zum antifaschistischen Widerstand. Im Tunnel isses duster, sagte der alte Schrankenwärter aus dem Eichsfeld an der B 247 damals immer.

Und was hat nun das Verschwinden der Baureihe 12, mit paralleler Entwicklung der Bahnelektrifizierung, mit dem Aufkommen der radikalen Linken zu tun und mit meiner Angsterregung als Pöks auf dem Hühnerhof?

„Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“. Lenin, kurz nach der Oktoberrevolution. Die Energieströme, die Staat, Gesellschaft und unsere Körper durchfluten, bestimmen den Zug der Zeit . Die Ströme können vielfältig sein, elektrische Energie, Datenstränge, Informationen, aber auch Emotionen wie Angst, Hass, Erregung. Was am Ende hinten rauskommt, am anderen Ende des Tunnels, um mal eine etwas schräge Metapher in die Bloglandschaft zu zimmern, hängt vom Zug der Zeit ab. Sowjetmacht war mal. Heute läuft es auf Faschismus hinaus.

Der andere Zug der Zeit heißt nun nicht mehr Baureihe 12, sondern ICE 843 und verkehrt still und leise zwischen Hannover und Berlin im Stundentakt. Meint: Er kommt regelmäßig mindestens eine Stunde zu spät. Wenn er nicht gerade ausfällt.

Was haben wohl die Eisenbahner der Baureihe 12 und anderer Loks im Kopf gedacht und im Herz gefühlt, als sie täglich Tausende von Menschen, oft in Viehwaggons, nach Auschwitz transportierten? Und mit leeren Zügen wieder zurückfuhren. Menschenleer. Totenstill.  

18.01.2026 – Wie mir einmal ein Blogeintrag völlig entgleitzte

Blick zurück in heitere Zeiten. Dieses ewige düstere Dümpeln in trostloser Gegenwart zwischen Trump, Faschismus, Antisemitismus, Klima, Spaltung und Grönland ist der mentalen Gesundheit nicht förderlich. Also vorwärts nach rückwarts, in die Goldenen Jahre und Welten. Siehe oben. Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate bei der EXPO 2000 in Hannover. Es war Sommer, die Welt war zu Gast in Hannover, Heiterkeit schwebte über allem. Rotgrün regierte die BRD, Aufbruch zu neuen Ufern. Probleme? Fehlanzeige. Das größte Problem damals zur Jahrtausendwende schien der Millenium Bug Y2K zu sein, weil die Datumsumstellung ins neue Jahrtausend auf digitaler Ebene nicht funktionieren würde und alle Fahrstühle abstürzen würden. Oder so ähnlich. Nichts davon passierte.

Auf der EXPO 2000. Ich war mitteljung und abenteuerlustig. Und draußen, in der Welt, würde das Ende der Geschichte nach dem Fall der Mauer in eine Riesenparty übergehen.

Nur notorische Schwarzseher mäkelten an diesem und jenem rum, ein bisschen Klimakrise, ein bisschen Rechtsextremismus, die Dotcom Blase war gerade geplatzt. Das Einzige, was ins Gewicht zu fallen schien, war die Arbeitslosigkeit, 10,7 %. Aber das würden Koch und Kellner, Schröder und Fischer, Arsch und Eimer, Rot und Grün auch noch in den Griff kriegen. Mit ihrer Wunderwaffe, der Agenda 2010, die da noch als Referentenentwurf eines gewissen Frank-Walter Steinmeier in dessen Schublade reifte. Nicht der arme Peter Hartz war ja der Schurke in dem Stück „Größter Sozialraub der Nachkriegsgeschichte“, es ist der gütig-präsidial dreinblickende Grüßaugust Steinmeier. Der es unter den Gesichtspunkten kritisch-historischer Würdigung geschafft hat, die Rolle von Arsch und Eimer in sich zu vereinen, ohne dass da auch nur irgendwas Negatives an ihm haften geblieben ist.

Die Geschichte hat gezeigt, dass 2000 eine tiefgreifende Zäsur bildete, den Übergang von der Postmodernen in ein Krisenzeitalter als Vorstufe von Autoritarismus und Faschismus. Das Platzen der Dotcom-Blase wuchs sich mit den Folgen des Anschlags vom 11. September 2001 zu einer Weltwirtschaftskrise aus, mit einem Anwachsen von Massenarbeitslosigkeit. Danach: Eurokrise, Lehman Pleite, Kriege, Seuchen, Anwachsen von Nationalismus und Rechtsextremismus …. Der Rest ist Geschichte und bei einigen noch präsent.

Nicht ganz so präsent bei vielen sind die Nachwirkungen der Agenda 2010 und ihre kritische Einordnung. Sie wird in Teilen der neoliberalen Öffentlichkeit als Wunderwaffe gegen Arbeitslosigkeit gepriesen und Masterfolie für eine noch radikalere Agenda 2030. Fakt ist: Das Original hat durch Ausweitung prekärer Beschäftigung die Arbeitslosenquote externalisiert. Was vorher arbeitslos war, tauchte jetzt in der Armutsquote, via prekärer Beschäftigung, auf. Während die Arbeitslosenquote aber einer der Parade-Parameter der bürgerlichen Nationalökonomie und in den Medien, und damit für den Politikbetrieb ist, interessiert die Armutsquote keine Sau.

Arbeitslosigkeit halbiert, Armutsquote fast verdoppelt. Kaninchen aus dem Hut gezaubert, das Publikum versteht nichts und applaudiert. Die Konzerne wurden entlastet, die Konjunktur-Krisenkosten dem Steuerzahler an den Hals gehängt, der stotternde Wirtschaftsmotor sprang dem Gesetz der zyklischen Krisen zufolge wieder an, es folgten 10 Jahre Dauerhoch. Für Konzerne, Aktienbesitzer, Wohlhabende. Bis Corona und Ukraine. So weit ein kurzer Ausritt in die Geschichte, der eigentlich als therapeutische Selbstheilungsmaßnahme gedacht war. Dieser Blogeintrag ist mir unter Therapiegesichtspunkten völlig entgleist.

Der Ausritt ist aber nicht völlig nutzlos. Ich habe das auch deshalb geschrieben, weil eine Ursache der desaströsen aktuellen Entwicklungen die allgemeine Ahistorizität ist. Geschichtsvergessenheit. 1933; Hitler, böse; 1989, Mauer weg, gut: Das wissen die Meisten noch. Aber dahinter wird die Erinnerung und Einordnung der Geschichte in Zusammenhänge und Strukturen finster, verdunkelt unter anderem durch die täglichen Tsunamis an bunten Bildern der sozialen Medien. Wenn wir aber von der Geschichte nichts wissen, können wir das Heute nicht begreifen.

Und deshalb bin ich auch dafür, dass der Ami Grönland besetzt. Dann würden die meisten anderen Nato-Staaten die Fußball-WM 2026 im Amiland boykottieren, aus Solidarität mit Drönland. BRD, England, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, die Besten der Welt, bis auf Argentinien und Brasilien. So eine WM interessiert bei uns keine Sau mehr. Und einer der gruseligsten Anblicke der jüngeren Geschichte bliebe mir erspart: Ein schwarzrotgoldenes Fahnenmeer bei einem eventuellen Titelgewinn 2026 der Ostgoten. Wie weiland 1990, woraufhin in ganz Ostgotistan Ausländerheime brannten, im Zeichen eines neuen, alten Nationalismus.

17.01.2026 – Tod und Irrsinn

Deine Küsten, deine Strände,

Deine Buchten ohne Ende,

Nichts kommt Deinen Möwen gleich,

Meerumtostes Österreich!

Thomas Stethin. Undatiert. Freund und Kollege, unter anderem bei meinem Zeitungsprojekt NETZ – Niedersächsische Teilhabe Zeitung. Die Zeichnung oben ist hier in einer Ausgabe von 2016 auf Seite 6 abgebildet . Das Original ist in meinem Besitz

HAZ, 15.01.2026. Wann er genau starb, ist nicht bekannt. Die schräge Genialität seines Schaffens erklärt sich sehr stark aus seinem Lebensweg

Mitunter habe ich das Gefühl, die eine Hälfte der Freunde ist soeben gestorben, die andere Hälfte gerade dabei und dem Rest geht es auch nicht besonders.

Der Blick in die Weltlage erheitert auch nicht gerade. Rotlackierte Faschisten und Antisemiten mobilisieren nach Leipzig, um Israelunterstützer*innen zu terrorisieren, vornweg die sogenannte Antifa. Mit dabei u. a. eine pro-palästinensische Gruppe namens Handala, Hamas-Sympathisanten. Die Hamas war ohne die Unterstützung des klerikalfaschistischen  Regimes im Iran nicht denkbar. Wes Geistes Kind die rotlackierten Faschisten von Leipzig sind, ist an den mörderischen Wahlverwandtschaften bis Teheran abzulesen. Linke haben zu Gegendemos aufgerufen

Linke gegen Pseudolinke und mittendrin die waschechten Nazis von den Freien Sachsen, die sich mit gekonnter Satire „Migrantifa vs. antideutsche Antifa: Freie Sachsen liefern das Popcorn“ über dieses groteske Theater lustig machen.

Leider kann ich zur Zeit meinem Impuls durch Auswandern diesem Irrsinn zu entgehen, nicht nachkommen. Dringende Termine …. Meinem Impuls, die gute alte Glock einzupacken und in Leipzig für Ordnung zu sorgen, kann ich auch nicht nachkommen. Restpazifismus, Humanismus und vor allem der dringende Wunsch, nicht auf eine Stufe wie jene dort abzusinken, halten mich davon ab.

Warum sitzt der Antisemitismus eigentlich so tief, so unverrückbar in der deutschen Volksseele, bis weit hinein ins linke und Kulturschaffende Milieu?  Die antisemitischen Codes, Bilder, Erzählungen sind Jahrhunderte alt, haben sich tief ins Unterbewusstsein eingeschliffen, jenseits der Ebene von Argument, Vernunft, Ratio. Ein kleines Beispiel: Wilhelm Busch mit der Geschichte „Die fromme Helene“. Grandioser Comic, gehört zum Bildungskanon, ich habe das als kleiner Pöks begeistert mit roten Ohren verschlungen. Die Geschichte ist, und das verschweigt Wikipedia interessanterweise, mit niederträchtigem Antisemitismus versehen und zeichnet ein Bild vom Juden, wie es später im Nazi-Hetzblatt „Stürmer“ zu sehen sein wird. Zitat: …..

Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas‘ und krummer Hos‘
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tiefverderbt und seelenlos.… .

Nebenbei ist die Geschichte von einem pessimistischen Antimodernismus und einer tiefen Frauenverachtung geprägt. Helene ist frech, aufmüpfig, dem Alkohol zugetan, sexuell selbstbestimmt. Zur Strafe („Und die Moral von der Geschicht ….“) wird sie von Busch ermordet. Sie stirbt einen grausamen Flammentod. Dass Busch Sadist war, ist durch Max und Moritz bekannt. Dass er glühender Antisemit war, Antimodernist und misogyn, wird gerne unter den Teppich in der Bibliothek des doitschen Bürgertums gekehrt. Aus dessen Elternhäusern nicht wenige der rotlackierten Faschisten stammen.

16.01.2026 – Alle Gewalt geht vom Volke aus. Und wendet sich gegen es.

Ein Bild von Deinem geliebten Tier. Ölsardinen. Gesehen in einem Laden in Hanover-Linden.

 Mein Lieblingstier ist vom Aussterben bedroht. Es führt wohl nur noch ein verstecktes Nischendasein. Es ist der Mettigel.

Ohne solche Fundsachen des Wahnsinns im Alltag wäre der große Wahnsinn kaum noch auszuhalten. Zurzeit findet die Diskussion um die Reform des Bürgergeldes mit den verschärften Sanktionsdrohungen statt. Ursprünglich sollte im ersten Jahr laut Friedrich Merz eine Milliarde Euro dadurch eingespart werden. Davon ist nicht nur nichts mehr übriggeblieben, richtig ist vielmehr, dass die materiellen Folgekosten um ein Vielfaches höher sein werden: Die Gesundheitsfolgekosten werden deutlich steigen, weil die ohnehin von massiven Gesundheitseinschränkungen betroffenen Opfer dieser Reform noch kränker werden. Depressionen, Herzkreislauferkrankungen, Suchterkrankungen, höhere Krebsraten durch ungesunde Ernährung und Lebensführung, Zahnerkrankungen, Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes, Adipositas, das alles wird den Staat zig Milliarden zusätzlich kosten. Weiters: Anwaltskosten wegen erhöhter Klagen der Betroffenen, steigende Kosten für Notunterkünfte, weil Wohnungslosigkeit steigt, Gewalt – und Eigentumskriminalität zieht an. Es ist eine irrsinnige Vorstellung, die betroffene Klientel unter den derzeitigen Bedingungen von Massenentlassungen in existenzsichernde Jobs vermitteln zu können….

Als Sahnehäubchen zu den materiellen Kosten gibt’s obendrauf die gesellschaftlichen Folgekosten: Weitere Delegitimation der Demokratie. Die Millionen Betroffenen und die davon Bedrohten wenden sich von der Demokratie ab. Wenn sie überhaupt noch wählen, werden sie sich in ihrer Angst und Wut natürlich an den Treiber dieser Gefühle, die AfD, wenden.

Bezieher*innen von Bürgergeld sind überdurchschnittlich oft vom Leben überfordert, sind viermal so oft von Depressionen betroffen wie Normalverdienende. Wer von einer Depression betroffen ist, ist im Normalfall oft nicht in der Lage, seinen Alltag zu meistern, Post zu öffnen, der kriegt vom Leben und der dritten Aufforderung des Jobcenters sich zu melden, nichts mit. Er würde die unmenschliche Bürokraten-Sprache auch nicht verstehen und schlimmstenfalls als das empfinden, was sie ist: Eine massive existentielle Bedrohung, die der Krankheit einen weiteren Schub verleiht. Irgendwann einen tödlichen. Depressionen sind die häufigste Selbstmordursache.

Zu verlangen, dass Betroffene in derartigen Zuständen sich gegen ihre Vermieter wehren sollen, falls die zu hohe Mieten verlangen, ist ein ekelerregender Zynismus.

Diese Reform ist strukturelle Gewalt. Durch sie werden Menschen auf den Straßen erfrieren, nachdem sie als Folge dieser Reform obdachlos geworden sind. Durch sie werden Menschen kränker und früher sterben. Gewaltkriminalität vor allem in Beziehungen wird steigen. Natürlich geht kein Opfer dieser Reform mit einer Pistole der Marke Glock los und schießt einen Friedrich Merz in den Kopf. Das Opfer, männlich, wendet seine Aggression im Zweifel gegen ein anderes Opfer, weiblich. Beziehungstotschlag. Frauen sind, wie üblich, doppelte und dreifache Opfer dieser Reform. Dreifach, wenn sie Alleinerziehende sind. Jede SPD-Frau, die dieser Reform zustimmt, soll in der Hölle schmoren bis zum dümmsten Tag. Der dümmste Tag ist übrigens der SPD-Parteitag.

Diese Reform ist Ausdruck des täglich stattfindenden Klassenkampfes, der, je öfter seine Existenz geleugnet wird, umso brutaler exekutiert wird. Die Motive der Handlungen und die Gefühle sind dabei durchaus disparat. Aus den kaltlächelnden Hackfressen eines Linnemann spricht der Klassenhass von denen da oben gegen die da unten. Die SPD kanalisiert die Wut ihrer Facharbeiterklientel gegen die „Schmarotzer“ unter ihnen, die den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen, während sie sich an den Fließbändern krank schuften. Und vor nichts mehr Angst haben, dass sie demnächst nach den erfolgenden Massenentlassungen auch „da unten“ landen. Statt Solidarität also Hass. Gleiches gilt für das Millionenheer des Prekariats der Amazon- etc. Fahrer. Nach unten ist immer Platz.

„Unten“ sieht es ganz finster aus. Hier neidet der eingeborene Bürgergeldempfänger dem ausländischen die Stützebutter auf dem Brot von vorgestern. Und die ukrainische Stützeempfängerin fragt sich voller Wut im Bauch, wieso sie als Weiße nur noch um 100 Euro abgesenkte Asylbewerberleistungen kriegen soll, während doch jeder Neger es hinten und vorne reingeblasen kriegt.

So kriegt der Satz „Alle Gewalt geht vom Volke aus“ eine andere, alltagsreale Bedeutung.

Gemeint ist in der ursprünglichen Form des Grundgesetzes natürlich die Staatsgewalt. Aber die, das haben wir ja hier gesehen, wendet sich alsbald gegen das Volk.

Respektive die Bevölkerung, denn natürlich ist der § 20 Absatz 2 „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ völkischer Dreck, der mal weggeräumt werden müsste. Es muss natürlich heißen: „Alle Staatsgewalt geht von der Bevölkerung aus.“ Oder den Staatsangehörigen.

Sie, liebe Leserinnen, verstehen jetzt sicher, dass ich angesichts der obwaltenden Umstände lieber in der freien Natur als in der Gesellschaft unterwegs bin. In der Natur, mit meinen Lieblingstieren. Den Mettigeln.