
Radikale Anti Smartphone Front. Neulich in Kreuzberg. Solche Dinger kleben wohl zu tausenden in Berlin, das Werk eines Einzelnen. Details, inklusive Manifest, gibt es hier . Dahinter steckt die Philosophie des Neo-Luddismus . Der Luddismus war eine gewaltsame soziale Bewegung im Beginn des 19. Jahrhunderts, in der sich Betroffene mit sogenannter „Maschinenstürmerei“ gegen zunehmende Massen-Verarmung auf der einen und explodierenden Reichtum auf der anderen Seite als Folge von technologischem Fortschritt und ungerechter Verteilung wehrten. Die Aufstände, siehe auch Weberaufstände in Deutschland, wurden gewaltsam niedergeschlagen. Konsequenzen daraus waren unter anderem die Organisation der Arbeiter*innenbewegung und die Formulierung des Marxismus als theoretische Grundlage der Vorstellung einer Welt jenseits des mörderischen Kapitalismus.
Davon redet heute, wo sogar wir im Herzen der Bestie im wohlhabenden Mitteleuropa die Ausprägungen dieses zerstörerischen Wirtschaftssystems zunehmend am eigenen Leib erfahren, niemand. Alternativen, die der herrschenden Klasse einfallen, sind Rentenkürzungen, Ausbau des Strafsystems gegen Transferleistungsbezieher*innen, Kürzungen im Gesundheitswesen und die Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für LKW. Also um die tödlichen Konsequenzen – bisher sind wohl schon über 10.000 Menschen bei uns als Folge der Hitzewelle gestorben – des Schadstoffausstoßes zu bekämpfen, erhöht man den Schadstoffausstoß, die Unfall-Todesquoten auf den Straßen und das Gesundheitsrisiko zehntausender Beschäftigter. Unter normalen Umständen müsste man die dafür Verantwortlichen in geschlossene Anstalten schicken, in weißen Jacken, mit den Ärmeln auf dem Rücken. Stattdessen erhält ein dafür mitverantwortlicher Bundesverkehrsminister eine monatliche Pension von ca. 6.000 Euro, wenn er vier Jahre durchhält. Dazu kommen weitere Pensionsanteile als normaler Abgeordneter. Und eventuelle Nebenjobs und Beraterverträge von Seiten der LKW-Industrie, Arbeitgeberverbände etc. Sowas wird ohne Protokoll und Aktennotiz als Absichtserklärung und gentleman’s agreement vorab bei gemeinsamen Arbeitsessen in Berlins Dreisterne-Restaurant Rutz geklärt. Im Rutz gibt es keine Gänge, sondern 13 Inspirationen. Für 360 Euro. Dazu kommt die Weinbegleitung. 8 Gläser für 201 Euro. 8 Gläser, dazu kommen Aperitif und Digestif. Da sach ich nur, Leber duck Dich. Ist denn noch kein Fotograf auf die Idee gekommen, eine Serie zu schießen, Titel: „Die torkelnde Elite. Deutschlands Promis beim Verlassen des Rutz.“
Für Essen und Getränke also 561 Euro. Zum Vergleich: der monatliche Regelsatz Bürgergeld für Alleinstehende beträgt aktuell 563 Euro.
Nun wollen wir die böse Polemik mal außen vorlassen und mal schauen, ob es individuellen Handlungsbedarf, siehe oben, gibt. Ich habe mit Süchten keine Probleme, hab vor Jahren ohne große Umstände das Rauchen eingestellt, trinke gerne ein Glas Crémant oder auch zwei, breche aber nicht in Schweiß aus, wenn keiner auf dem Tisch steht, mein Konsum an Gras oder weiterführenden Substanzen ist sehr überschaubar. Aber meinen Handykonsum erachte ich als problematisch, obwohl ich keine sozialen Medien nutze. Mittlerweile gucke ich schon nicht mehr in meinen Nutzungs-Wochenbericht, weil mich das frustrieren würde.
Das ist nun keine grundstürzend neue Erkenntnis, dass das Handy ein extremer Suchtträger ist. Die Frage ist nur, welches Ausmaß und welche Konsequenzen diese Sucht hat, im mörderischen, zerfallenden Spätkapitalismus. Zwei Bilder habe ich da vor dem Auge: Die junge Mutter in der Kreuzberger Bergmannstr., die mit der einen Hand die Babykarre schiebt und mit der anderen durchs Handy scrollt, hypnotisiert drauf starrt. Und der junge Vater mir in der S-Bahn gegenüber, auch starrend mit der Handyhand und mit der anderen den Kinderwagen neben ihm schaukelnd. Zwei Bilder von Dutzenden, Hunderten, jeden Tag. Eigentlich müsste doch der permanente, verbindende Blick in den Kinderwagen, in das Gesicht des Neugeborenen, das höchste Glück auf Erden für Eltern sein. Wenn selbst das ausgelöscht wird durch die Handy-Sucht, dann, ja dann fällt selbst mir kein witzig-tröstendes Schlusswort ein. Und außerdem hat mein Handy auf dem Schreibtisch gerade gebrummt. Eine WhatsApp. Ich muss mal schauen. Schönes Wochenende, liebe































