
Königsallee, Düsseldorf, 17.12.19. In Europa hat sie die zweithöchste Dichte an Filialen von Luxusmarken nach der Londoner New Bond Street. Vor Läden wie Gucci und hier Louis Vuitton drängeln sich die Kund*innen mitunter derart, dass die Läden zwischendurch geschlossen werden.
Louis Vuitton gehört zum LVMH Konzern, der als wertvollste Marke der internationalen Luxusartikelhersteller gilt und unter den Top 20 aller wichtigsten Marken der Welt rangiert.
Der Besitzer Bernard Arnault ist mit einem Vermögen von fast 80 Mrd. Euro der viertreichste Mensch der Welt, er besitzt also so viel wie 80.000 popelige Einzelmillionäre zusammen und fast dreimal soviel Taler wie der gesamte Jahres-Haushalt des Landes Niedersachsen. Falls es tatsächlich Leserinnen dieses Blogs gibt, die Louis Vuitton nicht kennen: die leimen so Taschen zusammen, die aussehen wie meine Omma aussen Eichsfeld ihre, wenn wir int Dörpe zum Einkaufen gingen, wo die Kartoffeln reinkamen, nur dass die von Louis Vuitton 2.000 Ocken kosten. Deshalb, und Sie mögen mir den Snobismus verzeihen, sehen die Leute, die sich vor solchen Läden drängeln, zumeist voll Scheiße aus, über ihnen schwebt eine Proll-Aura, die den Mann von Welt und Dandy einen Riesenbogen um solche Stätten machen lässt. Überflüssig zu erwähnen, dass die ganze Kö runter aufgereiht wie an einer Perlenschnur Bettler vor den Läden hocken.
Das alles klingt nicht nur unangenehm, es fühlt sich beim Flanieren auch innen so an und genau deshalb ist es unerlässlich, sich auch auf sowas einzulassen. Das ist jene Art lebendig erfahrene politische Bildung, die die Lektüre der gesammelten Marx-Engels-Werke ersetzt. Das ist nur Papier und das ist sooo geduldig.
Natürlich begebe ich mich nicht nur dessentwegen zu so einem auch sonst eher klebrigen Ort wie Dusseldorf, allein die Altstadt, mit tausenden betrunkenen Holländern, die schon am frühen Vormittag Altbier in sich schütten, unter hunderten Heizpilzen hockend, lässt einen wünschen, dass demnächst Nacktnasenwombats oder Salzwasserkrokodile die Herrschaft über diesen Planeten antreten mögen.
Im dortigen Kunstpalast gab man die Ausstellung „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“.

Ein schöner Titel, der die Geschichte der DDR gut beschreibt: Von der Utopie des Anfangs, dem Hoffen auf eine bessere Welt nach den Gräueln des Faschismus, eine Welt, in der zum Bespiel keine Bettler vor Läden wie Louis Vuitton hocken, bis hin zum Untergang, beschleunigt durch stalinistische Willkür, bürokratische Ineffizienz, perfide Unterdrückung und einen eklatanten Mangel an Bananen und Mallorca-Reisen.
Schön, mal wieder DDR-Kunst auf einem Haufen zu sehen. Nachdem Kulturschaffende aus der ehemaligen Ostzone vor deren Annexion hierzulande noch hofiert wurden, vor allem wenn sie die Aura des Dissidenten umgab, verschwanden sie nach Mauerfall umgehend in der Versenkung, mission accomplished. (Ausnahmen wie die neue Leipziger Schule um den Schmieranten Neo Rauch bestätigen die Regel.)
Sonst gab mir die Ausstellung wenig, nach wie vor am meisten beeindrucken mich die Meister der alten Leipziger Schule wie Tübke, Mattheuer (siehe Bild) oder Heise, die eben auch wegen ihrer ästhetischen Qualität die bekanntesten Pinselquäler von drüben waren. Aus dem Osten also nix neues, für mich. Unangenehm fand ich nur die dauernde Rempelei auf den Hinweisen zu den Bildern gegen eher systemimmanente sogenannte „Staatskünstler“ ( „ … lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt..“) und das Hineininterpretieren von systemkritischen, dissidenten Symbolen und Aussagen in jedes zweite Bild, egal ob es passte. Ja, nee, schon ok, wenn ich vom Amt komme, bin ich immer schlauer. Oder wie es der Alkmeister im Faust so treffend formuliert:
„Weh Dir, dass du ein Enkel bist.“
Von nix ne Ahnung haben und den ohnehin schon breitgetretenen Quark nur nachplappern, so lieben wir unsere Dusseldorfer.
Prost.
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17.12.2019 – Schöne Bescherung

Stille Nacht….?
Heute steht im hiesigen Zentralorgan der höheren Stände, der HAZ, dass die Verwahrlosung von Senior*innen deutlich zunimmt, überwiegend Frauen sind davon betroffen. Aus Scham werden staatliche Hilfen nicht in Anspruch genommen und sozialarbeiterische Unterstützung erst im Extremfall. Wenn überhaupt. Für ca. 1000 Fälle in Hannover sind 7 Sozialarbeiter*innen zuständig.
Grundsicherung im Alter wird bundesweit von rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten – hochgerechnet etwa 625000 Privathaushalten – nicht in Anspruch genommen. Bei voller Inanspruchnahme würde verfügbares Einkommen der Haushalte, die Grundsicherung aktuell nicht beziehen, aber beziehen könnten, um rund 30 Prozent steigen. Dass das nicht so ist, ist politisch gemacht und gewollt. Die Menschen werden weder hinreichend über ihre Rechte informiert noch sind die Antragsverfahren niedrigschwellig. Während wir uns auf der einen Seite in einem Zeitaler maximaler Schamlosigkeit befinden, wo jede*r ungefragt in aller Öffentlichkeit die privatesten Dinge und den gröbsten Hirnsondermüll erbricht, herrscht auf der anderen, der der materiellen und psychischen Not, eine scheinbar kaum zu durchbrechende Mauer aus Scham.
Altersarmut, Einsamkeit, Ausgrenzung, all das nimmt dramatisch zu. Das ist kein Naturgesetz, das ist, siehe oben, Produkt eines politischen Prozesses und politisch veränderbar. Es muss nur gewollt und gegen andere Interessen durchgesetzt werden.
Das passiert nicht und insofern ist hier nicht von individueller Verwahrlosung zu reden, sondern von einer der Gesellschaft.
Das alles steht so natürlich nicht im Zentralorgan der höheren und wahrhaft verwahrlosten Stände, der HAZ. In der steht nur in jeder Ausgabe eine Seite mit den Namen der Spender*innen der Weihnachtsspendenaktion. Bei der kommt pro Jahr ca. 1 Mio. Euro zusammen, also pro Insassen der hiesigen Region ca. 1 Euro. Das ist erbärmlich.
Aber regelrecht niederträchtig und sozial verwahrlost ist es, diesem Armutszeugnis jedes Mal eine komplette Seite der HAZ zur Verfügung zu stellen, anstatt ein einziges Mal fundiert Fakten und strukturelle Zusammenhänge zu diesem Thema zu veröffentlichen. Zum Kotzen. Es geht aber auch in die andere Richtung. Einer alten Überlieferung zu Folge sitze ich nämlich gerade auf dem Lokus und habe ich die Lektüre der besagten HAZ vor mir. Gleich werde ich sie hinter mir haben. Und dann gehe ich shoppen.
Ihnen, liebe Leserinnen, wünsche ich eine charmante Jahresendzeit.
15.12.2019 – Wer keine Kälte hat, der macht sich welche

Silves, Algarve, Weihnachtsmarkt. Ich war bei der Ankunft schweißgebadet vom Rad gefallen, auch wenn die Lufttemperaturen eher milde waren, ca. 20 Grad, hatte die Sonne doch eine starke Intensität und die letzte Steigung trieb mir den Schweiß aus allen Poren. Bei dem Anblick dieser Winteranmutung auf dem Markt musste ich lachen und dachte:
„Die spinnen, die Portugiesen. Sollen mal lieber dankbar für ihren Winter sein, anstatt sowas Überflüssiges wie Schnee und Frost herbei zu imaginieren.“
Aber das ist vermutlich ein Wesenszug des Homo Sapiens, die Sehnsucht nach dem, was fremd ist. Logisch, sonst würden wir alle noch auf dem Baum hocken. Was wir ethisch gesehen auch noch tun. Diese Sehnsucht bezieht sich vermutlich aber nur auf das Fremde, nicht auf den Fremden, zumindest nicht in Form des Migranten.
Ein weites Feld, für Ethnografen und Soziologen. Ich bin eher Reisender und trollte mich nach einer Sopa de legumes, einem Bica und einem Portwein Strandwärts, den Fluten des Atlantik entgegen. Bei dessen Anblick muss ich immer an einen Film denken, der mich ziemlich beeindruckt, wenn nicht gar geprägt hat, ein sehr schräges Meisterwerk vom heute leider in Vergessenheit geratenen Herbert Achternbusch „Der Atlantikschwimmer“. Aus dem Film stammt die heute bis zur Besinnungslosigkeit gestammelte Phrase „Du hast keine Chance aber nutze sie“.
Meines Bleibens in den Fluten ward kurz, 14 Grad Wassertemperatur sind mittlerweile ein Grenzwert für mich. Raus aus dem Wasser und rein ins Flugzeug.

Neukölln, saukalt. Was für ein Unterschied. Die einzigen Lebewesen, die ich an der Algarve außer den Eingeborenen wahrgenommen hatte, waren wohlhabende Engländer und Deutsche, die dort ihren Altersruhesitz haben, und deren für mich herausragende Eigenschaft war, dass ich mich vor den ortsüblichen Dorfkneipen unter ihnen jung, so jung fühlte.
In Neukölln, auf der Karl-Marx-Str., hingegen das wirklich pralle Leben. Erkennbar fast niemand, der materiell gesehen auf der Sonnenseite des Lebens existiert. Viele waren eilig, fast gehetzt, unterwegs, zur schlecht bezahlten Arbeit, auf der Suche danach, zum Einkauf, was auch immer, Bettler, Obdachlose, überwiegend arabische und türkische Landsleute, wenn man überhaupt mal einen Niqab in unseren Breiten sieht, dann hier. Den Anblick finde ich gruselig. Wenn ich schon Begründungssätze dafür lese wie: „Der Prophet hat gesagt…“ (siehe auch „Ich bin der Herr, Dein Gott ….“) fliegt mir der Quark aus der Kanzel. Soll man das Tragen verbieten? Produziert man damit nicht Märtyrer*innen? In staatlichen, säkularen Räumen wie Schulen, Gerichten etc. haben solche politischen Symbole nichts verloren und gehören verboten, siehe auch Schleier, Kruzifixe etc. Aber in der Öffentlichkeit? Hm.
Der M41-Bus in Neukölln war wie immer knüppeldick voll. Ich zählte mein einsehbares Umfeld durch: Von 14 Personen lasen 9 Druckerzeugnisse, meist Bücher, 2 schauten auf ihr Handy und einer, der Fortschritt sozusagen, arbeitete hybrid, von seinem Smartphone auf Papier-Unterlagen. Die hohe Papier-Quote verblüffte mich. Zufall? Neukölln?
Es müffelte nach billigstem Parfüm, Knoblauch und Alkoholfahne im Bus.
Ich war wieder Zuhause.
08.12.2019 – Gegen die nächsten Hitzewellen bin ich gewappnet

Erntezeit in Portugal. Die Orangen von meist kleinen Parzellen werden Säckeweise für drei, vier Euro am Straßenrand verkauft. Sie sind kaum Konkurrenzfähig gegen spanische Produkte. Dort gibt es riesige Plantagen und effektivere Anbaumethoden. Ich hab allerdings irgendwo mal gelesen, dass grundsätzlich europäische Orangen kaum wettbewerbsfähig gegen brasilianische sein sollen.
Man sollte die Parzellen aber für Touris erhalten. Für mich ist dieser Anblick beim Wandern ein Inbegriff von Urlaub,
von der anderen, der fremden Welt. So wie der Anblick der unendlichen Weite des Meeres. Einen Begriff, so klein er auch sein mag, von der „Fremde“ zu bekommen, ist wesentliche, demokratische Funktion von Reisen.
Womit wir bei dem bekannten Dilemma sind, das in einem aktuellen Artikel der „konkret“ so formuliert wird: „Wer zu wenig reist, wird dumpf und xenophob, wer zuviel reist, zerstört Umwelt und fremde Kulturen.“
Da kann man nur dankbar sein, dass da mitunter nicht mehr soviel zu zerstören ist.

Portimao, Algarve.
Und wie sähe die hier in Teilen ohnehin zersiedelte und zubetonierte Küste aus, wenn alle Urlauberinnen, die in den Hochhäusern absteigen, in netten, kleinen Apartments Urlaub machen würden? Da wäre die Küste bis Lissabon zubetoniert. Also ein Hoch den Hochhäusern, auch den Innerstädtischen.
Denn die Variante, das Reisen per ordre du Mufti zu reduzieren durch drastische Kerosinbesteuerung beispielsweise, im Verbund mit anderen nachhaltigen klimaschonenden Regelungen, wäre sozial ungerecht, undemokratisch und kontraproduktiv. Sie würde eine derartig beschliessende Regierung aus dem Amt fegen und Lemuren an die Macht bringen, die ich mir kaum vorzustellen wage. Da wäre Höcke noch ne Light-Version.
Also lieber weiter so, der Klimakatastrophe entgegen. Ist mir recht. Ich reise gern und gegen die nächsten Hitzewellen bin ich gewappnet. Hab ne schattige Wohnung.
06.12.2019 – Ortseinfahrt Erde

Dieses Schild sollte am Ortseingang Erde stehen. Steht aber auf den Klippen der Algarve, wo es mich auf die Endlichkeit meines irdischen Wandelns hinwies. Die Erde wird die Menschheit überstehen, wie ich einen Pickel am Arsch. Die hat schon schlimmeres durchgestanden. Die Frage ist, wie unsere Gesellschaft die derzeitigen Krisen übersteht, mit welchem Modell von Herrschaft wir da herauskommen. Demokratie?
Achten Sie mal auf die hysterischen Reaktionen zu den Vorschlägen des Umweltamtes in Sachen Tempolimit, Spritpreiserhöhung und Quote E-Auto etc. Oder gar ein Böllerverbot zu Sylvester! Da fühlt sich der gemeine Germane sofort in seinem Grundrecht auf Selbstvernichtung behindert und geht ne Runde Amok laufen. Erstmal verbal, der Rest kommt später. Die Leute wollen konsumieren, um’s verrecken. Von mir aus gerne. Erstens geht mir die Menschheit auf die Eier und zweitens ist das der Freie Wille. Dass der auch mit Verantwortung zu tun hat, hat man dem Mob in der Schule der allgemeinen Verblödung nicht beigebracht.
Konsum ist Menschenrecht. Oder? Konsum und Demokratie sind untrennbar wie siamesische Zwillinge, nimm das Eine weg, geht das Andere ein.
Schöne Aussichten

Flusstal des Arade, Algarve.
04.12.2019 – Ein Schnäppchen

Algarve Anfang Dezember. Sonne pur, traumhaftes Licht, jeder Atemzug ein Gesundheitselixier. Eine medizinisch notwendige Massnahme. Von Mentalität garnicht zu reden, bei dem deutschen Schmuddelwetter. Die Strände habe ich fast alle für mich alleine, draussen vor den Bars sitzen einige wohlhabende deutsche und englische Rentner, die hier ihr Winterdomizil besitzen, und verkürzen ihre Restlebenszeit mit intensivem Alkoholkonsum schon vormittags.
Auch in meiner ziemlich luxuriösen Anlage, Parkähnlich mit Palmen, Mandel- und Olivenbäumen, bin ich fast der einzige Gast, eine skurrile Athmosphäre. Was ich ausserordentlich schätze. 1 Woche inklusive Flug, Frühstück, Transfer für 400 Euro, ca. 100 qm Apartment, Terrasse Blick auf das Monchique Gebirge. Ein Schnäppchen. Wie macht der Hotelbetreiber sowas möglich?
Vermutlich macht es keinen großen Unterschied, was Betriebskosten und Funktionserhaltung angeht, wenn er den Laden mit ein paar Leuten am laufen hält, statt bis März dicht zu machen. Er hat auch kaum Konkurrenz, die meisten Hotels sind zu.
Das ist die eine Komponente. Die Andere:
Beschäftige in der Tourismusbranche verdienen hier bei einem 12 Stunden Tag und einer 6 Tage Woche ca. 700 Euro im Monat. Das Preisniveau ist nicht sehr weit vom deutschen entfernt. Die Zeiten, wo ich noch als Hippie-Darsteller hier rumkasperte, um Geld zu sparen, weil der damalige Escudo uns ein Billigparadies bescherte, sind lange vorbei.
Im Normalfall werden die Beschäftigten von November bis März hier arbeitslos, dann kriegen sie vom hiesigen Arbeitsamt 400 Euro im Monat.
Aber das Wetter ist hier wirklich super, demnächst 19 Grad. Sonnige Grüße und ebensolches Gemüt wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.
02.12.2019 – Mehr Licht oder Meer Licht?

Egal, Hauptsache weg.
Ohne Flieger ans Mittelmeer? Machbar, aber schwierig, wenn man nur eine Woche hat… Kompensation ist nett. Wie früher im Beichtstuhl, Pater peccavi, und weiter geht’s mit dem Sündigen. Weiße Salbe für einen Krebskranken. Flugscham habe ich nicht, es ist nur die reine Logik des Verstandes, die Vernunft, die mir sagt, dass das falsch ist, was ich tue, wenn ich fliege. Solange Vernunft aber nicht in Emotion wie Scham übersetzt wird, funktioniert die Klimawende nicht. Deshalb funktionieren ja Nationalismus und Faschismus auch so gut, weil sie den Verstand aussetzen und an niedere Emotionen andocken. Wenn ich bei der Kälte Obdachlose sehe, fasst mich mitunter Wut an über Verhältnisse, die das zulassen, gemischt mit Dankbarkeit und Beschämung, dass es mir so gut geht. Emotionen eben, deshalb bin ich auch ein Kind sozialer Bewegung und nicht der ökologischen. Mich packt keine Wut, wenn an meinem Fenster 25.000 Autos am Tag vorbeistinken. Die Konsequenzen dessen sind weit weg. Ich lege dadurch statistisch 1,5 Jahre eher die Löffel weg? So what, who cares Statistik und ich sterbe sowieso nicht. Die Klimakatastrophe rückt dadurch näher? Kann ja sein, aber wann…Wütend bin ich, wenn irgendein irrer Motorradidiot mit heulendem Motor und 180 km die Gerade hier beschleunigt, wenn gerade mal wieder 200 Meter Freie Fahrt für Geisteskranke Bürger herrscht. Dann geht mein Puls auf 180, das merke ich direkt.
Aber Klima? Hauptsache, die Sonne scheint. Außerdem ist die Klimakatastrophe längst da, bei jeder Hitzewelle tausende Tote jetzt schon. Und der Mensch ist ähnlich wie Kakerlaken und Ratten von hoher Resilienz. In Neu Dehli sind die Schadstoffwerte bis zu 20fach höher als bei uns, und da leben Millionen Menschen, werden immer mehr. Und gucken Sie sich mal Bilder vom Autoverkehr in Bangkok an, da leben die Berufstätigen in ihren Autos, Hundert km Dauerstau, 3 Stunden hin zur Arbeit, 4 zurück… Nein, wir haben noch viel – schmutzige – Luft nach oben. Alles wird schlecht. Aber das macht nichts.
Wir aber sollten uns ein Beispiel an den Bäckern nehmen

Von den Bäckern lernen, heisst Siegen lernen.
01.12.2019 – Antizyklisches

Antizyklisches Bodenfrost-Foto, Kloster Mirtiotissa auf Korfu, Ende Oktober.
Bodenfrost, beim morgendlichen Kontemplativ-Gang durch den Garten. Kontemplativ-Gang hört sich gut an, aber Ihnen, und nur Ihnen, liebe Leserinnen, verrate ich, was dahintersteckt: Ich bringe via Garten meinen Mülleimer zur Tonne. Es ist eben alles eine Frage der Etikettierung. So auch bei der sPD.
Die sPD ist hässlich und missgebildet. Sie taugt nicht zur Politik, zur Erheiterung, zum Positiven, ihr Motto: „I, that am not shaped for sportive tricks“. Sie ist so lahm und verkrüppelt, dass die Medienmeute sie anbellt, wenn sie ihrer ansichtig wird. Nach zahlreichen Intrigen und Verrat kommt sie doch noch einmal an die Macht, aber ihr Ende ist nahe. Verzweifelt sucht sie nach Rettung, nach Flucht vor dem Untergang: „A Horse! A Horse! My kingdom for a horse!“ Schliesslich trifft sie im direkten Kampf auf den Wähler und wird dabei getötet.
Wer mal ein Theater von innen gesehen hat oder zumindest Notabitur besitzt, wird wissen, dass es sich hier punktgenau um die Anwendung der Tragödie Richard III. auf die sPD handelt.
Kennzeichnend für die Tragödie: Der Held kann machen was er will, es geht immer Scheiße aus. Insofern ist es auch völlig egal, dass die sPD irgendwen zum Vorsitzenden gewählt hat. Sie hätte auch eine Kreuzung aus Mutter Theresa und Willy Brandt wählen können, es ändert nichts am Untergang. So stehen wir staunend und angeekelt am Spielfeldrand, um zu beobachten, wie das abgewirtschaftete alte sPD-Führungspersonal den neuen Vorsitzenden sofort nach alter Manier in den Rücken fällt und auf Fortsetzung der Koalition besteht, anstatt einfach mal die Fresse zu halten. Und die Gewerkschaften sind wie bei fast jeder Sauerei wieder munter dabei, im harmonischen Konzert mit dem Kapital.
Als ob das nicht schlimm genug wäre, noch die gruselige Auslosung für die BRD zur Fußball-Europameisterschaft, die schwerste Gruppe, mit Frankreich und Portugal. Das gibt für mich Null-Quote, wenn ich wie seit 1990 auf das frühe Ausscheiden der Ostgoten wette, dafür zahlen die Buchmacher nichts. Anders als bei der letzten WM, wo ich mit der Wette einen Urlaub finanziert habe.
Seit dem BRD-Gewinn der WM 1990, worauf ein Meer von Schwanzrotgoldenen Fahnen die Republik zudeckte und in Folge Ausländerheime angezündet wurden, als Nationalismus und Vorboten des Faschismus ihre grässliche Fratze zeigten, wette ich als Vaterlandsverräter und Kosmopolit konsequent gegen die Ostgoten, was mich summa sumarum einiges an Talern gekostet hat. Die Ostgoten sind auf dem Platz wie im Krieg, Panzergleich überrollen sie ihre Gegner und kämpfen bis zur letzten Patrone, haben aber im Fußball damit leider oft Erfolg.
Dann erreichte mich noch von einem meiner Korrespondenten dieses Foto

KDG, Graffiti am hiesigen Maschsee, mit dem Kürzel zeichne ich mitunter, wenn es flink gehen soll, auf WhatsApp zum Beispiel, sogar Dienstliches. Wenn sich das bei der Soko Graffiti rumspricht, krieg ich bestimmt mal ne Vorladung.
Und jetzt auch noch Bodenfrost und Advent.
Nichts wie weg hier.
30.11.2019 – Bin ich ein linker Spießer?

Der rote Stern über dieser Weihnachtspyramide steht nicht, wie man wegen „H&M“ glauben könnte, wenn man glauben wollte, für den Heiligen Melchior, einen der drei Mohren, so habe ich es zumindest im Kommunionunterricht gelernt, aus dem Morgenlande, sondern natürlich für die Modekette H & M, Paradebeispiel für katastrophale Produktionsbedingungen in Billiglohnländern und Ausbeutung der einheimischen Arbeitskräfte. Solche säkularen Einrichtungen haben in der Funktion des Konsums als Religionsersatz nicht nur den „heiligen“ drei Königen, sondern allen anderen Sinnstiftenden Institutionen und Ideologien unserer Gesellschaft den Rang abgelaufen.
Gestern am Black Friday pilgerten 250.000 Gläubige der Religion Konsum in die hannöversche City, um dort den sakralen Ritualen ihres Wahns, also ihrer Religion, zu frönen. 7.000 Demonstrant*innen, also knapp 3 Prozent von 250.000, folgten am gleichen Tag dem Gedanken von Friday for Future, um das Klima zu retten. Soviel zum gesellschaftlichen Maßverhältnis und ich möchte nicht wissen, wie viele der Religionsfanatiker, die mit ihrem Goldenen Kalb, dem Auto, zum „shoppen“, ein dem Abendmahl vergleichbarer Akt, unterwegs waren, die Demonstrantinnen mit Hass und Mordphantasien bedacht haben, weil sie ihnen für fünf Minuten die „Freie Fahrt für Freie Bürger“ nahmen.
Das alles ist so offensichtlich irrsinnig, verrückt, pathologisch und bar jeder Morgenröte von Hoffnung am Horizont der Geschichte, dass ich wenig Gedanken auf die Rettung der Welt, des Klimas, der Menschheit (auf die schon gar nicht!) verschwende.
Lohnenswerter scheint mir genaueres Hingucken, um scheinbar Offensichtliches zu hinterfragen. Einige Zeit war zentrales Medienthema die Flugscham. Sich des Fliegens zu schämen wurde im liberalen Mainstream allgemein begrüßt als ein Hebel zur Klimaverbesserung. Das Pendel scheint mir in letzter Zeit zurück zu schwingen. Vermehrt, ist davon die Rede, dass flächendeckendes Reisen, Fliegen, ja auch seine positiven Seiten habe, eine demokratische Errungenschaft sei und die vermehrte Kenntnis fremder Länder Sitten und Gebräuche signifikant zur Völkerverständigung beitrage.
Wer wollte solch hehrem Diktum widersprechen. Reisen, hier als Fliegen gemeint, ist wie Kultur ein zentrales Bildungsmoment des aufgeklärten Citoyens. Es erweitert den Horizont, verschafft Kompetenzen, Kenntnisse, Emotionen, verändert Sichtweisen. Wer nicht reist, wird von substantiellen Momenten lebendigen Lebens abgeschnitten und ist ein armer Tropf. Junge Menschen z. B., die Auslandsaufenthalte in einem israelischen Kibbuz oder einer portugiesischen Landkooperative hinter sich hatten, dürften gegen das Gift des Nationalismus und Faschismus relativ immun sein, was die Lektüre von 50 Büchern ersetzt.
Also eine feine Sache, dieses fliegende Reisen.
Aber wenn das alles so ist, wieso haben wir dann in einem Zeitalter, in dem noch nie so viele Menschen so viel und so weit reisen konnten, ein in der Nachkriegszeit nie gekanntes Ausmaß, nicht nur in Europa, an Nationalismus und Faschismus? Liegt es daran, dass ein erheblicher Teil der Reisenden sich im Urlaub in All-Inclusive Bunkern verschanzt und jeden Eingeborenen bis hin zur Kellnerin als natürlichen Feind betrachtet? Und dass die entpolitisierten Jugendkohorten der letzten Jahre flächendeckend nach Schule und Studium wie Heuschreckenschwärme im Ausland einfallen, nach dem Motto: Barcelona oder Berlin? Hauptsache Party!
Wird die Generation St. Greta diejenige einer Repolitisierung, die Kritik nicht als Sterneverteilen bei TripAdvisor für coole Locations begreift, sondern als Mittel zur Emanzipation?
Abwarten und Portwein trinken, diese Frage beantwortet sich, wenn diese Generation die magische Grenze der „30“ erreicht, wo so viele gläserne Decken warten….
Eins ist tröstlich: Schlimmer als ihre Vorgänger-Generationen können sie nicht werden.
Ich sei ein linker Spießer, höre ich da? Tja. Schon wieder so eine Frage.
29.11.2019 – Es wird kälter

Blick auf die Veranda: bevor die Fröste kommen, schnell noch Restblüten eingesammelt. Wobei die Rose noch wunderbar duftet und unermüdlich ist, die produziert auch zu Weihnachten noch Blüten. Ein Blick in die Politik zeigt, dass sich manche Blütenträume auf das Schönste verwirklicht haben, wie die Geschichte vom grünen EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer zeigt. Der beklagt völlig zu Recht in der HAZ vom 28.11.2019 die „Bösartigkeit des Regimes“ im kommunistischen China, das massenhaft Uiguren interniert, Zitat: „Wer solche Dokumente (die die Bösartigkeit des Regimes belegen sollen, kdg) an die Öffentlichkeit gebracht hat, empfindet vielleicht so etwas wie Scham, dass der altehrwürdigen Kulturnation China solche totalitären Praktiken aufgezwungen werden. Da werden Professoren in Lager gesteckt, und in den Dokumenten heißt es, man müsse den Lagerinsassen beibringen, wie man sich anständig anzieht. Das ist zynisch.“
Welcher aufrechte Demokrat wollte solch wackeren Sätze nicht unterschreiben. Bütikofer ist Experte.
Laut Wikipedia war er in den 70ern Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft (GDCF) und des maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland KBW. .
Was bei Wikipedia nicht steht, kann man hier in einem Artikel des „Neuen Deutschland“ von 2008 nachlesen, und es beschreibt die Gesinnung und Phantasien dieser Parteikader präzise:
„In einer Schrift des KBW hieß es etwa über Daniel Cohn-Bendit, damals Mitstreiter der Frankfurter Sponti-Gruppe »Revolutionärer Kampf«, aus der auch Joschka Fischer kam: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder er wird von der Arbeiterklasse eine nützliche Arbeit zugewiesen bekommen, etwa in einer Fischmehlfabrik in Cuxhaven, oder er wird während der Revolution durch die Massen an den nächsten Baum befördert.«
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, später trafen sich die Schmähenden und Geschmähten schiedlich-friedlich bei den Grünen, einem Abklingbecken für Pseudorevoluzzer*innen (ein paar Frauen waren auch beim KBW dabei, aber wenige. Solche kranken Machtphantasien von Zwangsarbeit und Aufhängen sind Männerdomäne.)
Der Autor dieser Zeilen ist der Letzte, der Faulenzern und Studienabbrechern wie Bütikofer die Karriere nicht gönnen würde. Und jede*r hat das Recht auf Entwicklung und Veränderung. Nichts ist so schrecklich wie der bar jeder Veränderung durch sein trostloses Dasein stapfende Spießer. Und geläuterte Sünder wie Bütikofer oder den ex-Steinewerfenden ex-Außenminister Joseph Fischer liebt die Gesellschaft, viel mehr als diesen immer schon alt gewesenen Sauerland Rocker Friedrich Merz, der mit seinen Ansichten geboren wurde.
Was mich an der Sache so stört, ist dieses synchrone, flächendeckende, immer dem Zeitgeist angepasste Verhalten, dieser gnadenlose Opportunismus, koste es, was es wolle. Sie haben alle unten links angefangen und enden alle oben rechts. Nicht einer, der antizyklisch agieren würde, lebendig halt, und gerade jetzt, wo es darauf ankäme, linkes, radikales Denken reaktiviert. Kein Wunder, dass sie alle (na ja, fast, Fischer und Bütikofer zumindest) fett und hässlich sind, in einen Fettkokon gepanzert gegen das Leben, und die Scham. Die dann doch, siehe oben, bei Bütikofer, ihren unbewussten Ausbruch hatte. (Es gibt auch Sympathische und Engagierte bei den Grünen, die weder Verstand noch Moral an der Garderobe der Institutionen abgegeben haben. Um die geht es hier nicht, hier geht’s um Kritik, immer.)
Eine feine Gesellschaft.
Es wird kälter. Trotzdem schönes Wochenende, liebe Leserinnen.