
Wenn ich am Strand, unter Palmen liege,lese ich nie. So wie im Zug. Ich prokele mir auch keine Lärmstöpsel in die Ohrmuscheln, um irgendein „Yeah Yeah Yeah “ oder wie das heißt, zu hören. Ich suche dann auch nicht meine innere Mitte oder bewege mich auf den Weg zu mir selbst. Das betrachte ich als Holzweg und in Gefahr und Not bringt die innere Mitte den Tod.
Also glotze ich still vor mich hin,aufs Wasser oder in vorbeirauschende Landschaft, und denke nichts. Das gelingt nicht immer, aber immer öfter. Das Gehirn braucht mal Pause, so wie die Füsse nach dem Wandern. Im Flugzeug schaffe ich das nicht immer, da fehlt die sich verlierende Weite des Blicks.Da lese ich schon mal, den „Spiegel“ oder ähnliches Niveaulimbo Zeug. Das ist dann eine aktive Meditation über nichts im Gegensatz zur passiven unter Palmen am Strand. Spiegel lesen ist wie auf Zuckerwatte rumkauen. Es passiert was, aber geschieht nichts. Manchmal geschieht in derlei nichts verwunderliches, dann komme ich aus heiterem, und das ist hier auf Korfu bei 28 Grad zur Zeit wörtlich zu nehmen, Himmel auf das reine Gefühl, das sich hinter Begriffen für Gefühle verbirgt. Freude, Glück, Scham, Angst sind ja erstmal nur Begriffe, die so nichts über den körperlichen Prozess, über das Spüren aussagen.
Das passiert aber nur selten und haut mich auch nicht von der Badematte. Wenn ich mit meinen Gefühlen jetzt noch nicht klarkomme, würde das nie mehr was werden. Da feile ich lieber an meinem Verstand, an dem ich immer öfter zweifele, wenn ich mir die Welt und ihre Fälle anschaue.

Oder glotze vor mich hin, bis auf einmal die Sonne vom Himmel fällt
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19.10.2019 – Hä?!

Die Strasse ist brutal. Bei Aktionen, Performance, Theater auf der Strasse kriegt man all seine Schwächen sofort , direkt und brutal gespiegelt. Kein Höflichkeitsbonus eines Publikums auf bequemen Stühlen, die „idealen“ Bedingungen stellen Wind und Wetter zur Verfügung und kein Ton Techniker. Positiv: man braucht nie zu proben. Es kommt niemals so wie man denkt. Zusätzlicher Stress: wenn man auf die Präsenz von Medien hofft, weil die Show Teil der eigenen Öffentlichkeitsarbeit ist. Schön, wenn Publikum kommt, mitmacht und diskutiert. Scheisse, wenn man schwerhörig wird. Das Bild, bei der Aktion „Klima-Wurst“ zum Weltarmutstag 17.10.2019, sagt mehr als 3 Hörtests.
Wie gesagt, die Strasse ist brutal und ehrlich, anstrengend und frustrierend. Ich frage mich vorher jedesmal, warum ich mir das antue. Ich könnte doch einfach die Redaktionen dieser Welt vom Schreibtisch aus mit Pressemitteilungen bombardieren und für den Job auf der Strasse Profis engagieren.
Die Antwort ist wie beim Fussball auffem Platz: in dem Moment, wo es losgeht, weiss ich, dass ich die Strasse liebe.
Aber ewig mach ich das nicht. Welche Liebe hält schon ewig? Schönes Wochenende.
16.10.2019 – Weltarmutstag: Armut vs. Klima? Es geht um die Wurst!

Klima-Wurst im Entwurfsstadium.
Morgen ist Weltarmutstag. Aus diesem Anlass die Frage:
Wie gehen wir mit dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit bei der Bekämpfung des menschengemachten Klimawandels um?
Vorherrschender Tenor in der politischen Diskussion: „Wir alle werden verzichten müssen.“ Dieses „Wir“ ist Ideologie. Es ist falsch. Wer einem imaginierten „Wir alle“ nachläuft, tappt hinter der nächsten Ecke in die Falle der Volksgemeinschaft, in der ein gemeinsames Interesse aller behauptet wird, dass es so nicht gibt.
Wir sitzen alle im selben Boot… Und wer rudert da? Wer treibt die Ruderer an? Wer liegt auf dem Sonnendeck und lässt sich von wem bedienen? Wer lässt die, die um das Boot herumschwimmen, nicht an Bord?
Wer nicht in dieser dialektischen Form von Fragen an das ideologische „Wir alle“ tritt, ist bestenfalls naiv und meint es gut, schlimmstenfalls vertritt er das Interesse, welches im Zweifel nicht sein eigenes Interesse ist, derer, die auf dem Sonnendeck liegen.
So fordern Politiker von CDU, SPD und Grünen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für Fleisch von 7 auf 19 Prozent oder gleich die Einführung einer Extra-Fleischsteuer, wie der Tierschutzbund. Wenn ausschließlich solche Ansätze ohne sozialen Ausgleich verfolgt werden, wird das die ohnehin dramatische und wachsende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich weiter beschleunigen und vertiefen. Abgesehen davon, dass Steuern grundsätzlich nicht Zweckgebunden sind und die Mehreinnahmen auch für die Anschaffung von Panzern verwendet werden können, ist eine allgemeine Steuererhöhung oder Neu-Einführung ohne Ausgleich wie im Fall einer CO2 Steuer die unsozialste Variante. Egal ob beim Auto, Fliegen oder Heizen, für den Millionär gilt das Maserati-Motto des Markus-Songs aus den Achtzigern „Ich will Spaß!“:
„Und kost‘ Benzin auch Drei Mark Zehn.
Scheißegal, es wird schon geh’n!“

Für die Hartz-IV-Bezieherin, der pro Tag 4,90 Euro für Ernährung zur Verfügung stehen (siehe Foto; Wurst und Geld liegen auf einem Teller, der an den Almosenteller in öffentlichen Toiletten erinnert), gilt: Noch einen Tag eher im Monat bei der Tafel anstehen.
Die Arroganz der Gutverdienender-Öko-Klientel, Fleischverzicht für Arme zu predigen ohne selber auch nur einen Tag auf das Bio-Gulasch verzichten zu müssen, mit dem Hinweis darauf, dass es früher auch nur Sonntag Braten gab, wird sich politisch kontraproduktiv auswirken. Schon jetzt erreicht die AFD ihre höchsten Wahlanteile in sozialen Brennpunkten und wer den Gerechtigkeits-Aspekt der Klimapolitik außer Acht lässt, wird die soziale Spaltung im Land vertiefen.
Nur eine grundsätzlich sozial gerechte Steuerpolitik trägt Beidem Rechnung:
Dem Kampf gegen die Armut und Spaltung unserer Gesellschaft und dem Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel.
Daher fordert die Landesarmutskonferenz unter anderem:
– Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf über 50 Prozent, wie zu Helmut Kohls Zeiten
– Wiederbelebung der vor über zwanzig Jahren ausgesetzten Vermögensteuer
– Ausbau der Steuerfahndung
– Erhöhung der Erbschaftssteuern für Superreiche
Dort, wo Lenkungssteuern wie eine CO2–Steuer notwendig sind, müssen die Regelsätze für Hartz-IV und Grundsicherung entsprechend erhöht werden und steuerliche Ausgleiche für Menschen mit geringem Einkommen geschaffen werden.
Ich geh jetzt einkaufen, zu meinem Bio-Schlachter…
15.10.2019 – Wissen ist Macht. Nichtwissen Macht aber auch Nichts.

Die Pudelfalle. Andreas Slominski, 1999. Gilt aber auch für linkes Gedankengut.
Früher gab es an jeder linksradikalen Ecke für umsonst – und Marx sei Dank auch vergebens – im Dutzend die Parole „BRD = Faschismus“. Überall witterte alles, was bei drei ein geballtes Fäustchen machen konnte, hinter jeder staatlichen Handlung Faschisten am Werk. Und sang aber gleichzeitig das Hohe Lied auf die Arbeiterschaft. Und verstieg sich im dümmsten aller Fälle, nämlich Joseph Fischer, dazu, in die Fabrik zu gehen, um dort die Kolleginnen für den Klassenkampf zu agitieren. Dafür gab es – hoffe ich zumindest – von der doitschen Arbeiterschaft, die schon damals für einen Appel und ein Ei, genannt Facharbeiterlohn nach Tarif, gekauft waren, korrumpiert bis auf die Knochen und fern eines Gedankens an Emanzipation, Fortschritt oder gar Klassenkampf, gerne mal was auf die Fresse.
Dabei wusste Marcuse schon Anfang der 70er, dass mit der Arbeiterschaft höchstens Staat, aber niemals Klassenkampf zu machen sei.
Diese analytischen Sünden und intellektuellen Torheiten der APO-Opas fallen uns jetzt auf die Füße. In Form der zunehmend ökonomisch und vom sozialen Absturz bedrohten Arbeiterschaft, die im Verein mit sozial Deklassierten und Prekären aus den sozialen Brennpunkten nichts besseres zu tun hat, als die Variante „Faschismus“ – noch in Form der AfD – zu wählen. Die APO-Opas aber sitzen in der Toskana nach gemachter Karriere. Eine nennenswerte Linke gibt es nach derartigen Karrieren nicht mehr und als Resultat haben wir heute, wo es dringender denn je nötig wäre, niemanden, der das Thema „Aufkommender Faschismus“ mit der nötigen Radikalität, historischen Kenntnis und intellektuellen Kompetenz diskutiert. Au Backe.
Was tun?
Das frug schon der Genosse Lenin und kam dabei zu Schlüssen, deren Beurteilung ich jeder Leserin selbst überlasse. Ich möchte aber daran erinnern, dass der – undemokratische – Gedanke an die Herrschaft einer Avantgarde, einer Elite, heute in anderer Form im Rahmen einer radikalen Klimadiskussion wieder Konjunktur feiert. Die Kenntnis historischer Klassiker lohnt also durchaus.
Wissen ist Macht. Nichtwissen Macht aber auch Nichts.
Ich für meinen Teil weiß schon, was ich mache.
Urlaub.
14.10.2019 – Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.
Fotografiert vom SCHUPPEN 68-Korrespondenten Michael Foedrowitz, in Fiske, Südnorwegen, versehen mit der Frage: Skulpturenpark oder Neugestaltung eines Friedhofs?
Mich hat es an die Frage des großen Existentialisten Loddar Matthäus erinnert:
„Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“
Besser hätte man den Zustand von Staat und Gesellschaft angesichts des wachsenden Faschismus im Lande nicht ins Bild setzen können, um mal jenseits der transzendenten Loddar-Matthäus-Ebene zu wandeln. Der bürgerliche Betroffenheits-Antifaschismus der letzten Tage nach dem Anschlag von Halle bleibt folgenlos, weil er analytisch unpräzise ist und so zwangsläufig falsche oder unzureichende Konsequenzen zieht. Betroffenheit ersetzt keine Analyse. Mich rührt das in manchen Fällen unangenehm an, wenn Sätze fallen wie: „Dieser Anschlag galt uns allen.“ Genau das tat er nicht, anders als beispielsweise Bombenanschläge von Nazis auf belebten Plätzen, wie zum Münchener Oktoberfest 1980, mit 12 Toten. Dieser Anschlag verfolgte das faschistische Muster des „Wahllos Terror verbreiten“, richtete sich also gegen alle. Der Anschlag von Halle galt konkret Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland und eben nicht Politik*innen, Blogschreibern, Frauen oder Homosexuellen. Das so zu benennen, würde unter anderem auch eine ganz andere Sicherheitspolitik zum Schutz jüdischer Bürger*innen, eine ganz andere politische Bildungsarbeit und eine konsequente Anwendung des Strafrechts im antisemitischen Bereich bedeuten.
Der bürgerliche Betroffenheits-Antifaschismus wird auch deshalb folgenlos bleiben, weil er an der Kumpanei staatlicher Behörden mit rechtsradikalem Gedankengut nicht rührt. Auf dem rechten Auge blind, das hat in Deutschland jahrzehntelange Tradition. Mittlerweile ist die gesamte linke Körperseite, um mal in der Symbolik zu bleiben, gelähmt und die rechte Seite zuckt und bebt vor Leben, immer wieder schnellt der rechte Arm in die Höhe.

Kleiner deutscher Gruß. Siegfried Neuenhausen, 1970. Sprengel-Museum.
Beim Oktoberfestattentat wurde wider besseres Wissen von den Ermittlern eine Einzeltäterschaft unterstellt (die es so natürlich niemals gibt, die Täter werden immer getragen von einem Netz aus Unterstützung und Solidarität). Seit 2014 ermittelt die Bundesanwaltschaft auch in andere Richtungen von rechten Netzwerken. Man darf auf das Ergebnis im Jahre 2114 nicht gespannt sein: Verfahren eingestellt.
Der bürgerliche Antifaschismus wird auch deshalb folgenlos bleiben, weil er eine zentrale Ursache des Faschisierungsprozesses nicht hinreichend benennt, nämlich die krisenhafte Ausformung des Kapitalismus und sein Systemversagen. Genauer gesagt: Nicht der Kapitalismus ist in der Krise, sondern er ist die Krise. Und langsam wird das offensichtlich, auf zentralen Gebieten wie Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, Klimapolitik, Antifaschismus, Friedenspolitik. Bei Genderpolitik, Inklusion und Diversität sind „wir“ schon ganz gut aufgestellt ….
Nicht zuletzt wird der bürgerliche Antifaschismus folgenlos bleiben, weil er weder radikal noch wehrhaft ist. Wo bleibt das Verbot der AfD? Die Entfernung aller Beamten aus dem Staatsdienst, die AfD Mitglieder sind? Die Auflösung aller Sicherheitsdienste, die die Beobachtung, Kontrolle und Strafverfolgung der AfD jahrelang absichtlich vernachlässigt haben oder wie im Fall Maaßen die Partei begünstigt haben oder nach wie vor begünstigen?
Wehret den Anfängen?
Über das Stadium sind wir hinaus.
Sonnigen Wochenbeginn, liebe Leserinnen, allzeit ein fröhliches Lied auf den Lippen oder eine schöne Urlaubsreise vor Augen. Alles wird supi.
10.10.2019 – Nicht erst seit dem Anschlag von Halle: Solidarität mit unseren jüdischen Mitbürger*innen.
09.10.2019 – Gott vergibt. Das Internet nie

Hinweisschild im Ost-Berliner Grenzgebiet vor dem Fall der Mauer. Aus der Ausstellung „Ost-Berlin, die halbe Hauptstadt“ im Berliner Ephraim Palast, Zitat: „Ost-Berlin hatte viele Gesichter: Machtzentrum und Schaufenster der DDR, zugleich Rückzugsraum und Ort vielfältiger Kultur. Wie prägten diese Widersprüche den Alltag?“ Empfehlenswerte Ausstellung für alle, die an einem differenzierten Blick auf die ehemalige Hauptstadt der Ostzone interessiert sind. Ca. 90 Prozent aller BRD-Insassen sind trotz aller Vorbehalte und Kritik grundsätzlich für die sogenannte Wiedervereinigung. Ich gehöre zum 10 %-Rest.

SCHUPPEN 68-Dichterlesung Februar 1991, Schmähgedicht gegen Großdoitschland (Mit Geschäftsführer bin im Zweifel immer ich gemeint), Stadtmagazin Schädelspalter Februar 1991. Ich war in Sachen Einheit von Anfang dagegen und bin dagegen, aus dezidiert politischen Gründen, deren nicht geringster das kommende Wahlergebnis der AfD-Faschisten bei der Thüringen Wahl am 27. Oktober ist. Wenn ich überhaupt noch eine Utopie habe, dann die, dass dereinst wieder solche Schilder wie oben aufgehängt werden, mit Warnhinweisen wie früher: „Sie verlassen den demokratischen Sektor.“
Ansonsten prägen Dystopien mein politisches Denken, was mich nicht daran hindert, ein überaus drolliges Kerlchen zu sein, immer putzig und mit einem Scherz auf den Lippen. Das mit der Ostzone ist keine Mainstream-Haltung. Sonst würde ich sie auch nicht pflegen. Da diesen Blog ca. 20.000 Leserinnen pro Monat besuchen (für Blogschreiberinnen: damit sind Visits gemeint, die – werberelevanten – Page-Impressions liegen bei ca. 60.000), werde ich mitunter darauf angesprochen, auch in dienstlichen Zusammenhängen. Anderes zu erwarten wäre naiv. Insofern stellt sich abstrakt die Frage, was sollte man in einen Blog schreiben und wo eher den Ball flach halten. Da sich für mich die Frage nach einer wie auch immer gearteten Karriere erledigt hat, ist (und war) mir das in politischen Belangen Wurst, hier wird Nichts flach gehalten.
Aber natürlich gilt: Gott vergibt. Das Internet nie.
04.10.2019 – Deutschland den Deutschen

Nazi-Demo am Tag der Einheit, Berlin Friedrichstr. Es war mir nicht ersichtlich, was der Mob wollte. Merkel Regime stürzen? Die nationale Revolution? Deutschland den Deutschen? Aber welchen? Doch nicht etwa solch kosmopolitischen, vaterlandslosen Gesellen wie mir, auch wenn ich Biodeutscher bin. Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich solche Nazis als erstes zum Arbeitsdienst verpflichten, sowas lieben die ja. Auslandseinsatz, zwecks Horizont Erweiterung, als Minensucher in Syrien, Irak, Jemen…die Liste ließe sich lange fortsetzen. Böse Mine zum guten Spiel machen.
Die Friedrichstr. war ein symbolhafter Ort für die Demo. Sie ist der Berliner Inbegriff für mondänes Shoppen, alle Nobelmarken sind da vertreten, von Versace über Etro bis Ermengildo Zegna. Kapitalismus in seiner höchsten Konsumvollendung. Und dieser Ort wird nun von innen heraus bedroht, Faschismus in seiner höchsten Vollendung bedeutet immer Krieg, Vernichtung von Systemen, Ordnung und Werten. Deshalb verhält sich ja unser Kapital so militant antifaschistisch und wettert gegen die AfD, weil das Pack so massiv den Gang der Geschäfte bedroht.
Ich skandierte noch kurz mit dem Rest der Gutwilligen „Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch“ und trollte mich ein paar Meter weiter in den Gropius Bau, wo die hervorragende Ausstellung „Durch Mauern gehen“ läuft, in der es um grundsätzliche Ausgrenzungen und Exklusionen geht. Einen schöneren Event zum Tag der doitschen Einheit konnte es nicht geben.

Das Bild zeigt ein Boot mit Flüchtlingen vor einem Urlauber-Strand, ein Flüchtling kämpft mit der Brandung und die Urlauber…das Ölbild ist ca. 4 x 10 Meter groß und erschlägt einen mit seiner Sogwirkung fast.
Doch, ja, ein erfahrungsgesättigter, erkenntnisreicher und gelungener Tag der Einheit, da kannnste nich meckern.
02.10.2019 – Erkältungen hatte jeder, aber wer ist schon mal mit der Titanic untergegangen?!

Sommerabend-Stimmung am Meer, keine zwei Wochen her. Hier dagegen morgens im Garten war mein weißer Atem zu sehen. Das sind diese kleinen Zäsuren im Jahr, die nicht für gute Laune sorgen. Außerdem bin ich verschnupft, äußerlich, und hier gilt: Wenn Männer auf eine Erkältung stoßen, ist das ein ähnlich episches Ereignis, als wenn die Titanic auf einen Eisberg trifft. Episch zumindest für die Männer und die Titanic. Mit dem Unterschied, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, meine Erkältungen zu verfilmen. Was ich für eine grobe Ungerechtigkeit halte, schließlich wäre ein Dreistunden-Epos über meine Erkältung ein Griff mitten ins Leben, mit dem sich jeder identifizieren kann. Erkältungen hatte jeder, aber wer ist schon mal mit der Titanic untergegangen?!
Innerlich bin ich natürlich auch verschnupft, wie jedes Mal, wenn sich der Jahrestag der Annexion der Ostzone nähert. Ich freu mich schon auf meinen Blutdruck, wenn ich Morgen bei den Annexionsfeierlichkeiten in Berlin abhänge. Normal ist mein Blutdruck morgens im Keller und um auf Betrieb zu kommen, bräuchte ich eigentlich immer ein Glas Crémant zum Frühstück. Das erledigt leider immer die Zeitungslektüre, danach bin ich meist so in Brast, dass ich ein Glas Portwein in der Morgensonne brauche, um wieder ins Lot zu kommen. Morgen brauche ich das alles nicht, wenn ich durch Berlin flaniere, immer mit dem Gedanken im Kopf: Ihr seid vielleicht ein Volk.
Ich lese gerade das Buch „Der deutsche Goldrausch – Die wahre Geschichte der Treuhand“ des mehrfach ausgezeichneten Journalisten Dirk Laabs. Dort wird minutiös und Faktenorientiert geschildert, wie innerhalb weniger Monate das westdeutsche Kapital die Ostzone bis aufs Hemd ausgeplündert und deindustrialisiert hat, während Runde Tische, Sozis und evangelische Pastoren voll guten Willens noch über eine glorreiche, gerechte Zukunft Kaffeekränzchen abhielten. Nicht, dass ich Zonen Gabi und dem Rest den Kladderadatsch nicht gönnen würde. Mich ärgert unter anderem nur, wie dreist die Öffentlichkeit auch nach 30 Jahren belogen wird über die realen Prozesse. Es bricht zwar an den Rändern auf. Wenn Politiker weise das Haupt wägen und jetzt sagen, es ist nicht alles glücklich gelaufen damals, was immer öfter zu hören ist, heisst das decodiert nichts anderes als: Die Einheit war eine komplette Katastrophe, deren Konsequenzen ähnlich wie bei der Klimakatastrophe uns jetzt beginnen um die Ohren zu fliegen, aber wenn wir dem Volk – der Begriff „Volk“ allein bringt mich schon auf 180, von da bis völkisch ist es nur ein Wimpernschlag – reinen Wein einschenken, können wir uns gleich die nächste Laterne aussuchen.
Dann lieber so, wie mit der heroischen Aufarbeitung des Faschismus, wo man nach 70 Jahren anfing, mit Löwenmut den letzten lebenden KZ-Kapos Prozesse zu machen.
Ich freue mich also auf einen Bundestag-Untersuchungsausschuss, der die wahre Geschichte der Treuhand und der Annexion der Ostzone (das wird dann offiziell so genannt werden, glauben Sie’s mir, liebe Leserinnen) schonungslos aufdeckt – im Jahre 2060.
Bis dahin mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für einen verhagelten 3. Oktober, ergebenst stets der Ihre.

Der sich an diesem Bild aus dem Sommer, als ich an meinem Arbeitsplatz zu kollabieren drohte, weil mein Deo nicht durchhielt, die kalten Füße wärmt.
01.10.2019 – Riesiger Appetit auf Kalbsköpfe, Bier und Frauen

Rauf auf den Baum kommen Katzen immer, mit dem Runterkommen ist das mitunter so eine Sache. Das hab ich mit Katzen gemein, ich bin auch manchmal schnell auf dem Baum. Mitunter sogar bei so etwas Läppischem wie der Lektüre der Hannoverschen Allgemeinen HAZ, einer soliden Mischung aus Langeweile, Dummheit, ideologischer Borniertheit, sprachlichen Katastrophen, Rechtschreibentgleisungen, na ja, das reicht erstmal. Dass so ein Käseblatt 70 Jahre alt werden konnte, spricht Bände über die Qualität des ostgotischen Zeitungsmarktes. Dinge wie Lektorat oder Endredaktion sind da überflüssiger Luxus, die Leserinnen werden für das gehalten, was sie tatsächlich leider in der Mehrzahl auch sind: blöd. Unlängst legte ein Vertreter der Großbourgeoisie die Löffel weg, Jacques Chirac, ehemaliger Chef der Westgoten, korrupt bis auf Knochen, nur wegen Demenz am Knast vorbeigeschrammt. Über den schrieb die HAZ unter anderem folgenden Satz, der in die Walhalla der Grunzdämlichkeit eingeht: „Heute bewahren die Franzosen überwiegend ein verklärtes Andenken an den Mann, der für seinen riesigen Appetit bekannt war – auf sein Lieblingsgericht Kalbskopf, auf Bier und auch auf die Frauen.“
Geschrieben hat das eine Frau, Birgit Holzer, was vermutlich der Komparativ zu Holzkopf sein soll. Diesen riesigen Appetit auf Frauen lasse ich mir dann mal auf der Zunge zergehen und vernasche nach zwei Kalbsköpfen, womit sicher die Chefredakteure des Quarkblattes gemeint sind, und 16 Bieren, die es braucht, um so ein Geschreibsel ohne Würgreiz zu ertragen, zum Nachtisch drei Frauen, in der Annahme, dass heutige Präsidenten ihren Heisshunger mit „Frauen to go“ stillen, in der umweltfreundlichen Take-away-box.
Riesiger Appetit auf Kalbsköpfe, Bier und Frauen … was will uns so ein Satz sagen über den Inhalt des Kopfes von Frau Holzer, den Zustand der HAZ und unserer Gesellschaft grundsätzlich?
Je näher ich die Menschen kenne, desto mehr werde ich zum Katzenfreund, hier zwei korfiotische Exemplare.

