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26.02.2019 – Heute mal volkstümlich


Kinderzirkus vor maroder Großwohnsiedlung.
Ich habe Zirkus nie gemocht. Mir war das alles fremd als Kind, vor den Löwen hatte ich eher Angst, warum Artisten sich freiwillig in gefährliche Situationen brachten, war mir wesensfremd und Clowns fand ich einfach unwürdig. Ebenso Jahrmärkte. Das Einzige, was mich dort interessierte, war der Hauptgewinn an Losbuden: Freie Auswahl. Ich hätte dann sofort die kleine Blechschachtel genommen, die auf der Bühne der Losbude auf einem wackligen Tisch stand: Die Kasse.
Geld, was sonst. Dieses ganze Inszenierungsgedöns, der Budenzauber, die Atmosphäre erreichten mich nicht, rührten mich nie an. Die Wege des HERRN sind wunderlich, und so wurde aus mir trotz dieser frühkindlichen Anwandlungen eher ein Freund der Inszenierung und kein beinharter Kapitalist. Wesensmerkmal eines beinharten Kapitalisten ist unter anderem: Akkumulation von Kapital. Was bei Normalverdienerinnen, die die Möglichkeit der Aneignung von Mehrwert nicht besitzen, auf Anhäufung von totem Geld mittels lebendigem Konsumverzicht hinausläuft, wozu es einer bestimmten Triebstruktur bedarf oder eine solche produziert. Flach formuliert: Wenn man immer nur die Arschbacken wegen Sparen zusammenkneift, geht irgendwann die Lust am Leben flöten.
Das ist jetzt zugegeben wirklich sehr volkstümlich. Aber nur so funktioniert Kapitalismus und genau das war eine der grundlegenden Erzählungen, die unsere Nachkriegsgesellschaft am Laufen hielten: Wohlstand für alle. (In Klammern ist immer dabei gefügt: Durch Arbeit und durch Sparen. Das sind die tragenden Säulen dieser Ideologie.) Gelogen war das alles von Anfang an, aber es hat 60 Jahre einigermaßen funktioniert, sieht man von „Kollateralschäden“ wie wachsender Armut, Wohnungslosigkeit und Ausgrenzung ab. Wie das so ist mit Ideologie. Aber irgendwann ist jede Ideologie am Ende und wie sehr uns dieser Kitt, der den Laden bisher zusammenhielt, zerbröselt, ja regelrecht um die Ohren fliegt (Kitt, der um die Ohren fliegt? Geht’s noch, Fürst der Metaphern?!), zeigen zwei Zahlen, irgendwo versteckt im Kleingedruckten der letzten Tage, also wichtig: Jede*r dritte Deutsche kann nicht sparen mangels Tiri-Tari, Tendenz rapide steigend.
Und: Nicht einmal jeder zehnte 54- bis 60-Jährige will bis zur regulären Altersgrenze arbeiten.
Die Leute haben also so die Schnauze voll von der Tretmühle Arbeit, dass sie so früh wie möglich rauswollen. Obwohl sie in der Mehrzahl bestimmt keinen Plan haben, was sie dann machen sollen, und mit der Rente noch mehr überfordert sind als mit der Arbeit.
Und das ist die Kohorte der Babyboomer, die im überwiegenden Fall eine Rente oberhalb der Armutsgrenze beziehen. Die nachfolgenden Generationen sind massiv von Altersarmut bedroht, siehe u. a. Sparquote.
Wer also diese beiden Zahlen addiert und sie mit der Variablen „Zyklische Krisen des Kapitalismus“ multipliziert, erhält als Produkt dieser Gleichung den zukünftigen Zustand unseres Gemeinwesens und die psychosoziale Verfassung seiner Insassen. Eine Veranstaltung, bei der ich lieber nicht dabei sein möchte.
Mir schwebt da eher Urlaub auf Corfu vor.

25.02.2019 – Ich hätte gerne Hühnerbeine oder: das Marxsche Diktum vom Absterben des bürgerlichen Staates


Die Hölle, das sind die Anderen. Haus in einem Dorf, bei mir um die Ecke.
Ich bin mit dem Rad in 10 Minuten in der „City“ und in 15 Minuten auf dem Land, im ersten Dorf. Das ist in einer Stadt mit über 500.000 Einwohner eine tolle Lage, zumal, wenn man, wie ich, in einem Szeneviertel wohnt. Auf einem Immobilienportal würde eine derartig beschriebene Wohnung gemäß der drei Kriterien, die für Wohnungen zählen: „Lage, Lage, Lage“, sofort milliardenfach angeklickt.
Bei näherer Betrachtung schrumpft das Paradies allerdings auf Normalmaß. Wozu brauche ich die City, eine in Beton gegossene Vorhölle voll öder Langeweile und voller aufs Blut gereizter Konsumzombies (nichts gegen Zombiefilme und Konsum ….). Das Szeneviertel ist eine höllisch langweilige Ansammlung alternativer Spießer, unwillig jeder Veränderung, und relativiert sich in Kenntnis von Berliner Kiezen auf eine provinzielle Ansammlung von drei, vier Saufstuben, ein, zwei Tanzdielen und einem beklagenswerten Mangel an auch nur durchschnittlichen Speise-Etablissements, von Weinlokalen mit akzeptablen Portweinen oder Winzersekten wollen wir gar nicht reden. Und nun kommen wir zur schlimmsten aller Höllen in obiger Aufzählung, dem „Land“ oder auch das „Dorf“, 15 Minuten mit dem Radl entfernt.
Welch Paradies, jubelt da die unbedarfte Städterin, deren Enthusiasmus auch durch die volle Ladung Güllegeruch spätestens nach Verlassen der Abgasgeschwängerten Magistrale nicht getrübt wird, untrügliches Zeichen dafür, dass C6H6 seine zerstörerische Wirkungin ihrem Hirn voll entfaltet hat.
Nirgendwo gibt es hier auf dem Land einen Bauernhof, einen Landgasthof, eine Muhkuh, eine Bäuerin mit ausladendem Dirndl, es gibt einfach gar nichts, kein Ton, kein Lärm, kein Hund, einfach nur Ödnis, stumpfe Schlafstätten, Ansammlungen primitivsten Waschbetons, der kulturelle Höhepunkt solcher Höllen ist die Existenz eines Zigarettenautomaten. An solchen Orten würden selbst Zombies und Troglodyten wie Mario Barth Depressionen bekommen. Und erst solche sensiblen Seelen wie ich!

Dann lieber sowas wie Frankfurt, satanischer Hort des Kapitals, unverfroren den Fetisch Geld anbetend, ihm Statuen und Bilder bauend, auf dass der Herr resp. die Frau dieses Babylon mit einem Regen aus Salzsäure und Pech und Schwefel strafe.
Aber da ist wenigstens was los.
Wo aber ist das Rettende? Ist’s der Sozialismus in seinem Lauf? Also wenn ich mich so in der Welt umschaue, kommen mir an der Sinnhaftigkeit des Marxschen Diktums vom Sozialismus, nachdem der bürgerliche Staat in seiner vollendeten Form einfach nur abstirbt und das Proletariat dann diese quasi-Hülle übernimmt und alles wird gut, nämlich Sozialismus, angesichts des handelnden Personals ernste Zweifel. Letztlich wird da eine Hölle durch die andere ersetzt.
Bis es so weit ist, wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen, höllischen Spaß in dieser Woche.
Ach ja, einen hab ich noch. Letzte Woche beim Metzger, Frau vor mir: „Ich hätte gerne Hühnerbeine.“ Ich: „Wünschen Sie sich das lieber nicht.“
Frau und Verkäuferin, mich anstarrend: „…?“

21.02.2019 – Luxus für alle


Für flüchtige Notizen. Das Geschenk eines geschätzten Freundes und Kollegen, der weiß, wohin ich denke.
Gestern war der Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Er verwehte wie ein dürres Blatt im November, dass welk vom Baum herniedergleitet, einen müden Moment am Boden verharrt, jederzeit gewärtig, vom malmenden Schritt eines Stiefels zu Staub zerbröselt zu werden. Wenn ich zu solchen und anderen Anlässen als Akteur der Wohlfahrtsindustrie öffentlich mahne, fordere, warne etc. pp. wie hier, komme ich mir vor wie Sisyphos. Alle Jahre wieder das gleiche Lied, die gleiche Melodie, ebenso wohltemperiert wie folgenlos. Zur Zeit ist das zentrale Thema nicht nur in der Armutsbekämpfung die Wohnungsnot. Anstatt nun sinnvollerweise, strikt auf dem Boden des Grundgesetzes stehend, die Verstaatlichung aller großen, nicht gemeinnützig arbeitenden Wohnungsbaugesellschaften, womit Mafiabanden wie Deutsche Wohnen und Vonovia gemeint sind, zu fordern, katzbalge ich mich mit professionellen Akteuren aus dem Immobilienbereich um die Gründung einer gemeinnützigen Landeswohnungsbaugesellschaft. Was auch sinnvoll ist, aber für die Malaise wirkt wie ein Pflaster bei einem Beinbruch.
Der Artikel 15 GG lautet:
„Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werde.“
Außerhalb einer randständigen Linken und vernunftbegabter Alternativer ist dieser Artikel nicht mehrheitsfähig (woraus folgt, dass die Mehrheit nicht strikt auf dem Boden des Grundgesetzes steht) und so obsolet wie die Forderung nach Luxus für alle oder einer radikalen Kritik des Fetisch Arbeit. Was möglich wäre.
Kapitalismus ohne Armut, Wachstum und Arbeit geht nicht. Gäbe es keine Armut, wäre ich meinen Job los. Na ja, einen davon. Gibt schlimmeres. Ich halte mich derweil an die Maxime von Coco Chanel, nach der Luxus das Gegenteil von gewöhnlich ist. Über ihr Chanel No. 5 sagte Marylin Monroe: „“Im Bett habe ich nichts weiter an als ein paar Tropfen Chanel No. 5.“
Es gibt schlimmere Schlafanzüge. Und tröstlich für mich, dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen sollen.
Sonniges Wochenende und dito Gemüt, liebe Leserinnen

17.02.2019 – Wollen wir einen George Clooney trinken?


Nespresso Laden in der City.
Ich bin ebenso selten wie ungern in der „City“ – in dem Fall der von Hannover, könnte aber auch vermutlich jede andere Grossstadt außer Berlin sein, das den Vorteil besitzt, keine City zu haben, sondern diverse Epizentren. Unlängst wurde in der hiesigen Presse Klage darüber geführt, dass Läden wie Benetton oder Esprit in der City dicht machen, wegen Internet Handel, zu hohen Mieten etc. pp. Benetton und Esprit sind globale, austauschbare Ketten, mit austauschbarem Tinneff im Angebot, gesichtslos, stillos, dumpf. Wenn darüber schon Klage geführt wird, dass solche Ketten die City verlassen, was für ein gesichtsloser, stilloser, dumpfer Ort muss diese dann sein. Den Artikel des hannöverschen Käseblatt zur City-Krise können Sie hier nachlesen.
In ihm stehen Sätze wie: „Der Online-Konkurrenz haben Sie (die Ketten, d. A.) offenbar nicht im jeden fall etwas entgegenzusetzen.“ Rechtschreibung im Original. Diese Zeitung hat eine Auflage von mehreren 100.000 und in ihr wird die korrekte Rechtschreibung offensichtlich mit dem Würfel ermittelt. In meinem Blog geht es auch manches Mal nicht nach den Regeln des Dudens, mitunter gewollt, aber auch schlampig. Der Unterschied zwischen diesem Blog und dem erwähnten Käseblatt ist: Der Blog ist mein flüchtiges, individuelles Vergnügen, kostenfrei für jedefrau. Angesichts des Zustandes der regionalen Medien erweitere ich also meine Aussage: Nicht nur die City, auch die Welt ist ein Ort von Trübnis, Jammer und Elend. Nur ich bin gut.
Und ein inkommensurabler Pharisäer, und so kommen wir nach langem Vorspiel zum Akt als solchem, dem obigen Bild. Es stieß mir ins Auge, als ich am Freitag ins Theater eilte. „Potzdonner, Nespresso!“ dachte ich für mich. “Für diese Drecksaluminiumkapselsauerei ein eigener Laden! Den hat Satan in die Welt gesetzt. Was sind das für gesichtslose, stillose, dumpfe Menschen, die auf diese ökologisch desaströse Art ihren Espresso zubereiten.“
Und erbleichte. Denn in meinem Innern hörte ich eine Stimme aus 280 Kilometern und ein paar Zeiteinheiten Entfernung durch die Wohnung meiner Berliner Homebase tönen: „Wollen wir einen George Clooney trinken?“ Was wegen der Werbung nichts anderes als einen Nespresso meint. Sie, geschätzte Leserinnen, ahnen, wessen Stimme das war. Meine.
In unserer Wohnung in Berlin steht eine Drecksaluminiumkapselsauereimaschine namens Nespresso, und ich bin nichts weiter als ein elender Pharisäer.
Das Theaterstück war auch Scheiße. Man gab „Iggy Popp – Lust für Life“. Die Geschichte von Iggy Popp und David Bowie, die in den Siebzigern in einer WG in Berlin abhingen – 5 Minuten von meiner entfernt – und dort unter anderem das Album „Lust for Life“ produzierten, Sex and Drugs and Rock ‘n Roll eben, wie Max und Moritz sich das so vorstellen. Mich interessierte an dem Stück, wie „Stadt“ auf der Bühne inszeniert wird und Rock ‘n Roll. Beides nicht halb und nicht ganz in dem Stück, Videoprojektionen, Drehbühne, Nebel, all das ersetzt eben noch keine dramaturgische Kreativität, sondern schlägt sie im Zweifel tot. Und Iggy Popp und David Bowie waren auch nie mein Fall, beides Poser, keine Rock ‘n Roller.
Der Freitag war irgendwie ein gebrauchter Tag. Lustig war nur folgendes Fundstück aus der City, eine Tafel an einem dieser gesichtslosen hohen Häuser, in denen sich Betrüger, Gauner und Lumpen versammeln, in diesem Fall Deloitte (Legal!), Bantleon und Bethmann, feine Gesellschaften, die mit Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Vermögensverwaltung und Consulting im High-End Bereich tätig sind, die also Staaten nach bestem Wissen und ohne Gewissen zum Vorteil von Milliardären und Superreichen ausplündern.

Über ihnen aber thront das End- und Dickdarmzentrum.

14.02.2019 – 1,5 Lebensjahre im Stau oder wie ich beinahe als Lungenfacharzt geendet hätte!


Berlin, Kreuzberg. Hauptverkehrsstraße. Alles wird gut.
154 Stunden, mehr als sechs Tage zu je 24 Stunden – so viel Zeit verlor ein Autofahrer in Berlin im Jahr 2018 in Staus zu den Stoßzeiten in der Hauptstadt. Mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Rechnet man nur die wachaktive Zeit pro Tag, also circa 10 – 14 Stunden, legt die Staureichsten Straßen zu Grunde und inkludiert Urlaubstage, andere Straßen und andere Städte bei Dienstreisen, dann komme ich auf ungefähr 1,5 Jahre, die eine Deutsche in einem 40jährigen Berufsleben im Stau zubringt.
Nun ist über den Schwachsinn, mit Individual-Autos in Großstädten unterwegs zu sein, genug geschrieben worden, da muss ich meinen Senf nicht auch noch dazugeben. Mich hat nur das Ausmaß über die Jahre erstaunt und die Tatsache, dass die Stauzeiten abgenommen haben sollen, trotz Zunahme des Individualverkehrs und immer durchgeknallterer Karren wie diese SUVs.
Die angebliche Abnahme der Stauzeiten wird bei Frieda Normalverbraucherin wieder die Zuversicht in die technologische Intelligenz als Lösung aller unserer Probleme nähren, es lebe das elektronische Verkehrsleitsystem oder wie sowas heißt. Auf die humane Intelligenz bei Autofahrerinnen, Fußballanhängern, Helene Fischer-Fans und Thermomix-Usern zu hoffen, heißt …. (mir fällt spontan kein Vergleich ein, also lass ich es es). Ergo torkelt der Planet weiter dem Kollaps entgegen. Aber bitte erst nach meinem nächsten Urlaub. Den Flieger hab ich schon gebucht. Technologisch sind wir eben auf dem Mond, ethisch weit dahinter.
Ich war bei Liste der staureichsten Straßen in der BRD nur ein bisschen stolz, dass vier der ersten sechs bei mir in Berlin entweder direkt durch meine Hood gehen, wie der Spitzenreiter im Verlauf des Mehringdamms, oder zu den meistgenutzten Verbindungswegen von mir gehören, per Rad. Wie oft hab ich schon an der Skalitzer Str. (für Ortsfremde: Kottbusser Tor, genannt Kotti, Ort des Grusels, Hort des Verbrechens, jeden Tag Schießereien mit dutzenden Toten) an Ampeln gestanden und geröchelt.
Ist alles nicht so schlimm, behaupteten neulich Lungenfachärzte, medienwirksam auf allen Titelseiten. Heute steht irgendwo im Kleingedruckten, dass diese bezahlten Lakaien der Autoindustrie sich um den Faktor 10 „verrechnet“ haben. Weiter hatten sie gelogen: wer an einer viel befahrenen Straße lebe, atme in 80 Jahren so viele Stickoxide ein wie ein Raucher in wenigen Monaten. Tatsächlich sind es sechs bis 32 Jahre.
Sie halten dennoch an ihren Aussagen fest: Die „Größenordnung“ sei richtig.
Da freut man sich schon auf die Entfernung des falschen Lungenflügels, denn laut Lungenfacharzt war zumindest die grobe Gegend des Amputats richtig.
Mir kommt da einiges hoch. Unter anderem Erinnerungen an meine Jugend im Mathematik Unterricht. Meine Lösung für 2 x 2 war 7. Nach der allfälligen Maulschelle durch den Pauker protestierte ich: „Aber die Größenordnung stimmt doch!“ Daraufhin der Pauker:
„Wenn Du so weitermachst, endest Du noch als Lungenfacharzt.“
Ach ja, des Bildrätsels Lösung oben: Das war vor meiner Haustür während des Karnevals der Kulturen 2018. Die Yorkstr., normalerweise Heimat von ca. 50.000 Autos pro Tag, war da für ein paar Stunden für den Verkehr gesperrt und es herrschte Samba, Reggae und Karneval gleichzeitig.
Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

11.02.2019 – Kollektives Frauenbesäufnis im Namen der Nelke


Gestern regnete es, das dürfte den Zyklus meiner Nelke weiter verlängern. Die Nelke war auch das Widerstands-Symbol der Adligen, die während der französischen Revolution geköpft wurden. Am 8. März beglücken wir die Damen mit einer roten Nelke, zum Weltfrauentag, was die Herren der Schöpfung – und so sieht die Schöpfung ja auch aus, wie ein Herren-Gedeck, macht einen dicken Kopf und ist zum Kotzen – für den Rest des Jahres von der Beziehungsarbeit entlastet. In der Ostzone endete der 8. März immer in einem kollektiven Frauenbesäufnis. Einer der zahlreichen Gründe, warum ich die Ostzone vermisse.
Allein bei dem Wort „Beziehungsarbeit“ bricht mir schon der Schweiß aus und es erinnert mich an einen ehemaligen Chef von mir, der zu mir sagte: „Sie haben die Arbeit auch nicht erfunden.“ Das war eines der schönsten Komplimente, die mir je gemacht wurden. Ich wollte mir das beim Deutschen Patentamt schriftlich geben lassen, dass ich die Arbeit nicht erfunden habe. Auf die Antwort warte ich seit vielen Jahren.
Heute wird viel von Care-Arbeit geredet, was etwas anderes meint, aber genauso kacke klingt. Es erinnert an Care-Pakete und verschleiert nach alter Soziologen Art mehr als dass es nutzt. Sprache ist eben ein machtvolles Instrument, das wichtigste zur Bewusstseinsbildung. Sprache drückt Herrschaft aus und bildet sie. Dazu gibt es Mittel und Möglichkeiten sonder Zahl und in diesem Blog kann alles nur angerissen, nie vertieft werden. Und auch nur, wenn es mich persönlich umtreibt, ärgert (meistens) oder erfreut (selten). Geärgert habe ich mich wieder, am 07.02, wie aber eigentlich jeden Morgen, über das hiesige Schnarchblatt des abgehobenen Wutbürgertums, die HAZ. Was ihr ins neoliberal-erzkonservative Weltbild nicht passt, wird ausgeblendet, findet in ihr nicht statt oder wird ideologisch beschönigt, verschleiert. Ein winzig kleines aber schönes Leer- und Lehr-Stück ist die Veröffentlichung eines Veranstaltungshinweises zum „Politik-Talk“ der Landesarmutskonferenz am 07.02, um 16 Uhr im ka:punkt.

Weil Du arm bist, musst Du früher sterben. (Veranstaltungsplakat)
So der Titel der Veranstaltung. Er bringt den Skandal Massenarmut in einer der reichsten Gesellschaften auf den Punkt: arme Männer sterben 11 Jahre früher, arme Frauen 7 Jahre früher als „normal“ situierte Vergleichsgruppen. Sowas würde, wenn überhaupt, versteckt alle 10 Jahre einmal in der HAZ stehen, die sich lieber an vorweihnachtlichen Rührstücken delektiert, wo ein generöser Spender einer obdachlosen Familie eine Wohnung zur Verfügung stellt.
Im Rahmen ihrer Friede-Freude-Eierkuchen Ideologie macht also die HAZ aus unserem Veranstaltungshinweis folgendes Kastrat:

Jeder Veranstaltung wird in drei Zeilen zumindest der Raum für den Inhalt oder Titel zugebilligt, nur unserer nicht. So wird Ideologie gemacht.

09.02.2019 – Ein Brechmittel aus der Mitte der Gesellschaft


Die Nelke auf meiner Veranda ist heute, am 09.02.2019, mittlerweile über 3 Wochen alt und zeigt keinerlei Zeichen von Alterung. Langsam finde ich das interessant, ich hab das an Rosen im Garten auch schon beobachtet, dass die im Einzelfall weiter über ihren Zyklus bis in den Winter blühen, aber die waren eingebuddelt, keine Schnittblumen. Keinerlei Zeichen von Alterung fände ich an mir als Option nicht schlecht, ich würde jetzt nicht meinen rechten Arm drum geben oder viel Geld dafür bezahlen, aber ein par diesbezügl. Versuche würde ich dafür schon eingehen, auch aus wissenschaftlicher Neugier. Verhindert das Blumenwasser die Alterung der Nelke? Muss ich dann jeden Morgen auf nüchternen Magen einen Teelöffel davon schlucken? Würg.
Ist es die unfassbar verdieselte Drecksluft meiner Hood, die die Nelke konserviert, und muss ich mich dann damit einreiben? Oder liegt das Geheimnis in der Pflanze selbst und wie extrahiere ich das?
Alles zu aufwändig, ich altere lieber in Würde. Aber ich halte Sie, liebe Leserinnen, die an den Geheimnissen der ewigen Jugend interessiert sind, auf dem Laufenden. Vielleicht mache ich einen Extra Blog auf: Das Alter der Nelke, oder so. In der Zwischenzeit rege ich mich über einen Kryptofaschisten aus der Mitte der Gesellschaft auf, sein Name ist Haese, er weiß von nichts, er ist Geschäftsführer einer hannöverschen Wohnungsbaugenossenschaft. Wenn ich lese, was alles Geschäftsführer im Titel führt, möchte ich meinen an der hiesigen Mülldeponie abgeben.
Haese wirkt auf mich wie ein Brechmittel, wie es im Buche steht, aber leider, leider nicht im Strafgesetzbuch.
Er ist ein Rassist, was ihm sogar die hiesige HAZ inexplizit bescheinigt, ein dümmlicher Sexist, und eine Bedrohung für Menschen in Wohnungsnot. Auf seine Klage hin hat das BVG das unbefristete Belegungsrecht bei Sozialwohnungen für unzulässig erklärt. Das wird Konsequenzen haben, die noch unabsehbar sind.
Dass sich eine hiesige Künstlerin nicht entblödet hat für so eine Kreatur zu arbeiten und der Busenschnecke einen provokativen BH geschneidert hat, wirft ein deprimierendes Licht auf den politischen Zustand der regionalen Kunstszene, den mit unterbelichtet zu bezeichnen die Untertreibung des Jahrtausends ist. Unter anderem in solchen Momenten weiß ich, warum ich mitunter nach Berlin ins Exil flüchte.
Warum sollte man angesichts solcher Zustände wie der hier Geschilderten ewig leben? Sich wappnen gegen eine See von Plagen? Oder zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und die tausend Stöße endet, Die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel ….?
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bleiben Sie innerlich jung.

06.02.2019 – Was für eine Vergeudung von Lebenszeit


Nelken halten bei dem Wetter draußen ewig. Die Nelke ist die Blume der Arbeiterbewegung, Symbol der portugiesischen Nelkenrevolution, und vollkommen out. Die Ayurvedageneigte Dame von Vegan-Welt stellt sich gerne eine Calla in die Ökoecke. Wobei ich keine Ahnung habe, ob sich das verträgt: Vegan und Schnittblume? Ist Schnittblume nicht Mord an Schwester Blume? Oder sind das eher Fruitarierinnen, die so denken, wenn sie denn denken? Und steckt in Fruit-Arier mehr von der rassistischen Bedeutung des Begriffs „Arier“ drin, als die zufällige Verkofferung des Wortes sagen will? Fruitarier ist nämlich ein Kofferwort. Das sind so Gedanken, die mir gerade beim Schreiben durch den Kopf gehen, die mich aber einen Furz interessieren. Was für eine Vergeudung von Lebenszeit, mit Gedanken belästigt zu werden, die einen nicht interessieren.
Ich hab einfach nur das Foto auf meiner Veranda verwursten (Fuck you, fruitariens oft he world!) und, daran anknüpfend, ein bisschen über den Zustand der Welt räsonieren wollen.
Die Nelke hatte früher jeder aufrechte Sozi am 1. Mai im Knopfloch. Heute hat er eine Träne der Rührung und des Jammers im Knopfloch, wenn er an seine Partei denkt. Wenn er denn denkt. Heute gibt’s keine Nelken mehr und bald auch keine Sozis.
Gedacht hat deren Arbeitsminister Hubertus Heil, 11 Jahre Studium Soziologie mit Abschluss an der Fernuni Hagen und niemals auch nur in die Nähe eines Normalberufes gekommen, sich was mit seiner Respektrente, und zwar in Richtung Sozialismus. Peter Altmaier, auch Minister für Irgendwas, wollte dem nicht nachstehen, und dachte sich ebenfalls was, mit seiner Industriestrategie 2030, das geht aber eher in Richtung Nationalismus.
Nationalismus und Sozialismus, das hatten wir schon mal und ist eine eher unsiegheilvolle Mischung. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir am Ende des Ganges (den Gag könnte ich jetzt noch auswalzen, aber ich bin kein Walzer) dann eine Deutsche Arbeitsfront unseligen Gedenkens bekommen. Nichts liegt mir ferner als eine platte Faschisierung aktueller Verhältnisse, aber diese Mischung aus Nationalismus und Sozialismus, mit der die bevorstehenden Wahlkämpfe eingeläutet werden, kann von der AfD locker getoppt werden. Und das wird dann richtig gruselig.
Ich halte dem entgegen: Hoch die Internationale Solidarität!
Was mich aber wirklich umtreibt, ist die Frage, wo kriege ich meine Nelken her. Der letzte Blumenladen hier im Kiez, betrieben von einem griechischen Ehepaar, der überhaupt noch ab und zu Nelken hatte, weicht einem Bistro oder Coffeegedönsladen, für die Ayurvedageneigten Damen von Vegan-Welt, wo dann bestimmt Calla in der Ecke stehen.
Das Leben ist so trostlos wie bei mir vorm Fenster. Tröstlich einzig die Tatsache, dass ich doch ne Muschi hab, anders als im letzten Blogeintrag behauptet.

Die bewacht meinen Rumtopf.
Zur Deutschen Arbeitsfront DAF gehörte übrigens auch eine Organisation namens „Amt Schönheit der Arbeit“. Das ist einerseits natürlich infam, lappt aber doch überzeitlich-erheiternd derart ins Transzendente, dass es mich gestärkt die Arbeit aufnehmen lässt.

04.02.2019 – Marx und Moritz


Marx und Moritz. Gesehen bei einem befreundeten Kollegen. Der Marx Riegel ist eine meine letzten Arbeiten, der Moritz ein Memoriam an den verstorbenen Kater einer Künstlerkollegin. Manchmal macht Kunst Sinn, Kunstsinn, und ergibt mehr als die Summe der Einzelteile. Und erzeugt beim Betrachter, also mir, Wohlbehagen. Wäre ich ein Kater, brummte ich. In den letzten Jahren habe ich keine Katze mehr gehabt. Schade eigentlich, die hatten bei mir immer das Paradies auf Erden, nach hinten raus Gelände zum Stromern ohne Ende. Eine Katze aus dem Haus, der Paul, war mal drei Monate auf Trebe und stand eines Tages maunzend im Garten. Wenn der eine Dashcam gehabt hätte, was da wohl drauf zu sehen gewesen wäre. Meine Katzen waren eigentlich immer draußen, nur zum Schluss, im Alter und im Winter, konnten sie natürlich auch auf die Heizung. Insofern war da Ortsabwesenheit nie ein Thema, im Gegensatz zu Hunden.
Krokodile sind auch pflegeleicht, Nacktnasenwombats nicht. Das ist mit Tieren so wie mit Menschen. Die sind auch nicht alle gleich pflegeleicht.
Nach vorne raus wohne ich an der lautesten, dreckigsten und hässlichsten Straße des Universums, das war in dem Blog schon Thema. Die Luft hier ist wirklich atemberaubend, seit ich von der Algarve zurück bin, huste ich jeden Morgen wieder ein halbes Brikett, und ich rauche seit Jahren nicht mehr. Der Kiez hier, Hannover-Linden, geht mir auch auf den Senkel, ehemaliges Arbeiterviertel, jetzt alternative Spießerkultur, die Dauerbesoffen von ihrer angeblich weltoffenen Multikulti-Kultur durch die Gegend torkelt, nicht merkt, wie die durchgentrifiziert wird, oder aber es ist ihr egal, und im schlimmsten Fall profitiert sie davon, durch Wertsteigerung der Eigentumswohnungen. Ergo haust hier ein Scheuklappenmilieu, welches mich als Kosmopoliten und Klassenkämpfer nur gruselt. Aber wegziehen würde ich hier eher nicht. Auch weil dieses Milieu hier jede Menge unfreiwillig komische Sumpfblüten fabriziert und mir täglich Material für mein Buch liefert, das Opus Magnum, das ich gerne noch vollenden möchte. Wozu ich infolge Leben aber eher nie kommen werde.
Unlängst kam mir dieses Bild vor die Linse, bei mir umme Ecke, am Lindener Hafen, bei dem ich vor
Hannover Docks, am Lindener Hafen. Am Lindener Hafen legt 0,75 Schiffe pro Tag an und das Gelände ist so klein, dass ich eine Kokosnuss von einem Ende zum anderen werfen kann.
Grundsätzlich gilt für Städtebau: Wassernähe, gar Hafennähe ist Premiumlage, für 1a Wohnen, Gewerbe, Vergnügen, etc. pp. im Hochpreis-Segment. Docks oder Hafencity oder ähnliches sind also immer Bezeichnungen für, zumindest von der Planung her, große städtebauliche Visionen, Beispiele sind die legendären London Docks oder Hafencity in Hamburg.
Dass sich diese trostlose Gegend hier am Lindener Hafen, in der ein Pisspott noch ein Schmuckstück wäre, nun selbst adelt als Hannover Docks, dass hat etwas derartig ragend Größenwahnsinniges, Schwerstbescheuertes und Komplettverpeiltes an sich, dass es schon wieder liebens-, na ja zumindest lachenswertes hat.

02.02.2019 – Cruise Missiles oder: Was lernt uns das?


Vor ein paar Tagen hatte ich nicht nur einen Ozean mit 15 Grad Wassertemperatur zum Schwimmen, sondern auch den dazugehörigen 6 km langen Strand für mich allein zum Wandern, nachdem ich die Anreise über eine 20 % Steigung mit dem Radl bewältigt hatte.

Lieber 20 Prozent im Portweinglas als Steigung am Berg. So gesehen sollte mein Immunsystem für alle Virenattacken dieses Winters, der mich fahl & höhnisch durch das Fenster meines Arbeitszimmers angrinst, gestählt sein.
Ich bin katholisch erzogen worden, insofern wohnt mir ein Hang zur Ehrlichkeit inne, denn Lügen ist Sünde, und diese Ehrlichkeit gebietet zu erwähnen, dass ich den Berg hochgeschoben habe, den Strand nur zur Hälfte bewandert habe und meines Bleibens im Atlantik nur kurz war.
Was lernt uns das, und zwar über Sprache?
Wer genauer liest, wird feststellen, dass ich mit keinem Wort im Intro mich darüber ausgelassen habe, wie ich das Geschilderte bewältigt habe noch ob ich die als möglich geschilderten Varianten überhaupt real umgesetzt habe.
Das machen Jahrzehnte Öffentlichkeitsarbeit aus einem Schreibenden, der immer gewahr sein muss, zitiert zu werden, sich zu rechtfertigen, und immer eine Hintertür offen haben sollte, um sagen zu können: „Das habe ich soo niemals gesagt.“ Hört sich nach Politik an? Da können Sie einen drauf lassen, liebe Leserinnen, aber im realen Leben und in der Literatur läuft’s doch grundsätzlich auch nicht anders. Oder? Aber wenn Sie mich mal darauf ansprechen, sage ich mit Sicherheit:
„Das habe ich soo niemals gesagt“.
Soviel als Abhärtung für das Hirn in Sachen political speech, wo mich zur Zeit wieder sehr viel an früher erinnert: Nato Doppelbeschluss, der Ami wollte die Sowjets totrüsten, was ja auch geklappt hat. Begründung: die Sowjets bedrohen uns mit neuen Raketen (SS-20), da müssen wir nachrüsten.
Heute kündigt der Ami mit derselben Begründung die INF Verträge , die eine Rüstungsbeschränkung begründeten. Dann hat er freie Bahn zur Nachrüstung, Nato inclusive BRD, im Schlepptau. Da kann der Russe nicht mithalten, wird totgerüstet, siehe oben und Geschichte der Sowjetunion.
Unterschiede zu früher: gegen den NATO Doppelbeschluss gingen Hunderttausende auf die Straße, im Bonner Hofgarten, dem zentralen Ort von Öffentlichkeit der BRD, Gegenstück zur Straße des 17. Juni in Berlin, waren bei nur einer Demo 400.000.
Meine Vorhersage für die österlichen Friedensmärsche 2019: keine 20.000. In der ganzen BRD.
Und: Als das „Reich des Bösen“, so redeten die Offiziellen damals, die Sowjetunion, zerfiel, war der Nachfolgestaat Russland einigermaßen stabil und die Frage des Atomwaffenbesitzes hinter dem Eisernen Vorhang konnte einigermaßen übersichtlich geklärt werden. In was für Bestandteile von kriminellen Gangs, durchgeknallten Despoten, fragilen vorstaatlichen Gebilden, alle im Besitz von tausenden Atomwaffen, sich im Zweifel Russland zerlegt, dafür fehlt mir die Phantasie.
In der Krise stirbt nicht die Wahrheit als erstes sondern wird die Sprache ans Kreuz genagelt.
Den tanzbaren Soundtrack zum NATO Doppelbeschluss lieferte Anfang der 80er die feine Combo Fischer Z mit dem Song „Cruise missiles“, Zitat:
They claim the ultimate solution.
To all the problems that we face.
It’s pointing rockets at the Russians.
And hope they don’t end up in Greece.

Deshalb ziehe ich mich dann auch nach Portugal zurück, wenn es soweit ist. Außerdem können heute die Bomben weltweit überall abregnen, damals kam nur die BRD in Frage.
Das ist doch mal ein Fortschritt.