
Keine Flaschen mit auf die Trebühne nehmen.
Die Rechtschreibreform hatte Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch. Mich hat die selten berührt. Ob Schifffahrt nun mit sechs f geschrieben wird oder der erweiterte Ablativ mit Doppelsemikolon abgetrennt wird, darüber sollen kleine Geister entscheiden. Für Korrekturen ist bei mir der Praktikant zuständig oder ein entsprechender Bot. Ich halte es mit dem Geheimrat, dem es eher darauf ankam, dass die Leser*innen verstehen, was gemeint ist.
Spannend an der Sprachentwicklung finde ich grundsätzliche strukturelle Veränderungen. Also wo zum Beispiel qua Sprache Macht ausgeübt und tradiert wird und wie die Gesellschaft darauf reagiert, siehe Gender-Sprache. Auch hier bin ich Avantgarde, das diskutiere ich nicht mehr. Vor allem deshalb, weil für wache Geister die Reise eh klar ist: in Wissenschaft, Verbandsinternem Verkehr (eine erregende Formulierung) und Publikationen hat sich das „*“ durchgesetzt, das feminine Binnenmajuskel, das ich früher benutzte, stirbt aus. Es ist also klar, wie die alten weissen (nicht: weisen!) Duden-Männer irgendwann entscheiden.
Spannend finde ich auch die Entwicklung von Sprache als Bedeutungsträger über die zweidimensionale Ebene der Buchstaben hinaus und ihren Wandel im Blick auf ihre veränderte mediale Eingebundenheit Also zum Beispiel die Einbindung von Icons auf bestimmten Ebenen jenseits des Behördenverkehrs. Oder wie komprimiere ich Inhalte auf der Ebene der sozialen Medien. Es gab ja mal zu Zeiten der seligen SMS Schreibwettbewerbe für Geschichten mit maximal 160 Zeichen.
Die Frage, was die hier skizzierten Veränderungen für gesellschaftliche Funktionen haben, finde ich spannend. Was die Duden-Nachtmützen vor sich hinschnorcheln eher nicht.
Archiv für den Autor: admin
01.08.2018 – Perverse Gelüste

Riecht wie am Mittelmeer und fühlt sich auch so an: Nadelwald im Berliner Raum. Die sandige Gegend hiess nicht umsonst „Streusandbüchse der Nation“ und mein Rucksack wird noch lange die sandigen Hinterlassenschaften der dortigen Badeseen von sich geben. Der Geruch nach Kiefer, Harz, Wärme und die Zehen im Sand: Mallorca oder Korfu? Egal, Hauptsache Müggelsee!
Die Hitze lässt Gedanken mäandern,Assoziationen fließen. Und weckt perverse Gelüste. Gestern Abend nach dem Duschen überfiel mich Heißhunger auf den „Griechen“. Vermutlich jede Menge Mineralien-Verluste beim Schwitzen. Ein ähnliches Phänomen wie früher nach einem Kater. Aber zum Griechen? Wann hat Ihnen das letzte Mal jemand vorgeschlagen, zum Griechen zu gehen? Vor dem Krieg vermutlich. Grieche ist ziemlich pervers.
Aber warum soll man nicht mal abartig sein, so richtig böse. Wenn schon, denn schon, ich bestellte mir also einen Mix Teller mit Gyros, Suflaki , so Zeug halt.
Die Fleisch-Berge raubten mir den Atem. Bei dem Wetter habe ich mich bisher von Obst, Salat und Joghurt und sowas ernährt.
Was da auf dem Teller lag, war tendenziell meine Monatsration Fleisch.
Mit Hilfe von Ouzo kämpfte ich mich wacker da durch. Der Kellner hatte vorher schon durch entwaffnende Ehrlichkeit gewonnen:
„Das Essen dauert ein paar Minuten länger, der Koch hat’s verbrannt.“
Mir gefiel sowohl die Art wie auch das Essen. Pappsatt und leicht breit hing ich im Stuhl und Erinnerungen nach. An früher natürlich, an die Gegenwart muss ich mich ja nicht erinnern. Warum nicht öfter mal zum Griechen? Ich mache ja auch Polaroid Fotos und höre Tonband Cassetten. Stilprägende Avantgarde von Heute bedeutet unter anderem den mutigen Rückgriff auf das Gestern. Sudanese, Tibeter, Mongole sind was für Hipster-Spießer. Der Avantgardist und Dandy geht nur noch zum Griechen.
Herr Ober, bitte noch einen Ouzo!
31.07.2018 – Kann man Hitze sichtbar machen?

Kann man Hitze sehen? Berlin Mitte, Sonntag, Menschenleer. Touris flüchten in Museen, Eingeborene an Badeseen,ich als Intermediärer pendele zwischen Beiden, dankbar für U-Bahn Schächte. U-Bahn mit Rad klappt besser als gedacht. Berlin ist eine arme Kommune, U-Bahn Schächte als kostenpflichtige Kühlstationen wären doch eine zukünftige Einnahme-Quelle, wenn es noch heisser wird. Und da ist noch reichlich heisse Luft nach oben, die Hitze-Europarekorde liegen in Kreta und Portugal bei 48 Grad. Wir mit unseren lächerlichen 36 Grad für heute sollen da mal mit dem Fächer nicht so wild wedeln.
Vor jede U-Bahn Station ein Kassenhäuschen mit einem Flüchtling, die sind Hitze gewohnt und haben gleich einen krisensicheren Job, Klima-Katastrophe hat Zukunft. Eintritt gestaffelt nach Temperatur und Dauer, Arbeitslose und Rentner das Doppelte. Das löst das Rentenproblem (Rente? Only for the fittest!) und macht den Arbeitslosen Beine, da lohnt es sich doch doppelt, drei 450 Euro Jobs bei McDonald’s und Burger King anzunehmen.
Natürlich gehört dieses Mordsgeschäft in private Trägerschaft und ich sollte mir die Idee patentieren lassen. Auch ich muss letztlich sehen,wie ich mit dem Arsch an die Wand komme, wenn ich es nicht mache, macht’s ein anderer, und ich kann schließlich nichts dafür, dass die Verhältnisse nun mal so sind, wie sie sind.
Nach soviel Ökonomie und Ethik zur Kultur. Kultur beruhigt die Nerven, jeder mag Kultur, Kultur ist einfach prima. Mein Tipp für heute: Die Ausstellung „Europa und das Meer “ im Deutschen Historischen Museum. Da ist es nicht nur angenehm temperiert, sondern in den Bildern ist bestimmt viel blau, das wirkt zusätzlich kühlend.

Die Nacht und das Wasser der Springbrunnen fächelten mir Kühlung zu. Verweile, schöner Moment, und sei mir Freund für eine Zeit.
29.07.2018 – Christopher Street Day oder das gleiche Recht für Schwule und Ausländer, sich wie alle Anderen zum Affen zu machen

Fangen wir mit dem Ausländer an.
Anfangs war ich auf der Parade zum Christopher Street Day froh, mal nicht auf einer Massenveranstaltung mit Nationalfarben und Fahnen belästigt zu werden. Und dann kommt diese überassimilierte Ausländer-Wurst mit diesem Nationalbaldachin. Als ob Identifikation mit dem Aggressor schon jemals geholfen hätte.
Da wollten die Organisator*innen der Parade nicht hintanstehen:

Süsse Spezialitäten. Wagen der Deutschen Bank auf der Parade.
Der Kampf von Minderheiten, auch sexueller Orientierungen, um Gleichberechtigung ist immer ein politischer. Bei sowas auf die Kumpanei der Deutschen Bank zu setzen,die eine mafiaähnliche kriminelle Vereinigung bildet, heisst allen anderen Minderheiten in den Rücken zu fallen. Und so sah jeder zweite Wagen aus. Der groteske Höhepunkt:

Zalando: Mein Körper, meine Identität, mein Leben.
Liest denn da niemand mal Wirkungskontrolle bei den Wagen?
Schrei vor Glück
Bei Konsum und beim Fick?
Die ganze Parade war so schwerstkategorial peinlich, dass ich Hirnsausen bekam. Die Wagen sahen alle gleich aus, die Musik war erbärmlicher und einfältiger als Ernst Mosch und die Egerländer und alle 500.000 Teilnehmer*innen hatten gelbe Hüte auf und waren in Regenbogenfarbene Fahnen gehüllt.
Es war alles so peinlich, dass ich im Tiergarten auf die Knie sank und wie folgt betete:“Liebe Göttin, wenn es dich gibt und du irgendwie antikapitalistisch und kritisch bist, setz diesem Unfug ein Ende!“
Was soll ich sagen. Sofort zogen Gewitterwolken auf, später zuckten Blitze und ein Wolkenbruch prasselte hernieder. Die Party nach der Parade wurde abgesagt.
Zum Schluss das Positive: die Parade strahlte eine friedliche Athmosphäre aus und machte einen erfreulicheren Eindruck als die Aufmärsche vor Fussballstadien- und Kneipen.
Einen unerfreulichen Eindruck als letztere machten allerdings lediglich Hitlers Truppen beim Einmarsch in Polen.
28.07.2018 – Ich bin wie der Mars

Mars, gerade nicht zu sehen.
Gestern war der Mars da, wo ich immer bin: in Opposition. Natürlich bin ich das aus Überzeugung und nicht, wie der Mars, von Himmelskräften getrieben. Und natürlich bin ich nicht in Opposition gegen die bürgerliche Gesellschaft, wie Milliarden Post-68 Kasperinnen, sondern in Opposition zum Rest, vulgo Mob.Vielmehr bin ich vehementer Verteidiger der zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft, deren es ebenso viele gibt, wie der ihr innewohnenden zerstörerischen Elemente. Schliesslich ist der Mob ein Kind des Bürgertums.
Aber unter uns Pfarrerstöchtern und bitte sagen Sie, liebe Leserinnen, es nicht weiter: am innigsten bin ich aus marxistischen Gründen in Opposition. In dem Fall bezogen auf Groucho Marx, der vormals so schön sang:
Whatever it is, I am against it.

Haus der Kulturen der Welt, gestern beim Anti-Brexit Open Air Festival. Das bezauberndste Veranstaltungsort-Ensemble, das ich kenne.
Von da hat man tollen Blick auf Kanzleramt, Reichstag – und Mondfinsternis. Wobei mir die Sehnsucht nach den Sternen nicht ganz geheuer ist. Hier unten gibt’s genug zu tun und sitzt bei den Fernsehnsüchtigen das Trauma ihrer Geburt so tief, dass sie so ausserirdisch weit weg wollen?
Schönes Wort zum Sonntag, liebe Gemeinde, und ja, gegen den Brexit bin ich auch. Irgendwie. Aber mehr, weil für den sind die Uncoolen, die Idioten, die Tories. Dieses Geschrei nach grenzenlosem Freihandel hierzulande ist pure neoliberale Ideologie. Freihandel kann tödlich sein. Was meinen Sie, woher die ganzen Flüchtlinge kommen? Aus Ländern Afrikas z. B., in denen der von uns dort durchgesetzte Freihandel die örtliche kleinteilige Erwerbsstruktur zerstört hat.
Nun aber, Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit.
Ab an den Wannsee.
27.07.2018 – Karibische Zustände

Ist aber nicht Karibik oder Sizilien sondern Berlin Müggelsee. Eigentlich wollte ich nur eine Runde schwimmen und relaxen. Ich hatte ein paar Tage den Bärenführer für Berlin Touris gemacht, was bei dem Wetter eine echte Herausforderung ist. Seit ich Berlin-Resident bin, sind Touris für mich eine Landplage wie Heuschrecken-Schwärme oder Wanderratten. Stehen mit ihren Rucksäcken dumm in der Gegend rum, glotzen auf ihr Smartphone, versperren einem den Weg und reden in vollkommen unverständlichen Sprachen wie Sächsisch oder Schwäbisch. Selbst wenn man Touris mag, so wie ich meine, sind sie eine Landplage, weil sie in Haufenform zu Undiszipliniertheit und Konzentrationsmängeln neigen. Sie schwatzen,rennen bei Rot über die Ampel und vor Autos und, am aller, allerschlimmsten: Sie hören mir nicht zu!
Ich war vor vielen Jahren Projekt- Verantwortlicher für Fortbildungen von Leuten aus ganz Europa, die sich unser Bildungssystem angucken wollten. Kein Witz. Da musste ich die Horde, über 20 Insassen, auch im Rahmenprogramm durch Hannover führen, Sightseeing, und rechts sehen Sie blablabla. Wie ich das überlebt habe, ist mir nach der Berlin-Arie völlig schleierhaft.
Mit dem relaxen am Müggelsee das hat auch nicht so recht geklappt. Vom Entdecker-Geist getrieben, bin ich einmal ganz rumgeradelt, und war hinterher wieder platt. In Köpenick hatte ich mich auch noch verfahren, stand mit meinem Rad und Rucksack und suchte auf Google Maps nach dem Weg, da bittet mich ein Eingeborener, ihn vorbei zu lassen. Was die sich einbilden. Eingeborene sind ne echte Landplage, sowas von arrogant. Ich sorge schließlich für Umsatz bei denen..
Eigentlich wollte ich heuer was politisches schreiben, zu SPD und Özil. Jaja, der Özil. Und der DFB. Und die SPD. Und die AfD. Das sind aber auch Sachen, mein lieber Scholli.
Ihnen, liebe Leserinnen, angenehme Stunden im Strandbad.
26.07.2018 – Kannst du mir was pumpen?

In Berlin gibt es noch über 2000 alte Wasserpumpen. Die sind bei den aktuellen Temperaturen eine Labsal sondergleichen, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Zwar würde ich das Wasser nicht unbedingt trinken, aber in Momenten, wo einem unter dem Helm der Hitze-Schädel zu platzen droht, erfährt man mit dem Wasser der Pumpen ganz kreatürlich, warum Wasser nicht alles, aber ohne Wasser alles nichts ist. Dieses Loblied auf den kühlen Saft des Lebens von einem Portwein Trinker.
Bevor man in diesen Genuss kommt, heisst es allerdings: pumpen. Die Pumpen sind nämlich Brunnen, bis zu 80 Meter tief. Aber ich liebe solche kurzfristigen archaischen Tätigkeiten, auch wenn ich ansonsten körperliche Arbeit für völlig überschätzt halte.
Ich hatte in meinem Leben den einen oder anderen beschissenen Job und die zeichneten sich meist durch die Anwesenheit von körperlicher Arbeit aus. Ich weiss nicht, was bei geistbegabten Menschen nicht stimmt, wenn sie davon schwärmen, sich beim Holz hacken mal wieder selbst zu spüren, oder tapezieren oder Löcher graben, eins aber weiss ich sicher: die ticken nicht ganz richtig. Mich selbst spüre ich auch, wenn ich mir einen Nagel in den Kopf hämmere. Aber muss ich das haben?

Ich bevorzuge anderes zum selbst spüren, wie zum Beispiel kaltes Wasser über den Kopf bei 35 Grad Hitze.
Die körperliche Arbeit hat mir übrigens nie geschadet, das habe ich den armen Schweinen voraus, die bei so einem Wetter Teer auf Asphalt bringen müssen oder ähnliches. Diese Arbeit hat mir einen gewissen Härte-Grad verliehen und Dankbarkeit für all die Jobs, bei denen ich mehr als ausreichend Geld einfach damit verdient habe, Leuten eine Kante an den Kopf zu labern.
Wenn es eine Verheißung des Fortschritts gibt, dann doch die, den Menschen vom Joch der körperlichen Arbeit zu befreien. Leider befreit er die dann oft auch gleich von ihrer Existenzgrundlage mit und es ist noch lange nicht gesagt, dass mögliche Ersatzjobs nicht entfremdet wären.
Der Fortschritt ist ein, und hier sei mir zum Schluss eine ganz schräge Metapher gestattet, zweischneidiger Januskopf.
22.07.2018 – Im Exil Debakel und Fiasko

Dipladenie. Schönheit im Kleinen.
Im Exil Debakel und Fiasko. Das hätten zum Bespiel Walter Benjamin und zahlreiche andere Exilanten aus Nazideutschland als Fazit ihrer Vertreibung aus dem Land ihrer Muttersprache ziehen können. Die allerwenigsten landeten wie der großbürgerliche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann in einer Villa in Malibu und mit einer Gastprofessur in Princeton. Dem linken oder jüdischen Exilanten wurde in der Fremde selten Kränze geflochten und im Falle von Walter Benjamin – und vielen anderen – endete das Ganze tödlich.
„Im Exil“, „Debakel“ und „Fiasko“ sind in unserem Falle allerdings drei Kneipen in Hannovers Szenekiez Linden, an denen ich Gestern vorbei radelte und die drei erstmals zusammendachte. Kein Verlust bisher, warum soll ich mir in meinem Alter noch Gedanken über Kneipen machen. Da mein Dauerthema seit einiger Zeit in diesem Blog aber der anschwellende Abschied vom Goldenen Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung ist, ein Abschied, der als Epoche sich nicht zufällig an den Abschied vom Goldenen Zeitalter des Kapitalismus in den 70ern und 80ern anschließt, fiel mir diese düster grundierte Namensgebung einfach mal auf. Ich bin es gewohnt, gesellschaftlichen Wandel, Modernisierungsschübe, Bewusstseinsveränderungen vor allem und erstmal in der Sphäre des Privaten, Intimen und des Alltags zu registrieren und nicht so sehr in der großen Ebene einer normativen, weitausholenden Ideologiekritik zu wandern. Das endet meist unoriginell.
Sind solche Kneipennamen vorausahnende Menetekel an der Wand der Kneipenkultur, wie ja überhaupt die feineren Sensoren für Wandel in der Kultur verortet sind? Na ja, sollten sein. Heute kannste die Kulturprotagonisten doch eh meist in die Tonne kloppen.
Andere Namen von Kneipen umme Ecke sind selbsterklärend: Lindwurm (hört sich nach Mittelalterkaspern an, gruselig), IhmeRauschen (trendy, in sowas würde ich allein wegen der Rechtschreibung niemals gehen), Eliseneck (da ist die Zeit stehen geblieben) .
Ich hatte vor Zeiten in diesem Blog mal über die psychoanalytische Funktion von Kneipen räsoniert, die für nicht zu Ende geborene Männer eines bestimmten Habitus und ab einem bestimmten Alter eine Art Flucht back to the Uterus bedeuten: Dunkelheit, Geborgenheit, ständiger Strom von Lebenssäften…Nun sollte hier ein eher soziologischer Exkurs über die Funktion der Namensgebung von Kneipen im allgemeinen gesellschaftlichen Wandel erfolgen.
Draußen aber scheint die Sonne, es sind 96 ° in the shade und ich pflege lieber meine individuellen Fluchten aus dem großen Ganzen vulgo Kladderadatsch.

Kleine individuelle Fluchten mit Tendenz zur Regression, während von rechts sich dunkle Schatten der Veränderung über die Idylle schieben.
Ab an den Kiesteich. Nichts denken, nichts reden, nichts wahrnehmen.
Schattige Woche wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.
21.07.2018 – Jahrhundertsommer

Der Wein an meiner Verandatür ist bereits jetzt reif.
Ob es ein überragender Jahrgang wird, muss sich zeigen. Im Moment liegt er bei ca. 80 Grad Öchsle, ganz ordentlich. Auf Grund der raren Flaschenanzahl wird der 2018er auf jeden Fall Rekordpreise erzielen. Wenn es überhaupt zur Flaschenreife kommt. Die Trauben hängen zum Teil in Mundhöhe und die archaische paradiesische Verlockung gemäß der alten Verheißung vom Ort, wo einem die Trauben ins Maul wachsen, ist doch heftig.

Paradiesische Zustände.
Wenn ich da jedes Mal zubeiße, wenn ich in die Sonne trete, erlebt der Wein die Lese nicht und eine weitere Säule meiner Altersversorgung, seltene Weine zu Höchstpreisen, wäre verfrühstückt.
So nah ich mitunter meinem Individual-Paradies sein mag, so desaströs und am Abgrund stellt sich die böse, böse Welt da draußen dar. Irrationalität und Ressentiment ersetzen Argument und Vernunft, auf ganzer Linie. Kleines Beispiel: am 18.07 habe ich die alternative Medizin vulgo Eso höchst subjektiv und nur gering validiert gedisst, mir war danach, ich hatte einfach mal einen Hass. Auch dafür bin ich meinem Blog dankbar, dass ich ihn als Müllhalde für meine negativen Vibrations nutzen darf: Danke, Bruder Blog, sei umarmt.
Am 20.07 wird über eine Studie zu Eso-Gedöns berichtet. Fazit: Patienten, die auch auf Alternativmedizin setzen, haben ein viel höheres Risiko, in den ersten fünf Jahren nach der Krebsdiagnose zu sterben. Dies liegt laut der im Fachblatt „Jama Oncology“ veröffentlichten Studie daran, dass sie häufig von Ärzten empfohlene Therapien ablehnen. …. Welche Verfahren der Alternativmedizin die Krebskranken nutzten, wurde nicht im Detail erhoben. Infrage kommen unter anderem Vitaminkuren, Ayurveda, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur, Chiropraktik, Meditation, Gebete und spezielle Diäten.
Gebete. In echt, steht da.
Aber versuchen Sie mal, mit Esos über sowas zu diskutieren:
„Du bist ja überhaupt nicht offen .. es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde … ach, die Schulmedizin … „
Liebe Esos, ich werde für Euch beten, den Psalm 68: „Herr, lass Hirn vom Himmel regnen.“
Aber der Herr hat meine Gebete noch nie erhört. Entweder fehlte ihnen die Demut oder, und das halte ich für wesentlich wahrscheinlicher, der Herr ist eine Frau.
Und dass eine Frau meine Gebete erhört, da kann ich bestimmt warten bis zum St. Immerleinstag.
20.07.2018 – Das Attentat vom 20. Juli und die Frage, was wäre gewesen, wenn …?

Opfer und Täter.
Ich bin froh, in einer Epoche und einer Region aufgewachsen zu sein, in der es eine bespiellos lange Zeit Frieden gab. Vertreibung, Verschleppung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit sind schrecklich, ohne Wenn und Aber. Nach solchen rhetorischen Floskeln kommt fast immer ein Aber, so auch hier. Dieses Denkmal des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge weist eine kleine aber entscheidende Leerstelle auf: Den Hinweis darauf, dass der hier geschilderte Krieg von Deutschland ausging und alle Konsequenzen daraus in der Verantwortung der Täter liegen. Diesem Denkmal hätte ein Satz wie: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ wohl angestanden.
So ist dieses Denkmal ein empathieloses Beispiel für jenes Selbstmitleid, mit dem eine antifaschistische Aufarbeitung des Terrors, der von deutschem Boden ausging, in der Nachkriegszeit verhindert wurde. Solche Denkmäler sind Teile einer Alltagskultur, die in unserem Unterbewusstsein wirksamere Sedimente hinterließen, als alle lyrischen Beschwörungsformeln über den vermeintlich heldenhaften Widerstand von ein paar adligen antidemokratischen Offizieren am 20. Juli. Viel wirksamer als diese Sonntagspredigten sind auch all die Kriegerdenkmäler, die mitten in jeder noch so winzigen 6-Häusersiedlung ihr todessehnsüchtiges Pathos verbraten, mit Oden an Mörderbanden wie: „Den Helden zweier Weltkriege“. Famose Helden wie das 101. Polizeibataillon, die hinter der Front im zweiten Weltkrieg 38.000 wehrlose Juden ermordeten. Ordnungshüter wohlgemerkt. Keine regulären Wehrmachts- oder gar SS-Einheiten. Hinweise, geschweige denn Denkmäler, die an die ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle etc. erinnern, habe ich in den Dörfern nie gefunden.
Das hat „unsere“ Alltagskultur, unser Bewusstsein geprägt, zusammen mit vielen kleinen Erzählungen wie die von meiner Oma auf meine Frage zum Juden Katz, der irgendwann nicht mehr als fahrender Händler in ihr Dorf im Eichsfeld kam:
„Was meinst Du, was mit dem passiert ist?“
„Den haben sie abgemurkst.“
Wörtlich, ohne jedes schuldbewusste Rumeiern oder Verdrängen. Solche Formulierung vergisst man nicht, hinter ihnen verbergen sich ganze Bände einer großen Erzählung, an deren vorläufigem Ende aktuelle Meldungen stehen wie:
„Soviel Judenhass wie noch nie im Netz.“
Und was wäre gewesen, wenn das Attentat am 20. Juli erfolgreich gewesen wäre?
Vermutlich wäre der Verdrängungsprozess der Nachkriegszeit noch verheerender gewesen und wir hätten schon seit 30 Jahren sowas wie eine AfD, nur schlimmer.
Und nun zum Wetter: zur Dürreperiode in weiten Teile des Landes kommt eine Hitzewelle hinzu. Ein Thinktank des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 macht den Dürregeplagten Landwirten in Niedersachsen den Vorschlag, statt wasserintensiver Rinderzucht auf Kamele umzusteigen.
Aber auf uns hört ja wieder kein Schwein. Das wird sich bei unserer Aktion zum Sommerloch ändern.
Stay on tune!