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02.07.2018 – Fürchtet euch nicht.


Und ich sprach zum Herrn: „Fürchte dich nicht, denn siehe, ich bin bei dir bis zum Ende aller Tage.“
Zumindest bis zum Ende der durchaus zauberhaften Ausstellung im Schloss Britz in Berlin. In dieser Ausstellungen sind ikonische Werke der Kunstgeschichte so reproduziert, dass man in ihnen mit ihnen interagieren kann. Ein Heiden-(!)Spass für Kinder und Gemüter wie mich.
Angesichts des fortschreitenden Zerbröselns bürgerlicher Massverhältnisse in unserer Gesellschaft, zu denen auch, aber nicht nur, das Politische zählt, könnte bei der Frage: und was folgt dem? schon Beklemmung aufkommen. Wenn man sieht, wie ein paar durchgeknallte Seehoferistas sich anschicken, die bürgerliche Urbastion mit der nicht unsympathischen Kanzlerin zu zerlegen,fällt einem unwillkürlich die Therapieforderung ein:
Drogen für alle!
Verrückte Verhältnisse und wie meist und auf dem Bild: Männergeschichten.
Wahrlich, wahrlich ich aber sage euch:
Fürchtet euch nicht. Schnappt euch euer Surfbrett und gleitet auf einer Welle voller Ästhetik, Geschmack und Savoir vivre einer Zukunft ohne Angst und Schrecken entgegen!

Amen.

28.06.2018 – Der Lohn des Cosmopoliten für seine Verachtung der Vaterlandsliebe beträgt das 20fache seines Einsatzes


Eigentlich hätte ich allen Grund zu tanzen. Gestern ging meine Wette in Erfüllung, dass die Ostgoten aus dem WM Turnier fliegen. Der Lohn des Cosmopoliten für seine Verachtung der Vaterlandsliebe beträgt das 20fache seines Einsatzes.
Eine Beschäftigung mit Fußball verbietet sich für Menschen von Welt und mit Niveau unter allen Umständen, es ist vollkommen inakzeptabel. Es bedarf nur der Erwähnung, dass ein Teil des Ostgoten-Teams der sogenannten Bling-Bling Fraktion angehören soll.
Dahinter muss man nicht mehr argumentieren und ich schäme mich dafür, dass ich sowas überhaut weiss.
Es gibt eine Ausnahme bei diesem kategorialen Beschäftigungsverbot: Das Wetten. Der Dandy wettet unter allen Umständen auf alles und jedes – wünschen Sie, liebe Leserinnen, mir z. B. einen „Guten Tag“, halte ich sofort 3:1 dagegen, dass er schlecht wird – er riskiert dabei auch Haus und Hof, siehe auch beim Urvater aller Dandys Beau Brummel.
So dämlich bin ich natürlich nicht, aber für einen prickelnden Einsatz gerne zu haben, und erst recht, wenn es gegen den Rest der Welt und die Ostgoten geht, es also jede Menge sozialer Distinktion einzusammeln gilt. Sollte jetzt noch das Endspiel lauten Spanien gegen Frankreich (20facher Einsatz), muss man sich mich als glücklichen Menschen vorstellen, der die Portweinkorken knallen lassen wird.
Was mir an dem Bild oben im Nachhinein auffiel ist der Schriftzug „Young Wild & Free“ über meinem Kopf. Das fand ich so putzig, dass ich das Bild in mein Online Archiv hier packe, obwohl ich es noch nicht photogeshoppt habe. Das ist das Faszinierende an Fotos, dass sie oft Geschichten erzählen, die erst im Nachhinein auffallen und die so garnicht beabsichtigt waren. Fotos von vor 20, 30 Jahren erzählen mitunter Geschichten, die den Auslöser völlig vergessen machen. Ich bin ein unbedingter Anhänger der Theorie, dass zeitgenössisches Schreiben und alle Kulturproduktion überhaupt ohne Bildproduktion und die Verarbeitung medialer Bildwelten nicht möglich ist. Anders fällt man noch hinter den Realismus des 19. Jahrhunderts zurück.
Normalerweise hätte ich dieses furchtbare Doppelkinn oben wegretuschiert. Ein Dandy hat kein Doppelkinn, unter keinen Umständen.
Beruhigender Weise gibt es in Kreuzberg jede Menge Botoxpraxen. Forever Young.
Wild and Free nicht zu vergessen.
In dem Sinne, liebe Leserinnen, wünsche ich Ihnen wilde und freie Sommertage, und mir, das ich heute endlich mal wieder zu meinem Mittagsschlaf komme.

26.06.2018 -Kulturtipps: Terry & Ted


Alltagskultur. Alt-Marzahn.
Gestern Kontrastprogramm: Erst Lektüre von Terry Eagletons „Kultur“ . Für mich ist Kultur eine der letzten verbindenden Klammern unserer zusehends erodierenden Gesellschaft. Einen Begriff von „Kultur“ hat jede, ein Begriff wie Solidarität ist entweder völlig konträr aufgeladen oder verschwindet einfach aus dem Diskurs. Eagleton relativiert die zivilgesellschaftliche Begeisterung über „Kultur“ allerdings und stellt den Begriff vom Kopf auf die Füße, ohne soziale An- und Einbindung ist nicht nur alle Kultur für ihn nichts, sondern kann im Extremfall auch den Marsch in die Barbarei flankieren. In einem Kapitel über Edmund Burke streift er auch die von mir so geschätzte Figur des Dandys, wenn er Burke zitiert: „Manieren sind wichtiger als Gesetze. Auf ihnen beruht das Recht in hohem Maße. … Sie verleihen unserem Leben Form und Farbe.“ (Manieren sind hier allerdings als „Kultur“ zu verstehen, die für Burke grundlegender ist als Recht und Gesetz). 100 Jahre später hat Antonio Gramsci das aus marxistischer Sicht (Burke gilt als Begründer des Konservatismus) als „kulturelle Hegemonie“ analysiert: nicht allein ökonomische Zwänge sind das Fundament bürgerlicher Herrschaft, vielmehr ist sie begründet in der Gesamtheit ihrer Ideen, Ideologien, kulturellen Äußerungen. Nur wenn man das begreift, versteht man, warum unsere Verhältnisse zur Zeit so absolut unveränderbar, quasi zementiert erscheinen. Was Eagletons Buch vollends zum Genuss macht, ist sein Stil. Begnadet & undeutsch, ich muss bei der Lektüre oft laut lachen. Was Erkenntnis extrem befördert.
6 von 5 möglichen Sternen.
Anschließend durfte ich beim Konsum eines Films ebenfalls laut und oft lachen: „Ted 2“, eine Hollywood Komödie über einen menschlichen Teddybären, im Niveau so flach wie Ostfriesland, obszön und ordinär bis zum Anschlag, ein, zweimal hat es mich sogar geekelt, was eher selten vorkommt, eigentlich nur beim Anblick von bestimmten Politikern, und ein Drogenhumor, bei dem man vom Zusehen schon stoned wurde, sowas kann man sich als Drehbuchautor nur bekifft mit einer Horde Kumpels ausdenken.
4 von 5 möglichen Sternen.
Wer will, kann in den Film auf der Metaebene Bedeutungen reinfriemeln. Ich will’s nicht und kann Ihnen, liebe Leserinnen, den Film nur empfehlen, vor allem dann, wenn Sie wissen wollen, wie Männer humormässig und auch sonst ticken.
Sollte ich in meinem Leben jemals einen Vortrag über Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie halten müssen, würde ich ihn mit Bildern aus „Ted 2“ illustrieren.
Dazu wird es nicht kommen. Meine Lebensplanung sieht anders aus.

25.06.2018 – Während mir die Sintflut


Entwurzelt. Baum nach Sturm Oktober 2017, Körnerpark Berlin Neukölln.

Der gleiche Baum als Kunstwerk in einer Ausstellung über Flucht und Migration in der Galerie Körnerpark, Juni 2018.
Kurz bevor ich im Oktober 2017 den Körnerpark aufsuchte, hebelte ein Orkan den über 15 Meter hohen ausgewachsenen Baum aus dem Boden. Der Bahnverkehr war wegen des Orkans bundesweit unterbrochen, von Berlin aus fuhr kein ICE mehr. Weil ich zu einem Termin in Hannover musste, machte ich mich auf eine abenteuerliche Reise über die Dörfer durch die Ostzone, die den ganzen Tag dauerte, mit x-mal Umsteigen. Die Reise erinnerte mich gegen Ende an den John Ford Klassiker „Stagecoach“ .
Ich bin der Überzeugung, dass unsere Art des Wirtschaftens dem Planeten über den Jordan hilft. Analog dazu nähert sich nach meiner Meinung die politische Verfasstheit der Gesellschaft, in der ich sozialisiert wurde, durch das Handeln ihrer Mitglieder ihrem Ende. Was nach diesem Ende – und nach dem erwähnten Jordan – kommt, weiß ich nicht. Es ist mir auch ziemlich egal. Ich tue, was ich kann, damit es nicht soweit kommt. Was nicht viel ist, positive Ansätze in meiner Öko-Bilanz werden durch Flugreisen derartig konterkariert, dass ich mich als Ankläger in Sachen Öko denkbar schlecht eigne. Also halte ich den Ball flach und fröne dem Motto: Nach mir die Sintflut.
Was aber offensichtlich immer weniger hinhaut, siehe Orkane etc. Nicht, dass ich Angst hätte, mir würde so ein Baum auf die Mütze prasseln. Aber wenn ich noch wie meine Vorfahren der Agrarökonomie nachgehen würde, könnte ich mir nach der aktuellen Trockenperiode, deren Ende nicht abzusehen ist, die Kreditkugel geben. Letztes Jahr hat der Hagel den Weizen niedergemetzelt, dieses Jahr hat der späte bittere Frost die Obstblüte vernichtet und beinahe meinem Olivenbaum im Garten den Garaus gemacht. Also die Wetterverschiebung infolge des Klimawandels nagt sich schon von den Rändern meines Alltagsdenkens zur Mitte hin durch und hinterlässt Sedimente in meinen Bewusstseinsschichten.
Was die politische Verfasstheit unserer Gesellschaft angeht, könnte ich mir dauernd an den Kopf fassen ob menschlicher Dämlichkeit, die hier waltet, wenn ich die Hände nicht zum Tippen bräuchte. Wir bauen also die Festung Europa. Jeder halbwegs gebildete Neandertaler weiß, dass das Ende von Gesellschaften unter anderem durch die aufkommende Ideologie von Festungen, Mauern, Wällen etc. gekennzeichnet ist. Der Untergang Roms begann in dem Moment, wo die Römer den Limes bauten, der Franzmann hatte seine Niederlage im zweiten Weltkrieg besiegelt, als der erste Spatenstich zur Maginotlinie erfolgte und die Ostzone konnte mit Beginn des Mauerbaus schon mal ihr Requiem bestellen. Jede Festung trägt schon in ihrer Planung den Beginn ihres Untergangs. „Starre Befestigungen sind Monumente menschlicher Dummheit.“ (General Patton)
Ich bin flexibel, der Kopp ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann, und ändere mein Motto in: Während mir die Sintflut und Spaß dabei.
Und bei meinen Besuchen im Körnerpark lass ich einfach den Fahrradhelm auf.

24.06.2018 – Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!


Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!
Anzeige in der Berliner U-Bahn. Man kann eine Großstadt auch wie eine Zeitung lesen: Graffitis, Plakate, Anzeigen im öffentlichen Raum, all das ergibt im Montageprinzip ein quasi subkutanes Bild der Stadt, jenseits von Internetblogs und Reiseführern, falls es die überhaupt noch gibt.
Menschen mit Reiseführern vor dem Gesicht statt eines Smartphones sind mittlerweile verhaltensauffällig. Vollkommen aus dem öffentlichen Raum verschwunden ist der Anblick von Menschen, die im Wind mit dem Entfalten von Falk-Stadtplänen kämpfen. Da müsste man mal ein nostalgisches Video drüber drehen, über diesen Kampf mit den Windmühlenflügeln und am Ende fragt der völlig entnervte Protagonist eine Passantin, wo es denn hier langgeht. Die natürlich, wie in Berlin üblich, auch nicht von hier ist. Woraus sich eine zauberhafte Liebesgeschichte entwickelt. Mit Google Maps fehlt mir für sowas die – digitale – Phantasie.
Falk-Pläne und andere Artefakte der analogen Zeit sterben einen langsamen ungesungenen Tod. Irgendwann packt man sie einfach nicht mehr ein und erinnert sich Jahre später, so wie ich jetzt, zufällig wehmütig an dieses Monstrum. Wobei sowas natürlich auch zwischendurch amüsant-gelehrt in Feuilletons gewürdigt wird. Ein anderer Akt war der Transport der Schreibmaschine in den Keller, das hatte was von einer spektakulären Beerdigung. Es hat dann noch Jahrzehnte gedauert, bis ich meine alte Adler vom Keller auf den Sperrmüll entsorgte.
Veränderungen, wo man hinblickt. Veränderungen technologischer Art liebt der Deutsche nicht nur, er erfindet sie auch massenhaft selbst. Spielerisch-zärtlich eignet er sich neue Technologien gierig an. Widerwilliges Draufeinlassen ist der Ausnahmefall. Ich bin so ein Fall, nach dem Motto „Agenda“ (lat.: „Was (halt) getan werden muss“). Grundsätzliche Technologie-Verweigerer gelten als schrullig und unterliegen schnell dem Pathologie-Verdacht.
Anders geht der Germane mit Veränderungen im Denken um. Das liebt er nicht nur überhaupt nicht, er hasst es regelrecht. Veränderungen im Denken unterliegen dem gemeinen Germanen schnell dem Pathologie-Verdacht.

Da liest er lieber Lebenshilfe-Ratgeber, begibt sich in eine Selbsthilfegruppe, fragt die Sterne, die liebe Göttin, Tetrahydrocannabinol, Allehol oder treibt Sport. (Weitergehende Beiträge über Selbstoptimierung als Religionsersatz entnehmen Sie bitte den Feuilletons der letzten 20 Jahre).
Insofern ergibt die Anzeige der Charité oben einen ganz tiefen Sinn, nachdem ich im ersten Moment einen Lachanfall kriegte, naiv-empört in mich hineinfragte:
„Ja, wo sind wir denn, wenn wir über Veränderungen im eigenen Denken schon klinische Studien machen, zur Validierung vom Verdacht auf krankhafte Abweichung vom Normalverhalten!?“
Ich Tor. Die scheinbar verunglückte Formulierung der Anzeige spiegelt den von mir geschilderten Stand der vorherrschenden gesellschaftlichen Perspektive auf das Denken wider.
Nichts steht ohne Grund geschrieben, schon gar die Menetekel an der Wand.
Die in dem Fall die Decke der Berliner U 7 Richtung Neukölln war.

23.06.2018 – Gesunder Patriotismus ist wie gesunde Beulenpest


„Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben“ (Karl Marx). Auch wenn mittlerweile das abgewandelte Diktum von Kaiser Wilhelm gilt: „Ich kenne keine Arbeiter mehr, ich kenne nur noch Angestellte“, stimme ich diesem Satz von Marx vollumfänglich zu und hebe zum Zeichen der Zustimmung meine linke Faust. Jeder macht sich halt auf seine Art im Internet durch peinliches Posieren lächerlich, aber ich bin weit jenseits des Stadiums, wo ich mir selbst peinlich wäre. Wenn ich mich mit dem Zustand unserer Gesellschaft vergleiche, komme ich mir ehrlich gesagt wie eine Mischung zwischen Kant, Einstein und Jesus vor. Und das bei aller gebotenen Bescheidenheit.
Wenn ich solche Phrasen höre, dass angesichts der WM – und nicht nur derer – gesunder Patriotismus erlaubt sei, schlägt mein Gehirn Falten. Gesunder Patriotismus ist wie gesunde Beulenpest, ein Widerspruch in sich.
Wat is´ne Patriotismus? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Patriotismus´ is ne kleine Kieselstein, der rollt ne Abhang runter und reißt ‚n paar jrößere Steine mit, dat is der Nationalismus. Der rollt weiter und reißt noch jrößere Steine mit, dat is der Chauvinismus. Und am Ende ist dat ne Lawin‘ und dann krieje mer Krieg, un den krieje ma späta …
Das Ganze ist eine naturgesetzliche Urgewalt, da kann Jürgen Labermas vom Verfassungspatriotismus faseln, bis ihm das Öl aus der Lampe läuft.

Nogat Klause, Berlin Neukölln.
Leider ist der derzeitige Mangel an nationaler WM Hysterie und Deutschland Fahnen kein Anzeichen dafür, dass der Mob zur Besinnung kommt. Er hat genug andere Felder, auf denen er sich austoben kann. Wenn es die Flüchtlinge nicht gäbe, müsste man sie eigens dafür für den Mob erfinden.
Ich hege ja die leise Hoffnung, dass Fußball mittlerweile so peinlich ist, dass selbst dem Mob die Beschäftigung damit nicht conveniert. Aber ich hege auch die Hoffnung auf einen Sechser im Lotto und eine eigene Fernseh-Show.
Aber natürlich schaue ich mir die Partie der Ostgoten heute Abend an. Als Zocker will ich wissen, wie meine Wette auf das Ausscheiden der BRD läuft. Es geht mir wie jedem Spieler nicht um den Gewinn, sondern um das Spiel als solches, das Adrenalin, wenn Schweden in der letzten Minute das 2:1 erzielen könnte …
Und dann stünde ich als allwissender Wettgott (siehe Jesus) da. Diese Funktion von gesellschaftlicher Distinktion qua Fußball (!) Wette ist durch kein Geld der Welt zu bezahlen.

20.06.2018 – Kampf gegen Windmühlenflügel


Alt-Marzahn und Neu-Marzahn
Eben wollte ich zu einer langen Eloge auf den Kampf gegen Windmühlenflügel ansetzen, da zeigt mir ein Blick auf die Uhr, dass eine Verabredung vor der Tür steht. Und eher hämmere ich mir einen Nagel in den Kopf als das ich zu spät bin. Ich bin nur einmal in meinem Leben zu spät gekommen und das war bei meiner Geburt. Mit lebenslangen Konsequenzen. Nie wieder.
Dieses Getippe auf dem Smartphone ist echt zeitaufwändig und nur knapp schneller als das Ritzen in Tontafeln.
Dann eben Morgen auf in den Kampf gegen Windmühlenflügel. Wenn ich mich dann daran noch erinnere.

19.06.2018 – Fröhliches Paar


Fröhliches Paar. Harald Schulte. 2014. Ausstellung im Bezirksrathaus Marzahn.
Marzahn ist eine Großsiedlung in Plattenbauweise im Osten Berlins. Der normalgrüne Alternativ-Spießer würde sich beim Anblick von Marzahn mit Grusel wenden, wenn er denn nur jemals aus dem Dunstkreis seiner stuckverzierten Altbau Wohnung in die Nähe von Marzahn käme, wo Cindy übrigens nicht herkommt und auch nie gewohnt hat.
Der Spießer kommt aber nur bis Prenzlauer Berg und vielleicht Weissensee, worüber es eine hochgelobte deutsche TV-Serie gibt,was für mich 3 Gründe sind, da niemals einen Blick rein zu werfen.

Ich weiss nicht, ob der Bürger King ist im Bürgeramt von Marzahn, das hier ausgeschildert ist. Ich weiß dass Marzahn einer der sichersten Bezirke in Berlin ist.

Helene-Weigel-Platz in Marzahn.
Ich kenne Marzahn und habe dort kaum Spuren von Vandalismus, Verfall oder übermäßigem Dreck wahrgenommen. Die Siedlung ist von großflächigem Grün durchzogen und im Gegensatz zum Rest von Berlin herrscht dort eine paradiesische Stille, sieht man von zwei drei Magistralen ab, die den Bezirk kreuzen.
Den Plätzen sieht man an, dass ihre Planungs-Grundfunktion in der DDR auf Kommunikation ausgerichtet war,anders als bei vielen Orten öffentlicher Begegnung der BRD, die auf Konsum ausgerichtet sind,siehe Shopping Malls, überdachte Passagen etc.
Ich will Marzahn nicht schöner reden als es ist. Wir werden uns nur im Zuge der katastrophalen Wohnungssituation an städtebauliche Paradigmenwechsel gewöhnen müssen: höher bauen, tiefer bauen, aufstocken, Rückkehr der Platte und Großsiedlungen. Dazu brauchen wir auch einen anderen unarroganten Blick auf die Marzahns unserer Republik
Ohne eine veränderte ästhetische Wahrnehmung ändert sich auch kein Bewusstsein. Und dazu müssten die Spießer unserer Republik ihre Ärsche hochkriegen und sich bewegen , in jeder Beziehung.
Tun sie aber nicht. Und deshalb geht das alles auch den Bach runter.

18.06.2018 – Wer sich nicht in die Wirklichkeit begibt, kommt darin um


Fragmentierter Adler
Dauerklimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins verengen das Gesichtsfeld derart , dass man bei beschleunigten Verhältnissen mitunter aus der Kurve getragen wird. Also wollte ich mich gestern zum Deutschland Spiel im Rahmen eines soziologischen Feldversuchs auf eine mir eher degoutante Wirklichkeit einlassen: auf die Fanmeile am Brandenburger Tor. Und dort unter 200.000 Schwingern (Frauen sieht man eher selten bei derartigen Perversitäten) deutscher Fahnen für Mexiko jubeln. Der Himmel hatte ein Einsehen mit meinem bescheuerten Plan und liess mich erst garnicht auf den Kriegsschauplatz: striktes Rucksäcke Verbot.

So kam ich zwar nicht unter die Deutschen aber in den Genuss einer Auto befreiten Strasse des 17. Juni.

Was mir ungekannte neue Perspektive bot.
Auch nicht schlecht. Wie ich da so stand und den Blick genoss, grübelte ich kurz über die doitsche Einheit: mit wem sollte ich mich zu welchem Zweck und in welchem Interesse eigentlich eins fühlen?
Mir fiel nichts und niemand ein. Beruhigt zurrte ich meinen Stahlhelm fest und radelte meiner Wege, einem zauberhaften Nachmittag entgegen. Eine meiner zahlreichen WM Wetten würde sich noch sehr positiv entwickeln.

17.06.2018 – Tag der deutschen Einheit


Public viewing am „Matzbach“ in Kreuzberg.

Fussbälle einem sinnvollen Verwendungszweck zugeführt. Auf den Allmende Gärten des Tempelhofer Feldes.
Früher wurde am 17. Juni der Tag der doitschen Einheit gefeiert. Man musste nicht zur Arbeit gehen und war eigentlich froh, dass die Zonis da blieben, wo sie waren, nämlich drüben. Nicht umsonst war der Standard Totschlag-Hammer aller ehrlichen Spießer gegen alles , was links von der NSDAP war: Wenn’s Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben. Meine Eltern stellten noch in den Sechzigern Kerzen ins Fenster am 17. Juni im Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone. Als einzige in der ganzen Strasse. Mir war das peinlich. Meine Eltern haben a posteriori, was mit „von hinten rein “ nicht ganz korrekt übersetzt wäre, recht behalten.
Hätte ich mehr auf meine Eltern gehört, wäre aus mir was anständiges geworden, ich hätte 8 Kinder und eine Batterie von Psychopharmaka im Toilettenschrank.
So habe ich noch nicht mal einen Toilettenschrank, was irgendwie ein irrsinniges Wort ist, das mich ganz fuggelig macht, eine Batterie von Portweinflaschen im Weinkeller und erfreue ihr Herz, liebe Leserinnen, mit diesem zauberhaften Blog.
Fazit des heutigen Tages: die Zonis haben uns die afd beschert, wozu mir meine Rechtschreibkorrektur ARD vorschlägt, was echt ein Brüller ist.
Drücken Sie mir heute und die nächsten Tage die Daumen. Ich habe beim Wettanbieter meiner Wahl echtes Geld gesetzt, dass die BRD in der WM Vorrunde rausfliegt.
Den Gewinn würde ich sofort reinvestieren: in Portwein.
Prost.