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13.02.2018 – Notwehr

kürzeste karnevalsumzug der welt
Der Weltrekord für den kürzesten Karnevalsumzug der Welt war lange Jahre im Besitz des SCHUPPEN 68. Das ist in einem preisgekrönten Video zu sehen
In diesem Jahr fordern wir ein Verbot des deutschen Karnevals nach § 129a StGB. Dieser Paragraf normiert die Bildung terroristischer Vereinigungen. Die Bilder vom Rosenmontagsumzug haben schwere körderliche und seelische Schäden bei mir angerichtet und nicht nur bei mir. In der Causa gehe ich bis zum EuGH. Ich muss mir nicht alles gefallen lassen.
Die Details können Sie hier in der offiziellen PM nachlesen: PM SCHUPPEN 68 fordert Verbot des Karnevals nach Paragraf 129a. Ich muss jetzt zu meiner Therapeutin, hinterher wieder ins Bett und dann in den Urlaub. Irgendwohin, wo die Leute völlig humorlos sind. Vatikan oder sowas.

11.02.2018 – Gleichzeitigkeit von Differenzen

armacao
Bausünden an der Algarve
kurz-hinter-armacao
Kurz hinter den Bausünden an der Algarve.
Ich starre gerade aus dem Fenster auf ein Wetter, das an Ekligkeit kaum zu überbieten ist, Düsternis, Wind, Schneeregen bei ca. 2 Grad. Mehr Licht! Am Montag lasse ich mir von meinem Hausarzt eine Woche Urlaub Algarve verschreiben, als lebensrettende Maßnahme.
Das ist aber eine Wetterlotterie, die Vorhersage da unten für die nächsten Tage verhält sich ähnlich volatil wie die Aktienmärkte im Moment. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren im Dezember mal in Armacao da Pera ankam, wo die Aufnahmen oben entstanden. Es nieselte bei 14 Grad und ich war von den Hochhäusern oben umgeben. Ich weinte still vor mich hin. Am nächsten Morgen schien die Sonne,
alles-für-mich
ich hatte den ganzen Strand für mich allein und man muss sich mich als glücklichen Menschen vorstellen. Um zu gucken, ob es überhaupt Menschen dort gibt, suchte ich abends den Ort auf, in dem auch Wirtshäuser waren. Alle erleuchtet, geöffnet. Aber in keinem eine Menschenseele, auch kein Personal. Niemand. Es war so gespenstisch, dass mich gruselte. Wahrscheinlich machte hier ein Serienkiller Urlaub und hatte tagsüber zur Entspannung alles niedergemetzelt, was sich in dem Ort bewegte. Und waren da nicht Blutlachen im Halbdunkel der fahlen Laterne vor der nächsten Kneipe? Oder war es eine Restpfütze Regen?
Hinter der nächsten Ecke endlich Leben! Aus einer Bar drang Lärm. Menschliche Stimmen. Ich weinte vor Erleichterung. (Offensichtlich habe ich sehr nah am Wasser gebaut). Des Rätsels Lösung: Benfica Lissabon spielte in der Championsleague, das Fußballspiel wurde im TV übertragen und das gesamte Kneipenpersonal des Ortes guckte sich das Spiel hier an. Ich stand in der Tür und alle starrten mich entgeistert an. Wahrscheinlich dachten die:
Was will der um die Jahreszeit hier? Ein Verrückter. Ein Serienkiller.
Kein schlechter Personalschlüssel: auf einen Touri 30 Kellner.
Und was mach ich jetzt? Buchen oder bleiben? Und ich bin ja in einer außerordentlich commoden Situation: Außer auf meine Termine muss ich bei der Urlaubsplanung auf niemanden Rücksicht nehmen. Wenn ich da an mein früheres Angestellten-Leben denke, wenn Urlaubslisten durch die Abteilungen gingen, alle in den großen Ferien (wegen der Kinder! Und überhaupt! Da machen doch alle Urlaub!) wegwollten und es immer zu Überschneidungen kam. Dramen! Besonders erfreulich, allerdings nur für mich, waren immer die Zankereien von Frauen, die mit „Argumenten“ rüberkamen wie „Ich muss da aber Urlaub machen zu der Zeit. Da hat mein Mann seinen eingetragen.“
Wenn ich da Chef gewesen wäre, ich hätte die Gusten achtkantig rausgeschmissen.
Zur Erheiterung abschließend mein All-time-favourite Rezept für Mundwasser:
„Eine Salbeitinktur als Grundlage für eine Mundspülung kann man leicht selbst hergestellen (Rechtschreibung im Original. Der Autor). Dafür benötigt Ihr lediglich ein Glas, eine Flasche, frischen Salbei und klaren Alkohol. Hier eignet sich Wodka, Korn (sollte 36-40 % Alkohol enthalten) ….“
Sie sind sich Ihres frischen Atems nicht sicher und haben gleich eine Sitzung mit Ihrem Chef, bei der es um Ihre Karriereplanung geht?
Da gibt es nichts Besseres als dieses Mundwasser!

10.02.2018 – Ein kalter Hauch.

wahlnuss-knacken
Alles schon mal dagewesen. Wa(h)lnüsse schwarzrotgold bei einer Aktion von mir mit Erwerbsloseninitiativen vor dem hannöverschen Arbeitsamt im Vorfeld der Bundestagswahlen 2002.
080126HAZ SCHUPPEN 68 Landtagswahl Aktion
Sowas ähnliches hab ich 2008 gemacht und 2017 nochmal und dachte jedes Mal: Mann, das ist ja echt originell. Jetzt würde ich gerne wissen, wer das wirklich zum ersten Mal gemacht hat, denn mittlerweile keimt in mir der Verdacht auf, dass ich es nicht war.
Zentrales Thema der Wahl 2002 war neben dem Irakkrieg die Reform des Arbeitsmarktes, Stichwort Agenda 2010, die von Rotgrün dann als Hartz IV umgesetzt wurde. Das Wahlergebnis damals war so knapp, dass Ede Stoiber noch lange am Abend glaubte, das bürgerliche Lager würde gewinnen. Es hat dann aber doch das alternativ-spießbürgerliche Lager gewonnen.
Pech für die SPD, das war der Anfang von ihrem Ende. Eine andere Koalition hätte niemals sowas wie die Agenda 2010 umsetzten können, da wären die Gewerkschaftskumpels aber auf der Straße gewesen! Und die SPD wäre heute noch die Partei der kleinen Leute.
Trotz intensiver Suche habe ich bisher noch keinen Wettanbieter gefunden, bei dem ich eine Wette platzieren kann, zu welchem Zeitpunkt die SPD in bundesweiten Umfrage das erste Mal hinter der AfD landen wird. Für eine Quote von 1:4 würde ich sogar schon auf eine Umfrage vor der Sommerpause setzen. Genossen, bleibt dran am Projekt „Fünfprozenthürde“, ich setz auf Euch!
Das Bild mit den Wa(h)lnüssen ist ein Papier-Foto aus meinem Scan-Archiv, da guck ich gerade häufiger rein. Im Keller würden die Papierkästen ungewürdigt verschimmeln. Was da so alles drin ist.
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Eine Aktion der Landesarmutskonferenz zum Weltarmutstag 17.10.2002 in der hannöverschen City, mit Armutszeugnissen und Sklavenversteigerung (was auf Leiharbeit zielte). Offensichtlich arbeite ich schon seit mindestens 16 Jahren für die Landesarmutskonferenz. Spontan dachte ich beim Anblick des Bildes: Eigentlich müsste ich mal wieder was anderes machen. Im gleichen Job 16 Jahre?! So alt wird zum Beispiel kein Schwein. Da tritt doch schon mentaler Rigor Mortis ein.
Dann fiel mir ein: Dumm Tüch (ich komme vom Eichsfeld wech, da spricht man Platt). Ich lass mich doch unter normalen Umständen in diesem Leben auf keinen anderen Job mehr ein.
Und auf einmal wehte ein kalter Hauch durch mein Arbeitszimmer.

09.02.2018 – Meine Papiere für die Auswanderung nach Norwegen sind soweit fertig

schwanzbeisserein
Auf so wenigen Zeilen soviel gute Botschaft, Frohsinn und regelrecht ins Transzendente Lappendes wie der Name Elisabeth große Beilage, das schafft nur die HAZ. Natürlich unfreiwillig.
Der Übergang zu Siggi Pop, vulgo Sigmar Gabriel, fällt leicht, geht es in der Politik doch mitunter erbärmlicher zu als in einem Schweinekoben. Dem geneigten Notabiturienten fällt da sofort „Die Farm der Tiere“ von … „Na, sagen Sie es, Meyer II, wenn Sie glauben, Sie können Ihr gesammeltes Unwissen hinter dem Rücken Ihres Vordermannes verstecken, sind Sie bei mir auf jenem Holzweg, der für Sie der Gang nach Canossa wird!“
Der von mir unlängst als ungehobelter Parvenü skizzierte Gabriel überspringt die Messlatte an Schamlosigkeit spielend und aus dem Stand. Gabriel, ein Volkshochschullehrer, der das, was er geworden ist, nur durch seine Partei wurde, und ihr dann zum Dank mit unfassbar geheuchelter Naivität (Zitat Herr Pop: „Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt“) bar jeder Solidarität in den Rücken fällt, das hat was ragend Ekliges. Ich werde jetzt meine Veranda aufsuchen, mit einem Glas Warre‘ Warrior Finest Reserve Port und den ganz unangenehmen Geschmack in meinem Mund langsam und genussvoll fortspülen. So wie die SPD vom ehernen Gang der Geschichte fortgespült werden wird. Was für eine Tragödie und wir sind ihre Augenzeugen. Trost, wer spendet Trost, Ihr Götter?
Na ja, zum Beispiel die Tatsache, dass die Rate der Schwanzbeißereien nur bei 2 bis 3 Prozent liegt. Anders wäre es auch kaum auszuhalten.
Draußen (wo sonst?) scheint die Sonne. Ich muss auf die Veranda, mit meinem Port, ich werde das Glas mit dem funkelnden Tropfen in die Sonne halten und aus tiefer Inbrunst intonieren:
Portwein zur Sonne zur Freiheit
Portwein zum Lichte empor
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Das bleibt am Ende des Tages.
Und der Dank an den Freund und Kollegen für die geneigte Zusendung des obigen Artikels, verbunden mit der Bitte an die geschätzten Leserinnen, mir ähnliches zwecks Verwurstung zuzuschicken. Es muss auch nicht immer so Schwanzzentriert sein.

07.02.2018 – Reichtum für Alle!

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Das Interview können Sie hier sehen.
Der in diesem Blog mehrfach zitierte Dandy, der sich ja eher durch eine innere Haltung denn durch äußere Signale auszeichnet, achtet dennoch unter allen Umständen auf seine Erscheinung, selbst wenn er nackt auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Jemand, zu dessen Job Öffentlichkeitsarbeit gehört, sollte wenigstens vor der Kamera auf sein Äußeres achten, auch wenn es sich „nur“ um das Bürgerfernsehen handelt. Insofern unterlag mein Erscheinen unlängst bei h1 einem beklagenswerten Mangel an Achtsamkeit. Ich sah am Kopf aus wie ein Kamel um die Eier, das Hemd passte absolut nicht zum Hoodie und bei dem kann ich nur beten, dass niemand auf dessen Marke geachtet hat. Ich laufe weder 24 Stunden am Tag im Smoking rum noch wie ein Geck dauernd im feinsten Zwirn, besitze aber schon ein paar Klamotten, die nicht vom Grabbeltisch bei H & M stammen.
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Wie dieser Hoodie vom Label „Better Rich“. Nomen est omen und ausserdem est pecunia.
Da erhebt sich schon die Frage, ob ich sowas tragen sollte, wenn ich öffentlich als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz fungiere. Das könnte als Zynismus ausgelegt werden, bestenfalls als unprofessionell.
Nun kann man eher einen Pudding an die Decke nageln als mich fest und ich würde als gewiefter Dialektiker sofort kontern:
„Genossinnen und Genossen, es geht nicht darum, den Reichtum einer Minderheit anzuprangern und abzuschaffen, es geht um die Forderung, und sie gut, weil sie richtig ist: Reichtum für alle! Und auf nichts anderes weist mein Hoodie hin.“
Aber, liebe Leserinnen, seien wir ehrlich: Sie schätzen solche rhetorischen Finessen, ich schätze sie. Aber der Rest der Welt?
Was hat mich am Tag der TV Aufzeichnung also geritten? Unterbewusstes Spiel mit dem Feuer? Meine Adrenalinsucht? Tiefer hängen, ich war einfach verpeilt. Die Moderatorin der Sendung empfand ich übrigens als angenehm interessiert am Thema und präzise in der Fragenstellung, was mir in den wenigen Minuten des Interviews eine fokussierte Einlassung erlaubte. Ganz anders als unlängst beim NDR TV, wo ich angesichts des vollkommen themenverpeilten Moderators fast die Fassung verlor und den Eindruck hatte, den hätten sie nur zum Jacket-Auslüften ins Studio gestellt.
Hat auch sein Gutes. So wird mir nie langweilig. Hier noch ein Haushaltstipp:
halten-ewig
Blumen halten länger, wenn Sie sie bei minus 7 Grad ins Freie stellen.

06.02.2018 – Eine Massenversammlung schwuler Kiffer.

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Nietzsche hatte recht: Gott ist tot. Er hat ein biblisches Alter erreicht. Und sein Name war Günter.
Bei der Aufzählung des engsten Familienkreises vermisse ich allerdings Jesus, Maria und Joseph, die wahrscheinlich aber auf Wohnungssuche waren und somit entschuldigt sind. Heutzutage würde Jesus die Massen übrigens nicht mehr mit der wundersamen Brotvermehrung beeindrucken – auch wenn irgendwelche verpeilten Gewerkschaftsbonzen immer noch jeden 1. Mai im Vollsuff was von „Wir müssen die Menschen wieder in Lohn und Brot bringen“ krakeelen – sondern mit einer wundersamen Wohnraumvermehrung, in, sagen wir mal, Kreuzberg.
Im Johannesevangelium heißt es zur Brotvermehrung:
Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.“
Aha. Nicht eine Frau dabei und jede Menge Marihuana, also eine Massenversammlung schwuler Kiffer. Der Typ zog ja auch mit einer Apostelgang durchs Land. Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen, meine Phantasien sind da eher bei Maria Magdalena, einer biblischen Sünderin, also jemand, die es ordentlich krachen ließ.
Was mich aber in tiefe Besorgnis bei obiger Anzeige stürzte, ist die Tatsache, dass sich Satanas in die Familie Gottes eingeschlichen hat: Carolin Schlange. Die Schlange ist das Böse, ist Satan. Das wissen wir seit der Geschichte mit dem Paradies, es war die Schlange, die Adam und Eva überredete, vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen, woraufhin Eva prompt rallig wurde, Adam verführte und den Rest kennen wir: Sie wurden aus dem Paradies vertrieben und mussten im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen. So kam die Arbeit in der Welt und die Klasse der prekären Selbstständigen. Vom Kapital ist da nämlich nirgendwo die Rede und es fragt sich aus christlicher Sinn, was soll der heutige Blödsinn mit Unternehmern, Kapital und Ausbeutung.
Die teuflische Carolin Schlange wurde übrigens von Lou Reed in seinem kranken Meisterwerk „Berlin“ mit dem Song „Caroline“ gewürdigt, er nannte sie „she’s my Germanic Queen“, was ich frei übersetzen würde mit „sie ist mein doitscher Satansbraten“. Das Lied können Sie hier hören. Achten Sie nicht auf die Texte des Albums, da kommen Sie ganz übel drauf. Achten Sie auf den schwer muskulös-maskulinen Bass von Jack Bruce. Der ist bar jeder Funk-Phrasen (ich stehe auf Funk, aber nicht in einem Song, der einem jeden Gedanken an die Himmelsmacht der Liebe austreibt) einfach göttlich.
christo revisited
Weniger göttlich ist die Tatsache, dass ich angesichts übler Nachtfröste im Garten den Christo, ohne Jeso, geben und meinen Korfu-Olivenbaum verhüllen musste.
Oh Frau, lass Frühling werden.
Jetzt wissen Sie, liebe Leserinnen, was in einem Blog rauskommt, wenn jemand vor seinem Bildschirm sitzt und absolut keinen Bock auf Arbeit hat.

05.02.2018 – Doppelkegelbahn, Nelken und Rumtopf

doppelkegelbahn
Doppelkegelbahn. Beim Thailänder.
Gentrifizierung ist wie ein Krebsgeschwür, dieser Prozess frisst sich Stück für Stück wie bösartig wuchernde Metastasen in umliegendes Gewebe. In einem meiner Nachbarviertel ist das gut zu beobachten, wie sich dieser Prozess von hier aus langsam da reinfrisst. Früher war das ein subproletarischer Schmuddelkiez, mit dreckigen Ecken, schäbigen windschiefen Häusern, rottigen Kneipen und einer soliden Trinkerszene, die im Umfeld ihrer Kioske ihr Quantum Trost in Form von Oettinger und Flachmännern verklappt. Dort gab es den einzigen Blumenladen der westlichen Hemisphäre, in dem ich meine roten Nelken für den 1. Mai kriegte. Da bin ich beinharter Traditionalist, ein 1. Mai ohne die Blume der Arbeiterbewegung? Da kann ich auch gleich den 30. April begehen. Das ist der Tag des Lärms, der Tag für gewaltfreie Erziehung und der Welttag der Frisuren. An dem Tag würde ich laut brüllend mit einer Vokuhila Perücke umhervagabundieren und plärrende Blagen in den Arsch treten.
Mach ich aber nicht. Ich mach 1. Mai.
nelken
Den Blumenladen gibt es nicht mehr. Dicht. Er lag in der Nähe eines Neubaugebietes namens „Wasserstadt“ und wer eine Ahnung von den Gesetzen des Immobilienmarktes hat, weiß, dass sich alles Bewohnbare in der Nähe von Wasser verkauft wie Cannabis nach der Freigabe. Mit vorab Ausstrahlung auf das Umfeld. So ist ein paar Meter weiter vorab ein Gymnasium entstanden, ein putziges Eigenheimidyll, eine Konzertlocation für klassische Musik, das eine oder andere Latte-Macchiato Etablissement etc. pp. Ich denke, das reicht an Beschreibung. Und so radle ich mit wachsender Wehmut auf meiner Kopf-Durchpusten-Tour durch dieses Viertel und zittere vor dem Moment, wo der Thailänder mit der Doppelkegelbahn dichtgemacht, verdrängt wird.
Doppelkegelbahn, dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sie, liebe Leserinnen, wissen definitiv nicht, wo sich Ihre nächste einfache Kegelbahn befindet. Geschweige denn eine Doppelkegelbahn. Und dann noch bei einem Thailänder, wo die Wantan Suppe schlappe 2,80 Euro kostet.
Das ist ein kosmisches Gefühl der Entrücktheit, wenn ich da vorbeiradle. Ein tiefes melancholisches Sehnen, die Welt anhalten und zurückdrehen zu können, schnürt mir mitunter den Atem ein.
Umso schlimmer, als ich ja selber Teil des Problems von Gentrifizierung bin. Wenn in der Konzertlocation das nächste Mal wieder das Nomos-Quartett mit seiner Mischung aus Mozartstreichquartetten und moderner Musik auftritt, bin ich sicher wieder dabei und werde in der Pause einen feinen Weißburgunder verklappen. Nix von wegen Oettinger.
Was bleibt, ist die eigene Flucht nach vorne in die Avantgarde mit den Mitteln der Vergangenheit.
rumtopf
Rumtopf.
Nachdem ich nur noch TDK 90er Cassetten höre (Vinyl ist innerhalb der Avantgarde schon megaout), bin ich letztes Jahr dazu übergegangen, Rumtopf anzusetzen. Beachten Sie das Original 70er Jahre Design. Und das Zeug ist so geil, nach 6 Monaten Reifung schlabbere ich das löffelweise weg. Seit dem Anbruch im Dezember ist der erste Topf halb leer. Der sollte bis zum Sommer reichen!
Rumtopf ist das nächste Big Thing der Avantgarde! Setzen Sie, liebe Leserinnen, gleich einen an. Alles rein, was lecker ist. Super ist Ananas und Mango. Nix von wegen nur doitsche Früchte im Wechsel der Jahreszeiten. 5 Pullen 54%er Rum drauf, 6 Monate ziehen lassen und Sie kriegen die Finger nicht mehr aus dem Topf.

04.02.2018 – Einfach mal die Fresse halten und zuhören.

160201Lindenspiegel - Verhüllungsaktion Rohani Besuch
Aus Lindenspiegel 02/2016.
Eigentlich wollte ich mich zur #MeToo Debatte nicht äußern. Es gibt zu viele Männer, die entsetzlich dummes Zeug dazu absondern, und eine kluge Frau hat in dem Zusammenhang mal gesagt: Einfach mal die Fresse halten und zuhören. Und das mach dann ich dann mal.
Außerdem bin ich auf dem Gebiet des Geschlechterverhältnisses nicht so der Experte wie beispielsweise in Sachen Politik und Kultur oder gar in der Schnittmenge der Beiden. Darunter fällt allerdings die Diskussion um die vorübergehende Abhängung des Bildes „Hylas und die Nymphen“ in der Manchester Art Gallery durch die Kuratorin Clare Gannaway.
Und da sach ich dann doch mal was zu.
Ziel der temporären Abhängung: eine Diskussion anzuregen über unser „Frauenbild“, das auch durch Präsentation in Museen geprägt wird. Kein Bild steht nur für sich, der Sinngehalt von Bildern wird immer auch geprägt durch den Zusammenhang, in dem es steht, oder auch hängt. Nichts schärft den Blick, und damit den Verstand, mehr als das irritierte Betrachten einer Leerstelle, wo vorher Gewohntes war.
Insofern ist diese Aktion auf mehreren Ebenen eine überaus gelungene, intelligente und nach Maßgabe professioneller Öffentlichkeitsarbeit außerordentlich erfolgreiche künstlerische Intervention. Details dazu hier.
Wenn aber eine intelligente Frau erfolgreich ist, können 99 Volltrottel vor lauter Erregung die Tinte nicht halten, respektive das Maul, und sondern so viel Schrott ab, dass man vor lauter Peinlichkeit sich stante pede einer Geschlechtsumwandlung unterziehen möchte.
Den Höhepunkt bildet und hatte vermutlich auch ein gewisser Rupert Maas, Galerist aus London, dessen Zensur-Erregung sich dahingehend ergoss:
„Das ist der neue Faschismus“.
Auf den Restmüll, den der famose Galerist absondert, gehe ich nicht näher ein, der Mann ist einfach nicht satisfaktionsfähig.
Man darf nun gespannt sein auf den neuen Faschismus, der von Manchester ausgeht, ins Leben gerufen von den FEFAPA, der Feminin-Faschistischen Partei um die neue Adolfine Hitler Britanniens, Clare Gannaway. Wann werden in Manchester die ersten Künstler verfolgt, gefoltert, in Konzentrationslager verschleppt und umgebracht? Erst holen sie die Künstler ab.
Und dann die Galeristen. (Ja, bitte!)
Es ist seit Jahrtausenden die immer gleiche Leier: Wenn einem die Argumente ausgehen, holt man die Faschismus-Keule raus und prügelt auf alles ein, was bei drei nicht auf dem Bürger-Baum ist.
Und die Kommentare zum Tagesschau-Artikel oben sind auch eher zum Weinen. Kant hat gesagt:
Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Warum hält sich in der Kommentarrubrik keiner daran?
Beispielhaft dagegen für einen reflektierten Umgang mit dem Begriff „Zensur“ steht die famose SCHUPPEN 68 Aktion, die oben geschildert ist.
Das musste mal gesagt werden. Ab jetzt gilt auch wieder für mich:
Einfach mal die Fresse halten und zuhören.

03.02.2018 – Widerwärtiger und gemeiner noch als der Tourist ist nur einer: der Einheimische.

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Jäger 90/Olivgrün
Schönes Zitat aus der „Jungle World“ vom 16.08.2012 zur Gentrifizierungsdebatte in Berlin, bedingt auch durch wachsende Touristenströme dorthin (z. B. via AirBnB):
„ Der Schriftsteller David Foster Wallace hat dazu schon alles gesagt: Als Tourist mag man ökonomisch bedeutsam sein, doch aus existentieller Sicht verwandelt man sich in eine widerwärtige Schmeißfliege auf einem Kadaver. Widerwärtiger und gemeiner noch als der Tourist ist nur einer: der Einheimische. Denn er bleibt hier und geht nicht wie der weg.“
Der subkulturelle Widerstand gegen Touristenströme (auch in anderen Metropolen wie Barcelona), die die Eingeborenen verdrängen, ist notwendig, nimmt aber da reaktionäre Züge an, wo er dem Fremden, dem Schwaben nur ein „Spätzle, go home“ entgegenhält, ausschließlich auf Ruhe im eigenen Kiez insistiert und grundsätzlich jede Veränderung ablehnt. Jede Mülltonne soll da bleiben, wo sie ist. Sozialer Wohnungsbau auf der Naturfläche Tempelhofer Flughafen? Bloß nicht. Wenn sich der berechtigte Widerstand gegen Verdrängung nur auf „Touris raus“ beschränkt und sich nicht erweitert um die Forderung für ein gutes Leben und Wohnen für alle und überall, eben auch für Hartz IV Bezieher*innen vielleicht im schicken Prenzlauer Berg, dann ist das schlichte reaktionäre Modernisierungsverweigerung.
Wobei ich Hartz IV Bezieher*innen ein Leben in Prenzlauer Berg nicht zumuten möchte. Ein Vegetieren dort ist machbar, aber sinnlos.
Ich bin mittlerweile auch ideologisch gewappnet für mein Sabbatical in Berlin. Ich bin dabei, mir ein Stammlokal dort auszugucken, wo ich dann mein Morgengetränk in der Vormittagssonne zu mir nehme. Natürlich keinen Latte Macchiato. Sondern einen weißen Port, wenn möglich 10 Jahre alt, das ist aber kein Muss. Kann auch 5 Jahre sein.
Das Lokal darf auch nicht annähernd an Szene erinnern, es muss eine Hardcore Proll-Butze sein. Der Wirt kriegt jede Woche die Flasche Port von mir geschenkt und kann mir den dann immer glasweise verkaufen. Dann mache ich mir Notizen für meinen Roman, an dem ich gerade schreibe. Natürlich nicht auf einem Apple. Handschriftlich, mit einem Füller.
Ich trage dann ein schwarzes T-Shirt, auf dem vorne steht: „Touris? No pasaran!“
Und hinten steht: „Ein Gespenst geht um in Europa.“
Alle Männer wollen dann bei mir sein und alle Frauen wollen dann so sein wie ich.
Für ein Sabbatical bedarf es der Kohle. Gut, wer da ein Näschen für Anlagestrategien hat. Ethisch einwandfrei versteht sich. Wie zum Beispiel die Deutsche Cannabis AG. Einwandfreier geht’s nun wirklich nicht. Die dümpelten jahrelang als Pennystock bei 50 Cent rum und „explodierten“ in dem Moment, als Hanf zu medizinischen Zwecken zugelassen wurde. Auf 3,50 Euro. Da werden selbst die 300 Prozent Profit zuschanden, bei denen laut Marx das Kapital zu jedem Verbrechen fähig wird, bei Gefahr des eigenen Galgens. Wohl dem, der bei der Cannabis AG das Näschen hatte, um mal in der Sphäre der Drogen zu verbleiben…
Und wer an eine Bitcoin-Blase glaubt, der hat null kapiert. Sagt wer? Der hier. Und woher hat der Mann seinen Fachverstand, was hat er im Job gelernt? Zitat über den Autor:
Er begann seine journalistische Laufbahn als freier Sportreporter und Musikkritiker.
Kein Wunder, dass der Bitcoin Kurs seit dem Artikel von vor ein paar Tagen um 25 Prozent abgekackt ist.

29.01.2018 – Ein Volk gibt Gas

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Das visuelle Gegenstück zu Sprachlosigkeit.
Der 27. Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, er bezieht sich auf den 27.01.1945, als die Rote Armee Auschwitz befreite.
Am 28. Januar wurde bekannt, dass die „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“ (EUGT), gegründet von Daimler, VW, BMW und Bosch, im Rahmen von Tests Menschen mit Stickstoffdioxid begast hat. Das waren keine medizinischen Experimente zur Entwicklung neuer Wirkstoffe, die menschliches Leiden lindern könnten, das war ein Projekt zur Profitmaximierung der hier zitierten Konzerne im Rahmen des Dieselskandals. Ich habe eben ein Interview im DLF gehört, bei dem die Moderatorin einen ehemaligen BMW Manager fragte, wie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte Manager für derartige Test verantwortlich zeichnen können. Sinngemäße Antwort: „Ich weiß es nicht.“
Dem Manne kann geholfen werden. Die Antwort ist nicht von mir, sie lautet so und ich zitiere sie nicht zum ersten Mal in diesem Blog:
„Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ Aus: Karl Marx, Das Kapital, Band I, S. 801, Dietz-Verlag Berlin, 1961.
Das ethische Update 2018 der Analyse von Karl Marx ist, dass wir im Rahmen des tendenziellen Falls der Profitrate nicht mehr von 100 Prozent Profit reden, sondern von lächerlichen 8,6 Prozent, die VW pro Dreckschleuder im Jahr 2016 erzielte.
Was bei Marx mitunter zu kurz kommt, ist die Frage der Mentalitäten. Mit der reinen Lehre der Ökonomie lässt sich nicht alles erklären. Friedrich Hölderlin über die Deutschen:
„ …. Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes …“ (Aus: Hyperion, 1797).
Auf den Punkt bringt es die Geschichte des Bauern, der seinem rumänischen Erntehelfer (6 Euro Stundenlohn) in hochsommerlicher Hitze offensichtlich Getränke und Pausen verweigerte, worauf der Erntehelfer einen tödlichen Hitzschlag erlitt. Der Bauer wird per anno auch nicht mehr als 15 Prozent Gewinn auf das eingesetzte Kapital machen. Aber der Rumäne war ja schon damals an der Ostfront ein unzuverlässiger Drückeberger.
Und natürlich muss die Mafia auch ihren Gas-Senf dazu geben, sie fordert rückhaltlose Aufklärung und personelle Konsequenzen. So Bernd Osterloh, Betriebsratsvorsitzender VW von der IG Metall, die bei VW eine mafiaähnliche Komplizenschaft mit dem Konzern entwickelt hat. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin IG Metall Delegierter.
Die Welt ist nicht der Fall, die Welt ist zum Kotzen.
Was mache ich jetzt? Lege ich mich wieder ins Bett, ziehe mir die Depressions-Decke über den Kopf und lasse die liebe Göttin eine gute Frau sein oder gehe ich auf Toilette, eine Runde Kotzen? Letzteres hätte den Vorteil, ich könnte danach wieder arbeiten.
Sie wissen schon, der Fleiss, der Deutsche und der Hölderlin …
Und die Antwort auf die Frage, warum Ansgar Brinkmann das Dschungelcamp verlassen hat, finden Sie, liebe Leserinnen, hier.