
Gesehen in Berlin Mitte.
Ich sortiere gerade Bilder ein und das hier passte mir als Einschätzung der Welt so gut, dass ich es gleich in meinen Blog hochlud, ohne eine Idee zu haben, womit man es konkret verknüpfen könnte. Aber über die Fähigkeit, in Anlehnung an Kleists Ausführung über die freie Rede, Gedanken beim Scheiben zu verfertigen, verfüge ich in ausreichendem Maße. In diesem Blog erlaube ich mir mitunter sogar den Luxus, beim Schreiben nicht nur keinen Gedanken zu verfertigen, sondern einfach Blödsinn abzusondern. Heuer aber nicht, denn immerhin steht meine obige Aussage in Gegensatz zu Wittgensteins Satz, dass die Welt alles sei, was der Fall ist, sich letzten Endes also grenzenlos mit Sätzen beschreiben lasse.
Jaja, der Wittgenstein. Ich bevorzuge Sätze wie den hier von Dada Falafel:
„Bei Falafel handelt es sich generell um frittierte Bällchen, die als Imbiss absolut beleibt sind.“
Ich dachte immer, beleibt wird man dann, wenn man zu viel im Imbiss is(s)t.
Dada Falafel ist die Welt, wenn man sich anschaut, dass völkischer Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus immer mehr zunehmen. Und was macht die Restlinke? Demontiert sich selbst, siehe Sarah Wagenknecht und ihr Knecht Oskar sowie die SPD zur Gänze. Nun ist die SPD sicher keine Restlinke mehr und so viel gibt es da auch nicht mehr zu demontieren, aber man ist ja froh über jeden Strohhalm. Wobei die Strohhalme meist vom Stroh aus den Köpfen der handelnden Personen stammen. Unlängst sind zwei Bücher erschienen von zwei SPD Frauen, Renate Jürgens-Pieper und Andrea Ypsilanti, die es wissen müssen. Deren Urteil über die SPD: Nachdem ihr durch Gerhard Schröders Agenda 2010 das Genick als Volkspartei gebrochen wurde, tragen die aktuell handelnden Personen (allesamt Agenda Apologeten) die Partei aus persönlichem Machtstreben und Eitelkeit zu Grabe. Ist jetzt in der Explizität meine Formulierung. Aber darauf läuft es hinaus.
Und wenn man liest, was der gänzlich prinzipienlose Siggi Pop der SPD, Sigmar Gabriel, für eine gänzlich unangenehme Person ohne jeden Stil und Manieren ist, wird einem leicht übel. Das alte Lied: Parvenüs in der Politik, das taucht nix.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“?
Nein. Bin ich nicht. Ich denke in der Nacht an was ganz anderes. Und Heinrich Heine hat damit auch seine alte Mutter gemeint, an die er im Pariser Exil dachte.
Aber dégoûtant finde ich das schon, was hier so abgeht. Ich denke, ich werde heuer einen kleinen Meursault verklappen, um meinen Ennui hinunterzuspülen.
„James, lassen Sie die Kalesche vorfahren. Ich habe für heute genug mit meiner Bildung geprahlt.“
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14.01.2018 – Die Mauer ist weg!

Osnabrücker Sozialkonferenz – Die Mauer zwischen Arm und Reich muss weg.
Die oben abgebildete Mauer aus Umzugskartons ist eine leicht transportierbare (geht auch im Zug) Installation, einsetzbar im Innenbereich wie hier in Osnabrück, aber auch bei Straßen-Aktionen in der City. Sie dient zur Information, als Impuls für Menschen zum Mitmachen, als Blickfang, als Aufhänger für Medienbilder und hat insofern auch einen gewissen ästhetischen Eigenwert. Sie ist in 20 Minuten aufbaubar und billig. Also eine in allen Belangen grundsolide und professionelle Veranstaltung. Ich habe sie in den letzten Jahren in ganz Niedersachsen eingesetzt und sie hat mir in sozialpolitischen Kreisen einen gewissen Ruf verschafft, sicherlich nachhaltiger, als es 48 Seiten lange Konzepte zur Armutsbekämpfung eingebracht hätten. Ein Freund und Kollege hat das mal so zusammengefasst: „Auf Deinem Grabstein steht dereinst „Die Mauer war sein Hossa“.“ In Anlehnung an den Schlagersänger Rex Gildo, von dem die Leute immer nur „Fiesta Mexicana“ mit dem „Hossa“ hören wollten
Rex Gildo hat Selbstmord begangen. Soweit bin ich nicht, auch wenn mich die Mauer zwischendurch depressiv gemacht hat. Ich würde nicht nur nicht sagen, dass das meine stärkste Arbeit ist, ich würde vielmehr fragen:
Ist das überhaupt Kunst oder kann das weg?
Und wenn ich daran denke, dass ich mit dieser Mauer vermutlich wesentlich mehr Geld verdient habe, als mit all meinen Kabarettauftritten zusammen, höre ich wie Thanatos in mir ruft: „Rex, ich komme!“ (Hab ich da im Publikum eben gehört: „Was für ein grauenhafter Kabarettist musst Du gewesen sein!“?)
Was soll ich sagen, ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Und es gibt im künstlerischen Bereich zwei eherne Grundsätze:
1. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Das Volk wollte Hossa, das Volk wollte die Mauer.
2. „Kill your Darling.“ Es geht nicht darum, was ich liebe. Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie den Kriterien von Produktion, Distribution und Konsumtion standhält. Das heißt, Kunst ohne das Ziel „Publikum“ ist bestenfalls Ersatz für eine Therapie oder Vorwand, sich mit ähnlich strukturierten Künstler-Kumpelz in muffigen Ateliers die Kante zu geben und dann über den fehlenden Durchbruch zu jammern.
Aber die Rettung nahte. Auf einer Sitzung im letzten Jahr, bei der es um sozialpolitische Maßnahmen 2018 ging, fing jemand zögerlich-behutsam einen Satz wie folgt an:
„Also die Mauer kennen ja jetzt schon einige Niedersachsen …“
Ich brach in Tränen der Dankbarkeit aus, fiel ihm um den Hals, küsste und salbte ihn und schrieb als Protokollführer ins Protokoll:
„Es besteht der einstimmige Wunsch der Versammlung: Die Mauer muss weg.“
Nie wieder Krieg! Nie wieder Mauer!!
Aber ein bisschen sentimental bin ich schon. Und so habe ich ein kleines Modell aus Streichholzschachteln gebastelt, das steht in meinem Arbeitszimmer und lacht mich mitunter augenzwinkernd an, als wollte es sagen:
„Wir hatten aber auch teilweise tolle Zeiten miteinander. Weißt Du noch, damals in ….?“

Die Mauer zwischen Arm und Reich – Vorderseite Arm

Die Mauer zwischen Arm und Reich – Rückseite Reich
13.01.2018 – SCHUPPEN 68 schlägt Kompromiss im Streit um zusätzlichen Feiertag in Niedersachsen vor: 1. April!

Wochenblatt, 1. April 2009.
Mitunter bin ich von den Zumutungen des Alltags mental matt, müde, missgelaunt, misanthropisch, medioker, motivationsarm, manchmal migränig, meist metaphernreduziert. Dann sitze ich am Schreitisch und schreibe so einen Unsinn vor mich hin. Sarah Wagenknecht will eine linke Volkspartei gründen, das ist so eine Zumutung. Mich erinnert das an den Spruch: Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man ‚nen Arbeitskreis.
Linke Volkspartei mit Teilen einer SPD vielleicht, die gerade aus Angst vor dem Selbstmord in den aktuellen Sondierungsgesprächen ihr Todesurteil unterschrieben hat? Und mit Teilen der Grünen, die als allererstes in den Jamaica-Verhandlungen die Vermögenssteuer klein beigegeben hatten? Es fehlt zur Gründung einer linken Volkspartei zweierlei: 1. Linkes Personal und 2. Linkes Volk.
Also wenn Sarah Wagenknecht eine linke Volkspartei gründet, dann gründe ich eine linke Kaderpartei, in Anlehnung an die KPD nenne ich sie KDG, Kommunistisch-Demokratische-Genossinnenelite. Wobei rein zufällig KDG auch mein Namenskürzel ist.
Wenn man ganz schnell hintereinander „Blödsinn“ sagt, kommt am Ende „Lötzinn“ raus. Bei mir kommen dann mitunter Pressemitteilungen raus, mit der ich die Welt in Erstaunen und Entzücken versetze. Die aus obig geschilderten Zumutungen des Alltags entstandene fängt so an:
„Angesichts der sich zusehends verhärtenden Fronten im Streit um den zusätzlichen Feiertag in Niedersachsen schlägt das Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 einen für alle Seiten akzeptablen Kompromiss vor: Zusätzlicher Feiertag in Niedersachsen soll der 1. April werden. Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer des Künstler-Netzwerks SCHUPPEN 68 betont …. „
Und was KDG betonte, können Sie hier in der PM nachlesen PM SCHUPPEN 68 -Kompromiss zusätzlicher Feiertag in Niedersachsen 1. April.
Und wenn Sie selber mal eine PM verfassen müssen, liebe Leserinnen, denken Sie dran: Im ersten Satz muss Ihr komplettes Anliegen erfasst werden. Sonst landet Ihre PM sofort im Papierkorb. Wenn Sie Ihre PMs so ähnlich beginnen wie ich diesen Blogeintrag, werden Sie nie Karriere machen.
Wobei sich die Frage stellt, ob das erstrebenswert ist. Wenn Sie Karriere machen, stellt sich spätestens beim Erreichen derselben die zentrale, alles überwölbende Frage anthropoider Existenz schlechthin, zutreffend für alle menschlichen Lebensbereiche von Arbeit über Kunst, Liebe, Freizeit bis hin zu Gesundheit:
Und nu?
11.01.2018 – Ein schmales Brett: Der Pfad der Visionäre

Berlin, Mehring Platz. Der Mehring Platz ist ein sozialer Brennpunkt. Ich finde ihn städtebaulich faszinierend auf Grund seiner Historie, die sich in der kreisrunden Struktur widerspiegelt. Natürlich ist er nicht „schön“, aber wenn ich mich an Schönheit im Sine von Harmonie, Wohlklang, Rausch für die Sinne beglücken will, höre ich Mozart. Dafür muss ich nicht am Mehring abhängen. Das Bild ist ein Schnappschuss während eines Karnevals der Kulturen, dessen zentraler Festplatz sich direkt an den Mehringplatz anschließt. Wer wissen will, was sich in ein paar Jahren flächendeckend im alternativen Mainstream seines Kiezes durchsetzen wird, sollte über den Festplatz flanieren. Das Labor für die Zukunft befindet sich hier. Es gibt dort seit Jahren eine eigene Meile für vegane Streetfood in allen Varianten, sicherlich auch mittlerweile geröstete Heuschrecken und so Zeug. Mich treibt’s da nicht mehr hin. Viel zu voll, die Sinne werden regelrecht betäubt.
Ich hab überlegt, ob ich das Bild oben veröffentlichen soll. Da hört man doch schon den völkischen Mob toben:
„Genau, so sehen sie aus, die linksgrün versifften Visionen. Das ist Doitschlands Zukunft, der Schleier und die Islamisierung.“
Ich seh mich schon als Nominierten in der Sparte Fotografie für den Kulturpreis 2018 der AfD.
Aber eine Selbstzensur findet nicht statt. Das Bild ist ein schöner Schnappschuss. Und steht, wenn man seine ästhetische Kategorie zu einem politischen Ende denkt, natürlich für ein aktuelles linkes Dilemma: Wie positioniere ich mich zu Zuwanderung, zu Islam, zu Integration, zu migrantischem Antisemitismus? Ich werde das hier nicht durchdeklinieren, das kann man in linken Blogs und Medien nachlesen. Manchmal geht es auch nur darum, Position zu beziehen, durchaus auch mal begründungsreduziert. Also: Antisemitismus geht gar nicht, egal aus welcher Ecke. Da wird auch nicht die alte rotgrüne Sozialarbeiter-Verständnis Masche der Betreuungskultur gestrickt. Da hat der Repressionsapparat des bürgerlichen Staates zu greifen und da, wo es rechtlich zulässig ist, werden migrantische Antisemiten im Sinne des Strafrechts ausgewiesen.
Ich bin ja glühender Quoten-Verfechter, was in dem Fall hieße: Für jeden migrantischen Antisemiten wird ein völkisch-rassistischer Eingeborener mit ausgewiesen, in ein Land nach meiner Wahl.
Aber das Foto ist schön, es wird auch von einer melancholischen Nachfeier-Stimmung durchweht, Now the party is over, I’m so tired
09.01.2018 – Sex auf dem Mischpult

Blogautor bei der Arbeit. Interview zum Thema Altersarmut, NDR, Hallo Niedersachsen, 07.01.2018.
Öffentlichkeitsarbeit gehört zu meinem Job, besonders in Zeiten aktueller Armutsentwicklungen. Ich halte es für sinnvoller, eine möglichst breite Öffentlichkeit für das Thema „Armut“ zu sensibilisieren als ellenlange Konzepte, Broschüren, Papiere vollzuschreiben, die eh keiner liest, wenn sie länger als zwei Seiten sind und keine Comics enthalten. Ich werde unter anderem dafür bezahlt, meine Nase in die Öffentlichkeit zu halten, seien es Marktplätze, Mikros oder Kameras. Das gelingt nicht immer perfekt, ist mitunter stressig, hat aber manchmal auch unterhaltsame Seiten.
Im besagten NDR Beitrag behauptet der Moderator im ersten Satz, dass in Niedersachsen 50.000 Menschen von Altersarmut betroffen sind. Bei diesem ersten Satz stand ich sofort unter Strom. Die Zahl ist falsch. Es sind annährend 250.000. Aber wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen was behauptet, denkst Du ja im ersten Moment: Wird schon stimmen. Ich bin schließlich kein Fake News Kasper. Im zweiten Moment fing ich an zu zweifeln, versicherte mich meiner eigenen Zahlen im Hinterkopf, rechnete sie noch mal nach und suchte krampfhaft nach einem Moment, wo ich sie locker einflechten könnte. Und nebenbei musste ich noch die bescheuerten Fragen des Moderators beantworten, ob Menschen nicht selber schuld an Altersarmut seien, weil sie in jungen Jahren in Saus und Braus und wilder Ehe gelebt hätten. Soweit sind wir also wieder, dass vorehelicher Coitus Schuld ist an allem Elend dieser Welt. Normalerweise habe ich für solche Hanswurstiaden immer eine Sahnetorte im Gepäck, aber platzieren Sie die mal richtig, wenn Sie gerade eine Differentialgleichung vierter Ordnung im Kopf ausrechnen. Mir brach der Schweiß aus, während ich rechnete, antwortete und nebenbei mir selber mantramässig predigte: Locka bleiben, Alder, immer locka. In dem Moment, wo ich die richtige Zahl locka einflechten wollte, endete der Moderator mit: Vielen Dank für das Gespräch…..
Das Radiointerview vorher war entspannender. Per Telefon. Wenn es losgeht, wird man über das Mischpult auf Sendung geschaltet. Die Moderatoren sagen dann immer: „Ich leg Sie jetzt auf das Pult.“ Medienschnack halt. In dem Fall war es eine Moderatorin mit einer unfassbar erotisch-lasziven Stimme. Als sie zu mir sagte: „Ich lege Sie jetzt auf das Pult“ ……
Keine Ahnung, wie ich das Ende des Interviews erreichte. Solche Phantasien lässt der Herrgott/die Fraugott/das Fagott nicht ungestraft. Als ich in die Küche kam, war der Abfluss verstopft. Ich war den Rest des Tages mit Pümpeln beschäftigt.

Auf und nieder. Hinterher tat mir mein rechter Arm weh.
Und wissen Sie, was am Ende des Tages für einen persönlich bleibt, jenseits der Frage nach der politischen Wirkmächtigkeit des eigenen Handelns? Die Frage, wer die beschissenen Falten in meinen Hals da oben montiert hat, per Photoshop. Das ist nicht mein Hals!!
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, eine Halsfaltenfreie Zukunft.
06.01.2018 – Der Staat

Bankenkrise. Überschwemmung der Ihme in Hannover.
Vielen erscheint der Staat als Leviathan, ein alles beherrschender bedrohlicher Moloch. Das eint Neoliberale und Kommunisten, der Wunsch nach einem allmählichen Absterben des Staates.
Ein zentrales Werk sozialistischer Theorie ist die Untersuchung von Friedrich Engels aus dem Jahr 1884 „Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“. Um Zivilisation zur Entfaltung zu bringen, war die Entstehung der monogamen Kleinfamilie, von Privateigentum in den Händen von Wenigen und ein Staat mit seinem Gewaltmonopol notwendig. Ein oft blutiger Entwicklungs-Prozess im Laufe von Jahrtausenden. Um diesen Prozess zu überwinden, um den Menschen letzten Endes frei zu machen, von der Herrschaft des Menschen über den Menschen zu befreien, ist nach marxistischer Vorstellung ein langsames Absterben des Staates notwendig.
Die Neoliberalen wollen immer weniger Staat, weil sie sich in räuberischer Absicht alles unter den Nagel reißen, was von der Gemeinschaft geschaffen wurde. Beispiele gibt’s zigfach: Privatisierung von Wohnungsbaugesellschaften zum Beispiel, die oft für sozialen Wohnungsbau sorgten. In den Achtzigern hatten wir noch 3,5 Mio. Sozialwohnungen in der kleineren BRD, heute, mit der annektierten Ostzone, haben wir noch 1,4 Mio.
Ich mag den Staat. Er gibt uns Brot, ÖPNV, StGB, die AApoO und Schilder. Ohne Schilder keine Zivilisation. Alle Veranstaltungen und Aktionen des SCHUPPEN 68 fanden unter dem Diktum statt: Es ist ausgeschildert! Schilder geben unserem Leben Ziel, Sinn und Struktur.
Schilder gibt uns der nährende Staat. Wie das hier:

Schild, auf dem steht: Hochwasser.
Wenn dieses Schild nicht wäre, kämen Wanderer vorbei und würden sich fragen:
„Potz Donner! Was ist denn hier los? Ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein Tsunami? Ich weiß gar nicht, was hier los ist. Es steht ja auch kein Schild da, auf dem mir erklärt wird, was hier los ist. Gibt es denn keinen Staat hier an der Ihme?!“
Ahnungsloses junges Volk würde mit dem Smartphone vor dem Gesicht ins Wasser flanieren und ertrinken und hinterher zu Recht sagen:
„Ich wusste doch nicht, dass das Hochwasser war. Der Staat hatte kein Schild aufgestellt, wo darauf hingewiesen wurde, dass hier Hochwasser ist.“
Wer solche Zustände will, der will die FDP an der Macht.
Ich will das nicht. Ich mag den Staat.
Einen schwachen Staat können sich nur Starke leisten, die Schwachen gehen darin unter.
Trotzdem: Eines meiner Lieblings-Graffitis ist nach wie vor „Macht aus dem Staat Gurkensalat“. Stand früher an den unwirtlichen Mauern des oben abgebildeten Ihme-Zentrums.
Und um das noch zu erklären:
AApoO heißt „Approbationsordnung für Apotheker“.
04.01.2018 – Es brennt

Werbe-Plakat von Änne Koken, 1912. Aus der Ausstellung „revonnaH. Kunst der Avantgarde in Hannover 1912–1933“, Sprengel Museum Hannover, bis 07.01.18.
Eine sehenswerte Ausstellung, die die Entstehung, Entwicklung und die unterschiedlichen Strömungen von Avantgarde Kunst in Hannover bis zum Begin des Faschismus anschaulich macht. Ich tapste also bildungsbürgerlich durchaus ergriffen an einem Freitag durch die Ausstellung. Freitags ist im Sprengel der Eintritt frei und bei zweimal Sprengel Freitag im Monat habe ich einen 10 Jahre alten weißen Port wieder raus. Soviel zur angewandten ökonomischen Dialektik von Genuss & Ästhetik. Zum Ende der Ausstellung verspürte ich ein leichtes Unbehagen, amorph grummelnd in der präverbalen Ebene meines Hirnes. Beim letzten Bild, versteckt irgendwo im Keller, dieser verkackte Bau ist sowas von unübersichtlich und beschissen ausgeschildert, wurde mir blitzartig klar, was mein Unbehagen war.

Aleksander Rodtschenko. Bücher für alle Wissensgebiete. Werbeplakat für den russischen Lengis Staats-Verlag, 1925.
Rodtschenko war ein führender Vertreter der russischen Avantgarde. Die russische Avantgarde führte bis Ende 1920 auf allen Gebieten der Kunst revolutionäre Produktionstechniken, Theorien und Praxiselemente einer Aufklärung und Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten ein. Die beteiligten Künstler*innen waren überzeugte Anhänger*innen der Utopie des Sozialismus und arbeiteten mit ihren Mitteln auf allen gesellschaftlichen Ebenen an deren Umsetzung. Wofür nicht wenige unter dem späteren stalinistischen Terror mit dem Leben bezahlten. Ohne die russische Avantgarde ist die moderne westliche Kunst nicht denkbar. In meinen Augen ist sie die bedeutendste Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts.
Rodtschenkos Plakat hat all das, was den anderen Exponaten der Ausstellung fehlt: Expressiver Furor, man merkt das Feuer einer Idee, das Plakat – durchaus pathetisch aus heutiger Sicht – ergreift Partei. Es brennt. Bildlich gesehen. Der Rest der Ausstellung verdeutlicht das grundsätzliche Elend von Avantgarde: Formal gesehen der Zeit voran, aber da fehlt oft – außer dem Gedanken der Dekonstruktion und Neuerung- eine Leitidee. Das schwankt wie Schilf im Winde, lässt sich vereinnahmen, instrumentalisieren auch für Reaktionäres. Beispiel: der italienische Futurismus, oft kriegsverherrlichend an der Seite von Mussolini.
Der spätere Weg von Künstler*innen der Ausstellung während der Nazizeit verdeutlich das: Innere oder äußere Emigration, Pakt mit den Nazis oder ermordet in Auschwitz.
Aber machen Sie sich ein eigenes Bild, liebe Leserinnen. Wie gesagt: Morgen ist der Besuch für lau. Und für einmal im Monat lau gibt es schon einen ordentlichen Sauvignon.
Die Kunst ist umsunst. Aber nicht vergebens.
03.01.2018 – Anlage-Geheimtipp!

Meine letzte Aktion. Auf dem Weihnachtsmarkt. Wird mal wieder Zeit für action … Warum sind solche Aktionen notwendig?
Bitcoin und die dahinterstehende Technologie Blockchain als Teil eines digitalisierten Finanztransaktionsmarktes waren Ende 2017 ein Megathema. Das Blut unseres Wirtschaftskreislaufes ist Geld und dessen Adern sind die Transaktionskanäle von Geld. Ohne dieses Blut und diese Adern bricht der Kreislauf zusammen. Also sollten die Überwacher dieses Kreislaufes, die „Ärzte“, um diese platte Symbolik endgültig zu Tode zu reiten, über ein Mindestmaß an Kompetenz verfügen. Was das für Ihren Gefühlshaushalt bedeuten sollte, will ich will Ihnen an zwei Beispielen der analogen Welt verdeutlichen. Nehmen wir an, Sie lassen ein Haus bauen. Da sagt der Architekt, Chef der ganzen Baukolonnen, zu Ihnen:
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
Was machen Sie natürlich? Sie rasten aus.
Nehmen wir an, Sie besichtigen die Fabrik, aus der Sie Ihr gerade gekauftes Auto abholen. Da sagt der Fabrikleiter zu Ihnen:
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
Was machen Sie natürlich? Sie rasten aus.
Der Spiegel zitierte neulich den Chef der Bafin, der obersten Finanzaufsichtsbehörde in Sachen Bitcoin und Blockchain mit den Worten
„Wir sind alle dabei, dieses Gebiet erst zu verstehen und Know-how aufzubauen.“
….
So geht das übrigens mit vielen Produkten, die die derzeitigen Finanztransaktionen des globalen Marktes mitprägen. Es gibt zum Beispiel mindestens 20 verschiedene Arten von Swaps . Sie, liebe Leserinnen, wissen noch nicht mal, dass es sowas überhaupt gibt. Die Bafin weiß das. Aber glaubt jemand im Ernst, in dieser Behörde kann irgendwer ein angemessenes Risikomanagement für jede Art von Swap installieren? Selbst wenn: am nächsten Tag wären zwei neue Swap-Arten auf dem Markt. Auf einem Markt, bei dem die kurzfristigen Devisenströme von 4 Billionen US-Dollar den realen Waren- und Dienstleistungshandel um das 50fache übersteigen.
4 Billionen pro Tag übrigens, nicht pro Jahr.
Als alter Zyniker und Zocker rief ich also meinen Anlageberater an. Ob er einen Blockchain ETF anbieten könnte. Den Gewinn beim Goldrausch damals machten schließlich nicht die Goldgräber, sondern die, die Hacken, Schaufeln und Fuhrwerke verkauften, die Technologie eben.
Und was sagt mein ehrenwerter öffentlich-rechtlicher Berater, ein sehr netter und humorvoller Mensch, der mein vollstes Vertrauen besitzt:
„Unsere normalen Kunden halten Blockchain eher für Schokolade oder sowas.“
Das einzige, was mich am Transaktionswahnsinn wundert, ist dass er überhaupt noch funktioniert. Ich werde gleich mal recherchieren ob man eine Wette mit dreifachem Hebel auf den baldigen Zusammenbruch des Finanzsystems abschließen kann. Ich würde Ihnen, liebe Leserinnen, das dann als exclusiven Anlage-Geheimtipp hier im Internet schenken, als Treue-Prämie fürs jahrelange Bloglesen.

Hier noch ein Bericht von der Aktion
02.01.2018 – Auf die Knie, Du alter Heide, und bekenne!

Chanukka Kerzen. Chanukka ist ein jüdischer Brauch im Dezember. Mir ist alles Religiöse eher fremd, ich hatte meine Überdosis als Messdiener in der katholischen Kirche, ich kann das Staffelgebet heute noch auf Latein im Schlaf: „…. Ad Deum, qui laetificat juventutem meam“. (Für Leute, die lediglich das kleine Latinum besitzen: „…. Zu Gott, der mich von Jugend auf erfreut“). Logischerweise folgte als Religions-Immunisierung eine militant antiklerikale Phase. Mittlerweile hat sich altersmilde Indolenz in Sachen Religion über mein Gemüt gebreitet. Marx hat zwar gesagt „Religion ist Opium des Volkes“, aber der alte Sack war nicht nur Antisemit, Arbeiterverächter und Chauvi, er hatte auch von Drogen keine Ahnung. Da halte ich es lieber mit seinem Zeitgenossen Baudelaire, der durch Dauerkiffen Kennerschaft erwarb für wundervolle Lyrik wie in „Das Gift“:
Das Opium weitet aus, was ohne Grenz‘ und Schranken,
Es dehnt die Unermesslichkeit,
Es höhlt der Wollust Rausch, vertieft das Meer der Zeit,
Und mit Genüssen, schwarzen, kranken
Macht es die Seele übervoll und weit.
Also jede nach ihrer Fasson und das kann in unserem Land Gottseidank (hahaha, ein Witz, richtig muss es heißen: Rechtsstaatseidank. Diese Formulierung wird sich aber dauerhaft eher nicht in unserem Sprachgebrauch etablieren) fast jede so leben und praktizieren wie sie will.
Bis auf Menschen jüdischen Glaubens. Sie sind einem wachsenden militanten Antisemitismus von rechts, von links, aus der Mitte unserer Gesellschaft und von Muslimen, gerade mit migrantischem Hintergrund, ausgesetzt. Machen Sie einfach mal den Test und gehen mit einer Davidsstern-Kette und einer Kippa bekleidet über die Sonnenallee in Neukölln. Ein lebensgefährliches Unterfangen.
Als ich die Klage von Charlotte Knobloch über den wachsenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft las, überkam mich Wut. Aber auch Hilflosigkeit. Wo, wie und vor allem durch wen soll sich bei „uns“ was zum Besseren wenden? Morgenröte am Horizont vulgo das Aufscheinen einer Utopie seh ich nicht. Aber ich hab’s gut, als Kulturproduzent bin ich gewohnt, Gefühle wie eben Wut und Hilflosigkeit durch inszenatorische Eingriffe in den eigenen Alltag umzuwidmen. Und so zündete ich ein paar Chanukka Kerzen an, ein schönes Bild, und der warme Kerzengeruch erinnerte mich an meine Zeit als Messbub. Eine Art fröhliche Melancholie umfing mich (Nein, ich wurde nicht gläubig! Dazu hätte sich mindestens die Wolkendecke teilen müssen und eine schwarze, lesbische, behinderte Göttin hätte mir entgegen schleudern müssen: „Auf die Knie, Du alter Heide, und bekenne!“)
Die Geschichte ist aber ein Beispiel dafür, wie weit private Gefühle mit der Kategorie des Politischen eine Wechselbeziehung eingehen. Das macht einen Teil des Erfolges der Rechten aus, dass sie dem privaten Gefühl wie Hass, Aggression, Wut, Neid, Niedertracht Raum im Politischen zu geben.
Zu trennen ist übrigens der Begriff des „Privaten“ vom „Intimen“. Das Intime öffnet den Raum zum Begehren und das hat weder in der Politik noch in diesem Blog was verloren. Dieser Blog heißt „Mein intimes Tagebuch“. Und genau das ist der Witz dabei.
01.01.2018 – Mein Vorsatz für 2018

People over profit. Anti-Gentrifizierungs-Plakat bei mir um die Ecke.
Die Welt ist schlecht und geht vor die Hunde. UN-Generalsekretär Guterres hat die Alarmstufe rot für die Erde ausgerufen und der Mann ist ja eigentlich dazu berufen, Hoffnung und Aufbruch zu verbreiten. Das hiesige Zentralorgan des doitschen Michel (Mein Kampfruf lautet: Nieder mit dem Michel. Es lebe der Michelin! Und damit meine ich natürlich nicht diese beschissene Reifenmarke), die HAZ, predigt peinlich permanent wie toll der Aufschwung ist und der Arbeitsmarkt und allen geht es gut und Deutschland und Angela Merkel etc. pp. Das Ganze ist so penetrant, dass es gen Himmel stinkt, selbst der dümmste Küchenpsychologe merkt: Da stimmt was nicht, da pfeift einer im Walde und dazu noch eine völlig falsche Melodie, bestehend aus Verdrängung, Dummheit und purer Ideologie, die natürlich stets das Lied dessen pfeifen lässt, des zunehmend karges Brot die Journaille nagt, nämlich das Lied des Verlegers.
Und warum soll ich eigentlich immer einer von den Guten sein, heldenhaft sich dauernd ins öffentliche Getümmel gegen Kapital, Ausbeutung, Nationalismus und so weiter und so fort, stürzend, was weiß Göttin nicht immer ohne Beulen abgeht?! Jede muss sehen wie sie mit dem Arsch an die Wand kommt, also habe ich für 2018 einen Vorsatz gefasst: Ich werde eine Sekte gründen. Untergangszeiten sind gut für sowas, es herrscht Angst im Lande, der Verbrauch an Psychopharmaka steigt enorm, die Leute gehen Rattenfängern auf dem Leim. Da ist noch Platz für mich. Ich habe ein bisschen Charisma, bin nicht völlig verblödet, besitze rhetorisches und organisatorisches Geschick, mit PR verdiene ich seit Jahren Geld, ich kenne ich noch Leute aus ehemaligen Politsekten, die sind erste Rekrutierungsmasse, die sind oft noch so schlicht wie früher im Schädel.
Inhalte sind egal, es muss etwas eschatologisches sein, ein Mix aus Armageddon-Drohung, Heilsversprechen (aber nur bei mir!!) und Tröstungen (nur von mir!!). Dazu die Ansage: „Wir nehmen keine Spenden an! Wer aber etwas zur Aufrechterhaltung unserer Arbeit beitragen möchte, kann etwas in den Topf am Ausgang des Saales tun.“
Ich werde im Geld schwimmen. Kohle, Piepen, Mäuse, zu mir! Ich brauche nur noch Namen für die Sekte, Logo, soziale Netzwerke und dann geht’s los!
Was soll ich sagen, ich bin alt, ich brauche das Geld. Glauben Sie vielleicht, ein Restaurant Besuch beim einzigen hiesigen Michelin Stern bezahlt sich aus der Portokasse?!
Allen Leserinnen ein erfolgreiches und spannendes 2018 und demnächst wird hier im Blog das Aufnahmeformular für meine Sekte veröffentlicht online gestellt. Bleiben Sie drin!