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29.12.2017 – Ich habe einen eigenen Zen-Garten

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Zen-Garten. Mit Portwein Probe.
Ich habe eine hohe Stressresistenz. Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich die bei 11 einordnen. Mir fällt spontan wenig ein, auf das ich mich im öffentlichen Raum, Job- oder Projektmässig nicht einlassen würde, abgesehen von sowas wie Skispringen oder Wingsuit-Fliegen. Auf der anderen Seite besitze ich einen bedauerlichen Mangel an Gelassenheit, der mich mitunter an die Ausraster des von mir hochgeschätzten Kollegen Duck erinnert. Ich kann mir das nicht erklären und werde darüber sicher noch offen und angstfrei in meiner Männergruppe reden, aber vorderhand gilt es, pragmatische Lösungen für den Alltag zu finden. Wo ist meine innere Mitte? Was tun? Kein Alkohol und keine Drogen ist auch keine Lösung.
Ein Geschenk brachte die Lösung. Ein Garten, basierend auf den Prinzipien des Zen-Buddhismus.
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Zen-Garten. Ohne Portwein Probe.
So sitze ich denn, wenn ich merke, dass mich wieder eine rote Welle voller Zorn des Gerechten (das Gute ist, ich hab immer recht) zu übermannen droht, vor meinem Zen-Garten, dekoriere die Steinchen um und ziehe mit dem Rechen eine Furche nach der anderen. Dazu nippe ich das eine oder andere Mal am Portwein und nach zwei, drei Stunden überkommt mich eine dösige innere Stille, ich bin mit mir, der Welt, dem Zech-Buddhismus und dem Portwein im Reinen.
Portwein ist ja grundsätzlich das Grandioseste, was man aus Trauben machen kann. Und man kann sehr viele sehr schöne Dinge aus Trauben herstellen. Der Abgang eines Weines wird in Caudalie gemessen, bei 50 Caudalie fangen Spitzenweine an. Große Rotweine zum Beispiel haben einen extrem langen Nachhall. Das ist aber nichts gegen Portwein. Portweinen kann man hinterhersinnieren wie einem famosen Gedanken oder einer berückenden Erinnerung. Das Schöne ist, man trinkt davon nur wenig, kein Dandy von Verstand käme auf die Idee, sich mit Portwein dem Rausch hinzugeben. Und man muss nicht nach unbezahlbaren Sternen greifen wollen, den sogenannten Vintage Ports. Meine alte Weinwirtin, Bacchus hab‘ sie selig, sagte immer: „Den Unterschied trinkste nich wech.“
Ein Nieeport im einstelligen Bereich tut’s allemal.
Mein Paradies schien also nahe.
Ohne Titel-1
Bis ich die Beschreibung des Zen-Gartens las. „Ziehen Sie Ihr Furchen, ganz nach Ihrer eigenen Lust?“ Bei soviel grenzdebiler Unprofessionalität der Verfasser dieses Machwerks, das eigene Unterbewusstsein bei der Arbeit mal fünf Minuten beiseite sein zu lassen, überkam mich der tobende Zorn des Gerechten, ich zerbrach den Rechen, trat den Sand in den Staub und schleuderte die Steine in den Garten.
Und jetzt sitz ich da mit meinen Port Pullen. Was nun?
Guten Rutsch und Prost, liebe Leserinnen.

25.12.2017 – Frieden mit Weihnachten

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Ich schwanke, wo ich Weihnachten abhänge, im autonomen Jugendzentrum oder in der Seniorenrenitenz. Eins meiner Lieblingsschilder. Ich habe meinen Frieden mit Weihnachten gemacht.
Auch ich war früher militant und radikal
gegen Weihnachten, Fammilje, Kapital!
Alle Macht den Räten,
Brecht dem Weihnachtsmann die Gräten!
Mittlerweile haben wir eine Räterepublik, zwar nur eine Studienräterepublik, aber irgendwo muss man ja anfangen. Und was Weihnachten angeht, da bin ich orthodoxer Marxist und denke strikt in ökonomischen Kategorien, wenn ich auch sonst eher zu Antonio Gramsci tendiere, der den lebensweltlichen und alltagskulturellen Aspekt im Klassenkampf stärker betont.
Also rein ökonomisch habe ich heuer zu Weihnachten 930 Euro gespart. Jeder Deutsche gibt statistisch gesehen 465 Euro zu Weihnachten aus. Ich gebe 0 Euro aus. Also habe ich schon mal 465 Euro auf der Habenseite. 465 Euro Haben oder Nicht-Haben, das macht 930 Euro. Rein ökonomisch gesehen habe ich meinen Frieden mit Weihnachten gemacht. Was den Familienaspekt angeht: Ich liebe jedes Mitglied meiner Restfamilie, aufrichtig und innig. Wir machen zusammen Urlaub, Berlin unsicher, etc. pp. Und kein Mitglied wohnt näher als 300 km an meiner Homebase. Frieden auf Erden. Und Ruhe zu Weihnachten.
Ansonsten ist Weihnachten das Fest der Hiebe, was besonders Frauen ausbaden dürfen. Anders als es der Spiegel weissmachen will, der behauptet Weihnachten sei besser als sein Ruf. Die Geschichte hat ein Mann geschrieben.
Also liebe Leserinnen, trauen Sie Männern nicht über den Weg (mir können Sie schon trauen, ich bin anders als die anderen Männer). Ich wünsche Ihnen ein friedliches Weihnachten und werde mich demnächst einer umfangreichen Portweinprobe widmen. Irgendwo musste ich ja mit meinen 930 Euro hin.

24.12.2017 – Wie ein Spiegelsaal im Schloss und ein Klavierkonzert mit großem Orchester.

das letzte analoge foto
Mein letztes analoges Foto, März 2003, Nizza, Skulptur im Park des MAMAC (Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain). Danach habe ich nur noch digital fotografiert. Der Wechsel von analoger auf digitale Arbeit ist für jeden Arbeitsbereich von epochaler Bedeutung, für Kulturproduzenten umso mehr, als es die Art der eigenen Erzählweise nachhaltig verändert. Es geht nicht nur darum, (im Sine Walter Benjamins) auf der Höhe der zeitgenössischen Produktionsmittel zu bleiben, weil man sonst nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich abgehängt wird. Es geht auch um die Verbesserung der Qualität der eigenen Arbeit und eben um andere Erzählweisen. Digital ist schneller, vielfältiger, kommunikationsfähiger, aber auch beliebiger, flüchtiger, unkonzentrierter. Schreiben Sie Ihren nächsten Text mal mit der Hand, dann verstehen Sie, was ich meine. Wer sich diese Produktionsweise zurückkoppelt, ändert seine Sichtweise auf die sich eh dauernd ändernde Welt. Man schreibt zum Beispiel im Strom der anschwellenden Bilder filmischer.
Wehmütig wird mir aber schon beim Betrachten der Scans meiner alten Papierbilder. Diese Riesenapparate damals und was die für Geräusche machten. Und dieser Akt des Filmeinfädelns. Und was für eine verwunschene, verschwundene, grobkörnige Welt das anscheinend damals war. Und dieses Warten auf die Bilder! 18 x 13 cm Format im Sonderangebot 18 Pfennig, sonst 36. Da lohnte sich schon das Warten bei drei 36er Filmen. Fuji oder Kodak? Das war hier die Frage ….
Ganz zu schweigen von den abgebildeten Personen oder Gegenständen. Viele davon tot, verschwunden, abgerissen.
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Wie diese Fußgängerbrücke am hiesigen Ihme-Zentrum. Früher als hässliches Monstrum geschmäht, erscheint sie mir heute, wenige Jahre nach ihrem Abriss, als kühn, dynamisch, optimistisch, mit einem Hauch Humor gar. Für mich ein zeitgenössischer Klassiker. Verschwunden. Fragen Sie in weiteren 10,15 Jahren mal die Eingeborenen hier danach. Kann sich keine Sau mehr dran erinnern. So wird unsere Identität fragmentiert.
Die Frage ist halt immer, was sollen wir erhalten und wo brauchen wir Modernisierungsschübe, die die Individuen nicht überfordern.
Und wo bleibt das Positive? Hier: Beschreibung meines Weihnachtsweines Merler Königslay Terrassen:„Wunderbarer reifer Riesling-Duft, kräftig nach weißen Pfirsichen sowie wie wenn die Obstblüte in der Luft liegt; hocheleganter, ausgereifter Körper mit Finesse und Länge und einem eleganten, geradezu aristokratischen Finish – wie ein Spiegelsaal im Schloss.“
Oder auch in der edelsüßen Variante:
„Edle Riesling-Nase mit Noten von Pfirsichen, Biskuit, Zitronat unterlegt von viel Frische, üppig vollmundiger Körper mit heller Frucht und betörender Süße; wunderbar fruchtig-reife Rieslingnoten im Finish, deren edle Reife immer weiter zunehmen wird – ein Wein wie ein Klavierkonzert mit großem Orchester.“
Spiegelsaal im Schloss bei Klavierkonzert mit großem Orchester, und das in meiner Butze. Dass Weinachten auf meine alten Tage noch mal so ergreifend werden könnte, schnüff.
Prost, liebe Leserinnen.

23.12.2017 – Einübung in den Kapitalismus

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Kaspertheater auf Weihnachtsmarkt.
Der Kapitalismus ist die letzte Stufe vor der Barbarei (siehe Weimarer Republik und folgender Faschismus), er ist aber auch die letzte Brandmauer vor der Barbarei. Wenn das Kapital seine Geschäfte gestört sieht durch braunen Mob auf den Straßen oder gar in den Betrieben, schlechtes Image im Ausland, gestörten Arbeitskräfte Zuzug, wird es sicher energischer gegensteuern als Parteien oder etwa die Zivilgesellschaft, deren äußerstes Mittel einer Militanz der Gegenwehr die Lichterkette ist. Wenn ich mir gar Gewerkschaften oder Verbände als organisierte Struktur der Zivilgesellschaft anschaue, möchte ich den ganzen Tag Antidepressiva einwerfen vor Hoffnungslosigkeit. Oder Marihuana inhalieren. Was von denen maximal kommen würde: eine online Petition, zwei gemeinsame Apelle, drei Kongresse. Ach ja, eine Lichterkette. Die hatte ich ganz vergessen. Das Schlimme an dieser Analyse ist: Ich weiß, wovon ich rede. Seien wir also dankbar, dass es den Kapitalismus gibt. Nichtsdestotrotz sehe ich dessen Konsequenzen, Struktur und Funktionsweise natürlich 24 Stunden am Tag kritisch und wenn das nicht reicht, nehme ich die Nacht dazu. Und immer mit geballter Faust in der Tasche, voller Zorn des Gerechten.
Wie gestern auf dem Weihnachtsmarkt. Kaspertheater. Da werden die Kleinsten schon mit ideologischem Müll in den Kapitalismus eingeübt. Beim Kaspertheater gibt es den Kasper, der ist das Gute. Es gibt den Räuber, der ist das Böse. Es gibt den Polizisten, der ist die Obrigkeit, auch das Gute. Und es gibt Gretl, die ist die Vernunft (Kasper ist normalerweise dumm wie Dosenbrot). Und dann gibt es noch, unsichtbar, das Kapital, denn irgendwen muss der Räuber ja beklauen. Kasper stellt dann dem Räuber eine Falle, meist unter Mithilfe von Gretl, und übergibt ihn der Polizei. Dabei kommt der Knüppel (= Slapstick) des Kaspers zum Einsatz. Der, das nur am Rande, natürlich ein Phallussymbol ist, weil dieser geile Bock Gretl vögeln will. Was noch das Beste ist, was man von ihm sagen kann.
Kasper gestern also zum Kinder-Publikum: „Wollen wir den Räuber fangen und der Polizei übergeben?“ Ich: „Pfui, Du miese Petze.“ Eltern: „Pssssst.“ Ich: „Der Räuber ist gut, denn er stiehlt bei den Reichen und gibt den Armen.“ Eltern, empört: „Ruhe!“ Ich: „Der Kasper ist ein Büttel des Kapitals und ein Polizeispitzel!“ Alt 68er Apo Opa, mit Enkel: „Bravo!“ Ich, zum Kasper: „Geh lieber arbeiten, Du Faulpelz.“ Irritation beim Apo Opa. Ich: „Mann, Alter, der Kasper ist doch im marxschen Sinn Angehöriger des Lumpenproletariats. Mit dem kannst Du kein Klassenbewusstsein herstellen.“ Apo Opa: „Stimmt. Lass uns was kiffen, dann wird das noch lustig hier.“ Ich: „Gute Idee. Das ist doch das reinste Kaspertheater hier.“
Ich wünsche allen Leserinnen eine fröhliche Weihnacht.

21.12.2017 – In Puschen zur Pizza

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Früher: Blick aus meinem Fenster in den Achtzigern.
Bei mir nebenan ist ein Italiener, den ich manchmal frequentiere, wenn der Kühlschrank leer ist und ich keine Lust auf Styling und Maske wegen Essen gehen habe. Dann schlappe ich in Puschen dahin, zieh mir ne Pizza rein, trinke ein Glas Weißen, halte Schwätzchen mit Wirtsleuten oder eventuell ebenfalls dort abhängenden Nachbarn. In Puschen zur Pizza, das ist ein Bild, das geografische Nähe verdeutlicht. Zeitgemäß wäre eher die Aussage: Mein Italiener liegt so nahe, dass ich da noch in meinem WLAN bin. Technologische Veränderung prägt Bewusstsein und Sprache bis in den Alltag hinein. Beim Italiener selber ist die Zeit stehen geblieben. Chianti Flaschen im Korb und mit diesem gewundenen Hals stehen da noch. Die Dinger heißen, glaube ich, Fiasco und schmeckten auch so. Heute würde ich mit sowas noch nicht mal mein Klo desinfizieren, aber Früher …Dann spielt da immer dieselbe Cassette aus den Achtzigern, mit Toto und so Zeug. Ich kann mittlerweile die Gleichlaufschwankungen der Cassette mitsingen. Ich höre auch nur noch Cassetten Zuhause, aber aus Gründen der Avantgarde, Cassette kommt vor Schallplatte! Mein Italiener dagegen ist konsequenter Modernisierungsverweigerer, käme ich mit dem Ansinnen, er solle doch einen CD-Player installieren, würde er sicher einen Exorzismus veranstalten: Apage Satanas.
In dem Laden wird mir immer ganz romantisch ums Gemüt und ich denke an Früher.
Dann trinke ich einen Schluck vom Weißen und die ganze Romantik ist im Arsch. Heiliger Bimbam, was für ein Gesöff! Immer noch die gleiche Qualität wie in den Achtzigern. Ich kippe dann immer heimlich, damit niemand beleidigt ist, Aceto in den Wein. Dann geht er besser runter. Von wegen Früher war alles besser. Aber die Pizza ist toll und ich liebe meinen Italiener.
Und ist Heute denn alles besser?
Die dauernde Konfrontation mit Unwissenheit, Ressentiments und schlichtem reaktionären Dumpfbackentum macht urlaubsreif vom Morgen bis zum Abend. Zumal man weiß, dass Aufklärung, Argument und Ratio da gar nichts bewirken. Kleiner Exkurs: Wie wird Antisemitismus produziert? Der gemeine Doitsche weiß: Der Jude ist ein Kriegstreiber, Israel der permanente Aggressor „da unten“ und der Palästinenser und der Araber will doch nur Frieden und Freiheit. Woher weiß der Doitsche das? Aus dem hiesigen Fachblatt für Leute mit mittlerer Reife, der HAZ, zum Beispiel. Überschrift vom 19.12.2017:
„Israel fliegt Angriffe auf Gaza-Streifen“
Aha. Der Jude wieder, weiß unser gemeiner Doitscher. Und geht beruhigt seinen Alltagsgeschäften nach.
Der Text in der HAZ geht dann so weiter:
„Nach neuen Raketenangriffen militanter Palästinenser auf den Süden Israels haben israelische Kampfflugzeuge in der Nacht zum Montag Ziele im Gazastreifen beschossen.“
Ich erlaube mir, das, was die HAZ da macht, einen Schweinejournalismus zu nennen. Entweder ist es pure Dummheit, die Opfer der palästinensischen Aggression in der Überschrift zu Tätern zu machen, oder es ist ressentimentgeladene Niedertracht.
Und so geht das seit Jahren. Ich stelle mir gerade vor, von polnischem Staatsgebiet aus würde seit Jahren ein Hagel von Raketen auf die Häupter der gemeinen Doitschen regnen.
Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor….
Ich bin es zwar leid mit Antisemiten zu argumentieren. Aber es gibt eine Menge Sachen, die Heute auch noch toll sind. Mein Italiener zum Beispiel. Und das hier
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Heute: der gleiche Blick aus meinem Fenster. Jedenfalls im Sommer.

20.12.2017 – Skepsis, Pessimismus, Zynismus

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Das ist ein Teil der größten innerstädtischen Baustelle der BRD, das Ihme-Zentrum. Wenn ich aus meiner Haustür trete, blicke ich direkt drauf und bete, dass dieser monströs-marode Klotz nicht in dem Moment umfällt, wenn ich vorbei radle. Mich erinnert sein Anblick an unsere spätbürgerliche Gesellschaft: von außen und von weitem noch einigermaßen hui, aber je näher man kommt, desto pfui und ist man erst mal drin, Heiliger Bimbam! Was für ein Verfall! Das Ding ist unrettbar verloren, komplett marode, mittlerweile bemüht man sich noch nicht mal um einen Eimer Farbe, um den Verfall zu übertünchen. Die Ex-Eigentümer haben den Komplex der Reihe nach abgezockt, dann das Weite gesucht und seine Insassen ihrem Schicksal überlassen. Ab und zu wird ein riesiges Werbeplakat für irgendwelchen Müll an die schäbigste Außenseite gespannt.
Das Politisieren, zu dem ich früher eher nicht neigte, nimmt zu. Wichtige Gespräche bei Fachtagen, Kongressen etc. pp. finden ja meist in den Pausen, bei einer Tass Kaff und auf den Gängen statt. Früher habe ich das Fachlich-dienstliche dann in präziser Kürze verhandelt und mich ansonsten lieber um „Menschliches Allzumenschliches“ gekümmert. Mittlerweile bin ich beim Politisieren dabei, ein finsteres Zeichen.
Es gibt eine klare Tendenz bei den meisten Gesprächspartnerinnen – und es geht hier nicht um Angehörige der Linken, sondern um seriöse Leute, wie Leiter von interdisziplinären Forschungsinstituten und so Zeug – was die gesellschaftliche Entwicklung angeht: Skepsis, Pessimismus, Zynismus. Was sie in dieser ausgeprägten Form in ihren Veranstaltungs-Impulsen oder auf dem Podium in dieser Form kaum je formulieren. Tendenz: Der Neoliberalismus hat auf ganzer Front gesiegt, die letzte rotgrüne Regierung trägt massive Verantwortung dafür, der Rechtsruck in unserer Gesellschaft wird dem Muster anderer westlicher Demokratien und postdemokratisch verformter Osteuropa-Staaten folgen. Gerne auch: Solange in der SPD die Riege der Agenda 2010 Apologet*innen noch das Sagen, ist ihr Niedergang nicht aufzuhalten.
Da bin ich dann immer grundsätzlich anderer Meinung: Die SPD kann machen, was sie will – sie hat fertig. Da nützt auch der aktuelle Versuch von Siggi Pop nichts, die SPD rechts von der AfD zu positionieren. Da ist schon die FDP. Und an die wanzen sich die Grünen gerade ran, mit ihrem wirtschaftsliberalen Green New Deal. Dabei ist die AfD ist noch keine 100 Tage im Bundestag. Pantha rei, wie der Grieche sagt, alles fließt. Aber leider den Bach runter….
Aber toll finde ich, wie einzelne Akteure sich immer wieder auch auf der Mikro-Ebene bemühen, dem Marsch von der spätbürgerlichen in die postbürgerliche Gesellschaft, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.
Mit Unterstützung des hiesigen Kulturbüros und des Kulturdezernats finden zum Beispiel im Ihme-Zentrum immer wieder kleine Events statt, die versuchen, Leben in diesen postmortalen Kadaver zu hauchen, wie der alternative Weihnachtsmarkt am letzten Wochenende.
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Mit einer Lichtinstallation, die ich einfach schön fand. In diese unwirtliche Atmosphäre wurde für flüchtige Momente ein Hauch von Poesie gezaubert, ein Moment zum Innehalten und Staunen. Kunst.
Aber kaum ist man draußen, setzt der Verstand wieder ein. Oje.

19.12.2017 – Prima Idee für ein Noppenkondom.

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Der Abend, der Wein und das Niveau waren zur Neige gegangen.
Ich muss mir überlegen, was für Projekte ich 2018 überhaupt noch machen will. Das muss jetzt eingetütet werden, Konzept, Zeitplan, Finanzierung, Verantwortlichkeiten etc. pp. So was mach ich nicht alleine, sondern mit kompetenten Kumpels. Die diesbezüglichen Planungen finden in geselliger Atmosphäre statt, hochkonzentriert, konstruktiv und Alkoholbasiert. Gen Ende solcher Sitzungen mäandern die Themen. Angesichts des oben abgebildeten Überziehers für Weinflaschenverschlüsse sinnierte ich: „Das ist doch eine prima Idee für ein Noppenkondom.“ – Antwort: „Für Dich viel zu groß. Da verläufst Du Dich doch drin.“ Ich werde diese Projektsitzungen vermissen.
Am nächsten Morgen graute erst derselbe und dann mir. Beim Blick aus dem Fenster dachte ich zuerst, ich hätte Grauen Star, so trübe, verschwommen, konturlos grinste mich die winterliche Realität jenseits der Fensterscheibe an. Das konnte aber auch an meinem mangelnden Einsatz von Sidolin gelegen haben, das ja bekanntlich für saubere, gepflegte und streifenfreie Fenster sorgt.
Drauf geschissen. An meinem Arbeitszimmer fahren jeden Tag 22.000 Autos vorbei, die Gigatonnen von Feinstaub hinter sich her schleudern. Sobald ich den Wischlappen weggelegt habe und aus dem vermeintlich kristallklaren Fenster schaue, denke ich jedes Mal: „Oops, schon wieder eine Sonnenfinsternis.“ Und da soll ich den täglichen Sidolinisten machen? Ich wohne in einem Paradies, aus dem ich nur noch mit den Füßen voran ausziehen werde, Garten Südseite nach hinten, mit Teich, Olivenbäumen, Rosen sonder Zahl etc. pp. Aber das Dasein an dieser PKW-umtosten Strada di Bronchiale kostet mich locker 5 Jahre meines Lungenlebens, ich röchele jeden Morgen wie der Althippie, der am Tag drei Tüten durchzieht und einen Pack Schwarzer Krauser inhaliert, obwohl ich seit Jahren nur ab und an mal eine Genusszigarette rauche.
Und in Berlin hänge ich dann demnächst an der Yorckstr. ab, getreu dem Motto: Man kann sich ja immer noch steigern im Leben. No fun no risk.
Auf der Suche nach Friedhofsruhe am eingangs zitierten grauen Morgen sondierte ich den hiesigen Szene-Boulevard Limmerstr., wo Tag und Nacht Millionen partywütige Zugereiste den Anwohnern einen Lärmpegel produzieren, bei dem ich meinen häuslichen mit den 22.000 Autos vergleichsweise als Luftkurort empfinde. AC/DC würden zur Szene-Boulevard Situation sagen: Hell ain’t no bad place to be (und das mit 60.000 Watt).
Mir fiel dieses Plakat ins Auge (aua):
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Der Ablauf des Kapitalismus soll also nicht mehr durch menschliche Bedürfnisse ausgebremst werden?
Ach, liebe Genossinnen, das verkennt das Wesen des Kapitalismus leider vollständig. Der weckt und befriedigt nämlich auf das Perfideste sooo viele menschliche Bedürfnisse, dass wir mit dem Konsumieren kaum nachkommen. Deshalb ist er nämlich so erfolgreich.
Setzen, 5, liebe Genossinnen. Den Grundkurs Kapitalismus müsst Ihr leider wiederholen.
Und wenn jetzt noch eine kommt und anfängt zu diskutieren über die falschen und die wahren Bedürfnisse, gibt’s ne Kopfnuss dazu!

18.12.2017 – Friedenstaube, panisch das Weite suchend.

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Palästinenser Demo 16.12.17 in Hannover.
Ich bin kein guter Fotograf, allein schon mangels technischer Ausrüstung, die über eine kleine Kompaktkamera, die ich immer am Mann habe, nicht hinausgeht. Aber manchmal gelingen mir Bilder, über die ich mich jahrelang freue, wie das mit der Friedenstaube.
Die Geschichte geht so: Am Samstag wollte ich es mir endlich mal ohne Arbeit behaglich bequem machen mit einem Stück Torte und einem Schluck 10 Jahre alten weißen Port von Nieeport, es würden wohl auch zwei werden. Das verfickte Smartphone brummt in meiner Hose und teilt mir mit, dass heute noch eine Solidaritätsdemo für Israel stattfinden soll als Gegenveranstaltung zu den derzeit bundesweiten Palästinenserdemos.
Selten habe ich das Smartphone so gehasst wie in diesem Moment. Fluchend krabbelte ich auf mein Fahrrad.
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Und versammelte mich mit einer Handvoll Juden, SPD, Linken und Antifa in der City, hinter Israelfahnen, während einen Steinwurf (oje) entfernt Palästinenser ihre handelsüblichen Parolen krähten: Freiheit für Palästina, etc. pp.
Freiheit ist ne feine Sache, nur muss man wissen, dass Parolen auf derartigen Demos Codierungen sind, hinter denen die Forderung nach der Vernichtung Israels und der Auslöschung der jüdischen Bevölkerung steht (siehe auch al Quds Demos, gerne mit Neonazis und Leuten von der Linken, auf denen die Codierung explizit wird, Zitat: „Zionisten ins Gas, Israel vergasen, Sieg Heil“) Wahrscheinlich wird die faschistische Hamas von solchen Leuten demnächst für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Teil des Rechtsrucks in Deutschland ist wachsender Antisemitismus, es gibt keine jüdische Einrichtung, die nicht massiv unter Polizeischutz steht, das Bild der Polizisten mit Kugelwesten und MPs vor den gegen Sprengstoff-LKWs abgepollerten Synagogen in Berlin sagt mehr als 1.000 Blogeinträge. Juden haben immer mehr Angst in der Öffentlichkeit und ziehen vermehrt aus „Szenevierteln“ wie Kreuzberg und Neukölln weg, weil sie dort angesichts des arabischen, türkischen und hiesig-völkisch-nationalen (hab ich wen vergessen?) Antisemitismus ihres Lebens nicht mehr sicher sind in dieser ach so bunten MultiKulti Vielfalt.
Ich steh auf Neukölln und werde nächstes Jahr in eine WG in Kreuzberg ziehen, aber wenn die Zivilgesellschaft (oje), die Restlinke (heiliger Bimbam) und der eherne Rechtsstaat (die letzte Hoffnung) da nicht massiv intervenieren und das unterbinden, dann Gute Nacht. Dann, oh Herr, oh Frau, öffne die Pforten der Hölle, lass Pech und Schwefel regnen und tilge Kreuzkölln vom Angesicht der Erde! Aber bitte, oh Herr, oh Frau, denk dran, ich bin einer von den Guten! Und leite das in die Wege, wenn ich gerade auf Korfu bin.
Fazit: Tolles Foto, siehe oben. Schon wieder den Arsch abgefroren auf ner Demo. Dankbar über die Anwesenheit von Angehörigen des Repressionsapparates vulgo Polizisten (Die Bösen waren ca. 5x so viel). Und die Forderung nach Anwendung des Rechtsstaates bis hin zur Ausweisung von kriminellen migrantischen Antisemiten. Sie sind hier nicht willkommen.
Und von mir aus, man wird ja noch mal Utopien haben dürfen, die gesamte AfD Spitze auch raus und die Wähler hinterher. Alle ab nach Gaza, mit einer Bewährungsauflage: Wenn sie in Gaza erfolgreich eine Demo für das Existenzrecht Israels durchführen, dürfen sie wieder zurück. Göttin, kann ich gemein sein.
Allen Leserinnen eine entspannte Jahresendzeit. Und Frieden. Ich geh auf Klo. Smartphone runterspülen.

17.12.2017 – Die böse Politik

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Rose im Dezember.
Allenthalben Trübnis, Kälte, Vergänglichkeit, der Blick in den Garten gleicht dem auf eine Schwarzweiß-Fotografie. Aber irgendwie schafft es eine Rose immer wieder, dem natürlichen Kreislauf vom Werden und Vergehen ein Schnippchen zu schlagen. Hartnäckig insistiert sie auf ewiger Jugend, zarter Blüte, köstlichem Glücksversprechen und lacht mich an, wenn ich muffelig und unrasiert mit meinem Biomülleimer zur Tonne stapfe an einem dieser zahllosen Wintermorgen, die sich kaum entscheiden können, ob sie nicht lieber gleich wieder ins dunkelste Nachtkoma fallen wollen. Die Rose lacht mich an, als wolle sie sagen: „Ey, Digga, geht ab! Komm ma runter und mach Dich locka, Du bist ja echt krass mies drauf.“
Ich bölke meistens zurück: „Halt ja die Schnauze, sonst kommst Du in den Biomüll!“
Sie lacht, sie weiß, dass ich blöffe (sieht schöner aus als: bluffe). Wenn ich dann zurück am PC bin, kann ich nach so einer Szene einigermaßen aufgeheitert die Arbeit fortsetzen und finde sogar inneren Antrieb, diesen Blog hier fortzusetzen. Ich schreibe diesen Blog seit cirka 10 Jahren. Früher war er Kulturorientiert, satirisch, vieles erfunden, meist auf der Ebene eines Metablogs, der sich über die Blogschreiberei vieler Zeitgenossinnen, die vor Seelenpein die Tinte nicht halten konnten, lustig machte, oft wurden eigene Kunstprojekte in dem Blog gefeatured. Meine Erwerbsarbeit, meine Jobs spielten kaum eine Rolle.
Duktus und Ausrichtung des Blogs haben sich offensichtlich geändert, dem Lauf der Dinge folgend. Er ist politischer geworden, weniger fiktiv, glatt erfunden respektive gelogen ist kaum noch was, Teile meiner Erwerbsarbeit spielen da, wo sie politische Funktion haben, eine Rolle. Die böse Politik! Vertreibt die gute Laune?
Nee, soweit ist es dann doch noch nicht. Noch erhebt der dräuende Faschismus nicht sein Gorgonzolahaupt (ein Witz für Leute mit ausgeprägter humanistischer Bildung, für den Rest zum Einstieg dieser Link) hinter jeder Ecke.
Gesellschaft und Politik haben aber einen deutlichen Rechtsruck vollzogen.
Und man wacht in der Regel nicht eines Morgens auf, sagt sich: „Ooops, Gesellschaft und Politik haben einen deutlichen Rechtsruck vollzogen, wie verhalte ich mich denn jetzt?“ Den meisten Leuten ist das eh scheißegal, respektive begrüßen sie diese Entwicklung oder profitieren von ihr. Wahrnehmung und Verhalten sind Produkte eines langen Prozesses, der sich oft hinter dem eigenen Rücken respektive unter dem eigenen Bewusstsein abspielt. Zur Einschätzung solcher Prozesse, individueller Entwicklungen, ist das Führen von Blogs oder echten Tagebüchern (da empfehle ich die Papiervariante, das ist intimer, präziser, verpflichtender) ideal. Also befindet sich dieser Blog im Schnittpunkt von individueller und politischer Entwicklung. Wobei jeder Schreiberling sich jederzeit im Klaren sein muss, dass das Führen eines Blogs Konsequenzen haben kann.
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Daher hier ein unpolitisches Foto aus einem meiner früheren Leben, als ich noch stellvertretender Leiter der Stempelbeschaffungsabteilung einer Maschinenbaufirma war.
Ich besitze eine gigantische Stempelsammlung, wundervoll archaische Artefakte aus einer entschleunigten analogen Zeit, in der technische Zeichnungen noch mit der Hand gefertigt wurden! Außerdem ist das Teil meiner Altersvorsorge. Die Sammlung dürfte jetzt schon mehrere Milliarden wert sein.