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09.09.2017 – Rotrotgrün ist möglicher.

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Tiefrot – Originalausgaben auf der Documenta von Walter Benjamin, undogmatischer Linker, der die ästhetische Diskussion der klassischen Moderne wie kein Zweiter geprägt hat. Benjamin ist ein schöner Beweis dafür, wie sich Lebenswelt-Erfahrungen in der Tendenz des Werkes widerspiegeln. Er reiste in den Dreißigern schon nach Ibiza, verliebte sich in eine Künstlerin, und war ein großer Kiffer vor dem Herrn. Ein anderer großer Denker der Linken, Adorno, hingegen war vom Lebenswelt-Ansatz her eher großbürgerlicher Spießer. Konsequenterweise kam Adorno mit der Moderne nicht zu Recht, Popmusik der Nachkriegszeit (höre auch der unvergessene Walter Ulbricht und die „Monotonie des yeah, yeah, yeah“) war ihm ein Graus.
Adorno sah die Tatsache sehr kritisch, dass das Kunstwerk seine Aura, den Glanz der Einmaligkeit, verlor im Zeitalter von technischen Reproduzierbarkeiten. Er hing halt lieber in der Oper ab, mit der Aura der Einzigartigkeit einer Aufführung, statt Schallplatten zu hören. Benjamin, Hippie, Freak und Kosmopolit, sah im Verlust der Aura hingegen einen Gewinn an Demokratie. Die Kunst stand potentiell den Massen zur Verfügung, ein enormer emanzipatorischer Fortschritt (das ist jetzt sehr verkürzt! Wir sind hier in keinem Oberseminar). Benjamin wäre heute in den sozialen Netzwerken unterwegs, Adorno würde die „Zeit“ lesen und das Internet für Teufelswerk halten. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Mehr Medien mit offenen Kanälen für alle = mehr Fortschritt? Das hat sich als Irrtum erwiesen. Tendenziell wird der Dreck in den Köpfen eher nur vervielfältigt. Aber wir arbeiten dran. Am Dreck in den Köpfen.
Was der bewirkt, sieht man an den Umfragen. Die AfD im Aufwind, im Bund drittstärkste Partei und in Niedersachsen ziemlich sicher im Landtag. In Niedersachsen ist rotrotgrün möglich bei der Landtagswahl am 15.10, auf Basis der letzten Umfrage und wenn der Trend anhält.
So eine Koalition fände ich einen Fortschritt. Aber da wetzen sicher schon die ersten Verräterinnen bei der SPD und bei den Grünen ihre Dolche wie weiland bei Heide Simonis. Die regionalen Medien werden das madig schreiben und bei den Linken laufen so viele Spinnerinnen rum, die torpedieren das lässig. Außerdem gibt es keine wie auch immer geartete „linke“ – wobei ich SPD und Grüne nur schwer als „links“ verorten kann – Mehrheit in der Gesellschaft.
Was politische Konstellationen im Land bewirken, sieht man an einem kleinen Beispiel: als schwarzgelb unter Christian Wulf hier ans Ruder kam, kürzten sie mit als erste Maßnahme die Fördermittel für unabhängige Erwerbslosen-Beratungsstellen. Auf Null. Mit der Folge, dass die Hälfte der Beratungsstellen über den Jordan ging. Im aktuellen Haushalt stehen dafür 600.000 Euro im Etat.
Und nach der Wahl?
Also wählen gehen. So nervig der Spruch vom kleineren Übel auch ist.
Wenn sich die neoliberal grundierte, völkische Anti-Moderne weiter durchsetzt, sieht das Modell für die Zukunft eventuell so aus wie der Blick in die Vergangenheit auf der Documenta zeigt:
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Mühle des Blutes. Mit Werbe-Einblendung LAK Logo.

08.09.2017 – Die Kneipe als Uterus

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Bücher, die irgendwann irgendwo der Zensur unterlagen, aus dem Parthenon of books auf der Documenta. Ein Foto von einem Uterus habe ich nicht im Angebot. Und die Tatsache, dass der Raum mit den Werken von Annie Sprinkle einer der besuchtesten war, finde ich auch eher irritierend.
Sie ließ unter anderem das Publikum bei Performances des Anblicks ihrer Gebärmutter mittels Spekulum teilhaftig werden. Ein Akt der Befreiung? Bei dem Geschwalle von Frau Sprinkle über Öko und Eso habe ich da große Zweifel und wenn ich lese, dass sich jemand auf Guattari, einen der größten Schwallhanseln der zeitgenössischen Laberei bezieht, suche ich sowieso intellektuell das Weite. Ich hab auch nie kapieren können, was Männer treibt, Gynäkologen oder Hebammeriche zu werden. Der unselige Drang von Männern, Kontinente zu erforschen und erobern, macht auch vor dem weiblichen Körper nicht halt. Diese und andere Gedanken eher profaner Natur beim Anblick der zahlreichen Kunstschönen durchfluteten meinen Schädel, als ich fürbass die Agora der Documenta durchmaß und siehe, auf einmal durchzuckte ein Geistesblitz mein Hirn und Heureka! Ich hatte es! Ich weiß jetzt, warum Männer so häufig und auch noch in fortgeschrittenem Alter Kneipen besuchen.
Was zeichnet eine Kneipe aus? Sie ist ein abgeschlossener Raum, schützt, ist meist dunkel, bietet unbegrenzt Nährstoffe, wenn Mann breit ist, breitet sich in ihm ein ozeanisches Glücksgefühl voller Geborgenheit und Zuversicht aus und das zwangsweise Verlassen der Kneipe, wenn die Zeit um ist, wird als traumatischer Einschnitt erfahren, mitunter von Erbrechen, Desorientierung und Torkeln begleitet. Wenn das keine Analogie auf Gebärmutter und Geburt ist, was dann?
Psychoanalytisch habe ich endlich den Schlüssel gefunden, warum es Männer auch jenseits der 40 in Kneipen zieht. Natürlich ist die Kneipe auch der Ort, wo man gesellschaftlich legitimiert und sanktionsfrei Alkoholismus ausleben kann. Wer in der Kneipe regelmäßig 5 Bier verklappt, gilt in regredienten Kreisen sogar als cool. Wer das Zuhause macht, muss sich unter Umständen eingestehen, dass er ein echtes Problem hat. Frauen aufreißen in Kneipen? Da hab ich angesichts der weiblichen Sortierung in der Alterskohorte gleich oder größer 40 erhebliche Zweifel. Nein, es bleibt nur der Uterus als tiefer Urgrund.
Das korrespondiert auch mit dem Ansatz der „Nicht-zu-Ende-geborenen-Männer“ von Klaus Theweleit.
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Grimm Welt in Kassel, zauberhaft. Kein Uterus.
Ich hab wahrscheinlich das Geld für einen Neuwagen in Kneipen durchgebracht, aber irgendwann Mitte 30 ist normalerweise damit Schluss. Fammillje, Beruf, Gesundheit, Geldmangel, Einsicht in die Tatsache, dass es noch ein Leben jenseits der Theke gibt, diese Gründe für das Auslaufen der oralen Kneipenphase im Leben eines Mannes lassen Männer in Kneipen jenseits der 40 als skurrilen Problemfall erscheinen, der durch den Ansatz „Kneipe als Uterus“ aber erklärbarer scheint. Ging mir neulich auch durch den Kopf als ich einen rotbenasten und augengeränderten Kumpel aus besagter Alterskohorte traf, der sich in extenso darüber ausließ, wieviel er am Wochenende wieder getrunken hatte, in welchem Zustand er war etc. pp. Ich war unangenehm berührt, diese postpubertären Bukowski Prahlereien sind doch auch eher was für Mittzwanziger. Aber besagter Kumpel, der spielend jeden „Rudolf-the-Red-Nose-Reindeer look alike“ Wettbewerb gewonnen hätte, ist ansonsten ein feiner, hochsensibler, liebenswerter Mensch und das unterstreicht aufs Nachdrücklichste die Uterus Theorie mit den nicht zu Ende geborenen Männern. Gleich heute werde ich einen Aufsatz für die „Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis“ verfassen und dann werde ich der Theweleit des 21. Jahrhunderts und wenn das klappt, lade ich alle Kumpels ein. Bei mir um die Ecke gibt es so viele tolle Kneipen ….

06.09.2017 – Die Kunst ist keineswegs verhunzt

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Documenta 14 – Parthenon of books von Marta Minujín, eine überwältigende Installation gegen Zensur und Unterdrückung am Friedrichsplatz in Kassel, bestehend aus ca. 25.000 Büchern, die irgendwann irgendwo mal verboten waren oder immer noch sind. Mehr dazu hier.
Was man so hört, ist die Documenta im Kritikerurteil überwiegend negativ beurteilt. Zu intellektuell, zu politisch, etc. pp. Ich war gestern da, ich weiß es besser.
Es stimmt, manche Sachen waren ohne Hintergrundkenntnisse nicht verständlich. Für mich kein Problem, geh ich halt einfach weiter. Die Documenta ist eh so riesig, dass man nicht alles an einem Tag mitkriegt, es ist also legitim, sich einfach treiben zu lassen, mitunter nur Eindrücke genießt, sammelt, und sich nur auf das näher einlässt, was einem gefällt oder des Nachhakens wert erscheint. Perfektes Abarbeiten ist Sache der VHS Kurse, die dort zu Myriaden rummäandern.
Es stimmt, vieles war bei der Documenta politisch aufgeladen, bezog sich auf linke Historie, ist antikolonialistisch, anti-patriarchal. Damit kommt der gemeine Kritikaster des Zentralorgans deutscher Stupidienräte, der Süddeutschen (ersatzweise Zeit oder FAZ, das ist wumpe und austauschbar), natürlich nicht klar. Der hätte es lieber ausgewogen, der Kolonialismus hatte aus deren Sicht ja auch seine positiven Seiten und die Weiber sollen sich mal nicht so anstellen.
Dazu kann man, und Kritiker sind meistens Männer, stehen wie man will. Fakt ist aber, dass diese Documenta in ihrem Kern, als Kunstveranstaltung, also in der ästhetischen Wirkung, die ein Werk erst zur Kunst macht, eine herausragende ist. Sie stellt immer wieder die Fragen nach Form und Material, nach Struktur und Medium von Kunst und zieht bildmächtig in ihren Bann. Was da nur in der Neuen Galerie zu sehen war, reicht allein für den Besuch in Kassel.
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Marmorzelt von Rebecca Belmore. Zelte wie diese stehen in Großstädten zu Dutzenden unter Brücken, in Grünanlagen, Wohnungslose suchen dort Zuflucht, Flüchtlinge. Der schiere Kontrast zwischen Assoziation und Materialität des in klassischer Art bearbeiteten Marmors verschiebt sofort die Wahrnehmung, verstört. Und das Spiel mit Wahrnehmung ist das Primat der Kunst gegenüber, na sagen wir mal, der Politik. Die verstört zwar mitunter, aber das war’s dann auch.
Solche Werke gibt es zuhauf bei der Documenta. (Natürlich gibt es da auch Geisteskrankheiten wie „Auschwitz on the beach“. Bei sowas zweifle ich auch am Geisteszustand der Kuratoren und setze mir umgehend die Hasskappe auf.)
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Ich, vor Parthenon of books, aber ohne Hasskappe.
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Aus Dankbarkeit mein Abschiedsgeschenk an die Documenta: Alle Leihräder dort haben jetzt einen Sattelschoner mit dem Logo der Landesarmutskonferenz. Ästhetisch zauberhaft und als Mäzenatentum von unvergleichbarer Großzügigkeit. Da stinken selbst die Borgias gegen ab.
Schade, dass sich viele Interessierte einen Besuch der Documenta schlicht nicht leisten können. Zugfahrt von ausserhalb Hessen und Eintritt unter 50 Euro ist nicht zu machen, von Katalogkauf oder mal kurz beim Italiener Essen gehen ganz zu schweigen. Die Grenze von kultureller Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen verläuft direkt durch die Documenta.

05.09.2017 – Jetzt gibt’s was auf die Wa(h)lnüsse

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Die Wahlrunden mit den Parteien im TV habe ich mir nicht angeschaut. Grundsätzlich schreibe ich in diesem Blog auch eher wenig über die „große“ tagesaktuelle Politik. Dieser Blog nennt sich „Mein intimes Tagebuch“ und er ist der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Das heißt, er verhandelt das Politische im Privaten. Was mir halt so tagsüber über den Weg und die Leber läuft, sei es real oder erfunden, ist politisch aufgeladen und wird als solches grundsätzlich betrachtet, erwogen und im Normalfall für zu leicht befunden. Der Grieche nannte diejenigen, die sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmerten „Idiotes“.
Angesichts bevorstehender Wahlen im Bund und im Land Niedersachsen lässt es sich aber nicht umgehen, ab und zu was dazu zu sagen. Im Infoteil hier der gebündelte Überblick des Wahl-O-Mat über wesentliche Positionen der zugelassen Parteien zu Bundestagswahl PositionsvergleichBundestagswahl2017.
Im unterhaltsamen Teil hier ein Rückblick auf meine Aktion „Wa(h)lnüsse knacken“, bei der ich an Wahlständen den Parteien die Wa(h)lnüsse der Landesarmutskonferenz, sprich unsere Forderungen zur Kommunalwahl, zu knacken gab. Wer aus den Bildern eine Koalitionspräferenz ablesen will, der möge das tun. Ich bin natürlich Mitglied keiner Partei, ein Dandy tut sich niemals gemein. Ich kann aber mit vielen gut. In einem anderen Leben wäre ich ein gnadenloser Opportunist geworden und hätte eine noch steilere Kariere gemacht. Es reicht auch so schon.
wahlnüsse b90 grüne
wahlnüsse spd
wahlnüsse die linke

03.09.2017 – Blau, so blau

blau
Gesehen bei der zeitgenössischen Kunstschau „Made in Germany“ im hannöverschen Kunstverein.
Auch wenn ich ein Vertreter der eingreifenden und damit politischen Kunstrichtung bin, steht für mich die Notwendigkeit ästhetischer Opulenz und Strahlkraft im autonomen Kunstwerk außer Frage. Sie erst, und nicht die „richtige“ politische Tendenz, macht das Werk zur Kunst.
So gesehen war der Teil von „Made in Germany“ im Kunstverein überwältigend. Ich hab den Besuch erst auf den letzten Drücker geschafft, bei der Documenta und der Skulpturale in Münster war ich noch nicht ein einziges Mal. Irgendetwas in meinem Leben ist in letzter Zeit falsch gelaufen, was Prioritäten angeht, und leider gibt es außer mir mal wieder keinen Verantwortlichen, den ich verbal dafür ans Kreuz nageln könnte. Und das, wo ich so eine hohe Meinung von mir habe, siehe hier:
ich-weiss-es-wirklich-esser
Entwurf für meine Grabinschrift. Ich kriege mittlerweile vermehrt Spam mit Anfragen, ob ich meine letzten Dinge geregelt hätte. Eben eine mit „Im Trauerfall alles gut geregelt mit Monutal“. Das Leben ist eine nicht enden wollende Kette von Tiefschlägen, Niederlagen und Enttäuschungen. Sich wappnen gegen eine See von Plagen. Gäbe es nicht ständig auf irgendeinem Schrottsender die xte Wiederholung von Two and a half men, (natürlich nur die Folgen mit Charlie Sheen) wäre mein Leben vollends zwar voller Verstand, aber ohne Sinn. Mittlerweile kann ich jede einzelne Dialogzeile mitrezitieren und muss trotzdem andauernd hyperventilierend-anbetend Tränen lachen. Inzwischen glotze ich sogar „The Big Bang Theory“, obwohl das Leben von Nerds nun wirklich nicht unter meinen Lebenswelt-Schirm passt. Diese Sitcom entstammt aber der Schule von Chuck Lorre, dem geistigen Schöpfer von „2 und ½ men“, und das merkt man auch.
Der Rest ist Poesie. Den Gedanken an blau nachhängen. An eine bessere Welt in der schlechten glauben.
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Kleine Fluchten im Alltag: Kinderkarussell vor dem hannöverschen Betonmoloch Ihme-Zentrum.
Wussten Sie übrigens, dass „Moloch“ alte Beschwörungsriten sind, bei denen Kinder dem Feuer geopfert wurden? Ich bin kein Klugscheisser, ich weiß es wirklich besser.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen poetischen Start in die neue Woche.

01.09.2017 – Mit dem Bolzenschussgerät

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Aufmarsch Fans von Schalke 04 vor dem Spiel gegen Hannover 96 vor ein paar Tagen. Mich hat’s gegruselt. Endzeit-Assoziationen von Kolonnen mit Soldaten oder KZ Gefangenen, als ob ein Spielfilm-Regisseur die Inszenierung des Faschismus in eine neuzeitliche Dramaturgie überführen wollte. Ich wartete nur auf das Megafon-Brüllen: „Klappe. Faschismus 7 die vierte im Kasten“. Oder gestorben. Oder fertig. Keine Ahnung, was man an Filmsets so für Sprachregelungen hat, wenn eine Einstellung durch ist.
Alle politischen Systeme im 20. Jahrhundert bedienten und bedienen sich des Ornaments der Masse, sprich einer Inszenierung vom Aufgehen, vom Verschmelzen des individuellen Körpers in der überwältigenden Ästhetik einer Masse wie bei 1. Mai Aufmärschen, Reichsparteitagen, Love-Paraden, Sommerschlussverkäufen, Fußballstadien, etc. pp. Das Prinzip hat Siegfried Kracauer zuerst in den 1920ern beschrieben, kurz und gut zusammengefasst hier im Blog cafe-deutschland.
Die industrielle Massenproduktion findet ihre gesellschaftliche Entsprechung in der öffentlichen Inszenierung der Körper. Das fängt im und am eigenen Körper an: Dem Qualitätsmanagement mit Null-Fehler-Toleranz (bei solchen Zielvorgaben kriege ich immer Lachkrämpfe) in den Betrieben entspricht die wahnhafte Selbstoptimierung in Mucki-Buden mit Unterstützung von Powerdrinks und Steroiden, das Corporate-Identity-Geschwafel spiegelt sich mit Tattoos, Brandings und Piercings auf den Körpern wieder. Das Resultat: die Gesellschaft mutiert zu einer Horde von subintelligenten Lemmingen, auch daran erinnern die beiden Bilder oben, von denen jeder einzelne glaubt, wer weiß wie individuell er sei, bloß weil sein Golf eine andere Lackierung hat, das Tattoo auf der rechten statt auf der linken Arschbacke sitzt und das Piercing direkt ins Auge getackert wurde. Am schlimmsten sind jene Hohlkörper, die in die Fußballstadien rennen oder bei denen in Kneipen vor Pay-TV Bildschirmen nur deshalb nicht das Gefühl hochkommt, dass sie gnadenlos verarscht werden, weil sie zur Halbzeitpause von Bundesliga-Übertragungen schon halb im Delirium tremens liegen. Früher galt es unter Linken als subversiv, sich für Fußball zu interessieren, das gehörte nicht zum linken Mainstream, heute ist Interesse für Fußball nur noch peinlich. Mainstreamige Mobkultur. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe lange Zeit alle Fussball-Großevents und auch kleinere vor den Bildschirmen dieser Republik verbracht und mir vor über 40 Jahren einen Ohrring stechen lassen. Den hab ich mir vor 30 Jahren sofort rausgenommen, als ich merkte, dass hier vor Ort eine mehr als zweistellige Zahl von Individuen das Gleiche pflegte und Fußball nutze ich nur noch, um bei Wetten damit Geld zu verdienen. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass alle Tattoo- und Fußballfans auf einen ganz speziellen Mode-Tick abfahren:
statt Piercing in die Eichel sich einen Nagel mit einem Bolzenschussgerät ins …. nein, das ist jetzt zu gemein, an dieser Stelle bricht mein Humanismus durch, der mich sogar die morgenstarre Hummel von der nachtkalten Veranda in die Sonne setzen lässt. Außerdem, wenn ich mir vorstelle, alle wären so wie ich…das wäre keine Welt, in der ich gerne leben möchte.
Dann lieber so wie oben.

31.08.2017 – Meine pathologische Dämlichkeit in Kiffhorn

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Gestern, 35 Grad deutscher Celsius. In Gifhorn. Entsprechen 96 Grad jamaikanische Fahrenheit. 96 degrees in the shade. Inna Kiffhorn. Dieser flache Drogenwitz schoss mir gestern durch meinen Brummschädel auf dem Weg durch die Fußgängerzone in Gifhorn zu einem Workshop. Mit Migräne einen Workshop zu veranstalten am letzten Hochsommertag des Jahres, wenn im wahren Leben Badeteich, Grill, Exzess und Illegalität laut rufen: Nimm mich!
Da kommt schon mal die Frage auf: Wie blöd kann man (man = ich!) eigentlich sein?! Ich kann morgen, ach was, heute, tot umfallen und das Letzte, was ich in meinem Leben von mir gegeben habe, sind Sätze wie: „Guten Tag, meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und hoffe, dass wir gemeinsam blablabla“?
Ich verfalle sowieso grundsätzlich und anlasslos in klaftertiefe Depressionen, wenn ich auf Bahnhöfen in kleineren Städten ankomme. Das sind fast ausnahmslos austauschbare, gesichtslose, funktionale, öde Plätze, die sich von den Bahnhöfen fast ausnahmslos in ein Meer von austauschbaren, gesichtslosen, funktionalen, öden Fußgängerzonen ergießen. Wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, ist der Bahnhof in irgendeinem Industriegebiet und man muss kilometerweit durch ein Meer von usw. usf, das kennen Sie jetzt schon, von Industriebrachen fahren, bis man am Veranstaltungsort ist.
Was wäre dabei gewesen, beim Veranstalter abzusagen? Die Welt hätte sich weitergedreht und ich will in diesem Leben nichts mehr werden, bin von niemandem abhängig. Auch die Sache der Armutsbekämpfung bei Kindern, um die es in dem Fall ging, hätte bei meinem Ausfall keinen gravierenden Schaden genommen. Warum also das Ganze? Preußische Tugenden wie Pünktlichkeit, Disziplin, Pflichterfüllung besitze ich sicher im Übermaß, aber selbst ich erkenne dabei schon die Grenze, wo so ein Verhalten in pathologische Dämlichkeit umschlägt. Jetzt, wo kühlender Regen die vernebelnden Hitzeschwaden vertrieben hat, und ich klarer sehe, kommt mir ein Verdacht: Könnte es Eitelkeit gewesen sein, die mich umtrieb? Workshops, Seminare, Reden, alles, was Öffentlichkeit beinhaltet, und sei es auch noch so themenzentriert wie Sonderaspekte der Sanktionspraxis des SGB II oder so Zeug halt, ist für mich immer auch Showtime. Das Leben ist eine Bühne, hat schon Oscar Wilde gesagt. Und alle Darsteller sind eitel. Am meisten die, die das leugnen.
Es geht immer darum, das Publikum zu kriegen. Spürbare Emotionen, der Weg zur Erkenntnis ist mit einem Lachen gepflastert.
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Großes Theater? Nein, sicher nicht. Aber es war ok.
Trotzdem tue ich mir sowas nie wieder an. Wer hat schon gerne am nächsten Morgen eine flammende Inschrift über seinem Antlitz im Spiegel: HORNOCHSE.
Was bleibt, ist der Versuch, die Frage zu klären, warum tut man im richtigen Leben so oft das Falsche.
Und ein unfassbar genialer Song von „Third World“ im Hinterkopf, der jede schlechte Laune vertreibt: 96 degrees in the shade.

30.08.2017 – VLC Player auf zwei Beinen

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Junggesellen Abschied.
Der VLC media player ist eine portable, freie Mediaplayer-Software für fast alle Video- und Audio Formate. Sein Icon ist ein Begrenzungshütchen und dürfte bei allen PC Besitzerinnen, die auch nur einmal irgendwas mit Bild oder Ton auf ihrem Rechner gemacht haben, bekannt respektive installiert sein. Für mich ein unverzichtbares Handwerkszeug und deshalb brach ich beim Anblick dieser Junggesellen in den durchaus wohlwollenden Ruf aus: „Ein VLC Player auf zwei Beinen, whow!“ Normalerweise hege ich solchen Horden gegenüber kein Wohlwollen und ich halte es für ein grässliches Missverständnis von Emanzipation, wenn sich flächendeckend auch Frauen dieser Unsitte annehmen und mir ungefragt Flutschi oder ähnliche ungesunde Paraphenalia zum Kauf anbieten. Aber diesen, auch sehr sauber gearbeiteten (das sind vermutlich Techniker, Ingenieure o. ä. gewesen, der mangelhafte Attraktivitätsfaktor der Herren spricht ebenfalls eher für naturwissenschaftliche Ausrichtung), VLC Player fand ich so gut, dass ich im gleichen Atemzug um ein Foto bat. Der Effekt bei der Horde war verblüffend. Sie brachen in homerische Gelächter aus: „Ein VLC Player! Das ist ja cool. Da wären wir doch nie draufgekommen. Hohoho etc. pp“. So die Richtung. Es ging also tatsächlich nur um das klassische materielle Begrenzungshütchen. Vielleicht weil nach der Hochzeit die Freiheit begrenzt ist, keine Ahnung. Auf die Idee, auch das für ihren Humor, ihre Inszenierung zu verwenden, was ihren Alltag viel mehr bestimmt, ihnen viel näher liegt, nämlich die gesamte immaterielle Welt virtueller Daten, sind sie nicht gekommen. Wann begegnet man mal einem Junggesellen, der als Facebook verkleidet ist?
Aber vielleicht passiert das schon andauernd und ich wende mich immer nur mit Grausen, wenn ich Junggesellinnen von Ferne sehe. Mich würde eine Untersuchung interessieren, inwieweit die Lebensdauer von Ehen mit Junggesellinnenabschied signifikant die von Ehen ohne unterschreitet. Ich vermute, beträchtlich. Die Ehen von Leuten, die ihr Hochzeitsdatum verzweifelt auf ein „lustiges“ Datum wie den 10.10.10 oder 09.09.09 legen, halten nachgewiesenermaßen deutlich kürzer.
Phantasie geht anders. Mir fällt ein Vergleich ein, den ich Rahmen eines Konfliktes in einem meiner Projekte an Mitarbeitende gemailt habe: „Projekte sind wie Ehen: Voller Emotionen, Konflikte, von begrenzter Dauer und jede/r hat eine andere Sichtweise drauf.“
Ich hätte Laienprediger werden sollen.
Oder Unternehmensberater. Mit so einem Verbalkitsch überzeugt man 99 % und verdient ein Schweinegeld.

28.08.2017 – Zweierlei Dienstkleidung

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Dienstkleidung Badehose. Bei der Aktion „Leine-Schwimmen – Damit die soziale Gerechtigkeit nicht Baden geht“. Mit Aktivistinnen der Landesarmutskonferenz in der hiesigen Leine. Details hier.
Die Symbolik „Für mehr Gerechtigkeit – Schwimmen gegen den Strom“ konnten wir vergessen. Die Leine hat eine der stärksten Fließgeschwindigkeiten aller deutschen Flüsse. Da kann man dankbar sein, wenn man den Ausstiegspunkt erwischt und nicht abgetrieben wird. Was eher nicht wünschenswert ist. Hinter der nächsten Flussbiegung liegt ein Wehr von beträchtlichem Ausmaß.
Wir leben in einem freien Land, in dem freie Bürgerinnen in freien Flüssen frei schwimmen können? Genau, und die SPD gewinnt die nächste Wahl. Richtig ist vielmehr, dass das Schwimmen 100 Meter vor und hinter Brücken verboten ist, laut § blablabla. Sowas weiß kein Mensch, auch die Zulassungserteilende Polizeidienststelle nicht. (Aus dem Alter bin ich raus, wo ich noch ohne jegliche behördliche Anmeldung z. B. mit einer Horde Durchgeknallter auf den hiesigen Wochenmarkt marschiert bin und im laufenden Betreib Lenindenkmäler eingeweiht habe – 1991…) Aber irgendwann kriegt das dann mit den 100 Metern doch jemand mit.
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Und prompt lauern Hundertschaften von Ordnungshüterinnen (links im Bild) auf der nächsten Brücke, ob wir auch nicht erst 95 Meter vor der Brücke rauskrabbeln. Und der einzige TV Sender, der vor Ort ist, ist das hiesige Fahrgast TV. Nichts gegen ein paar Hunderttausend ÖPNVlerinnen, die jetzt wissen, wie ich in Badehose aussehe. Aber Ziel einer solchen Aktion sind Übertragungen im NDR, rtl oder SAT 1 regional. Es war für alle Beteiligten eine tolle Aktion, ein Riesenspaß, eines der letzten Abenteuer der Großstadt. Aber rein funktional-jobmässig gesehen eine Enttäuschung
Keine Enttäuschung, aber anstrengend wie eine Doppelschicht im Bergwerk: Stand Up Comedy rund um die Mauer zwischen Arm und Reich auf der 500 Jahre Reformationsfeier am Wochenende in der hiesigen City.
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Dienstkleidung Smoking (Foto: ADD-DWH). Allein das unverstärkte Sprechen bei solchen Riesen Open-Air Veranstaltungen raubt einem nach einer gewissen Zeit regelrecht den Atem. Obwohl ich fit bin, ich schwimme ziemlich viel 😉 .
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Ich war hinterher völlig platt. Und bin immer noch neben der Kappe. Ich habe mich bei der Projekt-Steuerung für das laufende Jahr völlig verpeilt. Im August, wo normalerweise easy going mit Grill und Badeteich angesagt ist, habe ich eine öffentliche Intervention nach der anderen, muss Workshops veranstalten, etc. pp.
In welch abgetakeltem Zustand ich bin, zeigt ein Detail: Zum Smoking gehört zwingend eine schwarze Fliege. Kein Dandy dieser Welt würde sich jemals mit Smoking in der Öffentlichkeit ohne Fliege zeigen. Das macht vielleicht der Snob. Der Dandy niemals. Und sehen Sie, liebe Leserinnen, auf dem Bild irgendwo eine Fliege?
Ich bin komplett urlaubsreif.

26.08.2017 – Ich da oben, Ich da unten.

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24.08.2017: Ich da oben. Als Gast bei der Media Night 2017 im Schloss Herrenhausen, einer Party mit hoher Promi Dichte laut Bild.
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23.08.2017: Ich da unten (Foto: Christof Meyer-Gerlt) . Mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei der Aktion „560“ auf dem Wochenmarkt im sozialen Brennpunkt Hannover-Mühlenberg. Kernforderung der Gruppe: Erhöhung der Hartz IV Regelsätze von 409 auf 560 Euro, siehe auch Diakonie Gutachten.
In Mühlenberg sind bis zu 80 % der Alleinerziehenden von Armut bedroht und bei der letzten Kommunalwahl wählten bis zu 30 % AfD. Es ging in Diskussionen mit Marktbesucherinnen auch darum, dass die AfD keine Alternative bietet, siehe Flugblatt Gruppe Gnadenlos Gerecht Aktion Hartrz IV in sozialem Brennpunkt.
Hier sollte einiges erklärt werden: Der Header „Ich da oben, Ich da unten“ ist eine Anspielung auf den Buchklassiker von Wallraff und Engelmann „Ihr da oben, Wir da unten“ von 1973. Das muss man heutzutage wohl dazu sagen.
Inhaltlich ist das in der Konnotation abwertende „Unten“ und das aufwertende „Oben“ ebenso falsch wie z. B. der Begriff „sozial Schwache“, den neulich sogar der Deutschlandfunk verwendete. Leute mit geringem Einkommen sind mitnichten „sozial schwach“ oder „unten“, sie sind „einkommensschwach“ und genauso normal wie jede andere.
„Sozial schwach“ respektive asozial und – explizit abwertend gemeint – „unten“ sind die einkommensstarken Millionäre und Milliardäre, die jedes Jahr den Staat um zig Milliarden Euro betrügen, indem sie Steuern hinterziehen.
Bei der Aktion 560 habe ich mich wohl gefühlt, ein warmes Gefühl von Solidarität. Der Spruch „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ weist ja daraufhin, dass Solidarität auch etwas Körperliches sein kann.
Wenn nun allerdings prinzipientreue Genossinnen glauben, dass ich mich im Schloss Herrenhausen unwohl gefühlt hätte, fehl am Platze, whatsoever, dann muss ich sie enttäuschen. Im Gegenteil, ich habe es in vollen Prosecco-Zügen genossen, das köstliche Büffet, hervorragende Bands, zauberhaftes Ambiente (im Schloss. Von außen ist das eine grauenhafte Micky Maus Architektur. Wie das Berliner Schloss, zum Kotzen, diese Retro Kacke), jede Menge unwichtige Gespräche und den Anblick von unfassbaren Mengen von Botox und Silikon auf jedem Quadratmeter. Ich finde es einen Mangel, dort kaum Gewerkschaftsbosse, Wohlfahrtschefinnen oder Leute von der Linken zu sehen (sofern ich die überhaupt kenne). Glaubt die Restlinke denn allen Ernstes, den Fortschritt zu erkämpfen, indem man nur Klimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins-Horizontes macht und 367 Tage im Jahr im eigenen Ideologiesaft der sich selbst abnickenden Fachtage, Kongresse, Sitzungen, Broschüren etc. pp vor sich hin schmort? Das Leben findet draußen statt, im Mühlenberg, im Schloss Herrenhausen, in der Dialektik des Genusses und der Erkenntnis.
Und während sich jetzt langsam die Schwaden der hier zelebrierten Selbstbeweihräucherung verziehen, plane ich weiter Urlaub. Der Sommer reicht mir. So eine Unverschämtheit. Ab in den Süden.
Was bleibt, ist Kapitalismuskritik. Zwischen Burger King und Beate Uhse.
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Original nur mit Marx und Lenin. Ob auf der Rückseite unserer Sektenspinnerinnen von der MLPD Stalin hervorlugte, entzieht sich meiner Kenntnis.