Ich bin abergläubisch. Gestern habe ich einen Einkaufbon über 5,55 (Glückszahl!) Euro auf meinen Lottozettel gelegt. Das bringt Glück! Glaube ich. Hoffentlich gewinne ich die Million erst nächste Woche. Ich hab im Moment keine Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich mit der Kohle anfange. Am liebsten würde ich nach Art der Renaissance Künstler für ein Jahr eine Italien Reise machen, wegen Bildung und so. So wie Goethe. Aber natürlich nicht nach Italien sondern nach Berlin. Aber wer macht in der Zwischenzeit meine Arbeit?!
Letztlich
bin ich unersetzlich.
Glaube ich. Auf meinem Grabstein wird stehen: Er war ein Geschenk an die Menschheit!
Na ja, bei Licht betrachtet reicht es vermutlich noch nicht mal zum „Danaer-Geschenk“.
Natürlich lasse ich mir von so einem Blödsinn-Aberglauben wie „Freitag, der 13. !“ nicht den Alltag regieren. Ich erfreue mich vielmehr des Anblicks eines Geschenks, dass ich als Referent unlängst von Gewerkschaftskolleginnen erhielt. Es ging um meine Arbeit und das gehört zu meinem Job, also nehme ich dafür natürlich kein Honorar. Umso mehr habe ich mich über das Geschenk gefreut. Nicht nur eine nette Geste, sondern passend wie ein Maßanzug!

Passt wie geballte Faust aufs Auge – Karl Marx Rotwein! Mein Ruf ist also noch intakt.
Die Pralinen sind schon alle und der Tee ist in Dauerarbeit. Gute Laune ist also garantiert und
Ich brauche keine Millionen mir fehlt kein Pfennig zum Glück.
Ich brauche weiter nichts als nur Musik
Ein Lied von Marika Rökk, eine Frau, dümmer als Dosenbrot und eine Nazi-Schlampe.
Später dann, also früher, 68ff., war alles besser. Da wehte der Wind noch von links und der alternativ-kulturelle Mainstream hängte sein rotgefärbtes Mäntelchen sofort in diesen Furz des Zeitgeistes. (Wenn man die schräge Metapher zu Ende denkt: Das rotgefärbte Mäntelchen zeigt in diesem Fall nach rechts …)
In jenen Kreisen gehörte es dazu, lilafarbene Latzhosen zu tragen (grauenhaft), die Bots zu hören (ganz grauenhaft) und Gedichte von Erich Fried zu lesen (unaussprechlich grauenhaft).
Bei derart ästhetischen Katastrophen kein Wunder, dass aus 68ff. nichts wurde. Erich Fried z. B. war ein Flach-Phrasendrescher von spektakulären Ausmaßen, aber nicht dumm. Er wusste um die monströse Inferiorität seiner Sentenzen und erzeugte durch schlichten Umbruch der Zeilen ein Lyrik Upgrade. Beispiel (von mir!):
Letztlich
bin ich unersetzlich.
Wobei sich Frieds Flachware noch nicht mal reimte.
Wenn man bei mir noch ein „Yo, digga!“ dranhängt, geht es als Rap durch.
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11.01.2017 – Back to the roots oder: Durch Deutschland ist ein Ruck gegangen.

Jetzt gibt es im Supermarkt sogar schon Salat, wo die Wurzeln noch dran sind.
Ich würde bei diesem Trend „Back to the roots“ dann streiken, wenn im Supermarkt wieder Hühner rumlaufen oder ein Reh verschreckt in der Ecke steht. Neulich stand ja auf der Tageskarte beim Italiener um die Ecke „Rehfilet in Barolososse“. Das bezeichnet mehr als vieles andere den Strukturwandel in diesem ehemaligen Arbeiterviertel. Früher traf man sich auf ne Pizza für 5,90 Euro da.
Für Biertrinker: Barolo ist ein Rotwein, der nicht ganz billig ist. Barolo gehörte früher zu den „Big Four B“ im Rotweinbereich: Bordeaux, Burgund, Brunello und eben Barolo. Kann man mal machen, wenn der Etat das hergibt, aber spannender finde ich, gute Weine zu finden, die für einen Bruchteil ein ähnliches Geschmacksvergnügen bieten. Außerdem hatte meine ehemalige Weinwirtin Usch Bütow – Gott hab sie selig in den ewigen Weinbergen! – eine Botschaft parat, was die Differenz zwischen teuren und preiswerten Weinen anging:
Den Unterschied trinkste nich wech. Und griff zielgerichtet zum FüBi.
Für Prosecco Trinker: FüBi = Fürst Bismarck Doppelkorn. Der Weinkeller Bütow war eine Insel der Entschleunigung, kein aus der Zeit gefallener Ort, wo die vielleicht stehen geblieben wäre, sondern ein aus der Welt gefallener Ort, völlig anders als alles, was „draußen“ war. Wenn es mir auch sonst im Leben an nichts (na ja: kaum was) mangelt: Den Keller vermisse ich.
Roman Herzog ist tot. Als ich das hörte, gingen mir unchristliche Gedanken durch den Kopf, ich mochte den Mann nicht. Also rief ich mich zur Ordnung: De mortuis nil nisi bene dicendum est. Von Verstorbenen ist nur in guter Art zu sprechen. Also keine Feindschaft über das Grab hinaus. Aber bei all den Lobeshymnen über seine historische Ruck-Rede von 1997 in der Presseschau im Deutschlandfunk heute morgen lief mir dann doch die Galle über, über die Laudatoren wohlgemerkt. Lassen wir die Fakten sprechen. Zitat aus der Ruck-Rede , Hervorhebung von mir:
„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.“
Die Zahlen zum Ruck:
1997 betrug die Armutsquote ca. 11 Prozent.
Heute beträgt sie knapp 16 Prozent
1997 betrug die Anzahl der Bundesbürger mit einem Nettovermögen von mehr als eine Million Euro ca. 500.000.
Heute beträgt sie 1.200.000.
Durch Deutschland ist ein Ruck gegangen …
10.01.2017 – Orte, aus der Zeit gefallen – Teil 2

Ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist: Das Freizeitheim Linden in Hannover.
Über 50 Jahre alt, hat sich nix geändert. Inklusive Abmarsch der immer kürzer werdenden Kolonnen von roten Fahnen am 1. Mai, hier 2016. Arbeiterbewegungsfolklore. Der Anteil von AfD Wählern ist in Gewerkschaften überproportional vertreten. Die innere Angst tritt nach außen und schreit nach einer Sicherheit, die es nicht gibt. Und beim Italiener um die Ecke im hiesigen ehemaligen Arbeiterviertel gibt es „Rehfilet in Barolososse“. Trauerspiele, wohin man blickt. Aber wie sagte Wilhelm Busch so richtig:
Einszweidrei, im Sauseschritt,
Läuft die Zeit; wir laufen mit.
Ganz andere Probleme hat der Staat Israel, die einzige Demokratie in der Region, umgeben von Staaten, die sein Existenzrecht nicht anerkennen, und von Horden durchgeknallter IS Faschisten. Im November wurde das Land von einer Brandkatastrophe heimgesucht, bei einer Vielzahl der Brände besteht der Verdacht auf Terror durch Brandstiftung. Und dauernd drohen Attentate, das ist eine ganz andere Dimension als bei uns, wo Berlin doch schon dabei ist, in der Erinnerung zu verblassen, weil es in dieser Dimension singulär war. Noch.
Wer Solidarität mit Israel zeigen will, kann sich hier informieren und für Bäume spenden.

Man kriegt auch eine Urkunde. Fast so schön wie meine Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen 1863. Oder war es 1963?
Ich war ein ziemliches Leichtathletik Ass. Und was ist draus geworden? Ob ich einen 1.000 Meter Lauf unter 4 Minuten schaffe? Damals blieb ich unter 3 Minuten, ich galt als die weiße Hoffnung der Mittelstrecke.
Zumindest in der 5 b.
Seufz.
Was bleibt, ist der Baum in Israel. Wenn ich schon längst Kompost bin, liegt unter seinem Schatten vielleicht ein Liebespaar und träumt von einer gemeinsamen Zukunft in Frieden.
Im Kino werden jetzt die Streicher hochgefahren und die Kamera zoomt aus der Großaufnahme von den Gesichtern der Beiden in die Totale, die untergehende Sonne bildet das Gegenlicht.
Ich weiß schon, warum ich mir nur Komödien angucke.
08.01.2017 – So läuft die Verfolgung der Männer in Oberhof
Das ist doch mal ein feministischer Headliner, dachte ich, als ich das beim Check der News überflog und klickte drauf. Es handelte sich aber nur um eine Kasperveranstaltung, wo Männer auf Holzlatten durch den Schnee rutschen und dann mit Gewehren auf wehrlose Scheiben ballern, vermutlich aus Frust darüber, dass sie nicht in einer warmen Hütte sitzen und Après-Ski Hasen anbaggern können.
Ich denke mir solche Schmarrn nicht aus. Das passiert einfach, tatsächlich. So ist die Welt.
„Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen“. Das hat schon Wittgenstein gesagt.
Auch wenn ich ihn nie verstanden habe, bin ich mir sicher, dass der Mann Langeweile hatte und einen famosen Sinn für Humor und sich gesagt hat, mei, ich schreib halt mal irgendeinen Schmarrn zusammen, formuliere das hochtrabend und doch einfach, friemele da mathematische Formeln rein und jeder denkt dann gleich: Guck an, der Wittgenstein, was für ein Pfiffikus.
Da lobe ich mir GiseLa,s Frisierstübchen. Neben der modernen Schuhmacherei

Der Genitiv ist dem Apostroph sein Tod. Die Wittgensteinsche Definition von Komma wäre vermutlich: Das Komma ist ein nach unten gerutschter Apostroph.
Solche Orte wie GiseLa,s Frisierstübchen und die moderne Schuhmacherei sind aussterbende Verweilmomente von höchster Kontemplation in einer Welt voller Irrsinn und Beschleunigung.
04.01.2017 – Hä?

Politische Ponerologie.
Hä? Noch nie was von gehört? Ich auch nicht. Der Begriff kommt aus einer völlig durchgeknallten Verschwörungstheoretiker-Ecke. Ich setze hier bewusst keinen Link, jeder Klick für diese Spinner ist einer zuviel. Wie ich zu dem Bild komme? Ausnahmsweise nicht über die Suche nach Strapsen, sondern nach Kosten, Material und Abmaßen für Fahnen. Ich brauche das dienstlich. Wir haben ein zauberhaftes Banner, brauchen aber noch ein, zwei Fahnen.

Banner ist da, Fahne fehlt.
Ich landete bei der Suche bald auf der Seite von einer trotzkistischen Sekte namens Rote Fahne .
Wofür die arme rote Fahne alles herhalten muss. Sprachduktus und Stil dieser Sekte ist getränkt von Paranoia, der böse Ami, BRD noch besetzt, blablabla. Strukturell die gleiche Verfasstheit wie alle Verschwörungstheoretiker, austauschbar mit Reichsbürgern und anderen Freaks.
Natürlich verwenden die auch die gleiche Symbolsprache. Das Bild oben ist bei der roten Fahne ebenso präsent wie bei den politischen Ponerologen, auf die ich stiess, als ich die Quelle für das Bild oben suchte. Die Orwellartigen Sprüche wurden ganz offensichtlich nachträglich reinmontiert.
Das Bild soll wohl die Besetzung durch den bösen Ami symbolisieren. Vielleicht ging es den Autoren der Webseiten aber auch nur ähnlich wie mir, die dachten:
„Mann, das sieht rattenscharf aus. Das stell ich online. Scheiß auf Inhalt, Zusammenhang und Logik.“
Natürlich hat das Bild eine Tendenz in den Sexismus und zeigen Sie es bitte nicht rum. Nicht dass es nachher heißt, ich wäre Sexist.
Aber utilitaristisch gesehen: Kein Wunder, dass der Ami den Krieg gewonnen hat.
Am besten: Ponerwachs über die Sache und wegwischen
Aber Spaß an der politischen Ponerologie hatte ich schon, hier aus dem Vorwort des Standardwerks der Ponerlogen, Zitat (kursive Richtigstellungen in ( ) von mir):
„Das erste Manuskript dieses Buches wanderte im kommunistischen Polen ins Feuer, wenige Minuten bevor die Geheimpolizei erschien. (Ich vermisse das kommunistische Polen. Ganz aufrichtig) Die zweite Kopie – von Wissenschaftlern (Kopierologen? Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg?) unter widrigsten Bedingungen der Gewalt und Unterdrückung aufs Neue zusammengestellt – wurde via Kurier an den Vatikan gesandt. (Tipp an die Wissenschaftler für das nächste Mal: gleich zwei, drei, viele Kopien machen. Und NIEMALS was an den Vatikan schicken. Habt Ihr den Film „Die Illuminaten“ nicht gesehen?! ) Doch der Empfang des Manuskripts wurde nie bestätigt (Das war die Christel von der Vatikan-Post, die das verschlampt hat. Das ist die in der Dienstkleidung auf dem Bild oben), alle wertvollen Inhalte waren verloren. Im Jahr 1984 wurde die dritte Kopie (wo kommt die auf einmal her? eventuell vorab kopiert vom letzten überlebenden Wissenschaftler?) vom letzten überlebenden (Ja!) Wissenschaftler , Dr. Andrzej M. ŁOBACZEWSKI, aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Zbigniew Brzezinski (kommunistischer Post-Pole in der Regierung des US Vatikan-Faschisten Jimmy Carter) verhinderte die Veröffentlichung dieser Kopie. Nachdem das Buch ein halbes Jahrhundert lang unterdrückt wurde, ist es nun endlich verfügbar.“
Lieber Gott, bitte mach, dass die kommunistischen Geheimdienst-Polen zurückkommen und, nach alter Polen Manier, alle Exemplare dieses Machwerkes klauen.
Das Gruselige an dieser Angelegenheit ist, dass viele Menschen den Müll glauben, der in solchen Büchern steht.
Wie soll man mit solchen Leuten diskutieren?
03.01.2017 – Überzeugend, aber weitgehend faktenfrei

Grabschmuck auf dem Wochenmarkt – im Sonderangebot. Und zwar nicht vor Allerseelen. Das hat was skurriles. Ich hab zugeschlagen, man weiß ja nie und Nelken sind eh meine Lieblingsblumen. Arbeiterbewegungsromantik. Außerdem wird es wieder kalt und es fehlt noch Abdeckmaterial für die Rosen auf meiner Veranda. Das ist bei mir immer ein Pokerspiel, welche Pflanzen den Winter überleben. Ich bin nicht so der Kleingärtner, dass das Grünzeug jedes Jahr bei mir Garten und Veranda zu einem locus amoenus, einem Ort des Wohlgefallens, macht, liegt eher an der Natur als an mir. Diesen Frühjahr versuche ich mal Rollrasen, mein Rasen sieht selbst in meinen Augen trostlos aus. Ich hab mal welchen gesät und damit die verdammten Amseln nicht die ganzen Samen wegpicken, hab ich ein Vogelschutz-Netz drüber gespannt. Als der Rasen höher war, hab ich das Netz abgezogen. Leider war der Rasen in das Netz reingewachsen und die ganze Rasenfläche klebte am Netz.
Ich hasse Arbeiten an und in der Natur. Bin ich Robinson? Oder Adam? Oder Gärtner? Die Natur hat dem Menschen per se und a priori untertan zu sein. Das nennt man Zivilisation.
Der liebe Gott hat den Hausgarten zum Grillen gemacht und nicht zum Rasenmähen. Wenn er Rasenmähen gewollt hätte, hätte ich Rasenmäher-Messerbalken an den Füßen.
Integraler, ja regelrecht konstituierender Bestandteil von Zivilisation ist Kunst. Der Mensch muss sich entscheiden: Kunst oder Kleingarten. Esprit oder Mulch. Geist oder Gülle.

Kunst – mitunter muss man genauer hinschauen – Galerie konnektor, zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt.

Rauminstallation, charmant. Auch wenn hier das Prinzip waltet „Eigentlich kann das weg, aber wir machen mal Kunst draus“: Es kommt immer darauf an, wie man es macht. Die Kunst der Komposition ist Komposition der Kunst. Umgekehrt gilt das Gleiche.
Zu meinem Job gehört Öffentlichkeitsarbeit, PMs mit trostlosen Tenor wie: „Die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich nimmt immer mehr zu“ und dazu Interviews mit den Medien. Natürlich auch mit dem nichtkommerziellen Bürgerfunk, den es in Niedersachsen in jeder Region gibt. Neulich bedankte sich einer bei mir, dass es mit einem Interview spontan und ohne Vorbereitung geklappt hätte (wofür ich nach meinem Verständnis auch bezahlt werde).
Aber nett fand ich das schon und als Kind von Gegenöffentlichkeit bin ich dem Bürgerfunk ohnehin zugetan, also erwiderte ich fröhlich:
„Kein Problem, und wenn Ihr wieder mal Interviews braucht, meldet Euch. Egal, zu welchem Thema.“
Es war als Scherz gemeint, aber tief innen meinte ich es auch so. Außer zur Quantenmechanik und zur Funktion eines Automotors kann ich in beliebiger Länge zu jedem Thema spontan, anregend und überzeugend, aber gerne auch weitgehend faktenfrei, ein Interview geben.
02.01.2017 – Krebs am Kiosk
Hannover ist eine Hochburg des Kiosk. Seit Jahren schon will ich diesem regionalen Kulturerbe ein Denkmal setzen mit einer Intervention, einem Kioskprojekt. Na ja, ich will auch eine eigene TV Show. Das Leben ist eben kein Ponyhof. Aber Kioske unterliegen immer meinem besonderen Blick.
Wie der hier auf dem lokalen Boulevard, bei dem sich der halbwegs Sprachkundige fragt, was es da wohl im Angebot gibt.

Krebs (lat. Cancer, türkisch Kanzer, andere Sprachen ähnlich)?
Duplizität der Ereignisse, kurz vorher hatte ich einen Kumpel auf dem Boulevard getroffen, der zu den wenigen noch lebenden Alkis gehört, die ich kenne. Für die Alkoholiker, und es gab einige, unter meinen Freunde und Kumpels war normalerweise zwischen 50 und 60 das Theken-Ende erreicht. Wer Pech hatte, legte den letzten Drink nach langem Siechtum wie Krebs aus der Hand. Die Glücklichen traf der Hirnschlag.
Besagter Kumpel auf dem Boulevard eröffnete mir nun, sein Vorsatz für 2017 laute: „Weniger Saufen.“
Ich: „Das kannst du nicht machen. Du wirst noch gebraucht.“
Er guckte irritiert, weil ich ihm früher ab und an gut zugeredet hatte, weniger zu saufen. Ebenso gut hätte ich einem Atheisten einen Rosenkranz schenken können.
Ich vollendete:„Als abschreckendes Beispiel.“
Meine Vorsätze für 2017: „Kein Zureden mehr. Keine Pointe auslassen. Zahl der Kumpels auf das Notwendige reduzieren.“
Wenn das konsequent umgesetzt wird könnte da eine Nulllösung draus werden.
Nachdem ich lange nichts mehr von den Horrorclowns gehört hatte, sichtete ich neulich einen.

Horrorclown, vergreift sich an Kindern.
Und schlimmer noch: Das Outfit ist eine Ästhetik des Grauens. Das nächste Mal streckte ich einen derartigen Vorboten des Geschmacks-Armageddon wenn schon nicht mit einem Shatterhandschen Fausthieb so doch mit gezielter Verachtung zu Boden.
31.12.2016 – 2017? Das kann ja Eiter werden!

Das Jahr geht unter und die Sonne auch. Blick auf das Gelände der Reifenfabrik Continental in Hannover.
2016 war ein annus horribilis, ein schreckliches Jahr, jedenfalls was das Aufscheinen von Zerfallstendenzen am Horizont der Geschichte angeht. Real war die Kacke noch nicht wirklich am Dampfen. Annus horribilis heißt „schreckliches Jahr“ und welch drollige Bedeutungsverschiebung sich auf Grund des Auslassens von einem Buchstaben ergeben kann, sieht man daran, wenn aus dem „Annus“ ein „Anus“ wird. Anus horribilis ist aber, wie ich finde, ein zauberhaftes Schimpfwort, es vereint Bildung, Wohlklang, Rhythmik und Abscheu in einer soignierten Ausgewogenheit.
Außerdem versteht es keine Sau. Es kommt in Sitzungen, Veranstaltungen, etc. vor, dass ich bei irgendeinem Schwallkopf (fast immer männlich) denke: „Was’n Arschloch.“ Ich könnte hinterher gefahrlos zu dem Betreffenden hingehen und sagen: „Heda, guter Mann, mich dünkt, Sie sind ein veritables anus horribilis.“ Das würde ich aber vorab von einem Fachkundigen mit großem Latrinum auf korrekte Deklamation prüfen lassen.
Ende des Flachwitz-Teils für Leute mit Abitur.
Wir werden dieses beschissene 2016 vermutlich noch vermissen.
Persönlich bin ich allerdings bester Dinge, ich gehe unter anderem davon aus, dass 2017 mir noch jede Menge zauberhafter Berlin Reisen beschert und dass ich endlich im Lotto gewinne. Und ich werde noch spontaner werden.
Das lernt einen auch was. Neulich bin ich einfach spontan, ohne Anlass durch ein angrenzendes Stadtviertel geradelt. Dabei habe ich das Foto oben von Continental gemacht. Und direkt daneben einen Neubau entdeckt:

Hafven. Sieht man von dem Zeitgeistwort ab, das in drei Jahren keinen Heinz mehr von der Apfelsinenkiste kegelt, kein schlechtes Bauwerk. Zuhause checkte ich, was da so abgeht. Mir schwirrte der Schädel, es geht da irgendwie um People, Co Working, Community, Education, Edutainment und dass nicht nur verschiedene, sondern sogar verschiedenste Desks frei wählbar sind.
So sieht also die Zukunft der Arbeit aus, während sich die Reifenbäckerei Continental im Hintergrund in der untergehenden Sonne verabschiedet. Wenn Sie mich fragen: Das ist platter Symbolismus. Aber eingängig. Im Hafven kann man übrigens auch Sägen. Das heißt dann: Wood Basics. Für mich als Arbeiter der Stirn kann ich im Fall „Wood Basics“ nur sagen:
Das kann ja Eiter werden.
Als Service hier noch eine Postkarte von Hermann Sievers, für den Urlaubsversand aus den USA, der Türkei oder Russland: PetShockBoys
Und nun: Ave, 2017, morituri te salutant!
30.12.2016 – Geld Macht Sex
Das sind die drei Haupt-Triebfedern, die unsere Gesellschaft antreiben. Wobei Triebfedern in Uhren zum Beispiel nicht sehr groß sind. Das war die Ausgangsüberlegung bei meinem Check, was die Einblendung von Werbe Pop-Ups bei mir angeht. Ich habe also versuchsweise mal „Strapse“ gegoogelt und bin danach auf eine Seite gegangen, die sich mit Anlagemöglichkeiten auseinandersetzt. Sofort blinkte mir jede Menge Erotik-Wäsche entgegen.

Strapse – Screenshot vom Pop-Up. Mischung zwischen Karneval und Schornsteinfegerdienstkleidung. Die Körbchen sehen teilweise irritierend aus, wie Tragetaschen für Sportgeräte, und sind Taillen jetzt nicht mehr Mode? Aber wie bei so vielem liegt die Erotik im Auge des Betrachters.
Wenn man die zugrunde legenden Algorithmen zur Einblendung von Werbung auf bestimmten Seiten ins Platt-Deutsch übersetzt, heißt das:
Wer sich für eine bestimmte Form von Kleidung interessiert, der interessiert sich auch für Geld-Anlage.
Man kann sein Geld auch flüssig anlegen. Seit Jahrhunderten wird als Geheimtipp in allen Presseorganen zu Silvester statt Champagner Winzersekt gepriesen, für 10 – 15 Euro. Es gibt sehr viele Menschen, denen das viel zu viel ist, und ich bin allein deshalb für eine schlagartige Erhöhung der Hartz IV Regelsätze auf 600 Euro, damit ein paar Bezieher_innen diese immerhin 50 Prozent Erhöhung zur Feier des Tages mal mit einem Winzersekt begießen würden.

Für, alle die sich das jetzt schon leisten können und wollen, hier als Appetizer ein Bild des Doll Weißburgunder Sekt extra brut, aufgenomen heute um ca. 11 Uhr – wegen der Lichtreflexe der tiefstehenden Sonne.
Kost 8 Ocken, schmeckt um Längen besser als diese Taittingers oder Bollingers für das Fünffache. Knochentrocken, feine Perlung, goldgelb, mit Honigaromen, langer Abgang.
Mein Silvester Sixpack von Doll steht auf der Veranda, bei minus drei Grad.
Sekt sollte wie Alan Delon sein: eiskalt.
Guten Rutsch
29.12.2016 – Zwischen den Jahren
Dämliche Formulierung, die immer häufiger benutzt wird. Sicher irgendwas historisch gewachsenes, das Zusammenhänge auf einen Punkt brachte, die heute keiner mehr kennt, niemandem etwas nutzen und erst recht keinen interessieren. Aber alle plappern es mit wichtiger Miene nach.
Diesen Zeitraum gibt es physikalisch nicht. Wir haben jetzt den Zeitpunkt t = 2016 und wenn die Sekunde gekommen ist, haben wir den Zeitpunkt t = 2017. Wir haben auch keine Gegenwart, sondern immer nur Vergangenheit und Zukunft. In dem Moment, wo ich behaupte „Jetzt“, war „Jetzt“. Richtiger liegt da schon der Volksmund, wenn er behauptet: „Jetzt geht’s los.“ Was meint: „Demnächst geht’s los.“ Der häufige Gebrauch von „Zwischen den Jahren“ deutet psychologisch gesehen auf zunehmende Erschöpfung hin und daraus folgende Regression auf sprachlicher Ebene. Zusammengefasst kann man es auf einen Nenner bringen:
Alles Idioten, außer ich.

Zwischen den Jahren werfen Zwerge selbst in der Mittagssonne riesenhafte Schatten.
Liefert man sich den Datenkraken aus, wenn man so einen Blog wie den hier schreibt? Natürlich kriege ich dauernd Pop-ups eingeblendet, mit irgendeinem Werbescheiß, der unter Umständen auf Begriffe dieses Blogs zurückgeführt werden könnte.
So what. Ich mache niemals Spontan- oder Frustkäufe. Wenn ich einkaufen gehe, habe ich eine Liste. Die wird abgearbeitet. Ende. Neulich bin ich in dem Bewusstsein durch einen Supermarkt geschoben:
„Mein Gott, ich habe noch nie einen Spontankauf getätigt! Soll ich sterben, ohne jemals einen Spontankauf getätigt zu haben?“
Und ich habe verzweifelt nach einem Spontankauf gesucht. Diese Lücke auf der „Liste der ungetanen Dinge in meinem Leben“ wollte ich abarbeiten. Und was ist dabei herausgekommen?
Ein Glas Himbeeren. Das hat so eklig geschmeckt. Ich liebe Himbeeren, frische, und schlimmstenfalls tiefgefrorene. Aber Obst oder Gemüse aus dem Glas? Fade, purer Zuckergeschmack, pappig, künstlich. NIE WIEDER SPONTANKAUF! Das hab ich ganz oben auf die „Liste der wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben“ geschrieben.
Neben Pop-ups gibt es noch Spams, die sich an Spuren im Netz orientieren. Ich kriege dauernd welche mit „Treppenlift“ und „Seniorenhandy“ und kaum noch welche mit freizügigen Angeboten 25jähriger Carmens oder Svetlanas.
Und da soll ich mir Gedanken über die virtuellen Spuren dieses Blogs machen….
Außerdem ist ein, vielleicht der, Meilenstein in der Geschichte der Aufklärung das Entstehen von bürgerlicher Öffentlichkeit (Wer zwischen den Jahren wenig zu tun hat, möge hier nachlesen).
Mit all ihren Teilsegmenten wie Internet.
Das lass ich mir doch nicht von NSA, CIA, BKA, Google, DFB oder LMAA nehmen.