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01.11.2016 – Schwuler Killer

Kriegerdenkmäler faszinieren mich. Wo drei Häuser in Deutschland auf einem Haufen versammelt sind, weit entfernt davon, Dorf genannt zu werden, steht in der Mitte zwischen ihnen unter Garantie ein Kriegerdenkmal, dass den „Helden“ zwei Weltkriege gedenkt. Kein Laden, keine Bank, keine Kneipe, von Erinnerungen an die ermordeten Juden des besagten Ortes ganz zu schweigen, aber riesige, monströse Scheußlichkeiten, mit denen an Soldaten erinnert wird, die oft an monströsen Kriegsverbrechen beteiligt waren. Diese Denkmäler sind die Nachkriegs-Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln. Das ist faschistische Ästhetik, die das Leben verachtet und den Tod herbeisehnt. Mich fröstelt es selbst im Hochsommer noch, wenn ich bei Radtouren hierzulande anhalte und das fotografiere.
schwuler killer 1
In südlichen Ländern gibt es auch Kriegerdenkmäler (Hier: Pollensa, Mallorca), allerdings mit einer völlig anderen Ästhetik. In Italien sind die oft aus weißem Marmor und derartig grotesk operettenhaft überspitzt, dass es einfach nur lächerlich ist. Dieses spanische Beispiel fand ich jetzt sehr androgyn, um nicht zu sagen: tuntig. Beim Fotografieren von vorne (Freudsche Vermeidung?) kam mir ein Verdacht, das schrie doch förmlich nach … ich umrundete das Denkmal und richtig:
schwuler killer 2
Graffiti Kommentar, ambivalenter Zeichengehalt.
Was habe ich noch aus dem Süden mitgebracht? Eine monströse Erkältung, bei der ich froh bin, dass ich kaum noch Solo-Auftritte als Kabarettist mache. Ich erinnere mich an eine Erkältung zwei Tage vor einem Auftritt, ich war jung (gelogen), brauchte das Geld (wahr) und bin Preuße (wahr): eine Absage kam nicht in Frage. Was hab ich für einen Aufwand betrieben, um meine Stimme für anderthalb Stunden funktionsfähig zu halten: Gigantische Mengen Milch mit Honig (ich hasse Milch), mit ätherischen Ölen gegurgelt und inhaliert, bis meine Schweißtropfen schon ölig wurden und nasse Handtücher auf die Heizkörper …
Ich weiß nicht mehr, wie der Auftritt lief, aber solche Arien sind einer der diversen Gründe, warum ich mir so was nur noch im Ausnahmefall antue. Wozu auch? Damit auf meinem Grabstein mal steht, wie die taz mir mal hinterher warf: „Hier ruht der Nischen-Mario Barth. Gott schenke ihm im Jenseits den Erfolg, den er auf Erden nicht hatte“? Nee, dann lieber mit anderen bei Podiumsdiskussionen, wie hier zu öffentlich geförderter Beschäftigung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moormerland-Jheringsfehn. Da müssen alle zutiefst dankbar sein, dass ich trotz schwerer Krankheit diese Strapaze auf mich genommen habe.
Wenn man als fiebergepeitschter Solokabarettist über die Bühne torkelt und röchelt und Wahnvorstellungen absondert, wollen die Leute eventuell noch Eintrittsgeld zurück. Gruselige Vorstellung.
Charmante Restwoche, liebe Leserinnen, und vielleicht sehen wir uns in Moormerland-Jheringsfehn.

22.10.2016 – Brandgefährlich

rapefugees
Graffiti „rapefugees“. Gesehen in Kassel, auf dem Freigelände der Documenta. „Rapefugees ist ein Schachtelwort aus den Bestandteilen „rape = Vergewaltigung“ und „refugees = Flüchtlinge“. „Rapefugees“ ist ein Claim der rassistischen Pegida Bewegung.
Um zu verstehen, wieso dieses Graffiti so brandgefährliche Wirkung haben kann, muss man über reine Ideologie- und Semantikkritik zu den Mitteln der Ikonographie greifen, also der Analyse, warum bestimmte Bilder- und Zeichenfolgen Wirkung erzielen. Das Gefährliche an der Zeichenfolge dieses Graffiti ist, dass sie intelligent konstruiert ist im Vergleich zu beispielsweise „Kanaken raus“ und dass sie das Medium Graffiti benutzt, also ein eher „linkes“ und „künstlerisches“ Medium, das zumal offensichtlich bewusst in den Ortzusammenhang der Documenta gesetzt wurde. Die Gegend da besteht fast ausschließlich aus Kulturorten, Verortungszusammenhängen des gehobenen Bürgertums. Einer Klientel, die in Teilen zunehmend verunsichert, verängstigt reagiert und mittlerweile derart aggressiv im öffentlichen Diskurs, dass sie ihre vermeintlich gute Kinderstube vergisst. Man braucht sich in der Praxis nur anzuhören, wie in „besseren“ Wohngegenden die Verbalsau (und nicht nur die) durchs Dorf getrieben wird, wenn da in der Nähe eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll. Da wird die gute Kinderstube zu dem, was sie eigentlich ist, ein Ort unterdrückter Obsessionen, Aggressionen, Neurosen, kurz, alles, was seit Ibsen, Strindberg, Freud et. al. bestens bekannt ist
Wenn solche Bilder wie das Graffiti auf nicht zu leugnende reale Erfahrungen stoßen wie in Leipzig, auch und gerade in linken Zusammenhängen, sind sie schleichendes Gift.
Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Oder, um mal den gehobenen Bildungsbürger in mir an die Luft zu lassen: Mene mene tekel upharsin. Das Unheil steht an der Wand geschrieben.
Was tun? Eigene Bilder entgegensetzen. Hier ein eher zufällig entdecktes auf meiner „Mauer zwischen Arm und Reich“ bei einer Veranstaltung des Sozialministeriums in Lüneburg:
die mauer muss weg in lüneburg
Dialog:
Präsentation: „Was braucht es für „Wir schaffen das“?“
Mauer: „Die Mauer muss weg!“
Na dann mal ran, liebe Mauerspechtinnen.

21.10.2016 – Wann ist eigentlich Saison in Erotikshops?

fridericianum
Documenta Gelände. Herbst. Sondierungen für große SCHUPPEN 68 Aktion dort zur Documenta nächstes Jahr. Wenn die Blätter fallen, sehen die Städte nackt, fast obszön entblättert aus. Manches wird sichtbar, was besser verborgen bliebe.
50 Prozent
Dieser Gegenschuss zum Foto vom Documenta Gelände zeigt einen Erotikshop, bei dessen 50 % Rabatt Angebot ich mich fragte, ob das saisonaler (Herbst-) Schlussverkauf ist und wann Erotik demzufolge Hauptsaison hat? Wo ist überhaupt die Grenze zwischen Erotik und Porno, liegt die nur im Auge der Betrachterin? Hat der Anblick dieser Auslagen nicht eher was mit Karneval zu tun und welche Bedeutung hat dann der närrische Ausspruch „Wolle mer se roilasse“? Ich musste mich vor lauter Grübeln regelrecht zur Ordnung rufen, schließlich war ich der Kunst wegen hier. Also schritt ich fürbass und machte mir Gedanken über meinen unlängst gehaltenen Vortrag vor Menschen des durchaus gehobenen, teils promovierten Bürgertums, dass sich in der Diskussion bis zur Unhöflichkeit renitent verhielt.
Man kann, ja man muss verschiedener Ansichten sein, aber ausreden lassen gehört für mich zur Grundausstattung des Dialogs, eine Grundausstattung, die bei dem Plenum in Teilen nicht vorhanden war.
Die Ungezogenheit machte mir die Sache allerdings rhetorisch leicht, mittels Floskeln wie „Wenn Sie mich hätten ausreden lassen, dann wüssten Sie jetzt ….“ und dem hinterhältig-degradierenden „ … Ist es das, was Sie eigentlich meinen?“ schaffte ich mir die gröbsten Frechdachse verbal vom Halse. Es war halt nur die zweite Reihe des gehobenen Bürgertums und ich war froh über mein in Jahrzehnten auch auf der Strasse erprobtes Rhetorikinstrumentarium bei Performances, Aktionen, Theater etc. Da erlebt man Situationen, die kann man sich gar nicht ausdenken, und muss drauf reagieren. Das Bild, wie ein 150 Kilo Koloss im empörten Rückwartsschreiten beim Anblick einer Performance in einen Kinderwagen plumpste, werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Preisfrage: Was sagt man in so einer Situation?
„Na, Meister, machen Sie hier einen auf Regression?“
„Wollen Sie mir die Show stehlen?“
„Auf Kindesmissbrauch steht Zuchthaus!“

Gottseidank war die Karre leer …
Schönes Wochenende und holen Sie den Basilikum rein. Es wird kalt.

16.10.2016 – Die Erde ist eine 8 cm dicke Scheibe

Meine Wohnung ist derartig fußkalt, dass ich bereits jetzt Puschen mit dicken Socken trage. Nächste Eskalationsstufe: Die Implementierung eines Fußsacks unter meinem Schreibtisch, in den in der dritten Phase eine Wärmflasche optimiert wird. Meine Wohnung ist ebenerdig, was im Sommer ein Traum ist, weil ich direkt fürbass in den Garten schreiten kann. Im Winter ist das ätzend, weil darunter der Keller liegt. Aber das reicht als Erklärung nicht aus für diese arktische Fußkälte. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Erde eben doch eine Scheibe ist. Direkt unter meinem Keller auf der anderen Seite liegt Sibirien und da die Scheibe miserabel gedämmt und nur 8 cm dick ist, muss ich leiden wie Amundsen bei seiner Nordpolbegehung. Mit dem Unterscheid, dass der Mann gefeiert wird, als ob er den Buchdruck erfunden hätte und nach mir keine Henne kräht. Was ist eigentlich so feiernswürdig daran, dass man sich freiwillig Minustemperaturen aussetzt und Gegenden belästigt, die kein Schwein braucht. Kann man am Nordpol Kartoffeln anpflanzen? Na also. Amundsen hatte einfach Zoff mit seiner Alten und ist nach alter Männerart aus dem Konflikt abgehauen. So sieht die Wahrheit aus.
olivenbaum aus corfu
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Sommerbote. Olivenbaum in meinem Garten, aus Corfu, zu Erinnerung an verstorbenen Kumpel, dessen Utopia die Insel war. Wieso da Oliven dran wachsen, ist mir ein Rätsel, die Sorte soll fremdbestäubend sein und hier ist weit und breit kein zweiter Olivenbaum.
Die Erde muss auch deshalb eine Scheibe sein, weil die meisten Erdlinge mittlerweile komplett bescheuert sind und alles glauben, was man ihnen erzählt. Wie zum Beispiel, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt, die Erde 6.000 Jahre alt ist und Donald Trump Präsidentschaftskandidat. Getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, glauben solche Leute auch nicht, dass die Erde eine Kugel ist, sondern eine Scheibe. Und deshalb ist es bei mir so fußkalt. Daran ist Donald Trump schuld.
Was ich dem Mann am meisten verüble: Dass der Name des HERRN, nämlich Donald Duck, durch den Wurm-Fortsatz „Trump“ derartig durch den Dreck gezogen wird.
Totenmaske Donald Kopie
Donald. Ausgrabungs-Artefakt aus meinem Garten. Mittels der Radiokarbonmethode konnte nachgewiesen werden, dass diese Totenmaske 6068 Jahre alt ist. Die Kreationisten haben also unrecht. Die Erde ist älter als 6.000 Jahre. Aber eine Scheibe. Meine Füße lügen nicht.

14.10.2016 – Argumente für und gegen Dylan.

„Glückwunsch! „Blowing in the wind“ habe ich als 13-jähriger auf Konfirmandenfreizeit auf Ameland gelernt. Und: ich kann es noch singen.“
Der Ex-Popbeauftragte der SPD Sigmar Gabriel. Zum besseren Verständnis: Das zählen wir als Pro-Argument.
„I’m a Dylan fan, but this is an ill conceived nostalgia award wrenched from the rancid prostates of senile, gibbering hippies (… durchgeknallte Nostalgie-Verleihung, aus den ranzigen Prostatas von senilen, gackernden Hippies gezergelt”) .”
Irvine Welsh, Autor von „Trainspotting“. (Gute Literatur, nix für Nobelpreis, aber Literatur auf der Höhe ihrer Zeit).
Ich habe mal im Studium der Literaturwissenschaft gelernt, dass man literarische Urteile belegen sollte, mit Quellen und so Zeug. Also, Zitat aus Dylans bekanntestem Werk „Blowin’ in the Wind“:
“How many roads must a man walk down
Before you call him a man?
How many seas must the white dove sail
Before she sleeps in the sand?

Yes, and how many times must the cannonballs fly
Before they are forever banned?
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind …”

Der Einsteig ist Kitsch pur: Männer, die auf Strassen am Horizont verschwinden. Das war schon in John Wayne Western eher zum Totlachen …
Dann die Taube: Dümmliche Tierfabelmetapher, die im 19. Jahrhundert schon so ranzig war wie ..siehe oben.
Danach fliegende Cannonballs, die doch bitte, bitte gebanned werden sollen. Das ist weinerlicher Lichterketten-Schund aus dem Grundkurs „Wer bringt heute den Agitprop-Müll runter?“.
Dass die Antwort dann im verkitschten Natursymbolismus des 19. Jahrhunderts in den Wind geblowen wird, ist überraschend nur für den, dessen einziges Buch Zuhause das Sparbuch ist.
Für so was der Literaturnobelpreis?
Das ist ein ganz starkes Argument dafür, dass das Kiffen weiterhin verboten bleibt.

13.10.2016 – Und ich kriege den Nobelpreis für Physik.

Lese gerade, dass Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur kriegt. Wenn das Walter Ulbricht noch erlebt hätte, würde er sich im Garbe umdrehen. Der Mann völlig recht, wenn er sagt, Zitat: Mit der Monotonie des Yeah yeah yeak und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen“.
Dieses wirre Gestammel eines abgehalfterten reaktionären Hippies als Literatur zu bezeichnen, da kann man genauso gut mir den Nobelpreis für Physik verleihen, weil ich vorgestern unfallfrei eine Glühlampe reingeschraubt habe. Wenn alte Männer – und ich gehe davon aus, dass im Preiskomitee überwiegend alte Säcke hocken – ihren Jugenderinnerungen nachhängen, kann nur dummes Zeug rauskommen wie „Wisst Ihr noch, damals im Sessel von Stalingrad, überall lauerte der Iwan, und auf einmal höre ich auf einer Stalinorgel „Blowin’ in the Wind“, mir kommen heute noch die Dänen“
Und mir kommen auch die Tränen, aber die Lachtränen.

12.10.2016 – Neulich war ein Surfer in meinem Garten.

surfer in meinem garten
Banner der Landesarmutskonferenz Niedersachsen. Ich hielt das Banner im morgendlichen Schlurfen mit verquollen Augen zur Toilette für einen Surfer, als mein vom maximal viertelbewussten Hirn gesteuertes Auge darauf fiel. Ich hatte völlig vergessen, dass ich das Banner am Vorabend zum Auslüften und Aufspannen aus dem Keller geholt hatte, um es bei einer Veranstaltung des Sozialministeriums in Lüneburg aufzubauen. Flagge zeigen bei der Präsentation von Initiativen der Landesarmutskonferenz.
Guter Gott, dachte ich. Klimakatastrophe, das Meer reicht jetzt bis in den Garten und die Surfer nutzen das schon. Wie lange hab ich bloß gepennt? Meinem Gesicht nach zu urteilen Jahrhunderte.
Spätestens nach der Applikation meines selbstgemachten Gesichtswassers aus einem Geheimmix von Rosenwasser, Orangenblütenwasser und Hamamelis war ich wieder auf Betriebstemperatur und mir war klar: Arbeit wartet. Arbeit bis zum Horizont und ohne Ende. Was für ein Jammertal.
Und ich konnte den Termin nicht absagen mit der Ausrede: „Ich komm hier nicht weg. Die Klimakatastrophe. Das Meer steht bei mir im Garten. Und es ist doch eh alles sinnlos.“
161010Mauer zwischen Arm und Reich Lüneburg
Die „Mauer zwischen Arm und Reich“ – jetzt auch in Lüneburg eingerissen. Die Mauer hat ihr Geld echt verdient.
Ich meins aber auch. Als Improkünstler bin ich nach wie vor Weltklasse. Gestern war ich in einer Telefonwarteschleife, Probleme mit Handy, Bügeleisen, etc. pp., Technik halt:
„Legen Sie nicht auf. Der nächste freie Mitarbeiter wird Sie sofort bedienen“. „Drücken Sie die Taste 68, wenn Sie Selbstmord begehen wollen.“ Dideldudel, dideldudel.
So ging das 7:28 Minuten lang, bis eine Mitarbeiterin dran war. Hass kam in mir hoch. Ich:
„Legen Sie nicht auf. Sobald ich frei bin, bin ich sofort für Sie da. Piep. Legen Sie nicht auf. Sobald ich frei bin bin ich sofort für Sie da. Piep.“
Dieses vollkommen irritierte fragend-langgezogene „Haaallo?“ am anderen Ende entschädigte mich für alles. In mir hatte sich schon blanker Hass aufgebaut und es ist besser, Hass gerinnt zu Ironie als das man ihn mit nach draußen nimmt.

09.10.2016 – Ich müsste mal wieder zum Rückentraining.

gutes foto
Rücken, gut trainiert. Und ein gutes Fotos, was die Wahl des Bildausschnitts angeht. Beachten Sie den Kopf der Statue. Ich bin sonst eher der dokumentarische Knipser als der komponierende Fotograf. In dem Fall aber hab ich mal länger durch den Sucher geguckt.
Alle Jahre wieder: Nasskaltes Trübwetter, zu wenig Bewegung, Stress, da steht das Kreuz mit dem Kreuz ins Haus. Gern ventilierte Lösungen wie: die trüben Monate im Süden zu verbringen, scheitern an der chronischen Fehltrefferquote auf meinem Lottozettel. Und ganz ehrlich, selbst wenn ich die Kohle dafür hätte: Fünf Monate, und darauf liefe es hinaus, abseits des heimischen Kiezes, ist für mich schollenverwachsenen Großstadt-Niedersachsen keine Verheißung. Ich bin eher der urbane Metropolentyp als der Zivilisationsflüchtende Neoromantiker. Fünf Monate lang jeden Abend in einem kleinen Fischerort in einer der zwei Bars an der Hafenmole sitzen, da würde ich zum trübsinnigen Alkoholiker. Im digitalen Zeitalter geht Homeoffice im Prinzip zwar von jedem Ort der Welt aus, aber meine Arbeit lebt schon auch von persönlicher Anwesenheit und was mache ich, wenn z. B „mein“ Internet abkackt? Jedes mal den „Frickler“ einfliegen?
Nee, ich brauche auch Lärm, Dreck, Kultur, meine Sprache, von Kumpels und so Zeug ganz abgesehen. Gestern zum Beispiel war ich im Theater, „Mein Kampf“ von Tabori, tolles Stück, in der Dialogführung von Woody Allen beeinflusst, schöne Inszenierung, die Rolle des Hitler mit einer Frau besetzt, die in ihrer Anmutung mich an Micky Maus erinnerte, was der Groteske einen zusätzlichen Schuss Absurdität verpasste.
Hinterher noch mit besagten siehe oben Kumpels bei einem Italiener abgehangen. Jetzt bin ich zwar todmüde und müsste arbeiten, damit ich nicht ins kurze Termingras komme, flüchte mich lieber in diesen Blog hier, oje … aber trotzdem war es ein guter Abend, der den heutigen Zustand lohnt. Ich war mal in Portugal im Theater, hab Tränen gelacht, aber kein Wort verstanden. Und an dem Ort gab es wenigstens ein Theater.
Also fort mit den Fluchtgedanken. Auf zur Rückenschule wie jeden Herbst und Winter. Immerhin ist da das Verhältnis von Frauen zu Männern mindestens 4 :1. Wobei einem nach 20 Minuten intensiven Trampolinaufwärmens vor den eigentlichen Übungen jede Wertschätzung dieses idealen Mischungsverhältnisses ziemlich egal ist. Da bin ich froh, wenn ich nach den 20 Minuten noch lebe.
Allen Leserinnen einen charmanten Wochenbeginn und vielleicht sieht man sich ja mal auf dem Trampolin.
Man?

07.10.2016 – Kurz vor Kugel durch Kopf

schwefelsäure
Schwefelsäure, weiß.
Ärger passiert immer dann, wenn man ihn am wenigsten braucht. PC Ärger passiert also immer kurz vor wichtigen Veranstaltungen (niemals während wichtiger Veranstaltungen, was der beste Zeitpunkt für Ärger wäre. Wer ist schon während einer wichtigen Veranstaltung an seinem PC?) Gestern gebärdete sich mein Mailprogramm irrsinnig. Ich kam an keine Ordner, keine Adressen, die Symbolleisten rotierten, an scrollen war nicht zu denken und wenn ich mal doch kurz ins Programm kam und eine Mail schreiben wollte, erschien das Schriftbild rückwärts (= sträwkcür). Ein Virus!? Alle Daten und Kontakte weg!? Kreisch! Jaul! Jammer!!! Mein erster Gedanke: Kugel durch Kopf. Mein Zweiter: Strom aus. Mein Dritter: Andreas. Andreas ist befreundeter Kollege und der begnadetste PC-Frickler der EU, wenn nicht im ganzen Großraum. Er würde im Notfall sogar nachts kommen, weshalb ich meinem Notruf niemals das Wort „Notfall“ verwende, weil es immer noch schlimmer kommen kann, als es dieses mal schon ist.
Andreas kam, sah und siegte. Er drehte kurz meine Maus um und grinste mich an, gaaanz breit. Des Rätsels Lösung: Aus alten Batterien war Schwefelsäure ausgelaufen und hatte die arme Maus irre gemacht. Ginge uns ja genauso, wenn in unserem Kopf Schwefelsäure ausliefe.
Neue Maus, neue Batterien, neues Leben. Manchmal braucht es eben Männer (und Frauen!), die keine Probleme kennen, sondern nur Lösungen. Falls Sie, liebe Leserinnen, Probleme haben, können Sie sich gerne bei mir melden. Ich vermittle gerne den Kontakt an Andreas.
Ich war mitten in der Vorbereitung für Montag, als der Abfuck passierte, Podiumsdiskussion mit Sozialministerin Rundt. Außerdem soll ich bei der Veranstaltung für den kreativen Input sorgen, damit es etwas lebendiger wird. Kunst, Kabarett und so. So was ist eine Gratwanderung, da sollte man die Ebenen nicht verwechseln und sich entsprechend vorbereiten. Und ohne Kommunikation und PC hat man da im 21. Jahrhundert ein echtes Problem. Auch wenn die Ministerin unsere Arbeit schätzt, fände sie es bestimmt nicht drollig, wenn ich die Podiumsdiskussion beginnen würde mit: „Guten Tag, schön, dass ich es noch geschafft habe. Worum geht es heute eigentlich?“
achim
Sozialministerin Rundt bei der NETZ Übergabe mit Mitherausgeber, Freund und Kollege Achim. Ich bin eifersüchtig.
Damals hat sie unsere Mauer zwischen Geflüchteten und Einheimischen eingerissen. Die Mauer liegt am Montag wieder an, die Version zwischen Arm und Reich. Mittlerweile lagern im Fundus sieben Versionen: Mauer zwischen Männer und Frauen, Alt und Jung, Dumm und Schlau …
Ich werde in die Kunstgeschichte als „Klaus-Dieter, der Maurer“ eingehen.

05.10.2016 – Nichts geht über einen wohlgeformten Bären

klaus-dieter
Ich und der Berliner Bär, im Empfangsaal vom Roten Rathaus in Berlin. Einer der zahlreichen Gründe, warum ich keine große Karriere gemacht habe, ist vermutlich, dass mir selbst bei ernsten Anlässen und Ansprachen mitunter die Gäule durchgehen und ich zu Scherzen neige, die nur ich verstehe oder lustig finde. Gottseidank kann ich mich nicht daran erinnern, was ich auf dem Foto gerade von mir gegeben habe. Der Berliner Bär hat zahlreiche Veränderungen im Laufe der Zeit durchlebt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde allen „zeichnerisch begabten Bärenfreunden“ Gelegenheit gegeben, einen Entwurf für eine Neufassung einzureichen. Unter anderem wurden dem Bären die Krallen gezogen, damit er nicht mehr so militant daher kam. Einige Abgeordnete meinten, der Bär sähe nun so verhungert aus, dass er lieber die goldenen Blätter aus der Krone zu fressen hätte bekommen sollen. Andere Abgeordnete verglichen ihn mit einem nassen Hund, der gerade aus dem Wasser gezogen wurde. Eine Bären-Findungs-Sitzung war ein laut Protokoll „einigermaßen beschämendes Zeugnis für die gedankliche und sprachliche Niederung, in der diese parlamentarische Aussprache sich bewegte, mit dem Ziel, über künstlerische Leistungen mit billigen Scherzen ein Todesurteil zu fällen“.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen:
Bei der Sitzung habe ich damals mehrfach das Wort ergriffen.