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12.08.2016 – Ein Künstler, der nicht reist, ist wie ein einbeiniger Fußballer.

War auch schon lange vor Goethe bekannt, der mit seinem Eckermann den Italienern auf die Nerven ging. Da gibt es natürlich Unterschiede. Wenn ich im Winter an der Algarve auf einer Klippe in der Morgensonne liege und mir der Duft von wildem Thymian und Salbei um die Nase weht, hinterlässt das andere Impressionen als ein Ritt durch Berlin. Was auch immer, im hiesigen Regenverseuchten Pseudosommermikrokosmos wird man die Wirklichkeit mit Klimmzügen an der heimischen Stadtmauer eher nicht durchdringen.
Berlin, Ausstellung im öffentlichen Raum, zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus: Die Wölfe sind zurück, am Hauptbahnhof. Zitat aus der Homepage:
„66 aus Metall gegossene Wölfe wirken bedrohlich und werfen Fragen auf: Was passiert, wenn die Formen der Ordnung und des Zusammenhalts zerbrechen und Fremdenfeindlichkeit sich wie ein Virus ausbreitet?“
wölfe berlin
Beim ersten Anblick, mir war die Ausstellung unbekannt, war ich überwältigt. Nach Abschreiten der Ausstellung und Lektüre der Infotafeln kamen mir Fragen. Mein Gepäck in Sachen Kunsttheorie kann ich schlecht ablegen: Wie geht man heute mit Tendenzkunst um? Was ist mit der Autonomie von Kunst? Kann man heute überhaupt noch mit Tiersymbolik arbeiten, das ist doch schon im 19. Jahrhundert obsolet gewesen?
Ich bin aber vorrangig Praktiker, kein Theoretiker. Entscheidend ist auf dem Platz (Sepp Herberger). Die Zeiten haben sich geändert. Die Kunst muss sich rückwärts nach vorne entwickeln, von der Postmoderne hin zur politischen Avantgarde, radikal, parteiisch und autonom. Das heißt, sie muss in den öffentlichen Raum eingreifen und anregen, zur Diskussion, zum Widerspruch, zur Aktion. All das erfüllt die Ausstellung „Die Wölfe sind zurück“. Man kann ihr einiges entgegenhalten, in den Feuilletons wird sie vermutlich, das check ich, wenn ich mal Zeit habe, eventuell unter „gut gemeint“ ein bisschen runtergeputzt, von irgendwelchen Tintenklecksern, die von der Praxis, davon, dass die braune Kacke überall am Dampfen ist, keine Ahnung haben.
in den krallen der wölfe
Mich hat die Ausstellung animiert. Sie wird gut angenommen und wirkt. Ich werde versuchen, sie nach Hannover zu holen. Reisen bildet. Und erspart Arbeit: So eine soziale Plastik wie diese im öffentlichen Raum zu organisieren, das wäre eine Heidenarbeit. Muss nicht sein. Da fahr ich lieber wieder nach Berlin …

05.08.2016 – Fäkalkeime und Sekt extra brut

Neulich beim Zappen in einer Sendung gelandet, in der Küchengegenstände im Labor untersucht wurden. Ich lag schon im Bett und döste zwischen Wachkoma und Delirium tremens vor mich hin. Als ich die Petrischalen mit dem Ergebnis sah, war ich mehr als hellwach. Kühlschrank innen war ok, helle Schale mit paar dunklen Flecken, aber der Küchenschwamm! Die gesamte Schale war rot übersät, coliforme Bakterien (Salmonellen, Klebsiellen, Enterobakterien) sonder Zahl. Logisch, der Schwamm ist zwar dauernd feucht und warm, aber Myriaden coliforme …. also nee. Ich bin echt nicht etepetete, bisschen Dreck kann schon mal vorkommen. Ich bin in einer Generation groß geworden, wo die Mütter nicht gleich hyperventilierten, wenn wir mal Sand im Spielkasten gefressen haben und dürfte eine ziemlich hohe Resilienz besitzen. Aber bei dem Bild bin ich sofort wach und nüchtern geworden, aufgesprungen und hab meinen Küchenschwamm entsorgt. So ein Bild hält glatt eine Woche vor.
kornfeld
Schnell andere Bilder her.
rübenfledDieses Bild hat sogar einen Namen: Komposition in grün – Rübenfeld I. (Das sind Titel, auf die de Kunstmob steht).
Gestern in der hiesigen Markthalle. Früher, als noch alles besser war, bin ich da oft hin, da wurden sogar noch lebende Kaninchen, Hühner und Fische verkauft. Heute eine Latte Bude neben dem nächsten Prosecco Stand und nur wichtige Leute. Unangenehm, aber es musste halt sein. Das schrie aber nach Alkohol. Es war warm, ich brauchte Sekt. Frage: „Ich möchte einen knochentrockenen Sekt. Haben Sie extra brut?“ Brut ist mir einfach zu wenig, wenn schon, dann extra. Antwort, gleich mit einer Flasche in der Hand: „Wir haben was trockenes da.“ Wenn ich was nicht leiden kann, sind es maulfaule Ignoranten, die nur verkaufen wollen und ihre Inkompetenz mit Arroganz tarnen. Ich: „Ich möchte extra brut. Haben Sie das?“ – Er: „Dry haben wir.“ O-Ton! Dry. Diese überhaupt nicht gebräuchliche Bezeichnung steht für einen bis zu 30fachen Restzucker als bei extra brut, einfach klebrig-süss, so etwas einem extra brut Kunden anzubieten, ist unverschämt.
Und das an einem Weinstand in der Ich-bin-so-wichtig-und-bin-ein-Kenner-Markthalle. Ich kenne mich mit extrem vielen Dingen überhaupt nicht aus, Autos, Computer, Löcher in die Wand bohren, etc. pp. aber mit Wein & Sekt kenne ich mich nicht nur aus, da bin ich Connaisseur und habe einen Geschmack, den ich mir eigentlich kaum leisten kann. Also, mühsam beherrscht: „Extra brut ist eine Klassifikation beim Sekt, die trockenste Variante mit einem Restzuckergehalt von maximal 6 Gramm. Führen Sie so etwas in ihrem Angebot?“ Der wichtige-Miene-Mister hinter dem Thresen schrumpfte auf Normalnull: „Extra brut haben wir nicht.“ Ich: „Dann bitte einen Rheingau Riesling. Trocken.“ Pause.
„Wenn Sie so was haben.“
Gott, ist die Markthalle zum Kotzen.
Aber Hauptsache, der Küchenschwamm ist nicht zum Durchfall …

04.08.2016 – Krokodil attackiert Ente

krokodil am teich
Das Krokodil an meinem Gartenteich wurde in letzter Zeit immer aggressiver. Es attackierte sogar die Gummiente, die ungekrönte Königin des Biotops. Was tun? Ich war ratlos, deprimiert. Ich schaute mir das Treiben frustriert an, mir fiel ein, dass ich das Sommerloch bisher medial nicht ausgenutzt hatte, eigentlich eine ideale Gelegenheit, beruflich oder künstlerisch etwas in den Medien zu lancieren. Aber der Sommer ist bisher ein trüber Witz und mir ist irgendwie fade. Gestern TV. Nur Mist. Ich schaute ersatzweise zum xten Mal eine DVD aus der Serie „Two and a half men“, eine völlig unterschätzte amerikanische Sitcom, die jenseits des überragenden Humortimings eine präzise Studie über das neurotische Mittelschichtspersonal der USA des 21. Jahrhunderts liefert. Die Staffeln 1 – 8 (mit Charlie Sheen, die Fortsetzung mit Ashton Kutcher ist Mist) sind die einzigen DVDs, die ich besitze.
Deprimierende Nachrichten auch aus dem Fränkischen, von meiner Restfamilie. Der legendäre Gerhard Lassner hat ausgebrannt. Lassner brannte den weltbesten Williams, nie und nirgendwo, selbst in den edelsten Restaurants dieses Planeten, trank ich besseren. Der sündhaft teure Ziegler (70 Ocken pro Pulle!) ist eine Brühe dagegen. Lassner dagegen unfassbare 13 Euro für eine Flasche.
lassner stoff
Schon in der Nase entfaltet sich eine unvergleichliche Aromenwelt beim Lassnerbrand, milde, geschmeidig im Abgang, man schmeckt die Streuobstweise durch, eine leichte Fruchtsäure geht eine ideale Komposition mit dem rassigen Fruchtaroma ein. Lassner selber ein knorriger Brenner, wie er im Buche steht. Vor Jahren rief ich ihn an, Stoffmangel, Familie nicht da, ich sülzte weltmännisch-charmant daher: „Lieber Herr Lassner, Ihr Williams ist ja aussergewönhlich blablabla … ich habe da einen Engpass blablabla. Können Sie mir eine Kiste Ihres phänomenalen Williams zusenden?“ Lange Pause. Ich hörte förmlich den Williams durch den Röhrenkühler tröpfeln. Dann: „Nein.“ Und legte auf. Ich spürte durch die Wortlosigkeit: Er hasste mein Geschwafel. Ich verehre diesen Mann. Und nun die Nachricht: Lassner burn out. Ich kriege die letzten zwei Flaschen, die es noch gab. Und dann? Verzweiflung macht sich breit in meinem Gemüt, das eh umwölkt ist. Googlen, vielleicht hat ja noch irgendwer Restbestände: Lassner + Williams. Fund: William Lassner in Westmount, Kanada. Am liebsten möchte ich gleich wieder ins Bett. Das Leben ist Zumutung. Unerfüllte Ödnis und trübe Wolken, bis zum Horizont.
Das Einzige, was mich aufrecht hält: Ich mache Kommunalwahlkampf (11.09 sind in Niedersachsen Wahlen) für einen Freund, dem beim letzten Mal 30 Stimmen für den Einzug in den Rat fehlten. Das werde ich ändern, mit brillanten Aktionen, witzigen Postkarten und Strassenwahlkampf! Da bin ich die Rampensau par excellence. Wenn das wieder nichts wird mit dem Ratssitz betrachte ich das als persönliche Niederlage!

03.08.2016 – Verzwergungen aller Art.

gefüllter zwerg
Verzwergung I: Diese Sonnenblume heißt „gefüllter Zwerg“. Im deutschen Sonnenblumenwesen hinkt der korrekte Sprachgebrauch noch hinterher. Siehe auch Sonnenblume „Goldener Neger“.
Verzwergung II: Sahra Wagenknecht ist von Linken schwer gescholten worden für folgende Worte:
„Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das‘ uns im letzten Herbst einreden wollte. Der Staat muss jetzt alles dafür tun, dass sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen können. Das setzt voraus, dass wir wissen, wer sich im Land befindet und nach Möglichkeit auch, wo es Gefahrenpotentiale gibt.“
AfD Position, Linkspopulismus etc. pp. Diese linke Schelte schelte ich hiermit meinerseits.
Die Integration ist mit erheblichen Problemen verbunden, es gibt Gefahrenpotentiale und selbstverständlich muss das so diskutiert werden, ohne das der ideelle Gesamt-Gutmensch gleich verbal Amok läuft. Zahlreiche Geflüchtete kommen aus einem Kulturkreis, in dem Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an der Tagesordnung sind. Das schafft Ängste in den jüdischen Gemeinden. Details im „Netz gegen Nazis“.
Allein aus diesem Grund ist Wagenknechts Position nicht nur legitim, sondern eine genuin linke, weil sie darauf insistiert, dass die Gleichheit aller Menschen im Lande, gleich welcher Religion, sexuellen Orientierung oder welchen Geschlechts sie sind, eine conditio sine qua non ist. Wo die gefährdet ist, ist der Staat gefordert. Wer da mit rosaroten Wattebäuschen vor den Augen durch seinen Nobelkiez wandelt und den Schulalltag nur aus den Erzählungen seiner Waldorf-Sprösslinge kennt, der kann sich ja mal bei Grundschullehrerinnen in sozialen Brennpunkten erkundigen, welchen Respekt junge Machos aus muslimisch geprägten Kulturkreisen Frauen gegenüber aufbringen, nämlich keinen, und wenn er es dann immer noch nicht kapiert hat, kann er seinen Urlaub dazu nutzen, eine Christopher Street Parade in Gaza zu organisieren. Mein Spartipp: Nur die Hinreise buchen. Das mit der Rückreise erledigt sich resp. erledigt ihn die Hamas. Wer diese kulturellen Prägungen gering redet, wird sich noch wundern
Das mit der Integration wird klappen, wir (wer ist das eigentlich?) schaffen das. Dafür sorgt das Kapital schon. Es gibt keine größere Integrationsmaschine als den Betrieb, die Wirklichkeit der kapitalistischen Arbeit. Wer da den Betrieb stört, seinen Kollegen beleidigt, schlägt, der fliegt. Nirgendwo herrscht so wenig offener Rassismus, sei es von Neonazis oder Islamisten ausgeübt, wie in deutschen Betrieben. An der Arbeitsfront herrscht Ruhe. Und an der Heimatfront sorgt der Repressionsapparat für Ordnung.
Klappt schon. Wir schaffen das.

02.08.2016 – 24 Jahre zu früh dagewesen!

Mein kommerzielles Pech als Künstler: Ich war der Zeit immer um Jahre voraus. Damit teile ich das Schicksal vieler Avantgardisten. Ein Beispiel: Im Ruhrgebiet gibt es 2016 einen Tag der Trinkhallen vulgo Kioske. Siehe dazu hier eine Aktion des SCHUPPEN 68 – von 1992!
kiosktour 1992
Synchron göbeln – kein Wunder, dass das bürgerliche Spießersystem mir den Durchbruch verwehrte. Auch der zweite Anlauf um 2010 herum war nicht erfolgreich, siehe hier.
Ich hatte beim hiesigen Schauspielhaus einen Projektantrag über eine nicht unerhebliche Summe gestellt. Ich wollte das Kioskprojekt in Kooperation mit denen durchführen, dieses mal noch ausgereifter als 1992, Zitat aus dem Antrag:
„Kioske sind niedrigschwellige, ursprüngliche Orte lokaler Versorgung und nachbarschaftlicher Kommunikation. Jeder Kiosk ist aufgrund von Angebot, Ausstattung und Anmutung ein Unikat und existiert widerständig zum normierten Konsum-Einerlei der Aldi, Lidl, Netto etc. Jeder Kiosk hat seine eigene Dramaturgie und erzählt eine andere Geschichte. Die weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten und die flächendeckende Durchseuchung aller Stadtteile mit Supermärkten ist eine Konkurrenz, gegen die Kioske auf Dauer nicht ankommen. Damit stirbt ein hannöverscher Mythos. 2008 gab es laut Hannover-Branchenverzeichnis noch 64 Kioske, im Jahr 2010 waren es nur noch 52. …
Die Grundidee: An mehreren Tagen findet eine szenische Stadterkundung in 7 Akten statt; jeder Akt spielt an einem anderen Kiosk in Hannover-Linden, entlang einer Strecke von ca. 500 Metern. ….“

Das Schauspielhaus erklärte sich damals nur bereit, Schauspielerinnen für das Projekt abzustellen. Damit war das Projekt beerdigt. Ohne Kohle kein Gejohle.
Heute wären drei Dinge anders:
1. Ich würde die Projektsumme verdreifachen.
2. Der Antrag wäre erfolgreich – wenn auch nicht beim Schauspielhaus.
3. Ich würde jemanden engagieren, der das Projekt durchführt. Auf den Nerv und die Arbeit hätte ich keinen Bock mehr.
So ändern sich die Zeiten.
Falls aber jemand, Schauspielhaus oder wer auch immer, meine Idee auch nur im Ansatz klaut, hat er sofort meinen Rechtsanwalt am Hals. Ich bin ein überzeugter Anhänger des Urheberrechts und gehe auch juristischen Scharmützeln mit wehenden Fahnen entgegen.
Und ich weiß jetzt, wie lange ich meiner Zeit voraus bin: Mindestens 24 Jahre.

01.08.2016 – Pistolen, Pillen und Weiber.

schwanengesang
Schwanengesang? Woran merkt man eigentlich, dass die Welt aus den Fugen geht und die Leute immer mehr durchdrehen? Das kann ja auch meine subjektive Wahrnehmung sein, altersbedingt. Wachsende Skepsis, Ängste, früher war eh alles besser, etc. pp. Also her mit der Ratio, her mit den Daten, auch unterhalb der Ebene der Amokläufe und Terroranschläge.
Beispiel: Im ersten Halbjahr 2016 stieg die Zahl der Anträge auf Waffenscheine um 50 Prozent. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Störungen ist in zehn Jahren um 200 Prozent gestiegen. Bei Mitteln gegen Depressionen liegt die Zuwachsrate bei 15 Prozent – pro Jahr. Andererseits: In Deutschland ist die Zahl der Suizide seit Anfang der achtziger Jahre ungefähr um die Hälfte gesunken. Was wiederum an der wachsenden Zahl der Antidepressiva liegen kann. Die wiederum muss nicht zwangsläufig auf eine wachsende Zahl der Krankheitsbilder hindeuten, sondern kann mit dem veränderten Verschreibungsverhalten der Ärzte zu tun haben. Fazit: Die Wirklichkeit ist komplizierter als die Realität.
Ich verlasse mich weiter auch auf meine subjektive Wahrnehmung und komme zu den Frauen. Was ist eigentlich mit der Darstellung von Frauen im Film und damit in einem wesentlichen Teil der bewusstseinsprägenden Industrie? Dafür gibt es einen Test, heißt, glaube ich, Bechdel, nach einer Karikaturistin benannt, sehr einfach und aussagefähig, drei Fragen:
1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen?
2. Sprechen die Frauen miteinander?
3. Reden die Frauen miteinander über etwas anderes als Männer?
Und wie werden Frauen in Filmen dargestellt? Laut Geena Davis Institut so:
Als Minderheit: weniger als ein Drittel aller Rollen für Frauen sind Sprechrollen
Untergeordnet: 14 % Führungsrollen
Unakademisch: 16 Professoren – eine Professorin
Unbekleidet: 25 Prozent teilweise oder komplett nackt, gegenüber 11 Prozent Männer.
Demnächst gibt es hier eine Auswahl „Best of unbekleidete Fotos von mir“. Bleiben Sie dran.

26.07.2016 – Über die Schwierigkeiten beim Nichtgrüßen

Das Nichtgrüßen ist eine der schwierigsten Herausforderungen sozialer Interaktion.
Ich habe mit kaum jemanden soviel Zoff gehabt, dass ich ihn oder sie bewusst und voller Inbrunst nicht grüße. Das ist kein Problem, das Problem war dann der Weg dahin.
Schwierig ist das kleinteilige Nichtgrüßen, also eher flüchtige oder ehemalige Bekannte, gar Freunde, von schlimmerem ganz zu schweigen, von denen man wünscht, sie wären Unbekannte. Unangenehme Zeitgenossen, dämliche, lästige, nichtige, was weiß ich. Es gibt viel mehr Gründe, jemanden nicht zu grüßen als umgekehrt.
Am anstrengendsten ist es, wenn man jemanden zum ersten Mal nicht grüßt. Wohin guckt man? Wie lässig-unangestrengt guckt man? Welche Körperhaltung? Soll der andere es merken? Das ist die Königsdisziplin des Nichtgrüßens, es den Anderen merken zu lassen, dass man ihn nicht grüßen will! Anstrengend.
Ein Ausgleich für mich sind dann die Menschen, die mich nicht grüßen wollen, ich das merke und denen dann die Tour vermassele (Ein Ausnahmefall ist der Fall, wo sich beide Nichtgrüßende gegenseitig nicht aufs Fell gucken können und sich nonverbal einig sind).
Ich nehme da mal den Sonderfall, wo Leute mir noch Geld schulden und im Zweifel schon mal die Straßenseite wechseln oder angestrengt beiseite gucken. Normalerweise bin ich mit dem Rad unterwegs, das macht die Situation etwas erträglicher, weil flüchtiger. Da brülle ich dann schon mal quer durch die Gegend:
„Ey. Alter, was macht meine Kohle?“
Da ich die in solchen Fällen eh nie wieder sehe, betrachte ich das als immaterielle Rückzahlung des Schuldners, durch die ich meinen Spaß hatte. Bin ich ein Arschloch? Manche sagen so, manche so.
sgraffito
Außergewöhnliche Werbung, gesehen in Neukölln. Das ist Sgraffito Technik, bei der der Bildgegenstand in Putz geritzt wird. Eine Technik aus der Renaissance, deren Begriff die Grundlage für den Begriff „Graffiti“ bildete, was kompletter Blödsinn ist, da Graffiti keine Materialabtragende Technik ist.
sgraffito 1
Vergrößerung. Hoffentlich steht das Haus unter Denkmalschutz. Diese Technik ist so selten, dass ich mich nicht erinnern kann, sie irgendwo im modernen Stadtbild schon mal gesehen zu haben.
Einen schönen Tag, liebe Leserinnen, und denken Sie dran, mich zu grüßen, wenn wir uns sehen!

25.07.2016 – Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Manchmal lese ich Blogeinträge von den Vortagen noch mal durch. War da zu großer Mist drin, hanebüchne Fehler oder war vielleicht was drin, was sogar für mich interessant ist? Diesen Spruch von gestern „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, muss ich relativieren. Dafür, dass ich mich für ein ziemliches Genie halte, werde ich eindeutig unterbezahlt, jedenfalls was die Kunst angeht. Das stört mich. Andererseits regeln auch das die ehernen Gesetze des Marktes. Hat schon seinen Grund, warum Mario Barth und Jeff Koons etwas höhere Preise am Markt erzielen. Also werde ich mich in jesusmäßiger Geduld üben.
von weitem sah es so aus als ob ein rudel jeussse übers wasser stakste
Von weitem sah es so aus, als ob ein Rudel Jesusse übers Wasser stakste.
Darüber hinaus und von wesentlich größerem allgemeinen Interesse, beschreibt der Geld-Satz ein grundsätzlich falsches Verständnis vom Geld. Zum Geld kann man kein gestörtes Verhältnis haben, Geld ist ein gestörtes Verhältnis. Die bürgerliche Nationalökonomie sagt zum Geld, es sei als Zahlungsmittel ein Medium, mit dem Tauschvorgänge durchgeführt werden können. Richtig, aber wie vieles an bürgerlicher Wissenschaft nur die halbe, nämlich ideologische Wahrheit. Geld macht durch seine Wertdefinition die Beziehung von Menschen zu Dingen zu einem Warenverhältnis. Und da fängt der Ärger an: Profit, Gier, Konsum, falsche Bedürfnisse etc. pp blablabla, das ganze neomarxistische Theoriegeklapper, was damals schon kaum einer kapiert hat. Was dadurch aber nicht falsch wird.
Ich hätte also nicht sagen dürfen „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, sondern „Geld ist ein gestörtes Verhältnis, aber wenn ich welches hab, schaufele ich es mit vollen Händen zum Fenster raus, und wenn ich keins hab, ist es mir auch egal.“ Nicht ganz korrekt, aber besser.
Something completely different:
berliner mauer
Am 13. August jährt sich der Tag des Baus des antiimperialistischen Schutzwalls zum 55. Mal.
Mir juckt es echt in den Fingern, meine Mauer zwischen Arm und Reich, zwischen Geflüchteten und Eingeborenen, zu einem Kunstwerk der ganz anderen Art umzufunktionieren. Natürlich hat ein Gemeinwesen, sei es die DDR, Europa oder gated communities, das sich durch Mauern vom Rest abschotten will, auf Dauer verloren. Nichtsdestotrotz wird der enthistorisierende Umgang den zum Beispiel Berlin mit der Mauer betrieben hat, wo praktisch kein realer Stein mehr da steht, wo er ursprünglich war, fatale Folgen haben. Wer aus der Geschichte nicht lernt, wird gezwungen, sie zu wiederholen. An so was könnte meine Mauer am 13. August mitten durch die Innenstadt erinnern. Das wäre dann mein Durchbruch und die Mauer wäre Bestandteil der nächsten Documenta und ich schwömme (Beachten Sie den raren Konjunktiv II Präteritum Aktiv!) im Geld.
Erstmal schwömme ich nachher im Kiesteich.

24.07.2016 – Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis

Zitat aus dem Artikel „KUNST FÜR SOLIDARITÄT“ über mich und meine Arbeit im Magazin „ue 40“, Ausgabe 26: „ Er provoziert und protestiert: Aktionskünstler Klaus-Dieter Gleitze liebt es spektakulär, wenn er zum Bespiel echte Geldscheine verbrennt oder sie vom Winde verwehen lässt. Dabei hat der Hannoveraner, Mitbegründer der Künstlergruppe „Schuppen 68“, zu Geld eigentlich kein gestörtes Verhältnis. Nur gegen die ungerechte Verteilung, die Spaltung zwischen Arm und Reich, kämpft er mit kreativen Mitteln und großem sozialem Engagement auch in der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen. … „ Ich bin ein politischer Mensch und trete für meine Überzeugung ein“.“
Ich kann mich an das Gespräch mit den Macherinnen von ue 40 nicht mehr im Detail erinnern und auf jeden Fall ist das alles korrekt, gut, ehrenwert und als eitler Mensch freue ich mich natürlich über solche Artikel. Deshalb druck (?) ich ihn ja hier auch ab. Ich habe im Gespräch auch bestimmt das mit dem „politischer Mensch“ und „trete für meine Überzeugung ein“ gesagt. Aber wenn ich das gedruckt lese, ist es mir für meinen Duktus einen Tick zu lutherisch-sendungsbewusst („Hier stehe ich und kann nicht anders“), zu kämpferisch-gutmenschlich und zu eitel, zu dick. Bei solchen Formulierungen lauert um die Ecke Pathos, Kitsch.
Und für die Arbeit als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen werde ich bezahlt. It’s my Job – der sich zufälligerweise mit meinen Überzeugungen deckt, was ein großes Privileg ist. Ich hab auch schon im Maschinenbau an der Produktion von Extrudern mitgewirkt, was sich nicht bis ins Detail mit meinen Überzeugungen deckte, mir aber scheißegal war, weil mit irgendwas musste ich ja Geld verdienen. Und zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis, siehe Artikel
160723Kunst für Solidarität ue 40-1

23.07.2016 – Früher war alles besser.

Sowieso. Die Steigerung dieses Spießerdiktums wäre: früher war alles. Heute scheint alles nur noch und selbst das ist nicht sicher. Schwere Gedankenkost an einem erfrischenden Samstagmorgen, wo Regenschauer die selbst in meiner Wohnung vorhandene schwülstickige Luft vertrieben haben. In meiner Wohnung wird es eigentlich nie über 25 Grad, verschattet und direkt über Keller: Für die Heizkosten im Winter kann ich mir ne Zweitwohnung am Prenzlauer Berg kaufen, aber in heißen Sommern ist das eine Labsal. Wenn die Klimakatastrophe so fortschreitet, werde ich mein nach Norden gelegenes Arbeitszimmer für teures Geld an Hitzeflüchtlinge vermieten. Dann brauch ich nicht mehr zu arbeiten, kann das Zimmer also weg.
Schreckliche Vorstellung. Schnell weg aus dem Kopf, aber ich hatte keine Lust, diesen komplexen Gedanken vom Anfang weiter zu verfolgen. Da landet man ja ruckzuck bei Platos Höhlengleichnis und wer will das schon.
pfauenauge
Früher war alles besser. Da hatten wir im Garten noch ganze Schwärme von Pfauenaugen und Admirälen, die den Schmetterlingsflieder bevölkerten. Wenn man vorbeiging, stoben Wolken von ihnen empor. Heute bin ich froh, wenn vier, fünf da rumflattern, flankiert von zwei, drei Zitronenfaltern. Kann man nach dem Terroranschlag in München mit 10 Toten so leichthin seinen Blog schreiben? Man muss es sogar, als Autoimmunisierung. Außerdem gilt:
Wer vom aktuellen Terror redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Die rasenden Verfalls-Zustände in der Gesellschaft und in den Köpfen der Individuen kann man nur mit den Kategorien von Kapitalismuskritik erfassen. Was nicht bedeutet, dass der böse Kapitalismus an allem schuld ist. Selbstverantwortung gilt trotz allem, für Gesellschaften und Individuen. Ich kenne keinen ethischen Ansatz, der sagt: wenn der Kapitalismus dich nervt, gehe hin in alle Welt und richte Terror an.
Wenn er Dich nervt, setze Dich für seine Abschaffung ein. Das wäre ok, steht aber nicht auf der Tagesordnung. Im Gegenteil: Die Welt geht zunehmend aus den Fugen und den Bach runter. Da zitiere ich mich mal wieder selbst, hoffe aber, dass ich damit ähnlich richtig liege, wie bei meinen Wetten zur Fußball EM und bei den Lottozahlen, nämlich komplett daneben.
Es hört gerade auf zu regnen. Das Tagwerk ruft. Ich hör dann mal auf zu schreiben…