
Selbst die katholische Kirche hat es schon erfasst,
nur Gendersprache passt!
Im verdienten Kollektiv der Herausgeber (leider nur Männer) der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung führen wir einen erbitterten Streit um die Verwendung gendergerechter Sprache. Ich sehe das pragmatisch. In den Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, setzt sich immer das „Herausgeber_innen“ oder „Herausgeber*innen“ durch. „HerausgeberInnen“ ist kein Standard mehr und „Herausgeber“ sowieso nicht, es sei denn, es sind nachweislich nur Männer. Also setze ich mich im offiziellen Sprachgebrauch lieber an die Spitze einer Veränderung, bevor ich – altersstarrsinnig geworden – gar nichts mehr mitkriege.
In diesem Blog benutze ich dagegen fast ausschließlich die weibliche Form. Pragmatismus eben. Meine Kollegen sind da komplett anderer Ansicht, Zitat: „Ich lasse mir die Sprache nicht verhunzen. Für mich gilt der Duden etc. pp“. Also eher die Richtung „Herausgeberinnen und Herausgeber“.
Unsere Kompromissformel im Impressum der NETZ:
Die Verwendung gendergerechter Sprache liegt in der Verantwortung der Autorinnen und Autoren.
Ob meine Kollegen ihre wertkonservative Einstellung aufgeben, wenn die katholische Kirche die Sprachregelung „Bischöf_innen“ und „Päpst*innen“ einführt?
Auf den Vers zu Beginn des Eintrags bin ich in Erinnerung eines alten Lehrbuchs über das Normungswesen (DIN A 4 und ISO 9001 ff. und so Zeug) gekommen, mit dem ich das Handwerk des deutschen Normers in der deutschen Metallindustrie erlernt habe. Ich bin eben nicht nur Germanist, sondern ein echter Allrounder. Da stand unter der gezeichneten Abbildung eines Schwarzen mit Bastrock, der freudig erregt einen Elektro-Stecker schwenkte, vor einem Kessel mit einem Missionar drin, folgender Vers:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.
Das Lehrbuch war aus den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts.
Wie schön ist dagegen der Anblick des Mohren-Haus

Bamberg – Obere Brücke.
Reisen macht Spaß.
Eine Email von Secret Escape, einem wirklich guten Anbieter von Reise-Schnäppchen der gehobenen Kategorie, hat heute morgen den Betreff: „Das wichtigste Gepäck? Ein fröhliches Herz!“
Ein fröhliches Herz als Gepäck? Mir ist der Urlaub schon verdorben, wenn ich einen Akku vergessen habe. Ganz zu schweigen von Sonnenmilch, Mundwasser, Rosmarinöl, Sonnenmütze, Fernglas, zwei Kugelschreibern, Ouzo-Flachmann, Schweizer Armeemesser, Fotoapparat, Camcorder, Reservebrille … to be continued.
Ich wünsche allen Leserinnen ein fröhliches Herz und einen entspannten Urlaub
Archiv für den Autor: admin
29.06.2016 – Wetten , dass ich Zocker bin?
Wenn Sie, liebe Leserin, mir einen Guten Tag wünschen, halte ich 2:1 dagegen. Sie brauchen nur die Floskel einzubringen: „Also jede Wette …“ unterbreche ich Sie sofort und halte dagegen, getreu dem Motto der Marx Brothers: Whatever it is – I’m against it. Was aber mehr anarchistisch gemeint war, während in mir ein Dostojewskischer Dämon wütet.
Nicht unbedingt ein Dämon, eher ein Teufelchen. Wie dieses hier:

Manteuffelstr., Kreuzkölln.
Und es wütet auch nicht, sondern kriegt ab und zu geregelten Auslauf. Alle zwei Jahre, zu Europameisterschaften und Weltmeisterschaften, zieht es mich in die lokalen Wettbüros und was andere beispielsweise für Operntickets oder Bordellbesuche ausgeben, lasse ich durch den Schornstein meiner Wettleidenschaft abrauchen. Dieses Mal alles auf Spanien, bei einer Quote von 6:1. Bei Sieg wäre das ein zauberhaftes Berlin Wochenende geworden, mit allen Schikanen.

Berlin, Plakat Aufbau Stalinallee.
Das Ergebnis ist bekannt. Ich sah mir Spaniens Niederlage gegen die Italiener beim Public Viewing an und erntete spöttisches Gelächter, als ich angesichts des drohenden Untergangs der spanischen Tiki-Taka Armada unter Admiral Iniesta lauthals in Richtung Leinwand wütete: „Geht gefälligst sorgfältiger mit meiner Kohle um!“
Früher bin ich ab und zu auf die Pferderennbahn gegangen oder ins Spielcasino, auch wegen des Ambiente. Das sind schon eigene Welten und Inszenierungen da. Wettbüros sind dagegen eine eher deprimierende Szene. Ausschließlich ältere Männer und nicht gerade lässige James Bond Typen im Smoking wie in Casino Royale, sondern eher Verlierer, die meisten vermutlich spielsüchtig. Es riecht nach Schweiß und Nikotin. Die Sucht ist da auf ihren Kern reduziert, keine Inszenierung drum rum, kein Tamtam und Chichi. The real thing und nichts anderes. Wettbüros haben was von Pornoläden an sich.
Aber selbst in dieser trostlosen Atmosphäre gibt es immer einen kurzen Moment, meist beim Abwägen der Wette und Checken der Quote, wenn die Lust am Spiel durchbricht, wenn für einen Moment unverhüllte Leidenschaft hochzügelt, roh und jenseits von Kontrolle, die Essenz des Gefühls, wenn man so will. White light, white heat, shaping way down to my toes. Dieses Gefühl kriegt dann spätestens nach solchen Erlebnissen wie beim Public Viewing für zwei Jahre wieder Ruhe. Ich bin schließlich Mitglied der Zivilisation. Kontrollverlust gerne, aber bitte termingerecht, in geregelten Bahnen und unter staatlicher Aufsicht.
Das Geld ist mir wie jedem echten Zocker piepegal. Und bei Fußballwetten geht es auch um die Ehre des Sachverstands. Meine Ehre kann nur noch durch einen Sieg der Italiener am Samstag über die Ostgoten wiederhergestellt werden. Und das Sahnehäubchen wäre, wenn Belgien Europameister wird. Mit einer Quote von 5:1.
Aber ich werde ehrlos untergehen und meinen nächsten Berlinaufenthalt wieder selber bezahlen müssen.
27.06.2016 – Wer tritt Usama Zimmermann in den Arsch?
Die flirrende Hitze drückte auf die Stadt, sie war beim Gehen wie ein wattiger Nebel regelrecht körperlich zu spüren. Also stellte ich das Gehen ein und hing im zauberhaftesten innerstädtischen Park der Welt ab, im Körnerpark mitten in Neukölln.

Körnerpark

Selbst Monika suchte den Schatten und Bionade.
Zwecks Minimierung des Gehens setzte ich mich danach im Bus M29 ins Oberdeck und cruiste durch Kreuzkölln. Alles sah ruhig, freundlich und einladend aus. Die Hitze deckte einen Mantel aus Gemächlichkeit über den Asphalt. Dann sah ich Usama Zimmermann am Görlitzer Bahnhof.

„Der zionistisch Staat mit deutschen Zionisten und internationalen Zionisten terrorisieren die Deutschen, die Ausländer und die ganze Welt.“
Der Jude ist eben immer an allem schuld. Selbst am Holocaust.
Dieser Usama Zimmermann ist mit Sicherheit auch im klinischen Sinne geisteskrank, ein Fall für die Pathologie. Leider sind solche Leute nicht immer nur „harmlose Spinner“. Da draußen rennen immer mehr Gestörte rum, denen der aus den Fugen geratende Lauf der Welt die mörderische Grundierung ihrer eigenen kranken Seele gibt. Und am Ende steht dann zum Beispiel Orlando mit 49 ermordeten Lesben und Schwulen.
Der Spinner mit dem Namen des bekennenden Pazifisten Usama steht da wohl öfter an der Kreuzung. Ich hoffe, dass demnächst mal eine Reisegruppe aus Israel da vorbeikommt, deren Mitglieder wegen gerade geschehener Terroranschläge auf Juden – und die geschehen dauernd überall auf der Welt – einen ziemlichen Hals haben auf solche Gestalten und den Usama kurz aber auch mal so was von in der Arsch treten. Der Typ ist offensichtlich Gewohnheitstäter, siehe auch Gerd Buurmann in seinem Blog „Tapfer im Nirgendwo“: „ …. Am 10. Juni 2016 demonstrierte Usama Zimmermann in Berlin über die angebliche Bosheit der Zionisten. Zwei Tage zuvor waren in Tel Aviv vier Juden ermordet worden. Sie hatten sich nicht versteckten, weder hinter Bäumen, noch hinter Steinen, auch nicht in Geheimdiensten. Sie saßen in Cafés und liebten das Leben. Sie wurden gezielt ermordet, weil sie Juden waren. ….“
26.06.2016 – Downing Street? Drowning Street!
Fiel mir eben beim Betätigen der Klospülung ein. Hab die Überschrift gegoogelt, keine Fundstellen. Komisch. Liegt doch so was von auf der Hand nach dem Brexit und Cameron’s Rücktritt. Habe ich es nur mit Blinden zu tun?

Public Viewing zur EM. Städtische Blinden Anstalt, Berlin, Oranienstr. (Das Bild als flachen Fussballer-Scherz wollte ich mir nicht entgehen lassen, möchte aber darauf hinweisen, dass die DIM – Die imaginäre Manufaktur ein tolles Projekt mit behinderten Menschen ist. Wer in Berlin in die Oranienstr. kommt – und wer käme da nicht nicht hin, das ist ein must have: Besuchen, Wein trinken, was kaufen).
Ich bin mir bei dieser ganzen Brexit Diskussion nicht sicher, ob die von den Medien befragten Fachleute einfach nur dämlich sind oder dreist. Die Kernfrage, die jeder einigermaßen plietsche Journalist am Ende eines Brexit-Interviews stellt:
„Und wie kann eine weitere Spaltung (ersatzweise: Schwächung) der EU verhindert werden?“
Da kommt dann ein „Schwer zu sagen“, „Wenn man das wüsste“ oder ellenlanges Geschwalle, an dessen Schluss der Worthülsen-Absonderer selbst nicht mehr weiß, was er eigentlich gesagt hat. Gemeint hat er sowieso nichts. Die Tatsache, dass die EU ihren Akteuren um die Ohren fliegt, ist eine Konsequenz der wachsenden Spaltung zwischen Arm und Reich, in den Nationen und innerhalb der EU. Die Ausdehnung und Ökonomisierung der EU als eine Form der Globalisierung produziert jede Menge Verlierer und die stehen nun mal mehr auf die rechten Vereinfacher-Parolen, Rassismus und Nationalismus als auf internationale Solidarität und Klassenkampf. Eine weitere Spaltung der EU kann nur verhindert werden durch nachhaltige Armutsbekämpfung. Aber die Kapitalisten wären beim derzeitigen tendenziellen Fall der Profitrate ja bescheuert, wenn sie sich darauf einließen, hier was abzugeben. Ihr Kapital ist schließlich grenzenlos mobil und kann jederzeit verlagert werden, nach Schanghai, Singapur oder Timbuktu. Die Angst vor dem sozialen Absturz ist in ganz Europa in der Mitte der Gesellschaft angekommen und diese Angst produziert die hässliche Fratze des Bürgertums, den Populismus.
Wieso antworten die Fachleute sowas nicht einfach? Wissen sie es nicht und sind ergo dämlich? Oder wissen sie es und verarschen den Mob nur, in dem sie so unfassbar blöde Sätze von sich geben wie: „Wir haben Europa einfach nicht genug erklärt und keine emotionale Wärme dafür erzeugt.“ Dieser Spiegel-Kommentar zur hier beschriebenen Situation bringt es fertig, nicht ein einziges Mal die Begriffe „Arm“ und „Reich“ zu verwenden. Solche „Antworten“ erzeugen bei mir Wärme, aber ganz anderer Art.

Kühlen Kopf bewahren. Berlin, letzten Freitag, 36 Grad. Ideales Wetter, um in Kreuzkölln auf Kieztour zu gehen. Da dehydriert man schon beim Denken.
23.06.2016 – Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?

Oder doch so:

Wo ist eigentlich der Sinn? Ich vermisse den zauselbärtigen Griesgram Hans-Werner Sinn vom IFO Institut doch irgendwie, der im Gesicht so aussah wie ich noch nicht mal am Südpol aussehen möchte. Ein besseren Lakaien und Büttel des Kapitals hätte sich auch ein Satiriker nicht schnitzen können: antisemitisch grundiert, beinharter Destroyer jeden Sozialstandards, als Forscher eher ein Dünnbrettbohrer, aber als mediale Heulboje omnipräsent und für keinen Scherz zu haben, was sich jederzeit auf seiner Jammerphysiognomie abzeichnete und mir eine Strafanzeige von ihm eintrug, als ich mit seinem Namen Schindluder trieb. Die Anzeige war insofern berechtigt, als man NIEMALS NIEMALS Namenswitze machen darf, aber inhaltlich noch dünner als seine Forschungsergebnisse. Ich machte mir noch nicht mal die Mühe einen Anwalt zu nehmen und reichte auf seine mustergültig unprofessionelle 40 Seiten Klageschrift, von der nobelsten Kanzlei in München verfasst, eine anderthalbseitige Erwiderung ein. Das zuständige Amtsgericht watschte den Miesepeter vollstumfänglich ab. Ich bildete mir ein, dass er nach diesem Urteil medial nie wieder zu alter Tiefstform auflief.
Aber der Sinn fehlt mir! Keiner brachte meinen zu niedrigen Blutdruck so zuverlässig in Wallung wie er. Nie fegte meine Feder ideengetränkter übers Konzeptpapier, wenn Struppis Medusenhaupt mal wieder den Untergang des Abendlands bejammerte, nur weil die faulen Griechen sich weigerten, unter dem Diktat der Austerität einfach mal eben zu verhungern.
Hans-Werner, bitte komm zurück! I need you so urgently. Oder um es mit meiner früheren Lieblingsband, den Equals, zu singen: Come back, baby, come back. Das Video ist schwarz-weiss, was in dem Zusammenhang ein subsubtiler Witz ist. Hahaha. Wenn Sie auf Soul und Funk stehen und die Möglichkeit haben, die Equals zu hören, nichts wie hin. Mittlerweile sind das nur noch Schwarze, die eine derart gefährlichen Groove an den Tag resp. in die Nacht legen, dass frau schon tot sein muss, wen sie dazu nicht tanzt. Aber ob die Equals überhaupt noch leben?
Von Hans-Werner Sinn auf die Equals zu kommen, dass muss mir auch erst mal eine nachmachen.
Freies Fluten.
21.06.2016 – Magisches

Grenzübergang Helmstedt-Marienborn, dieser Begriff hat für Angehörige meiner Generation einen magischen Klang. Er stand wie wenige für teilweise Parzellierung Großdeutschlands.
Den magischen Klang hatte Helmstedt-Marienborn aber nicht nur wegen der Teilung Deutschlands, sondern vor allem, weil es von da nach Berlin ging. Berlin, Fluchtpunkt der Kriegsdienstverweigerer und Ort eines irgendwie alternativen Lebens. Wenn man im Auto sich Helmstedt-Marienborn näherte, ging der Puls in die Höhe. Vor allem erst mal wegen der Grenzkontrollen.
Mich zog es damals noch nicht so nach Berlin wie heute, hab eher Klimmzüge an der hiesigen Stadtmauer gemacht.
Natürlich war ich auch kategorisch dagegen, dass Berlin Hauptstadt werden sollte. Drohendes Fanal eines neuen Großdeutschlands, dass den zweiten Weltkrieg in der Verlängerung doch noch gewinnt, an der Grenze nach Osteuropa – das war die Argumentation von aufrechten Linken damals. Die Linke ist jetzt eher erodiert und krumm und bei den durchgeknallten Potentaten und kryptofaschistischen Strukturen östlich der Elbe muss man mittlerweile beinahe dankbar sein, dass die BRD zumindest ab und zu mal zaghaft an die Einhaltung von minimalen Menschenrechten erinnert. Hauptsächlich deshalb, um den Gang der Geschäfte aufrecht zu halten. Was aber im Ergebnis erst mal egal ist. Jedem Sinti oder Roma, der in der Slowakei oder in Ungarn bei Pogromen nicht vertrieben oder totgeschlagen wird, ist es gleich, dass die Ursache dafür nicht Empathie ist, sondern Druck einer Regierung, die sich Sorgen ums Geschäft macht. Was die EU braucht, ist Rechtssicherheit und ein gutes Image.
Ich schwanke noch zwischen zwei Forderungen: Her mit dem alten Eisernen Vorhang. Oder im Rahmen eines robusten Mandats Einmarsch der französischen Fremdenlegion in Pogromregionen.

Berlin, Frankfurter Tor mit Lavendel. Mit Blitz fotografiert. Unnatürlich Kontrastscharf.
Und das Berlin Hauptstadt ist, finde ich mittlerweile gar nicht mehr gruselig. Fast alle wichtigen Organisationen, mit denen ich zu tun habe, haben ihren Hauptsitz in Berlin und alle wichtigen Veranstaltungen finden da statt. Wenn ich z. B. nicht am Armutskongress teilnehmen würde, machte ich mich einer Dienstverfehlung schuldig. Ich muss dahin.
Gibt schlimmeres. Und die ästhetische Bildung soll heute auch nicht zu kurz kommen. Sie ist die Grundlage einer aufgeklärten politischen Haltung, den wachen Blick, auf das, was ist und wie es sich ständig wandelt. Lektion für heute „Magische Bildmomente erfassen“:.

Kontrastschärfe – natürlich, siehe auch Bild Frankfurter Tor oben. Irgendein Sommertag. Mittagspause auf der Veranda. Für einen Moment zeichnete das Sonnenlicht eine gleißende Kontrastschärfe auf alle Gegenstände. Die Konturen stachen wie vom Rasiermesser gezogen hervor. Alles schien klar. Aber nur für einen Moment.
Muss jetzt aufhören, da ruft was.
Vermutlich Berlin.
19.06.2016 – Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Partei
Es gibt Reden, die Geschichte machten und die in jedem Rhetorikseminar als Anschauung dienen. Catos “Ceterum censeo …“ über die Zerstörung Karthagos, Churchill’s “Blood, Seat and Tears” über den Krieg gegen Nazi-Deutschland und Ernst Reuters “Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt …” zum Auftakt des Kalten Kriegs in Berlin. Dazu zähle ich auch noch mein „Tweddle Tee and Tweedle Dum“ anlässlich der vom SCHUPPEN 68 durchgeführten Umbenennung des hiesigen „Marktplatz“ in „Marxplatz“, aber das wird ja von der bürgerlichen Geschichtsschreibung nach wie vor totgeschwiegen.
All diese Reden kulminieren in dem einen Satz, der Geschichte für die Ewigkeit nachklingen lässt. Genau dieser Satz ist es, er macht den Mythos. Ernst Reuters Satz ging mir durch den Kopf, als ich beim letzten SPD Sommerfest auf den Stufen des Wilhelm-Busch-Museum auf das bunte Treiben schaute.

Alles was Rang und Namen hat, war da. Ich auch. Ich hab auch einen Namen und zwar meinen eigenen. Mir wurde auf den Stufen des Museums klar, dass ich Zeuge des Schwanengesangs einer ehemaligen Volkspartei war, die sich ohne Not durch eigenes Verschulden zerschrotet hatte. Ich empfand das in diesem Moment als tragisch, nicht aus Liebe zu dieser Partei, meine Liebe ist rar gesät, sondern beim Gedanken daran, was die Alternative zur SPD ist. Die für Deutschland und ähnliches Gesindel. Gruselig. Mich erinnerte dieser Moment an Reden zum 1. Mai, die ich früher auf Einladung des DGB in kleineren Orten unserer Region gehalten habe (Reden, Rhetorik, wir erinnern uns, Cato, Churchill und Ich, das sind die großen Drei). Es war immer die gleiche Geschichte: In einem Jahr Kundgebung auf dem Marktplatz, im nächsten drinnen, weil es sonst zu peinlich gewesen wäre und im übernächsten fiel die Mai-Feier mangels Masse aus. Schwanengesang der Arbeiterbewegung. Deprimierend. Der Fortschritt ist offensichtlich eine Schnecke im freien Fall.
Das alles ging mir auf dem Sommerfest – mit excellenten Weinen, Bio-Fleisch und Veganem vom feinsten – durch den Kopf. Was wie immer aufheiterte, war die Kunst. Ich machte ein weiteres Foto, um für ein Seminar Anschauungsmaterial zu haben dafür, wie man manipuliert, ohne zu fälschen.

Auch SPD Sommerfest – anderer Blickwinkel, anderer Zeitpunkt.
Ich hätte ohne zu lügen nur dieses Bild veröffentlichen können. aber mit der Textzeile:
SPD Sommerfest – so trostlos wie die ganze Partei.
Manipulation.
Da haben Sie, liebe Leserinnen, aber wieder einiges hier im Blog gelernt. Ich würde zu gerne darüber ein Extemporale schreiben lassen. Stattdessen wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen, einen charmanten und sonnigen Wochenbeginn.
Bevor ich es vergesse, hier ist das nicht bearbeitete Original …:

16.06.2016 – Ich bin Badehosentauglich
Radausflug zum Gehrdener Berg, mit seinen 155 Metern für einen Flachlandtiroler der norddeutschen Tiefebene eine Tour de France-ähnliche Herausforderung. Aber der Sommer naht und eine Badehosentaugliche Figur will gepflegt werden. Ansätze eines Embonpoint werden gnadenlos durch Powerbike-Touren, Expander- und Hanteltraining, Diäten und eiserne Alkoholdisziplin bekämpft. Der war gut, hahaha. Was ich durch äußere Erscheinung und innere Wert nicht gewinnen kann, mache ich mittels prall gefüllter Geldbörse wett. Solche und ähnliche trägen Scherze schwebten sommerwölkchengleich durch mein mattes Hirn, als ich auf einer Parkbank auf der Spitze des Berges den Horizont betrachtete, an dem Gewitterwolken sich in die Luft schraubten.

Zwei Tölen kläfften mich doof an. Es war ein arkadischer Moment. Eine Schrifttafel erweckte mein Interesse

Ooops.
Die Abfahrt vom Gehrdener Berg mit bis zu 60 km vermittelte mir das beruhigen Gefühl schneller als jedes Gewitter zu sausen. Nach dem einen oder anderen Schlenker kam ich in der untergehenden Sonne zum Gelände der Wasserstadt Limmer. Hinter mir im Osten Donner und Blitz.

Das Wahrzeichen der zukünftigen Wasserstadt, ein gigantischer, in Stein gemeißelter Blitzattraktor, schien mir drohend seinen Mittelfinger entgegenzustrecken: „Dich wird der Blitz noch beim Scheißen treffen, Du Badehosenuntauglicher Wicht!“ Auf den letzten Metern zu meiner Homebase entkleidete ich meine grauen Zellen des platten symbolistisch aufgeladenen Naturalismus und dachte wieder in politischen Kategorien. Dieser Turm ist ein faszinierendes Industriedenkmal und verleiht der später wahrscheinlich 08/15 aussehenden Wasserstadt, Häuschen hier, Gärtchen da, Spießer rechts, Spießer links, ihre Einzigartigkeit.
Der Turm muss renoviert werden, was über eine Million kosten dürfte. Das muss die Stadt übernehmen, weil der Investor Papenburg, der das Gelände von der Stadt gekauft hat, sich weigert, das zu investieren. Das alte Lied: Die Verluste werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.
Warum trifft solche Leute nicht mal der Blitz beim Scheißen?
Zuhause angekommen, war ich mit mir und der Welt im Reinen. Ein Wolkenbruch ergoss sich über meinem Garten. Giessen brauchte ich auch nicht mehr. Ich knabberte Schokoladentörtchen und schlürfte weißen Port von Niepoort, eine Offenbarung. Ab Morgen würde ich auf dem direkten Weg eine Badehosentaugliche Figur ansteuern und mir übermorgen eine Badehose kaufen.
13.06.2016 – Aktion „NETZ geht’s los“ ging gut los!
Mit der Kunst-Aktion „NETZ geht’s los!“ wurde die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 4 in Hannover am Kröpcke am 10.06 um 16 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt. Details hier.

Meine Lieblingsaktion war „Die deutsche Nationalhymne“, zergeigt von Paul Kremer von den Violin Guys, junge Straßenmusiker, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite
Gerade bei einer Fußball EM kochen Nationalismen wieder hoch. Nationalismus ist nicht der Nährboden für Rassismus, er ist sein konstituierendes Merkmal. Mir sind alle nationalen Symbole ein Gräuel, ob Hymnen oder Fahnen. Meine Fahne flattert mir voran und zwar nach einem Zechgelage und das reicht an Fahnen. Ich hatte bei der Aktion extra angekündigt, dass es sich bei Paul Kremers Beitrag um „Satire“ handelt, die an Jimi Hendrix und Stars Spangled Banner in Woodstock erinnern soll. Für die Intellektuellen und die Frauen im Publikum hatte ich noch nonchalant fallen gelassen, dass wir es hier mit einer klassischen Dekonstruktion nationaler Symbole zu tun haben. Trotzdem kam nach dem Ende der Hymne der besorgt-ernste Zwischenruf: „Das muss der Junge aber noch üben.“

Todsicheres Mittel, um das Publikum zum Mitmache zu animieren: Ein Quiz, bei dem es echtes Geld zu gewinnen gibt. Die Fünf-Euro-Scheine sind als Unikate mit Texten beschriftet, rund um das Thema „Armut und Ausgrenzung“. Für manche Antworten hätte ich lieber Kopfnüsse verteilt.

Mein Lieblingsbild. Dancing in the streets.
Ich hatte es aber nur eilig, weil wir in Zeitverzug waren. Gebt mir ein Mikro und ein Publikum und ich vergesse die Zeit.
Ob das für alle Beteiligten ein Zustand der Euphorie ist, sei mal da hin gestellt
Wo hin, weiß ich auch nicht, Hauptsache wech.
07.06.2016 – Programm für den 10.06: „NETZ geht’s los!“ Kunstaktion zum Start der NETZ Nr. 4, Hannover, Kröpcke, 16 – 17 Uhr
Mit dieser Kunst-Aktion wird die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 4 der Öffentlichkeit vorgestellt. Inhalt der NETZ: Die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich. Schwerpunktthema der NETZ Nr. 4: Flüchtlinge. Download hier: NETZ Nr. 4
Der 10. Juni ist deshalb für das Erscheinen der NETZ 4 gewählt worden, weil dann die Fußball-Europameisterschaft beginnt. Wir wollen an den grenzüberwindenden und völkerverständigenden Gedanken von Fußball anknüpfen. Viele Spieler haben Migrationshintergrund. Fußball ist – neben Kultur – eine der letzten großen gesellschaftlichen Erzählungen, die schichtenübergreifend funktioniert: Hier treffen sich noch Arm und Reich, Flüchtlinge und Einheimische.
Ablauf
– Einführung: Klaus-Dieter Gleitze, für die LAK und die NETZ
– Musiksatire: Paul Kremer, Violine
– Rede: Niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt
– Kunstaktion „Fünf Euro“: Bei einem Quiz zum Thema „Armut & Ausgrenzung“ gibt es echte
Fünf-Euro-Scheine als Gewinn.

Diese sind mit Texten zur Armutsproblematik beschriftet und können so als Kunstwerke in den Umlauf gebracht werden.
– Lesung: „Eine Seefahrt, die ist lustig“, Hermann Sievers (Text siehe NETZ, Seite 8)
– Aktion „Die Mauer muss weg!“: Wir reißen gemeinsam eine Mauer aus Pappkartons ein, die für die Ausgrenzung von Flüchtlingen steht.
Und zum Start der Fußball EM erhalten alle die Gelegenheit, ihr fußballerisches Können unter Beweis zu stellen.
Die NETZ ist wie der EM-Ball: Eine runde Sache!