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03.08.2016 – Verzwergungen aller Art.

gefüllter zwerg
Verzwergung I: Diese Sonnenblume heißt „gefüllter Zwerg“. Im deutschen Sonnenblumenwesen hinkt der korrekte Sprachgebrauch noch hinterher. Siehe auch Sonnenblume „Goldener Neger“.
Verzwergung II: Sahra Wagenknecht ist von Linken schwer gescholten worden für folgende Worte:
„Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das‘ uns im letzten Herbst einreden wollte. Der Staat muss jetzt alles dafür tun, dass sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen können. Das setzt voraus, dass wir wissen, wer sich im Land befindet und nach Möglichkeit auch, wo es Gefahrenpotentiale gibt.“
AfD Position, Linkspopulismus etc. pp. Diese linke Schelte schelte ich hiermit meinerseits.
Die Integration ist mit erheblichen Problemen verbunden, es gibt Gefahrenpotentiale und selbstverständlich muss das so diskutiert werden, ohne das der ideelle Gesamt-Gutmensch gleich verbal Amok läuft. Zahlreiche Geflüchtete kommen aus einem Kulturkreis, in dem Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an der Tagesordnung sind. Das schafft Ängste in den jüdischen Gemeinden. Details im „Netz gegen Nazis“.
Allein aus diesem Grund ist Wagenknechts Position nicht nur legitim, sondern eine genuin linke, weil sie darauf insistiert, dass die Gleichheit aller Menschen im Lande, gleich welcher Religion, sexuellen Orientierung oder welchen Geschlechts sie sind, eine conditio sine qua non ist. Wo die gefährdet ist, ist der Staat gefordert. Wer da mit rosaroten Wattebäuschen vor den Augen durch seinen Nobelkiez wandelt und den Schulalltag nur aus den Erzählungen seiner Waldorf-Sprösslinge kennt, der kann sich ja mal bei Grundschullehrerinnen in sozialen Brennpunkten erkundigen, welchen Respekt junge Machos aus muslimisch geprägten Kulturkreisen Frauen gegenüber aufbringen, nämlich keinen, und wenn er es dann immer noch nicht kapiert hat, kann er seinen Urlaub dazu nutzen, eine Christopher Street Parade in Gaza zu organisieren. Mein Spartipp: Nur die Hinreise buchen. Das mit der Rückreise erledigt sich resp. erledigt ihn die Hamas. Wer diese kulturellen Prägungen gering redet, wird sich noch wundern
Das mit der Integration wird klappen, wir (wer ist das eigentlich?) schaffen das. Dafür sorgt das Kapital schon. Es gibt keine größere Integrationsmaschine als den Betrieb, die Wirklichkeit der kapitalistischen Arbeit. Wer da den Betrieb stört, seinen Kollegen beleidigt, schlägt, der fliegt. Nirgendwo herrscht so wenig offener Rassismus, sei es von Neonazis oder Islamisten ausgeübt, wie in deutschen Betrieben. An der Arbeitsfront herrscht Ruhe. Und an der Heimatfront sorgt der Repressionsapparat für Ordnung.
Klappt schon. Wir schaffen das.

02.08.2016 – 24 Jahre zu früh dagewesen!

Mein kommerzielles Pech als Künstler: Ich war der Zeit immer um Jahre voraus. Damit teile ich das Schicksal vieler Avantgardisten. Ein Beispiel: Im Ruhrgebiet gibt es 2016 einen Tag der Trinkhallen vulgo Kioske. Siehe dazu hier eine Aktion des SCHUPPEN 68 – von 1992!
kiosktour 1992
Synchron göbeln – kein Wunder, dass das bürgerliche Spießersystem mir den Durchbruch verwehrte. Auch der zweite Anlauf um 2010 herum war nicht erfolgreich, siehe hier.
Ich hatte beim hiesigen Schauspielhaus einen Projektantrag über eine nicht unerhebliche Summe gestellt. Ich wollte das Kioskprojekt in Kooperation mit denen durchführen, dieses mal noch ausgereifter als 1992, Zitat aus dem Antrag:
„Kioske sind niedrigschwellige, ursprüngliche Orte lokaler Versorgung und nachbarschaftlicher Kommunikation. Jeder Kiosk ist aufgrund von Angebot, Ausstattung und Anmutung ein Unikat und existiert widerständig zum normierten Konsum-Einerlei der Aldi, Lidl, Netto etc. Jeder Kiosk hat seine eigene Dramaturgie und erzählt eine andere Geschichte. Die weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten und die flächendeckende Durchseuchung aller Stadtteile mit Supermärkten ist eine Konkurrenz, gegen die Kioske auf Dauer nicht ankommen. Damit stirbt ein hannöverscher Mythos. 2008 gab es laut Hannover-Branchenverzeichnis noch 64 Kioske, im Jahr 2010 waren es nur noch 52. …
Die Grundidee: An mehreren Tagen findet eine szenische Stadterkundung in 7 Akten statt; jeder Akt spielt an einem anderen Kiosk in Hannover-Linden, entlang einer Strecke von ca. 500 Metern. ….“

Das Schauspielhaus erklärte sich damals nur bereit, Schauspielerinnen für das Projekt abzustellen. Damit war das Projekt beerdigt. Ohne Kohle kein Gejohle.
Heute wären drei Dinge anders:
1. Ich würde die Projektsumme verdreifachen.
2. Der Antrag wäre erfolgreich – wenn auch nicht beim Schauspielhaus.
3. Ich würde jemanden engagieren, der das Projekt durchführt. Auf den Nerv und die Arbeit hätte ich keinen Bock mehr.
So ändern sich die Zeiten.
Falls aber jemand, Schauspielhaus oder wer auch immer, meine Idee auch nur im Ansatz klaut, hat er sofort meinen Rechtsanwalt am Hals. Ich bin ein überzeugter Anhänger des Urheberrechts und gehe auch juristischen Scharmützeln mit wehenden Fahnen entgegen.
Und ich weiß jetzt, wie lange ich meiner Zeit voraus bin: Mindestens 24 Jahre.

01.08.2016 – Pistolen, Pillen und Weiber.

schwanengesang
Schwanengesang? Woran merkt man eigentlich, dass die Welt aus den Fugen geht und die Leute immer mehr durchdrehen? Das kann ja auch meine subjektive Wahrnehmung sein, altersbedingt. Wachsende Skepsis, Ängste, früher war eh alles besser, etc. pp. Also her mit der Ratio, her mit den Daten, auch unterhalb der Ebene der Amokläufe und Terroranschläge.
Beispiel: Im ersten Halbjahr 2016 stieg die Zahl der Anträge auf Waffenscheine um 50 Prozent. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Störungen ist in zehn Jahren um 200 Prozent gestiegen. Bei Mitteln gegen Depressionen liegt die Zuwachsrate bei 15 Prozent – pro Jahr. Andererseits: In Deutschland ist die Zahl der Suizide seit Anfang der achtziger Jahre ungefähr um die Hälfte gesunken. Was wiederum an der wachsenden Zahl der Antidepressiva liegen kann. Die wiederum muss nicht zwangsläufig auf eine wachsende Zahl der Krankheitsbilder hindeuten, sondern kann mit dem veränderten Verschreibungsverhalten der Ärzte zu tun haben. Fazit: Die Wirklichkeit ist komplizierter als die Realität.
Ich verlasse mich weiter auch auf meine subjektive Wahrnehmung und komme zu den Frauen. Was ist eigentlich mit der Darstellung von Frauen im Film und damit in einem wesentlichen Teil der bewusstseinsprägenden Industrie? Dafür gibt es einen Test, heißt, glaube ich, Bechdel, nach einer Karikaturistin benannt, sehr einfach und aussagefähig, drei Fragen:
1. Kommt in dem Film mehr als eine Frau vor und haben sie einen Namen?
2. Sprechen die Frauen miteinander?
3. Reden die Frauen miteinander über etwas anderes als Männer?
Und wie werden Frauen in Filmen dargestellt? Laut Geena Davis Institut so:
Als Minderheit: weniger als ein Drittel aller Rollen für Frauen sind Sprechrollen
Untergeordnet: 14 % Führungsrollen
Unakademisch: 16 Professoren – eine Professorin
Unbekleidet: 25 Prozent teilweise oder komplett nackt, gegenüber 11 Prozent Männer.
Demnächst gibt es hier eine Auswahl „Best of unbekleidete Fotos von mir“. Bleiben Sie dran.

26.07.2016 – Über die Schwierigkeiten beim Nichtgrüßen

Das Nichtgrüßen ist eine der schwierigsten Herausforderungen sozialer Interaktion.
Ich habe mit kaum jemanden soviel Zoff gehabt, dass ich ihn oder sie bewusst und voller Inbrunst nicht grüße. Das ist kein Problem, das Problem war dann der Weg dahin.
Schwierig ist das kleinteilige Nichtgrüßen, also eher flüchtige oder ehemalige Bekannte, gar Freunde, von schlimmerem ganz zu schweigen, von denen man wünscht, sie wären Unbekannte. Unangenehme Zeitgenossen, dämliche, lästige, nichtige, was weiß ich. Es gibt viel mehr Gründe, jemanden nicht zu grüßen als umgekehrt.
Am anstrengendsten ist es, wenn man jemanden zum ersten Mal nicht grüßt. Wohin guckt man? Wie lässig-unangestrengt guckt man? Welche Körperhaltung? Soll der andere es merken? Das ist die Königsdisziplin des Nichtgrüßens, es den Anderen merken zu lassen, dass man ihn nicht grüßen will! Anstrengend.
Ein Ausgleich für mich sind dann die Menschen, die mich nicht grüßen wollen, ich das merke und denen dann die Tour vermassele (Ein Ausnahmefall ist der Fall, wo sich beide Nichtgrüßende gegenseitig nicht aufs Fell gucken können und sich nonverbal einig sind).
Ich nehme da mal den Sonderfall, wo Leute mir noch Geld schulden und im Zweifel schon mal die Straßenseite wechseln oder angestrengt beiseite gucken. Normalerweise bin ich mit dem Rad unterwegs, das macht die Situation etwas erträglicher, weil flüchtiger. Da brülle ich dann schon mal quer durch die Gegend:
„Ey. Alter, was macht meine Kohle?“
Da ich die in solchen Fällen eh nie wieder sehe, betrachte ich das als immaterielle Rückzahlung des Schuldners, durch die ich meinen Spaß hatte. Bin ich ein Arschloch? Manche sagen so, manche so.
sgraffito
Außergewöhnliche Werbung, gesehen in Neukölln. Das ist Sgraffito Technik, bei der der Bildgegenstand in Putz geritzt wird. Eine Technik aus der Renaissance, deren Begriff die Grundlage für den Begriff „Graffiti“ bildete, was kompletter Blödsinn ist, da Graffiti keine Materialabtragende Technik ist.
sgraffito 1
Vergrößerung. Hoffentlich steht das Haus unter Denkmalschutz. Diese Technik ist so selten, dass ich mich nicht erinnern kann, sie irgendwo im modernen Stadtbild schon mal gesehen zu haben.
Einen schönen Tag, liebe Leserinnen, und denken Sie dran, mich zu grüßen, wenn wir uns sehen!

25.07.2016 – Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Manchmal lese ich Blogeinträge von den Vortagen noch mal durch. War da zu großer Mist drin, hanebüchne Fehler oder war vielleicht was drin, was sogar für mich interessant ist? Diesen Spruch von gestern „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, muss ich relativieren. Dafür, dass ich mich für ein ziemliches Genie halte, werde ich eindeutig unterbezahlt, jedenfalls was die Kunst angeht. Das stört mich. Andererseits regeln auch das die ehernen Gesetze des Marktes. Hat schon seinen Grund, warum Mario Barth und Jeff Koons etwas höhere Preise am Markt erzielen. Also werde ich mich in jesusmäßiger Geduld üben.
von weitem sah es so aus als ob ein rudel jeussse übers wasser stakste
Von weitem sah es so aus, als ob ein Rudel Jesusse übers Wasser stakste.
Darüber hinaus und von wesentlich größerem allgemeinen Interesse, beschreibt der Geld-Satz ein grundsätzlich falsches Verständnis vom Geld. Zum Geld kann man kein gestörtes Verhältnis haben, Geld ist ein gestörtes Verhältnis. Die bürgerliche Nationalökonomie sagt zum Geld, es sei als Zahlungsmittel ein Medium, mit dem Tauschvorgänge durchgeführt werden können. Richtig, aber wie vieles an bürgerlicher Wissenschaft nur die halbe, nämlich ideologische Wahrheit. Geld macht durch seine Wertdefinition die Beziehung von Menschen zu Dingen zu einem Warenverhältnis. Und da fängt der Ärger an: Profit, Gier, Konsum, falsche Bedürfnisse etc. pp blablabla, das ganze neomarxistische Theoriegeklapper, was damals schon kaum einer kapiert hat. Was dadurch aber nicht falsch wird.
Ich hätte also nicht sagen dürfen „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, sondern „Geld ist ein gestörtes Verhältnis, aber wenn ich welches hab, schaufele ich es mit vollen Händen zum Fenster raus, und wenn ich keins hab, ist es mir auch egal.“ Nicht ganz korrekt, aber besser.
Something completely different:
berliner mauer
Am 13. August jährt sich der Tag des Baus des antiimperialistischen Schutzwalls zum 55. Mal.
Mir juckt es echt in den Fingern, meine Mauer zwischen Arm und Reich, zwischen Geflüchteten und Eingeborenen, zu einem Kunstwerk der ganz anderen Art umzufunktionieren. Natürlich hat ein Gemeinwesen, sei es die DDR, Europa oder gated communities, das sich durch Mauern vom Rest abschotten will, auf Dauer verloren. Nichtsdestotrotz wird der enthistorisierende Umgang den zum Beispiel Berlin mit der Mauer betrieben hat, wo praktisch kein realer Stein mehr da steht, wo er ursprünglich war, fatale Folgen haben. Wer aus der Geschichte nicht lernt, wird gezwungen, sie zu wiederholen. An so was könnte meine Mauer am 13. August mitten durch die Innenstadt erinnern. Das wäre dann mein Durchbruch und die Mauer wäre Bestandteil der nächsten Documenta und ich schwömme (Beachten Sie den raren Konjunktiv II Präteritum Aktiv!) im Geld.
Erstmal schwömme ich nachher im Kiesteich.

24.07.2016 – Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis

Zitat aus dem Artikel „KUNST FÜR SOLIDARITÄT“ über mich und meine Arbeit im Magazin „ue 40“, Ausgabe 26: „ Er provoziert und protestiert: Aktionskünstler Klaus-Dieter Gleitze liebt es spektakulär, wenn er zum Bespiel echte Geldscheine verbrennt oder sie vom Winde verwehen lässt. Dabei hat der Hannoveraner, Mitbegründer der Künstlergruppe „Schuppen 68“, zu Geld eigentlich kein gestörtes Verhältnis. Nur gegen die ungerechte Verteilung, die Spaltung zwischen Arm und Reich, kämpft er mit kreativen Mitteln und großem sozialem Engagement auch in der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen. … „ Ich bin ein politischer Mensch und trete für meine Überzeugung ein“.“
Ich kann mich an das Gespräch mit den Macherinnen von ue 40 nicht mehr im Detail erinnern und auf jeden Fall ist das alles korrekt, gut, ehrenwert und als eitler Mensch freue ich mich natürlich über solche Artikel. Deshalb druck (?) ich ihn ja hier auch ab. Ich habe im Gespräch auch bestimmt das mit dem „politischer Mensch“ und „trete für meine Überzeugung ein“ gesagt. Aber wenn ich das gedruckt lese, ist es mir für meinen Duktus einen Tick zu lutherisch-sendungsbewusst („Hier stehe ich und kann nicht anders“), zu kämpferisch-gutmenschlich und zu eitel, zu dick. Bei solchen Formulierungen lauert um die Ecke Pathos, Kitsch.
Und für die Arbeit als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen werde ich bezahlt. It’s my Job – der sich zufälligerweise mit meinen Überzeugungen deckt, was ein großes Privileg ist. Ich hab auch schon im Maschinenbau an der Produktion von Extrudern mitgewirkt, was sich nicht bis ins Detail mit meinen Überzeugungen deckte, mir aber scheißegal war, weil mit irgendwas musste ich ja Geld verdienen. Und zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis, siehe Artikel
160723Kunst für Solidarität ue 40-1

23.07.2016 – Früher war alles besser.

Sowieso. Die Steigerung dieses Spießerdiktums wäre: früher war alles. Heute scheint alles nur noch und selbst das ist nicht sicher. Schwere Gedankenkost an einem erfrischenden Samstagmorgen, wo Regenschauer die selbst in meiner Wohnung vorhandene schwülstickige Luft vertrieben haben. In meiner Wohnung wird es eigentlich nie über 25 Grad, verschattet und direkt über Keller: Für die Heizkosten im Winter kann ich mir ne Zweitwohnung am Prenzlauer Berg kaufen, aber in heißen Sommern ist das eine Labsal. Wenn die Klimakatastrophe so fortschreitet, werde ich mein nach Norden gelegenes Arbeitszimmer für teures Geld an Hitzeflüchtlinge vermieten. Dann brauch ich nicht mehr zu arbeiten, kann das Zimmer also weg.
Schreckliche Vorstellung. Schnell weg aus dem Kopf, aber ich hatte keine Lust, diesen komplexen Gedanken vom Anfang weiter zu verfolgen. Da landet man ja ruckzuck bei Platos Höhlengleichnis und wer will das schon.
pfauenauge
Früher war alles besser. Da hatten wir im Garten noch ganze Schwärme von Pfauenaugen und Admirälen, die den Schmetterlingsflieder bevölkerten. Wenn man vorbeiging, stoben Wolken von ihnen empor. Heute bin ich froh, wenn vier, fünf da rumflattern, flankiert von zwei, drei Zitronenfaltern. Kann man nach dem Terroranschlag in München mit 10 Toten so leichthin seinen Blog schreiben? Man muss es sogar, als Autoimmunisierung. Außerdem gilt:
Wer vom aktuellen Terror redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Die rasenden Verfalls-Zustände in der Gesellschaft und in den Köpfen der Individuen kann man nur mit den Kategorien von Kapitalismuskritik erfassen. Was nicht bedeutet, dass der böse Kapitalismus an allem schuld ist. Selbstverantwortung gilt trotz allem, für Gesellschaften und Individuen. Ich kenne keinen ethischen Ansatz, der sagt: wenn der Kapitalismus dich nervt, gehe hin in alle Welt und richte Terror an.
Wenn er Dich nervt, setze Dich für seine Abschaffung ein. Das wäre ok, steht aber nicht auf der Tagesordnung. Im Gegenteil: Die Welt geht zunehmend aus den Fugen und den Bach runter. Da zitiere ich mich mal wieder selbst, hoffe aber, dass ich damit ähnlich richtig liege, wie bei meinen Wetten zur Fußball EM und bei den Lottozahlen, nämlich komplett daneben.
Es hört gerade auf zu regnen. Das Tagwerk ruft. Ich hör dann mal auf zu schreiben…

22.07.2016 – Cappy ab!

Donald Trump ist also der Kandidat. Die zentrale Botschaft um diesen Kasper ist für mich, dass die Umfragen ihn nicht 60 Prozent hinter Hillary Clinton sehen, sonder nur vier, fünf Prozent. 40 Prozent aller Amerikaner_innen können sich also vorstellen, einen Mann zu wählen, dessen einzig adäquates Kleidungsstück die Zwangsjacke wäre. Ich bin weit entfernt von dem reflexartigen Antiamerikanismus vieler alternativ-linker Kasperköpfe hierzulande, aber da sach ich doch mal ’n Stück weit: Ils sont fous ces americains. Wenn schon in amerikanischen Medien die Möglichkeit eines Militärputsches gegen Trump im Falle seiner Wahl diskutiert wird, sagt das mehr als meine lichtvollen Analysen. Ich glaube, ich schaufele diesen Blog nicht nur deshalb voll, weil in meinem realen Tagebuch für so was kein Platz ist, sondern auch aus Rechthaberei. Erst gestern habe ich bei einem Arbeitsessen im Garten – ok, es war ein Zechgelage inclusive laber laber – mich selbst zitiert, aus meinem Blog, nach dem Motto „Wie ich bereits in meinem Blog schon vor Wochen formulierte…“. Nüchtern war ich nicht mehr … Witzig ist übrigens, wenn ich alte Blogeinträge noch mal lese und mich partout nicht mehr erinnern kann, ob die komplett erfunden sind oder ein Korn Wahrheit dabei ist.
Das hier ist ja eher ein cum grano salis Tagebuch. Höhöhö, famoser Bildungsscherz. Käme gut bei einem Kabarettauftritt vor Kolleginnen der GEW.
hauser dramatische republik
Hauser Dramatische Republik. Neukölln.
Eine Anspielung auf Kaspar Hauser, den Vorläufer von Bowies „Hero just for one day“? Ich flanierte daran vorbei, auf dem Weg zum U-Bahnhof Sonnenallee. In Neukölln gibt es an jeder Ecke ein öffentlich gefördertes Kulturprojekt und an jeder zweiten einen Laden mit Betreuungsangeboten von Wohlfahrtsverbänden. Das muss auch so sein, denn die Armutsquote ist die höchste von Berlin, mit 21,5 Prozent. Nur ist das mit ein Wegbereiter für Gentrifizierung. Neukölln mitsamt seiner noch subkulturellen Aura zieht Touris wie mich an, die gerne mal einen guten Weißen trinken und auch mal was anderes essen wollen als einen Döner. Und schon kommt die Spirale in Gang und die Mieten steigen und die Verdrängung läuft …
Interessanterweise ist im schicken Berlin-Mitte die Armutsquote überdurchschnittlich mit 18,5 Prozent (Gesamt-Berlin 14,1). Es findet also nicht nur Verdrängung aus Kiezen statt, sondern auch Vertiefung der Spaltung zwischen Arm und Reich innerhalb von Kiezen. Da liegt Musike resp. Randale drin, denn es glaubt doch niemand, dass in unserem Lande mehr Gerechtigkeit Einzug halten wird. Ein Mittel gegen Riots ist ja: Repressionsapparat aufrüsten. Ich sollte Aktien kaufen von Firmen, die Polizei und Militär ausrüsten. Eine guten Linken wie mich zeichnet immer auch fundiertes Verständnis nationalökonomischer Zusammenhänge aus.
cappy abnehmen
Cappy ab! Solange noch solche Schilder an Neuköllner Spielhallen hängen, ist mir nicht bange um den Kiez.
Yo mon!

19.07.2016 – Wo bleibt der nächste Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein?

Die Deutsche Bank schließt ein Viertel ihrer Filialen und ein paar Tausend Arbeitsplätze fallen weg. Strukturwandel im Rahmen der Digitalisierung. Ich frage mich, wie der Strukturwandel weiter geht, Stichwort Industrie 4.0. Schon vor Jahren war klar: Wenn der gesamte damalige technologische Fortschritt realisiert wäre, fielen cirka 30 Prozent der existierenden Jobs weg. Das dürften heute eher mehr sein. Kommt noch. Und wie sieht dann die gesellschaftliche Antwort darauf aus? Zur Erinnerung Industrie 1.0: Das Patent auf die Dampfmaschine erhielt James Watt 1769. Den Fortschritt der Produktivität und die gesellschaftlichen Veränderungen bis hin zum Manchester Kapitalismus mit massenhafter Kinderarbeit und Verelendung lese man bei Wikipedia nach. Hätte es nicht aufgeklärte Geister gegeben, die sich für ein paar soziale Verbesserungen einsetzten, wäre da schon mal Ende im Manchester Gelände gewesen.
Weitere Antworten damals:
1848 – Das kommunistische Manifest von Karl Marx.
1865 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Vereins als erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland.
Zum Vergleich Industrie 4.0:
1990 – Der erste kommerzielle Internetprovider World.
2059 – Das … Manifest von …?
2078 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Digitalarbeiter-Vereins?
afri cola rausch
Ich weiß nur eins: 1968 wurde der SCHUPPEN 68 gegründet. 2018 haben wir 50 Jahre Jubiläum. Die Vorbereitungen laufen bereits jetzt. Das mit dem Manifest habe ich mir für 2053 auf Wiedervorlage gelegt. Vorher habe ich keine Zeit und da werde ich 100. Passt.
karl marx str. neukölln
Karl Marx Str. inna Neukölln. Hoffentlich gehen diese Schriftzüge nicht im Rahmen der Gentrifizierung von Neukölln flöten! Blaupunkt, Telefunken, Saba – Ikonen der Unterhaltungselektronik. Diese Namen erfüllen ältere Semester mit Gänsehaut und Erinnerungen. Wo ist der zeitgenössische Hölderlin, der diesen Göttern der klassischen Moderne Oden dichtet?
Nein, ich mach’s nicht. Jetzt ist Sommer, endlich. Paar Tage nur Abhängen. Da muss ich echt nicht an Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst rumschrauben.

18.07.2016 – Bitburger? Shitburger!

shitburger
Bitburger? Shitburger!
In Fachtrinkerkreisen hat Bitburger zuverlässig seit Jahren den Ruf des schlechtesten Bieres des Universum seit der Einführung des intergalaktischen Reinheitsgebotes. Bei dieser Plörre ist wirklich Hopfen und Malz verloren: die Blume sieht vor dem Einschenken schon verwelkt aus, der Geruch erinnert eine Mischung an einen nassen Hund, der in der Kloschüssel gebadet wurde und der Geschmack ist unbeschreiblich – nach dem ersten (und letzten) Schluck riefen meine Geschmackspapillen noch Wochen später empört beim Großhirn an und drohten, sie würden auswandern, wenn sie je wieder mit diesem Saft des Grauens behelligt würden. Die Shitburger Flaschenfarbe ist passend in dezentem Kotbraun gehalten. Wer die letzten Gäste seiner Party sofort loswerden will, braucht nur laut zu rufen: „Folks, es ist nur noch Shitburger da!“ Und wusch, ist die Bude leer.
Zur Fußball EM hatte Shitburger eine adäquate Werbekampagne gestartet. Die Pullen des Grauens waren mit Kronkorken versehen, unter denen sich ab und an Gewinncodes befanden, die man auf der Shitburger Homepage einlösen konnte. Ich testete das seitens des „SEK VV – Sonder-Einsatz-Kommando Verarschte Verbraucher“, denn wer so ein Un-Bier braut, der kann nur aus Bitburg kommen. Was fällt selbst einem Einzeller zu Bitburg ein? Richtig: Waffen SS!
Und siehe! Das Verfallsdatum dieser Gruselbrühe war teilweise auf den September datiert, Monate nach Ende der EM! Der ahnungslose Verbraucher kauft also in freudiger Gewinn-Erwartung auch noch nach Ende der EM diesen Saft des Schreckens und was ist? Laut Homepage ist das Gewinnspiel abgelaufen! Obwohl auf den Kronkorken steht: Jetzt mitmachen!
Das schlägt dem Fassbier den Kronkorken ins Gesicht.
Wenn das kein Leberhaken mitten in das Vertrauen der Kampftrinkergemeinde ist – was dann? Ist das unlauterer Wettbewerb? Betrug? Oder geht das gar in Richtung § 129a StGB?
Es bleibt nur eins: Shitburger muss lernen. Mit einer viralen Kampagne, die diesem Tropfen das gibt, was er verdient. Ich rufe alle Promillaner des Planeten Erde auf: schickt mir Bilder, Videos, Gedichte, was auch immer, die das Prinzip Shitburger künstlerisch-satirisch bearbeiten. Mit den Einsendungen werden wir vom SEK VV eine Ausstellung gestalten, inclusive facebook bis twitter etc. und unter den Besten wird eine Kiste Bier ausgelost: Carlsberg. Das ist das Bier, das Lemmy trank. Wir erinnern uns: wer in die Garderobe von Motörhead eine Flasche Shitburger brachte, wurde erschossen.
Am Ende der Campagne veranstalten wir einen Sternhagelvollmarsch vor die Shitburger Zentrale und fordern Gerechtigkeit.
Verbraucher sind ehrlos – aber nicht wehrlos!
Stay on tune, Bro’Sis! Und Prost, liebe Leberianer und Milzonier!