
Balsam für die Nerven.
Rückwand unseres Gartens, ich hab drauf bestanden, dass die in diesem Grün gestrichen wird und nicht in diesem alternativen 08/15 Ockerton. Wenn ich Stress habe, gehe ich morgens in den Garten und gucke da drauf. Wenn die aufgehende Sonne da drauf scheint, ist das heiterer Balsam für die Nerven. Ich habe im Moment im Job viel zu tun, Redaktionssitzungen für die nächste NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung ziehen sich mitunter bis Mitternacht hin und die Aktion zu ihrem Kick-off am 10.06 in der City von Hannover will auch geplant sein. Die Sozialministerin hat ihr Kommen zugesagt und wenn die Aktion gegen die Wand läuft – Prost Mahlzeit. Da gibt es einige Interventionen dabei, die kann man nicht planen, üben, und nach meiner Erfahrung passiert gerade bei Straßenaktionen das, was passieren kann, – und mitunter noch schlimmeres. Die Vorstellung, dass die Ministerin hinterher zu mir sagt: „Herr Gleitze, für so was rauben Sie mir meine Zeit?“ versetzt mich nicht gerade in Euphorie. Gut, dass ich ne alte Rampensau bin und alles, was schief läuft, als Bestandteil eines genialen Plans verkaufen kann. Und die Ministerin ist zwar ziemlich energisch, aber auch freundlich. Sie würde wohl eher sagen:
„Ich fand das heute hier recht ungewöhnlich und interessant.“
Als ob das nicht reicht, ereilte mich gestern der Ruf einer Castingfirmen für ein Hammer
TV-Quiz. Ich bin immer noch in den Datenbanken aller Castingfirmen dieser Welt, nach meiner nicht ganz erfolglosen Tour durch die Quizszene.

They called me the Champ.
Aber Günther Jauch hab ich in nicht so guter Erinnerung und der moderiert die neue Show.
Und als Krönung kam noch eine Einladung für eine Fraktions-Anhörung im Landtag. Meinen ersten Satz weiß ich ja schon: „“Ceterum censeo carthaginem esse delendam – hat einmal der große Cato gesagt und er hatte recht! Die alte Arbeitsmarktpolitik gehört auf den Misthaufen der Geschichte!“
War das überhaupt Cato und wie geht es danach weiter und stehen Abgeordnete überhaupt derlei rhetorische Geniestreiche?
Eins weiß ich sicher: Im Juli und August lass ich alle viere grade sein! Zeit sich auszuruhen.
Dazu ein Zitat des Chefs von Adidas von heute morgen, der sich jetzt zurückzieht und auf eine Bilanz verweist, in der der Umsatz verdreifacht und der Gewinn verfünffacht wurde: „Natürlich können wir uns trotz aller Erfolge nicht ausruhen.“
Warum sagt ein Konzernchef niemals: „Leute, wir hatten sensationelle Erfolge, unsere Aktionäre haben sich derartig die Taschen vollgeschaufelt, dass die nur noch krumm gehen. Wir lassen es in diesem Jahr mal etwas langsamer angehen und ruhen uns ein bisschen aus.“
Weil das ganze System einfach krank ist. Die Krankheiten, die am meisten zunehmen, sind psychischen Ursprungs, Depressionen, Burn-Out. Und Paranoia. Die Definition eines neuen Krankheitsbildes, für das man umgehend in die Klapsmühle eingewiesen wird, zeichnet sich schon ab – für die, dieses System so sehen, wie es ist:
Die Krankheit nennt sich Realismus.
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11.05.2016 – Nicht sterben sollt Ihr unbescheiden sondern leben wie die Könige!
Was sich anhört wie ein Zitat aus Shakespeares „Was Ihr wollt“ hab ich mir in Wahrheit selber ausgedacht. Mit meinem eigenen Kopf. Wohl dem, der so was hat. Wieso ich auf diesen Appell auf ein gutes Leben vor dem Tode komme? Deshalb:

Bestattungen Unbescheiden.
Was mich an dem Bild irritiert: Das sieht so aus, als ob der Steinmetz sich mit seinem Hammer das Bein zertrümmern will. Selbstverstümmelung. Darauf stand bei den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe.
Wie schnell man doch von Shakespearischer Heiterkeit ruckzuck im Reich von Thanatos landen kann. Also nicht bescheiden sein im Leben. Sich auch mal was Nettes zum Anziehen gönnen. Umständehalber durfte ich neulich durch die edleren Läden von Hamburgs Shopping Zone flanieren. Unter anderem fiel mir dieses Outfit auf:

Das sieht doch voll Scheiße aus.
Für eine komplette Hose hat der Stoff nicht gereicht, klobige Arbeitsschuhe und ein Anorak, für den ich früher auf dem Schulhof wegen Streberalarm Senge gekriegt hätte. Der Bundeswehrschlips reißt das genauso wenig raus wie das Beerdigungshemd. Wer mit diesem Outfit des Grau-ens bei Regen unterwegs ist, braucht keine Tarnkappe. Meine Erwartung, dass derartige Geschmacksverirrungen kostenlos an Bedürftige verteilt würde, erweisen sich als fundamentaler Irrtum, wie ein Blick auf die Preisschilder zeigte.

Beruhigt zog ich meines Weges. Geld und Geschmack scheinen mitunter natürliche Feinde zu sein.
09.05.2016 – Du kannst ihn mir auch hinten reinstecken
Ich war dann doch an den Landungsbrücken gelandet beim Hamburger Hafengeburtstag. Völlig abgenervt von Abermillionen Feierwütigen starrte ich auf diese Barkasse.

Ob das der richtige Namen der Eignerin ist? Der ist doch irgendwie … fragwürdig.
Ich meine, wer will schon Gabi heißen? (Das mit „Gabi“ war eine Einführung in die Kunst des Gagschreibens. Grundregel Nr. 3 dabei: Die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn Sie beim Gagschreiben 6 oder 7 Grundregeln beachten, können Sie jederzeit Gags für Comedy oder Sitcom produzieren. Am besten erst mal im eigenen YouTube Kanal.)
Im Grübeln über Glitscher hörte ich hinter mir eine Frauenstimme:
„Du kannst ihn mir auch hinten reinstrecken.“
Ich drehte mich um und starrte die Sprecherin entgeistert an. Die adressierte mit diesem Satz ihren einen Kaffeebecher tragenden Begleiter und deutete in ihrer Rede nach hinten auf ihren Rucksack.
Den Rest meiner Flucht nach Blankenese grübelte ich darüber nach, ob die Welt um mich herum völlig versaut ist oder ob ich an präsenil-projektiver Erotophilie leide. In Blankenese – home of the very rich – war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hatte der Fachwelt in Sachen Psychopathologie den Begriff der „Präsenil-projektiven Erotophilie“ geschenkt und hier war die Welt ruhig, beschaulich, heiter, gediegen und mit Wohlstand, Eleganz und Überfluss getränkt. Ich musste an die von Sozialneid zerfressenen Gentrifizierungsgegner in meinem Kiez denken, die schon hyperventilieren, wenn eine Wohnung mal 4.500 Euro pro Quadratmeter kostet.
Ich sach nur: Reisen bildet.

Ein Quadratmeter kostet 8556 Euro. Vermutlich eine billige Wohnung für das Gesinde. Bei den richtig teuren steht kein Preis dabei.
Nach diesem Hamburg Besuch fiel es mir schwer, in die Niederungen des Klassenkampfes hinabzusteigen. Ich war wütend auf die da oben, die denen da unten den Krieg erklärt hatten. Gerne hätte ich weiter geschwebt auf einer Wolke von präsenil-projektiver Wohlstands-Erotophilie.
04.05.2016 – Lieber David Hasselhoff als Reiner Haseloff
Reiner Haseloff, Ministerpräsident einer Provinz in der Ostzone, will den „rechten demokratischen Rand zurückzugewinnen“. Aus Gewohnheit hat sich bei diesem heutigen Statement in der „Welt“, die aber vor lauter Deutschland die Welt nicht wahrhaben will, noch die Demokratie mit eingeschlichen. Bei weiteren Wahlerfolgen der AfD wird sich auch das erledigen. Man gibt also jenen Affen Zucker, die zu Mord und Totschlag gegenüber Menschen aufrufen, die nicht der eigenen Leitkultur frönen.
Wie die aussieht, kann gerne auf Oktoberfesten besichtigt werden. Ich wollte da mal eine Lesung mit Gedichten von Hölderlin machen, immer neben den Lederbehosten, die gerade coram publico auf ihre Trachtenjanker kotzen oder hinpissen, wo es ihnen gerade einfällt. Hab’s gelassen. Ich bin mutig, aber nicht lebensmüde. Da ist mir der Ex-Kampfschwimmer und jetzige Kampftrinker David Hasselhoff lieber, von dem heute morgen durch die Medien ging, dass er pleite ist. Eine ehrliche Pleite und kaputte Leber ist mir allemal sympathischer als dieses verkniffene Spaßbremsengesicht von Reiner Haseloff. Und David war immerhin mal mit Pamela Anderson verheiratet. Reiner war wohl mal Direktor eines Arbeitsamtes. Also vor die Wahl gestellt, wäre ich allemal lieber eine Woche mit Pamela Anderson verheiratet als eine Woche Direktor eines Arbeitsamtes. Ich hoffe, dieses Statement ist nicht irgendwie Arbeitsamtfeindlich.

Fazit: Die Welt ist Dada und ich bin im Bilde.
Die Politik – wer ist das eigentlich „die Politik“? – ist hilflos angesichts der Erfolge der AfD. Hinterherlaufen klappt nicht, die Leute wählen eh das Original. „Den Menschen unsere Politik besser erklären“, schallt es aus dem Bundestag. Wie gut das mit Erklärungen und Argumenten klappt, kann man gerade in den USA beobachten. Da wird ein Typ Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der noch wirreres Zeug daherdeliriert als David Hasselhoff im Wachkoma und der hierzulande noch nicht mal ins Dschungelcamp dürfte, weil er so durchgeknallt ist.
Mit dem Appell an die Ratio, und das ist für mich als vehementer Anhänger der Aufklärung besonders bitter, kommt man in heutigen Zeit nicht weiter. Wenn Vernunft auf Ressentiment prallt, klingt es allemal hohl, und zwar nach jenem Schädel, in dem außer Ressentiments nur Bankauszüge gespeichert sind. Wenn wir keine bildträchtige und wirkmächtige große gesellschaftliche Erzählung mit kulturgetränkten, emotionalen Unterströmen produzieren, können sich die Parteien ihre Wahlprogramme an die Türen ihrer mangels Masse demnächst zu schließenden Parteibüros nageln. Nur das Luther mit dem Nageln damals mehr Erfolg hatte. Die große, neoliberale Erzählung der letzten zwei Jahrzehnte hieß „Ich, Ich, Ich“. Wenn der keine neue solidarische Erzählung eines unvölkischen, kosmopolitischen „Wir, Wir, Wir“ folgt, dann kann demnächst der Letzte die Tür hinter der Zivilisation zumachen.
Mir egal, ich setz mich demnächst wieder in den Garten und grille. Was geht mich die Welt da draußen an. Ich erfülle meine Staatsbürgerpflicht mit dem Schreiben dieses aufklärerischen Blogs hier.

Zeichnet sich am Horizont die nächste große gesellschaftliche Erzählung ab oder ist es einfach nur ein schöner Tag?
02.05.2016 – Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.

Maimotiv von 1956 – nach 60 Jahren aktueller denn je.
Arbeitszeit wird immer entgrenzter und Arbeit immer prekärer. Dazu ein Zitat aus der Rede von Edeltraut Glänzer, der stellvertretenden Vorsitzenden der IG BCE, auf der Kundgebung in Hannover:
„Andrea Nahles macht einen tollen Job.“
Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist bei Strafe des eigenen Untergangs zur Wiederholung seiner alten Fehler verurteilt. Auf dem 1. Mai wiederholen sich solche Fehler dann als Farce. Dass die SPD schnurstracks auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde ist, ist regelrecht tragisch und daher – so ist das Wesen der Tragödie – unvermeidlich. Ich bedaure das zutiefst, denn die Alternative zur SPD ist gruselig. Dass die Gewerkschaften da treu und brav wie die Lemminge hinterherdackeln, ist schon skurril.

Der Gewerkschaftsdackel. Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.
Zählen die Kolleg_innen eigentlich ihre Truppen nicht? Gehofft hatte der DGB auf 20.000 Teilnehmer_innen, verkündet hat er dann 10.000. Die Polizei kam auf 5.000, nach meiner Wahrnehmung waren es eher noch weniger, die Leere auf dem Trammplatz war erschreckend. Die Lehre daraus? Vielleicht sollten sich Gewerkschaften mal ein bisschen mehr um die Spaltung im Lande kümmern und sich nicht überwiegend als Versicherungsvertreter für weiße, männliche Facharbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst inszenieren.
Erster Schritt: Kampf um eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden. Wir haben eine Arbeitsplatzlücke von ca. 10 Millionen und die wird immer größer. Das deutsche Jobwunder ist ein Mythos. Kein Wunder, dass Gewerkschaftsmitglieder überdurchschnittlich AfD wählen. Denen sitzt die nackte Angst im Nacken.
Ich träume von einer Gewerkschaftskampagne 2030:
Müßiggang und Schlendrian
gegen deutschen Arbeitswahn.

What’s left? Autonome Fackelfolklore – glänzend inszeniert. Angekündigt mit einem Feuerwerk, dann zwei, drei starke Bilder und abtauchen im Dschungel der Großstadt.
Fazit: Es war ein zauberhafter 1. Mai.
Aber nicht wegen der Gewerkschaften.
30.04.2016 – Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein.
Ich bin wohl das, was man früher, als es noch eine nennenswerte Linke gab, undogmatischen Linken nannte. Grundüberzeugungen müssen sein, Tradition auch, aber bitte immer auf der Höhe der Zeit und am besten Avantgarde-mässig vorweg marschieren. Der 1. Mai ist traditionell sehr Traditionsbehaftet: Erbsensuppe, Arbeiterlieder, Fahnen, Marschkolonne. Muss sein, aber da kann mitunter ein bisschen mehr Selbstironie dabei sein.
In diesem Sinne haben in den letzten Jahrzehnten verdiente Genoss_innen des Arbeiter- und Bauernkollektivs SCHUPPEN 68 immer wieder kritisch die Plakat- und Transpi (für Nichteingeweihte: hat nichts mit Deo und Achselgeruch zu tun, ist Kürzel für: Transparent)-Frage gestellt.

Es kam immer wieder zu Fragen aus der Arbeiterschaft: Was soll das?
1. Wussten wir das teils selber nicht. Wir waren jung, wir waren benebelt. Der Gott, der rote Fahnen wachsen ließ, möge uns vergeben.
2. War mit den Fragen unser Aufklärungsziel schon erreicht. Nur eine Arbeiterschaft, die Fragen stellt, ist eine mit Zukunft!
Dass es dann doch nicht so gut mit der Zukunft der Arbeiterklasse gelaufen ist, lag jedenfalls nicht an uns!
Die Plakatschaffenden Kolleg_innen des DGB waren leider selten ästhetisch so gelungen im Bilde wie hier

1. Mai 1956

Völlig daneben, aber hochinteressant: Das erste Maiplakat nach dem Kriege, 1950.
„Neuordnung der Wirtschaft“ heißt nichts anderes, als das da noch die Systemfrage diskutiert wurde. Klar war nach 1945: Nie wieder Faschismus. Und Faschismus galt als eine zwar abartige, aber eben doch eine Form bürgerlicher Herrschaft. Also stand auch in Westdeutschland die Einführung eines wie auch immer gearteten Sozialismus auf der Agenda.
Das erlebe ich ja nun nicht mehr. Gottseidank. Bevor das Experiment wieder angegangen wird, muss noch ne Menge aufgearbeitet werden.
Zum Schluss noch ein Requiem für einen, der immer Teil der Lösung und nie Teil des Problems war:

Günther „Paul“ Fechner, ehemaliger Betriebsrat der Fa. Hermann Berstorff. Ich kenne keine Handvoll Leute, die mich ähnlich beeinflusst haben. Ein Jahr nach Renteneintritt gestorben. Wenn ich mir dagegen angucke, wer alles noch lebt, zweifle ich am gerechten Gang der Dinge. Also, liebe Genossinnen: Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein!
Wie allerdings der hiesige DGB auf die Annahme kommt, das in Hannover 20.000 Leute dabei sein werden, ist mir rätselhaft. Weil Sonntag ist? Oder gibt’s Freibier und Erbsensuppe?
29.04.2016 – Geht doch, Mann muss nur wollen.

Expo Gelände Hannover, niederländischer Pavillon. Im Verfall.
Natürlich war ich wie alle aufrechten Linken vor der Expo in Hannover dagegen. Jedes Großereignis ist dem Linken a priori nicht nur suspekt sondern gleich verhasst. Ich habe irgendwo noch ein Feuerzeug, auf dem steht: Expo – wir lieben Dich brennend. Und das war nicht als Kompliment gedacht.
Letztlich war die Expo lediglich eine Riesenparty für die Region. Sie hat ihr einen excellent ausgebauten ÖPNV gebracht und ohne die Wohnungsprojekte wie das Kronsberg-Viertel wären die Mieten in Hannover noch höher als sie es eh schon sind. Inwieweit das Großkapital seine patriarchalisch-technoide, eurozentrische Sicht der Welt mittels Expo noch massiver durchgesetzt hat, liegt wohl im Auge der Betrachterin. Ich wüsste dafür keine Maßeinheit.
Ich selber war damals für ein Expo Projekt der Carl-Duisberg-Gesellschaft verantwortlich und hatte öfters die Gelegenheit, vor der Eröffnung auf das streng abgeschirmte Gelände zu kommen, wo über die letzte Minute hinaus gezimmert und gehämmert wurde.

Niederländischer Pavillon. Im Aufbau.
Ich war sofort vom Expo Feeling infiziert.
Es gibt drei Dinge im Leben, die ich bereue. Eins davon, dass ich aus Geldgründen diesen Job gemacht habe und nicht den eines Expo VIP-Guides, wo ich jeden Tag auf dem Gelände gewesen wäre, mit gekrönten Häuptern! So war ich nur ab und zu da und es war einfach eine Riesenparty. Die Stimmung in der afrikanischen Halle war unbeschreiblich. Deshalb lass ich es auch.

Neulich war ich wieder im niederländischen Pavillon.
Und darauf bin ich richtig stolz. Der ist natürlich hermetisch abgeriegelt, weil er verrottet. Da sind Löcher im Boden, es gibt keine Brüstungen mehr etc. pp. Also treiben sich da jede Menge Skater, Graffiti Künstler, Streetgangs rum. In dem Alter bin ich auch noch über jeden Zaun gekommen. Aber in die höheren Stockwerke dieses Pavillons zu kommen, wo die Treppen abmontiert sind: Chapeau. Vor mir selber. Geht doch, Mann muss nur wollen.
Und solange niemand das Gegenteil beweist, behaupte ich: Ich bin der älteste Mensch, der den abgesperrten Pavillon jemals bestiegen hat.
Wenigsten in einem der Beste.
Auch so ein Männerding, dieser Drang.
26.04.2016 – Volksentscheid, Revolution und kalte Füße
Ich habe meinen Fusssack mit drei „s“ wieder rausgekramt. Mein Platz am PC ist so fußkalt, dass einem Sibirien wie eine Sommerfrische vorkommt. Ab November kommt da ein Fusssack hin, der vor dem Frühstück mit einer Wärmflasche gefüllt wird. Das garantiert bis zum Mittag warme Füße. Den notwendig kühlen Kopf hole ich mir vor Arbeitsbeginn durch Schreiben dieses Blogs. Besagter Sack wird natürlich im März aussortiert, Frühlingserwachen und so. Aber bei den aktuellen Temperaturen krieg ich Eisbein, ohne Sauerkraut. Meine Setzlinge Sonnenblumen und Stockrosen hole ich vorsichtshalber nachts rein. Diese Kälte macht einen urlaubsreif. So wie die Durchsicht der Fotos von den TTIP Demos.

Volksentscheid oder Revolution (links hinten im Bild).
Wer unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen für Volksentscheide oder Revolutionen ist, sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Den Gegner für verrückt zu erklären, ist übrigens nicht nur in Beziehungen ein probates Mittel. Die Psychiatrisierung von Gegnern hat vermutlich die nachhaltigste Wirkung in der Gesellschaft hinterlassen, seit der Kokser Sigmund Freud seinen Ödipus hat raushängen lassen. Mit Sicherheit jedenfalls mehr Wirkung als alle Psychoanalysen und Therapien dieser Welt.
Der TTIP Demonstrationszug war so unübersehbar lang, dass ich ihn nur zum Teil abfahren konnte, was ich immer mache aus Dokumentationszwecken. (Außerdem war es mir schlicht zu kalt, da stundenlang rumzueiern). Der Zustand einer Opposition im Lande lässt sich auch am ästhetischen Abdruck ablesen, den ein Demonstrationszug hinterlässt. Jede Demo ist insofern auch eine soziale Plastik, eine künstlerische Intervention, eine Performance.
Daher kann man die Kulturschaffenden mal wieder komplett in die Tonne treten.

Demo vor der Kestnergesellschaft, Musentempel für die gehobenen Stände.
Vielleicht habe ich es ja übersehen: Aber wo war der bunte Block von Kulturschaffenden?
Über TTIP ist nicht viel bekannt. Aber TTIP ist ein Instrument des Wettbewerbs, das erklärtermaßen für Freihandel eintritt, einen Freihandel ohne Schranken wie öffentliche Subventionen. Wenn ein privater Investor hier eine Musicalbutze hinstellen will für „Das Phantom in der Oper“ oder so Zeug, was sollte ihn hindern, das hiesige Opernhaus von der Bildfläche zu klagen, weil da genreverwandte Operetten aufgeführt werden, bei denen jede Eintrittskarte mit ca. 160 Euro Steuergeldern subventioniert wird? Gleiches lässt sich auf alle Kulturbereiche runterbrechen.
Wo also war der Block von Staatstheater, Oper, Kunstverein, Projekten, Organisationen, all jenen, die an stattlichen staatlichen Tröpfen hängen und die, wie ich (außer bei SCHUPPEN 68 Aktionen, da fließt Null Staatsknete) kein Projekt ohne Steuermittel durchführen könnten?
Eine lausige Bande von entpolitisierten Duckmäusern, Weicheiern, Faulpelzen und ästhetischen Maulhelden, auf diesen kurzen Nenner kann man die Kulturszene präzise bringen. Soviel zu einem Teilaspekt der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen.
Meine Füße sind jetzt so was von wohlig warm, dass ich überhaupt keinen Bock habe, zum ersten Termin zu radln. Muss aber sein. Das Leben und die Realität sind zwei verschiedene Schuhe.
25.04.2016 – Spinner, aber nicht liebenswert.

Anti-TTIP Demo in Hannover am Maschsee mit Leuten vom rechten Rand, Verschwörungs-theoretikern und anderen Spinnern.
Obwohl es saukalt war und hagelte und mir die Sonne von Mallorca noch in den Knochen steckte, habe ich mir das angetan. Das versetzt mich eine excellente Argumentationsposition: „Ich weiß, wovon ich rede! Ich habe damals vor Ort recherchiert.“ Ich steh auf Besserwisserei.
„Lügenpresse“ und „9/11 war der Geheimdienst“ fiel gleich im ersten Statement. Von den angekündigten 5.000 Teilnehmenden waren keine 300 da. Prima Blamage, aber schlimm genug. Die Klientel deutlich jünger als auf der Hauptdemo am 23.04 und prekärer vom Habitus her. Am 23.04 hatte ich ziemlich schnell dieses wärmende Solidaritätsgefühl, man trifft ja auch diverse Bekannte und Kumpels. Am Maschsee hab ich mich nur unwohl gefühlt und das lag nicht nur daran, dass ich natürlich niemanden da kannte. Die wachsende Spaltung der Gesellschaft nimmt immer schärfere politische Konturen an. Man muss kein Prophet sein, um für die Kommunalwahl am 09.11 in Niedersachsen gerade in sozialen Brennpunkten verheerende Ergebnisse zu erwarten. In manchen Quartieren wird real kaum noch jeder Zehnte zur Wahl gehen und von denen wählen bis zu 20 und darüber Prozent AfD und Übleres. Darauf wette ich eine Flasche Bollinger. Wer zuerst dagegen hält, ist meine Wettpartnerin. Der Gegenwert einer Flasche geht an eine soziale Organisation, das macht man so in Charity Kreisen. Die Wette sei zynisch? Bestimmt nicht. Zynisch ist die Realität, die solche Entwicklungen nimmt. Von mir kriegt die Realität nur einen satirischen Scheitel gezogen, mittels einer Pulle Schampus.

Auch nicht zynisch, sondern einfach nur lustig: Ami go home, dieses Mal von rechts.
Dass die alte Opa-Apo Parole nun in rechten Kreisen wieder fröhliche Urständ feiert, das find ich eine drollige Volte der Geschichte. Manchmal möchte man fast zur Totalitarismustheorie einschwenken. Möge der Jesus Christus von gestern mich vor soviel Zynismus schützen.
24.04.2016 – TTIP und Jesus Christus.
Eine Großdemo wie TTIP gestern in Hannover verändert das Stadtbild komplett. Der Verkehrsfluss ändert sich, stockt, der staatliche Repressionsapparat wird ein sichtbar stattlicher und jede Menge Spinner wollen von der Sonne des Ereignisses ein paar Strahlen auf ihr Anliegen abziehen.

Ich drücke die Daumen.

Natürlich waren auch die Kraxler von Greenpeace wieder dabei.
Langsam langweilig, aber medienwirksam. Insgesamt ein ungewöhnlich heterogenes Erscheinungsbild, viele ältere Leute, auch aus einem eher Demofernen Milieu. Wohl die Klientel, die Angst davor hat, dass ihnen das viel zitierte Chlorhühnchen das Müsli vergiftet. Das macht vermutlich auch den Erfolg der Demo aus: da sich TTIP in alle Lebensbereiche einnistet, waren auch andere als klassischen Demo-Organisationen wie attac, ver.di, Paritätischer, GEW etc. pp. unterwegs und erleichterten selbst dem Opernabonnenten eine Teilnahme, der um die Struktur der öffentlich geförderten Musentempel fürchtet.

Ich fürchte die Trojaner, selbst wenn sie Geschenke tragen: Die Standardsymbolik dieser Demo.
Will meinen: Der hinterhältige Ami will uns Böses. So wie damals mit der Negermusik? Der „Timeo“ Satz fängt übrigens im Original an mit „Quidquid id est“: Was immer es ist. Könnte bei dem notorischen Antiamerikanismus vieler Demonstranten passen. Egal was der Ami macht: Ich bin dagegen. Um ein paar grandiose Amis zu zitieren: „Whatever it is, I’m against it.“ (Marx Brothers). Ich sage: God bless America. Zumindest für die Marx Brothers, für Rock’n Roll, Jeans und die Befreiung von den Nazis. Wobei daran ja auch der Russe nicht ganz unbeteiligt war.
Ich bin ja allein wegen des Verfahrens gegen TTIP, verfalle aber dabei nicht in altlinke Reflexe von Genossinnen, deren Reflexion der sich ständig ändernden gesellschaftlichen Verhältnisse vor 30 Jahren endete. Seitdem heißt es pathologisch: Amis und Israel böse, Palästinenser prima. Großereignisse wie EXPO und Olympia böse, Stadtteilfest prima. Alles, was nicht meiner Meinung ist, böse, ich prima.
Kein Wunder, dass in einem solchen Umfeld die komplett schiefe antiamerikanische Trojanerpferd-Symbolik gut gedeiht. Im globalisierten Kapitalismus geht es aber nie um die Nation, es geht immer um das Kapital. Konzernen wie Apple, Toyota oder Siemens geht es nicht um die Nation. Das einzig Positive, was man über Großkonzerne sagen kann: Sie kennen keine Vaterländer.
Die nächste Freihandelsoffensive kann genauso gut von Peking oder Berlin ausgehen. Von Brüssel eher nicht. In Europa gehen die nationalen Rollläden hoch und in einigen Regionen demnächst noch mehr Lichter aus.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Wenn so viele Menschen so vehement gegen etwas sind, dessen Inhalt ihnen zwar fast komplett unbekannt ist, das sie aber für bedrohlich halten, wie viele Menschen müssen denn dann vehement gegen etwas sein, dessen Inhalt allgemein bekannt ist und das bedrohlich ist: die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich.
War ein Witz, das mit dem Rettenden. Fröhlichen Untergang und sonnigen Start in die Woche, liebe Leserinnen und ich gehe jede Wette ein, das der Standort des Pferdes vor der Börse zufällig gewählt wurde.