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16.07.2016 – Montage ohne Montage oder: Terror, Putsch und schöne Zähne.

Die Montage ist ein Stilmittel der klassischen modernen Kunst (Dada z. B.) und Literatur (Döblin, Alexanderplatz), bei der unterschiedliche Fragmente zu einem ästhetischen Ganzen gefügt werden. Die Fragmente stehen oft in keinem erkennbaren Zusammenhang, scheinen beliebig und ungleichwertig. Die Montage ist die ästhetische Antwort auf die komplexer werdende äußere Welt und die aus den Fugen geratende innere Welt der Subjekte. Mit einem naturalistischen Portrait auf einem Tafelbild wird man kaum der Welt des 21. Jahrhunderts gerecht. Ich montiere dauernd was, bei mir gibt keine Freitage oder Montage ohne Montage.
Der Normalzustand bei dauernder medialer Überflutung der Cortex ist allerdings die quasi implementierte Montage, Fetzen werden bruchstückhaft (nicht) verarbeitet, gleichwertig nebeneinandergesetzt, laufen in Loops durchs Gehirn, um sonstwo wieder rauszukommen, unverdaut, unverstanden. Ich lese „Schöne Zähne für 7,70 Euro“, ich höre „Terror in Nizza“, ich sehe „Putsch in der Türkei“, ich denke „Meine Zähne sehen beschissen aus, mein Gott, auf der Promenade des Anglaises habe ich vor ein paar Jahren in der Sonne bei einem Weißwein gesessen, hoffentlich ist der durchgeknallte Erdogan bald weg vom Fenster“. Natürlich setzt sich das alles irgendwann und wird geordnet, aber was richten die unbewussten Prozesse vorher an? Und was kommt dabei im übertragenden Sinne des großen abendländischen Filosofen Helmut Kohl „hinten“ raus?
Mir fällt das Titelbild einer alten Zeitung ein, die ich mal herausgegeben habe.
Ohne Titel-1 Kopie
Tête Carrée
Das Foto habe ich in einem Park in Nizza aufgenommen. Weiter fällt mir ein: das habe ich doch in dem Blog schon mal verwendet, hier?
Wie oft wiederhole ich mich hier in dem Blog eigentlich?
Putschendes Militär in der Türkei, im Hintergrund läuft gerade Deutschlandfunk, alle Regierungen insistieren in ersten Stellungnahmen auf dem verfassungsrechtlichen Gang der Dinge. Hitler wurde auch vom Volk gewählt, das war verfassungsrechtlich sauber, und es gibt durchaus Beispiele, wo das Militär den zivilisatorischen Gang der Dinge beschleunigt hat, siehe Nelkenrevolution in Portugal. Das war ein Militärputsch: Povo unido, Soldado esta contigo.

Manchmal ist die Realität komplizierter als die Wirklichkeit (siehe auch H. Kohl). Aber wenn das kein säkulares Militär sondern nur so eine Gülen Truppe ist, wäre der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Schade um jeden Toten. Ob man die Wahrheit je erfährt? Das sollen unsere Verschwörungstheoretiker klären, bei denen im Zweifel immer CIA oder Mossad dahintersteckt. Ich geh jetzt Blumen gießen, dann Arbeit und nächste Woche hoffentlich endlich Sommer. Mal Gehirn in der Sonne abschalten. Nichts denken, nur fühlen.

14.07.2016 – Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben

charite
Keiner will da rein, aber jeder ist froh, dass es sie gibt: Krankenhäuser.
Mich umwehte ein Gefühl von Ehrfurcht, als ich unlängst die Hallen der ehrwürdigen Charité betrat. Freiwillig und mit dem Drang nach Erkenntnis ausgestattet und Gottseidank weder von Milzbrand, Tuberkulose oder Cholera befallen. Deren Todesfeldzug durch die Reihen der Menschheit stoppte Robert Koch, indem er überhaupt erst mal ihre Erreger entdeckte. Bei der Suche nach einem Mittel gegen Tuberkulose unterlief ihm ein folgenschwerer Fehler, der jede Menge Kranken in die Kiste verhalf: Sein Wundermittel Tuberkulin tötete Bakterien nicht nur nicht ab, sondern aktivierte diejenigen, die im Wirtskörper eher noch vor sich hindösten. Das Tuberkulin hatte er unter anderem an seiner siebzehnjährigen Geliebten (er war 30 Jahre älter) getestet. Sie berichtete in ihren Erinnerungen, dass sie nach den Worten Kochs „möglicherweise recht krank“ werden könne, „sterben würde ich voraussichtlich nicht.“ Den Reibach mit dem vermeintlichen Wundermittel wollte er privat machen. Koch, ein Arsch wie er im Buche steht.
Aber wie misst man überragende Wissenschaftler? Karl Marx war ja auch kein Engel. Bei Fritz Haber ist die Grenze sicher überschritten. Der war federführend und aktiv an der erstmaligen Entwicklung der Giftgaskriegsführung im ersten Weltkrieg beteiligt. Und was ist mit Oppenheimer?
Eine schöne Volte hat die Tuberkulin Geschichte doch noch. Den Nachweis über die komplett kontraproduktive Wirkung führte Rudolf Virchow, Teilnehmer der 1848er Revolution, Vertreter einer sozial orientierten Medizin (Zitat: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“) und engagierter Kämpfer gegen den aufkommenden Antisemitismus im wilhelminischen Deutschland. Endlich siegt mal einer von den Guten.
Das wär’ doch mal Stoff für einen Film, mit den Beiden als Protagonisten, ein Film, der seriös auch naturwissenschaftliche Zusammenhänge der breiten Masse näher bringt. Ich sehe schon die erste Einstellung vor meinem inneren Kamera-Auge: Dämonisch von unten ausgeleuchtet nähert sich sabbernd der geile alte Koch-Bock seiner in weiß gekleideten und seufzend die Hände ringenden Geliebten, die in Wirklichkeit den gleichaltrigen Gärtner (Lady Chatterly läßt grüßen!) des Hauses liebt, sich aber aus wirtschaftlicher Not dem Lustgreis hingibt. Ich mach mich gleich ans Exposé. Wenn das nicht mein Durchbruch wird, dann weiß ich es auch nicht. Arbeitstitel des Films:
Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben.

13.07.2016 – Frauen mit Möpsen mit Möpsen

Möpse
In dieser Werbung eine Frau mit Möpsen mit Möpsen abzubilden, wäre offensichtlicher Sexismus. So ist es „nur“ Verbalsexismus. Ich würde gerne wissen, wie bei solchen Entscheidungen in der Werbebüros diskutiert wird. Schließlich sitzen auch Frauen dabei. Bei Entscheidungen sicher nicht sehr oft, meist dürfen sie Kaffee für die Sitzungen bereit stellen und – im Fall von Migrationshintergrund – nach Feierabend (gibt es den in der Werbebranche?) die Büros sauber machen, aber ein paar Frauen werden es sich in dieser hippen Branche auch auf Entscheiderplätze gebracht haben. Was sagen die dann? „Find ich krass, handwerklich echt cool.“ „Das ist ein Burner, damit handeln wir uns vielleicht sogar ne Beschwerde vom Werberat ein. Die machen wir dann öffentlich unter dem Hashtag #macht euch mal locker.“
In der Ostzone hätte es so was nicht gegeben. Es gibt nicht wenige Neoliberale, denen selbst die Reste unseres Sozialstaates noch ein Dorn im Auge sind, und die die BRD für eine Wiedergängerin der DDR halten.
trabis
Stimmt ja auch irgendwie. In Berlin gibt es fast nur noch Trabbis.
Für den klassischen Neoliberalen ist Merkel als verkappte Kommunistin verantwortlich für eine sozialistische Wärmestuben-Wohlfühlromantik in unserem Lande, wo jeder Stützesauger 52 Wochen lang Urlaub in der sozialen Hängematte macht.
Wir arbeiten dran. Spätestens in der übernächsten Krise, die im zyklischen Sinuskurven Auf und Ab so sicher kommt wie – nein, nicht wie das Amen in der Kirche, das kost 5 Euro ins Phrasenschwein (noch mal 5 Euro) – der morgendliche Kackreiz, also durchaus mal phasenverschoben, wird unter anderem über die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung als Sozialleistung diskutiert werden.
Das durchschnittliche Arbeitslosengeld liegt rund 200 Euro unter der Armutsrisikogrenze.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung gegen Arbeitslosigkeit?
Mehr als ein Fünftel der Beschäftigten, die im ersten Halbjahr 2015 den Job verloren, sind schon zu Beginn der Arbeitslosigkeit in Hartz IV gerutscht.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Der durchschnittliche Versicherungsschutz lag im Dezember 2012 bei 131,4 Tagen.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Das geht doch privat versichert viel besser. Riester, übernehmen Sie!

12.07.2016 – Hass

Glühender Hass wälzte sich unlängst gleich Lava durch mein Gemüt. Sanftmütig bin ich sowieso nicht und jeder Verbalrauferei sofort zugänglich, aber das ich coram publico ausraste und anfange rumzubrüllen, kommt nicht alle Tage, derer noch nicht Abend ward, vor. Und das kam so: In Berlin läuft zur Zeit die Biennale, für den Kunstafficionado (afficionada?) ein must have. Bestandteil der diesjährigen Biennale ist die Feuerle collection, eine der immer zahlreicher werdenden Privatsammlungen in Berlin. Da kriegen sie genug von der Droge, nach der alle Kunst giert: Aufmerksamkeit. Ich suchte die Location verzweifelt, ich war vorher bei einer am Pariser Platz gewesen, da war die Biennale mit Bannern, Wimpeln, Schildern gut ausgeschildert. Ausschilderung ist ja eh in meiner Theorie die Grundlage jeder Zivilisation. Hier nichts, mit einem schüchternen Asiaten im Schlepptau irrte ich über ein unübersichtliches Gelände, durch einen riesigen Bunker mit zig Türen, immer durch die falsche, überall lagen Skelette von Leuten, denen es so ergangen war wie mir und die nicht diesen titanischen Überlebenswillen hatten. Nirgendwo der kleinste Hinweis.
feuerle collection
Doch, ein Hinweis, ca. 10 cm hoch.
Nach Monaten endlich an der Kasse, mittlerweile halb Japan im Schlepptau, ich war nicht auf 180, ich war auf 360. Unglücklicherweise war der junge Mann an der Kasse einer jener Kunstschnösel, die glauben, sie hätten „es“ geschafft, nur weil sie in so einem Kunstbunker die Karten abreißen oder das Klo sauber machen dürfen. Auf meine Ansage, dass das die unprofessionellste Ausschilderung der letzten 30 Jahre sei, die ich gesehen hätte, ließ er sich wie folgt ein: „Vielleicht ist das so gewollt?“ Ich war auf 540: „Schon mal was von inklusiver Kunst gehört?“ – „Was soll das denn sein?“
Dummheit, dein Name ist Kartenabreißer und meiner ist LAUTSTÄRKE:
„Es gibt Menschen mit Behinderungen, die es vielleicht nicht so drollig finden, umsonst über Feuerleitern und Baugruben zu klettern.“ (Das ist nur der Teil meiner Einlassungen, die mich in positivem Licht erscheinen lassen). Kartenabreißer:
„Mann, Alter, komm mal wieder runter.“
Da aber geschah es, dass sich glühender Hass gleich Lava durch mein Gemüt wälzte, ich meine Stimme erhob wie weiland Stentor und ich den jungen Kartenabreißer frug, ob wir weiland zusammen Schweine gehütet hätten und damals das „Du“ als allgemeine Kommunikationskonvention vereinbart hätten. Meine Japaner, eher klassische Harmoniesucher, hatten längst das Weite gesucht und aus den Tiefen des Bunkers strömte allerlei Besuchervolk herbei. Ich habe eine wirklich sehr laute Stimme.
Mir war der Auflauf scheißegal, da bin ich bei meinen Performances in der Öffentlichkeit ganz anderes gewohnt. Der Kartenabreißer schien eher unfroh.
Die Kunst im Bunker ist übrigens postmoderner Mist, aufgepimpt mit strukturalistischem Kunstblabla. Und ich hasse Privatsammlungen. Machen auf dicke Hose, um ihren Namen der Welt zu hinterlassen und für die Folgekosten muss der Steuerzahler aufkommen, siehe Sprengelmuseum bei mir um die Ecke.
Das Einzige, was mich übrigens am Pariser Platz gestört hatte, war meine Begleiterin.
selfie
Dauernd machte sie Selfies.
Peinlich.

11.07.2016 – Versöhnliches Ende

Portugal hat die EM gewonnen. Das ist für mich ein versöhnliches Ende einer ansonsten desaströsen Fußball EM. Nicht eine einzige meiner Wetten war erfolgreich. Bezeichnenderweise hatte ich das erstemal seit Jahrzehnten heuer keinen Cent auf Portugal gesetzt, nachdem mich mein Lieblingsland bisher nur Geld gekostet hatte bei Meisterschaften (Ich sage nur: EM 2004!). Versöhnlich war auch das völlig unverdiente Ausscheiden der überlegenen Ostgoten gegen Frankreich im Halbfinale. Ich sah das Spiel BRD – Frankreich in der IG Metall Bildungsstätte Berlin-Pichelssee. Ich war anlässlich des Berliner Armutskongresses dort abgestiegen. Warum sollen Hotels das Übernachtungs-Geld kassieren, wenn es auch an meine Gewerkschaft fließen kann. Ich war vermutlich der Erste in den letzten 30 Jahren, der dieses Ansinnen gestellt hatte, dort auch abseits des Seminarbetriebs unterzukommen, mit meinem berechtigten Argument, dass bei über 100 Seminarteilnehmerinnen immer eine ausfallen dürfte. Ich mache keine gewerkschaftliche Bildungsarbeit mehr, kenne Pichelssee aber seit Jahrzehnten. Liegt an den Seen im Westen von Berlin, mitten in einem riesigen Park.
blick aus zimmer
Blick aus meinem Fenster
am see
Morgens eine Runde Schwimmen im See.
Das Spiel BRD – Frankreich sah ich gemeinsam mit Dutzenden Kolleginnen. Es war ziemlich anstrengend, bei den Toren der Franzosen mehr so nach innen zu jubeln. Gewerkschaften sind ziemlich patriotisch und auch wenn ich seit Jahrhunderten Gewerkschaftsmitglied bin, trennt uns doch einiges und das Letzte, was ich bin, ist Patriot. Au contraire.
em
Griezmann Elfmeter zum 1:0, in der 46. Minute. Stellte den Spielverlauf völlig auf den Kopf, um so inniger mein Triumphgeheul – nach innen. Ungerechtigkeit ist eine süße Frucht, wenn der Feind sie genießen muss.
Schöne Formulierung, ob die von mir ist?

10.07.2016 – Alles Togo oder was?

In einem Kabarettprogramm hatte ich mal eine Nummer über den grassierenden „to go“ Wahn, mittlerweile ist ja alles „to go“, vom Kaffee über Kultur bis zum Auto (da gibt es einen Anbieter „cartogo“. Ich lese da immer „cartago“ und muss an dann an „cato“ denken, der mit dem Spruch „Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden sollte“. So verwinkelt ist die Welt der Gedanken). Ich stellte mich in der Nummer dumm und tat so, als ob „to go“ was mit dem Land Togo zu tun hätte und wunderte mich dann darüber, wieso so viele Mettbrötchen aus Togo kämen.
Kein Wunder, dass ich irgendwann die Kabarettkarriere an den na gel gehängt habe – („na, gel im Haar?“ Hohoho). Also zivilisationskritisch steht die „to go“ Un-Kultur für schnellen Verzehr zwischendurch ohne Muße, Genuss oder Kennerschaft. Keine Zeit für nichts, wer rastet, der rastet aus, weil er rostet und was rostet, kostet. Mein Ding ist to go nicht. Wenn ein Kaffee oder ein Mettbrötchen so schlecht ist, dass sie nicht der Mühe wert sind, beachtet zu werden, lasse ich es lieber ganz. Auf Reisen kann es schon mal passieren, dass ich mir unterwegs ne Schrippe kaufe, aber dann raste ich auch, hänge auf ner Parkbank oder Wiese oder was auch immer ab.
Bei manchen „to go“ Produkten gerät meine Phantasie richtig ins rotieren. Respektive an ihre Grenzen.
Erotik to go
Erotik to go.
Hm.
Allen Leserinnen einen sonnigen Wochenbeginn und viele kreative Impulse. (Typisches Workshop & Kongress Gelaber.)

06.07.2016 – Von Mao, Liebe und Hass.

landvolk
Wir sind ein Landvolk.
Dass der Antisemit und Neonazi Wolfgang Gedeon von der Afd in Baden-Württemberg früher Maoist war, wundert nur den, der nicht weiß, dass der Ministerpräsident des selben Bundeslandes aus dem gleichen Lager stammt. Politische Einstellungen sind ähnlich leicht zu wechseln wie Socken. Die dahinter stehende und sie bedingende psychische Disposition legt man sein Leben lang nicht ab. Narzissten und Egomanen z. B. nutzen politische Gruppen zur Selbstdarstellung und späteren Karriere, siehe das unübersehbare Lager von Ex-Maoisten, KBW, KDP, KDP A0, KB, – weiß der Geier, was es da noch alles gab an durchgeknallten Spinnerinnen – bei den Grünen, von Kretschmann über Trittin zur unsäglichsten aller Nervensägen Antje Vollmer, etc. pp. To be continued. Autoritäre Charakter wie Mahler, Rabehl etc. werden echte Nazis und landeten teilweise hinter Gittern. Früher beschrieb man so was – unzureichend, da nur phänomenologisch vorgehend – als: Unten links anfangen, oben rechts enden. Charakterlich defekt sind die alle irgendwo. Wenn ich von solchen Charaktermasken höre, muss ich oft lachen, neben einer gewissen Anerkennung über die handwerklichen Fähigkeiten, unter solchen Umständen eine beachtliche bürgerliche Karriere hinzulegen. Allerdings bin ich auch wütend über Arschlöcher wie Gedeon zum Beispiel.
Wo kippt eigentlich Wut oder Zorn in Hass um? Hass braucht ja immer eine längere Vorgeschichte, anders als Liebe, zumindest in individuellen Gefühlswelten. (Beim kollektiven eliminatorischen Hass von Antisemiten oder Rassisten geht es nicht um Vorgeschichten sondern um grundsätzliche Defekte. Davon ist hier nicht die Rede). Beim verzehrenden Hass muss vorher Zorn gewesen sein, bei Liebe muss vorher gar nichts gewesen sein.
Ich wünsche solche Leuten wie Gedeon ziemlich viel Schlechtes, aber meist grundiert mit erheiterenden Momenten wie:
10 Jahre Umerziehung in einem Landschulheim mit sieben Tage in der Woche lang kritische Lektüre der Mao Bibel. Verschärfte Bedingung: Ich als Kursleiter.
Dass ich solchen Leuten mal wünsche: Rübe ab, kommt eher selten vor. Das wäre dann die Hasskappe und dafür ist mein Leben echt zu kurz. Außerdem muss ich jetzt packen, für eine Dienstreise, zum Armutskongress. Nach Berlin.
Bei dem Un-Sommer gibt es schlimmeres.

04.07.2016 – Von MinistrantInnen, Bischöf_innen, Päpst*innen.

MinistrantInnen,BischöfInnen, PäbstInnen
Selbst die katholische Kirche hat es schon erfasst,
nur Gendersprache passt!

Im verdienten Kollektiv der Herausgeber (leider nur Männer) der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung führen wir einen erbitterten Streit um die Verwendung gendergerechter Sprache. Ich sehe das pragmatisch. In den Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, setzt sich immer das „Herausgeber_innen“ oder „Herausgeber*innen“ durch. „HerausgeberInnen“ ist kein Standard mehr und „Herausgeber“ sowieso nicht, es sei denn, es sind nachweislich nur Männer. Also setze ich mich im offiziellen Sprachgebrauch lieber an die Spitze einer Veränderung, bevor ich – altersstarrsinnig geworden – gar nichts mehr mitkriege.
In diesem Blog benutze ich dagegen fast ausschließlich die weibliche Form. Pragmatismus eben. Meine Kollegen sind da komplett anderer Ansicht, Zitat: „Ich lasse mir die Sprache nicht verhunzen. Für mich gilt der Duden etc. pp“. Also eher die Richtung „Herausgeberinnen und Herausgeber“.
Unsere Kompromissformel im Impressum der NETZ:
Die Verwendung gendergerechter Sprache liegt in der Verantwortung der Autorinnen und Autoren.
Ob meine Kollegen ihre wertkonservative Einstellung aufgeben, wenn die katholische Kirche die Sprachregelung „Bischöf_innen“ und „Päpst*innen“ einführt?
Auf den Vers zu Beginn des Eintrags bin ich in Erinnerung eines alten Lehrbuchs über das Normungswesen (DIN A 4 und ISO 9001 ff. und so Zeug) gekommen, mit dem ich das Handwerk des deutschen Normers in der deutschen Metallindustrie erlernt habe. Ich bin eben nicht nur Germanist, sondern ein echter Allrounder. Da stand unter der gezeichneten Abbildung eines Schwarzen mit Bastrock, der freudig erregt einen Elektro-Stecker schwenkte, vor einem Kessel mit einem Missionar drin, folgender Vers:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.

Das Lehrbuch war aus den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts.
Wie schön ist dagegen der Anblick des Mohren-Haus
Mohrenhaus
Bamberg – Obere Brücke.
Reisen macht Spaß.
Eine Email von Secret Escape, einem wirklich guten Anbieter von Reise-Schnäppchen der gehobenen Kategorie, hat heute morgen den Betreff: „Das wichtigste Gepäck? Ein fröhliches Herz!“
Ein fröhliches Herz als Gepäck? Mir ist der Urlaub schon verdorben, wenn ich einen Akku vergessen habe. Ganz zu schweigen von Sonnenmilch, Mundwasser, Rosmarinöl, Sonnenmütze, Fernglas, zwei Kugelschreibern, Ouzo-Flachmann, Schweizer Armeemesser, Fotoapparat, Camcorder, Reservebrille … to be continued.
Ich wünsche allen Leserinnen ein fröhliches Herz und einen entspannten Urlaub

29.06.2016 – Wetten , dass ich Zocker bin?

Wenn Sie, liebe Leserin, mir einen Guten Tag wünschen, halte ich 2:1 dagegen. Sie brauchen nur die Floskel einzubringen: „Also jede Wette …“ unterbreche ich Sie sofort und halte dagegen, getreu dem Motto der Marx Brothers: Whatever it is – I’m against it. Was aber mehr anarchistisch gemeint war, während in mir ein Dostojewskischer Dämon wütet.
Nicht unbedingt ein Dämon, eher ein Teufelchen. Wie dieses hier:
chateau manteuffel
Manteuffelstr., Kreuzkölln.
Und es wütet auch nicht, sondern kriegt ab und zu geregelten Auslauf. Alle zwei Jahre, zu Europameisterschaften und Weltmeisterschaften, zieht es mich in die lokalen Wettbüros und was andere beispielsweise für Operntickets oder Bordellbesuche ausgeben, lasse ich durch den Schornstein meiner Wettleidenschaft abrauchen. Dieses Mal alles auf Spanien, bei einer Quote von 6:1. Bei Sieg wäre das ein zauberhaftes Berlin Wochenende geworden, mit allen Schikanen.
berlin muss schöner werden
Berlin, Plakat Aufbau Stalinallee.
Das Ergebnis ist bekannt. Ich sah mir Spaniens Niederlage gegen die Italiener beim Public Viewing an und erntete spöttisches Gelächter, als ich angesichts des drohenden Untergangs der spanischen Tiki-Taka Armada unter Admiral Iniesta lauthals in Richtung Leinwand wütete: „Geht gefälligst sorgfältiger mit meiner Kohle um!“
Früher bin ich ab und zu auf die Pferderennbahn gegangen oder ins Spielcasino, auch wegen des Ambiente. Das sind schon eigene Welten und Inszenierungen da. Wettbüros sind dagegen eine eher deprimierende Szene. Ausschließlich ältere Männer und nicht gerade lässige James Bond Typen im Smoking wie in Casino Royale, sondern eher Verlierer, die meisten vermutlich spielsüchtig. Es riecht nach Schweiß und Nikotin. Die Sucht ist da auf ihren Kern reduziert, keine Inszenierung drum rum, kein Tamtam und Chichi. The real thing und nichts anderes. Wettbüros haben was von Pornoläden an sich.
Aber selbst in dieser trostlosen Atmosphäre gibt es immer einen kurzen Moment, meist beim Abwägen der Wette und Checken der Quote, wenn die Lust am Spiel durchbricht, wenn für einen Moment unverhüllte Leidenschaft hochzügelt, roh und jenseits von Kontrolle, die Essenz des Gefühls, wenn man so will. White light, white heat, shaping way down to my toes. Dieses Gefühl kriegt dann spätestens nach solchen Erlebnissen wie beim Public Viewing für zwei Jahre wieder Ruhe. Ich bin schließlich Mitglied der Zivilisation. Kontrollverlust gerne, aber bitte termingerecht, in geregelten Bahnen und unter staatlicher Aufsicht.
Das Geld ist mir wie jedem echten Zocker piepegal. Und bei Fußballwetten geht es auch um die Ehre des Sachverstands. Meine Ehre kann nur noch durch einen Sieg der Italiener am Samstag über die Ostgoten wiederhergestellt werden. Und das Sahnehäubchen wäre, wenn Belgien Europameister wird. Mit einer Quote von 5:1.
Aber ich werde ehrlos untergehen und meinen nächsten Berlinaufenthalt wieder selber bezahlen müssen.

27.06.2016 – Wer tritt Usama Zimmermann in den Arsch?

Die flirrende Hitze drückte auf die Stadt, sie war beim Gehen wie ein wattiger Nebel regelrecht körperlich zu spüren. Also stellte ich das Gehen ein und hing im zauberhaftesten innerstädtischen Park der Welt ab, im Körnerpark mitten in Neukölln.
Körnerpark4
Körnerpark
Körnerpark
Selbst Monika suchte den Schatten und Bionade.
Zwecks Minimierung des Gehens setzte ich mich danach im Bus M29 ins Oberdeck und cruiste durch Kreuzkölln. Alles sah ruhig, freundlich und einladend aus. Die Hitze deckte einen Mantel aus Gemächlichkeit über den Asphalt. Dann sah ich Usama Zimmermann am Görlitzer Bahnhof.
antisemit
„Der zionistisch Staat mit deutschen Zionisten und internationalen Zionisten terrorisieren die Deutschen, die Ausländer und die ganze Welt.“
Der Jude ist eben immer an allem schuld. Selbst am Holocaust.
Dieser Usama Zimmermann ist mit Sicherheit auch im klinischen Sinne geisteskrank, ein Fall für die Pathologie. Leider sind solche Leute nicht immer nur „harmlose Spinner“. Da draußen rennen immer mehr Gestörte rum, denen der aus den Fugen geratende Lauf der Welt die mörderische Grundierung ihrer eigenen kranken Seele gibt. Und am Ende steht dann zum Beispiel Orlando mit 49 ermordeten Lesben und Schwulen.
Der Spinner mit dem Namen des bekennenden Pazifisten Usama steht da wohl öfter an der Kreuzung. Ich hoffe, dass demnächst mal eine Reisegruppe aus Israel da vorbeikommt, deren Mitglieder wegen gerade geschehener Terroranschläge auf Juden – und die geschehen dauernd überall auf der Welt – einen ziemlichen Hals haben auf solche Gestalten und den Usama kurz aber auch mal so was von in der Arsch treten. Der Typ ist offensichtlich Gewohnheitstäter, siehe auch Gerd Buurmann in seinem Blog „Tapfer im Nirgendwo“: „ …. Am 10. Juni 2016 demonstrierte Usama Zimmermann in Berlin über die angebliche Bosheit der Zionisten. Zwei Tage zuvor waren in Tel Aviv vier Juden ermordet worden. Sie hatten sich nicht versteckten, weder hinter Bäumen, noch hinter Steinen, auch nicht in Geheimdiensten. Sie saßen in Cafés und liebten das Leben. Sie wurden gezielt ermordet, weil sie Juden waren. ….“