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29.03.2016 – Sie alle kennen natürlich Vosne-Romanée Rotweine

Vosne-Romanée sind ähnlich selten wie der Pétrus, recht kostspielig, eher was für besondere Gelegenheiten, wie der Gewinn eines Dreier im Lotto. Von dem Wein gibt es nicht viele Exemplare auf der Welt. Sagen Sie übrigens niemals Chateau Pétrus, das ist ein ähnlicher faux pas als wenn Sie während eines Empfangs für die Queen einen Furz intonieren. Wir nennen ihn einfach „Pétrus“ (den Wein, nicht den Furz …)
Sie haben ja keine Ahnung, was es für Sprach-Chiffren und Style-Codes in den gehobenen Ständen gibt.
Ich besitze einen Rotwein, von dem gibt es noch weniger Exemplare. Ich habe keine Ahnung, was dieser Wein wert ist. Kapitalismus heißt ja: Je geringer das Gut, desto höher der Preis. Je mehr, desto billiger, gäbe es von der Gutenberg Bibel beispielsweise ein paar tausend Stück, wären die billiger als die zig Millionen Euro, die die wenigen verbliebenen Restexemplare wert sind..
arnos rotwein Kopie
Arno’s Rotwein, Auflage keine 100 Stück! Rotspon aus Hannover, absolute Rarität. In der Kultflasche mit dem Kultetikett und dem Kult Apostroph. Es handelt sich um eine Cuvée, ein Teil der Trauben stammt vom Bahndamm Südlage, ein anderer Schrebergarten Westhang, Mischbepflanzung mit Holunder. Abgabe gegen Höchstgebot, Erstgebot 1.500 Euro.
falken garage
Falkengarage, Hannover-Linden. Zeitinsel, Fünfziger Jahre Aura, erinnert mich an die Zeiten, als wir mit der Nille auf Garagentore bokten, Strassenfussballer, rude boys. Einmal zerlegte mein Kumpel Uwe dabei eine Fensterscheibe. Die Dresche dafür kriegte ich Zuhause. In den Schlaffi-Siebziger-Selbsthilfegejammer-Jahren habe ich über solche Ungerechtigkeiten raisoniert. Heute sage ich: Gut so! Hat meine Resilienz gefördert. Sonst wäre ich niemals der toughe Streetgang-Outlaw geworden, der zu Recht „The Crusher“ genannt wird. Oder auch „The Flying Sackbarrow Brother“. Mitunter auch „Der der den letzten Schuss gehört hat“. Das hängt davon ab, wo Sie nachfragen.
Die Falkengarage liegt zwischen mehreren hochpreisigen Neubauprojekten, wo der Quadratmeter Wohnung nicht unter 4 Steinen weggeht, Tendenz steigend. Ich tippe mal: da pokert der Eigentümer auf steigende Preise. Aber nicht mehr lange und dann wird da gebaut. Wenn mein Rotwein genug bringt, steige ich da auch ein.
Für einen Quadratmeter wird es ja wohl reichen.

28.03.2016 – Ich hatte es bislang für einen normalen Schwerst-Asi-Schuppen mit gelegentlichen Hobby-Ehefrauenverprügelungen gehalten.

bei logi
„Bei Logi“ ist dicht, bei mir um die Ecke, einer der letzten abgedrehten Läden im Kiez, die Art Kneipe, über die in keinem Stadtmagazin jemals Beiträge steht. Hab früher öfter in solchen Läden abgehangen und wohl nur deshalb nie aufs Maul gekriegt, weil die Gäste mich da alle für verrückt gehalten haben und man in solchen Kreisen keine Behinderten oder Verrückte haut.
Solche Läden werden, wenn überhaupt, nur in Blogs wie diesem erwähnt,aus 2007, als es in Linden noch einige schräge Kneipen gab, abseits der Alternativo-Studi-Schicki-Micki Szene, Zitate:
„“Bei Lumpi“ (oder so ähnlich) in der Nieschlagstr., und die „Barkarole“ in der Rampenstr. (ganz fies). Das sind alles Läden, wo garantiert die Jukebox verstummt, wenn du reinkommst. Und alle – Barschlampe und 5 Thekengäste mit im Knast erworbenen „LOVE/HATE“-Fingerknöchel-Tätowierungen – glotzen dich an.“
….
„Lumpi heißt Logi und ist wirklich übel, kommt aber an die Kötnerstube nicht ran. Barkarole ist eine Kneipe für Schwule ab 75 (Ist jetzt ne Szenekneipe, d. A.) . Da man da leider nicht reinkommt, (ist der letzte weiße Fleck auf der Kneipenkarte) weiß ich es nicht genau, aber eine Musikbox haben die da bestimmt nicht.
….
Ah, daher die Klappe in der Tür. Ich hatte es bislang für einen normalen Schwerst-Asi-Schuppen mit gelegentlichen Hobby-Ehefrauenverprügelungen gehalten.
…“

Direkt neben „Logi“ war meine Lieblingskneipe „Bei Mutti“, schmal wie ein Handtuch, Theke, Zapfhahn und zwei Tische, von denen ich glaubte, dass sie am Boden festgeschraubt waren, bis da mal jemand den Boden gewischt hat und die Tische sich normal hin- und her bewegen ließen.
bei mutti 1991 abriss
Bei Mutti, Abriss 1991.
Bin da öfter direkt nach Feierabend auf paar Biere rein, einmal stand mal wieder Krankenwagen und Polizei vor der Tür. Ich kriegte noch einen Satz vom einzigen Gast mit, der andere war schon abtransportiert, zum Protokollaufnehmenden Polizisten: „Ich weiß doch auch nicht, wie das passiert ist. Auf einmal ist der mit dem Kopf auf die Theke gebumst, einfach so.“
Unbesungene Orte dieser Welt,
Euch flicht kein Dichter jemals Kränze.
Mutti von hinten
Mutti von hinten, von unserem Haus aus gesehen. Mit „Automuckler Paul“, Gewerbe im Hinterhof, wie früher üblich. Heute steht da eine Kindertagesstätte. Wenn die jungen Muttis von heute wüssten, auf was für Altlasten mit Hektolitern Altöl, Diesel und Batteriesäure ihre Brut da spielt, würden sie die nur mit Gasmasken hinschicken.
Es gibt in Linden noch Läden, die sind ganz skurril, wie das „Eliseneck“, „Izarro“ oder „… und der böse Wolf“, Kneipen, in denen sich jeder Pathologe beim Anblick der Gäste die Hände reibt angesichts des Potentials von verwüsteten Raucherlungen, zirrhotisch vernarbten Lebern oder degenerierten Schrumpfhirnen, aber sie sind alle weichgespülter Mainstream, mit eigenen Homepages (!), im Vergleich zu „Bei Logi“, „Bei Mutti“ oder „Bei Alil“.
bei alil
Requiescant in pace.

26.03.2016 – Rezept für Gesichtswasser und den direkten Weg in das Herz der Angebeteten.

gesichtswasser
50 ml Rosenwasser, 50 ml Hamamelis, 50 ml Orangenblütenwasser und 100 ml abgekochtes Wasser, einfach mischen. Fertig. Kostet ca. 5 Euro, ist angenehm und nicht so beißend erfrischend wie Alkoholbasiertes Zeug (Rasierwasser z. B., damit kann man auch desinfizieren, ist also: ätzend) und ist natürlich ohne Konservierungsstoffe. Also steril arbeiten und die Originalflaschen (kann man zu je 100 ml in jeder Apotheke bestellen) kühl lagern, mit dem Verschluss nach unten, um Sauerstoffkontakt zu reduzieren.
Das Gesichtswasser duftet mit frischer Rosen-Kopfnote, die Intensität kann man mit abgeändertem Mischungsverhältnis steuern. Die Herstellung macht Spaß und es ist ein überzeugendes Geschenk. Hier wende ich mich ausnahmsweise an die Herrn – und dereinstigen Vernichter – der Schöpfung:
Das Zeug in eine attraktive Flasche mit einem handgemachten Etikett und das Herz der beschenkten Dame wird sich Ihnen weit öffnen Aber um Gotteswillen keine vorgefertigten Cliparts wie das hier unten auf das Etikett.
clipart
Das sieht einfach Scheiße und unoriginell aus.
Dann lieber weißes Etikett und handschriftlich drauf “Gesichtswasser“, Herstellungsdatum und Unterschrift. Fertig. Damit stellen Sie unter Beweis, dass Sie einer der wortkargen, aber dafür umso gefühlsechteren und einzigartigen – weil sensibel, ökobewusst und originell – Vertreter der Spezies Mann sind.
Wenn Sie der Typ „Witzig-romantisch“ sind, können Sie noch hinzufügen
„Hoffentlich halten unsere Gefühle füreinander länger als das Gesichtswasser …“.
Das „füreinander“ ist wichtig! Es stellt eine direkte emotionale Beziehung her. Und schließt aus, dass es sich um jeweilige Gefühle für Filterkaffee oder die Dritte Welt handelt.
Wenn Sie eher der Schnulzenfuzzi sind, geht auch
„Ich wollte schon immer jede Pore Deiner Haut verwöhnen“.
Wenn Sie Glück haben, hält die so Beschenkte Sie für poetisch veranlagt anstatt für das, was Sie in Wirklichkeit sind: Ein Fürst des Kitsches und einfach ein geiler Bock.
Schreiben Sie um Gotteswillen nicht so was wie „Mit Liebe angerührt“. Wenn die Dame Ihres Herzens auf so was steht, können Sie ihr auch gleich Mon Cherie oder Knorr Tütensuppen schenken …
Die hier geschilderte Methode wirkt mit Sicherheit. Nicht etwa, weil ich Fachmann auf diesem Gebiet wäre, sondern weil die hier vorgestellte Methode auf wissenschaftlichen Grundlagen von Semiotik und Linguistik beruht, eingebettet in Produkt-Marketing. Ich könnte Ihnen auch wirksame Tipps für den Verkauf von Computern geben, ohne zu wissen, wie das Betriebssystem funktioniert, oder für die richtige Wähleransprache, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie Politik geht.
Es geht schlicht darum: Wann wende ich wo in welchem Zusammenhang welche Zeichen an, um mein Ziel zu erreichen.
Falls Ihnen das zu hoch ist, als Hausgabe bis morgen, damit Sie ein Gefühl für Text & Sprache kriegen: eine vergleichende Textanalyse, einmal von der Bildzeitung von heute und daneben von James Joyce’ „Ulysses“.

25.03.2016 – Die da oben machen ja doch was sie wollen? Das hoffe ich doch sehr!

Angesichts der grassierenden und wachsenden Vollidiotie an der Basis vulgo: dem Wahlvolk, gibt es neben der repressiven Klammer des Rechts und des Staates nur noch eine Hoffnung darauf, dass sich wenigstens hierzulande einigermaßen zivilisatorische Zustände erhalten: Dass „die da oben“ auf die Meinung des gemeinen Mannes – und nie passte die Bezeichnung besser – einen feuchten Furz geben und einfach machen, was sie wollen. Es reicht ja wohl, wenn AfD Rassismus Einzug in den Mainstream hält. Da kann man ihn eventuell mit massiver Repression in Schach halten. Wenn der auch noch Einzug in die Gesetzgebungsverfahren hält, wandere ich aus. In die DDR.
Diese Meinung spiegelt undemokratische Verachtung der Elite gegenüber dem Volk wider und knüpft an das Avantgarde-Konzept früherer K-Gruppen Kasper und Kasperinnen an? Tja, was soll ich sagen?
Tut es, volles Programm.
brüssel gebäude eu parlament
Brüssel EU-Parlament. Architektur übt Macht aus. Diese hier sagt: Haltet mir das Volk vom Leibe.
brüssel gebäude eu parlament 2
Brüssel EU-Parlament. Alles eine Frage der Perspektive. Straßenkunst vor Architektur. Man muss sich nur der Mühe des genauen Blicks befleißigen, dann reduzieren sich Machtverhältnisse mitunter auf Niedlichkeiten.
Drei bis vier Prozent der Bevölkerung sind Soziopathen, also empathielos wie Frau von Storch oder ohne Gewissen wie IS-Killer und Terroristen. Das wären allein in der EU 20 Millionen. Da muss aber ordentlich überwacht werden. Wenn es irgendwo einen ETF gibt, der die Indizes der Überwachungsindustrie abbildet: Sofort kaufen!
Aber es gibt auch Lustiges von der Weltuntergangsfront zu vermelden: 10 Prozent aller FDP Wähler empfinden ihre wirtschaftliche Situation als schlecht, der höchste Anteil von allen Parteien. Bei der AfD, der Partei der chronischen Ostzonen-Bitterfeld-Hartz-IV Loser, sind das 5 Prozent.
Wie soll ich mir das jetzt vorstellen? Der Zahnarzt mit einem Jahresnetto von 250.000, der nachts nicht in den Schlaf findet, und der Parkbankzecher, der jeden Morgen ohne Sorgen jubelnd seine Aquavit Pulle einpackt? Ist das jetzt so ’ne Art irdischer Gerechtigkeit via Abspaltung und Verdrängung?

23.03.2016 –Wolfgang Bosbach in Klein-Kongo.

intervention matonge 1
Brüssel, Rue de la Paix, Matonge (Afrikanisches Viertel, auch Klein-Kongo genannt). Achten Sie auf die Binde an der Wade im Denkmal. Auflösung unten.
Ich war vor ein paar Tagen in Brüssel, als einer der Paris Attentäter festgenommen wurde. Die Stadt war voll von schwer bewaffneten Soldaten und Sirenengeheul. Ich saß vor der Börse, trank ein Bier in der Sonne, Polizei und Krankenwagen rauschten an mir vorbei. Aber das war mir unwirklich, weit weg. Ich habe weder große Angst vor Bakterien, dem Waldsterben oder dem Terror. Wobei ich die Warnung des obersten Hygienechefs von Deutschland, Namen hab ich vergessen und auch keinen Bock, das zu verifizieren, das ist mein Privatblog und keine höhere Lehranstalt hier, neulich bedenkenswert fand: „Eine Mohrrübe, die in die Toilette fällt, können Sie ruhig essen. Wenn die in die Spüle fällt, sollten Sie das bleiben lassen. Da sind im Zweifel mehr Colibakterien dran …“ Meiner Toilette gebe ich ca. zweimal am Tag die Essigsauberkante, das stimmt schon ….
Ich schweife ab, ich sehe mir halt gerne beim Schreiben zu. Kleists Ausführung „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ passt bei mir auch aufs Schreiben.
Die Nachricht vom Terror in Brüssel gestern hat mich schon nachdenklich gemacht. Die U-Bahnstation Maelbeek liegt im EU-Viertel, um die Ecke von dem Ort, wo ich einen Auftritt hatte, von dort aus bin ich auch schon gefahren. Würde ich zum Beispiel Bedenken haben, wenn ich übermorgen nach Brüssel fahren sollte? Würde ich zum Fußballspiel am Samstag in Berlin gehen oder zu einem während der EM? Hypothetische Fragen, ich fahre nicht nach Brüssel und ich guck mir grundsätzlich keine Länderspiele an. Aber früher hätte ich mir noch nicht mal hypothetische Fragen gestellt. Die Wahrscheinlichkeit, von Terror betroffen zu werden, ist geringer als einen Sechser im Lotto zu kriegen. Aber ich spiele auch Lotto.
Verrückte Welt. Irgendwann wird es auch in Berlin passieren, da bin ich öfter, demnächst beim Karneval der Kulturen. Das ist doch in den Augen der Terroristen ein Babylon hoch drei: Musik, Drogen, Schwule, Lesben.
Ich sage mir in Abwandlung von Wittgenstein: Worüber man schreiben kann, davor braucht man keine Angst zu haben. Also scheiß auf die Terroristen, Berlin, ich komme!
intervention matonge 2
Auflösung Binde Wade.
Eine temporäre Intervention, witzig und schön, weil sie die Substanz nicht schädigt. (Wobei: Free Palestine … na ja, hinter sowas verbirgt sich oft wahnhafter Antisemitismus.)
Eben Wolfgang Bosbach im Deutschlandfunk. Der wird ja zu allem befragt, natürlich auch zu Brüssel. Seit ich den Namen präsent habe, und das ist seit Jahren der Fall, ist der mit dem Zusatz behaftet: Sterbenskrank. Austherapiert. Der Typ ist aber munterer als 99 % seiner Kolleginnen, seit Jahren. Ist das nur Resilienz?

22.03.2015 – Grundlage von ästhetischer Bildung ist die Wahrnehmung von Differenz.

Wenn ich kein Gefühl für das Andere habe, wird mir ein aufgeklärter Blick in die Welt versperrt bleiben. Das schließt die Wahrnehmung von Kunstwerken ebenso ein wie die von der Gestaltung der Städte und von der Hässlichkeit von Pegida-Demonstrantinnen. Pegida und AfD sind hässlich, rein ästhetisch gesehen, ohne ethische Wertung. Ich habe noch nie jemanden aus diesem Umfeld gesehen, die ich erotisch fand oder auch nur attraktiv. Ihre Plakate sind unlustig und hässlich. Ich verschließe die Augen und stelle mir Herrn Gauland, der Name steht für sein Programm, mit Donald-Maske vor und Frau von Storch mit Strapsen.
Nichts hilft gegen den faden Geschmack von Hässlichkeit, auch kein Lachen.
Warum ist die Welt so, wie sie ist? Das ist die Grundfrage jeder Kunstproduktion, die in sich den Kern trägt der Nachfrage: Warum ist die Welt nicht besser? Und: Wo gibt es eine bessere Welt? Insofern ist ästhetische Bildung immer auch politische Bildung.
entartete musik
Schöne Präsentation: Ernst Jünger und Entartete Musik.
Ernst Jünger war kriegsverherrlichender Kryptofaschist und Entartete Musik bezieht sich auf eine kritische Rekonstruktion der gleichnamigen Nazi-Ausstellung.
Wahrnehmung von Differenz, ursprünglich ging mir der Gedanke im Kölner Hauptbahnhof durch den Kopf, als mir beißender Wurstgeruch in die Nase stieg. Überall blubberte Wurstwasser, in dem Bockwürste et. al. gesotten wurden. Der Kölner scheint ein regelrechter Wurstfetischist zu sein. Ich schätze gelungene Bratwürste, aber Köln war echt übel. Ich hatte vorher in Brüssel den Duft von frischen Waffeln auf offener Strasse eingesogen, und der Unterschied war eklatant.
Jede Stadt riecht anders, schmeckt anders, sieht anders aus, fühlt sich anders an. Differenz eben.

21.03.2016 – Die Bilder seh’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Das sage ich mir jeden Tag aufs Neue, wen eine unfassbare Bilderflut, getränkt voll Irrsinn, Niedertracht und Zynismus, auf meine arme Netzhaut niederregnet. Das kann doch gar nicht sein, dass die Welt …., aber sehen Sie selbst:
institut für angewandten humbug
Coaching, Psychotherapie HPG (= Hokuspokus Heilpraktiker) und Outplacement – Astrologiegestützt.
Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen? Von wegen, hier geht der Fisch ab mit CIP Coaching in Process. Was ist CIP Coaching in Process? Zitat und das reicht schon, mehr muss man nicht lesen:
„Unsere Vision ist, am evolutiven Bewusstseinsprozess mitzuwirken, sich begeistert auf das Leben einzulassen und sich immer weiter zu entfalten – mit Wurzeln und Flügeln!“
Wer Visionen hat, soll aufhören zu kiffen, evolutives Bewusstsein und sich mit Wurzeln und Flügeln entfalten… Also ich möchte meine Wurzel nicht entfalten und mein Flügel ist ein Klavier und sehr verstimmt, wenn er solche gruselig-windschiefen Metaphern liest, die nichts tun außer lauthals zu rufen:
„Hilfe, wir, die wir solche Sätze in die Landschaft zimmern, sind eigentlich arme Würstchen und Tröpfe, bei denen es zu einer richtigen Psychoklempner-Praxis nicht gereicht hat und aus lauter Verzweiflung versuchen wir, mit allerlei Esoterik-Humbug noch dümmeren und verzweifelteren Würstchen und Tröpfen als wir es sind das Geld aus der Tasche zu ziehen mit dem Erwerb von Zertifikaten, die beim Autor dieses Blogs noch nicht mal zwecks Beseitigung evolutiver Verdauungsreste auf dem WC hängen dürften.“
Mitzuhelfen Leute rauszuschmeißen via Qutplacement, sie dann in Transfergesellschaften ein paar Monate lang ruhig zustellen und zu verarschen, und wenn sie hinterher verzweifelt sind, ihnen mittels Astrologie-Scharlatanerie den Rest Kohle aus dem Kreuz zu leiern, die sie beim Eintreten von Hartz IV noch haben, das nenne ich Zynismus pur entlang der Wertschöpfungskette.
Wie recht hatte doch der wackere Terzky, der dem astrologiegläubigen Wallenstein angesichts des Verrats von Piccolomini (obwohl die Sterne ja angeblich günstig standen) entgegen hielt, trocken wie ein guter Martini:
„Hätt‘ man mir geglaubt!
Da siehst du’s, wie die Sterne dir gelogen!“

(Schiller, Wallensteins Tod, Lektüre in der Untersekunda)
So gebe ich Euch Leserinnen und der ganzen Welt,
den Terzky heute, und das ohne Geld.
Wenn das kein guter Start für Sie, liebe Leserinnen, in die Woche ist….

19.03.2016 – Psychokontaminierte Orte.

Manche Orte sind für mich psychokontaminiert. Der Bahnhof Köln zum Beispiel. Bei meinen früheren, mal sehr, mal weniger erfolgreichen Touren durch Deutschlands TV-Casting- Und Quizszene bin ich hier mal gelandet, als es um „Wer wird Millionär?“ ging, was suboptimal lief. Seitdem befällt mich immer, wenn ich im Kölner Bahnhof bin, eine gewisse Muffigkeit. Kein Drama, die Nummer hat mich nicht umgehauen damals, aber es ist schon ein anderes Gefühl, als wenn ich im Berliner Hauptbahnhof oder in Lissabon im Bahnhof Oriente ankomme. Da sauge ich mit den ersten Atemzügen schieres Glück ein. Selbst wenn es, wie neulich in Berlin, mitten im feuchtnieseligen Winter nur für einen Tag war. Da atmet man normalerweise nur Grippeviren ein. Ich aber tanzte mit meinem Rolli über den Vorplatz und intonierte lauthals: „I’m singin in the rain.“
Fast jedenfalls.
Köln dagegen. Und dann musste ich auch noch auf den verspäteten Umsteigezug warten, für zwei, drei Kölsch war die Zeit aber zu kurz, also drückte ich mich am Dom rum. Beeindruckendes Gemäuer und innen richtig spirituell. Aber das zieht da immer wie Hechtsuppe. Selbst wenn es im Rest der Republik warm und total windstill ist, bläst einem bei einer Domumrundung immer ein eiskalter Orkan entgegen. Immer Gegenwind bei einer 360 ° Kehre zu haben, das muss eine Gegend auch erst mal hinkriegen. Ätzend.
So was kann man doch heutzutage mit Computersimulationen bei der Bauplanung in den Griff kriegen. Wie rückständig die damals waren.
Und überhaupt, Köln …
4711 haus
Köln geht aber auch schön: 4711-Haus, am Dom, ein zeitloser Klassiker. Der Duft auch, erinnert immer an Oma, seit Generationen…

18.03.2016 – Eine andere Welt ist machbar, Herr Nachbar.

„Ein grundsätzlicher Wandel der Geschlechterrollen und Paarbeziehungen hat in den letzten 20 Jahren nicht stattgefunden“, so das Fazit der aktuellen Genderforschung in einem Spiegelartikel über eine wachsende Zahl von hochqualifizierten Frauen, die sich auf ihre Hausfrauenrolle zurückziehen, während Männe (ab hier O-Ton Autor) die Kohle ranschafft. Und sich nach 10 Jahren, wenn sich die Mutti Zuhause mit den zwei Gören unattraktiv geackert hat, eine Jüngere anschafft, was für Mutti im Zweifel die Falle „Altersarmut“ bedeutet.
Was der Spiegel komplett ausblendet, ist die Tatsache, dass dieses individuell-resignative Rückzugsverhalten wie Arsch auf Eimer in den allgemeinen gesellschaftlichen Roll back passt. Ein derartiges Verhalten von (Haus)Frauen als Selbstverwirklichung auch nur zur Diskussion zu stellen, ist fast genauso reaktionär wie das Verhalten der Frauen selber.
Unter anderem welcher solcher Hanswurstiaden lese ich den Spiegel nur auf Reisen und wenn mich mal die Titelgeschichte anspringt. Wie im vorliegenden Fall die über die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich. Ohne großen Erkenntnisgewinn, außer der Tatsache, dass es jetzt sogar Spiegel und DIW gemerkt haben.
krallen zeigen - fischmarkt brüssel
Krallen zeigen – Brüssel Fischmarkt
Dass Männer sich dieses Verhalten von Frauen zunutze machen, so what. Warum soll der Profiteur sein Geschäftsmodell zur Diskussion stellen?
Wenn ich mir allerdings für mich den umgekehrten, also aufgeklärten, weil als Teil eines anderen Rollenverständnisses in die Zukunft weisenden Fall vorstelle, dass ich Zuhause hocke, mehr oder weniger erfolglos die Brut aufziehe und versuche, den Haushalt nicht zur Mülldeponie werden zu lassen, während die Mutti die Kohle ranbringt, würde ich mich wahlweise wahrscheinlich als „Opfer“, als „schwul“ oder „behindert“ fühlen (Hab vorhin auf dem Bahnsteig gehört, wie ein Halbwüchsiger die drei Begriffe in einem Satz unterbrachte. Ich dachte sofort: Das versuch ich auch mal. Voila.) Gruselig wird die Vorstellung, ich würde nebenbei (!) versuchen, als Kulturproduzent nennenswert Geld zu verdienen. Da könnte ich mir gleich ein T-Shirt häkeln mit der Aufschrift: LOSER. Im Laufe der Jahre hat sich leider herausgestellt, dass ich ein erfolgreicherer Kulturmanager als Produzent bin. Das ist für mich alleine schon eine Kränkung, die jeden Drogenabusus rechtfertigt.
Eines muss frau dem Spiegel Artikel aber lassen. Die eigene Meinung eines Autoren (im vorliegenden Fall: Autorin!) schimmert im Journalismus ja grundsätzlich in den letzten Zeilen eines Beitrags durch. Die bleiben haften, gerne auch in einem O-Ton versteckt.
Und da besteht bei der Autorin Hoffnung. Also Zitat Spiegel Artikel:
„Tobias Scholz (einer jener wenigen Parademänner, die Gleichberechtigung praktizieren, d. A.) findet: „Männer können vom Feminismus profitieren.“
Nicht vom weiblichen Rückzug in die Spielecke.“

Das ist genauso richtig wie die Erkenntnis, dass eine andere, sprich aufgeklärtere, bessere, Welt machbar ist.
Nur wann und mit wem?
Aber dank dem Spiegel hab ich mir jetzt auch darüber mal einen Kopf gemacht. Präziser: Ich hab darüber was in diesem Blog geschrieben.
Das heißt nicht automatisch, dass ich mir einen Kopf gemacht hätte.

15.03.2016 – Die schärfsten Kritiker der Elche wären gerne selber welche.

Nach F. W. Bernstein.
die schärfsten kritiker der elche
In Duderstadt im Eichsfeld, meiner alten Heimat. Das Projekt „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ soll da hin und das bedarf gründlicher Planung. Ich krieg schon beim Gedanken an die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen noch mehr graue (weiße. Die sind weiß! Nicht grau!) Haare. Tolle Arbeiten sind da entstanden, aber die Produzentinnen: Unpünktlich, undiszipliniert, unprofessionell. Nicht alle. Aber 100 Prozent. Diese meine Sicht und Disposition führt mich zu der Frage: Äußert sich im obigen Bild, was auf der äußeren Erscheinungsebene nur so vor selbstbewusster Abgrenzung strotzt („Spießer? Ich doch nicht!“) vielleicht eine heimliche Sehnsucht: Ich wäre so gerne auch Spießer? Siehe Überschrift. Oder gar subkutane Identifikation mit dem angegriffenen Subjekt: Ich bin es eigentlich hinter meinem Rücken schon? Seufz.
Jetzt auf nach Brüssel. Ein Auftritt in der niedersächsischen EU-Vertretung. Das schreibe ich, liebe Leserinnen, damit Sie von mir beeindruckt sind. Und später, wenn ich Alzheimer habe, Brüssel schon lange vergessen habe und diesen Eintrag lese, bin ich dann selber von mir beeindruckt. Ich fahre mit Wut im Bauch, darüber, dass sich der von mir am 12.03 vorsorglich beschimpfte Wähler noch viel strunzdummer verhalten hat, als gedacht. Was kommt als nächstes, bitte schön? Die SPD scheitert an der 5 Prozent Klausel? Ich seh’ mich schon Wahlkampf für die SPD machen. Das würde meine Ruf in bestimmten Kreisen auf „0“ reduzieren. Und wäre ein weiteres Argument dafür.
Jetzt sollen wir uns also argumentativ mit der AfD auseinandersetzen und sie in der alltäglichen Arbeit demaskieren. Das ist komplette Hilflosigkeit. Mit dem Ressentiment kann man nicht diskutieren. Die Wut, die diese Rassisten umtreibt (20 – 30 Prozent der Bevölkerung sind latent rassistisch und antisemitisch), ist der Ratio nicht zugänglich.
Das Programm der AfD ist die Entfesselung des Elite-Mob gegen den Proll-Mob: Umverteilung von unten nach oben, Sozialabbau, Privatisierung, Entlastung der Reichen. Und trotzdem erzielt die AfD die besten Ergebnisse in sozialen Brennpunkten wie Bitterfeld in der Ostzone. Da prallt jedes Argument schon an der Stadtmauer ab.
Und Gnade uns … tja, wer? …, wenn wir mal ne echte Krise kriegen, mit massiv wachsender Arbeitslosigkeit und diese Trümmertruppe statt solcher Gruselgusten und Xanthippen wie von Storch und Petry charismatische Führerinnen hat.
Nach wie vor gilt das Wort zum Sonntag: Rassismus ist keine politische Einstellung, sondern ein Verbrechen. Und Verbrecher gehören in den Knast.
Deshalb, Genossinnen, ist ab heute zu fordern: Staat, bau massenhaft Knäste!