Egal, wie die Wahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt morgen ausgehen: Das hat die SPD nicht verdient. Die Geschichte der SPD ist eine Geschichte von Irrtümern und am sympathischsten an ihr waren meist die linken Dissidenz-Fraktionen. Über die Agenda 2010 ist alles gesagt, eine sozialpolitische Katastrophe von Anfang an und ich kann mir keine SPD vorstellen, bei der ich Mitglied sein möchte. (Ich möchte bei überhaupt keiner Partei Mitglied sein, es sei denn, ich gründete sie selber.)
Aber irgendwann ging mir das SPD-Bashing von allen Seiten, ohne Ausnahme, auf den Keks, zuerst aus einem einzigen Grunde: es wurde komplett unoriginell und langweilig. Unoriginalität in der Politik heißt: Achtung, Ideologiealarm. Es ist das Pendant zur Unoriginalität in der Kunst, dort heißt es dann: Achtung, Kitschalarm.
Dass die SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt auf ein Wählerquorum auf Augenhöhe der AfD reduziert wird, ist grotesk und die ausschließliche Verantwortung dafür trägt Deutschlands größte Vollidiotenansammlung: Wähler. Der Wähler ist ein Trottel ex tunc und par excellence, wie er im Buche steht, aber in keinem Buch, das ich jemals lesen möchte.
Lieber Wähler, mal eins zur Klarstellung: Die SPD ist keine Partei, die für die Einführung der Todesstrafe plädiert oder einen Angriffskrieg auf Luxemburg plant, da wollen wir doch mal die Kirche im Dorfe lassen!
Ich rege mich schon seit Jahrzehnten darüber auf, was Du, lieber Wähler, Dir für eine Scheiße zusammenwählst, aber irgendwann ist auch mal gut. Wenn es Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben.
Also nach Mallorca. Auswandern. Oder ins Dschungelcamp. Als Kakerlake (Igitt, Tabubruch, Mensch mit Tier gleichsetzen. Macht man nicht. Geht gaaarnicht!
Sorry. Ich wollte die Kakerlaken nicht beleidigen. Eigentlich bin ich ja Anthroprozentriker, aber der Wähler treibt mich echt in Zweifel)
Mit dieser vorsorglichen Wählerbeschimpfung pinkele ich mir ja ins eigene Nest. Ich bin auch als Politikberater unterwegs, eine Art spin doctor, der Anfängern und Ratlosen auf die Sprünge hilft.

Hier aus dem Workshop „Richtiges Verhalten in der Öffentlichkeit – wie spende ich professionell?“
Mein erster Tipp: Geldschein nach Foto nicht reinstecken, der Tag ist noch lang und der Etat ist klein!
Zweiter Tipp: Mit Sozialpolitik gewinnt man keine Wahlen und wer Kultur sagt, hat sie schon verloren.
Und das von mir. Was für ein Zynismus.
Ich bin so böse …
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11.03.2016 – Ich bin kein Öko.
Von den drei sozialen Bewegungen der Moderne: Arbeiterbewegung, Frauenbewegung und Ökologiebewegung, hat mich die Arbeiterbewegung am meisten beeinflusst. Emotionen wie Zorn verspüre ich bei sozialer Ungerechtigkeit. Grotesk finde ich den Zustand der hiesigen Rest-Frauenbewegung, die sich angesichts massiver ökonomischer Schieflage für Frauen in der BRD und wachsender gewaltförmiger Unterdrückung von Frauen weltweit, nicht nur in islamisch geprägten Krisenregionen, in endlosen theoretischen Diskussionen darüber ergeht, wie viele gesellschaftlich konstruierte Geschlechter es eigentlich gibt. Kalt lässt mich Ökokram. Ich war auf zahllosen Demos in meinem Leben, aber auf keiner AKW Demo.
In meinem Alltagsleben bin ich allerdings fast vorbildlicher Öko, fahre kein Auto, krieg immer was von den Stadtwerken zurück und wären da nicht die bösen Flugreisen, würde ich einen tinzig-winzigen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Ich mach auch Kosmetik und Heilkram selber, zum Bespiel Mundwasser mit Salbei und Öl zum Einreiben gegen Entzündungen mit Rosmarin. Alles unbehandelt aus dem Garten, volle Pulle Öko. Das Ansetzen, Dosieren Filtrieren, Umfüllen, Protokollieren macht aus mir einen kleinen Laboranten. Aber nur fast. Heute morgen habe ich zwei Pullen verwechselt, nach dem Abfüllen waren die noch nicht beschriftet. Hab zum Gurgeln statt der Salbeitinktur das Rosmarinöl genommen. Kein Drama, aber diese dekonstruierte Erwartung, auf einmal diese schleimige Ölkonsistenz im Mund zu haben und im Hinterkopf Bilder aus Filmen, wo Leute mit vertauschten Flaschen vergiftet wurden, igitt. Hab’s sofort ausgespuckt. Aber unterschiedliche Gefäßfarben nehme ich trotzdem nicht, ist ja wohl die gleiche Gefahrenklasse.

Und was hat dieses Foto vom Höher Berg damit zu tun? Nichts. Ich wollte es nur nicht umkommen lassen und dafür ist dieser Blog hervorragend, hier kann ich all das Zeug parken, das woanders keine Verwendung hat.
Ich war neulich in meiner alten Heimat und habe mich im Vorbeifahren am Höher Berg daran erinnert, wie ich als fünfjähriger Pöks mal abgenervt von einer Wallfahrt dahin abgehauen bin, über die Felder nach Bilshausen, alleine, 5 Kilometer. Da redet das Eichsfeld heute noch von.
Ich war eben schon damals ein Rebell. Später wurde aus mir der working glass hero.
Hahaha.
07.03.2016 – Deutschlands Bauklempner erklären mir den Krieg
Ich hab eigentlich keine Zeit, muss extra für einen einzigen Kabarettauftritt ein Extra-Programm produzieren und das neben der Alltagsarbeit, die momentan mitunter so was von nervt.
Das Angebot für den Auftritt war eins, zu dem ich nicht „Nein“ sagen konnte. Quid pro quo und so. Auf platt Deutsch: Ich hab echt Stress und wünsche mir gerade, ich stehe mit wehenden Haaren und dem Daumen im Wind an irgendeiner gottverlassen Strasse im Alentejo, free like bird, und das Einzige, was ich als Ziel vor Augen habe, ist die nächste Kneipe, mit einem vinho verde. (Purer Kitsch, diese Vorstellung. Normalerweise sitze ich da im Zug in der ersten Klasse, ist billig da, und man kriegt vinho verde am Platz serviert.)
Aber ein Blick in meinen Spam Ordner heute morgen, den ich immer flöhe, weil da regelmäßig auch dienstlich-privat-wichtiges landet, hat mich ein bisschen aufgemuntert.

Die Drohung von Chiara, mich 48 Stunden lang zu fi**en, nehme ich mal so hin, . Aber das nach der Bauklempnerei Fischer gestern die Bauklempnerei Lorenz heute an meine „Heizung“ will, lässt mich eine Verschwörung der doitschen Bauklempner gegen mich befürchten. Bauklempner, Ihr wollt Krieg? Den könnt Ihr haben! Und Chiara, das mit uns wird nichts. Ich muss ackern.
06.03.2016 – Als 80jähriger Liebe machen wie ein 18jähriger.

Mein Spam-Ordner heute morgen.
Soll das mit der späten Liebe Verheißung oder Drohung sein? Wenn man Glück hat, angelt man sich als 80jähriger vielleicht noch mal ’ne flotte 69jährige und ich möchte keine Vermutungen darüber anstellen, wie „erfreut“ die darüber wäre, wenn ihr 80jähriger Galan jeden Tag hormonenthemmt immer nur das Eine will. Meine Baustelle ist diese Thematik grundsätzlich nicht, meine Baustelle ist eher das freudige Sinnieren über den Absender der Mail: Bauklempnerei Fischer.
Soll das die Seriosität des Angebots erhöhen? Bauklempner sind gemeinhin keiner sexuellen Abgründe oder Phishing-Attacken verdächtig, zumindest keiner der mir bekannten Bauklempner. Ein Bauklempner macht ein Angebot wie „Ich montiere Ihnen einen neuen Spülkasten zu folgenden Konditionen …“ und Ende im Gelände. Das ist seriös und ohne Hintergedanken, ganz anders als Angelina23. Da denkt doch jeder gleich: Luder, Lug, Betrug.
Oder geht es beim Bauklempner Fischer nur um jenen schenkelklopfenden Männerhumor nach dem vierten Doppelkorn:
„Willst Du auch spät noch Rohre gut verlegen,
begleitet Bauklempnerei Fischer Dich auf Deinen Wegen.“
What’s left an diesem trüben Sonntagmorgen? Ein Dreier im Lotto und Nachbarins Katze kommt auf Besuch. Ich habe eben gezögert, ob ich schrieben soll „Nachbarins Muschi“, aber die Abteilung „Schenkelklopfen“ ist für heute abgearbeitet.

Es ist die Summe der kleinen Dinge, die einen nicht am Zustand der Welt verzweifeln lässt.
Allen Leserinnen einen charmanten und möglichst entspannten Wochenbeginn und sollte Ihnen dereinst im Altersheim ein 80jähriger Avancen machen, fragen Sie ihn unbedingt vorher:
„Kommen Sie von der Bauklempnerei Fischer?“
04.03.3016 – Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst die Zwerge lange Schatten.

Karl Kraus. Mich aus den öden Niederungen der Erwerbsarbeit lösend, habe ich nach längerer Pause wieder die Schwingen der Kulturarbeit entfaltet (wobei ich das verdiente Glück habe, Erwerbsarbeit und Kulturproduktion verbinden zu können), steige zu den kühnsten Höhen empor und siehe, ich finde Wohlgefallen an mir. „Echt geil, Deine Ideen, voll krass, Alder“, so sprach ich also zu mir. Wenn man mit Selbstbewusstsein handeln könnte, würde ich einen Vertrieb damit aufmachen. Ich halte mich schon für ein Geschenk an die Menschheit. Die das weder würdigt noch verdient hat. Und in den Momenten, wo ich drogentechnisch sauber eingestellt bin, ist mir schon klar, dass ich weder ein Karl Kraus noch Marcel Duchamp bin. Aber die zeitgenössische Konkurrenz zumindest im Dreieck zwischen Intervention, Performance und sozialer Plastik ist eher inferior. Da ist viel Kraft- und Saftlosigkeit und Ideenanämie. Nacktheit zum Beispiel ist weder auf Theaterbühnen noch auf Vernissagen ein Ausweis von grandioser Kreativität und das Hinterlassen von Körpersäften in der Öffentlichkeit ist, um es mit einem Kalauer aus der Wassersportszene zu formulieren, Geschmackssache.
Der Satz mit dem „drogentechnisch sauber“ eingestellt ist übrigens eine Solibotschaft an Volker Beck. Chemisches Zeug find ich eher ätzend und Chrystal Meth, oder wie das heißt, war ja auch die Hitlerdroge, wie die Bild im Wahlkampfmodus gestern feinsinnig formulierte, Grün = Braun ist die Botschaft.
Ich steh mehr auf Natur, Hopfen und Malz und so Zeug.
Es werden immer weniger politische Typen in der Öffentlichkeit, die wie Beck eine durchgängige Haltung haben und deren Anblick, Habitus und Charisma einen nicht sofort an ein Glas Wasser denken lassen. Haben Sie mal auf den Sprachduktus der Politikerinnen geachtet, unabhängig von den Inhalten? Alle die gleiche rhetorische Schule, gleiche Phrasierung, Satzbau, Melodie. Komplett austauschbar, wie ihre Frisuren.
Schrecklich.
Hören Sie sich mal Herbert Wehner auf Youtube an dagegen.
29.02.2016 – Von Bullen und Bären, aber auch für Männer.

Gute Botschaft für die Damen: selbst Männer achten jetzt auf ihre Figur. Mein Body- Mass- Index geht langsam aus dem Leim, ist von 23,2 auf 23,4 gestiegen. Tiefe Sorgenfalten. Lenin fällt mir ein. Sein Hauptwerk hieß: Was tun? Die Frage stelle ich mir jetzt jeden Morgen in Sachen Body-Mass-Index (BMI). Heute morgen auf dem Klo die Erleuchtung. Ich setze in Zukunft, was Außenwirkung angeht, nicht mehr auf BMI und Waschbrettbauch. Apage, Vanitas! Ab jetzt setze ich auf eine Mischung aus inneren Werten und prall gefüllter Börse. Hab auch schon guten Spruch in der Richtung. Ich sitze in einer Bar neben einer attraktiven Frau, und:
„Wissen Sie, gnädige Frau, warum ich so groß erscheine? Ich sitze auf meinem Portemonnaie.“
Das mit der „gnädigen Frau“ überlege ich mir noch, aber sonst super!
Oder?
Hm.
Was die Börse angeht, so beobachte ich das Geschehen im DAX, MDax, Nikkei und Dow aus verschiedenen Gründen intensiv. Als Linker sollten einem die Regeln der Nationalökonomie geläufig sein. Die Märkte sind volatil. Wer gewinnt die Oberhand, Bullen oder Bären?
Sie kennen sicher die Skulpturen vor den Börsen, Bär steht für Baisse, also abkackende Märkte, und Bulle steht für Hausse, die Kurse gehen durch die Decke.
Was für eine grunzdämliche, weil von den Börsianern so intendierte, aber auch sehr dialektische Symbolik, weil die Realität sie auf den Kopf stellt. In der Realität tötet nämlich ein Bär wie ein Grizzly z. B. jeden Bullen mit einem einzigen Biss ins Genick. Also Baisse killt Hausse – und zwar final. Tödlich.
Wie in der Realität. Irgendwann geht der Kapitalismus an seinen Widersprüchen zu Grunde, allein schon aus ökologischen Gründen.
Genug gelabert, ich muss Öl Aktien kaufen, Brent Spar. Der Ölpreis ist nach seinem Absturz dabei, eine Bodenbildung zu konsolidieren. Ab Herbst geht da die Bullenrallye los. Heidewitzka, den Kapitalismus bei seinen Hörnern packen und damit besiegen. Das hat schon Lenin gesagt, sinngemäß. Und heute Abend ist Barbesuch angesagt
28.02.2016 – Viel Rauch um nichts.
War der Titel einer Kifferkomödie aus den Siebzigern. Der Inhalt ist mir im Nebel der damaligen Zeiten nicht mehr erinnerlich, ich weiß aber, dass ich ihn mir mehrfach angesehen habe und hinterher immer krank vor Bauchmuskelkater war, wg. Überdosis Lachen,
Neulich hing ich bei einer Atelierfeier von befreundeten Künstlerinnen ab, die mich an den Film erinnerte.

Mit Wein, Weib und Gesang. Guter Gesang übrigens, das Duo machte irische Folklore und machte das unkitschig gut. Und es wurde geraucht, unfassbar viel geraucht, man kann auf dem Bild die Schwaden erkennen. Ich rauche auch, zwischen ein und zwei Genuss-Zigaretten pro Tag. Allein schon deshalb, um diesem allenthalben grassierenden Öko-Gesundheitswahn die antizyklische Stirn resp. Lunge zu bieten. Dieses genussfeindliche apodiktische Negieren jeder Lebensfreude von Alkohol über Drogen bis hin zu Fleisch, Dreck und Verschwendung geht mir auf die Eier. Zumal es meist von Konvertiten ideologisch aufgeladen wird, die früher selber gequalmt haben wie die Schlote und jetzt jede verklagen, die in ihrem Kiez sich ne Kippe ansteckt. Gott (Göttin?), ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie jene alternativen Spießerinnen!
Rauchen allerdings in einem Künstleratelier, wo nicht nur gearbeitet wird, sondern auch die Kunstwerke lagern, ist ein schlechter Witz. Ganz abgesehen von der Rücksichtslosigkeit. Ich rauche bei mir Zuhause sogar im Winter auf der Veranda.
Man kann die alternativen Mittelschichts-Gesundheitsapostelinnen spießig und langweilig finden, Fakt ist aber, dass das genau jene zahlungskräftige Klientel ist, die Kunst kaufen. Das glaubt sicher keine Künstlerin im Ernst, dass die sich nikotingeräucherte Kunst-Schinken in ihre Öko-Butze hängen. Das wäre auch in Ordnung, wenn nicht gerade jene Räuchermännchen- und weibchen aus den besagten Ateliers ein Wehklagen darüber anstimmen, dass sie sich nicht verkaufen. Das ist das Schlimmste, was ich einer Künstlerin nachsagen kann: unprofessionelle Arbeitsweise. Da frag ich mich, warum machen die überhaupt Kunst.
Aber toll war die Feier doch. Nee, alles was Recht und Rauch ist …
22.02.2016 – Alle Macht den Archivaren, sonst wird die Nachwelt nichts erfahren! Vorwärts zum ersten Karteitag!
Wie gruselig es um die Dokumentationssituation der Jahre um 1968 herum bestellt ist, zeigt unter anderem die Googlesuche nach diesem Klassikerspruch in der Überschrift. Die Quelle dafür ist nicht mehr ergründen.
Was Bildquellen angeht, ist der Bau der Pyramiden besser dokumentiert als diese Zeit. Vom Gründungskongress des SCHUPPEN 68 beispielsweise in der Szenekneipe Maulwurf 1968 gibt es keinerlei Bilddokumente.

Wenige Fotos nur dokumentieren die beginnende Bürgerbeteiligung bei der Stadtteilsanierung in Linden, dem Stadtteil von Hannover, in dem ich wohne.
Mitte der Siebziger war die Bürgerbeteiligung im politischen Mainstream angekommen. Einer ihrer Ursprünge liegt Ende der Sechziger in den Aktivitäten von sozialistischen Basis- und Projektgruppen.

Dokumentiert ist das in „Info – hannoversches Centralorgan der sozialistischen Basis- und Projektgruppen, Jg. 1, Nr. 5, o. J. (1969)“ . Liest sich heute wie Satire, ist aber eine historische Lektüre aus einer Zeit, in der partikulare Anliegen noch wie selbstverständlich eingebettet waren in einen grundsätzlichen und allgemeinen politischen Interessenkonflikt. Damals hieß das: Klassenkampf.

(Alle Rechte bei Hans ***M)
An diese faszinierenden Bilder bin ich im Nachklapp zu einer feuchtfröhlichen Sylvesterfeier gelangt, bei der sich herausstellte, dass einer meiner Gesprächspartner im Besitz von Bildern aus den damaligen Zeit ist. Sie sind hier dokumentiert. Ich finde diese Bilder anrührend und kämpferisch zugleich. Anrührend, weil es individuelle Artefakte aus einer verlorenen Zeit sind („Weißt du noch? Damals, Schuhgeschäft Salamander auf der Limmerstr.?!“), und kämpferisch, weil sie ihren engagierten Impuls nicht hinter dem Abbild von individuellen Emotionen und Zwischenmenschlichem verbergen. Insofern stehen sie mehr in der Tradition des lokalen Bildchronisten Walter Ballhause als des vielzitierten Wilhelm Hauschild , bei dem die nette Heile-Welt Fassade überwog, allerdings brillant ins Bild gesetzt.

(Alle Rechte bei Hans ***M)
Ich hoffe, dass die Bilder bei einer Ausstellung über die Stadtteilsanierung oder über 50 Jahre ’68 in Hannover eine angemessene Würdigung erfahren.

(Alle Rechte bei Hans ***M)
Mir geht ja mittlerweile das selbstbeweihräuchernde Gewese um diesen „kunterbunten“ Stadtteil hier auf die Nerven, wie toll doch alles und alle sind. Hier darf um Gotteswillen noch nicht mal eine Mülltonne verrückt werden und schon krähen alle: Verrat! Gentrifizierung! Und wenn jemand mal auf die Strasse kotzt, wird von der Sauberkeits- und Ordnungsfraktion gleich der Untergang des schicken Konsumlindens herbeideliriert.
Ich empfinde es inzwischen als üble Nachrede, wenn der SCHUPPEN 68 als „Lindener Alternativprojekt“ bezeichnet wird. Mein Horizont hört nicht nur nicht an der Stadtteilmauer auf, vielmehr beginnt er da erst.

(Alle Rechte bei Hans ***M)
Aber solche Geschichten wie die hier geschilderte konnten in Hannover wohl nur hier in Linden stattfinden. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Geschichte sich vielleicht doch wiederholt. Und diesmal weder als Tragödie noch als Farce.
Wer hat das mit der Tragödie und der Farce noch mal gesagt?
20.02.2016 – Neidlos ziehe ich meinen Hut vor „Kommissar Rex an der Mauer erschossen?“.
Es gibt Interventionen, die sind so makellos, dass ich sie einfach nur zitieren kann. Im Folgenden geht es um einen der genialsten Wissenschafts-Fake ever.

Hat irgendwie mit dem Text zu tun…Ausstellung 1996 Kunstverein Hannover
Unter der Überschrift „Der deutsch-deutsche Schäferhund“, hat die Gruppe „Christiane Schulte & Freund_innen“ am 6. Februar 2015 einen Vortrag an der TU Berlin gehalten und im Dezember 2015 in der Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“ veröffentlicht. Inhalt:
Der erste Mauertote war ein Polizeihund namens Rex, und der Dritte Weltkrieg wurde nur durch Einhaltung des Leinenzwangs für die Wachhunde der NVA-Grenztruppen verhindert. Die wiederum stammen eigentlich von den KZ-Hunden der Nazis ab, können aber nix dafür, denn auch die Hunde litten ja unter der Mauer – sogar viel länger als wir: Für die armen Tiere dauerte die deutsche Teilung schließlich ganze 280 Hundejahre.
Diese hanebüchenen Thesen waren frei erfunden – ohne dass dies jemandem aufgefallen ist: (Ab hier zitiere ich einfach)
„Der Grund dafür war, dass der Text mit den „Human Animal Studies“ (HAS) das Vokabular der neuesten akademischen Mode aufgriff und gleichzeitig altbekannte Rhetorik zum „DDR-Unrechtsstaat“ reproduzierte. Akademische Mode kombiniert mit politischem Konformismus – der Vortrag parodierte zwei klassische Strategien akademischer Ein- und Unterordnung und erschien gerade deshalb als „kritisch“ und „innovativ“. Der folgende Beitrag zeichnet die Geschichte dieser satirischen Intervention nach.
Wir, eine Gruppe von kritischen Wissenschaftler_innen, wollen damit eine Diskussion darüber anregen, warum engagierte Gesellschaftskritik in den Geisteswissenschaften zur Ausnahme geworden ist.
Nach Rex großem, aber tragischem Auftritt bedienten wir uns großzügig aus dem Repertoire der Totalitarismustheorie und überspitzten deren These, der DDR-Sozialismus sei irgendwie genauso schlimm gewesen wie das NS-Regime, ins Groteske. So behaupteten wir, die Wachhunde zweier 1945 eingerichteter sowjetischer Speziallager seien direkte Nachfahren von Wachhunden aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen gewesen, und diese wiederum hätten in dritter Generation die Mauerhunde der NVA-Grenztruppen gezeugt.
….
Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und dem Utopieverlust der politischen Linken wurden Subjekte wie „die Arbeiterklasse“ oder „wir Frauen“ jedoch zunehmend fragwürdig. Stattdessen bekamen nun die lieben Tiere ihre Agency zugesprochen. Die entstehende Tierrechtsbewegung übertrug das Vokabular von Ausbeutung und Entrechtung auf Tiere, fügte der Triade von „class, race, gender“ ein neues Herrschaftsverhältnis hinzu und kritisierte alle, die zwischen der Ausbeutung von Milchkühen und Sklaven noch Unterschiede erkennen wollten.“
18.02.2016 – Geschichte ist wie ein Klumpen Butter in der Sonne
Je länger die Sonne auf die Butter scheint desto mehr zerfließt sie. Was vorher als fester Bestandteil gesichert galt, für das gilt als (Erkenntnis)Prozess: alles fließt. Ein Beispiel aus der Geschichte: Im Buch „Die Treuhand“ stellt der Autor Klaus Behling die These auf, dass die Treuhandgesellschaft nicht nur die DDR abgewickelt hat, sondern die alte BRD gleich mit. Dafür wäre er früher in eine Anstalt eingewiesen worden. Zitat:
„Kaum jemand macht sich darüber Gedanken, dass die Treuhand auch ein soziales Versuchslabor West war: mit ihr kamen die längeren Arbeitszeiten, der Bruch der Tarifverträge oder das Arbeiten ohne Geld oder für Minilöhne für Arbeitssuchende und junge Leute. Sie leitet den Abbau des deutschen Sozialstaat ein und etablierte das Prinzip Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.“
Mittlerweile ist das achselzuckend soweit akzeptiert, dass der Deutschlandfunk am 15.02.2016 im Magazin Andruck über das Buch urteilt: „Das Buch von Klaus Behling zur Treuhand ist ein angenehm ausgewogener Text …“
Klaus Behling: Treuhand: Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte. Edition Berolina.
Alles in Butter.

Installation „adventshammerzirkel“ – Skulpturenpark SCHUPPEN 68