
Imbiss in unserem Haus in Kreuzberg, WG-intern Hades genannt. Der Hades ist in der griechischen Mythologie der Ort der Unterwelt, das Reich der Schatten. Wer seine Schwelle – in der Mythologie den Fluss Acheron – überschreitet, für die gibt es kein Zurück. Dort sind alle gleich, arm oder reich. Unser Hades ist eine Insel der Mühseligen und Beladenen, für Menschen mit wenig Geld, in einem Meer von Gentrifizierung ringsum. Die 1,50 für Flasch Bier kann sich auch ein Bürgergeldempfänger mal leisten. Und wenn er nur so da sitzt, davor, in der Sonne, und der gesellschaftlichen Teilhabe und Kommunikation frönt, kräht auch kein Hahn oder Wirt nach. Im Gegenteil, ein Teller Linsensuppe liegt auch mal für lau drin. Der Hades ist seit vielen Jahren funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk. Beispiel: Unser Kellerschloss zickte, unwiderruflich. Ein unlösbares Problem für Menschen, deren Sphäre eher der Diskurs über Hegels Phänomenologie des Geistes ist. Mit der man aber ein Kellerschloss nicht aufkriegt. Für Fred, den Handwerker, mit seiner Flex, eine Frage von Minuten. Wechselkurs: Zwei Bier.
Wenn ich vor dem Hades sitze und mit dem Rest kommentierend den Gang der Geschichte um uns herum betrachte, oder seine Schwelle überschreite, bin ich in einer anderen Welt. Keine heile, weiß Gott nicht. Nur eine andere, geerdete. Und dem Zustand der Rest-Welt zufolge ist es eine bessere; fast ein utopischer Ort.
Wie lange noch?
Ein Investor hat das Haus gekauft. Die Mieter*innen haben teils langjährige Kündigungsfristen, Gewerberäume wie der Hades aber sind durch reine Nichtverlängerung der jährlichen Mietverträge ruckzuck entmietet. Bei der Hipsterstruktur des gegenüberliegenden Möckernkiezes kommt da gerne auch ein Edelitaliener als Nachfolger in Frage. Möckernkiez ist genossenschaftliches Wohnen. Kostet als Einstand pro qm 1.000 Euro und ein monatliches Nutzungsgeld von 13 Euro pro qm.
Wie lange die Mieter*innen bei uns im Haus möglichen Entmietungsterror durchhalten, ist eine weitere Frage. Davon ist im Moment allerdings nichts zu spüren.
Noch nicht.
Dünnes Eis. Ich müsste dem Hades, den Menschen dort, irgendwie eine Stimme geben, damit das alles nicht unerinnert, ungehört im Orkus verschwindet. Naheliegend wäre ein kleiner Film. Das ist heutzutage sogar mit guten Handys technisch machbar, und hätte auch nicht den bitteren Beigeschmack des klassischen Dokumentarfilms, wo oft ein Filmteam einschwebt, den Film produziert und spurenlos, unbeteiligt an möglichen Kämpfen, Konflikten, wieder verschwindet. Ausbeutung. Ich bin seit Jahren Teil des Hades und des Hauses. Dieses Projekt stünde somit auch in der medientheoretischen Tradition von Tretjakov, Benjamin, Brecht, zu Teilen auch dem frühen Enzensberger, die von Kulturschaffenden bei der Produktion ihrer Arbeit immer auch eine mitfühlende Teilhabe an den gesellschaftlichen Konflikten gefordert haben. Also das krasse Gegenteil des konventionellen bürgerlichen Künstlers, der im Elfenbeinturm seines Ateliers oder seiner Schreibstube individualisiert, entpolitisiert vor sich hin pfuscht.
Das Problem eines solchen Filmes läge eher darin, dass jede Anwesenheit von Technik, Medien das Geschehen, das Verhalten der Menschen, verändert, so wie Messinstrumente ein Experiment selber verändern können. Und selbst wenn der Film durch verschiedene Montagetechniken unlangweilig rüber käme: Das ist eine unglaublich aufwändige Arbeit, über viele Monate, zig Stunden Material, das gesichtet, gewichtet, geschnitten werden muss. Und Zeit ist eine knappe Ressource, sie rinnt mitunter wie Wasser durch die Finger.
Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich hier in loser Reihenfolge dem Hades eine wie auch immer geartete Stimme gebe. Und mal ehrlich: Welcher Dokumentarfilm hat schon jene 50.000 Besucherinnen, die sich hier im Blog monatlich tummeln.
Auf geht’s. Denn eins ist sicher: Am Ende wartet der Hades.
Auf uns alle.












