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02.07.2021 – Nachgetreten


Kürbisblüte. Hohe Keimfähigkeit bei den Tütensamen, der Kürbis ist teilweise hübsch anzuschauen, mehr zu Deko-Zwecken und zum Hinlegen, irgendwann unansehnlich, zu nichts mehr zu gebrauchen außer zu Kompost. Feministinnen früherer Zeiten, als noch alles besser war, hätten gelästert: Der Kürbis trägt sein Genus zu Recht.
Eine bedauernswerte Keimfähigkeit besaßen auch die Erzeuger von Lothar Effenberg und Mario Basler. Bei dem, was die Beiden von sich geben, wünscht man sich innigst, das Erzeuger-Zeug wäre damals in der Tüte geblieben. Fast überflüssig zu erwähnen: Beide kommen aus dem Dunstkreis Fußball. Sie haben jetzt, kein Witz, bitte festhalten, Lothar Matthäus als DFB-Präsident vorgeschlagen.
Der DFB (Deutscher Folltrottel Bund) hat irgendwas mit Fußball zu tun und ist eine Mischung aus Klapsmühle und Zuchthaus. Effenberg, Basler und Matthäus sind dumm, roh, ungebildet und aufgeblasen und leider der Jugend ein Vorbild, wie man mit diesen Eigenschaften viel Geld verdienen und medial dauerpräsent sein kann. Sie verkörpern alles, für das der Fußball steht, in Reinkultur. Trotzdem habe ich für Sie, liebe Leserinnen, weder Kosten noch Mühe gescheut und ein Exclusiv-Interview mit dem künftigen DFB-Präsidenten Matthäus geführt.
Frage:
„Herr Matthäus, welche Eigenschaft brauchen wir bei der Neuausrichtung des DFB vorrangig nach dem EM-Debakel?“
Matthäus:
„Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“
Frage:
„Es wird immer wieder über Intrigen gemunkelt, wie steht es mit der Integration aller Beteiligten beim DFB?“
M:
„Wir sind eine gut intrigierte Truppe.“
Frage:
„Der Frauenfußball wird seitens des DFB nach wie vor stiefväterlich behandelt. Was sagen Sie den Millionen Fußballspielerinnen im Lande?“
M:
“Ey, Mädels, unser Schwarzer hat den Längsten!“
Frage:
„Noch ein Tipp aus Ihrer Praxis für Nachwuchskicker.“
M.:
„Die Schuhe müssen immer zum Gürtel passen!“
Frage:
„English is the Lingua franca of the international Soccer-Scene. What about your English?“
M:
„‚Sis‘ are different exercises. Not only bumm!“
Frage:
„Herr Matthäus, wenn ich das, was Sie so von sich geben, Ravioli passieren lasse, muss ich feststellen, dass Sie von allen Fußball-Folltrotteln die dümmste Nuss der Kompanie sind. Wäre es nicht besser, wenn Sie einfach mal die Fresse halten?“
M:
„“Wäre, wäre, Fahrradkette.“
Alle Antworten O-Ton Matthäus
Kennen Sie dieses Gefühl, liebe Leserinnen, wenn Sie einfach nur müde, so müde vom Zustand der Welt sind und weg wollen, einfach nur weg…?

30.06.2021 – Der Kane war ihr Schicksal


Wiederauflage eines Klassikers. Ging gestern viral, ich fand’s lustig, auch wenn es nicht mehr originell ist. Dass die Ostgoten gestern rausflogen, beglückte mich aus ganz vielen Gründen. Die üble Saat flächendeckend die Umwelt verpestender Nationalflaggen wurde damit im Keim erstickt, und Profifußball, vergleichbar mit Hämorrhoiden und Diarrhöe, erhält einen weiteren Nackenschlag, verkommt zusehends zu einem Nischenrefugium für den Mob. Mittlerweile raunt ja sogar das doitsche Feuilleton, was eher zum dümmsten der Welt gehört, darüber, dass der Lack am Fußball ab sei. Was ne Erkenntnis im Jahre 2021.
Am allerwichtigsten am gestrigen Tag ist die Tatsache, dass meine 6:1 Wette auf das Ausscheiden der BRD im Achtelfinale aufging. Zur Jogitruppe (bei solchen Formulierungen hänge ich schon über der Kloschüssel) lässt sich sagen, in Abwandlung eines Bogey-Klassikers: Der Kane war ihr Schicksal (für die vielen Fußball-Desinteressierten und -Desinfizierten hier im Blog: Harry Kane war der Schütze zum entscheidenden Tor der Engländer gestern). Ein echter Brüller für Cineasten.
Was für Glücksgefühle aber waren es, die mich da gestern durchströmten? Der Geldsegen, immerhin ein (sehr) kleiner Urlaub? Das grundsätzliche Gefühl des Spielers beim Spiel, wenn die Roulette-Kugel auf seine Zahl fäll? Dass die Ostgoten endlich mal wieder in den Staub geduckt wurden? Von allem sicher etwas, aber auch das befreiende Gefühl von Rechthaberei: ICH habe es mal wieder allen gezeigt, von Anfang an gewusst, und wie üblich besser gewusst, ich bin der Wettgott, und keiner sonst.
Rechthaberei ist eine männliche Domäne. Der klassische Rechthaber (oft Lehrer o. ä. von Beruf) hat nicht nur immer, sondern auch überall Recht. Wenn er nicht Anflüge von Selbstironie und Humor hat, ist er ein arger Kotzbrocken, den seine Umwelt am liebsten von hinten oder lieber gleich tot sieht. Seiner Frau (Rechthaber sind überwiegend Heteros) geht er so auf die Nerven, dass sie Mordgedanken hegt, wenn sie ihn nicht schon lange verlassen hat. Rechthaberei ist eine Sucht, auch bei Einsicht in ihr Vorhandensein kann der Betroffene nicht von ihr lassen, im Gegenteil, er muss die Dosis erhöhen, wieder und wieder. Glauben Sie’s mir, liebe Leserinnen, ich hab Recht.
Schön auch am Tage 29 im Wonnemonat Juno die Tatsache, dass mit dem Heimflug der Jogitruppe die männerbündischen Fußballglotz-Zusammenrottungen in Biergärten, Kneipen etc. zertrampelt wurden wie eine Mimose unter den Knobelbechern deutscher Landser. Nirgendwo hält sich der deutsche Mobster lieber auf als mit seinen Kumpeltz und Strömen von Bier beim Fußballgucken. Nirgendwo ist er seiner latenten Homosexualität so nahe wie dort. Echte Kerle, wie sie im Baumarkt gefräst werden, die alle Male lieber unter ihrem Auto als unter ihrer Gattin liegen. Solche Burschen werden eher durch einen Fingerhut Menstruationsblut in die Flucht getrieben als von der Vorstellung eines neuen Ostfeldzuges. Männer wie wir ….
Ok, diese Theorie in Fortführung von Theweleits Männerphantasien ist noch nicht ganz ausgereift. Wir arbeiten dran.
Das Traurige am gestrigen Tag: das war meine letzte Fußball Wette. Die Fußball WM in Katarrh 2022 ist so weit jenseits aller ethischen Standards, dass sich eine Involvierung damit, und sei es auch nur durch Wetten, für Menschen mit Verstand und Anstand verbietet.
Mist. Ich hätte so gerne wieder Recht gehabt.
Dann wette ich eben auf Synchronschwimmen bei Olympia.

25.06.2021 – Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure, Insulin, Digitalis.


Morgendliche Bildermeditation im Garten.
Danach Zahlen: Die bulgarische Pflegekraft, die eine Seniorin in Berlin rund um die Uhr für einen Stundenlohn von 0,76 Euro betreute, hat sich vor dem BAG einen Anspruch auf Mindestlohn erstritten. Der liegt bei 9,50 Euro, 12,5x so hoch. Bei geschätzt 300.000 ausländischen Pflegekräften in deutschen Privathaushalten reden wir hier von zusätzlichen Kosten von ca. 4 Milliarden Euro. Wenn es „sauber“ zugehen soll, sind für eine Rundum-Hausbetreuung bis zu 3 Vollzeitkräfte nötig, billig geschätzt 3000 Euro pro Job. Das ist für 80 Prozent der betroffenen Haushalte nicht bezahlbar. Das ist, Phrasenwerfer ein, „sozialer Sprengstoff“ und auf die Reaktion nicht nur der Politik bin ich gespannt.
Wie will die in der Kürze der Zeit einen Paradigmenwechsel zu bezahlbarer häuslicher Pflege hinkriegen? Oder sollen die alle ins Heim? Wie reagieren die Pflegekräfte? Fordern die ihre Rechte ein? Wer macht da auf dieser Basis welche Geschäfte mit denen (mafiose Abmahnvereine)? Wie reagieren die Angehörigen, angesichts der Tatsache, dass das Erbe des zu Pflegenden jetzt dahinschmilzt wie Butter in der Sonne, wenn überhaupt vorhanden?
Mein Tipp an die Hausärztinnen: Gucken Sie sich zukünftig die Todesursachen von häuslich Gepflegten mal genauer an. Sind Sie Diagnosesicher, was Vergiftungen mit Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure, Insulin, Digitalis angeht? Wenn in dem Haushalt irgendwo ein Buch von Agatha Christie rumliegt, sollten bei Ihnen alle Alarmglocken klingeln.
Das ist keine zynische Schwarzmalerei von mir. Es gilt nach wie vor das Diktum eines Rechtsmediziners, der mal sinngemäß gesagt hat: Wenn auf dem Grab eines jeden unentdeckten innerfamiliären Totschlags ein Licht flackern würde, wären unsere Friedhöfe ein Lichtermeer. Stattdessen: Todesursache Herzversagen.
Und hier, liebe Gemeinde, haben wir auch den Grund, warum die mafiosen Anti-Demokratien des Ostens von Bulgarien über Rumänien bis Ungarn nicht aus der „Wertegemeinschaft“ EU rausgeschmissen werden, was schon längst der Fall hätte sein müssen: Unser Wohlstand (der von ca. 30 Prozent im Ländle) basiert u. a. auf der Ausbeutung der Knochen dieses Millionenheers von Arbeitskräften.
EU = freier Verkehr von Waren, Kapital und Dienstleistungen, was zusätzlich bedeutet, dass wir billig deren Infrastruktur aufkaufen und sie mit unseren Waren fluten. Außerdem halten die uns erstmal den Russen vom Hals.
Von daher ist dieses lächerliche Getue des Bürger-Feuilletons und der angeschlossenen grün-alternativen Kiezcliquen wegen „Viktor Orban und das nicht erleuchtete Münchener Stadion“ nichts als Wolfsgeheul der Heuchelei. Genauso folgenlos wie der hilflose bürgerliche Lichterketten-Antifaschismus, dessen einziger Effekt ist, dass die Beteiligten sich mit dem beruhigten Gefühl zur Nacht betten, sie hätten was getan, sich engagiert, Widerstand geleistet gar.
Die Karawane aber zieht unbeirrt weiter. Business as usual. Ich gehe jetzt wieder in meinen Garten, Fingerhut gießen, sieht wunderhübsch aus….

24.06.2021 – Börsentipps


Porto, Panoramaaufnahme.
Rabelos, mit denen der Wein vom Douro in die Weinkeller von Villa Nova da Gaia transportiert wurde, wo er zum Port wird, dem Edelsten, was Trauben widerfahren kann. Sollten Sie meinen etwas länger zurückliegenden Börsenhinweis in Sachen Astrazeneca, Biontech und Moderna in Kauf-Praxis umgesetzt und gerade Gewinne realisiert haben, gönnen Sie sich davon ruhig ein Fläschen Vintage Port. Etwas für besondere Anlässe.
Gewinne in den letzten 6 Monaten: Biontech plus 166 %, Moderna 93 %, Astrazeneca plus 18 %. Biontech wird, da es bereits andere mRNA Anwendungen, unter anderem gegen Krebs, in der Pipeline haben soll, von Börsenfachleuten als das neue Apple gepriesen (Kursentwicklung in den letzten fünf Jahren: Plus 430 Prozent).
Sehe ich da die Dollarzeichen in Ihren Augen, weil Sie was fürs Alter anlegen wollen? Um später noch mit der Rente Ihre Miete bezahlen zu können? Dann drück ich Ihnen die Daumen beim Zocken, auf dass es Biontech mit anderen Anwendungen nicht so ergehe wie Curevac, die auf unmodifizierte mRNA gesetzt und damit verloren haben, dass Sie eine Ahnung vom Geschäftsmodell mRNA haben, wissen, wie die Firmen intern aufgestellt und verschuldet sind und dass Sie keine Skrupel beim Zocken haben. Die Börsengewinne des Einen sind immer das Blut der Anderen. Bei Biontech nicht so offensichtlich und direkt vermittelt wie z. B. bei Bayer oder Rohstoffkonzernen, aber am Ende läuft es immer darauf hinaus.
Aber was soll ich denn fürs Alter anlegen, sagen Sie jetzt? Und Sie haben gerade eine größere Summe geerbt, sind jetzt 56 und möchte die gut anlegen, um endlich mit 63 in Rente gehen zu können, weil Sie die Kackfressen von Chef und Kolleginnen nicht mehr ertragen. Der Dax z. B. hat in den letzten fünf Jahren um 60 Prozent zugelegt, so viel Rendite wie ein DAX ETF gibt Ihr Festgeld, Riester Rente, Lebensversicherung nicht her. Aktien, die einzig wahre Anlage-Möglichkeit, davon reden doch alle im Moment.
Wohl wahr.
Hinwiederum: Hätten Sie 2000 in den Dax investiert, wäre eine entsprechende Anlage 7 Jahre später, zum unterstellten Renteneintritt siehe oben, halbiert gewesen, und hätte weitere 5 Jahre gebraucht, um bei plus minus Null zu landen. Zwischendurch war nämlich die Dotcom Blase geplatzt, die damalige Entsprechung zu mRNA, und der Nine-Eleven passiert. Und was meinen Sie, was mit Ihrer Anlage passiert, wenn irgendein Terrorist Manhattan mit einer Mini-Atombombe in Schutt und Asche legt. Dagegen ist 9/11 ein laues Lüftchen.
Also hören Sie nicht auf das Geschwätz von vermeintlichen Experten, Wichtigtuern und Blogschreiberlingen. Zocken Sie lieber auf der Pferderennbahn, da sind Sie wenigstens an der frischen Luft.
Und setzen Sie sich lieber politisch dafür ein, dass der Wohnungsmarkt endlich reguliert wird, damit die Mieten in Ballungsräumen in den nächsten Jahren nicht noch weiter explodieren. Sonst reicht Ihre Rente nämlich nicht fürs Wohnen. Geht schneller als Sie denken …
In der Hoffnung, Ihnen nicht den Tag vermiest zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Ihr Börsenexperte.

23.06.2021 – Trübe Aussichten: Klima, Fußball und andere Katastrophen


Wolkenbruch, vorgestern. Innerhalb weniger Minuten stand der Garten unter Wasser und die Sintflut staute sich an der Kellertreppe. Auch die Alltagserfahrung jenseits von Klimakatastrophen-Statistiken sagt mir: Da läuft was aus dem Ruder. Ich habe immer ein paar Magnesiumbrausetabletten in einem Schälchen griffbereit stehen, gegen Wadenkrämpfe und um Leitungswasser als Getränk ein bisschen aufzubrizzeln. Die Tabletten befanden sich neulich in Auflösung, schlugen schaumige Blasen. Natürlich verändern die sich bei hoher Luftfeuchtigkeit, werden rauer und klebrig, verändern die Farbe (Sie kennen sicher diese putzigen Urlaubsmitbringsel aus Portugal oder Frankreich, kleine Hähne, die die Farbe ändern, wenn es feuchter wird). Aber Auflösung?
Die Luftfeuchtigkeit lag in der Wohnung bei 81 %. Ein absoluter Rekordwert. Feucht normal ist irgendwas bei 60 Prozent. Trocken schon mal unter 40 %. Eine derart hohe Luftfeuchtigkeit ist gerade im Sommer gesundheitsschädlich, sie reduziert die lebensnotwendige Fähigkeit zu schwitzen und macht das Atmen schwerer, weil der Sauerstoffgehalt der Luft anteilig reduziert ist. Ist halt mehr Wasser drin. Wenn sich solche Ausreißer als Regeltendenz durchsetzen, wird sich das deutlich auf die Sterberate in Pflegeheimen auswirken, zusätzlich zur „klassischen“ Dehydrierung. Wobei die schlimmste Todesursache der politisch gemachte und gewollte Pflegenotstand ist. Das ist Totschlag, exekutiert mit den Mitteln der Legislative auf dem Altar des Profits.
Ich jedenfalls habe mir schon länger meine nur halbzynisch gemeinte Klimakatastrophen-Maxime „Nach mir die Sintflut, ich krieg davon eh nix mehr mit“ von der Backe geputzt. Das veränderte Klima wird sehr wohl noch in meinen gelebten Alltag reingrätschen und nicht erst im Altersheim.
Ich plane ja jetzt schon Urlaube anders als früher, wo ich niemals auf die Idee gekommen wäre im Sommer in den Süden zu fliegen. Motto: „Hier ist doch auch schön“. Bei der nächsten Hitzewelle hierzulande mit 35 Grad und mehr in Serie im Abgasstinkenden Betonmoloch City gäbe es kaum was Feineres als sich z. B. in Porto bei erträglichen 25 Grad die Birne mit Atlantikluft und diversen Vinho verdes zu kühlen.

Porto, Douromündung. Vintageprint 2021, A. S.
Hängt über meinem Arbeitsplatz. Das Geschenk eines Freundes, dem ich, da ich weiß, dass er diesen Blog liest, auch an dieser Stelle noch mal danke für diese unnachahmliche Komposition von Fernweh und Saudade. Und wenn es nur für dieses eine Bild wäre, so hätte sich die Reise gelohnt. Das scheint mir Sinn und unabdingbare Notwendigkeit von Reisen zu sein (neben Vinho verde und Portwein): die Wirklichkeit mit dem anderen Blick, dem der Fremde, zu durchdringen, um dem eigenen Alltag Glanz und Perspektive abzugewinnen. Den Soundtrack dazu liefert Otis Redding.
Passend zu dieser abgrundtiefen Melancholie sind meine Aussichten für heute: Ich habe auf das Ausscheiden der Ostgoten in der Vorrunde gewettet, 7:1, und diese Wette wird heute Abend in den Orkus zertrümmert. Selbst für meine letzte Wett-Haltelinie, das Ausscheiden im Achtelfinale, sehe ich wie für unser Klima: schwarz.

21.06.2021 – Wo aber Gefahr ist, wächst keinesfalls das Rettende auch, sondern steht der nächste Irrsinn vor der Tür


Biontech – Demnächst auch als Zäpfchen. Impressionen von der Quernazi-Demo am Wochenende in Hannover. Ein erbärmliches Häuflein von sehr hässlichen Menschen. Schon die Idee, im Autocorso zu demonstrieren, ist im 21. Jahrhundert sowas von indiskutabel hirnverbrannt.

Was für eine Wurst muss man sein, um so ein Auto zu fahren.

Tiefer gelegter Intelligenzquotient.
Aber was hilft alle moralische Erhebung über diese Wichte. Dass ich mich unendlich überlegen fühlen darf? Dass meine Psycho-Hygiene im Akt des Schreibens kurz entlastet ist? Die geneigten Leserinnen unterhalten und eventuell informiert sind?
Auch wenn die Quernazis im Moment marginalisiert scheinen, ist deren Potential ja nicht weniger geworden. Dieser Irrsinn flottiert und vagabundiert weiter frei bis weit über die Mitte hinaus in (ehemals) fortschrittliche Kreise. Auch attac (doch, die gibt’s noch) sah sich gerade zu einer Abgrenzungserklärung gegen Verschwörungstheoretiker*innen in den eigenen Reihen genötigt.
Und was wird mit diesem offen- bis kryptofaschistischem Potential, wenn nach der Bundestagswahl dem Mob die Kostenrechnung für die Seuche präsentiert wird? Wenn die Flüchtlingszahlen wieder steigen (tun sie jetzt schon, aber bei uns noch nicht)? Der nächste Finanzcrash mit inkludierter Rezession kommt? Usw. usf., to be continued. Von der fünften Welle infolge der Epsilon-Variante wollen wir gar nicht erst anfangen….
What’s left? Wo aber Gefahr ist, wächst keinesfalls das Rettende auch, sondern steht der nächste Irrsinn vor der Tür, in Form der Selbstzersägendsten aller Parteien, der Linken. Die hat sich, den Absturz vor Augen. am Wochenende kurzfristig zusammengerauft, bevor demnächst das Alltagsgeschäft der doitschen Linken wieder einsetzt, die stalinistisch unterpufferte Eigendemontage.
Das sozialpolitische Programm der Linken ist so gestaltet, dass es den Interessen von geschätzt 20 bis 40 Prozent aller BRD-Insassen entspricht:
Solidarische Mindestrente von 1200 Euro. Abkehr von Hartz IV durch sanktionsfreie Mindestsicherung. Mietendeckel. Abschaffung Niedriglohnsektor und Erhöhung Mindestlohn auf 13 Euro. Vermögensteuer, mit einem Freibetrag für Privatvermögen von einer Million Euro. Etc. pp..
Der Mob hierzulande ist allerdings zu großen Teilen so perfekt dressiert, dass er keinesfalls nach seinem Interesse handelt, sondern geifernd und zeternd über die Linke herfällt. Die Lektüre von Diskussionsforen lohnt sich deshalb immer, wie hier im Bericht über den Linken Parteitag.
Da stößt man auch auf Pretiosen wie das gegen „linksgrünversifftes“ Gendern gewendete „Die Linken(/:*Innen)“. Das kam bei mir schon vor 20 Jahren auf die Humor-Altmülldeponie, ist originell wie ein Altherrenwitz und ranzig wie Frittenfett aus ner Pommesbude auf St. Pauli, stirbt aber nicht aus. Dürfte auf AfD-Parteitagen für Lachsalven sorgen.
Niedlich und rettet den Tagesbeginn.
Der Programmpunkt der Linken, der meinem Interesse entspricht, ist die Abschaffung der Sektsteuer. Sekt ist Grundnahrungsmittel für mich und der Punkt erinnert mich an die einzige Forderung meiner famosen Partei SCHUPPEN 68 von 1991: Freibier und Erbsensuppe.
Daher werde ich weiter für die Linke die Werbetrommel rühren, auch wenn deren Personal mir mitunter gewaltig auf den Senkel geht.

17.06.2021 – 17. Juni: Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone.


Gescanntes Dia. Aus der ostzonalen Diaserie „35 Jahre DDR“ (also 1984), die das verdienstvolle Kollektiv der Kulturschaffenden, Werktätigen und Faulpelze „SCHUPPEN 68“ bei Silke-Arp Bricht im Rahmen einer Performance zeigte, zum 45. Geburtstag der DDR, 1994.
Darüber, dass der anwesende ostzonale Mob uns bei dieser Performance spätestens nach der „Ode an Erich Mielke“ von der Bühne prügeln wollte berichtete ich mehrfach. Oh Ihr Götter, möge Euer Zorn treffen die Unwissenden, Trochäus und Jambus sind fremd ihnen wie früher Mallorca und Lichtenstein, so oder ähnlich dachte ich damals vermutlich. Heute sinniere ich darüber, wie diese Diaserie, echt nur im klassischen Diamagazin, bei der Vorführung klickend und knatternd durch den Projektor ratterte und einen staubwirbelnden Projektionsstrahl auf die Dreibein-wackelnde Leinwand schoss. Ein sinnliches Bilderleben, das sich einem PC-Beamer gesteuerten Präsentationsakt verschließt, benötigte man (Diaprojektor war wie Grill: immer Männersache) doch bei ersterem zur Vorführung unzählige Voraussetzungen und Arbeitsschritte: viel Platz fürs Archiv („Karl-Friedrich, die Dias kommen jetzt endlich auf den Boden, wir haben keinen Platz mehr für die Fotoalben!“), Zeit für stundenlangen Aufbau (die Leinwand fällt um. Immer), Muße zum exakten Einräumen der Dias („Sorry, das ist nicht die Kuppel des Petersdomes sondern Brigitte bei unserem FKK Urlaub im Jahr davor!“) usw. usf.
Eine Diaprojektion konnte das erzeugen, was einer Beamerpräsentation fehlt: Aura.
Diese Kategorie ist von fundamentaler Bedeutung für Kulturrezeption und darüber hinaus bin ich sicher, dass das Verschwinden von auratischen Momenten in der Moderne viel zu tun hat mit den irrlichternden Verhältnissen der Gegenwart, in denen immer weniger Menschen bei sich sein, Ruhe aushalten können, kirre werden in Hirn und Herz bei der ständigen Jagd nach Erfüllung, Konsumbefriedigung und Glück und der irrsinnigen Erwartung, dass alles sofort im Hier und Jetzt geschehen muss.

Natürlich will ich die Diaprojektor-Zeiten nicht zurück, sowas macht man heute mit dem Smartphone und kein Mensch mit Verstand rennt bei einer normalen Wanderung mit einer Landkarte rum, sondern mit Google maps und Komoot. Aber beschreiben sollte man die Entwicklung schon ab und an, allein um sie im Hegelschen Sinne aufzuheben.
Ausgelöst wurde die Predigt des heutigen Tages durch selige Erinnerungen an den 17. Juni früherer Jahre, als meine Eltern als letzte in unserer Straße noch Kerzen ins Fenster stellten zum Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone und ich als kleiner Pöks mich damals umgehend entschloss, den Aufstand des 17. Juni späterhin als konterrevolutionären Putsch zu betrachten. Allein schon deshalb, weil der postmodernde Dandy die Dinge niemals sieht wie der Rest, sondern immer antizyklisch.
Wenn Sie noch alte Dias haben (DDR 35 Jahre), scannen Sie die umgehend ein. Wenn Sie Pech haben, ist da kaum noch was drauf zu sehen oder die sind verschimmelt.
Und candle in the window geht doch noch: John Fogerty singt darüber.

15.06.2021 – Wie die Vergangenheit nach der Gegenwart greift


Todesanzeige vom 04.06.2021. Diese Anzeige hat mich ähnlich angerührt wie uralte Grabsteine auf noch aktiven Friedhöfen, durch sowas greift die Vergangenheit mit langen kalten Findern nach der Gegenwart. Die „Jungs“, die ihrer verehrten Lehrerin gedenken, leben ja noch.
Ich gedenke meines alten Volksschullehrers auch noch, aber eher unfroh. Der gute Mann hatte ein Bein im Krieg gelassen und war eher selten gut gelaunt, schritt gerne, getreu dem Motto: „Gelobt sei, was hart macht“, prügelnd durch die Pennälerschar. Mich erwischte es des Öfteren, ich hatte ein großes, vorlautes Maul, schon damals. Mit einem Unterschied: früher fing ich mir für sowas Kellen an die Denkmurmel ein, heute werde ich dafür hoch bezahlt. Na ja, relativ hoch. Eigentlich viel zu niedrig. Aber wir wollen nicht jammern. Wenn ich damals etwas gelernt habe, dann: Lerne leiden ohne zu klagen (Friedrich III, 1831 – 1888). Denn den meisten von uns so Geprügelten war klar wie Kloßbrühe: Zuhause auch nur ein Wort über den Vorfall und es gab die nächste Kelle. Gewaltfreie Erziehung war noch ein sehr zartes Pflänzchen. Heute ist sie eher Goldstandard und dadurch ist das Paradies auf Erden ausgebrochen: Keine Kriege mehr. Keine Männer mehr, die ihre Frauen prügeln (was ne Scheißformulierung: „ihre“ Frauen …). Keine Kindesmisshandlungen mehr.
Zurück zu 1854, dem Geburtsjahr von Anna von Borries, die einem uralten Adelsgeschlecht entstammt, Motto:
„Der Borries Trachten und Dräuen,
der deutschen Sache Gedeihen“

Geburtsjahr 1854, Krimkrieg, schon damals. Der Russe gegen den Muselmann, den Franzmann und den Engländer. Die doitsche Reichsgründung war noch 17 Jahre entfernt und, Hinweis für die Jüngeren: Es gab noch keine Smartphones!
Wären damals, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der der Reichsgründung voranging, die Bayern und Württemberger mit den Franzosen marschiert, was sie ursprünglich erwogen hatten, und nicht mit den Preußen, sähe die Welt heute anders aus. Preußen hätte den Krieg verloren, es gäbe kein Deutsches Reich. Wenn es einen Revanchekrieg gegeben hätte, wäre es sicher kein erster Weltkrieg geworden, sondern ein regional begrenzter Krieg zweier Mittelmächte Preußen und Frankreich. Damit auch kein zweiter Weltkrieg. Hallelujah. Aber ab da wird’s spannend. Es gäbe Preußen noch immer, aber wie? Vermutlich so ne Art Ostzone, die ihren Nachbarn noch mehr auf die Eier ginge als die aktuelle BRD.
Und das alles nur wegen der Gedenkanzeige von Anna von Borries.

13.06.2021 – Brot und Rosen


Rose auf meiner Veranda, in Nasenhöhe. Es gibt verschiedene Arten, den Tag zu beginnen. Man kann ihn sich durch Arbeit versauen oder für einen Moment ins Reich der Sinne fliehen, z. B. durch den Duft einer frisch erblühten Rose, die vielleicht noch betaut ist vom Verschwinden der Nacht. So lässt sich das morgendliche Katastrophen-Update durch den Deutschlandfunk und der Blick auf die Erledigungsliste des Tages –Zoom Sitzung 12 Uhr vorbereiten (Worum geht es da überhaupt? Und: Noch immer keine Socken gekauft!!) – leichter ertragen. Einfach mal der Ästhetik das Zepter des Alltags überlassen. Mitunter reicht auch ein Anblick.

Keine Duft-Rose, dafür eine geradezu barocke kardinale Üppigkeit, an der das Auge schwelgen kann.
Ästhetik dient nicht nur der Kontemplation, sondern auch zum Trost. Und natürlich politischer Bildung und Kampf. Brot und Rosen.
Aber bevor das hier in Politkitsch ausartet, nehmen wir lieber mal die Kurve, zurück in den Seuchen-Alltag, dessen Widrig- und Niedrigkeiten wahrlich genug Anlass für Trostbedarf produzieren. Was war für Sie die bisher unangenehmste Pandemie-Erfahrung?
Da gibt es viele Möglichkeiten: existentieller Natur wie eine Erkrankung, sei es eigene oder im Umfeld, Long-Covid Symptome, materielle Verluste oder Zukunftsängste, oder nachrangiger Natur wie Reiseeinschränkungen etc. pp. Politisch Denkende hadern vielleicht mit dem Verfall gesellschaftlicher Kommunikation und Kultur. Alles bekannt, ich muss hier nicht hinlänglich Feuilleton-Durchgenudeltes wiederkäuen.
Was ich am Ätzendsten fand, ist der Verfall der praktischen Vernunft mitten im eigenen sozialen Umfeld; Verschwörungswahnvorstellungen selbst bei Leuten, die man bis dato für aufgeklärte, eventuell sogar fortschrittliche bis linke Köpfe hielt, die einem vielleicht sogar noch sympathisch waren. Und dann allen Ernstes vom hiesigen Impf-Apartheitsregime delirieren. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Masken-Holocaust.
Dass auch und gerade linke (Un-)Geister unter progredierendem Vernunftverlust leiden, lässt sich aus ideologischer Sicht nachvollziehen. Klassische Linke denken in der Klassen-Dichotomie: Kapital vs. Arbeit. Das ist soziologisch korrekt, auch wenn es heute anders formuliert würde. Diese entpersonalisierte Denkweise in dunklen, irgendwie amorphen Blöcken öffnet Tür und Tor für Verschwörungstheorie, wie z. B: „Das Kapital trifft sich bei der Bilderberg Konferenz und diktiert da der Politik den Kurs.“
Die Grenzen zwischen Verschwörung und Realität mögen mitunter unscharf sein, aber bei Anstrengung der praktischen Vernunft sollte Schwachsinn wie Impf-Apartheitsregime vermeidbar sein. Man kann unserer Politik einiges nachsagen und das tue ich oft und gerne, aber Apartheid?
Ich glaub, ich muss wieder auf die Veranda. Sie entschuldigen mich bitte.

11.06.2021 – Nämlich Oldenburg


Irgendwo in Oldenburg. Diesen Phahl im Vordergrund kann man sich nicht ausdenken, sowas serviert nur die Wirklichkeit.
Dass mir Oldenburg mal als süße Verheißung von frischer Freiheit und frohem Flaneurtum unterkommen würde, hätte ich prä-pandemisch nie gedacht. Ist aber so. Meine erste Reise – der Zustand von Reise tritt für mich immer dann ein, wenn es im Reisegefährt zur Lektüre eines Journales und dem Verzehr einer Brotzeit kommt – seit x Monaten führte mich auf dienstlichen Pfaden nach Oldenburg. Hatte ich vor kurzem noch darüber räsoniert, dass die Einschränkungen durch die Seuche zu einer mählichen Akzeptanz, ja förmlichen Begrüßung dieses freudlos-reizreduzierten Lebens, dieses monatelangen Vagabundierens auf den ewig gleichen Pfaden mit dem Anblick der ewig gleichen Bilder, Eindrücke, Perspektiven führen würde, einfach weil der Mensch durch die normative Kraft des Faktischen so niedergedrückt wird, dass nur eins bleibt, um nicht Schaden an der Seele zu nehmen: Sich fügen in das Unabänderliche, so kam es unlängst ganz anders. Nämlich Oldenburg.
Freiheit. Abenteuer.
Dieses Prickeln im Gemüt beim Besteigen des Zuges, diese staunende Begrüßung des vorbeisausenden Grünpanoramas, dieses zögernde Herumtapsen beim Umsteigen, dieses wohlige Erschauern beim Begrüßen analoger Humanoiden, dieses adrenalinige Rauschen in den Adern bei den schier nicht mehr für möglich gehaltenen Worten meines Intros: „Ich bedanke mich für die Einladung, freue mich, hier und heute teilanalog zu sein und begrüße jetzt auch die hybrid Zugeschalteten.“ Oder so ähnlich.
Worte von derartig historischer Tragweite, jedenfalls für mich, formuliert man nicht vor, die muss einem der Genius loci eingeben. Von daher möchte ich lieber nicht wissen, was ich da wirklich von mir gegeben habe.
Solche Reisen nutze ich, wann immer möglich, zu kurzen Momenten des Flanierens und sei es für ein Stündchen. Kein Ort der Welt kann so erbärmlich sein, dass er im freien Fluten des Weges nicht wenigstens ein Bild hergibt, das bisher ungekannt war, einen winzigen, kleinen Eindruck, der für einen Moment den Denkapparat anregt, das Humorzentrum reizt oder das Ästhetikempfinden in Wallung bringt. Wie dieses Dach einer ehemaligen Tankstelle aus den 50ern in Oldenburg. Ja, in Oldenburg.

Diese über alle Maßen kühn-reduzierte, schwungvolle Dynamik der Konstruktion, die in ihrer Fröhlichkeit laut zu rufen scheint: „Willkommen, Du offene Welt voll Modernität und Freiheit.“
Oldenburg, weißt Du überhaupt, welch seltene Preziose Du da in den Mauern beherbergst? Ich hoffe, das Teil steht unter Denkmalschutz. Ich aber hatte in Oldenburg den Glauben an eine Welt voller Möglichkeiten wiedergewonnen. Das Leben hat noch was im Köcher.
Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich dergestalt noch zu ein paar Reflexionen über das magische Viereck der Zivilisation hinreißen: Reisen, Konsum, Kultur und Demokratie. Ein ambivalent-ideologisches Viereck voller Verheißungen, jedoch im Kern auch mit der Sprengkraft des eigenen Untergangs versehen.
Macht aber nix. Hauptsache Sommer.