
Spielstraße in Volkach am Main. Die demographische Entwicklung schreitet flott voran. Ich rufe die Jugend der Welt nach Volkach. Brot und Spiele. Wobei es sich in Volkach um flüssiges Brot in Form von Frankenwein handelt, der das Elend der Welt leichter ertragen lässt. Irgendwie konterkariert diese Ausschilderung aber den seit Jahrzehnten grassierenden Jugendwahn unserer Gesellschaft, Motto: Alter verschwindet und Jugend hört nicht mehr auf.
Um auf allen Märkten des Lebens, von der Liebe bis zum Geld, foreever young konkurrenzfähig zu sein, unterwerfen wir uns fugen- und faltenlos dem Diktat der Worklife-Balance und der Wellness-Welt, Botox-Bataillone und Silikon-Geschwader (auch für Männer – lassen Sie sich vertrauensvoll beraten in Ihrem Zentrum für Intimchirurgie des Mannes) trotzen der Schwerkraft und dem Verfall – vermeintlich. Vergebens. Irgendwann senst uns alle Gevatter Hein mitleidlos ins kühle Grab.
Nicht alle gleich. Arme Männer beißen ca. 10 Jahre früher ins Grass als besserverdienende Geschlechtsgenossen, bei den Mädels sind es ca. 7 Jahre. Frauen leben gesünder und sind auf Grund der Verantwortung für die Aufzucht der Brut mit mehr Resilienz ausgestattet. Weder vor dem Virus noch im Tod sind alle gleich.
Wobei das mit dem Virus statistische Tücken hat. Seuchen der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass es oft vorrangig Arme trifft. Beispiel Pest: das Decamerone verlegt die Handlung in ein Landhaus außerhalb von Florenz. In dieses Landhaus sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest geflüchtet. Ein Landhaus, die Flucht vor dem Pesterreger muss man sich leisten können (7 Frauen und 3 Männer, darunter hat es der Schwerenöter Boccaccio nicht gemacht. Männerphantasien im Spiegel der Jahrhunderte…) Die legendäre Choleraepidemie von 1892 in Hamburg traf vor allem den sozialen Brennpunkt Gängeviertel, über das Robert Koch sagte: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, …. Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde.“ Die Fallzahlen in Blankenese dürften geringer ausgefallen sein.
Bei Corona sieht das vermutlich etwas anders aus, nicht nur wegen des anderen Verbreitungsweges. Ich weiß nicht, ob meine ursprüngliche Vermutung zutreffen wird, dass Corona-Fallzahlen in sozialen Brennpunkten höher sind. Hauptursachen sind zur Zeit Reiserückkehrende, Familienfeiern und jugendliche Regelverletzer*innen bei Paahdys. Reisen muss man sich ebenso leisten können wie große Familienfeiern und Paahdymachen kostet auch Geld (wobei von da aus die Streuung vermutlich am gleichmäßigsten in alle Stadtteile erfolgt). Dass Menschen in Unterkünften, auf der Straße, mit schlechter Ernährung, Bildung etc. eher krank werden, ist offensichtlich, aber was die oben beschriebene statistische Verteilungsfrage angeht, bedarf es genauerer Untersuchungen.
Was sich jetzt schon abzeichnet, ist eine wachsende Spaltung zwischen Jung und Alt, die anders als bei der Rentenfrage realen Grund hat. Das vermeintlich demographische Rentenproblem ist eins von „Geld haben und kein Geld haben“, und nicht eins von Jung und Alt. Bei der Seuchenverbreitung hat diese Spaltung sehr wohl einen realen Kern und zusätzliche Spaltungslinien sind das Letzte, was wir uns leisten können. Also rufe ich die Jugend der Welt nicht nach Volkach sondern zur Vernunft.
Aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.

Archiv für den Autor: admin
06.10.20 – Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.

Dem Chef noch post mortem in den Arsch zu kriechen, zeugt von perfekter marktförmiger Abrichtung. Selten aber las ich so eine mich verstörende Todesanzeige wie diese. Jede Silbe ein abgefeimtes Marketing Blabla, das in einer wahren Apotheose der Grunzdummheit endet, bei deren Lektüre mir die Tränen kamen – vor Lachen:
„Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.“
Vermutlich wurden die gebrannten Ziegel an den Köpfen dieser Tröpfe auf Bruchfähigkeit getestet. Man sieht es förmlich vor sich, wie dieser Albert Schweitzer des Brennwesens sich leidenschaftlich mit seinen Ziegeln im Bett wälzt, „fördernd und fordernd“. (Dieses Agenda-2010-Sprech in eine Todesanzeige zu pressen ist ebenso pathologisch wie bezeichnend für den Zustand unserer Gesellschaft).
Und so geht es ohne Unterlass weiter: „Hoch identifiziert und an einem Strang“. Über den Tod hinaus jede Formulierung aus der Realschul-Bewerbungsfibel für den kapitalistischen ideellen Gesamttrottel, bar jeden echten Empfindens und jeder Intimität, wie es sich für den Tod gebührte. (Im ersten ungläubigen Überfliegen hatte ich gelesen: hochinfiziert.)
Meine Lieblingsunterzeichnerin in der Anzeige ist Diana Dummich. Ein Name, der auf der Zunge zergeht, voller Rhythmus, Poesie und Wahrheit.
Das letzte Mal, als mir ein Ziegel auf den Kopf fiel, musste ich operiert werden, Dachschaden halt. Ich fragte vor der OP den Anästhesisten bänglich:
„Es wird doch alles gut werden?“
Die Antwort:
„Der Herrgott wird’s schon richten.“
Oje.

Diese Anzeige versöhnte mich mit meinem Lieblingsliteraturgenre „Todesanzeigen“.
In dem Sinne, Herrgott befohlen, liebe Leserinnen, passen Sie auf, wenn Sie an einem Strang sind, wo sich das andere Ende befindet, und wem Sie Ihre Leidenschaften widmen.
05.10.2020 – Besser als jede Analyse

Weinberge Volkacher Ratsherr. Eine der bekanntesten Lagen in Franken, am Städtchen Volkach gelegen. Keine ganz große Lage, aber mit Weinen von da macht man nichts falsch. Zum Wandern eine Gegend wie aus dem Bilderbuch, alle paar Kilometer ein Dörfchen mit Straussenwirtschaften, wo es deftige fränkische Küche und jede Menge probierenswerte Weine gibt, die man im Handel nur schwer bekommt. Die Landschaft ist getränkt von Weinkultur. Wenn man in milder Spätsommersonne von einem Weinberg über die Landschaft, auf den Main schaut, meint man, es gäbe nichts Schöneres, vor allem, wenn man schon einen Schoppen intus hat.
Ich fand sogar gute Argumente für die Existenz von Kirchen, oben auf dem Ratsherrn. Ohne sie wäre das Panorama nur halb so schön und eine bessere Orientierung gibt es nicht im Gelände. Wobei die Ausschilderung in der Gegend Weltklasse ist. Man kann sich nicht verlaufen, unmöglich. Selbst ich kam da ohne Google Maps aus und das brauch ich sogar für den Gang zu meiner Mülltonne.
Auf sowas wie Ausschilderung achte ich in der Fremde auch aus zivilisationsgeschichtlichen Gründen. Meine These ist, dass eine zentrale Grundlage für die Entstehung von Zivilisation und Kultur das Phänomen der Ausschilderung ist. Nicht umsonst hieß es jahrelange bei allen Veranstaltungen des SCHUPPEN 68 kategorisch statt Ortsangabe: Es ist ausgeschildert! Unser Publikum sollte gefordert werden und meistens wollten wir auch keins. Publikum will jede*r, wir aber waren die Avantgarde von übermorgen. Bei uns fand die Kunst nicht nur nicht im Saale statt, sondern auch ohne Publikum.
Es war also alles wunderbar, da oben auf dem Volkacher Ratsherrn. Und doch fehlte zum perfekten Glück in diesem Blick eine Kleinigkeit: Azurblaues Meer mit goldgelbem Strand in funkelnder Sonne, dazu der Duft von Pinien, die den Olivenhain säumen, aus dem man gerade kommt.
Für die Ökobilanz nicht die beste Erfahrung, zu wissen, dass kein heimischer Urlaub auf Dauer das gerade geschilderte Setting ersetzen kann. Andererseits auch egal, weil wir den Point of no return des Verfalls eh überschritten haben, ökologisch und sozial. Ich für meinen Teil hab beim Anblick der SUVs in den schmalen Gassen der Volkacher Altstadt und der ganzen Heizpilze dort nur lachen können. Das gutsituierte Bürgertum heizt seinem Untergang entgegen.
Schön auch meine folgende Geschichte aus dem hiesigen Bürgertum, um mit einer heiteren Note zu enden. Zu meinen Job gehört es, mit allen demokratischen Parteien über Armut zu reden, so unlängst auch mit den Senior*innen der niedersächsischen FDP. Bei Diskussionsveranstaltungen pflege ich als Warming-up immer ein kleines Themenbezogenes Quiz mit kleinen Preisen und einer heiteren Note. Das gehört dazu wie das Stretching vor dem Laufen. Sie können dabei förmlich körperlich spüren, wie das Publikum entspannt, aufnahmefähiger und diskutierwilliger wird.
Meine Einstiegsfrage bei der FDP lautete: „Von welcher Partei stammt das folgende Zitat:
„Eigentum grenzt Freiheitsraum anderer ein. … Wo die Verfügungsgewalt über Eigentum an Produk¬tionsmitteln zu Herrschaft über Menschen führt, ist ihre demokratische Kontrolle durch Mitbestimmung geboten.“
Die meisten tippten auf die Linke oder die Grünen. Auf die richtige Antwort kam keine: FDP. Aus den Freiburger Thesen von 1971.
Solche Geschichten beschreiben Veränderungen besser als jede Analyse.
04.10.2020 – Wir

Auf der 30-Jahre-Einheitsmeile-Expo in Potsdam. Was da in den einzelnen Container der Bundesländer und Institutionen für ein inferiorer Reichseinheitsmüll versammelt war, spottet jeder Beschreibung. Daher kein Bild davon. Nur diese Kitschinstallation „Wir“, nach deren Anblick ich mich umgehend in ein nahes Gebüsch erbrach – fast. Immer wenn irgendwo so prononciert ein „Wir“ in die Landschaft, sei sie real oder diskursiv-imaginiert, gemeißelt wird, heißt es für „Ihr“, also den Rest, die Beine in die Hand und Reißaus zu nehmen. „Wir“ konstruiert immer einen Gegensatz, etwas Ausschließendes: „Wir“ Doitschen, Wir „Weißen“, Wir „weißen alten Männer“ etc. pp. „Ihr“ dagegen sind Migranten, Juden, Frauen, Schwule … to be continued.
Isch mach dat mal an en Beispiel deutlisch, watt isch meine: Die Alten unter uns kennen Freddy noch, nein, nicht Mercury, sondern Quinn, ein Schwerstverbrecher in Sachen Dur und Moll, er lieferte die Klangtapete für das Wirtschaftswunder ff. Er sang einen Anti-68er-Protestsong der besonderen Art. Programmatischer Titel „Wir“.
Zitat:
„Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR!
Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!
Wer hat den Mut, für euch sich zu schämen? WIR!
Wer läßt sich unsere Zukunft nicht nehmen? WIR!
Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren,
Und muß vor euch jede Achtung verlieren? WIR! WIR! WIR!
Denn jemand muß da sein, der nicht nur vernichtet,
Der uns unseren Glauben erhält,
Der lernt, der sich bildet, sein Pensum verrichtet,
Zum Aufbau der morgigen Welt.
Die Welt von Morgen sind bereits heute WIR!
Wer bleibt nicht ewig die lautstarke Meute? WIR!
Wer sagt sogar, daß Arbeit nur schändet,
So gelangweilt, so maßlos geblendet? IHR! IHR! IHR!“
Komponist des Liedes, Zitat von „Max Reichpietsch“ in den Kommentaren zum Lied:
„… ist übrigens ein gewisser Lotar Olias. Interessanterweise hat der Gute in Jahren ´32 und ´33 Dinge komponiert wie den „SA-Totenmarsch“, den „Marsch ins Dritte Reich“ und den „Amtswalter-Marsch“ (die Texte (soweit vorhanden) sind hier nicht zitierfähig)… ein Schelm, wer hierin eine Kontinuität entdeckt 😉 …. !!!“
Zitat Olias Lied:
„Gott segne unser’n Führer und das Werk seiner Tat.
Daß er uns allzeit schütze vor Juda und Verrat.“
Können Sie, liebe Leserinnen, jetzt nachvollziehen, warum ich bei „wir“ immer ein leises Würgen im Knopfloch verspüre?
Solange es aber noch Menschen wie den Alias „Max Reichpietsch“, siehe oben, gibt, besteht Hoffnung. Der originale Reichpietsch war einer der Organisatoren der Antikriegsbewegung in der Kaiserlichen Marine und wurde dafür 1917 hingerichtet.
In Berlin heißt eine Straße Reichpietsch-Ufer am Landwehr-Kanal, die mir immer signalisiert hat, dass es zu meiner Kreuzberger Homebase nicht mehr weit ist. So hängt mal wieder alles mit allem zusammen.
Wir sehen uns.
28.09.2020 – Neue Hygienekonzepte

Nach massiver Kritik an der Berliner Jugend nach steigenden Corona-Zahlen infolge wilder Partys zeigt sie sich nun einsichtig und präsentiert beim Schlange Stehen vor dem angesagten Club „Wohnkultur“ in der Mainzerstr. in Friedrichshain neue Hygienekonzepte, die über die klassische Maskenkultur hinausgehen.
(Im Ernst, Jugend: Hast Du den Arsch offen oder was? Brummt Ihr alle vor Blödheit? Kann denn Geilheit jede Dummheit erklären? Je dämlicher Ihr Euch verhaltet, desto länger dauert der ganze Corona-Scheiss.)
Real an dem Foto aus der excellenten Ausstellung im c/o von Harald Hauswald ist der Ort Mainzerstr. Die Aufnahme stammt von 1990 aus den Bürgerkriegsähnlichen Unruhen um besetzte Häuser der Wendezeit.
Und was den Endlagerstandort angeht, hab ich die Lösung. Den ganzen Müll in den Städten in der Ostzone auf dem Marktplatz endlagern, wo die AfD Ergebnisse wie in Gera erzielt.
Sooo weit weg von der Realität ist der Vorschlag nicht, siehe Gorleben. Der Standort wurde ja auch deshalb gewählt, weil er damals an der Zonengrenze lag, der Kampfplatz also nach Osten gedeckt war und wir im Zweifel Westwind haben, der die Strahlung nach Osten weht.
26.09.2020 – BDSM und Doggy Style.

Plakat, Berlin-Schöneberg. Wilde Plakate sind eine inoffizielle Kiezzeitung. Während man im Internet mitunter nicht weiß, wo man suchen soll, springen Plakate sofort ins Auge, ob man will oder nicht. In einer Gegend, wo keine wilden Plakate kleben, würde ich mich nicht wohl fühlen. Mitunter komme ich angesichts von wilden Plakaten ins Staunen, sei es ob ihrer Ästhetik oder Botschaft. Sie sind gerade in den Laboratoriums-Vierteln von Berlin, in denen die Zukunft der Rest-BRD schon vorab inszeniert wird, mitunter grell, unverständlich, irritierend, immer aber Horizonterweiternd, und sie liefern Information, an die man nicht käme, weil man gar nicht auf den Gedanken kommt, danach zu suchen. Ein Flaneur, der sich keine Zeit für wilde Plakate nimmt, ist keiner, höchstens ein Konsumspaziergänger oder Schaulustiger, und das ist etwas völlig anderes. Der Flaneur nimmt sich Zeit und Gedanken, schärft dabei die Klinge der Kritikfähigkeit, und das sind politische Kategorien. Kategorien, die sich nur im realen Leben von Stadt-Öffentlichkeit entfalten und günstigenfalls als Substrat von Erfahrung Bewusstseinspotential entwickeln.
Eine feine Grundlage dafür ist das Staunen und ich staune des Öfteren in Berlin, mehr als woanders. Nicht nur bei obigem Plakat, das in Schöneberg zu Dutzenden klebt, bei dem ich in der Provinz, meint hier Hannover, geneigt gewesen wäre, einen Straftatbestand zu unterstellen, Erregung öffentlichen Ärgernisses oder so. Keine Ahnung, ich bin kein Jurist. Bin nur ein Flaneur aus der Provinz, der erstaunt und erfreut zur Kenntnis nimmt, dass das in Schöneberg zumindest keine*n juckt. Die dortige Gegend um den Winterfeldt-Platz ist ein komplett schwuler Kiez, dessen Codierungen zu dechiffrieren mir mit meiner heteronormativen Wahrnehmung mitunter schwer fällt. Vor diesem Plakat z. B. stand ich grübelnd und zog das Smartphone zur Hilfe.

Sind so viele Sterne…. Und wieso bei Arbeiterinnen* Klasse und woanders der * dahinter? Und ist mit Cis eine Tonart gemeint, Moll oder Dur? Ich steckte das Smartphone wieder ein und staunte. Das Abgebildete wird in 10, 15 Jahren offizieller Diskurs in der Rest-BRD, und paar Jahre danach im Duden, siehe Gender*. Aber irgendwann sach ich mir: Lass die Jugend mal machen, ich muss das nicht mehr alles begreifen, auch wenn ich es intuitiv richtig finde. Das ist so ähnlich wie mit Technologien. Ein Leben ohne Smartphone ist natürlich möglich, aber für mich nicht wünschenswert, ohne das könnte ich mich weder beruflich noch privat organisieren. Aber bei dem nächsten heißen Scheiß sach ich dann mal: Das muss ich nicht mehr haben.
Es sei denn, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn Staunen ist der revolutionäre Antrieb für Veränderung. Dinge neu sehen, das Staunen macht den Glauben an politische Utopien erst möglich. Ist nicht von mir. Das basiert u. a. auf dem Urvater der Flaneur-Philosophie Walter Benjamin. Da staunen Sie, liebe Leserinnen, oder?
Zur Plakat-Erklärung oben: BDSM-Stunden meint eine Versammlung des Bundes Deutscher Schul-Mädchen, Doggy Style ist ein Modetanz und bei Gleitzeit mit Gummi geht es darum, wie dehnbar im Sinne von AN Arbeitszeiterfassungsmodelle sind.
Ein entspanntes Wochenende, liebe Leserinnen, und bleiben Sie drin bis zum nächsten Mal, wenn der Provinzonkel wieder staunend aus der großen, weiten Welt berichtet.
23.09.2020 – War Kurt Partzsch ein Serienkiller?

Flotte Senioren. AWO Pokal..
Die Zeichen mehren sich: Das erste Mal ins Arbeitszimmer treten und das Licht anmachen müssen. Das erste Mal, wenn die nackten Füße auf den Küchenfliesen erschauern und um Puschen betteln. Das erste Mal, wenn beim abendlichen Grill ein Jäckchen her muss und nicht nur das Cognjäckchen. Es wird Herbst.
Geschrieben wirkt der Calauer mit dem Cognjäckchen bei weitem nicht so wie gesprochen. Dieser ranzige Humor stammt aus der Zeit der Mettigel, Salzstangen-Käsewürfel und Drei-TV-Programme. Es war die Hochzeit der AWO, siehe flotter Seniorenpokal oben. AWO, das für die UHUs (Unter-Hundertjährige) unter uns, ist der Wohlfahrtsverband Arbeiterwohlfahrt, einer Vorfeldorganisation der SPD, die tatsächlich noch den Sozialismus in ihrem Grundsatzprogramm stehen hat. Unlängst hatte ich dort einen Termin in der hiesigen Kurt-Partzsch-Begegnungsstätte. Kurt Partzsch war eine AWO Ikone und ein Sozi, wie er im Buche steht, und zwar im Strafgesetzbuch (Das ist der Humor, der dem der Mettigel-Ära folgte). Bei dem Treff fragte ein humorbegabter Zeitgenosse, der der Geschichte der Arbeiterbewegung nicht ganz so mächtig ist, ob Kurt Partzsch ein Serienkiller gewesen sei. Auf verblüffte Nachfragen schaute er sich betont in der Begegnungsstätte um und insistierte, dass diese das Ambiente der Wirkungsstätte eines Serienkillers besäße. In der Tat muss man in den Siebzigern bewusst gelebt und sie genossen haben, um den nostalgischen Charme dieser abgerockten, in Ocker gehaltenen Resopalbutze mit Asbestverzierungen feiern zu können. In meiner Phantasie entfaltete sich in diesem Arbeiterbewegungs-Mausoleum eine Siebziger-Jahre-Disco mit Disco-Kugel und originalem Funk und Soulstuff dieser Zeit. Es gefiel mir. Locus amoenus, dachte ich für mich, als melancholischer Weltflucht-Gegenentwurf zu locus terribilis, dem Winter.
Und damit sind wir wieder bei den eingangs erwähnten Anzeichen des Herbstes, über den selbst die abgeranzte HAZ schon sorgenvoll ihr Haupt wiegt, ob denn das mit der Seuche alles so gut gehen würde im Herbst und Winter. Allerdings rührt die HAZ mich nicht an, weil sie wie üblich das mit der Sprache veranstaltet, was Hitler mit Polen gemacht hat. Und damit wären wir humormässig in der Zeit vor den Mettigeln. Das ist nämlich ein Zitat des höchstverehrten Ernst Lubitsch (warum zeigt das TV keine Filme mehr von dem Mann?) aus seinem Film „Sein oder Nichtsein“ von 1942.
Vor dem Krieg hatten „wir“ Lubitsch. Jetzt haben wir Mario Barth. Vae victis. Und was Corona und den Herbst angeht, sach ich mal, und da sind wir im Humor der Jetzt-Zeit, das ist nämlich von mir: „Nun, Mob, steh auf, und Corona-Sturm brich los.“
Bei der Verfasstheit der doitschen Volksgenossen wäre ich überrascht, wenn wir keine zweite, dritte etc. Welle kriegen, was im Fall einer Wellenüberlagerung (Physik Untersekunda) zu einem Tsunami führen kann.
Wie üblich hoffe ich, dass ich mit meiner Schwarzmalerei falsch liege. Genießen Sie die Restsonne, flotte Seniorinnen und alle anderen.
21.09.2020 – Kurz unterhalb der Kotzgrenze

Orangenlikör mit Milch, Mallorca, und Sauerkirschlikör mit Früchten, Lissabon. Ein unausrottbares Ritual nicht nur bei mir ist es, für die Zurückgebliebenen Mitbringsel der jeweiligen Urlaubsorte in den Trolley zu packen. Ob man die damit neidisch machen will oder umbringen, ist mitunter nicht ganz klar.
Die beiden hier Abgebildeten sind mir umständehalber zu einem ungünstigen Zeitpunkt in die Hände gefallen. Abgesehen davon, dass sie sich geschmacklich nur kurz unterhalb der Kotzgrenze befinden, rühren sie an einem empfindlichen Nerv. Nämlich dem, dass ich wesentlich lieber in den Ursprungsorten dieser Gesöffe wäre als hier – je kälter die Nächte, desto lieber und schneller. Nun müssen wir hier die Corona-Leier nicht breittreten (wie sieht eine breitgetretene Leier wohl aus?), nach der das Fliegen tunlichst unterlassen werden sollte. Dieses Ferne-Gefühl hat auch mit der anschwellenden Negativ-Nachrichten-Flut zu tun. Nicht so sehr der der anschwellenden Fallzahlen, da wird uns im Herbst und Winter noch eine ganz andere Quittung seitens der Corona-Idioten serviert werden. Wie das wohl aussieht, wenn man den Masken-Verweigerern die Masken vom Gesicht reißt, sie zur Kenntlichkeit entstellt? Welche Fratze kommt da zum Vorschein? Die des reinen Faschisten oder des vollen Trottels?
Man mag es nicht mehr mit ansehen, die nackte Dummheit dieser Welt. Bestimmte Nachrichten klick ich schon gar nicht mehr an, meine soziologische Phantasie rattert schon los bei der reinen Überschrift „Oberste Richterin Bader-Ginsburg gestorben.“ Es ist ja nicht so, dass wahrscheinlich eine konservative Richterin nachrückt, das ist ein blanker Euphemismus. Die obersten Richter*innen dort sind teils schlicht reaktionär: Abtreibungsgegner*innen, gegen Obama-Care, gegen liberale Flüchtlingspolitik, für Entlastung der Reichen, etc. pp.
Da zeichnet sich hinter einer Maske von Demokratie Faschismus ab und amerikanische Verhältnisse finden zeitverzögert auch bei uns statt. Der rheinische Kapitalismus der Sozialpartnerschaft inklusive sozialer Marktwirtschaft (Spitzensteuersatz bei Papa Kohl noch bei 53 Prozent, jetzt bei 43, damals gab es noch Vermögenssteuer und Rentenniveau von über 50 Prozent, alles Schnee von gestern) wurde bei uns abgelöst vom angelsächsischen Neoliberalismus. Die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich ist tief wie nie und das alles wird auch Auswirkungen auf die Verfasstheit der Gesellschaft haben. Siehe USA.
Das will man alles in seinen Details gar nicht immer lesen. Dann lieber jeden Tag irgendein Gesöff kurz unterhalb der Kotzgrenze. Hauptsache vor Ort, und Sonne, Meer, Strand.
Es gibt zwei Möglichkeiten der Erlösung vom irdischen Jammertal namens Heimat:
Frau, lass Hirn vom Himmel regnen. Oder Impfstoff.
20.09.2020 – Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.

Kürbis und Rosen. Stilleben aus meinem Garten auf dem Kühlschrank. In Anlehnung an die Parole „Brot und Rosen“ der Gewerkschafts- und Frauenbewegung. Seit gefühlten Jahrzehnten kochen die Mädels Kürbissuppe, schmeckt nach nix, außer da ist Kiloweise Ingwer und Möhre dran. Was ist nur aus der guten, alten Erbsensuppe geworden? Solchen und ähnlichen Kulturphänomen und gesellschaftlichen Wandlungen versuche ich in diesem Blog seit gefühlten Jahrzehnten auf die Spur zu kommen. Anhand von Beispielen aus verschiedenen Sphären, wie Politik anhand des Zerfalls der SPD, Kultur anhand von Sprachkonflikten und dem Niedergang des ehemaligen Proletariersports Fußball, aber auch Kunst. Immer verbunden mit dem „subjektiven Faktor“. Auch so ein Betroffenheits-Kampfbegriff aus der Entstehungszeit der Kürbissuppe in deutschen Mädelshaushalten.
Außer dem tendenziellen und allgemeinen Verfall in der Welt von Sitte, Anstand, Stil und Reflexion ist bei meiner Spurensuche nix rumgekommen, Verrohung an allen gesellschaftlichen Fronten. Manchmal hab ich das Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit obigen Phänomenen unter meinem Niveau ist. Was soll man noch zu einer SPD sagen, die sowas wie Scholz zum Kanzlerkandidaten macht?
Soll ich mich echt an alten weißen Männern abarbeiten anhand der Gendersprache?
Oder soll ich ein Überbau-Phänomen wie Fußball kommentieren, so wesentlich es auch für die Verdumpfung der Gesellschaft ist, wenn sogar die Frankfurter Allgemeine merkt, dass der Fußball krank ist? Auf ein Niveau mit der Frankfurter Allgemeinen …?
Da halte ich es doch zumindest zeitweise lieber mit der Frage, welche Rose, siehe oben, für welches Knopfloch. Das sind Fragen, die sich auch Oscar Wilde, der letzte große Dandy klassischer Prägung gestellt hätte. Die Figur des Dandy wurde auf Grund sich wandelnder gesellschaftlicher Bedingungen vom Flaneur abgelöst, der untrennbar verbunden ist mit der Entstehung von Warenhäusern als Konsumtempeln und dem Aufblühen von Metropolen. Beide, der Dandy und der Flaneur, sind opulente, sich selbst inszenierende Gegenentwürfe zum bigotten katholischen Spießer und protestantisch-kapitalistischen Arbeitsmythos. Beiden gilt die Welt der Erwerbsarbeit Nichts. Was man sich leisten können muss.
Oscar Wilde war darüber hinaus auch Sozialist, der Sätze schrieb, die zur Digitalisierung passen wie Faust auf Auge, nur dass er sie damals, 1891, „Maschine“ nannte:
„Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln. All diese Arbeiten sollte eine Maschine ausführen… Wäre diese Maschine das Eigentum aller, so würde jedermann Nutzen daraus ziehen.“
Wilde starb verarmt im Exil, nachdem er wegen Homosexualität in England im Zuchthaus gesessen hatte. Seine letzten Worte:
„Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“
Diese Worte und Wildes Gesinnung im Hinterkopf habend, werde ich jetzt mein Beinkleid zurecht legen, um demnächst die Gegend um den Viktoria-Luise-Platz flanierend zu durchmessen.
Vorher muss ich aber noch arbeiten. Am Sonntag. Bis in die Nacht.
Ob ich so die Aufnahme in die Gilde der Flaneure und Dandys jemals schaffe ….
17.09.2020 – Der Dandy auf der Barrikade

Fein, wenn vollgekiffte Alt-Hippies zu Wohlstand und Eigentum kommen und ihre Immobilien verschönern. Die Drogensymbolik an diesem Graffiti-Haus in Berlin-Charlottenburg ist nicht zu übersehen.
Ein anderer Entwicklungsstrang des ehemaligen Hippiewesens ist zwei Häuser weiter in dieser noblen Gegend, die von Stuckverzierten Häusern aus der Gründerzeit dominiert wird, zu besichtigen

Alle mal weggetreten. Der Hang zum Triplenamen.
Und auf den Beruf, wenn es denn einer ist, hätte ich blind getippt. Coaching nennt man die Branche, bei der die Einäugige dem Blinden mittels Dreschens von hohlem Stroh das Geld aus der Tasche zieht. Wer Coaching nötig hat, dem hilft es auch nicht mehr. Ich schätze mal, Irene Triplenamen hat sich das Rüstzeug für diesen Prototyp von Bullshit-Job in einem Baghwan-Arschram geholt.
Zwei Dinge haben mich damals an dieser safrangelben Backwahn-Kaspertruppe irritiert: Die unfassbare Autoritätsficksierung auf diesen Osho-Hanswurst, die an die pathologische Zwangsfixierung ihrer Eltern auf Adolf Hitler erinnerte, und ihre bedingungslose Unterwerfung unter das Prinzip Kapitalismus. Auch bei dieser Sekte galt für mich die Dialektik von Ästhetik und Politik: Wer so tief sinkt und sich gelbe Kutten anzieht, scheußliche Ketten umhängt und auch sonst sowas von strahlend-verpeilt aussieht, mit der ist viel Staat – und Kapital – zu machen. Und das ist so ziemlich das Schlimmste, was ich jemandem hinterherwerfen kann.
Ich muss allerdings zugeben, dass die hier abgebildete Gegend rund um den „Stutti“ – Stuttgarter Platz – mit all ihren Ablegern und Auswüchsen der Bourgeoisie mir ausnehmend gut gefällt beim Flanieren. Immer nur Neukölln und SO 36 muss es auch nicht sein. Wenn schon Klassenkampf, dann auf höchstem Niveau. Der Dandy auf der Barrikade hat neben der roten Fahne in der Faust immer einen gut gefüllten Champagnerkübel mit sich zu führen.
In dem Sinne: Prost und sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.
Nachtragend: Die Rolle des Staates sollte heute anders bewertet werden als zu Baghwans Zeiten. Heute, da der rechte Rand der Gesellschaft zum gutem Ton gehört und sie aus der Mitte heraus erodiert, muss man als Linker den Staat – als letzte zivilisatorische Brandmauer – vor seiner Gesellschaft in Schutz nehmen. So schwer es angesichts faschistischer Haufenbildung namens Polizei auch fällt.
Aber was wäre die Alternative im Moment, was kommt nach Staat…?