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24.07.2020 – Yes ve gan.


Yes ve gan. Obama auf sächsisch?

TEE SALON IKI. Quizfrage: Welche griechische Stadt steckt hinter dieser VERBALL HORN UNG? 1. Athen. 2. Piräus?
Die Pfiffigen unter den Leserinnen, also alle, werden es erraten haben: Es handelt sich um Restaurants in Berlin. Wo sonst als in der Metropole des Frohsinns, des Witzes und der Schlagfertigkeit sind solche köstlichen Scherznamen denkbar. Nicht umsonst wurde im Paläozoikum der Begriff „Berliner Schnauze“ geprägt, auch Volksmund genannt. Und wie alles, was mit Volk zu tun hat, ist natürlich auch der Berliner Volksmund einfach nur unerträglich, bar jeden Esprits und meine Assoziation zu Berliner Schnauze ist nicht selten, dass ich jemandem, der sich auf den dutzenden Berliner Demos mit Verschwörungstheoretischem Charakter mit faschistischem Müll verbreitet, einfach mal einen auf die dämliche Berliner Schnauze … aber lassen wir das. Keine Gewalt.
Erfreuen wir uns lieber der kämpferischen Ankündigung der IG Metall, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen, der bedroht sei. Und das sind viele: Laut Unternehmen werden wegen der Corona-Krise und Strukturanpassungen rund 300.000 Arbeitsplätze allein in der Metallindustrie gestrichen.
In dem Artikel wird präzise beschrieben, was die Corona Pandemie für Folgen haben kann: Sie wird als Vorwand für Strukturwandel, sprich Rationalisierung, benutzt, Arbeitslosigkeit wird Kernthema der Bundestagswahl 2021, die Rechten werden Krisengewinner, Motto „wir schützen den Diesel, wir schützen den deutschen Facharbeiter“, Belegschaften werden durch wachsendes Homeoffice nicht mehr mobilisierbar, die Vereinzelung nimmt zu. Eine Analyse wie ein gutes Steak: auf den Punkt.
Was die IG Metall dagegen tun will, sagt der gute Mann nicht. Kämpfen, sagt er. Kämpfen ist immer gut. Ich kämpfe mittags immer gegen Müdigkeit. Meist vergebens. Göttin erhalte mir mein Mittagsbubu. So wie dem guten IG Metaller mit dem Namen einer Rebsorte, die für meist klebrigen Weißwein mit Bonbongeschmack steht, sein SPD-Parteibuch.
Quizfrage: Wie heißt der Mann? 1. Muskateller. 2. Imiglykos? (Richtige Antwort: Kerner). Zitat Kerner: „Ich würde mir wünschen, dass die SPD-Spitze mehr mit unseren Leuten in den Betrieben redet und weniger über die Medien kommuniziert.“
Hinter dieser Bemerkung steckt das ganze Elend der dahingeschiedenen Arbeiterbewegung samt IG Metall und SPD. Wenn die den Mund aufmachen, meint man, Kurt Schumacher oder August Bebel zu hören. Mäandern in einer seligen Vergangenheit, ohne zu realisieren, dass das Personal der eigenen Organisationen SPD und IG Metall schon seit Jahren unrettbar korrumpiert bis korrupt auf die Knochen ist, nur bedacht auf den eigenen Vorteil, bereit mit jedem Klassenfeind zu paktieren, koste es, was es wolle. Man gucke sich nur eine Kreatur wie Siggi Pop Gabriel an.
Es werden noch Wetten angenommen, welche Vorverträge bei welchen Konzernen Olaf Scholz jetzt schon in der Tasche hat, für 2021 ff., wenn er die Wahl als SPD-Kanzlerkandidat krachend gegen eine Wand gefahren hat, auf der als Menetekel steht:
„Achtung, demnächst 5 Prozent Hürde!“
Ich mach mir jetzt einen Wein auf. Keinen Kerner. Einen neuseeländischen Sauvignon.
Prost, liebe Leserinnen, und schönes Wochenende!

21.07.2020 – Saufen für einen guten Zweck


Diese Weine erwarb ich unlängst aus einem Nachlass, dessen Erlös einem sozialen Zweck zugutekam, den ich schon wieder vergessen hab. Connaisseuren sagen die Namen etwas, die Lagen zählen zu den Großen in Deutschland. Allerdings ist nach 40 Jahren der Lack etwas ab bei Weißweinen, die unterhalb der Kategorie Auslese firmieren und damals war der deutsche Weinanbau in einer veritablen Qualitätskrise. Es war eher eine skurrile Trinkerfahrung, eines der Abenteuer, die Corona noch zulässt in Zeiten von Cocooning, und saufen für einen guten Zweck ist ja eh jenseits aller Kritik. Das Foto fiel mir wieder ein und in die Hände, als gestern haufenweise positive Nachrichten von der Impfstofffront über den Ticker kamen. Was das angeht, bin ich Info-Junkie, Impfstoffsüchtig. Eigentlich hatte ich mich damit abgefunden, dass das in absehbarer Zeit Nichts wird mit Impfen, wenn überhaupt mal. Aber nach gestern sieht der Impfhimmel wieder rosig aus. Und Impfhimmel meint jenen Horizont, der mir Flüge in den Süden wieder riskierenswert macht. Ergo griff ich aus meinem Weinbestand die Flasche, die da für besondere Anlässe liegt, ein Fürst des Weißwein-Wesens, einer jener Tropfen, die man sonst nur vom Hörenraunen kennt, und beklebte ihn mit einem Schild: Zur Impfung trinken!
Mit so einer Pulle bin ich aber schon mal auf die Schnauze gefallen. Bei jedem freudigen Anlass dachte ich damals, da kommt noch einer, der das toppt, am Ende waren 30 Jahre ins Land gegangen und der Weißwein oxydiert. Triebaufschub, ohne diese Grundlage funktioniert Kapitalismus nicht, steckt in uns allen. Passiert mir nicht noch mal.
Prost einstweilen, ich muss los. Ackern. Sie wissen schon, Kapitalismus, solche Weine wollen bezahlt sein. Prost, liebe Leserinnen, und sonnige und vor allem unbeschwerte Tage!

20.07.2020 – Mein vorinsterlierter Compter.


Handelt es sich hier um ein Kofferwort, zusammengesetzt aus den Begriffen „installiert“ und „sterilisiert“? Macht ja Sinn, dann wäre der Compter Virenfrei. Beim Anblick dieser Fundsache bei mir umme Ecke aus dem Zentrum des Wahnsinns, auch Realität genannt, ploppte ein Bild in mir hoch. Eine Fundsache von Erinnerung aus einer kurzen und vergangenen Episode der Kommunikations- und Mediengeschichte. Irgendwann in den Neunzigern, genau weiß ich es nicht mehr, tauchten in Hotels und Pensionen in meinen Urlaubsregionen vermehrt PCs mit Internetzugang für die Gäste auf. Die Dinger hatten einen Münzeinwurf, es fing an mit einem Euro für eine Viertelstunde Internet. Ich habe das gerne genutzt, um die schwarze Wand der nicht beantworteten Mails Zuhause nicht zu groß werden zu lassen, aber auch für Infos und vor allem für die Wetteraussichten. Anfangs, es gab damals noch keine Smartphones und ein Laptop hab ich zweimal in den Urlaub mitgeschleppt, dann wurde mir das zu blöd, waren diese PCs durchaus begehrt. Obwohl ich nie zu Hauptreisezeiten urlaube und es immer entsprechend leer in den Unterkünften war, traf ich doch des Öfteren beim täglichen Check auf analoge Wesen am PC, mit denen sich sogar mitunter ein Gespräch ergab. Ich bin sonst im Urlaub eher Gesprächsflüchter, tu mich nicht gerne gemein, daher erinnere mich an solche analogen Vorfälle im digitalen Umfeld durchaus. Wie an einen Engländer, mit dem ich nach Austausch einiger Smalltalks über Wittgenstein und Boolesche Algebra sogar mal einen Port in einer Hafenkneipe nahm.
Innerhalb weniger Jahre griff das eherne kapitalistische Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate auch bei diesen PCs. Laptops wurden transportabler, der Internetzugang mit ihnen einfacher, dann kamen Smartphones auf und nachdem besagte PCs für ein paar Jahre kostenlos zu nutzen waren (was in besseren Etablissements meist von Anfang an der Fall war), sind sie seit einigen Jahren entweder völlig aus dem Geschehen verschwunden oder fristen in irgendwelchen dunklen Ecken ihr Dasein. Zu Beginn eine Goldgrube, ihre Anschaffung dürfte sich in einer Saison mehr als amortisiert haben, und nun im Alteisen und das innerhalb von maximal 20 Jahren: der Wandel schreitet nicht, er rast. Auch das im Kleinen eine Form der Disruption.
Jetzt, wo die Erinnerung daran wieder da ist, vermisse ich diese Dinger und die hybriden Kommunikationssituationen in Vermischung von analoger und digitaler Welt irgendwie.
Das hat ja auch mit Triebbefriedigungskonstellation zu tun. Mit heutigen Smartphones wird jedes Informations- und Kommunikationsbedürfnis potentiell sofort befriedigt. Damals dauerte das und hatte eine Art der Vorlust. Ich dachte beim Frühstück daran, vor dem Abmarsch den PC-Gang nicht zu vergessen, und wenn dann wieder irgendein Idiot vor einem dran war, setzte das Warten, gekoppelt mit leichter Anspannung, ein.
Man muss doch nicht immer alles sofort kriegen. Das ist wie mit Weihnachten früher: Vorfreude ist die schönste Freude und der Akt als solcher ist mitunter gar nicht mehr so überwältigend. Was ja auch die Crux mit jeder Sucht ist: Im Rausch selber findet Erfüllung nicht statt, sie verweht zu schnell.
Aber das ist eine ganz neue Geschichte. Da es hier gleich anfängt zu regnen, hänge ich für einen Moment Urlaubserinnerungen nach, von PCs mit Münzeinwürfen.

17.07.2020 – Auch wir würden lieber zuhause bleiben


Demo von Obdachlosen und Unterstützer*innen in Hannover. Wer kein zuhause hat, kann nicht zuhause bleiben. Erst am Vorabend der Demo hat es die Stadt geschafft, wenigstens für ca. 60 Obdachlose menschenwürdige Unterkünfte zu organisieren. Da wird mit Milliarden jongliert zur Unterstützung von Konzernen wie Lufthansa und über sowas muss man diskutieren, demonstrieren. Ich fand es beeindruckend wie viele Obdachlose bei der Demo waren.
Leider nehmen immer mehr die Falschen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch. Und was den öffentlichen Mob vom Ballermann angeht: Kann man da nicht gegen Maskenverweigerer amerikanische Polizisten einsetzen? Man kann gegen die Jungs (und es sind immer Jungs, von denen man liest) ne Menge sagen, aber dass sie nicht konsequent in der Wahl der Mittel gegen Maskenverweigerer sind, kann niemand behaupten. Ich vermute – und das nicht in Rechnung zu stellen, wäre aus Gründen soziologischer Phantasie fahrlässig – dass wir mit Auftreten der zweiten Welle ab Herbst vermehrt öffentliche Unmutsäußerungen auf den Straßen sehen werden. Dann werden sich die sozialen Verwerfungen deutlicher abzeichnen: Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsverlust nach Aufhebung des Kündigungsstopp am 1.7. Selbst wenn die Konsequenz nur lokale Lockdowns sind, können das Auslöser für Unruhe sein.
Da gibt’s mehrere Möglichkeiten: unkoordinierte, spontane Riots wie in Frankreichs Banlieus, die nach kurzer Zeit folgenlos in sich zusammenfallen, zunehmend Faschisten auf den Straßen, unter Umständen wieder als Brandschatzer vor Flüchtlingsunterkünften, wenn als Corona-Folge die Flüchtlingszahlen steigen, linksradikale direkte Aktionen, sanftmütig-esoterische Verschwörungstheoretikerinnen und, nicht zu unterschätzen, Demonstrationen von Beschäftigten aus Branchen, in denen Massenentlassungen drohen. Siehe Automobilbranche und Zulieferindustrie. Was ja nicht nur Seuchenursache hat, sondern auch grundsätzlichen Strukturwandel, da überlagern sich Ursachen-Wellen (inklusive einer Welle, die wir noch gar nicht kennen, benennen können).
Die IG Metall kann auch heute noch aus dem Stand Zehntausende auf die Straße bringen, und das wird sie bei drohenden Massenentlassungen, jenseits aller wohlfeilen Beschäftigungssicherungspakte, die dann Makulatur sind.
Ich bin gespannt, welche Ausprägungen diese Demos haben werden. Mögen die Hauptamtlichen der IG Metall noch mehrheitlich solidarisch und antirassistisch eingestellt sein, die Beschäftigten und Betriebsräte der IG Metall sind was das angeht (und anderes mehr) mit Vorsicht zu genießen. Der Anteil von AfD-Wähler*innen ist dort deutlich überdurchschnittlich und rechte Betriebsträte sind da keine Ausnahme mehr. Gewerkschaftsdemos, auf denen rechte Parolen zu hören und zu sehen sind, wären eine Zäsur. Ich bin IG Metaller, ich werde dann dabei sein. Aber nicht aus Solidarität mit den Beschäftigten.
Aber all das hier ist nur Unkerei und Schwarzmalerei. Bis dahin gibt es drei Impfstoffe, einer gegen Corona, einer gegen Blödheit und einer gegen Alles. Und dann bin ich sowieso nicht hier, sondern glotze stundenlang auf irgendein türkisfarbenes Meer.
Alles wird gut. Glauben Sie’s mir mal, liebe Leserinnen.

15.07.2020 – Raschpicheln bis der Arzt kommt oder: Ein kurzer Abriss über die Nationalökonomie des 20. Jahrhunderts.


Raschpichler vor Ärztehaus.
Als Ausweis großen Schlaubergertums dienen bestimmte Vokabeln, die in Diskussionen, Vorträgen und sonstigem allgemeinen Blabla bedeutungsschwanger mehrfach und gerne mit unterstreichender dynamischer Gestik den Anwesenden in die Ohren geröchelt werden. Eine Zeitlang war es z. B. „Narrativ“, aber die Binse ist ausnarratiert. Wer’s jetzt noch benutzt, setzt sich dem Verdacht aus, es nur bis zur Fachhochschulreife gebracht zu haben.
Ein neuer Stern seit einiger Zeit am strahlenden Phrasenhorizont ist Disruption oder adjektivisch disruptiv. Das soll das Wirtschaftswort 2015 gewesen sein und 1997 seinen Ausgang in der Werbung und Mikrobiologie gefunden haben. Logisch, die Beiden sind sich ja auch zum Velwechsern ähnlich. Disruption meint, dass bestehende Wirtschafts-Strukturen aufgebrochen, umgebrochen und komplett zerstört werden. Das Ganze laut Wiki angeblich basierend auf der Theorie von 97 eines gewissen Christensen, seines Zeichens Bischof der Hormonen. Wozu doch Vielweiberei alles gut ist. Das mit dem Bischof passt übrigens, ist doch Wirtschaftswissenschaft keineswegs eine valide Wissenschaft, sondern eine Anhäufung von Glaubensgrundsätzen und Kaffeesatzleserei.
Das Ganze ist natürlich nur die halbe Wahrheit, nämlich Wiki-Wahrheit, über die Theorie der schöpferischen Zerstörung. Erfunden hat’s der Schumpeter, Anfang des 20. Jahrhunderts, kein ganz übler Zeitgenosse, war er doch Keynesianer, bevor es Keynes gab, Weltbürger und Frauenheld (kein Mormone!).
Ein üblerer Zeitgenosse war da schon der Zeitgenosse von Schumpeter, der Begründer des Neoliberalismus Friedrich August von Hayek , auf dessen Wirtschaftstheorien sich unter anderem Pinochet, Reagan und Thatcher beriefen. Hayeks Ideologie setzt auch auf Disruption als ständigen Prozess, nur ohne staatliche Kontrolle oder soziale Abfederung. Der Markt richtet alles. Der Markt als Gott.
Dieser Ausflug in die Nationalökonomie war deshalb nötig, um auf die brandgefährliche aktuelle Entwicklung hinzuweisen, in der die Disruption von einem Virus in Gang gesetzt und beschleunigt wird. Ganze Branchen werden umgewälzt, neu geordnet, verschwinden, andere gewinnen Dominanz, tauchen neu auf. So wie es heute keine Kesselflicker mehr gibt, wird es bald keine Automotorenbauer mehr geben. Schönen Gruß vom Getriebe? Ja. Abschiedsgruß.
Juristen? Brauchen wir nicht mehr. Dafür gibt’s Legal Techs.
Diese Umwälzungen werden natürlich auch von Wirtschaftswissenschaftlern und anderen Schamanen analysiert (besser: beplappert) und mit Glaubenssätzen in die Öffentlichkeit transportiert und ich verwette meinen Arsch drauf, dass nach der jetzigen Konjunktur von Staatsinterventionen (siehe Keynes oder auch Schumpeter) und sozialer Abfederung irgendwann wieder Gauner wie Hayek Konjunktur haben. Der Markt als Gott. Und dann Gnade Gott den Menschen mit wenig Geld.
Wie sagte doch Schumpeter über Hayek: dessen Liberalismus sei ausschließlich betuchten Self-made-Gentlemen und Sklavenhaltern zu empfehlen.
Dann hilft nur noch Raschpicheln bis der Arzt kommt. Siehe oben.
Prost.

14.07.2020 – Das Goldene Zeitalter der Freiheit – Teil 2


Endlich mal ein Info-Bus in der City mit guten Tipps. Wer weiß, was die Zukunft bringt, wir tanzen auf dem Vulkan, wir reiten auf einer Rasierklinge, wir halten den Tiger am Schwanz und haben keine Ahnung, was passiert, wenn wir loslassen. Also sollte man die verbliebene Zeit vom Rest des Zeitalters der Goldenen Freiheit nutzen, insofern finde ich obige Tipps doch zielführend. Chatten ist ja nicht so meins, aber Surfen in den Wellen des Atlantiks ist doch ne coole Sache und der Rest ist eh Bingo.
Ich bin schon länger der Überzeugung, dass der Planet über den Jordan geht, zumindest was sein Krebsgeschwür, genannt Menschheit, angeht. Ob ökologisch oder sozial, dass „wir“ so nicht weiter wirtschaften und interagieren können wie bisher, ist so klar wie die legendäre Kloßbrühe. Und da „wir“ offensichtlich was Ethik und Krisenbewusstsein betrifft immer noch durch die Wirklichkeit stapfen wie weiland die Troglodyten, ist klar, dass von der Realität kollektiver Bedrohungen kein Massenbewusstein besteht. Der gemeine Homo sapiens ist immer noch in einem Instrumentarium verhaftet, das ihn reagieren lässt, mit Flucht oder Aggression, wenn ein Säbelzahntiger angreift oder ihm die Nachbarhorde seine Weiber klauen will, aber mit einem geruchlosen Virus oder dem unsichtbaren CO2 Ausstoß ist er schon völlig überfordert. Die Bilder vom Ballermann neulich oder von feiernden Fußball-Horden zeigen eine intellektuelle und ethische Fallhöhe von Null angesichts von Corona. Und das ist die Mitte der Gesellschaft, wo Wahlen gewonnen werden. Menschen wie Du und Ich. Ich korrigiere: Menschen wie Du.
Und die Tatsache, dass hierzulande immer noch über Tempo 130 kontrovers diskutiert wird, ist nur noch grotesk. Kleine Beispiele, da fallen jeder noch Dutzende andere ein.
Bis vor einiger Zeit dachte ich, was soll’s, soll der Planet mitsamt Insassen zum Teufel gehen, nach mir die Sintflut, ich genieße das Leben, sowohl in vollen Zügen als auch in vollen Fliegern. Ich darf das, ich bin sonst einer von den Guten. Pusteblume resp. Kuchen, siehe Corona, die Rache der Natur am Primaten Nr. 1. Und das ist ja erst der Anfang.
Ab Herbst wird es eventuell (wäre ich gläubig, würde ich drum beten, dass ich unrecht habe) erst richtig lustig. Zweite Welle, zweiter Lockdown … Ob das unser bisheriges Wirtschaften verkraftet, wage ich zu bezweifeln. Der Kapitalismus wird das überleben, aber unter welchen Kosten, für den Mob? Es wird z. B. zur Vermeidung körpernaher Dienstleistungen und Produktion einen extremen Rationalisierungsschub geben. Ich hatte mein diesbzügl. Erweckungserlebnis auf dem Billigflieger-Airport Schönefeld, als ich beim Einchecken an McDoof vorbeikam. Fast komplett digitalisiert, jede konnte sich ihr Menü an einem Terminal zusammenstellen und bezahlen; und der nächste Schub wird das Roboterbraten der Klopse sein, schlimmer können die gar nicht mehr schmecken. Also selbst solche Billiglohnjobs gibt’s dann nicht mehr. Das lässt sich mit ein bisschen Phantasie beliebig ausweiten. Wobei: geflogen wird im zweiten Lockdown sowieso nicht mehr. Schönefeld ade, mit allen dranhängenden Jobs. Schade eigentlich, Reisen bildet ungemein, wie man auch an diesem Beispiel gesehen hat.
Beim allmählichen Tod vom Goldenen Zeitalter der Freiheit wird es drei Generationen geben: Eine, die es komplett erlebt und genossen hat und sich jetzt auf der Zielgeraden ihrer Existenz befindet, eine, die darin groß geworden ist, aber noch die größere Strecke und die größten Erwartungen vor sich hat, und eine, die es nur noch vom Hörensagen kennt (siehe Internet, viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass es mal ein Leben ohne gab).
Fazit: Nutze den Tag (Kotzphrase, trifft’s aber). Und wohl dem, der der ersten Generation angehört. Oh, die böse, böse Uhr, ich muss los, das Leben genießen. In leeren Zügen.
Genießen Sie Ihren Tag, liebe Lesende.

11.07.20 – Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen


SCHUPPEN 68 – Performance „Langer Marsch durch Linden“ Anfang der 90er (Danke für die Erinnerung daran an Schorse, den Ersten Vorsitzenden des Bremer Sowjets des SCHUPPEN 68, den 1. Sekretär des ZK der Bremer Sektion des SCHUPPEN 68, den genialen Geist und großartigen Gefolgsmann, den Treuesten unter den Treuen und Liebling der Bremer Massen. Die Lieferung ist unterwegs!), die mit satirischen Mitteln zwei Mythen dekonstruierte: Maos langen Marsch, der die Machtübernahme der KP Chinas ermöglichte, und der Lange Marsch durch die Institutionen der 68er, die damit die Apparate unterwandern und die Macht im Staate übernehmen wollte, eine Art Studienräterepublik. Was daraus wurde, sieht man am Beispiel Joseph Fischer, der für mich nach wie vor, und das ist eine veritable Leistung, im Ranking der Kotzbrocken noch vor Gasgerd Schröder und Siggi Pop Gabriel kommt.
Das Bild macht mich irgendwie ein bisschen stolz, Anführer einer Gang gewesen zu sein, die so schräge Aktionen auf den öffentlichen Markt warf, dass wir sie selbst nicht bis ins Letzte begriffen. Und vor allem, dass wir keinen Begriff hatten von dem Potential, was darin lag. Das war auch besser so, sonst wäre es Arbeit geworden. Und davon hatten alle Beteiligten damals mehr als genug und teils die Schnauze voll.
Die Performance war unfassbar antizyklisch, weil sie Anfang der 90er, also nach der Annexion der Ostzone, beinhart politisch, aber auch avantgardistisch war. Das HB Männchen auf dem fahrbaren Untersatz war das einzige fahrbare Lenindenkmal der Welt, das wir später unter wütendem Protest der Marktbesucherinnen auf dem Lindener Wochenmarkt einweihten, mit elf Fürbitten an Lenin. Es lagen schwere Prügel in der Luft. Lenin war zu der Zeit verhasster als Mussolini, Franco und Pol Pot zusammen, und alles Linke war diskreditiert bis ans Ende aller Tage, also bis heute.
Wir gingen in der kreativen Arbeit kollektiv vor, das heißt, wir diskutierten Nächtelang heiß und führten alles kollektiv durch, was dem damaligen Zeitgeist, auch auf dem Kunstmarkt, des grenzenlosen Individualismus konträr stand. Kollektive wie Rimini Protokoll oder das Zentrum für politische Schönheit gab es erst viele Jahre später. Darüber hinaus waren wir unkommerziell, Null Staatsknete, Null Einnahmen, und dem strikten Prinzip des Eingreifens in die Öffentlichkeit verpflichtet: Die Kunst dem Volke und dem Volk aufs Maul – nicht geschaut, sondern gehauen.
Das Faszinierende an dem Foto ist neben allerlei Gedöns vom Opa, als er noch Flausen im Kopp hatte, das Rauschen der Hintergrund-Erzählung, das sich nun in den Vordergrund spielt: Der damalige Kiosk am rechten Bildrand, im Verein mit einem Pissoir, ist nun ein ambitioniertes Restaurant mit guten regionalen Speisen und dem schlechtesten Service des Universums. Das Brauer Stübchen links hinten ist eine Szene Lokal geworden. Die Straßenkunst ist weg, stattdessen belästigen einen Skate-Rüpel da.

Performance Publikumsreaktionen: Wo ist ihr Wärter?
Kramen Sie, liebe Leserinnen, mal alte Fotos aus dem vorigen Jahrtausend hervor und decken die abgebildeten Personen darauf zu. Daran können Sie am Hintergrund eine Geschichte der Republik ablesen.
Mir bleibt die Frage: Was wäre geworden, wenn …? Leicht zu beantworten: Würde ich mit Kunst heute, in Corona-Zeiten, meinen Lebensunterhalt bestreiten, Gute Nacht Marie und Michel.
Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen, Teil 2 vom Ende des Goldenen Zeitalters. Nächstes Mal. Schönes Wochenende.

05.07.2020 – Das Goldene Zeitalter der Freiheit


Der Sommer nimmt der Seuche ihren Schrecken, und selbst die größte innerstädtische Bauruine der BRD, das hiesige Ihmezentrum, ist von einer lässig-mediterranen Aura umflort. Aber „Mene Mene Tekel Upharsim“! Für mich verheißt die Leuchtschrift an der Wand der Medien wenig Gutes. Da läuft irgendwas asynchron im Moment, einerseits Lockerungen und Aufhebungen viraler Beschränkungen, andererseits immer mehr berechtigte Hinweise, dass wir nicht wissen, wann, wie, wo von wem mit welchen Wirkungen ein Impfstoff auf den Markt kommt, wie das Virus mutiert, welches das nächste Virus ist, welche Wellen im Herbst auf uns zukommen etc. pp.. Oder wie Werner Enke es auf den Punkt brachte im Klassiker „Zur Sache, Schätzchen“: „S‘ wird böse enden.„
Vielleicht werden wir gerade Zeitzeugen vom Ende des Goldenen Zeitalters der Freiheit. Das hier mehrfach erwähnte Goldene Zeitalter des Kapitalismus, um die 70er herum, liegt schon länger zurück, mit dem Ausbau des Sozialstaates, kräftigen Netto-Lohnzuwächsen und Liberalisierung der Gesellschaft, verbunden mit einer Leidenschaft für Utopien und dem Prinzip Hoffnung. Seit den Achtzigern erleben wir den Siegeszug des Neoliberalismus, verbunden mit dystopischen Visionen und dem Prinzip Angst, in den Köpfen der Millionen Verliererinnen. Beide gesellschaftliche Grundierungen wurden begleitet und überlagert von einer wachsenden Freiheit auf gesellschaftlichen Teilgebieten, nicht für alle, aber für viele: Ausbau des Massentourismus, wachsende massenhafte Kulturangebote, Stichwort „Eventisierung“, die Fetischisierung des „Ich, Ego“ als geltende Norm. All das in vorher nie gekannter Form lieferte ein Scheinversprechen von grenzenloser Freiheit; Schein, weil ja letztlich jeder doch auf sich zurückgeworfen wird, und was gibt’s da schon Erfreuliches zu sehen. Nicht umsonst sind Alkoholismus, Psychopharmaka, Therapien treue Begleiter jeder gesellschaftlichen Veränderung.
Auch wenn diese Freiheit also Ideologie ist, hat sie wie jede wirksame Ideologie reale Kerne und Wirkmacht. Sie ist ja real vorhanden, die Reisefreiheit, wohin man will, bei entsprechendem Geldbeutel, und es gibt ja real das xte Open-Air-Konzert mit Phil Collins und anderen Dinosauriern. Ob und in welcher Form das jemals wiederkehrt, ist offen. Das meine ich mit dem Ende des Goldenen Zeitalters der Freiheit und mir graut davor. Nicht wegen mir, ich kann auf Collins verzichten, sondern weil der Mob durch diese Veränderung bestimmt nicht dem Prinzip Vernunft zugeneigt wird. Was soll’s, am Ende deckt uns alle das kühle Grab.

Wenn der allerdings die Leichen so verbuddelt, wie seine Rechtschreibung ist, gucken bei jeder zweiten Beerdigung noch irgendwelche Extremitäten aus der Erde.

01.07.2020 – Wäre ich eine Frau, wäre Drosten mein Sexgott


US-Vasall Gates Teufel. Verschwörungstheoretiker-Demo, neulich bei mir umme Ecke. Wenn ich mir nicht angewöhnt hätte, die Welt gemäß dem Wildeschen Diktum als Bühne zu sehen, das Geschehen in der Realität ergo als Inszenierung und die Agierenden als üble Schmierenkomödiantentruppe, würde ich jeden Tag bei jedem Schritt vor die Tür verrückt. Es ist ja mit diesen Hanswursten auch keinerlei Kommunikation möglich. Wenn ich solcher Aufzüge ansichtig werde, reicht es nur bei mir nur noch zu Anwürfen wie: „Geht lieber arbeiten, Ihr Penner! Ihr werdet doch alle aus Moskau bezahlt!“
Das hielt der gemeine Spießer Post-68 allen linken Demonstrantinnen entgegen, was besonders die Pekingtreuen Maoisten rasend machte. Charmant bin ich nur zu hübschen Demonstrantinnen, die besonders dämliche Plakate hochhalten, von denen (den Plakaten!) ich gerne erkennbare Fotos hätte, die sie mir dann entgegenhalten sollen. Die Damen sind auch meist willig, was ich aber nicht meiner Attraktivität und meinem Charme in Rechnung stelle, sondern dem ungebrochenen Sendungsbewusstsein der Damen.

Wie dämlich kann man sein, Christian Drosten anzumeiern.
Wäre ich eine Frau, wäre Drosten mein Sexgott: Attraktiv, überragender Intellekt, brillanter Vermittler, ruhig, aber selbstbewusst und auch selbstkritisch, ein Schuss Eitelkeit, der auf die eigene Erscheinung achten lässt, erfolgreich und bestimmt (Institutsdirektor an der Charité wird man nicht, wenn man sich nur nach Feierabend in seiner Männerselbsthilfegruppe mit Wattebäuschen bewirft) und dann diese rehartigen Augen. Also der Demonstrantin mit dem Schild oben bescheinige ich hiermit in Ferndiagnose pathologische erotische Wahrnehmung, neben ihrer Verschwörungs-Schwerstmeise. Wer den Augen von Drosten nicht wenigstens für eine Nacht trauen würde, …. aber lassen wir das. Über diesen Blogeintrag muss ich eh später in meiner Männerselbsthilfegruppe offen und angstfrei diskutieren, ich pack mir jetzt schon reichlich Wattebäusche ein.
Ernsthaft aber, und hier wird das vermeintlich Private politisch, sind solche Demos Ausdruck jener Meinungsfreiheit hierzulande, deren Verlust die Bekloppten und Bescheuerten fälschlicherweise immer wieder anklagen. Bei uns darf tatsächlich jede*r auch öffentlich jeden Mist und Unsinn verzapfen, solange er nicht gegen das Strafgesetz verstößt.
Ich bedauere das und würde solche Karnevalsumzüge am liebsten wegkärchern lassen, weil sie aus epidemiologischer Sicht lebensgefährlich sind. Nicht so sehr, weil dort das Corona-Virus verbreitet würde, viele tragen Masken, sondern das Virus der Irrationalität. Immer mehr Menschen lassen sich von der Abwesenheit von Vernunft anstecken, sei es aus Überforderung, Verzweiflung, Verdrängung, und das wird uns nach dem Partygeschehen des Sommers spätestens im Herbst und Winter verheerend auf die Seuchen-Füße fallen.
Oh, Angela, hilf uns in dieser Stunde der Not.
Und ich hoffe wie so oft auch dieses Mal wieder, dass ich mit meiner Dystopie sowas von unrecht habe und im Herbst alles gut ist, ein Impfstoff da ist und ich endlich, endlich mal wieder in den Süden kann, ans Meer, zum Lichte, zur Sonne.

25.06.2020 – Wahrlich, wahrlich ich sage Euch …


dpa Interview, in diversen Medien nachgedruckt. Sehr hilfreich für die Arbeit, nicht nur inhaltlich. Das hiesige Sozialministerium meldete sich, ob ich die dort erwähnten Piktogramme hätte. Es steht zu hoffen, dass diese eigentlich ziemlich selbstverständliche und niedrigschwellige interkulturelle Kommunikationsform bald Einzug hält im Dialog der Akteure. Zur nächsten Krise, 2025? Ich tippe da mal auf eine interdependente Multipel-Krise: Corona ist dann nach wie vor virulent, dazu kommt das 8. aufeinanderfolgende Dürre- und Hitzejahre mit jeweils nk Hitzetoten, ein Ausfall der Energieversorgung nach einer Hackerattacke isländischer Terroristen (nicht immer nur auf den armen Tschetschenen rumhacken) und eine kombinierte Masern- und Diphterie-Epidemie, weil der Impfverweigerungs-Wahnsinn die Durchimpfungsraten gegen diese Krankheiten unter 70 Prozent gesenkt hat.
Gegen die gesellschaftlichen Folgen zukünftiger Krisen und Katastrophen nimmt sich das, was uns jetzt gerade nervt, wie ein laues Lüftchen aus. Ich möchte mir nicht ausmalen, was ich dann für Interviews geben müsste. So harmlos wie hier im Beitrag über die Einschränkung von Grundrechten im Heute Journal vom 23.06 wird es sicher nicht, ab Min. 12.02 . Mich traf Zuhause beim Gucken fast der Schlag, als ich mich in Großaufnahme sah, die heutigen hochauflösenden Kameras sind sowas von erbarmungslos. Und Maske gibt’s in Corona Zeiten nicht mehr.
Vanitas, eine der sieben Todsünden. 2025 würden wir uns andere Gedanken machen …
Es geht um Corona, was sonst: Wenn Sie das Video hier zum Thema klicken, wird Ihnen in dieser Woche etwas ganz Zauberhaftes widerfahren. Sie dürfen erst weiterlesen, wenn Sie geklickt haben.
Apropos widerfahren: Wieder fahren möchte ich gerne gen Süden, ans Meer.
Die Bilder deutscher Nordsee-Urlaubs-Herrlichkeit versetzen mich in tiefe Depressionen, da kann man doch keinen Urlaub machen! Mir scheint das schlimmer als Dantes Inferno: Ostfriesennerze mit Krabbenbrötchen auf der Kurpromenade, wo das Andre-Rieu-Imitat in der Konzertmuschel dem vereinigten gerontologischen Volkskongress ordentlich was vorgeigt und alle schwärmen, dass sie schon seit 400 Jahren immer hierher kommen.
Und wenn man sich aus lauter Verzweiflung im Meer ersäufen möchte, ist das plötzlich weg: Ebbe. Wo gibt’s denn sowas?! Auf Malle jedenfalls nicht.
Aber wahrlich, wahrlich ich sage Euch: Ihr, die Ihr heute jammert und wehklagt ob der großen Seuche, Ihr werdet 2025 in Heulen und Zähneklappern ausbrechen und Euch wünschen, es wäre 2020.