
Pop Art, sehr schöne Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett. Sie zeigt neben Druckgrafiken des notorischen Konsum-Hanswurst Andy Warhol und allerlei Kunsthandwerkgedöns auch die kritische Seite der Pop Art mit Arbeiten aus dem „Kapitalistischen Realismus“.
Zum kapitalistischen Realismus heutiger Tage gehören auch die Ausschreitungen des Mobs in Stuttgart. Stuttgart, die verschnarchte Hochburg der sauberen, heilen Welt von Porsche, Mercedes und Kehrwoche, irgendwo hinter den sieben Bergen mit lauter Zwergen wie dem grünen OB Fritz Kuhn und dem ex-Maoisten MP Wilfried Kretschmann? Stuttgart kann überall sein.
Ich will diese Ausschreitungen junger Männer nicht klein reden. Das ist das Potential, aus dem sich früher die SA mobilisierte und das jederzeit wieder abrufbar ist. Wenn es nach mir ginge: Einmal verwarnen und dann Feuer frei. Repression hat auch was Gutes, hängt immer davon ab, gegen wen. Und natürlich ist der Stuttgarter Ober-Polizist ein geschichtsvergessener Dummkopf, wenn er in die Kameras radebrecht, dass das die schlimmsten Gewaltausbrüche seien, die Stuttgart jemals erlebt habe. Ein Blick zurück ins Jahr 1938, in die Reichspogrom-Nacht:
„Mit unvorstellbarem Vandalismus wurden auch in Stuttgart jüdische Geschäfte wie das Kaufhaus Tanne in der Tübinger Straße, das Radiogeschäft Jacobs in der Hauptstätter Straße und das Schuhhaus Speier zerstört und geplündert, Juden nachts aus den Betten geholt, geschlagen, misshandelt und verhaftet, und die Synagogen in Brand gesetzt.“
Das Benzin dazu stellte die Stuttgarter Feuerwehr zur Verfügung.
In der tranigsten Metropole der Republik also Mob und Dummköpfe, alles normal eben.
Der üblere Hooligan allerdings ist in meinen Augen der Schlachter Tönnies, seines Zeichens auch Präsident des Fußballklubs Schalke 05, was ziemlich exakt die ethische Fußball-Fallhöhe beschreibt. Die skandalösen Zustände in den Schlachthöfen der Republik sind bekannt, mit all ihren üblen Konsequenzen wie die Krokodilstränen der jahrelang sich wegduckenden Politiker. Witze über den NRW-Minister-Fleischklops Laumann sind unangemessen, weil sie das Ganze verharmlosen. Wenn sowas Minister werden kann, hab ich das Zeug zum lieben Gott.
Was in den Schlachthöfen durch Kreaturen wie Tönnies exekutiert wird, ist strukturelle Gewalt und schlimmer als individuell sich austobender SA-Mob. Brecht bringt das Prinzip strukturelle Gewalt auf den Punkt, lange bevor dieser Begriff in akademischen und linken Zirkeln der 70er kursierte:
„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
Diese Definition hat aber einen Rattenschwanz an ethischen Problemen und Fragen, denen wir, liebe Leserinnen, uns in der nächsten Stunde widmen wollen. Bürgerliche Staatsrechtler und Alk-68er wissen schon, wohin jener Hase hoppelt, der gerne mal linke Haken schlägt…
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20.06.2020 – Auch ich weine ein paar Tränen.

SCHUPPEN 68 Performance Ostern 1992 – Stadtmagazin Schädelspalter.
Ich bin ein Kind der Generation „Stadtmagazine“. Als sich – gefühlt kurz nach den Iden des vorigen Jahrtausends – Subkultur auch als kommerziell durchsetzungsfähiges Phänomen etablierte mit all ihren Konzerten, Ausstellungen, Performances, Selbsthilfegruppen, politischen Zirkeln, schossen Stadtmagazine aus dem Boden wie Pilze nach dem warmen Regen. Stadtmagazin-Lektüre war Pflichtlektüre Sie führten einem die grellbunte Palette aller Kulturmöglichkeiten jenseits des Mainstreams vor. Es kostete einen Abend, das alles anzukreuzen, was einen anschrie: Komm zu mir! Nimm mich!
Wovon im Zweifel knapp 10 Prozent realisiert wurden. Für mich war es aber auch der einzige Ort, an dem angemessen die durchgeknallten Aktionen des SCHUPPEN 68 regelmäßig veröffentlicht wurden, denn, aufgemerkt, liebe Kinder:
Es gab damals noch kein Internet als Massenkommunikationsmittel!
Luxuriös war man drauf, wenn man seine Veranstaltungshinweise faxen konnte. Sonst per Brief, ich buchstabiere: B-r-i-e-f. Außerdem konnte man bei den diversen Preisausschreiben Karten für Konzerte gewinnen, die man sonst eher nicht aufgesucht hätte, was eindeutig eine Erweiterung des Horizontes bewirkte.
Tempi passati.
Ich weiß nur deshalb, dass es in Hangover noch Stadtmagazine gibt, weil ich vor vielen Jahren ein paar Artikel für eines schrieb und seitdem jeden Monat ein kostenloses (Beleg?)-Exemplar im Briefkasten habe. Wie die so auf ihren Schnitt kommen, ist mir ein Rätsel. Kein Rätsel ist mir dagegen der Tod des links-alternativen Berliner Magazins Zitty, das ich mir in den letzten Jahren regelmäßig gekauft habe, um zu wissen, wie viele Hunderte einmaliger Veranstaltungen ich diesen Monat wieder versäumen würde.
Die Gründe sind offensichtlich: Printmedien auf dem Rückzug, Internet dominiert, nachwachsende Generationen nutzen soziale Medien als Information, Kultur verändert sich, Unterschiede zwischen Subkultur und Mainstream verwischen sich und Corona gibt der Kultur den Rest, samt Stadtmagazinen.
Relikte einer aussterbenden Generation sagen beim Abschied leise Servus.
Schön die teils wehmütigen Leserinnen-Kommentare in dem ausnahmsweise guten Spiegel Artikel oben, und auch präzise wie dieser hier:
„Es ist 1990 ja nicht nur die DDR verschwunden, sondern auch West-Berlin mit seinen Biotopen und Refugien für die schrägsten und eigenwilligsten Pflänzchen. Und Zitty war ein Teil davon. Ich weine dem Magazin ein paar Tränen nach. Es wird mir fehlen.“
In dem hannöverschen Magazin, das ich – siehe oben – regelmäßig im Briefkasten vorfinde, führt der Herausgeber jedes Mal auf der letzten Seite ein Interview mit dem hiesigen MP, Stephan Weil (SPD), einer Leuchte des Frohsinns und radikaler Filosof sondergleichen.
Auch ich weine ein paar Tränen.
Aber nur kurz, s’ist Sommer! Wie reimten wir damals so subkulturell-provokativ:
Der Himmel scheint, die Sonne lacht,
das hat die SED gemacht.
Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen!
16.06.2020 – Das Leben ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.

Mais, Melonen, Johannisbeeren, Malve. Teil des Seuchen-Survival-Bereichs in meinem Garten, weiter sind da noch Tomaten, Paprika, Kohlrabi, Chili, Salate, Himbeeren, Wein sowieso etc. pp. Natürlich betreibe ich das nicht ernsthaft, wie ich überhaupt wenig bis Nichts im Leben ernsthaft betreibe, das Leben selbst eher als unernste Angelegenheit betrachte. Sieht man von der eigenen Geburt mal ab, für die man Nichts kann. Aber ab da unterliegt es zu gewissen Teilen der eigenen Verantwortung, ob man eine bürgerliche Tragödie oder eine gelungene Sitcom draus macht.
O.k., im Sudan, Syrien und Jemen sind die Voraussetzungen dafür eher schlecht, in sozialen Brennpunkten hierzulande auch und wenn man bekloppte Eltern hat …Also die Auswahl zum Start in das Rennen um die beste Lebensaufführung ist zugegeben begrenzt, aber grundsätzlich hat der unvergleichliche Oscar Wilde recht, wenn er sagt: Das Leben ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.
Das Leben ist also eine Inszenierung, zumindest in Dandy-Kreisen, und demzufolge ist selbst eine Seuche wie Corona auch unter dem Gesichtspunkt der bestmöglichen Inszenierung zu sehen, um Oscar zu falsifizieren. Daher galoppierte irgendwann in der Aufzucht- und Vegetationsphase meine coronöse Phantasie mit mir durch, ich stellte mir eine postapokalyptische Welt vor, in der staatliche Ordnung zusammengebrochen war, marodierender Mob durch die Straßen zog und selbst Aldi zu hatte.
Um den Genossen Lenin zu zitieren: Was tun?
Wie als Selbstversorger überleben in finstren Zeiten? Mich wappnend gegen eine See von Plagen, sattelte ich meinen Mustang, ritt zum nächsten Markt und versorgte mich mit Setzlingen sonder Zahl und aller Art.
Und siehe, es ward wohlgeraten. Das Erntedankfest wird ein Festschmaus mit erlesensten Getränken. Natürlich Nichts aus meinem Garten. Bei den Schadstoffen, die hier an der dreckigsten Straße des Universums rumfliegen, setze ich das Zeug höchstens Gästen vor.
Ich betreibe diesen Anbau natürlich nicht ansatzweise ernsthaft, siehe oben. Ich bin ja kein Prepper oder Seuchenparanoid. Macht einfach Spaß, dem Zeug beim Wachsen zuzusehen und man kann gut damit rumprahlen: „Also ich bau nur noch selber an, da weiß man, was man hat.“
Öko-Geschwafel halt, was aber in heutigen Zeiten des allgemeinen Sittenverfalls höchsten Distinktionswert hat. Erzählen Sie mal in froher Runde, Sie hätten sich einen 400 PS Camaro gekauft, da werden Sie aber schnell erleben, wie sehr der Distinktionswert von PS zusehends gegen Null strebt. Außerdem fallen bei Eigenanbau immer gute Geschichten, das Salz in der Suppe des Lebens, an.
Ich erzählte davon unlängst in einem Berliner Biergarten und räsonierte darüber, dass der Anbau von Marihuana betriebswirtschaftlich wesentlich sinnvoller sei, da man mit dem Ertrag einer einzigen Pflanze im Tauschverfahren in postapokalyptischen Zeiten ein zigfaches des Gemüse-Ertrages auf ähnlicher Fläche erzielen könne. Der an unserem Corona-Abstands-Tisch herumwieselnde flinke und helle Kellner intervenierte sofort:
“Bring det Zeug vorbei, wa, und ick vakoof det hier portionsweise, is ne jute Jejend dafür.“
Berliner Kellner haben offensichtlich einen gewissen Härte-Grad, der durch Corona durchaus gestählt wird.
Mein Trinkgeld fiel generös aus. Wir schieden als Kumpels und ich sitze jetzt hier und bin am kalkulieren …. Ich halte Sie auf dem Laufenden, liebe Leserinnen.
Corona Zeiten ….
13.06.2020 – Im Grunde meines Herzens bin ich ein 70er Jahre Hippie.

Konzertkarten 2019. Unlängst kam die Sprache auf eines meiner 100 Lieblingsprojekte, Ohrensuppe, das SCHUPPEN 68 Radiomagazin für Satire, Kritik und Absurdes, das auf diversen Bürgerfunkkanälen lief. Mit hochgeschätzten Kolleg*innen produziert, war es ein feines Projekt, dessen Jingle, auch so ein Begriff aus dem Wörterbuch des Vollidioten, die ersten Takte des zauberhaft beschwingten Texmex-Walzers „Saint behind the glass“ der Kapelle Los Lobos war, ein Stück, das mich heute noch zu Tränen rührt. Man möchte auf Walzerflügeln den Engeln entgegentanzen. Oder so ähnlich. Im Nachhinein fiel mir ein, dass ich Los Lobos nie live erlebt habe, was eine subkulturelle Bildungslücke von inkommensurablen Ausmaßen ist.
Und vermutlich nie zu schließen sein wird. Selbst wenn es irgendwann wieder Livekonzerte geben sollte, dann eher ohne mich, es sei denn es gibt einen Corona-Impfstoff. Was in den Sternen steht.
Und im Sinnieren darüber fiel der Blick auf meinen Kühlschrank, an dem Konzertkarten des letzten Jahres kleben. Im Grunde meines Herzens bin ich ein 70er Jahre Hippie, wo in jeder WG an jeder Pinnwand Konzertkarten angenadelt waren: Von Allman Brothers bis Zappa. Meine Karten kleben mittels hochkitschiger Urlaubsmagneten. Also bin ich im Grunde meines Herzens auch ein Spießer. Aber sind wir nicht alle irgendwie ambivalent, polymorph-pervers und multipel?
Fazit dieser Gedanken angesichts eines nahenden Gewitters ist jedenfalls, dass diese Magnet-Karten Zeugnis des Endes einer jahrzehntelangen Tradition sein könnten, nämlich dem Besuch von Live-Konzerten. Was als mögliches pars pro toto in Sachen Corona gelten kann: Der Abschied von einer Gesellschaft, wie wir sie kannten.
Und jetzt kriegen diese dussligen Magnet-Karten von hinten her betrachtet einen tiefen Sinn: Als memento mori, Sei Dir der Vergänglichkeit bewusst. Aber wer will in meinem Alter dauernd an sowas erinnert werden.
Da gräme ich mich lieber über den unverzeihlichen Klops in der PM oben, wo es heisst: „… Ohrensuppe sprengt zu Weihnachten die Grenzen des guten Geschmacks und unterbietet mühelos das Nullniveau. „Gegen uns sind selbst solche Dumpfbacken wie Atze Schröder und Mario Barth noch die Adorno und Horkeimer des Humors“, betonen die Ohrensuppe Köche Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers. Die beiden promovierten Blödelbarden haben an der Scherzakademie von Bad Witzenhausen bei Frau Prof. Anne Maria Lachsack-Furzkissen ihre Doktorarbeit über den Witz im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geschrieben …“
Sehr drollig. Hoch gesprungen. Flach gelandet. Horkheimer ohne „h“, das ist selbst für einen Achtelintellektuellen ein derartiger Gau, dass hier nur Harakiri in Betracht kommt, das rituelle Bauchaufschlitzen des Japaners. Göttinseidank ist die causa verjährt, ist von 2009.
Draußen verfinstert sich der Himmel. Wär’s drinnen, müsste ich mir auch noch Gedanken über den Kosmos machen.
Muss nicht sein.
12.06.2020 -Irgendeimer wird es bestimmt tun

Eimer liebt Dich. Berliner Kampagne für mehr Sauberkeit, die ein AfD-Gegner in den Bereich der politischen Hygiene verlängerte. Soll, darf man jemandem Corona wünschen? Im Alltag werden vermutlich viele schon z. B. Trump die Pest an den Hals, also in unserem Fall Corona gewünscht haben. Damit er mal sieht, wie das ist, es darf ja mit einiger Berechtigung unterstellt werden, dass er mit seiner Ignoranz gegenüber der Seuche mitverantwortlich ist für den Tod von Vielen. Aber wie ist das mit einer grundsätzlichen ethischen Sicht der Situation, einer ethischen Sicht, die nicht zuletzt in der christlichen Tradition des „Liebe Deine Feinde“ begründet ist. Eine Sicht, für die man kein Christ sein muss
Ist der Wunsch nach Corona für Trump ethisch begründbar, kann man dazu auf die ethische Legitimität des Tyrannenmordes zurückgreifen, die Attentate auf Hitler z. B. waren ja legitim?
Ich wäre mehr für eine elegante Hollywood-Lösung: eine krachende Niederlage bei der Präsidentenwahl im November. Trump weigert sich, das Amt abzugeben und verschanzt sich im Weißen Haus, mit ein paar Getreuen. Auf ein Ultimatum der Armee, die sich staatsloyal verhält, reagiert er nicht. Daraufhin nimmt die Luftwaffe das Gebäude unter Beschuss und Ende Donald. Was auch eine verspätete Rache der Geschichte für den Tod von Allende wäre, den die CIA zu verantworten hat. Wobei sich die Frage stellt, ob man das Gedenken an Allende mit Hollywood-Phantasien zur Entsorgung eines Schmieren-August wie Trump beflecken sollte. Allein dass diese Kreatur den Namen Donald trägt, ist eine Verhöhnung des Reinen und Guten durch die Gosse.
Die Ente himself hatte kürzlich Geburtstag, was ich gebührend würdigte durch eine Kurzausstellung

mit einigen herausragenden selbstproduzierten Exponaten aus meiner Donald-Duck-Memorialhall. Und damit kriegt der heutige Eintrag doch noch die Kurve ins Positive.
Quack.
05.06.2020 – Kultur ist systemrelevant. Wirklich?

Kultur ist systemrelevant.
Ich wünschte, es wäre so. Als Wunschvorstellung ist das schön und gut. Ich selber bin Kulturproduzent und – Konsument. Der Besuch einer anderen Stadt, Region geht bei mir selten ohne den Besuch von Kulturstätten ab. Das meint nicht nur die Tempel der Hochkultur, die Refugien des Bildungsbürgertums. Es kommt ja immer darauf an, was man unter Kultur versteht. Einen Begriff von Alltagskultur bekommt man ja durchaus auch bei einem Streifzug durch soziale Brennpunkte oder Hochhaussiedlungen wie Marzahn.
Aber wie würde eine Welt ohne Kultur aussehen? Kann eine Gesellschaft ohne Rockkonzerte, Museen, Theater, Opernhäuser überleben? Sie würde anders aussehen, aber sie kann es. Kann eine, unsere Gesellschaft ohne Erwerbsarbeit auskommen? Schön wäre es, aber sie kann es sicher nicht. Schauen wir hingegen über den Tellerrand der Kultur: Was wäre eine Gesellschaft ohne Antibiotika, ohne Impfstoffe? Ein jederzeit gefährliches Dauerrisiko. Ohne Verkehrsmittel? Mühsal und Plag ohne Ende.
Da stellt sich die Frage der Systemrelevanz schon anders.
Bei Fernsehen, Fußball und Internet, um den Kulturbegriff mal sehr weit zu dehnen, bin ich mir nicht sicher, wie unsere aktuelle Gesellschaft aussehen würde, gäbe es sie nicht. Sicher ist aber, dass sich die Frage der Systemrelevanz nicht nach unseren Wunschvorstellungen sondern nach ihrer Funktionalität richtet.
Fragen Sie, liebe Leserinnen, doch mal ihre Kommunalpolitikerinnen nach der Notwendigkeit der Förderung von unabhängigen Jugendzentren oder kommunalen Kinos. Da werden Sie aus den Reihen der lokalen SPD zum Beispiel ganz erstaunliche Antworten bekommen, und keine positiven. Auch aus diesem Grund finde ich den Namen des derzeitigen Fraktionsvorsitzenden der Bundes-SPD Rolf Mützenich so passend. Dieser Name steht für ein Programm: Mützenich. Immerhin hat mich das obige Bild dazu veranlasst, es in mein aktuelles Video zu Corona aufzunehmen. Ganz frisch auf dem Server! Greifen Sie jetzt zu! Sie werden es nicht bereuen. Ein Meisterwerk .
Kunst ist echt Arbeit. Allein als Location-Scout unterwegs zu sein ist mühselig genug.
Gibt schlimmeres. Wenn ich jetzt als UPS-Bote unterwegs wäre oder in Schlachthöfen arbeiten müsste, dann hätte ich Grund zu klagen. In dem Sinne, schönes Wochenende, und vergessen Sie ja nicht, das Video zu klicken, HIER.
02.06.2020 – Den Lastern entrann ich, aufgefressen wurde ich von den Krähen

In Berlin sind selbst die Krähen militanter als im Rest der Republik. Als ob es nicht reichen würde, sich in permanente Lebensgefahr zu begeben, sobald man in Berlin ein Radl besteigt. Die Situation erinnert mich an das Gedicht von Bert Brecht:
„Den Haien entrann ich.
Die Tiger erlegte ich.
Aufgefressen wurde ich.
Von den Wanzen“.
War es in Berlin schon vor Corona ein Himmelfahrtskommando, eine kleine Rad-Tour von Moabit über Friedrichshain nach Neukölln zu unternehmen, kommt es jetzt einem Selbstmordversuch gleich. Es ist ja schön, wenn die Beschleunigung der Verkehrswende durch Corona als Chance in der Krise beschrieben wird: Das Rad als Sieger im Wettkampf der Mobilitätssysteme. Aber unsere Großstädte sind von der Infrastruktur in keiner Weise auf zusätzliche Massen von Rädern eingerichtet, zumal die Lenker-Lenker teilweise so bescheuert fahren, als ob sie in einem Kamikaze-Bomber sitzen.
Zu Hauptverkehrszeiten stauen sich an den Ampeln endlose Fahrradschlangen, bevor die durch sind und Autos abbiegen können, ist die Ampelphase längst wieder umgesprungen. Kein Wunder, dass alle Naslang eh schon überforderte LKWs beim Rechtsabbiegen irgendeine arme Radlersau plattwalzen. Der Schutzheilige der Radler ist Christopherus, auch der der Autofahrer, in den Kabinen der Stinker hängen Abergläubige wohl immer noch eine Figur dieses Gesellen auf. Meiner Ansicht nach sollte der Griff in die Mottenkiste der Mythologie wesentlich tiefer gehen, was Radler angeht. Ihr Gott muss der aktuellen Situation nach Thanatos sein, der für Todessehnsucht steht. Jede Radtour nicht nur in Berlin gleicht einem Rendezvous mit diesem düsteren Gesellen, dessen Konterpart nicht erst seit Freud ja Eros ist. Was nach überlebter Tour nachvollziehbar wird, wenn einen beim Absteigen eine regelrecht sinnliche Überlebenslust durchströmt: Ich habe überlebt.
Und dann kommen die Krähen…..
Da wird uns, liebe Leserinnen, doch nicht so ein kleines Virus verängstigen. Also packen wir das Leben bei den Hörnern.
(Schräge Metapher; würde bedeuten, dass das Leben ein Ochse ist…)
31.05.2020 – Normal aber ist der Tod auf Raten.

Auf diese Steine können Sie bauen – Bausparkassenwerbung auf Autonom gedreht. Hintergrund des Plakates ist der Prozess am 03.06 um die Räumung eines der letzten besetzten Häuser in Berlin, der Liebigstr. 34.
Nach meiner Wahrnehmung kleben wieder mehr illegale Plakate in der Stadtöffentlichkeit. In kleineren Städten eher Textbleiwüsten, wo man sich die Nase an den Plakaten plattdrücken muss, um überhaupt die Botschaft entziffern zu können. Was auch symbolisch für die Selbstreferentialität der radikalen Restlinken steht, die eher daran interessiert ist, recht zu behalten als ihre Ziele zu realisieren, indem sie z. B. Überzeugungsarbeit leistet. In Berlin sind diese Plakate oft kreativ, professionell, bunt, anregend, egal wie man zur Message steht. Mitunter weiß man nicht, ob es sich um Satire, Politik, Kunst, Kommerz, irrlichternden Wahnsinn oder was auch immer handelt.

Business Lunch. Kommerz oder Satire oder was? (Kommerz, das lokale Bier, nur in Nordberlin erhältlich, gibt’s wirklich).
Manchmal stehe ich grübelnd lange vor einem Produkt und frage mich: Was zum Henker soll das? Das aber ist das Edelste aller Ziele kreativer Produkte: Die Betrachterin ins Grübeln zu versetzen, mit den Mitteln einer Ästhetik, die auf ihre Autonomie insistiert

Hä?
Gesehen an einer meiner Lieblingskneipen, dem „Kapital“ in Neukölln, im immer noch zauberhaften Rixdorf-Kiez. Der allerdings zusehends gentrifiziert wird. Daher gibt es das „Kapital“ auch nicht mehr, es ist mit Brettern verhauen und harrt seiner Umwandlung in eine Loggia, Loft, was auch immer. Kaufpreis sicher jenseits 8000 Euro pro qm.
Das reale Kapital marschiert immer weiter, Corona hin oder her, und hinterlässt hinter sich eine Spur zauberhafter Eigentumswohnungen, horrender Rendite auf das eingesetzte Kapital und eine Spur von Verwüstung. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Nacht vor dem Liebig 34 Prozess es in Berlin wieder heißen wird: Burn, Baby, Burn. (siehe auch Minneapolis etc. pp.) Verwunderlich ist eher, dass es nicht viel mehr Liebigs gibt. Bedauerlich allerdings, dass die Besetzerinnen durch ihr teilweise bescheuertes Verhalten in Sachen individueller Gewalt verhindert haben, dass der für die Liebig zuständige Baustadtrat Florian Schmidt dort die „Berliner Linie“ umsetzen konnte, nach der bestimmte Häuser durch die Stadt angekauft werden und die Mieter*innen so vor Räumung geschützt werden. Aber Hauptsache recht behalten, Mädels, oder?
Was bleibt, ist die Freude an solcherlei Plakaten, unabhängig von der eigenen Überzeugung. Sie sind eine Art inoffizieller, flächendeckender Wandzeitung einer noch existierenden lebendigen Subkultur. Gegenden, wo sie fehlen, sind potentiell pathologisch, nämlich normal.
Normal aber ist der Tod auf Raten.
Fröhliche Pfingsten, liebe Leserinnen.
27.05.2020 – Gesichtsnahe Dienstleistungen

Damit sind keine Masken gemeint, sondern Barbier-Dienstleistungen wie Augenbrauen stutzen, Haare von den Ohrmuscheln fräsen, heiße Handtücher auf die Hackfresse zwecks Entspannung und Porenservice oder gar Nasenhaare rausreißen, weiß der Henker, was noch. Unlängst suchte ich meinen Coiffeur nach längerer Abstinenz auf und dort stieß mir ein Aushang mit der Ankündigung der Verweigerung „Gesichtsnaher Dienstleistungen“ aus Corona-Gründen ins Hirn. Dieser Begriff wurde sofort zu meinem Corona-Lieblingsbegriff des Quartals, wieder und wieder hämmerte ich ihn ins Sprachzentrum, um ihn dort festzunageln.
Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen.
Wobei ich grundsätzlich Gesichtsnahe Dienstleistungen für einen annähernd obszönen Eingriff in meine Intimsphäre halte. Eigentlich wollte ich mich heute über eine in der öffentlichen Diskussion sträflich vernachlässigte Ursache für die Anti-Corona-Demos auslassen, wobei ich den Begriff für unangemessen halte. Was schert es das Virus, wenn ich dagegen bin. Anti-Hygiene-Demo ginge ja noch, aber wer ist schon gerne gegen Hygiene. Richtig müsste es heißen: Anti-Vernunft-Demo und meine Vermutung, dass bei jedem Unsinn, der passiert, Waldorf-Insassen vorneweg tanzen, bestätigt sich mit der ersten Fundsache des heutigen Tages aufs Schönste, auch wenn der Mann nicht mehr aktiv ist.
Ich war, ich bin und ich bleibe ein entschiedener Gegner von Privatschulen, Privatunis, Privatkrankenhäusern etc. pp. To be continued. Daseinsfürsorge ist Sache des Staates.
Dazu passt mein Lieblingszitat des Jahrtausends von FDP-Führer Lindner nach seiner Corona-Umarmung-Entgleisungs-Entschuldigung im Anschluss einer Feier in Berlin (ich wette, es war im Borchardt, sie gehen alle ins Borchardt):
„Am Ende bleibt man Mensch.“
Mensch, Lindner, doch nicht in der FDP. Wenn das mal nicht ein Parteiausschlussverfahren nach sich zieht, wegen Abweichlertums.
Mensch bleiben… Wo kommen wir denn da hin.
Ich ziehe mich jetzt in meine Gemächer zurück, zwecks Ausführung Gesichtsnaher Dienstleistungen an mir selbst. Demnächst die Bilder dazu und die Erklärung für die vernachlässigte Ursache der Anti-Corona-Demos
25.05.2020 – Jenseits von Reden

Fuck the WHO

und Profilneurotiker Dr. Kill Bill Gates. DDR 2.0. Mutti hat fast fertig. Gesehen auf einer Anti-Corona Demo am Wochenende.
Ich schätze die Straße unter anderem deshalb, weil sie als politisches Bildungsinstrument unerlässlich ist. Ein Fernseher oder Buch vor der Nase versperren den Blick in die Wirklichkeit.
Man kann zum Beispiel mit Fug und Recht darüber streiten, wie umgehen mit solchen Demonstrierenden, zumal das keine homogene Masse ist. Es gibt Verschwörungstheoretiker*innen, Besorgte, Verängstigte, Esoterikerinnen, Quartalsirre, Nazis, etc. pp. Der Mainstream-Ansatz der Auseinandersetzung, getragen von der Mehrzahl der politischen Akteure: Wir müssen mit diesen Menschen reden, unsere Politik besser erklären. Dieser Ansatz verkennt meines Erachtens Motivation und Antrieb der Demonstrierenden: Sie werden getrieben von Überforderung und Angst, und ihr Motor ist das Ressentiment.
Man kann gegen ein Ressentiment nicht argumentieren. Das Wesen des Ressentiments ist ja seine Irrationalität. Argument und Ressentiment sind zwei Ebenen, die keine Berührungspunkte haben.
Und was wollen Sie der Angst erklären? Du brauchst keine Angst zu haben? Dann versuchen Sie das mal mit jemandem, der Flugangst hat. „Du brauchst keine Angst zu haben, Fliegen ist das sicherste Reisemittel….“?
Die Rede der Politik des „besser erklären“ und „mit den Menschen reden“ ist entweder eine der Hilflosigkeit, weil sie nichts Besseres im Angebot hat, oder sie ist Faulheit, weil sie sich keine Mühe um Alternativen macht, oder sie ist Desinteresse, nach dem Motto: Irgendwas muss ich ja sagen. Im Grunde ist diese Rede eine Kapitulation.
Glauben Sie, liebe Leserinnen, ich würde im Ernst mit so einer armen Wurst wie der oben im Bild diskutieren, deren Existenz ein einziger Schrei nach Hilfe und Liebe ist? So was gehört auf die Couch, aber bestimmt nicht in die politische Arena. Schauen Sie sich mal das Schluchz-Video von Xavier Naidoo an, die quartalsirren Augen eines Ken Jebsen oder das sinnfreie Rumgeprolle des Vegan-Bratlings Atilla Hildmann, dessen Existenz ein einziges Argument für exzessiven Fleischgenuss ist. Wenn ich eine Satire über eine Klappsmühle drehen wollte, würde ich solche Szene verwenden, aber doch nicht als Basis für einen argumentativen Diskurs. Und all die anderen, vom Leben verängstigten Waldorfschülerinnen, die auf solchen Demos das Grundgesetz tanzen (solche Szenen gibt es da im Original!) wissen ganz genau, mit welchem Gesindel sie sich auf diesen Demos gemein tun.
Das alles ist jenseits von Reden.
Wenn es nach mir ginge: Demos wegkärchern, Zwangsjacken statt Masken, alle umerziehen.
Ich kann gut nachvollziehen, wenn prekäre Existenzen um ihre materiellen Grundlagen bangen, wenn Arme Angst haben, dass sie die Kosten der Corona-Krise tragen müssen, wenn Menschen grundsätzlich Angst um unser soziales Gemeinwesen haben. Den Weg, den solche Existenzen auf Corona-Demos einschlagen, akzeptiere ich nicht. Er ist antiaufklärerisch und Demokratiefeindlich.
Ganz abgesehen davon, gibt es Milliarden Menschen, vor allem im Süden, aber nicht nur da, die diese hier geschilderten Problemchen ums Verrecken gerne hätten. Und insofern wende ich hier mal die edelste Waffe der Kritik an, die der Selbstkritik; Wenn ich meinen Blog mal so Revue passieren lassen, sollte ich mir öfter mal zurufen: Gibt es keine anderen Probleme?
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen allzeit Vernunftgesteuerten Start in die Woche.