24.06.2018 – Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!


Veränderungen im Denken? Sofort zum Arzt!
Anzeige in der Berliner U-Bahn. Man kann eine Großstadt auch wie eine Zeitung lesen: Graffitis, Plakate, Anzeigen im öffentlichen Raum, all das ergibt im Montageprinzip ein quasi subkutanes Bild der Stadt, jenseits von Internetblogs und Reiseführern, falls es die überhaupt noch gibt.
Menschen mit Reiseführern vor dem Gesicht statt eines Smartphones sind mittlerweile verhaltensauffällig. Vollkommen aus dem öffentlichen Raum verschwunden ist der Anblick von Menschen, die im Wind mit dem Entfalten von Falk-Stadtplänen kämpfen. Da müsste man mal ein nostalgisches Video drüber drehen, über diesen Kampf mit den Windmühlenflügeln und am Ende fragt der völlig entnervte Protagonist eine Passantin, wo es denn hier langgeht. Die natürlich, wie in Berlin üblich, auch nicht von hier ist. Woraus sich eine zauberhafte Liebesgeschichte entwickelt. Mit Google Maps fehlt mir für sowas die – digitale – Phantasie.
Falk-Pläne und andere Artefakte der analogen Zeit sterben einen langsamen ungesungenen Tod. Irgendwann packt man sie einfach nicht mehr ein und erinnert sich Jahre später, so wie ich jetzt, zufällig wehmütig an dieses Monstrum. Wobei sowas natürlich auch zwischendurch amüsant-gelehrt in Feuilletons gewürdigt wird. Ein anderer Akt war der Transport der Schreibmaschine in den Keller, das hatte was von einer spektakulären Beerdigung. Es hat dann noch Jahrzehnte gedauert, bis ich meine alte Adler vom Keller auf den Sperrmüll entsorgte.
Veränderungen, wo man hinblickt. Veränderungen technologischer Art liebt der Deutsche nicht nur, er erfindet sie auch massenhaft selbst. Spielerisch-zärtlich eignet er sich neue Technologien gierig an. Widerwilliges Draufeinlassen ist der Ausnahmefall. Ich bin so ein Fall, nach dem Motto „Agenda“ (lat.: „Was (halt) getan werden muss“). Grundsätzliche Technologie-Verweigerer gelten als schrullig und unterliegen schnell dem Pathologie-Verdacht.
Anders geht der Germane mit Veränderungen im Denken um. Das liebt er nicht nur überhaupt nicht, er hasst es regelrecht. Veränderungen im Denken unterliegen dem gemeinen Germanen schnell dem Pathologie-Verdacht.

Da liest er lieber Lebenshilfe-Ratgeber, begibt sich in eine Selbsthilfegruppe, fragt die Sterne, die liebe Göttin, Tetrahydrocannabinol, Allehol oder treibt Sport. (Weitergehende Beiträge über Selbstoptimierung als Religionsersatz entnehmen Sie bitte den Feuilletons der letzten 20 Jahre).
Insofern ergibt die Anzeige der Charité oben einen ganz tiefen Sinn, nachdem ich im ersten Moment einen Lachanfall kriegte, naiv-empört in mich hineinfragte:
„Ja, wo sind wir denn, wenn wir über Veränderungen im eigenen Denken schon klinische Studien machen, zur Validierung vom Verdacht auf krankhafte Abweichung vom Normalverhalten!?“
Ich Tor. Die scheinbar verunglückte Formulierung der Anzeige spiegelt den von mir geschilderten Stand der vorherrschenden gesellschaftlichen Perspektive auf das Denken wider.
Nichts steht ohne Grund geschrieben, schon gar die Menetekel an der Wand.
Die in dem Fall die Decke der Berliner U 7 Richtung Neukölln war.

23.06.2018 – Gesunder Patriotismus ist wie gesunde Beulenpest


„Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben“ (Karl Marx). Auch wenn mittlerweile das abgewandelte Diktum von Kaiser Wilhelm gilt: „Ich kenne keine Arbeiter mehr, ich kenne nur noch Angestellte“, stimme ich diesem Satz von Marx vollumfänglich zu und hebe zum Zeichen der Zustimmung meine linke Faust. Jeder macht sich halt auf seine Art im Internet durch peinliches Posieren lächerlich, aber ich bin weit jenseits des Stadiums, wo ich mir selbst peinlich wäre. Wenn ich mich mit dem Zustand unserer Gesellschaft vergleiche, komme ich mir ehrlich gesagt wie eine Mischung zwischen Kant, Einstein und Jesus vor. Und das bei aller gebotenen Bescheidenheit.
Wenn ich solche Phrasen höre, dass angesichts der WM – und nicht nur derer – gesunder Patriotismus erlaubt sei, schlägt mein Gehirn Falten. Gesunder Patriotismus ist wie gesunde Beulenpest, ein Widerspruch in sich.
Wat is´ne Patriotismus? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Patriotismus´ is ne kleine Kieselstein, der rollt ne Abhang runter und reißt ‚n paar jrößere Steine mit, dat is der Nationalismus. Der rollt weiter und reißt noch jrößere Steine mit, dat is der Chauvinismus. Und am Ende ist dat ne Lawin‘ und dann krieje mer Krieg, un den krieje ma späta …
Das Ganze ist eine naturgesetzliche Urgewalt, da kann Jürgen Labermas vom Verfassungspatriotismus faseln, bis ihm das Öl aus der Lampe läuft.

Nogat Klause, Berlin Neukölln.
Leider ist der derzeitige Mangel an nationaler WM Hysterie und Deutschland Fahnen kein Anzeichen dafür, dass der Mob zur Besinnung kommt. Er hat genug andere Felder, auf denen er sich austoben kann. Wenn es die Flüchtlinge nicht gäbe, müsste man sie eigens dafür für den Mob erfinden.
Ich hege ja die leise Hoffnung, dass Fußball mittlerweile so peinlich ist, dass selbst dem Mob die Beschäftigung damit nicht conveniert. Aber ich hege auch die Hoffnung auf einen Sechser im Lotto und eine eigene Fernseh-Show.
Aber natürlich schaue ich mir die Partie der Ostgoten heute Abend an. Als Zocker will ich wissen, wie meine Wette auf das Ausscheiden der BRD läuft. Es geht mir wie jedem Spieler nicht um den Gewinn, sondern um das Spiel als solches, das Adrenalin, wenn Schweden in der letzten Minute das 2:1 erzielen könnte …
Und dann stünde ich als allwissender Wettgott (siehe Jesus) da. Diese Funktion von gesellschaftlicher Distinktion qua Fußball (!) Wette ist durch kein Geld der Welt zu bezahlen.

20.06.2018 – Kampf gegen Windmühlenflügel


Alt-Marzahn und Neu-Marzahn
Eben wollte ich zu einer langen Eloge auf den Kampf gegen Windmühlenflügel ansetzen, da zeigt mir ein Blick auf die Uhr, dass eine Verabredung vor der Tür steht. Und eher hämmere ich mir einen Nagel in den Kopf als das ich zu spät bin. Ich bin nur einmal in meinem Leben zu spät gekommen und das war bei meiner Geburt. Mit lebenslangen Konsequenzen. Nie wieder.
Dieses Getippe auf dem Smartphone ist echt zeitaufwändig und nur knapp schneller als das Ritzen in Tontafeln.
Dann eben Morgen auf in den Kampf gegen Windmühlenflügel. Wenn ich mich dann daran noch erinnere.

19.06.2018 – Fröhliches Paar


Fröhliches Paar. Harald Schulte. 2014. Ausstellung im Bezirksrathaus Marzahn.
Marzahn ist eine Großsiedlung in Plattenbauweise im Osten Berlins. Der normalgrüne Alternativ-Spießer würde sich beim Anblick von Marzahn mit Grusel wenden, wenn er denn nur jemals aus dem Dunstkreis seiner stuckverzierten Altbau Wohnung in die Nähe von Marzahn käme, wo Cindy übrigens nicht herkommt und auch nie gewohnt hat.
Der Spießer kommt aber nur bis Prenzlauer Berg und vielleicht Weissensee, worüber es eine hochgelobte deutsche TV-Serie gibt,was für mich 3 Gründe sind, da niemals einen Blick rein zu werfen.

Ich weiss nicht, ob der Bürger King ist im Bürgeramt von Marzahn, das hier ausgeschildert ist. Ich weiß dass Marzahn einer der sichersten Bezirke in Berlin ist.

Helene-Weigel-Platz in Marzahn.
Ich kenne Marzahn und habe dort kaum Spuren von Vandalismus, Verfall oder übermäßigem Dreck wahrgenommen. Die Siedlung ist von großflächigem Grün durchzogen und im Gegensatz zum Rest von Berlin herrscht dort eine paradiesische Stille, sieht man von zwei drei Magistralen ab, die den Bezirk kreuzen.
Den Plätzen sieht man an, dass ihre Planungs-Grundfunktion in der DDR auf Kommunikation ausgerichtet war,anders als bei vielen Orten öffentlicher Begegnung der BRD, die auf Konsum ausgerichtet sind,siehe Shopping Malls, überdachte Passagen etc.
Ich will Marzahn nicht schöner reden als es ist. Wir werden uns nur im Zuge der katastrophalen Wohnungssituation an städtebauliche Paradigmenwechsel gewöhnen müssen: höher bauen, tiefer bauen, aufstocken, Rückkehr der Platte und Großsiedlungen. Dazu brauchen wir auch einen anderen unarroganten Blick auf die Marzahns unserer Republik
Ohne eine veränderte ästhetische Wahrnehmung ändert sich auch kein Bewusstsein. Und dazu müssten die Spießer unserer Republik ihre Ärsche hochkriegen und sich bewegen , in jeder Beziehung.
Tun sie aber nicht. Und deshalb geht das alles auch den Bach runter.

18.06.2018 – Wer sich nicht in die Wirklichkeit begibt, kommt darin um


Fragmentierter Adler
Dauerklimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins verengen das Gesichtsfeld derart , dass man bei beschleunigten Verhältnissen mitunter aus der Kurve getragen wird. Also wollte ich mich gestern zum Deutschland Spiel im Rahmen eines soziologischen Feldversuchs auf eine mir eher degoutante Wirklichkeit einlassen: auf die Fanmeile am Brandenburger Tor. Und dort unter 200.000 Schwingern (Frauen sieht man eher selten bei derartigen Perversitäten) deutscher Fahnen für Mexiko jubeln. Der Himmel hatte ein Einsehen mit meinem bescheuerten Plan und liess mich erst garnicht auf den Kriegsschauplatz: striktes Rucksäcke Verbot.

So kam ich zwar nicht unter die Deutschen aber in den Genuss einer Auto befreiten Strasse des 17. Juni.

Was mir ungekannte neue Perspektive bot.
Auch nicht schlecht. Wie ich da so stand und den Blick genoss, grübelte ich kurz über die doitsche Einheit: mit wem sollte ich mich zu welchem Zweck und in welchem Interesse eigentlich eins fühlen?
Mir fiel nichts und niemand ein. Beruhigt zurrte ich meinen Stahlhelm fest und radelte meiner Wege, einem zauberhaften Nachmittag entgegen. Eine meiner zahlreichen WM Wetten würde sich noch sehr positiv entwickeln.

17.06.2018 – Tag der deutschen Einheit


Public viewing am „Matzbach“ in Kreuzberg.

Fussbälle einem sinnvollen Verwendungszweck zugeführt. Auf den Allmende Gärten des Tempelhofer Feldes.
Früher wurde am 17. Juni der Tag der doitschen Einheit gefeiert. Man musste nicht zur Arbeit gehen und war eigentlich froh, dass die Zonis da blieben, wo sie waren, nämlich drüben. Nicht umsonst war der Standard Totschlag-Hammer aller ehrlichen Spießer gegen alles , was links von der NSDAP war: Wenn’s Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben. Meine Eltern stellten noch in den Sechzigern Kerzen ins Fenster am 17. Juni im Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone. Als einzige in der ganzen Strasse. Mir war das peinlich. Meine Eltern haben a posteriori, was mit „von hinten rein “ nicht ganz korrekt übersetzt wäre, recht behalten.
Hätte ich mehr auf meine Eltern gehört, wäre aus mir was anständiges geworden, ich hätte 8 Kinder und eine Batterie von Psychopharmaka im Toilettenschrank.
So habe ich noch nicht mal einen Toilettenschrank, was irgendwie ein irrsinniges Wort ist, das mich ganz fuggelig macht, eine Batterie von Portweinflaschen im Weinkeller und erfreue ihr Herz, liebe Leserinnen, mit diesem zauberhaften Blog.
Fazit des heutigen Tages: die Zonis haben uns die afd beschert, wozu mir meine Rechtschreibkorrektur ARD vorschlägt, was echt ein Brüller ist.
Drücken Sie mir heute und die nächsten Tage die Daumen. Ich habe beim Wettanbieter meiner Wahl echtes Geld gesetzt, dass die BRD in der WM Vorrunde rausfliegt.
Den Gewinn würde ich sofort reinvestieren: in Portwein.
Prost.

14.06.2018 – Die Fußball WM hat begonnen.


Verdammte Technik
Vorlesung an der Uni über „Berliner Adressen – Soziale Topographie und urbaner Realismus“ vom Berkeley-Emeritus Hinrich C. Seeba.
Im Berliner Roman zwischen 1885 und 1906 spielen Adressen eine zentrale Rolle bei der gesellschaftskritischen Strukturierung des Geschehens. Dabei fiel der proletarische Osten unter den Tisch. Das assimilierte großbürgerliche Judentum mied das ostjüdische konservative Stedl-Milieu im Berliner Scheunenviertel, wo es nur ging. Der jüdische Philosoph Walter Benjamin kannte den Osten der Stadt nur von Postkarten. Die Mauer zwischen Ost und West gab es also schon damals, in Köpfen.
Ich fand die Vorlesung von Seeba über diesen urbanen Realismus, ausgehend von Fontane, sehr anregend. Zwei Dinge fand ich jenseits des Inhalts bemerkenswert: Berkeley und Stadtindianer.
Seeba war mit der Technik des Headsets etwas überfordert. Die Erklärung: Zustände wie in Deutschland, wo es ohne Technik bei Vorlesungen mit über 150 Hörerinnen nicht geht, gibt es in Berkeley nicht. Er hatte in seinen Veranstaltungen maximal 20,30 Studierende.
Berkeley ist eine Elite-Uni mit einem Etat von mehreren Milliarden Euro per Anno. Ein Jahr Berkeley kostet eine Studentin bis zu 40.000 Euro allein an Studiengebühren.
In Niedersachsen fallen zurzeit keine Studiengebühren an.
Regelrecht hellhörig wurde ich, als Seeba im Zusammenhang mit der Figur des Flaneurs, die ja von Walter Benjamin so famos gewürdigt wurde, davon sprach, dass sich Individuen den urbanen Raum wie Stadtindianer eroberten. Ein Begriff, mit dem die jungen Hüpferinnen in der Vorlesung definitiv nichts anfangen konnten und selbst viele Alk-Achtundsechziger überfordert sind. Stadtindianer waren marginaler Teil der Spontibewegung in Deutschland. Ich weiß nicht, wieso Seeba ausgerechnet auf diesen Begriff verfiel. Waltete da noch etwas in seinem Unterbewusstsein? Und wenn ja, was? Seeba, warst auch Du ein Stadtindianer? Ich hatte mich damals mit ein paar Kumpels in der Richtung zusammengetan. Es war über alle Maßen peinlich im Rückblick (wir trafen uns in einem Uni Raum …) und nur durch den Genuss von illegalen Drogen zu erklären und ich tue hiermit öffentlich Abbitte! Mea maxima culpa!
Aber Seeba war mir von der Sekunde an über alle Maßen sympathisch. Ich stellte mir vor, wie er nächtens mit Pfeil und Bogen über den Campus von Berkeley schweift, schwerst vollgekifft. ´
Seeba, komm bald wieder.

13.06.2018 – Vier dufte Typen suchen Shouter mit Bock auf Schabernack


Dufte Typen mit Bock auf Schabernack, entweder sind das Vollpfosten mit einem Gemüt wie Skiffle-Jazzer aus den Fünfzigern oder ganz abgefeimte Avantgardisten, die mit Bedacht der Pflege obsoleter Sprachmuster frönen. Oder manche Dinge ändern sich einfach nie. Was ich auf das Schärfste begrüßen würde. Mein Thema zurzeit ist „Wandel“ und „Veränderung“. Nichts ist beständiger als der Wandel, sagt eine alte Binse, über die Moses in seinem gleichnamigen Körbchen (welche Körbchen-Größe, darüber schweigt die Bibel natürlich) schon gegähnt hat.
Normal, wie die Jugend sagt. Ich frage mich allerdings, ob die Rotationsgeschwindigkeit der Veränderungen nicht ein Ausmaß angenommen hat, das die Zentrifugalkräfte unserer Gesellschaft überdehnt, was nix anderes heisst als das immer mehr Leute vom Karussell der „Normalität“ fliegen. Das Anschwellen des Mobs, die Zunahme der AfD, der Verlust an emanzipatorischer Gegenmacht, das fällt ja nicht vom Himmel. Das hat mit Überforderung von Individuen zu tun, die Angst produziert. Und Angst essen Seele auf, das wusste schon Fassbinder. Antidepressiva-Verordnungen haben sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt, stressbedingte Krankheitsbilder haben einen rapiden Anstieg, individuelle Flucht- und Verweigerungsstrategien haben Hochkonjunktur. Mir fällt dabei ein zentrales Werk aus den 70ern ein, „Angst im Kapitalismus“ von Dieter Duhm, das den – berechtigten – Institutions- und Strukturkritischen Ansatz der damaligen Politkasper*innen um die individualpsychologische Ebene erweiterte. Dass dabei nur Bagwahn, Esoterik und Selbsthilfegruppengedöns rauskommen konnte, obwohl auch Duhms Ansatz völlig berechtigt ist, war leider klar wie Kloßes Brühe. Das Schicksal der Menschheit ist ihre innere Tragik. Duhm selber ist ein wandelndes Fluchtbeispiel, der in völlig durchgeknallten Esoterikgruppen sein Seelenheil suchte. Wer zu tief in sich hineinschaut, verliert den Überblick.
So das Wort zum Mittwoch vom Laienprediger Ihrer Wahl.

10.06.2018 – Was ist Luxus?


96 degrees in the shade. Wie sich diese Hitze anhört, können Sie hier hören. Lassen Sie den Bass einfach in Ihren Bauch einwirken …
Die Antworten auf die Frage, was Luxus ist, dürften extrem unterschiedlich ausfallen: für die Eine ein Dach über dem Kopf, für Andere eine Segelyacht. Mal zwei Wochen Urlaub in der Karibik? Ein paar Tage Muße? Saubere Luft? Liebe? Ruhm & Erfolg?
Ohne das Streben nach Luxus gäb’s keinen Kapitalismus und wer ihm frönt, baut verdammt nahe an der Hölle: Das lateinische Luxuria ist die Wollust, die ich lieber mit drei „l“ schreiben würde, und das ist eine der 7 Todsünden.
Ich reibe mir bei der Hitze nach dem Duschen den ganzen Körper mit meinem selbstgemachten Rosenwasser ein, was nicht nur köstlich duftet, sondern auch immens erfrischt. Das Rosenwasser ist eigentlich nur für das Gesicht bestimmt, für ein paar Milliliter muss man schon einige Rosenblüten mazerieren. Aber den Luxus gönn ich mir. Ein immaterieller Luxus, vom Materialwert her ein paar Cent vielleicht. Aber hinterher fühl ich mich extrem luxuriös. Das Luxussegment „Ruhm“ war mir nur im Rahmen einer regionalen Teilbekanntheit beschieden, Erfolg zwar etwas mehr, aber es hätte schon noch eine Schippe mehr sein können von allem. Umso erfreuter war ich, als ich von der für die deutschen Ost(see)gebiete zuständigen Blogkorrespondentin dieses Bild erhielt. Ein Dorf, das meinen Namen trägt! (Danke dafür, dafür gibt’s in der Redaktionsstube demnächst ein Pikkolöchen):

Zwar flicht die Nachwelt mir nur kleine Kränze,
doch meine Freude, die kennt keine Grenze.

Grenzen hingegen kennt meine Freude angesichts der herrschenden Diskurse im Land. Ich weiß nicht, ob der Rat für deutsche Rechtschreibung am 08.06 beschlossen hat, das Gendersternchen „*“ offiziell ins deutsche Regelwerk aufzunehmen.
Mir kam nur ein Bild dazu in die Erinnerung aus der Zeit, als diese Diskussion noch auf der Argumentebene geführt wurde.
Die Diskussion ist durch, die Argumente sind ausgetauscht. Ab jetzt ist die Entwicklung der Sprache eine Machtfrage. Sprache bildet immer auch Herrschaftsverhältnisse ab und wirkt auf sie zurück. Herrschaftsverhältnisse ändern sich durch Druck und selten durch Beten oder Wollen. Der rechte Rand, der mittlerweile die Mitte der Gesellschaft ist, hat das erkannt und lässt die AfD im Bundestag gegen Genderwahn wüten. Also muss Emanzipation auch auf sprachlicher Ebene nach getaner gesellschaftlicher Diskussion per ordre du mufti durchgedrückt werden. Würde ich noch Projekte als Verantwortlicher durchführen, würde ich allen Beteiligten eine gendergerechte Sprache vorschreiben. Bei den allfälligen Diskussionen würde Blut fließen (bildlich … ), ich kenne mein Temperament. Göttinseidank sieht meine Lebensplanung anders aus.
Vor Jahren, es war irgendwo am Mittelmeer, als diese Diskussion noch, siehe oben, geführt wurde, sah ich am Strand einen Mann mit einem T-Shirt, auf dem stand: Gleichberechtigung ist, wenn die Weiber auch mal einen ausgeben. Ich weiß nicht, ob auf der T-Shirt Rückseite stand: Mett und Bier formten diesen wunderschönen Körper. Der Mann war sehr rundlich.
Für einen Moment tat er mir leid, wie er da am Strandkiosk stand, trotzig wie der Suppenkasper, der seine Suppe nicht essen wollte, traurig und überfordert von den Zumutungen der Moderne, aber wehrhaft. Der Moment verflog schnell.
Gnadenlos hielt ich in dem guten Gefühl, wesentlich schneller als diese Mettmaschine zu sein, mit der Kamera drauf.
Das Bild erspare ich Ihnen, liebe Leserinnen, dann doch.

08.06.2018 – Heimat ist im Großen wie im Kleinen eine Sackgasse mit Wendehammer


Weinrebe an der Verandatür. Die habe ich aus mehreren Gründen da gepflanzt: Es ist ein schönes Gefühl, in praller Sonne da im Schatten zu stehen. Ich bin passionierter Weintrinker. Es erfüllt eine archaische Vorstellung vom Paradies, aus der Tür zu treten und es wachsen einem buchstäblich Trauben in den Mund. Und man kann gut seine nassen Socken da reinhängen, die trocknen beim derzeitigen Stand der Sonne innerhalb von Stunden.
Der derzeitige Stand der Vernunft ist nicht so ganz vom Sonnenglanz durchflutet. (Am Rande: Wendungen wie „nicht so ganz vom Sonnenglanz“ verwende ich absichtlich. Es handelt sich in diesem Fall um ein Homoioprόphoron, eine Figur mit aufeinanderfolgenden, ähnlich klingenden Wörtern. Wird gerne in Oden verwendet.)
Der derzeitige Stand der Vernunft wird auch durch die 40millionenfache Verteilung des Drecksblattes am gestrigen Tag an alle Haushalte verdeutlicht. Das dürften Sie, liebe Leserinnen, auch in den Händen gehalten haben. Ich habe es auch gelesen. Es ging irgendwie um Heimat, der Begriff ist ja schwer in der Diskussion und da wollte das Drecksblatt vor der WM, wo sich alle Generalstände des Mobs versammeln, nicht hintanstehen. In einer Art Editorial delirierte da der Chefredaktör, einer gewisser Julian Reichelt, allerlei Irrsinniges ins Blatt. Wie ein schwer bekiffter Monolith ragte aber unter all dem geistigen Dünnpfiff ein Satz in die Landschaft, der mich hoch erfreute:
„Heimat ist im Großen wie im Kleinen … eine Sackgasse mit Wendehammer.“
Woraus wir schließen, dass jede Sackgasse ohne Wendehammer keine Heimat ist. Als Gründer der Firma SK-SACKKARRENVERLEIH kann ich durchaus mit dieser materiellen Verortung von Heimat leben und werde einen kulturellen Mehrwert daraus schöpfen insofern ich mir hier in der Nähe eine Sackgasse mit Wendehammer suche und dort eine Performance mache. Diese Sackgasse mit Wendehammer wird dann in Heimat umbenannt und es gibt Freibier und Erbsensuppe und für Besoffene einen Shuttle mit der Firma SK-SACKKARRENVERLEIH. Heimat, Deine Sterne hagelvoll.
Leicht übel, als ob ich schon 68 Freibiere intus hätte, wurde mir allerdings bei der Formulierung des Julian, der, wäre er im Mai geboren, sicher Majoran hieße:
„Aber für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist Heimat weniger ein Ort und viel mehr als ein Wort, nämlich ein Gefühl von Geborgenheit.“
Das wird die 20 – 30 Millionen Prekären in Deutschland in den sozialen Brennpunkten und auf der Straße aber freuen, dass sie zwar oft am Ende des Monats nicht genug zu essen haben und mitunter unter Brücken campieren dürfen, aber wenigstens ein Gefühl von Geborgenheit haben sollen.
Gefühle gehören in die Küche und ins Schlafzimmer, aber nicht in die Politik.
Wenn der gemeine Ostgote gefühlig wird, heißt es für den Rest der Welt, entweder die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, oder Pflugscharen zu Schwertern zu schmieden und dem Ostgoten mal wieder zeigen, wo der Wendehammer hängt. Was Blödsinn ist, reine Fabulierkunst. Wir erobern die Welt nicht mehr mit Waffen, sondern mit Kapital.
Als grausiges Fazit bleibt: Das Drecksblatt war früher verhasst und bekämpft und quasi die Spitze eines medialen Scheißberges in Deutschland. Heute in Zeiten allgemeinen Niedergangs und Niedertracht, sei es im Internet, in Talkshows, im Bundestag, scheint es fast wie eine altersmilde Stimme der Vernunft. Ich bin willens und in der Lage, gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen und zu versuchen, aktiv damit umzugehen.
Aber das mit der „Bild“, so will ich sie ab jetzt liebevoll-zärtlich nennen, das fällt mir doch echt schwer.