Mit Freund und Kollegen Hermann auf der 900-Jahre-Feier unseres Stadtteils kurz auf ein Kaltgetränk abgehangen. Ich räsonierte darüber, das kein weibliches Wesen uns auch nur eines Blickes würdigen würde. Hermann:

“Hast Du Dir mal unsere Schuhe angeguckt?“ Das hatte einerseits was tröstliches. Andererseits ist es aber insofern rollentheoretisch interessant, als er damit das Klischee antizipierte und augenzwinkernd konterkarierte, dass Männer, die Stil und Geschmack besitzen, eigentlich nur schwul sein können. Gut, dass ich meine gelben Laufschuhe nicht anhatte. Was hätten die wohl für Signale ausgesendet!? Die beiden abgebildeten Paare sind übrigens nicht nur unserem Verständnis von Ästhetik geschuldet, sondern absolut funktionale Hochleistungstreter, mit denen man aus dem Stand einen Marathon unter 3 Stunden läuft. Beinahe jedenfalls.
Die Jubelarien um dieses ach so tollen Multikultikreativstadtteil gingen nicht nur uns Beiden auf alle Senkel unserer Laufschuhe. Ohne den Hauch einer gerne auch mal ironischen Selbstkritik wurde da nahezu völlig unkritisch eine Alternativspießerkonsumorgie inszeniert. Da wird die eigene Unfähigkeit über mehr als Klimmzüge an der eigenen Kiezmauer nicht hinauszukommen, als Heimatverbundenheit und Lokalkolorit abgefeiert, wobei jeder anständige Kosmopolit allein beim Begriff „Heimat“ schon seine Laufschuhe schnüren sollte. In diesem Viertel darf sich um Gotteswillen nichts ändern; dem Spießer seine 2. Eigentumswohnung und seine Zöglinge dürfen gerne der Nachbarschaft beim Partymachen die Hauseingänge voll kotzen, ansonsten ist man rotrotgrün und für Mülltrennung.
Ich habe früher immer Wert darauf gelegt, dass der SCHUPPEN 68 den Beisatz trägt „Das Künstlerkollektiv aus Linden“ oder ähnliches. Wenn uns heute jemand diesen Appendix anhängt, verklage ich ihn wegen übler Nachrede
Wes Ungeistes Kinder hier das Sagen haben, erkennt man an der Geschichte der Kastanie auf dem markanten Lichtenbergplatz (excellente und empfehlenswerte Internetseite). Der Vorgänger musste wegen Pilzbefall gefällt werden. Nun hätte man die Chance gehabt, an dieser Stelle was Außergewöhnliches, , über die Stadtteilmauer ausstrahlendes zu machen, kreativ und politisch, wie dieser Kiez vorgeblich ist. Vielleicht ein Denkmal für die ermordeten Juden des Stadtteils oder ein Loch, in das man alle Blödheit dieser Welt kippen kann. Es gäbe so viele Möglichkeiten, sich nicht zu blamieren.
Was hat man gemacht?
Ne Kastanie gepflanzt.
Echt.

1. Mai zum letzten. Ich bin übrigens nicht nur Mitglied keiner Partei, sondern gründe eher selber welche, natürlich nur Satireparteien.
03.05.2015 – 1. Mai Impressionen – Teil 2.

Ich unter Klassikern. Jedes Jahr geht mein erster Blick auf den Marschzug zum Transpi mit Stalin und Mao und auch dieses Jahr sind sie wieder dabei. Mittlerweile fasse ich das als Politsatire auf, aber es ist schon Hammer- und Sichelhart, diese Fürsten der Finsternis auf einem Transparent mit rumzuschleppen.
Die echte Nelke in meinem Knopfloch war übrigens schwer zu kriegen. Nelken, zumal rote, haben einen derart oberprolligen Ruf, dass es sie in unserem angentrifizierten Stadtteil nirgendwo zu kaufen gibt. Bei einem in iberischer Hand befindlichen Blumenladen am äußeren Ende des Nachbarviertels, in dem es noch Spurenelemente proletarischer und prekärer Existenzen gibt, fand ich welche. Aber auch hier entsteht gerade Wohnen am Wasser und schicke Einfamilienhäuser und eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft werde ich am 24. April (auch wegen 25. April, Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution) dorthin radeln, um meine Mainelken zu holen, der Laden wird dicht sein und im Schaufenster hängt ein Schild: „Hier eröffnet demnächst die Latte Macchiato-Bionade-Natursekt Pissbar.“ Und wenn Sie, liebe Leserinnen, diese Zeilen so interpretieren, dass ich diese Entwicklung beschissen finde, dann haben Sie richtig interpretiert. Wenn ich mal wieder nicht so unfassbar viel ackern müsste und wegen der Herausgabe der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung unter Zeitdruck stünde, würde ich mir aus Frust die Kante geben, mit einem Weißburgunder Sekt, extra brut, des Rheinpfälzer Winzer Doll. Was meine Nelke wohl macht?
01.05.2015 – Heraus zum 1. Mai!
Verdächtig sind mir Aufsteiger aus sozialen Milieus, die ihre Herkunft nicht nur vergessen, sondern sich in einem Abspaltungsakt mitunter regelrecht vehement gegen ihre ursprüngliche Klasse wenden. Klassische Fälle solcher Parvenüs waren Gerhard Schröder und Joseph Fischer. Parvenüs erkennt man auch am Mangel an Stil, bei Herrn Fischer zum Beispiel der ultrapeinliche Siegelring, bei Herrn Schröder das ganze öffentliche Protzgehabe. Shocking. Insofern ist Stil, Ästhetik, immer auch eine politische Kategorie. Das heißt natürlich nicht im Umkehrschluss, dass mir der bornierte Klassenkämpfer von oben sympathischer wäre, nur weil der auf der Erscheinungsebene stilvoller auftritt.

Nicht mehr lange, die Tendenz geht zum Sonntag als Regelarbeitstag.
Weit braucht man aber, und hier wird das Politische zum Privaten, nicht zu gehen, um Aufsteiger aus sozialen Milieus zu treffen, die ihre Herkunft verleugnen. In meiner Alterskohorte und Bekanntenkreis gibt es jede Menge Leute, die ihren Aufstieg gewerkschaftlichem Druck und sozialdemokratischen Bildungsreformen verdanken, die sich aber weder jemals bei den 1. Maifeiern blicken lassen noch sich gar gewerkschaftlich engagieren. Und dann jammern se rum, dass ihr Nachwuchs immer nur Praktika, Zeitverträge, etc. kriegt oder im akademischen Mittelbau perspektivlos auf Hartz IV Niveau rumkrebst. Dieses Gegreine ist unter moralischen und intellektuellen Gesichtspunkten vollproll. Gesellschaftlicher Fortschritt regnet ebenso wenig wie Hirn vom Himmel. Wer es bis zu dieser Erkenntnis nicht mehr schafft, sollte wenigstens die Klappe halten, sonst wird peinlich.

1. Mai Feier, Hannover, Klagesmarkt, 1993. SCHUPPEN 68 Performance. (Zur Erinnerung an Günther „Paul“ Fechner, in der Mitte im hellen Hemd, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Fa. Hermann Berstorff. Die Guten sterben immer zu früh, egal wie alt sie werden.)

Wacht auf, Verdammte dieser Erde? Haut drauf, Vermummte dieser Erde! Erste Impressionen vom Wegesrand der Maidemo 2015. Autonome hängen Anti Nazi Transpi (Nazidemo am 1. August blockieren) an das hannöversche Ihmezentrum, die größte innerstädtische Bauruine der BRD. Ich empfand bei der Aktion klammheimliche Freude (böses Wort!), weil ich meine Zweifel an deeskalierender Sozialarbeit bei Nazis und an der diesbezügl. Effizienz des staatlichen Repressionsappartes habe, den ich nichtsdestotrotz mit zunehmendem Alter schätze – wenn er an der richtigen Stelle zuhaut. War mal wieder ein schöner 1. Mai. Mehr Impressionen demnächst an dieser Stelle.
27.04.2015 – Einzelnen Vieh, tritt aber auch in Horden auf und sieht inakzeptabel aus

Hinweisschild am Gatter auf einem mallorquinischen Wanderweg. Die Welt geht nicht nur an Barbarei zugrunde, sondern auch an einem bedauernswerten Mangel an Stil. Männer in kurzen Hosen, Bermudashorts, Dreiviertellangen oder ähnlich gruseligen Beinkleidern sind ein vollkommen inakzeptabler Anblick, egal wo. Derlei Bekleidung geht auch im Urlaub nicht, selbst bei 30 Grad in der Sonne beim Wandern. Entweder nackt am Strand, dort wo das offiziell genehmigt ist, oder korrekt das Bein bedeckt. Wenn ich Männer in kurzen Hosen in Restaurants, Hotelspeisesälen oder ähnlichem sehe, wird mir schlecht.

Contenance auch bei hohen Temperaturen beim Wandern, in Fornalutx, Mallorca, Tramunatana, dem schönsten Dorf Spaniens. Natürlich sieht dieser Brotbeutel über meine Schulter auch disgusting aus. Das ist allerdings gerade noch akzeptabel, weil der Dokumentation geschuldet. Da ist ein älteres, daher größeres Modell eines Camcorders drin.
Zugegeben, Stilfragen sind eine komplizierte Angelegenheit, aber wenn man bedenkt, wie viel Aufwand Männer bei der Lektüre der Anleitung eines neuen Betriebssystems oder Smartphons betreiben, dürfe es doch nicht zuviel verlangt sein, ein paar Minuten am Tag auf Niveau zu verwenden. Frauen geraten da wesentlicher seltener aus der Spur. Woran liegt das eigentlich?
16.04.2015, 5 nach 12, Hannover, Kröpcke. „10 Jahre Hartz IV – ein Trauerspiel!“
Eine satirische Zeremonie der Landesarmutskonferenz. Ziel der Aktion sind die Medien, die sollen darüber berichten. Damit die kommen, braucht man einen starken Claim, eine Botschaft, die sich in einem Satz formulieren lässt, kurz und trocken wie ein Leberhaken, und ein präzises Bild, das auf einen Blick mehr als 1000 Worte sagt. Der Claim ist hier also: „10 Jahre Hartz IV – ein Trauerspiel!“

Ein mögliches Bild ist das hier, Menschenwürde wird unter den Teppich gekehrt. Aber im Angebot sollte man mehrere Bilder haben. Wenn Sie den Ablaufplan hier Ablauf Zeremonie 10 Jahre Hartz IV -ein Trauerspiel- 16.04.2015durchlesen, werden Sie feststellen, dass da noch zwei, drei weitere starke Bilder lauern: Die Verleihung der Silbernen Ehrennadel für die 25. sinnlose Jobcenter-Maßnahme, die Solitafel mit sauren Äpfeln, kaltem Kaffee und altem Wein …
Der geschätzte Kollege Sievers ist natürlich mit einem Gedicht vertreten und hat auch sonst dafür gesorgt, dass das Ganze den ästhetischen Ansprüchen eines Kunstwerks Stand hält und nicht aussehen wird wie der trostlose Flugbattübersäte Büchertisch einer Gutmenschfraktion. Und am wichtigsten: Arbeitslose sind mit dabei, wehren sich, zeigen Flagge. Letzten Endes ist so eine satirische Zeremonie politische Interventionskunst auf der Höhe ihrer Zeit.
Und ich bin mal wieder dankbar, dass bei mir ab und zu Erwerbsarbeit sowohl mit meiner Neigung zur Inszenierung als auch dem Willen zur politischen Intervention zusammenfallen. Das ist ein ziemliches Privileg.
Interessierte sind herzlich eingeladen.
05.04.2015 – Eiersuche. Osterhäschen war großzügig, zwei Körbchen, Größe C.
Besseres Intro, als wenn ich geschrieben hätte: Adorno war Popmusik gegenüber kritisch eingestellt. Sie sind jetzt mitten im Text, grübeln, ob ich das ernst gemeint habe, währenddessen nehme ich Sie mit in die Welt der Kunst. Ich weiß nicht, was Kunst ist (Lüge! Weiß ich doch, hab genug Vernissagereden gehalten, ich muss es also wissen.). Ich weiß aber (Richtig! Ich weiß ziemlich viel.), was Kunst zu leisten hat, wenn sie auf der Höhe einer Zeit sein will, die unsere Welt aus allen Fugen gehen lässt. Diese Kunst muss radikal sein, parteiisch, sie darf nicht in Museen, Galerien und Ateliers verfaulen und unter dem vor Langeweile stinkenden Atem eines Spießermobs zu reiner Dekoration verkommen. Sie muss dahin gehen, wo es schmutzig ist, sie muss sich einmischen, flüchtig sein, kurz Besitz ergreifen von unseren Gedanken und Gefühlsströmen, und dann wieder weg, untertauchen, mäandern, um irgendwann, irgendwo unter besseren Bedingungen wieder zuzuschlagen, wie ein Leberhaken, kurz trocken, mit maximaler Wirkung.

Gesehen in Hannover-Linden, Grotestr., März 2015, zum Thema Gentrifizierung in diesem Stadtteil (war am nächsten Tag weg). Präziser Strich, ideale Dialektik von Form und Inhalt, Ironie, das ist zeitgenössische Kunst at its best. Ich weiß, dass die Bitte vergebens, naiv ist, aber ich bitte die Produzentin dieses Werkes, sich bei mir zu melden. Ich hab einen Auftrag für Sie, für echtes Geld, im Rahmen einer spannenden Kunstintervention, bei der sogar die zweite Kunstwährung lockt: öffentliche Aufmerksamkeit. Denn das erst unterscheidet den Künstler vom therapeutisch vor sich hinpinselnden Volkshochschulmaler (nix gegen Therrapien und VHS): Geld und Öffentlichkeit. Alle Kunst will Ware werden, sonst ist sie keine. Klingt für alle Gutmenschen wohl gruselig, ist aber, wenn man/frau erst mal den Analyseapparat angeworfen hat, eine zwingende Erkenntnis.
22.03.2015 – Wie ich neulich der Caritas den Jesus am Kreuz machte und es trotzdem ein toller Erfolg wurde.

Momentaufnahme bei Caritas-Auftritt (kulturelles Rahmenprogramm bei einem Festakt). Das ist eine Warmin-Up Nummer, das Publikum rät bei einem Pantomime Quiz Werke der Weltliteratur (in dem Fall ganz offensichtlich: Die Bibel). Für richtige, gute, falsche und komplett dämliche Antworten – also für jede – gibt es Preise, dazu muss ich natürlich immer ins Publikum, kann ein Schwätzchen halten („Was machen Sie denn hier? Wollen Sie Zuhause Heizung sparen?“) und schwupps, schon ist die erste Hälfte des Abends rum. Grandios wird es immer dann, wenn Bildungsagnostiker auf die eingangs gestellte Frage antworten: Titanic. In Erinnerung wohl an das Plakatbild, wo die Hauptdarstellerin ähnlich an der Reling abhängt. Titanic als Werk der Weltliteratur, was für ein Untergang.
Mein Caritas Publikum erwies aber als Bibelfest, es hagelte richtige Antworten und der Auftritt war überhaupt ein grandioser Erfolg. Aus zwei Gründen: er fand in meiner alten Heimat, dem Eichsfeld statt, in Duderstadt, einem zauberhaften alten Ort mit Fachwerkhäusern. Und ich war in maximal kurzer Zeit maximal auf dem Punkt. Ich hatte 10 Minuten vor Auftritt-Beginn erfahren, dass ich aus Zeitgründen statt der geplanten 20 Minuten nur 5 (in Worten: fünf!) Minuten Zeit hätte. Wer das überlebt, mit Beifall und Gelächter, wie in meinem Fall, der versteht was von seinem Handwerk.
Wenn ich bloß mehr Zeit hätte für dieses Metier. Aber man will ja nebenbei auch noch leben. Und die Gartenarbeit ruft. 45 Quadratmeter wollen bespielt werden – plus 2 Quadratmeter Teich.
So komm ich nie groß raus …
14.03.2015 – Hammermänner.
Die HEZ ist ein toller Erfolg geworden, so wie unsere Intervention „Die Mauer muss weg!“ bei der Einheitsfeier

Kein Wunder, bei derartig prominenten Verteilern wie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil!

Sozialministerin Rundt war an unserem Zelt und hatte viel Spass.

Volles Programm bei „Die Mauer muss weg!“ Demnächst an dieser Stelle mehr, u. a. eine Videodokumentation. Jetzt schon auch hier noch mal ein „Danke schön!!“ an die zahlreichen Helfer, Unterstützer und Künstler, die die HEZ und die gesamte Intervention zu einem Erfolg gemacht haben, der unsere Erwartungen übertroffen hat.


