Das obere Bild zeigt den Darsteller eines Gestapo Beamten im Stück „Hans Litten“, bei einer Diskussion mit dem Publikum nach der Aufführung. Das untere Bild zeigt zwei Vollverschleierte mit einem sogenannten Niqab, der nur noch schmale Augenschlitze freilässt, auf einem Kinderspielplatz in Kreuzberg.
Beide Bilder haben Wirkung bei mir hinterlassen, eine jener emotionalen Wirkungen, die mit dazu beitragen, dass aus Bildern Erzählungen werden. Erzählungen, die in ihrer Summe mehr gesellschaftliche Wirkmacht entfalten als Argumente.
Im Fall des Gestapo Darstellers beruht die Wirkung darauf, dass er in seiner Uniform mit Hakenkreuz durch die unsichtbare Vierte Wand, die die Bühne vom Zuschauer trennt und das Geschehen auf der Bühne zur Künstlichkeit formt, hindurch getreten ist, Teil der Realität wurde. Einer von uns . Mit Hakenkreuz. Das nicht mehr Teil einer Inszenierung war, sondern Teil einer Realität. Auch wenn diese nicht bedrohlich war, fand ich das für einen Moment gruselig.
So wie bei den verschleierten Schaukelnden. Der Niqab, dieses Symbol der Entindividualisierung der Frau und von religiöser und gesellschaftlicher Unterdrückung, an einem Ort von Unschuld und Freiheit (zumindest größerer als an den meisten anderen gesellschaftlichen Orten bei uns), das fand ich mehr als gruselig, das empfand ich als bedrückend und bedrohlich.
Bilder als Wirkungstreffer.
Demnächst mehr zum überaus sehenswerten Stück „Hans Litten “ . Heute ist der Umzug des Karneval der Kulturen. Das bedarf jetzt der Vorbereitung. Zumal pünktlich zum Start ein Gewitter ins Haus steht. Für uns allerdings kein großes Problem, der Umzug startet quasi vor der Haustür, so dass wir uns im Zweifel zwischendurch in den Hades, die Kneipe im Haus, zurückziehen können. Auch dazu demnächst mehr. Sonnige Pfingsten, liebe Leserinnen.
Was für Vokabeln werden die Schlagzeilen nach der Europawahl ab dem 06.06 dominieren, angesichts des zu erwartenden Rechtsrucks? Dramatischer Rechtsruck? Bedrohliche Verschiebung? Oder lyrischer: Europa, was ist los mit Dir? Ist die Demokratie in Gefahr? Etc. pp.?
Gerade sprach der deutsche Oberkatholik Kardinal Marx im Deutschlandfunk in der Morgenandacht. Sowas höre ich mir sonst nicht an, aber das hat mich dann doch gewundert, ein derartiges Schwergewicht bei so einem Format? Es war dann auch keine Andacht, sondern ein für katholische Verhältnisse eindringlicher Appell aus Anlass des 75jährigen Geburtstages des Grundgesetzes am 23.05 zur Europawahl gegen Nationalismus, Rassismus und Populismus zu stimmen. Also gegen die AfD, was er aber nicht explizit sagte.
Ein eher hilfloser Appell, aber schaden tut es nix. Man muss für fast jede Stimme gegen Rechts dankbar sein. Mich hat seine akademische Ausdrucksweise gestört, bei sowas muss klare, einfache Sprache herrschen, mit Leidenschaft und Appell an Emotionen. So werden Narrative gebildet, nicht mit Intellekt-Diskursen.
Apropos Narrative, zu deren Bildung es auch und vorrangig Bilder, Erzählungen, Geschichten, Entertainment braucht. Mit Argumenten, Logik, Vernunft allein kommt man im Kampf gegen Rechts nicht weiter. Am 23.05, zum Geburtstag des Grundgesetzen, wird in der City von Hannover eine Brandmauer gegen Rechts stehen. Auf der stehen unter anderem Originalzitate der AfD, die den Charakter der Partei deutlich machen.
(Idee und Gestaltung Gleitze/Sievers/Kupas)
Mehr dazu demnächst. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen!
Mein Lieblings-Zweizeiler zur Farbe Blau zum Schluss, aus einem Film mit Heinz Erhardt aus der „Willi“ Serie. Aus einer Zeit, als die Welt spießig, schrecklich, langweilig, aber in Ordnung war. Halbwegs und im Vergleich zu heute. Und nun, noch ’n Gedicht:
Transparent über dem Landwehrkanal. Er bildet die Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln und insofern verbindet das Transparent den linken Antisemitismus von Kreuzberg und den migrantischen von Neukölln. „Fick Deine Staatsräson“ bezieht sich auf das Postulat: „Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson“, zuletzt geäußert von Olaf Scholz nach dem Überfall der faschistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober. Aus der Verantwortung gegenüber dem singulären Verbrechen des Holocaust ist die Sicherheit und Existenz Israels seit dem Kriegsende zentraler Inhalt und Priorität deutscher Politik, aus ethischen und Vernunfts-Gründen (räson, von raison, franz. Vernunft).
Der Satz „Fick Deine Staatsräson“ zeugt von aggressiver Verachtung dieser Position, er hat in seiner Wut etwas surreal-wahnhaftes. Ich kann alles Mögliche ficken, aber eine abstrakte Staatsräson eher nicht.
Der Satz ist die linke, antisemitische Entsprechung der faschistischen Forderung „Weg mit dem Schuldkult“ , die auch zentraler Bestandteil der antisemitisch grundierten letzten Documenta war. Insofern haben wir es hier mit einer Allianz von Linken, Faschisten und Kulturschickeria zu tun, vereint im Antisemitismus.
Das Täterprofil des Transparentproduzenten dürfte ungefähr so aussehen, nach dem Sprachduktus und dem Tatort zu urteilen:
Männlich, um 25, weiß, deutsch, privilegiert gebildet, linksextrem mit Gewaltaffinität, wie dem Abfackeln von SUVs in einschlägigen Kiezen, wohnt (ev. mit seinen Helfer*innen) in einer WG im Wrangelkiez in Kreuzberg, in der alle Mitglieder genderfluid, nonbinär und trans sind. Von daher ist er nicht nur Mitglied, sondern auch Ohneglied. Diesen Flachwitz brauchte ich, damit mir nicht die Galle überläuft.
Lassen wir weiter unsere Phantasie spielen: Unser Täter macht zur Zeit eine Therapie, um seine Aggressivität in den Griff zu kriegen, jedenfalls die in Beziehungen. Er stammt aus privilegierten Verhältnissen, beide Eltern sind Lehrer, Erziehungsgrundsatz „Der Junge soll sich ausprobieren“. Das tut er noch drei, vier Jahre, dann forciert er sein Jurastudium, macht nach dem Examen Karriere im Sozialministerium und zieht Mitte der Vierziger als Kandidat der Grünen in den Landtag von Brandenburg ein. Brandenburg, weil seine Familie mittlerweile ein Häuschen im Speckgürtel von Berlin besitzt. In dem seine Frau eine gutgehende Praxis für schamanische Wunderheilungen betreibt. Beide leben in einer offenen Beziehung, er hat zurzeit ein Verhältnis mit einem Schauspieler vom HAU, Hebbel am Ufer. Mit Sohn und Tochter (Erziehungsgrundsatz: „Die sollen sich ausprobieren) gibt es intensive, kontroverse politische Diskussionen. Der Sohn ist in der AfD, die eine Koalition mit den Grünen in Brandenburg bildet, und die Tochter in deren Rechtsabspaltung, der FDP, der Faschistischen Partei Deutschland. Die Original FDP gibt Mitte der 2040er nicht mehr, sie hatte sich nach einer Serie von Wahldebakeln ab 2024 Mitte der 30er aufgelöst. Sein Punkt in den Diskussionen gegenüber dem Nachwuchs ist: „Euren Antisemitismus finde ich ja ok, ich war in den 20ern auch so drauf (und zeigt stolz ein Video von der Anbringung des Transparentes). Aber Eure Genderpositionen finde ich echt Scheiße, die machen mich total betroffen.“
Die Mutter versucht seit Jahren, das schlechte Karma im Haus auszuräuchern. Damit wird sie 2048 das ganze Haus abfackeln, wobei die ganze Familie draufgeht. Aber damit greifen wir unserem Fortsetzungsroman vor.
Wie ich auf sowas komme, fragen Sie, liebe Leserinnen? Ich bitte Sie, das ist nun wirklich keine Raketenwissenschaft.
Admiralsbrücke, Kreuzberg, einem der Partyspots der Jugend der Welt. Das Graffiti mit der Palästinaflagge in diesen Zeiten setzt ein Signal: Solidarität mit der Hamas. Solidarität mit einer faschistischen Mörderbande. Zeichen stehen nie für sich, sie sind immer kontextuell zu sehen. Es geht ja in Zeiten wie diesen immer auch um die Frage: Wie konnte es zu einer Entwicklung kommen, in der wir uns die Frage stellen, befinden wir uns in einem Interregnum? Einer Art Zwischenreich im Übergang von Demokratie zu Faschismus. Sowas fällt ja nicht vom Himmel, hat ein Vorgeschichte und eine Perspektive. Ist menschengemacht, also auch politisch veränderbar. Die Frage dabei: Wie sind die aktuellen Rahmenbedingungen für eine emanzipatorische Veränderung?
Ich sach mal: Oje.
Vergleiche sind wie der Ackergaul von meinem Großvater aus dem Eichsfeld: Je weiter man sie reitet, desto mehr hinken sie. Aber ein Blick in die Weimarer Republik ist zumindest anregend: Damals gab es in der Linken und in der Kulturszene einen verbindenden antifaschistischen Konsens. Heute existiert der in weiten Teilen der Restlinken und Kulturschickeria nicht mehr. Verbindend ist vielmehr Antisemitismus und intellektuelles und moralisches Versagen in deren Positionierung gegenüber einer Fraktion des zeitgenössischen Faschismus, nämlich der Hamas. Schweigen dazu. Und Schweigen heißt Zustimmung. Da darf man gespannt sein, wie die Genannten auf andere Entwicklungen von Faschismus reagieren.
Wobei meine Spannung sich in Grenzen hält. Betrüblich fand ich eher die Reihenfolge der 100 schönsten Kieze in Berlin, laut einer Expertenjury, deren Ergebnisse gestern mal wieder im rbb vorgestellt wurden. Mein Kiez, der Bergmannkiez auf Platz 5. Und dazu die Aussage: Ihr Völker der Welt, kommt in den Bergmannkiez. Oje. Als ob da nicht schon genug Rollkoffergeschwader unterwegs sind. Platz 500 hätte ich wesentlich besser gefunden, verbunden mit der Aussage: Drecksloch, Ratten, Kriminalität. Ihr Völker der Welt, umfahrt den Bergmann Kiez weiträumig.
Der Höhepunkt war dann die Aussage von „Kennste, wa“ Mario Barth: Wenn er einem Freund aus Amerika in drei Tagen Berlin zeigen sollte, wäre der Bergmannkiez dabei. Massenhaft Freunde von Mario Barth. Oje. Die Aussichten sind wahrhaft trostlos auf allen Ebenen. Tröstlich allein in der Kiez-Reihenfolge Platz 1: Prenzlberg. Ihr Völker der Welt, alle ab nach Prenzlberg. Da kann man nix mehr kaputt machen.
Im Bergmannkiez allerdings auch nicht. Der ist im zweiten Weltkrieg von Bomben weitgehend verschont geblieben, da ist Berlin wie vor 100 Jahren. Wer wollte da nicht dabei sein. Und so wird die schöne Fassade von innen ausgehöhlt. Ist wie mit der Demokratie.
Unlängst verschlug es mich nach Bad Pyrmont. Der Anblick des früher glanzvollen Staatsbades, Kurortes der Fürsten und Dichter und Herberge manch imposanter Denkmäler aus mehr oder weniger glorreichen Kriegszeiten versetzte mich umgehend in Melancholie. Verfall allenthalben
Oh, malerisches Bad Pyrmont,
in Dir hat kurend sich so mancher Fürst gesonnt.
Jetzt bist verschuldet Du bis über beide Ohren
Durch deine leeren Gassen klackern nur noch Rollatoren.
Denkmal Krieg 1870/71 gegen den Erzfeind Frankreich.
Schlossweinstube Spelunke. Was für ein zauberhafter Begriff voller Verruchtheit aus verschollenen Zeiten. Wie gerne hätte ich einmal ernsthaft in meinem aktiven Sprachgebrauch den Satz von mir gegeben: „Unlängst verschlug es mich in eine übel beleumundete Spelunke.“ Tempi passati.
Es war aber eine heitere Melancholie. Nicht zu vergleichen mit der nachtschwarzen Depression, die mich an Orten wie Peine oder Barsinghausen umfängt, wenn ich dort nach 18 Uhr durch die friedhofstote Einkaufsmeile fluchtartig dem Bahnhof entgegenstrebte. In solchen Zombieorten, vermutlich nur eingefleischten Norddeutschen bekannt, herrschte, anders als in Bad Pyrmont, nie Glamour und Glanz, nur das Versprechen auf lebendiges Begrabensein. In Bad Pyrmont aber klang durch die entseelten Gassen für mich noch das Potpourri eines vergangenen Kurorchesters, das Gekicher und Gescherze der Kurschatten und das freundliche: “Hier die Kännchen Kaffee und der Frankfurter Kranz für die Damen“ der weiß beschürzten Bedienungen. Die die fetten Matronen in Wirklichkeit hassten wie die Beulenpest.
Die Melancholie mit ihren heiteren Momenten ist zu trennen von der düsteren Depression. Im klinischen Sinne waren beide früher deckungsgleich, bevor sich der Begriff Depression etablierte. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das durchaus verschiedene Gemütszustände sind und die Melancholie hat einen eigenen Diagnoseschlüssel nach ICD-11 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten der WHO).
Die Melancholie ist mit einem bittersüßen Sehnen in der Brust nach einer besseren, meist vergangenen, Welt behaftet. Sie währt in ihrer leichten Ausprägung nur kurz, ähnlich dem Glücksempfinden, und kann durchaus aktivieren. Mich motivierte sie z. B. zum überaus gelungenen Vierzeiler oben und einer umfangreichen Fotodokumentation. Anders die ichverschlingende Peiner Depressionen.
Ich vermute, dass der Anflug von Melancholie in Bad Pyrmont (schöner Titel für einen schrägen Song) sich aus mehreren Quellen speiste: Einerseits aus dem objektiv vorhandenen geschichtlichen Geist des traditionsreichen und verfallenden Ortes, andererseits gemahnte mich die ganze Atmosphäre natürlich auch an meine eigene Vergänglichkeit. Nicht dass meine besten Zeiten hinter mir lägen. The best is yet to come . Wie zum Beispiel der Karneval der Kulturen. Aber Bergfest war schon.
Und natürlich erinnerte mich der Zustand Bad Pyrmonts an unsere Demokratie. Prachtvolle Denkmäler, die an glorreiche Zeiten erinnern, allenthalben. Wie zum Beispiel die ewiggleichen hilflosen Beschwörungs- und Beschwichtigungsreden, die aus allen Kanälen zu vernehmen sind, nicht nur von Politikerinnen, angesichts der anschwellenden Überfälle von Faschisten auf Demokratinnen. Diese Reden sind leere Hüllen. Sie bewirken nichts, sie beschwören eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit und demokratische Gegenwart, die real aber so aussieht wie das Kurhaus Oldenburg und die Spelunke.
Im Grunde, und das war Teil des heiteren Momentes der Bad Pyrmonter Melancholie, war ich angesichts der Drohungen der Zukunft froh, dass das Bergfest schon hinter mir liegt, das Beste aber dennoch erst noch kommt. Und dass mich die Melancholie zu einem Gedichtband angeregt hat, dessen erstes Werk Sie, liebe Leserinnen, hier exclusiv lesen konnten. Titel: Bad Pyrmonter Elegien.
AfD Plakat vor Großwohnsiedlung. Großwohnsiedlungen sind klassisches AfD-Wahlreservoir. Unser Land zuerst, also Biodeutsche zuerst, Kartoffel vor Döner. Wenn sich die Wählerinnen in den sozialen Brennpunkten mit ihren (Haken)Kreuzen bei der AfD da nicht mal ein gewaltiges Eigentor reinsemmeln.
Zur Erinnerung das klassische Vorgehen von Faschisten: Erst wird zur Herstellung eines vermeintlich homogenen Volkskörpers, eines imaginären „Wir“ aller rassereinen Volksgenossen der äußere Feind konstruiert: Die Ausländer, die Juden, die globalen Eliten. Und wenn der Faschismus sich dann mächtig genug fühlt, geht es gegen innere Feinde, gegen alles, was bunt, divers, vielfältig ist, anders lebt, egal welcher Herkunft. Das zeigen die wachsenden brutalen Angriffe auf eingeborene Demokratinnen und Demokraten, auf Wahlkämpferinnen, auf zivilgesellschaftlich Aktive. Die Zeiten, wo „nur“ Flüchtlingsunterkünfte gebrannt haben, sind vorbei. Jetzt ist den Nazis jeder der Nächste, als Opfer. Im zunehmenden Prozess der Selbstradikalisierung geht es bald an andere Personengruppen, irgendein Feind, ein Opfer muss immer her. Sehr schnell geht es dann gegen „Sozialschmarotzer“, unnütze Fresser in sozialen Brennpunkten. Ruckzuck, von der Straße weggefangen, ins Arbeitslager, schwarzer Winkel ans Revers, ins Konzentrationslager. Tödliches Ende einer völkischen Vision. Das Muster liefert die Aktion Arbeitsscheu Reich von 1938
Mach Nazis ein Kreuz durch die Rechnung, wie es oben auf dem Plakat der Grünen heißt?
Über dieses Stadium des hilflos-gut gemeinten bürgerlichen Antifaschismus sind wir hinweg.
In weiten Teilen der Republik, nicht nur im Osten, haben die Nazis die kulturelle Hegemonie in der Alltagsgesellschaft. Und es wird sich zunehmend erweisen, dass dort die Reste der Zivilgesellschaft vor der nackten Brutalität der SA-Schergen zurückweichen und zerbröseln, langsam, wie ein trocknender Keks in der Sonne. Das dauert, aber irgendwann kommt ein Windstoß und wusch, ist vom Keks nichts mehr da.
Zur Prozesshaftigkeit von Faschismus und Gewalt: Was Gewalt in Wahlkämpfen angeht, wie aktuell geschehen, ist noch Luft nach oben. Sehr viel Luft. Im Laufe des letzten demokratischen Wahlkampfes 1932 vor der Machtübernahme der Nazis starben an die 100 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Allein beim Altonaer Blutsonntag wurden 16 Menschen von der Polizei erschossen . Das Altonaer Arbeiter*innenviertel war als Klein-Moskau bekannt. Da kann man schon mal reinhalten … Sowas wird bei uns nie möglich sein? Das Internet, das Smartphone, und der Fall der Berliner Mauer wurden auch mal für Hirngespinste erklärt, wenn es vorher überhaupt in der Vorstellungskraft der Menschen lag.
Meine Vorstellungskraft reicht relativ weit.
Allen Wahlkämpferinnen, Plakatklebern und Engagierten jedenfalls mein Respekt und meine Hochachtung. Ich würde in Berlin definitiv nachts keine Wahlplakate hängen, mit weniger als vier Leuten. Wenn möglich mit Argumenten wie einer Glock oder Heckler & Koch ausgestattet. Oops, da ist wohl meine Vorstellungskraft durchgaloppiert…
Das Gebäude ist eine makellose Stilikone der Siebziger Jahre. Ich sah es von Ferne, war fasziniert, radelte sofort hin und war regelrecht ergriffen, auch ob der Makellosigkeit des Aushangs im Schaukasten davor.
Auf dem Feldweg.
War hier die Partei „Die Partei“ am Werk gewesen?
Menschliche Gegenstück dazu fanden sich zuhauf auf dem 1. Mai. Nicht gerade makellos und keine Stilikonen, aber lupenreines Siebziger Jahre Outfit und auch sonst in einer Zeitschleife gefangen. Nichts dazu gelernt, die Hälfte vergessen und die übrigen Zweidrittel falsch verstanden. Logisch, dass bei derartig unterkomplexem Denken Antisemitismus herauskommt:
Verteidigt China gegen Imperialismus und Konterrevolution. Ausgerechnet China verteidigen. Das Schöne, na, sagen wir mal, das Faszinierende an Berlin ist unter anderem: Hier gibt es Nichts, was es nicht gibt. Hier laufen Dinosaurier noch frei rum. Auf dem 1. Mai Festplatz vor dem Roten (!) Rathaus waren Stände vertreten, bei deren Besatzung man sich unwillkürlich nach den Wärtern umgedreht hat. Bei einem mit jeder Menge skurriler Lektüre und Lenin-Bildern kam mir ein Verdacht: „Den Genossen Stalin habt Ihr wohl auch noch nicht so ganz entrümpelt?“ – „Na ja, es war ja nicht alles schlecht bei Stalin, man muss das schon differenziert betrachten …“
Hatte der Mann etwa auch den Autobahnbau vorangetrieben? Beim nächsten 1. Mai werde ich mit einem kleinen Kamerateam einen Dokumentarfilm drehen, Arbeitstitel: Die Dinosaurier werden immer schauriger.
Das Verrückte an den antisemitischen China-Verteidiger*innen oben: Sie gehören der Fraktion der Trotzkisten an. Leo Trotzki war selber Jude. Er wurde von Stalin nach verlorenem Machtkampf ermordet, auch aus antisemitischen Motiven heraus.
Im letzten Grunde ist jeder Antisemitismus als schwarzes Loch der Zivilisation ein Wahn, unerreichbar durch Argumente, Logik und Fakten und so werden auch beim nächsten 1. Mai wieder lauter Dinosaurier Flagge zeigen. Ich freu mich drauf. Wir aber wenden uns den Vorbereitungen zum Karneval der Kulturen zu, Demnächst mehr dazu. Es wird bedeutend bunter und fröhlicher.
In unserer WG gibt es keine Eierbecher, ein Schnapsglas tut es auch. Wenigstens hier sind Griechenland und die Türkei friedlich vereint. Ich beschließe ein Experiment: Ich werde den Tag über verteilt und spontan Impressionen eines 1. Mai in Berlin hier im Blog veröffentlichen . Das Verfahren entspricht eher den sozialen Medien als einem Blog, der ja mehr der Reflexion verpflichtet sein sollte als medialem Dauerfeuer. Aber warum nicht mal was ausprobieren? Kost ja nix. Und nun rein ins Getümmel….
Gegen 10 Uhr. DGB Demo, Karl Marx Allee Ich bin im Anarcho-BlockTax the rich . T-Shirt,gute Tarnung, um überall Fotos zu machen. Dass die Fotografin nicht auf meine sehr undynamische Haltung geachtet hat, nehme ich übel. Langsam wird’s voll….Mittags. Karl Marx Allee wegen Demo abgesperrt. Ein Gefühl von Freiheit, da mit dem Klappi lang zu cruisen. Atmosphären atmen, die es sonst nicht gibt…In der Nacht haben hier ein Dutzend Amazon Transporter gebrannt. In Kreuzberg ist das Volkssport, SUVs abzufackeln. Der bei mir umme Ecke riecht noch, obwohl das Tage her ist.Gegen 15 Uhr, Mariannenplatz.
Das sind die Mädels von techworkersberlin https://techworkersberlin.com/join , die ich hiermit ganz herzlich grüße. Wir kamen ins Gespräch, weil ich das Angebot an ihrem Stand am beeindruckendsten fand und sie mich Glauben ließen, das sei so beabsichtigt.
Ihr Material war noch nicht da. Es geht um organizing, die Organisation und Gründung von Betriebsräten in Tech-Unternehmen, aber auch Läden wie Lieferando etc… Wo viele junge Leute arbeiten, denen eine kollektive Interessenvertretung fremd ist. Ich hab ihnen versprochen, die Begegnung online zu stellen und für techworkers zu werben. Solange ich noch nüchtern bin. Den Blog fanden sie cool, ich sie auch. Puuh, geschafft. Jetzt bin ich am Rio Reiser Platz, hier kreisen die Hubschrauber und von allen Ecken klingt tatütata. Berlin 1. Mai. Aber ich fürchte, heuer wird er wieder härter…
Gen Abend. Südstern, Kreuzberg, Abmarsch des Schwarzen Block nach Neukölln, wo jede Menge antisemitische Kumpane warten. Das Wort Genosse verbietet sich von selbst…
Ab jetzt eskaliert es. Ab nach Hause, wo wir vor dem Hades noch einen Absacker nehmen werden.
Die gängige Meinung ist fast immer höchstens die Hälfte der Sicht. Alt-Marzahn besteht neben der Mühle aus typischer DDR-Dorfstruktur, mit einem Dorfkrug, wo ich nach einer riesigen Kohlroulade mein vollgeplauztes Halbkoma nur mit energischer Hinzufügung diverser Körner aus dem Osten bekämpfen konnte, einem Tierhof, einem Kulturgut und dem Dorffrisör „Haarmonie“.
Von wegen Marzahn nur Asi-Platte…Die Hochhäuser dort waren in der DDR hochbegehrt, vor allem im Vergleich zum verfallenen Wohnbestand in Rest-Ostberlin. In Marzahn wohnte die Funktionselite der DDR. Hier holte die Linke seit 1990 regelmäßig Direktmandate bei der Bundestagswahl, mit bis zu 50 Prozent Stimmenanteil. Bei der letzten ging das Mandat an die CDU, die Linke ist nur noch viertstärkste Partei, noch hinter der AfD.
Auch in Marzahn ziehen die Mieten an. Ich unterhielt mich mit einem UrMarzahner, der zwischenzeitlich in Neukölln gewohnt hatte, es da aber nicht ausgehalten hatte. Zuviele Asis da. In seiner neuen Bleibe in Marzahn zahlt er mehr Miete als in Neukölln…
Das schlechte Image von Grosswohnsiedlungen wie Marzahn ist sowohl städtebaulich als auch ästhetisch naiv und arrogant. Erstens sollte man immer genauer hingucken und zweitens hätte es für die Versiegelung des Landes katastrophale Folgen , wenn alle Bewohnerinnen von Grosswohnsiedlungen in Einfamilienhäusern hausen würden. Das Einfamilienhaus, egal welcher Couleur, stellt eine Mischung aus ästhetischem Schwerverbrechen, ökologischer Katastrophe und psychozialem Abgrund dar.
Nicht die Grosswohnsiedlung ist asozial, sondern was die Gesellschaft aus ihr macht, ist es.
Wenn ich in Kreuzberg ankomme, studiere ich als erstes die endlosen Plakate unter den Yorckbrücken (die eigentlich in Schöneberg liegen). Sie liefern Infos über Veranstaltungen, an die ich normalerweise nie kommen würde. Und sie geben in ihrer bunten Konzentriertheit Auskunft über Zustand und Perspektive der Stadt und der Gesellschaft, sowie über den aktuellen Stand der gestalterischen Ästhetik. Besser und sinnlicher als es Internet, Bücher oder Zeitungen je könnten. Die Plakate zum 1. Mai sind dagegen eine lehrreiche Reise in die Vergangenheit, über zerstörte Utopien, gescheiterte Kämpfe. Und wenn man Glück hat, über Hoffnungen. Da muss an aber sehr viel Glück haben, um sowas zu finden. Oben, im Plakat von 1990, deutete sich schon zart an, dass nach dem Fall der Mauer die glückseligen Zeiten von Berlin als höchstsubventionierte Insel und bunte Freiraum-Spielwiese für allerlei mit ABM-Stellen finanzierte Alternativträume zu Ende gehen würden. Erstmals taucht Begriffe wie „Miete“ und „Spekulation“ auf einem Mai-Plakat auf.
Revolutionäres 1. Mai Plakat Berlin 1992.
1992 war die Befürchtung zur Gewissheit geworden: Spekulanten würden sich das neue Zentrum der BRD flächendeckend unter den Nagel reißen, Vertreibung aus den Stadtteilen fing in Prenzlau an und hört bis heute nicht auf. Ich war damals natürlich auch gegen Berlin als Hauptstadt, Berlin als Vorposten und Speerspitze eines nationalbesoffenen BRD-Imperialismus in der Eroberung der neuen Märkte im Osten? Berlin als Hauptstadt eines Vierten Reiches? Niemals.
Naiv. Die neuen Märkte in Osten wären im Zeitalter von digitaler Globalisierung auch mit Bonn oder Pattensen als Hauptstadt erobert worden, der Zar des Neoimperialismus kommt nicht aus dem Reichstag, sondern aus dem Osten und was Nationalbesoffenheit angeht, sind andere Länder x-mal schlimmer, von Italien über England bis Ungarn, Türkei etc. pp.
Aber was ist nicht ist, kann ja noch werden: Die AfD in ihrem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf. Der skurrile Glaube, dass ihre diversen Spionage- und Korruptionsgeschichten ihre Klientel auch nur einen Furz interessieren und von der Wahl abhalten würden, wird sich spätestens bei der Bekanntgabe der ersten Wahlergebnisse zur Europawahl in Luft auflösen.
Geradezu albern finde ich die Vorwürfe der demokratischen Parteien, die AfD würde mit ihren Affären das Vaterland verraten. Erstens verhält sich die AfD nur marktkonform und systemgetreu, sie verkauft an den Meistbietenden. Und das Beste, was man in nationalbesoffenen Zeiten jemanden an die Jacke kleben kann, ist: Vaterlandsverräter.
Die Konterattacke der AfD wird sich warmlaufen und Erfolg haben: Das Alles sei nur eine Schmutz-Kampagne der Lügenpresse und der Systemparteien, um von den Messermännern und Kopftuchgebärmaschinen abzulenken, die die große Umvolkung hierzulande vornehmen. Außerdem ist das AfD-Wahlvolk vermutlich ehrlicher als das versammelte Bürgerfeuilleton. Sie bewundern die Käuflichkeit der AfD eher als jene Schlitzohrigkeit, die sie selbst an den Tag legen würden, wären sie nur nahe genug an den Töpfen dran. Jede hat ihren Preis. Käuflichkeit ist keine Frage des Ob sondern des Wie hoch.
Ich muss jetzt in den Keller, meine rote Fahne aus der Mottenkiste holen.