Die Realität macht Heute schon viel möglich. Gesehen bei der hannöverschen Gesundheitswoche im ehemaligen Kaufhof.
Mit sowas versucht man die Cities zu revitalisieren. Die großen Kaufhäuser in den Innenstädten machen reihenweise dicht, diese verkommen zu seelenlosen Zombiezonen. Nicht umsonst spielt eine der großartigsten filmischen Kritiken am Kapitalismus in seiner Kathedrale, einem Einkaufszentrum. Es handelt sich um „Zombie“ (1978!) von George Romero .
Auch da hat es Berlin besser, es besitzt keine Innenstadt oder City. Es gibt höchstens Zentren der 12 Bezirke, die jeweils Großstädte von der Größe Mannheims sind, nur wesentlich lebendiger. Ich war einmal da und kann mich an Nichts erinnern, außer an eine Äppelwoi-Schänke, und das war nicht in Mannheim.
Wobei das mit den Bezirkszentren in Berlin so eine Sache ist. Wenn man einem SO 36-Kreuzberg Autonomen erzählt, das Kreuzberg-Zentrum sei die Bergmannstr. im gentrifizierten Kreuzberg-Westen, packt er gleich den Molli aus. Er wird vermutlich auf Rio-Reiser-Platz mit Oranienstr. insistieren. Wie auch immer, Dezentralität ist eine Chance und Berlin nutzt sie, während es nach wie vor kein Rezept gibt und geben kann zur Wiederbelebung der Innenstädte der Republik. Das geht nur auf Basis massiver Eingriffe in die Eigentumsstruktur, anders geht eine radikale Umgestaltung zu mehr Arbeiten, Wohnen und Leben in den Cities nicht. Und diesen Eingriff lässt unsere Verfassung zwar theoretisch zu auf Basis § 14 und 15 GG, der ist aber in der Praxis nicht realisierbar, das geben die Macht- und Profitinteressen hier nicht her. Das Karstadt-Gebäude in Hannover steht seit vier Jahren aus Spekulationsgründen leer und es ist nicht im Ansatz irgendeine Entwicklung zu sehen
Berlin, Du hast es besser. Berlin ist so gut, dass es die einzige Großstadt der Republik ist, in der zweimal zur gleichen Wahl abgestimmt werden darf. Die schönste Panne der Wahl gestern: Ein Wahlvorstand war so besoffen, dass er abgelöst werden musste. Wir in Berlin sagen aber nicht besoffen, sondern „unkooperativ“.
Die Wahl ist ein bemerkenswertes Stimmungsbarometer. Die Gesamtverschiebungen sind zwar minimal. Aber relativ gesehen, also auf die paar Wahlbezirke, in denen überhaupt nur gewählt wurde, ist das Ergebnis für SPD und FDP eine Katastrohe. Die SPD verlor ca. ein Drittel und die FDP fast zwei Drittel ihrer Prozentanteile. Die AfD konnte ihr Ergebnis um ca. 40 % steigern und legte relativ gesehen mehr zu als bei den letzten Landtagswahlen in Hessen und Bayern. Und da hatte sie schon enorm gewonnen im Vergleich den vorherigen Landtagswahlen.
Insofern sind mir jene Kommentare rätselhaft, die nur die absoluten Verschiebungen von ca. 1 Prozent erwähnen. Diese Aussage ist ohne die Relationen und Bezugsgrößen völlig bedeutungslos.
Der Wahlerfolg der AfD zeigt auch den Effekt auf ihre Mobilisierung der bisherigen Millionendemos gegen Rechts: Praktisch gleich Null. Der einzige wirksame Effekt wäre eine Beteiligung der Wagenknechte an der Wahl gewesen, aber die waren aus rechtlichen Gründen noch nicht zugelassen.
Närrische Zeiten. Ich bin mal auf die Ostermärsche heuer gespannt. Wie zerrissen wird sich diese Bewegung darstellen? Alle wollen Frieden. Aber um welchen Preis? Was ist wichtiger, Frieden oder Freiheit? Gibt es den gerechten Krieg? Wie verhalten „wir“ uns, wenn der Russe kommt? Der Böse ist ja immer der Russe, während die Nato eine Art Friedenscamp von Späthippies darstellt – Motto: Love and Peace -, die (noch) nichtkiffende Fraktion der Friedensbewegung. Wer was anderes behauptet oder das auch nur in Ansätzen relativiert, wird bei uns niedergemacht. Bildlich gesprochen. Natürlich ist Putin ein Imperialist, Chauvinist, und gehört vor ein Kriegsgericht, aber in diesem Stück gibt es mehrere Schurken. Das Leben ist nicht schwarz/weiß, sondern mitunter schwarz/schwarz, Gauner und Lumpen, wohin man blickt. Der Westen hat mit seinen komplett gescheiterten Interventionen in den letzten Jahren allein im Irak, Libyen, Afghanistan eine blutige Spur hinterlassen, bei der sich man sich fragt, was hat sich dadurch in den Regionen verbessert?
Das kann man im Hinterkopf haben, wenn man die Schlagzeilen der letzten Stunden liest. Wer zu Verschwörungstheorien neigt, kann hier eine abgesprochene Choreographie vermuten. Ich tue das nicht. Ich halte die Welt für so verrückt, dass sich das von selbst orchestriert. Es ist wie im Western:
In der Exposition wird die Bedrohung für die Guten ausgemalt und der Antiheld eingeführt, Putin, wer sonst. Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz (das ist eine Art Workshop für Friedenscamps, wo sich die Oberhippies regelmäßig zum großen Ratschlag treffen) hält einen russischen Angriff auf Nato-Gebiet für nicht ausgeschlossen.
Nun folgt im zweiten Akt der Gute, der das Rettende am Horizont sieht und das zögernde Fußvolk von den Mühen und Opfern überzeugen muss, die dieser Weg kostet: Der Generalinspekteur der Bundeswehr (ein Häuptling mit ganz vielen Federn im Kopfschmuck) will, dass wir in fünf Jahren kriegstüchtig sind.
Im dritten Akt tritt der Bösewicht auf. Er hat Kreide gefressen und heuchelt, alles nicht so schlimm: Putin will Polen nicht überfallen . Es sei denn, Polen greift Russland an. Also alles gut? Nein, wir Zuschauerinnen sehen jetzt aus dem Hintergrund eine dunkle Gefahr nahen. Für die Angriffslust des Polen gibt es historische Parallelen, schließlich hatte der Pole ja auch schon Hitler überfallen, der Überfall auf den Sender Gleitzwitz , laut anderer Quellen auch Leihwitz, und damit den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, den Hitler unbedingt vermeiden wollte. Er war ja nicht nur Vegetarier, sondern auch Pazifist, weshalb ich damals bei den Friedensdemos in den Achtzigern immer skandierte: Deutsche Pazifisten, Mörder und Faschisten. Das zeigt der Film, der nun immer irrer wird und dem Leben näher kommt, in Rückblenden.
Im vierten Akt des Westerns macht sich unter der Bevölkerung Hoffnungslosigkeit breit: Wenn der Russe kommt, wird uns der spätere Oberhäuptling Trump nicht nur nicht helfen, sondern seinen Buddy Putin noch ermutigen, uns platt zu machen Das Weiße Haus findet diese Ermutigung zwar ungeheuerlich und völlig verrückt, aber wer diplomatische Gepflogenheiten kennt, weiß: Da, wo ein Dementi oder eine wie auch immer geartete Stellungnahme erfolgt, ist was dran.
Im fünften und letzten Akt kommt aus der Ferne unter Fanfarenstößen die rettende Kavallerie angeritten. In unserem Filmfall die Marschkolonnen der österlichen Friedensdemos, die intonieren: Give peace a chance.
Als Hauptdarsteller für diesen Film hätte ich gern die Marx Brothers, die Inszenierung sollte ihrem Meisterwerk „Duck soup (Die Marx Brothers im Krieg)“ entsprechen.
Sie fragen, ob ich eventuell zu viel gekifft hätte? Die Antwort gibt’s am 1. April. Da wird Cannabis legal. Prost einstweilen.
Wo aber Winter ist, wächst das Hoffende auch. Gestern im Garten auf dem Weg zum Mülleimer gesehen. Es gibt also doch ein Leben jenseits von Schneeregen, Kälte, Matsch und Dunkelheit. Das kann man auch nur für die aktuelle Nachrichtenlage hoffen. Gibt’s da irgendwas mit Hoffnung? Beim Klima ist alles noch schlimmer als befürchtet, das 1,5 Grad Ziel ist jetzt schon übertroffen, für Wirbelstürme reicht die alte Skala nicht mehr aus . Und was die AfD angeht, einen besseren Zeitpunkt für die Correctiv-Enthüllungen hätte es für die nicht geben können. Die Großdemos gegen Rechts rutschen jetzt schon langsam in den News nach hinten, ob da eine nachhaltige antifaschistische Kampagne draus wächst, ist offen bis fraglich, und bis zu den nächsten Wahlen, EU im Juni und im Osten im September, hat sich die Gesellschaft weiter an bisher Unsagbares gewöhnt. Die Mitte schläft weiter den Schlaf der Ungerechten…
Der bürgerlichen Mitte fehlt es qua genetischer Verankerung an antifaschistischer Radikalität, wie die quälend langsame Reaktion der Berliner Filmfestspiele auf die Einladung von AfD-Politikern zur Eröffnungsgala zeigte . Erst nach tagelangen öffentlichen Diskussionen konnte sich die Festivalleitung zu einer Ausladung der AfDler durchringen. Wissen die nicht, wie Faschisten mit „entarteter“ Kunst und deren Protagonisten umgehen?
Noch gruseliger die Reaktion der Berliner FU und der zuständigen SPD (!)-Senatorin auf den Überfall eines Studenten, der einen jüdischen Kommilitonen krankenhausreif prügelte. Dass die Verantwortlichen dieser schändlichen Stellungnahmen noch immer im Amt sind, zeigt wie es um den deutschen Antifaschismus bestellt ist: Erbärmlich. Und was für die Zukunft zu erwarten ist: Phrasen und Floskeln.
Die Existenz der Wagenknechte scheint der AfD ein paar Prozente in den Umfragen abgenommen zu haben, die Demos haben mit diesem Prozess nichts zu tun. Hier kann man seine Übereinstimmung mit Positionen der Wagenknecht-Partei prüfen. Bei mir lag sie höher als gedacht …. Aber doch noch niedrig genug….
Und wo bleibt das Positive? Kultur, die große Trösterin, liefert da zuverlässig. Unlängst auf rbb ein kurzer, schöner Dokumentarfilm über die bekannteste deutsche Streetgang, die ehemaligen türkischen Kreuzberger „36 Boys“, benannt nach dem rauen SO 36-Teil des Kiezes, rund um den Kotti.
Der Film ist auch ästhetisch gelungen, das 40-Sekunden-Intro der ersten Film-Takte setzt das Leitmotiv, laut, rau, lebendig, kämpferisch, bunt. Ich sitze manchmal länger am Kotti, mit türkischem Tee oder Berliner Bier, Wein gibt’s da weniger, lasse die Bilder, die Symphonie eines Kiezes auf mich wirken. Oft hässlich, abstoßend, vor allem, wenn man z. B. gerade aus der Neuen Nationalgalerie gekommen ist. Aber es sind immer lebendige Erzählungen, mit Aura. Kaum Menschen, die der Norm entsprechen. Berlinerinnen fahren hier nur durch und Touris sind höchstens kurz auf Grusel-Sightseeing. Die Mauern hier sind nicht sprachlos im Winde, sie raunen Geschichten
Und wenn dann noch im Film Deutschlands berühmtester Sternekoch Tim Raue erzählt, wie er Mitglied der 36 Boys wurde, also, das hat was …. Sein Lokal liegt nur zwei autonome Steinwürfe entfernt vom SO 36-Herz, der Oranienstr. Eins meiner letzten Dinge, wenn der Arzt mir eröffnet: „Der Monatsletzte ist auch Ihr Letzter“ wäre ein Besuch bei Tim Raue . Es muss ja nicht gleich der 2019er Montrachet Grand Cru für 12.000 Ocken sein….
Das gilt auch für Rock‘ n Roll, siehe Beispiel-Intro hier, 30 Sekunden, bis der Gesang einsetzt (nach hinten raus zuviel Gitarrengegnidel, aber das Intro bleibt …). Die Band kann man im Sommer in der Spandauer Zitadelle begutachten. Pars pro Toto sind die Aussichten doch nicht völlig trübe. Den Scherz musste ich mir einfach gönnen ….
Ei verflixt, was hammer da? Ein pappbenastes Ehepaar!
Gewerkschaftsnarren bis zur Kenntlichkeit verkleidet,
was in mir Übelkeit verbreitet.
Die Nas von der Yasmin vom DGB
Ist fast so blau wie unsre AfD.
Der Michel von der IG BCE
Trägt Klassenkampfes Rot! Juchhe?
Real ist’s damit nicht weit her,
Der Michel ist reaktionär.
Er findet, und ich mach da keine Witze!,
Kohlenergie ganz einfach spitze.
Oben Zeitungsbericht von einer diesjährigen Sitzung hannöverscher Karnevalsterroristen. Die Bildung von auch und gerade terroristischen Banden, und um eine Narrenbande handelt sich ja, ist laut § 129a StGB verboten . Dort heißt es: „Wer eine Vereinigung (§ 129 Absatz 2) gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Verbrechen gegen die Menschlichkeit (§ 7 des Völkerstrafgesetzbuches) … zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft.“
Das oben Geschilderte stellt unzweifelhaft ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Ich war selbst schon undercover auf solchen Sitzungen und was da abgeht, ist unmenschlich. Ergo habe ich Strafantrag gestellt. Ich halte Sie auf dem Saufenden. (Narhalla Marsch )
Übrigens wird im Deutschen bis ins StGB hinein Menschlichkeit und Menschheit verwechselt. Selbstverständlich muss es immer heißen „Verbrechen gegen die Menschheit“. Menschlich handele ich, wenn ich alte Leute über die Straße bringe oder einer Dame aus dem Mantel helfe. Das hat aber nichts mit Mord und Massenvernichtung im Sinne von Menschheitsverbrechen zu tun. Ursache: das englische „humanity“ bedeutet im Deutschen sowohl „Menschlichkeit“ als auch „Menschheit“ und da war den Deutschen angesichts ihrer Vergangenheit in Sachen „Menschheitsverbrechen“ wohl blümerant, deshalb die falsche Anwendung. (StGB 129a an dieser Stelle ist gestrichen, da lag ich falsch.)
Wir beschließen das heutige Elend mit dem schönen Satz aus obigem Artikel von Herrn Anda , ehemaliger Gerhard Schröder-Buddy, rotgrüner Regierungssprecher, stellv. Bild-Chefredakteur, Pressehure beim AWD-Gauner Maschmeyer: „Der Karneval bringt Menschen zusammen und erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl.“
Das haben die Nürnberger Reichsparteitage auch.
Und was lief noch so früher beim Karneval: Der Nürnberger Rosenmontagszug 1938 stellte einen am Galgen baumelnden Juden dar.
Damit Sie, liebe Leserinnen, angesichts meiner Ein- und Auslassungen nicht völlig Trübsal blasen, was Fröhliches zum Schluss, eine Karnevalsaktion vom Oberscherzkeks, auch als Satire-Titan und Blödel-Barde bekannt, von 2012.
Das einzige Format, was ich mehr als einmal komplett angesehen habe, ist „Das perfekte Dinner“ . Das würde ich auch nicht als Trash bezeichnen, vielmehr ist es eine kommunikative Idee, unterschiedliche Leute zum Kochen und Essen zusammen zu bringen, die sich vorher nicht kannten. Die dafür zuständige Castingagentur ITV Studios Germany produziert unter anderem auch „Das Dschungelcamp“ und rief nach erfolgreichem Telefoncasting noch Jahre später bei mir an, wenn die Sendung wieder in meiner Heimatstadt gedreht wurde, ob ich nicht Lust hätte, dabei zu sein. Kein Wunder, hatte ich beim Interview doch drauflos schwadroniert, dass ich begeisterter Anhänger der molekular inspirierten Küche eines Ferran Adrià sei (Damals schwer in Mode) blablabla riesengroße fünfundvierzig Quadratmeter große Küche mit Veranda zum Garten hin, in dem eigene und zeitgenössische Plastiken ihr Domizil gefunden haben blablabla ich würde als Kabarettist und Künstler ein Feuerwerk der Kochinszenierung abbrennen … . Wenn ich nicht vorher meine Küche abbrenne, hahaha….“ Humor kommt immer gut an.
Ich hatte leider nie Zeit. Respektive mache ich mich für maximal tausendfünfhundert Euro Gewinn bestimmt nicht zum Hanskochwurst der Nation.
Falls Sie, liebe Leserinnen, Lust und Interesse haben, sich für TV Castings zu bewerben, ich coache Sie gerne, einfach melden, und dann geht’s online los. Es gibt ein nur zwei grundsätzliche Regeln: 1. Wahrheit und Kompetenz spielen keine Rolle. 2. Sie müssen drei Eigenschaften besitzen: Unterhaltsam sein, unterhaltsam sein, unterhaltsam sein.
Wenn Sie im Casting erzählen, Sie seien naturlieb und würden gerne lesen und vom Gewinn eine Urlaubsreise finanzieren, sind Sie sofort aus dem Rennen. Niemand will im TV die Trost- und Phantasielosigkeit der eigenen Existenz gespiegelt sehen. Wenn Sie dagegen erzählen, Sie besitzen den einzigen Witz-Verleih der Welt und würden mit einem möglichen Gewinn Ihre vor Jahren abgerissene eigene Kleinkunstbühne wieder aufbauen, können Sie so dumm wie Dosenbrot sein: Sie werden sofort Kandidatin für jedes TV-Format.
Bei der Lektüre meines Manuskriptes zu „Bauer sucht Frau“ und anderem TV-Müll von 2012 ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Natürlich gab es auch damals schon Kriege und Krisen, die Lehmanpleite mit der schweren globalen Finanzkrise wirkte noch nach . Aber wir waren nicht im Dauerzustand permanenter, sich überlagernder und gegenseitig verstärkender Polykrisen, Kriege waren weit entfernt und Seuchen ein Thema für Science-Fiction-Filme . Jetzt haben wir Armut ohne Ende, Rezession, Inflation, der Russe marschiert demnächst ins Baltikum ein, bei uns gibt’s dann Mobilmachung und die nächste Monsterseuche kommt sicherer als das Amen in der Kirche
2012 waren wir Teil der Documenta. . Dass die 10 Jahre später im Antisemitismus-Sumpf versinken würde, war damals kaum vorstellbar. Und mittlerweile ist Faschismus eine reale Gefahr.
Demzufolge ist das Manuskript durchaus unterhaltsam, aber zu unkritisch, zu lau. Der Kapitalismus – und dazu gehört die Verblödungsindustrie an hervorragender Stelle – ist dauerkrisenbedingt in den letzten Jahren offensichtlich in ein neues Stadium geraten, für das wir erst in der Retrospektive einen Begriff finden können. Ist jetzt schon Endzeit? Der radikalen Entwicklung des letzten Jahrzehnts muss eine radikale Kritik der bestehenden Verhältnisse folgen. Ob die was ändert, ist eine andere Frage. Aber ohne die ändert sich nie was.
2012 – 2024 …. Bleibt die Frage: Worüber reden wir in weiteren 12 Jahren?
Bei aller kritischen Medienperspektive im Rahmen meiner Casting-Interventionen, die ich als Kunstprojekt deklarieren würde im Sinne einer sozialen Plastik : Das Ganze hat einen Riesenspaß gemacht und war ein unbezahlbares Training im Erwerb kommunikativer Kompetenz. Das war die Hohe Schule der Improvisation, vergleichbar nur mit Üben im Ernstfall, nämlich beim Kabarett live auf der Bühne. Getreu dem alten Mucker-Motto: Wer übt, ist feige.
Unser ganzer Alltag, so strukturiert er auch sein mag, ist eine unablässige Folge von Improvisationen, also der permanenten, meist blitzartigen, Entscheidung zwischen mehreren Varianten die Bestmögliche zu wählen. In einem Vorstellungsgespräch, beim Smalltalk, beim Flirten, einer Podiumsdiskussion, beim Bestattungsunternehmer, überall müssen Sie meist in Lichtgeschwindigkeit einen oder mehrere Schalter umlegen können. Und das sind nur reine Gesprächssituationen. Wenn wir das ganze nonverbale Gedöns mit einbeziehen, wird’s unendlich. Und Improvisation wirft einen ungefilterten Blick in das Innere. Erkenne Dich selbst durch Improvisation …
Bei „Bauer sucht Frau“ war ich auf meinem Zenit. Und antwortete auf die Frage, wie ich mich selbst beschreiben würde, wie folgt ….
Ich hatte Oberwasser, war mit mir im Reinen und fand es an der Zeit, noch mehr meiner positiven Eigenschaften ins rechte (demnächst Scheinwerfer-?) Licht zu rücken: „Ich bin jedenfalls keiner dieser normal maulfaulen Eichsfelder, die schon erschöpft sind, wenn sie „Guten Morgen“ gewünscht haben. Ich unterhalte mich gerne und interessiere mich für Kultur.“ Fehlte nur noch eins: „Was ist Ihr Lieblingsgericht?“
Endlich mal in die Nähe der Wahrheit ….: „Kohlrouladen. Mit Schokoladenpudding hinterher.“
Da war aber noch was: “Womit könnte Sie Ihre zukünftige Bäuerin überraschen“?
Souverän spielte ich die Kulturkarte aus: „Mit einer Eintrittskarte für das Stadttheater Göttingen, wenn Christine Neubauer da auftritt.“
Schon wieder die Doppel-D-Diva …
Göttingen ist die größte Stadt in Eichsfeldnähe und hat tatsächlich ein Theater, wie ich im Nachhinein feststellte. Oh glückliches Deutschland, das Du Deine Regionen noch so üppig mit subventionierten Kultureinrichtungen versorgst! Da erbleicht der Angelsachse vor Neid.
Abschlussfragen, was ich denn am bäuerlichen Dasein so schätzte, meisterte ich ebenso souverän wie die, welche Arbeit ich denn nicht mögen würde. Ich spendierte mir flugs einen Wald und daher: „Holz fällen. Das ist mir zu gefährlich, da braucht man Erfahrung. Wenn da mal ein Ast auf Spannung steht und falsch angesägt wird, dann ‚Gute Nacht, Christine’.“
Wir näherten uns dem Ende, nie hatte mich ein Auftritt oder Casting mehr gefordert: „Wie sind Sie denn bei der Suche nach einer Frau auf ‚Bauer sucht Frau’ gekommen?“
Mittlerweile hatte die gespielte Rolle mein wahres Ich geentert, ich war eins mit dem Bauern in mir und ehrlich erstaunt: „Aber das ist doch ein gängiges Verfahren.“
Danach ging es überwiegend ums Procedere, ich müsste einverstanden sein, dass ein Kamerateam uns zehn bis zwölf Tage begleiten würde und bis Drehbeginn Stillschweigen bewahren.
Eine Frage wurde allerdings ausführlicher als alle anderen diskutiert und kam offensichtlich nicht unabsichtlich zum Schluss:
„Wie sehr sind Sie von der Meinung anderer abhängig?“
Mir war klar, worauf das zielte: In diesen Doku Soaps und Casting-Shows werden Menschen vorgeführt, mitunter vor Millionenpublikum zum Narren gemacht und gedemütigt.
„Wie sehr sind Sie von der Meinung anderer abhängig?“
bedeutet: Mach Dir klar, dass das Leben nach Deinem Fernsehauftritt weitergeht, dass Du auch zukünftig in Deinem Dorf leben musst, dass Du Dich vor Millionen zum Deppen machen und von Deinem sozialen Umfeld mit Häme und Spott überzogen werden kannst und als Konsequenz behandlungsbedürftige psychische Probleme kriegst, wie es bei „Bauer sucht Frau“ schon passiert ist. Dieser Teil des Telefoncastings war wie eine Aktennotiz, die man im Geschäftsleben anfertigt, um im Pannenfall später dokumentieren zu können:
„Der Proband wurde auf die Folgen seines Handelns hingewiesen.“
Die Macht der Bilder ist natürlich größer als gesprächsbasierte Aktennotizen. Mir ist es ja auch egal, ob ich mich im TV zum Affen mache, obwohl ich das Prinzip der Verblödungsindustrie kritisch-intellektuell bis in die letzten Wirkmechanismen so durchdrungen habe, dass es anno 68 bei Adorno für eine Doktorarbeit gelangt hätte.
Eine Woche nach dem Telefoncasting hatte ich einen Anruf der DEF Media auf meinem Anrufbeantworter, in dem um Rückruf in Sachen Termin für ein Kameracasting auf meinem Hof gebeten wurde.
Ich zog die Reißleine und sagte höflich per E-Mail ab, ich hätte auf natürlichem Wege die Bäuerin meines Herzens gefunden.
Ich hatte noch viel Arbeit vor mir. Auf mich warteten „Tine Wittler – Einsatz in vier Wänden“, „Peter Zwegat – Raus aus den Schulden“, „Vera Int-Veen – Verzeih mir“ und „Helena Fürst – Anwältin der Armen“.
In die Medien, gerade auch die sozialen, setzten Generationen von Linken und Alternativen große emanzipatorische Hoffnungen, fast so wie auf eine ökonomische Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft. Dahinter steckte die große ungelöste Frage aus Zeiten, als es noch eine nennenswerte Linke gab: Ist der neue, bessere, aufgeklärte Mensch die Voraussetzung für eine revolutionäre Umwälzung oder schafft diese erst den neuen Menschen?
Kritische Medientheorie knüpfte an den Doppelcharakter von Medien an. Zitat: „…. (Medien haben…) sowohl einschränkende wie auch befreiende Elemente. Einerseits übernehmen die elektronischen Medien in der modernen Gesellschaft immer mehr „Steuerungs- und Kontrollfunktionen“, andererseits durchbricht ihre technische Struktur bisherige Beschränkungen. Da elektronische Medien die Information beliebig reproduzierbar und allgemein zugänglich machen, durchbrechen sie auch soziale Barrieren: „Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär.“
Das stimmt, nur leider hatten die Genossen nicht bedacht, dass das Egalitäre zunehmend darin besteht, dass alle gleichberechtigt senden und empfangen, allerdings auf niedrigstem Niveau rumpöbelnd und dummes Zeug verbreitend.
Hier weiter mit dem Bauern seine Antwort auf die Frage, wie denn wohl sein Tagesablauf aussehe:
Unveröffentlichtes Manuskript, Kapitel 4 „Bauer sucht Frau“. Auszug, Teil 3:
„ …. Woher sollte ich das wissen. Bin ich Bauer?
„Ich frühstücke erst mal.“
Zeit gewinnen. Aber frühstücken kann ich ja schlecht den ganzen Tag, ergo trieb mein Gegenüber den Gesprächsfluss voran:
„Prima. Und dann geht es also los…“
Sie rettete mich mit einem Meta-Ebenen Einwurf: „Wenn ich manchmal nicht antworte oder nichts sage, das hat nichts weiter zu bedeuten, das liegt daran, dass ich mir Notizen mache.“
„Ich auch“,
rutschte mir heraus, was zwar logisch war, weil Lügen kurze Beine haben, die unbedingt per schriftliche Notizen verlängert werden müssen, was allerdings zu Irritationen führen könnte. Aber dieses Intermezzo hatte mich erstmal gerettet. Mir fiel ein, was jeder Bauer mit Rindviechern morgens macht: „Ich melke die Kühe.“
Na also, geht doch, so schwer ist das Bauernleben gar nicht und ich kam in Fahrt:
„Das müsste später aber die Bäuerin übernehmen, gerade in der Erntezeit. Aber damit das klar ist, das ist kein Öko- Hof. Bei uns hat nicht jede Kuh ihren Namen und wir nehmen auch keine Kälber zum Kuscheln mit ins Schlafzimmer. Wenn es soweit ist, kommen die alle zum Schlachter und dann heißt es ‚Schlachter, den Bolzen’ und peng!.“
Das saß, Treffer ins Schwarze. Von da an war ich in Hochform. Frage:
„Was wären denn die Aufgaben der zukünftigen Bäuerin?“
Ich erschuf sofort einen 1.200 Quadratmeter großen Gemüsegarten, nebenan Ziegen und Gänse, in dem sich die Bäuerin von früh bis spät tummeln könnte:
„Perspektivisch wollen wir da einen Hofladen aufmachen, für Durchreisende und Touristen. Auch mit einer Streichelwiese mit Ziegen und Schafen.“
Wenn ich bei meinem Programm auf der Bühne nur halb so gut improvisieren würde …
„Wie soll Ihre künftige Bäuerin denn aussehen und welche Eigenschaften soll sie mitbringen?“
„Wie Christine Neubauer.“
Ein gequältes Stöhnen am anderen Ende. Das war in meinen Ohren die halbe Casting-Miete in Sachen Bauernhof, von dessen realer Existenz ich mittlerweile selbst überzeugt war. Ich hatte ein derartiges Vertrauensverhältnis zu meiner Interviewerin aufgebaut, dass sie die neutrale Ebene verlassen hatte und wertend wurde. Ich ließ die öffentlich-rechtliche Möpse-Quotenkönigin Neubauer so nicht auf mir sitzen: „Wieso denn nicht?! Einen Hungerhaken kann man auf einem Bauernhof nicht gebrauchen, da muss was dran sein, damit sie auch anpacken kann. Und rauchen darf sie auch nicht, ich will keinen Aschenbecher knutschen.“
„Wer will das schon.“
Jetzt hatte ich offensichtlich nicht als Bauer, sondern persönlich bei ihr verschissen. Das war mir auch nicht recht, deshalb zog ich die Frauenversteher-Karte und revolutionierte mit einem Satz die über Jahrhunderte gewachsenen Geschlechterverhältnisse im Eichsfeld: „Meine Frau kann ruhig ihren eigenen Willen haben.“
Zu revolutionär wollte ich aber auch nicht erscheinen, ich war ja kein alternativer Öko-Softie und setzte der freien Willensentfaltung eine klare Grenze:
„Aber sie darf nicht das ganze Dorf rebellisch machen und meinem Clan erzählen wollen, wie man alles besser macht. Wir wissen selber seit 500 Jahren wie das geht. Da kann sie gleich ihre Koffer packen.“
Meine Interviewerin wollte nun genauer wissen, was für eine Persönlichkeit der Nebenerwerbslandwirt war, den es da auf seine alten Tage back to the roots zog: „Wie würden Sie sich selbst beschreiben?“
Die wirtschaftliche und politische Macht der Medienkonzerne lässt sich natürlich nicht durch bloßes Einlassen auf die abgefeimten Castingmühlen der Bewusstseinsindustrie erkennen. Dazu bedarf es Statistiken und Kenntnis grundlegender Analysen der Kulturindustrie, auch Bewusstseinsindustrie genannt. Hier die 50 größten Medienkonzerne weltweit, aus der Liste lässt sich erkennen, dass die branchenübergreifenden Verflechtungen enorm sind, Amazon liegt mit seinem Medienanteil von ca. 70 Mrd. auf Platz 8 (Die ARD liegt hier übrigens auf Platz 33), ist aber mit seinem Gesamtumsatz von 513 Mrd. Euro über alle Geschäftszweige das viertgrößte Unternehmen der Welt. In Deutschland betrugen die Gesamtumsätze der Unterhaltungs- und Medienbranche im Jahr 2021 rund 63,5 Milliarden Euro. Damit gehört sie zu den 10 größten Branchen, Platz 1 Kraftfahrzeugbau mit 407 Mrd., Platz 4 Ernährung (Bauer!) 168 Mrd.
Politisch ist die Bedeutung der Bewusstseinsindustrie auf das gesellschaftliche Klima und Verhalten gar nicht hoch genug einzuschätzen. Nicht umsonst steht im Mittelpunkt der politischen Machtergreifungs-Strategie der AfD die kulturelle Hegemonie in Staat und Gesellschaft. Zentraler Aspekt dabei ist die Delegitimierung der öffentlich-rechtlichen Medien. Eine der ersten Amtshandlungen von Björn Höcke als MP in Thüringen wäre die Kündigung des Medienstaatsvertrages und damit das Ende des MDR.
Hier aber erstmal weiter mit meiner erfolgreichen Bewerbung bei „Bauer sucht Frau“ als Agrarier aus dem zauberhaften südniedersächsischen Eichsfeld:
Unveröffentlichtes Manuskript, Kapitel 4 „Bauer sucht Frau“. Auszug, Teil 2:
„ … Dass ich aus dem Eichsfeld stamme, stimmte, der Rest war gelogen. Ich bin derartig urbanisiert, dass ich kaum Kartoffeln von Weizen im gepflanzten Zustand unterscheiden kann und selbst für die im Melkfalle überlebensnotwendige Unterscheidung zwischen Kuh und Bulle Wikipedia zu Rate ziehen müsste.
Bei „Bauer sucht Frau“ sollte ich aus drei Kandidatinnen, die maximal eine Woche zu mir auf den Hof kommen sollten, eine auswählen. Bei diesem Format wird wahrscheinlich noch mehr gelogen und getäuscht als bei allen anderen Doku-Soaps.
Die DEF media verabredete ein zweistündiges Telefoncasting mit mir, noch bevor ich Ganzkörperfotos (nackt??) beim Rebschnitt oder mit (Heu?)-Gabel eingereicht hatte.
Sollte ich mich darauf vorbereiten? Ich recherchierte ein paar Sachen wie: Was ist eine plausible Hektargröße für einen Nebenerwerbshof, wie viel Vieh hat so einer, was wird in meiner Region angebaut, aber ich merkte schnell, dass es vom bäuerlichen Blut meiner Vorfahren kein Tropfen in meine Adern geschafft hatte. Ich war überaus desinteressiert und schweifte im Internet nach zwei Links sofort ab, als ich las, dass es bis ins 19. Jahrhundert Hanfanbau im Eichsfeld gab, bevor er durch den profitableren Tabak verdrängt wurde. Waren meine Ururgroßeltern Kiffer und hatten mir das Übel vererbt, war ich also unschuldig im Sinne der Anklage? Der Verdacht ließ sich nicht erhärten, ich stellte die Recherchearbeit ein und verließ mich auf mein Improvisationstalent. Für maximal 3.000 Euro Aufwandsentschädigung, die ein derart von RTL über Focus bis BILD durchs mediale Querverwurstungsdorf geprügelter Bauer für die Aufnahmewoche erhält, würde ich mich sicher nicht für die Zeit des Drehs auf die Suche nach einem Leihhof bei meiner Verwandtschaft machen.
Am verabredeten Tag klingelte das Telefon zur verabredeten Zeit um Punkt 11 Uhr bei mir. Nach der Aufnahme der üblichen persönlichen Daten (Familienstand: ledig. Was sonst?) tastete sich die außerordentlich freundliche Telefoninterviewerin langsam an das Eingemachte. Der Knackpunkt war bei mir das Nebenerwerbsmäßige. Dass zum Beispiel nicht ich, sondern mein Cousin den Mähdrescher fährt, kam nicht so gut an, das merkte ich, also:
„Wenn Not am Mann ist, mache ich es natürlich auch und vieles wird bei uns auch durch Lohndrusch gemacht.“
Lohndrusch, diese Vokabel für Fremdeinsatz von Maschinen bei der Ernte hatte sich bei mir festgesetzt, weiß der Bauer wieso. Das kam am anderen Ende gut an, ich wurde sicherer und drehte auf:
„30 Rinder, 60 Schweine und natürlich Hühner haben wir an Vieh.“
„Wie viele Hühner denn?“
„Genau weiß ich das nicht, wir machen nicht jeden Morgen einen Zählappell, vielleicht fünfzig. Und einen Hahn natürlich.“
„Was bauen Sie denn so an?“
„Weizen, Kartoffeln“, damit macht man nichts falsch, „und Mais natürlich, machen ja wegen Biomasse immer mehr“, ich wurde mutiger und setzte einen drauf, „und Tabak. Das ist eine Nische, da versprechen wir uns für die Zukunft etwas.“
War das zu dick aufgetragen? Bei meiner Nachrecherche stellte sich heraus, dass es gerade mal einen Bauern im ganzen Eichsfeld gab, der Tabak anbaut. Aber seit wann steht „Bauer sucht Frau“ für investigativen Journalismus?
Das alles diente aber offensichtlich nur zum Warming-up, es folgte eine völlig selbstverständliche Frage, die mich umgehend in erhebliche Schwierigkeiten stürzte: „Dann schildern Sie doch einfach mal, wie Ihr Tagesablauf aussieht. Sie stehen morgens auf und dann …?“ …. „
Um 2012 herum bewarb ich mich bei diversen TV-Trash und Quiz-Formaten als Kandidat. Einige dieser Bewerbungen waren erfolgreich. Die Bewerbungen waren den Formaten angemessen von vorne bis hinten erstunken und erlogen, immer professionell auf den jeweiligen Format-Bedarf hin designt.
Über diese Erfahrungen, in Verbindung mit zwei anderen Erzählsträngen, habe ich ein Manuskript geschrieben und Verlagen angeboten. Einige waren nach dem Exposé interessiert, der zu Klampen Verlag wollte es veröffentlichen. Letztlich kam es nicht dazu. Das Werk schlummerte auf meiner Festplatte vor sich hin. Neulich kam mir der Gedanke, es als E-Book zu veröffentlichen. Um die Resonanz zu testen, veröffentliche ich hier im Blog regelmäßig ab heute Auszüge daraus. Anhand der Klickzahlen sehe ich, wie das ankommt.
Bei den Formaten handelte es sich um noch existierende Klassiker wie „Das perfekte Dinner“ oder „Bauer sucht Frau“, aber auch vergangenes wie „Tine Wittler – Einsatz in vier Wänden“, „Peter Zwegat – Raus aus den Schulden“, „Vera Int-Veen – Verzeih mir“ und nicht zuletzt „Helena Fürst – Anwältin der Armen“. Alles zynische, sozialpornografische Geschichten, bei denen das Medium wahre Menschen und echte Bedürfnisse ausbeutet, aussaugt, zermahlt und als leere Hülle wieder ausspuckt.
Diese Zäsuren trugen mit dazu bei, dass wir zunehmend eine Gesellschaft von infantilen, aggressiven, pöbelnden Dauer-Erregten sind, ein demokratiebedrohender Prozess, der faschistoide Züge annimmt. Daran sind Medien als Ausdruck eines Kapital- und Herrschaftsverhältnisses nicht alleine, aber mit Schuld.
Wie laufen solche Mechanismen ab, wie produzieren Medien, welche Menschen arbeiten dort, was macht ihre Faszination und Wirkmächtigkeit aus. Darüber kann man Bücher lesen, um es zu begreifen. Oder man macht es selber. Der Unterschied ist wie beim Schwimmen: Man lernt es am besten, wenn man ins Wasser springt und nicht durch Bücherlesen.
Mein Lieblingsformat war „Das perfekte Dinner“, neben Quizsendungen dass am wenigsten zynische Format. Die riefen noch jahrelang nach meinem erfolgreichen Telefoncasting bei mir an, wenn sie in Hannover Station machten und wollten mich als Kandidaten. Ich hatte leider gerade immer andere Termine. Für die möglichen paar Euro Gewinn mache ich mich nicht zum TV-Narren, da steht die Messlatte höher.
Am lustigsten war das erfolgreiche Casting zu „Bauer sucht Frau“. Dazu die Auszüge hier. Das Procedere ist immer gleich. Man bewirbt sich bei Castingfirmen, sowas produzieren die Sender nicht selbst, wie Fameonme, , die melden sich dann irgendwann, wenn es passt. Und dann geht es los ….. Also hier geht’s los
„ ….. Der Sommer machte keine Pause. Meine Erfolgsserie bei Castings auch nicht. Ein paar mediterran angehauchte Tage später erhielt ich von der für RTL castenden Firma DEF Media GmbH eine E-Mail:
„Betreff: Ihre Bewerbung bei „Bauer sucht Frau“
Vielen Dank für Ihr Interesse an „Bauer sucht Frau“!
Für eine vollständige Bewerbung benötigen wir folgende Informationen/Unterlagen:
– Ihre Telefonnummer
– zwei Fotos (1 Portrait & 1 Ganzkörperfoto)
– sehr gern in Arbeitskleidung und Bilder während ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit (auf dem Traktor, mit Ihren Tieren, beim Füttern, mit Gabel o.ä., beim Rebenverschnitt…)
Schicken Sie die Unterlagen an diese Emailadresse casting@def-media.com oder per Post an nachfolgende Anschrift.
DEF Media GmbH
c/o Berliner Union Film
Oberlandstr. 26-35
12099 Berlin
Wir werden uns dann demnächst mit Ihnen in Verbindung setzen.
In der Oberlandstraße 26 bis 35 sitzt die Berliner Union-Film, ehemals die legendäre UFA. Hier wurden in den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts Filmmythen realisiert wie beispielsweise „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Der blaue Engel“ und einer der ersten Farbfilme überhaupt, „Münchhausen“ von 1943, mit barbusigen Haremsdamen. Barbusige Haremsdamen 1943, das dürfte in der Faszinations-Choreographie übertragen auf heute nur noch von einem Blowjob in der Tagesschau übertroffen werden.
Heutzutage also „Bauer sucht Frau“. Immer noch besser als der UFA-Durchhaltefilm „Kolberg“ des Antisemiten Veit Harlan, der vor deutschen Truppen in der von Alliierten umzingelten Atlantikfestung La Rochelle noch am 30. Januar 1945 uraufgeführt wurde.
Meine Bewerbung hätte selbst den UFA-Münchhausen vor Neid erblassen lassen:
„Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
hiermit bewerbe ich mich für die Sendung „Bauer sucht Frau“. Ich stamme aus Bilshausen im Eichsfeld, aus einer alteingesessenen Familie. Ich pendle zwischen Hannover und dem Eichsfeld, wo ich zurzeit noch Nebenerwerbslandwirt bin. Ich bin dabei, meinen Lebensmittelpunkt als Vollerwerbsbauer ins Eichsfeld zu verlegen. Ich bin noch ledig, ein Zustand, den ich ändern möchte. Wenn ich zurück in die Heimat meiner Vorfahren kehre, möchte ich auch innerlich sesshaft werden. Das unstete Leben in der Stadt ist mir in letzter Zeit zuviel geworden, aber ein bisschen hänge ich noch dran, deshalb wähle ich auch diesen Weg über das Fernsehen.Meine zukünftige Frau muss keine Schönheit sein, sie muss sich auch nicht in der Landwirtschaft auskennen, aber es wäre schön, wenn sie den Willen zum Anpacken mitbringt. Sie sollte gerne kuscheln, sie muss kein Abitur haben und zu viel diskutieren sollte sie auch nicht, Charakter ist auf dem Lande wichtiger. Mit den Nachbarn auszukommen, ist wichtig. Mir haftet in meinem Dorf immer noch der Ruf des Stadtfracks an, weil mein Hof nicht die Hektargröße der anderen Großbauern hat. Das ändert sich durch Zupachtung und mit den Nachbarn kommt man besser aus, wenn man zu zweit ist.“
Schild Fiasko, Ex-Szenekneipe in Hannover. Ein paar Meter weiter droht das „Debakel“. Beide Namen sind kein Produkt der Polykrisen der letzten Jahre, sondern teils deutlich älter. Sie offenbaren eine schwer eschatologische Weltsicht, in der Armageddon ein Sehnsuchtsort der sie besuchenden Klientel zu sein scheint. Pragmatischer sind da Kreuzberger Szenekneipen vom Namen her aufgestellt, sie machen einen Teil ihres Geschäftsmodells zum Namen wie: Trinkteufel und Jodelkeller, nach dem Trinken wird gejodelt. Der Jodelkeller trägt eine weitere Komponente des psychologisch bedingten Erfolgs von „Kneipe“ in sich, als Ort von Zuflucht, Sehnsucht, Geborgenheit. Neben dem „Keller“ fällt mir da spontan die immer noch existierende Fiasko-Schwesterkneipe „Grotte“ ein. Weitere Kneipennamen, die dunkle Hohlräume im Namen tragen, sind z. B. „Bieberer Stollen“ oder „Zur Höhle“.
Gemeinsam ist allen Kneipen der ständige Zustrom nährender Feuchtigkeit, oft mit der Folge eines sich ausweitenden ozeanischen Glücksgefühls (mit nachfolgendem Kater), die Abgeschlossenheit vor der Welt da draußen, der Wunsch, alles möge so bleiben wie es ist, und eine vorwiegend männliche Klientel, die sich tendenziell eher regressiv verhält. Der Austritt aus diesem Ort ruft ein Art Trauma hervor. Wer hätte nicht schon draußen vor der Tür in den Rinnstein gekotzt?
Man muss kein Meisteranalytiker sein, um die Analogie von Kneipe und Uterus zu erkennen, und ich gehe nicht davon aus, dass ich der Entdecker dieser psychoanalytischen Komponente von „Kneipe“ bin, einer Analogie, die einen großen Teil ihres Erfolges ausmacht. Ich hab das sicher auch schon mal hier thematisiert, aber da der Blog mittlerweile seit über 15 Jahren existiert und sich nicht gerade durch strukturierte Datenbanken auszeichnet, ist ein Wiederfinden eher aussichtlos.
Fiasko und Debakel sind auch Synonyme für eine grottenschlechten Klimapolitik, mit der auf Teufel komm raus die Umwelt zuschanden geritten wird, auf dass nach dem Klima-Armageddon die, die überleben, nur noch in Höhlen und Kellern hausen.
Allerdings ist die herrschende Klimapolitik nicht nur im Interesse der Herrschenden, die sich von Umweltmäkeleien nicht ihr kurzfristiges Profitmodell zerstören lassen, sondern auch demokratischer Ausdruck des Willens der Mehrheit der Bevölkerung. Siehe Fliegen.
Der Mob (Autor eingeschlossen) will nach der Pandemiepause fliegen, koste es, was es wolle, weiter noch als alle Fliegen. Die Buchungszahlen explodieren, die Lufthansa hat sogar ihren A380 wieder ausgemottet. Der verbrät 80 % mehr CO2 als die ähnlich große A350. Ein paar A380 fliegen zwar mit Speiseöl, aber das regnet auch nicht vom Himmel, und kommt im Zweifel von Flächen, die sonst der Ernährung von Eingeborenen dienen. Außerdem werden zunehmend tierische Fette verwendet und da freut sich die vegane Genossin beim „Kuba si!“-Flug, wenn dabei ein Dutzend Schweine durch die Düsen gejagt werden. Fliegen bis 2050 klimaneutral? Kein Problem, dann müssen wir bis dahin nur Klimaneutralität anders definieren.
Wir haben es offensichtlich mit einem Dilemma zu tun: Mit den Mitteln der Demokratie ist die Klimafrage nicht zu lösen.
Demokratie verstanden als Herrschaftsform, in der die Mehrheit entscheidet, und die dazu dient, die unauflöslichen Klassengegensätze zwischen Kapital und Arbeit, Arm und Reich, im Sinne der Herrschenden zu moderieren. Was am Ende zunehmend zu ihrer allmählichen Abschaffung führt, Demokratie ist eine weltweit verschwindende Herrschaftsform. Sie bietet also nicht die unabdingbaren Voraussetzungen für ihren Erhalt. Noch ein Dilemma. Aber was für eins! Wir leben offensichtlich im Zeitalter des Dilemmas.
Es gibt einige Bezeichnungen für die gegenwärtige Epoche: Postmoderne, Anthropozän, ihnen ist gemein, dass sie chronologisch eine Abfolge beschreiben. Dilemma-Zeit ist insofern treffender, weil es analytisch die Funktionsweise beinhaltet, unsere Epoche (dis-)funktioniert auf der Basis von Dilemmata.
Der Begriff wird sich nicht durchsetzen. Auf mich hört ja kein Schwein.