
Oranienstr., Zentrum des Kreuzberger Hardcore-Kiezes SO 36. Das war und ist nicht meine Lebenswelt. Punk, Anarchie, Militanz, bei aller Sympathie für andere, radikale Lebensentwürfe haben die Styles und Codes, die da herrschten, nicht so viel mit meinem Alltag zu tun. Demzufolge hing ich früher da auch eher selten ab, im Dreieck zwischen Rio-Reiser-Platz, Oranienstr., Mariannenplatz und Kotti. Und wenn doch, kam ich mir mitunter vor wie beim unangemeldeten Eindringen in ein Kinderzimmer, ähnlich wie bei Konzerten, wo man merkt, dass man eher zu den Gesichtsältesten gehört.
Heuer war das anders. Des Öfteren leitete der Gott des Flanierens meine Schritte dorthin, auch zum Verweilen, Auf- und Abschreiten, Begutachten der Auslagen, Graffiti, Transpis, Plakate. Bei aller Digitalisierung sind Plakate mein zentrales Informationsmedium in Berlin. Erstens sind sie mitunter ästhetische Offenbarungen und zeigen den Weg des Designs in der Restrepublik der nächsten Jahre und zweitens wüsste ich kaum, wo nach was in Berlin im Internet zu suchen, die überwältigende Fülle des Angebots ist so erschlagend. Außerdem glotz ich schon genug auf mein Handy.
Ich fühle mich also wohl in der Oranienstr. und sie wird mir jetzt irgendwie fehlen. Wie kömmt’s?
Liegt wohl an den überwältigenden Krisenzeiten, die das Hier und Jetzt der kahlen Realität grauer, nackter Mauern, auf denen in flammendroter Menetekelschrift steht: Alles wird Scheiße, so schwer erträglich macht.
No future, selten passt das Motto der Sex Pistols in der wundervollen Hymne „God save the Queen“ so gut wie heuer. Klima, Corona, Inflation, Energie, Krieg, Rechtsruck am laufenden Band weltweit, Armut, Migration, weltweite Verelendung, ich hab bestimmt jede Menge vergessen, reicht auch so schon.
Da ist das Aufscheinen einer anderen, besseren möglichen Welt, wie sie in der Oranienstr. aussieht, Labsal. Freundlich, friedlich, bunt, kreativ, solidarisch, kämpferisch, ich wüsste gar nicht genau, wie ich diese mögliche Welt, die da vielleicht am Ende der Straße auf dem Foto liegt, genau benennen sollte, und die Protagonisten dort wüssten es auch nicht. Zumal viele davon Touris sind, von den Eingeborenen gehasst wie die Pest, weil die die Hauseingänge vollkotzen und scheißen, keinen Respekt vor der Hood haben und die Preise treiben.
Egal, dass eine Möglichkeit als Schimmer, als Morgenröte am Horizont der Geschichte überhaupt existiert, ist schon mal ne feine Sache.
Und so saß und flanierte ich da des Öfteren, peinlich drauf achtend, den Rucksack zuhause zu lassen, I am not a Tourist, I live here, sammelte Eindrücke, Impulse, schimpfte auf die Rollkoffer-Asis, die den Pflasterstrand vollklackerten, und ließ mir die Sonne auf dem Pelz brennen.
Hier nun Auszüge aus dem Queen-Requiem der Sex Pistols, von wegen No future und so:
God save the queen
The fascist regime
They made you a moron
A potential H bomb
God save the queen
She’s not a human being
and There’s no future
No future
No future for you
11.09.2022 – Verrückte Welt

Britische Botschaft, am Morgen nach dem Tod der Königin. Jetzt dürfte da das notorische Blumenmeer liegen. Mich interessierte, was sind das für Menschen, die da in echter Trauer Blumen ablegen, sogar Tränen vergießen. Sie kennen die Tote doch nur medial vermittelt. Was hatte die Frau mit ihrem Leben gemein? Ich finde dieses Promi betrauern verstörend. Ausweis einer Entfremdung eigener Gefühle. Als ich die Blumen im Detail fotografierte, stürzten sich mehrere Kamerateams auf mich. Viel Betrieb war noch nicht und die wollten ihre Statements. Ich äusserte meine Verstörung. Reporter:“ Aber die Frau hat doch viel bewegt.“ „Sie hat nichts bewegt. Brexit, Inflation, Energiekrise, Verarmung, was hat die Frau da bewegt? Nichts.“
Was ich mir verkniff: Nie ein Wort des Bedauerns darüber, dass der Reichtum ihrer Gang über Jahrhunderte mit Blut, Schweiss und Tränen aus ihren Untertanen und den Kolonien zusammengeraubt wurde. Das verkniff ich mir aus Pietät.
Und hier trauern Millionen Bekloppte und die Medien verfallen in kollektive Begeisterungshysterie über die Verblichene. Sie wäre so stoisch gewesen. Toll.
Was für eine verrückte Welt.
Nur einer normal. Nächste Woche erfahren wir, wer.
Stunden später, bei mir umme Ecke. Fußgänger und Radfahrer kriegen sich auf Bürgersteig in die Flicken. Der Fußgänger beleidigt den Regelverletzer mit nicht zitierfähigen Ausdrücken. Der, Typ Pensionär, hyperventiliert in Richtung Herzinfarkt und brüllt durch den Kiez:
„Primitivling! Ist das Dein Niveau, Du Schöneberger Schwuchtel?“
(Schöneberg ist das queere Epizentrum nicht nur Berlins).
Ich hab Zuhause noch Tränen gelacht.
Berlin macht einem den Abschied wirklich nicht leicht.
10.09.2022 – Achtung, Achtung! In diesem Winter können Sie Ihre Handys nicht mehr aufladen!

Coronaschwurblerdemo vor dem Reichstag. Stiernackige Nazis von der Antisemiten-Partei „Die Basis“.

Aber auch alternatives Milieu, Friedensfahnen, Müslis, Esos. Nichts neues, aber insofern brisant, als die soziale Frage viel deutlicher im Vordergrund stand. Tenor der Rede, ich hab mir nur eine angehört, mehr geht bei allem dokumentarischem Willen nicht: Die Regierung versagt nicht nur bei Corona, sondern auch in anderen Krisen wie Inflation, Armut etc. Das Milieu ist also flexibel, anschlussfähig, reaktionsschnell, auch kreativ, wie man sieht. Wenn die Zivilgesellschaft da nicht langsam auf breiter Basis in die Hufe kommt und gegenhält, öffentlich, deutlich, dann sammelt dieses antidemokratische Milieu ruckzuck Massen von Frustrierten, Wütenden, Angstgetriebenen ein.
Noch ist es sommerlich, heiter. Noch. Der Deutsche Städte- und Gemeindetag prognostiziert für den Winter Stromausfälle. Allein die Hunderttausende Heizlüfter im Betrieb, wenn Gasheizungen schlapp machen, lassen ein Netz nach dem anderen unter diesen kumulierten Krisenbedingungen in die Knie gehen. Stromausfall heisst unter anderem: Handys können nicht mehr geladen werden.
Was dann in unserer Gesellschaft los ist, möchte ich mir nicht vorstellen.
09.09.2022 – Zwei Zimmer, 1.300 Euro

Aushang Yorckstr. Kreuzberg. Wer wollte dem Paar nicht alles Gute wünschen, und einen Rechtschreibkurs für den Grundschullehrer. Stadtsoziologinnen können auf dem Sektor vielleicht eher mal Viere gerade sein lassen. Die Beiden gehören sicher dem Lager der Guten an, wählen beide grün, er vegetarisch, sie vegan, Mitglieder bei Greenpeace, sympathisieren mit Fridays for future und unterschreiben beim Volksbegehren für bedingungsloses Grundeinkommen. Vielleicht finden sie eine Zweizimmer-60 qm-Wohnung zu dem Kurs hier in der Gegend, also über 20 Euro pro Quadratmeter.
Für die Mieter*innen unseres Hauses liest sich der Aushang allerdings wie eine Bedrohung. Hier liegt die Miete teilweise noch unter dem Mietspiegel, was in Gegenden wie Kreuzhain, Prenzlauer Berg, Mitte etc. so selten ist wie ein Einhorn. Dieser Aushang macht deutlich, dass in Gentrifizierungsquartieren die Mieten um ein xfaches über unseren liegen. Da unser Haus zum Verkauf ansteht, ist das für alle Mieter*innen eine existenzielle Bedrohung, täglich vor Augen geführt durch Aushänge wie oben, der zeigt: da geht die Reise hin nach Modernisierung.
Widerstand regt sich. Wie er enden wird, steht leider zu vermuten. Aber Binsenweisheiten haben ja einen Vorteil, sie bringen es sur le point: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Ich habe etwas gegrübelt, wie ich mit kleinerer Münze aus dem heutigen Eintrag rauskomme, das eben grenzt schon etwas an dicke Hose und Pathos. Mir ist aber nix eingefallen, ausser: Für den Fall, dass Sie eine Wohnung für Malte und Marina haben, Sie sich bitte bei denen melden. Irgendein Happy-End muss es doch mal in diesem irdischen Jammertal geben.
07.09.2022 – Crisis? What Crisis?

Für ein paar Tage schwelgt der Hibiskus in üppiger Pracht. Alle Schönheit in einem Moment, Ihr Götter! Dann fällt die welke Blüte. Und mir zum Trost erblüht die Nächste. Ästhetik ist eine umfassende Trostspenderin, gerade in Krisenzeiten. Man hält das dauernde Krisengeplärre ja gar nicht mehr aus. Manchmal bin ich geneigt, der schnöden Realität den Satz des britischen Prime Minister James Callaghan in die Fresse zu schleudern, der im Winter of discontent, als Großbritannien in den Augen der Bürgerpresse im Krisen-Chaos versank, den Medien sinngemäß nonchalant entgegenhielt: „Crisis? What crisis?“
Alles eine Frage der Semantik, siehe Putin, Trump, Erdogan, Orban, Bolsonaro, die Liste wird immer länger. Sie lügen, wenn sie das Maul aufmachen und immer mehr Millionen saugen das ein, als wäre es Muttermilch. Was vermutlich mit eine psychoanalytische Erklärung dafür ist, dass immer mehr Menschen vor der Realität die Augen verschließen: Regression, vorwärts zurück in den Uterus, mit dem Umweg über Mamas Milchspendende Möpse. Das erklärt auch den kindischen Trotz, den immer mehr Zeitgenossen (ja, meist Männer) an den Tag legen.
Ich aber halte mich an die Ästhetik als Trostspenderin. Umso nötiger, als der Sommer hinter dem Horizont verschwindet. Gesünder so, aber traurig. Die Zeichen mehren sich, die Wespen sind von einem Tag auf den anderen apathisch geworden, die Fruchtfliegen sind wer weiß wo, aber nicht mehr in meinem Mülleimer und es wird ab und zu feucht von oben.
Elegische Gefühle heben ihr Haupt, denen ich wehre mit Fotos in der Tradition der Impressionisten, siehe oben. Auf den Spuren von Renoir und Monet. Dies als Antwort auf den Kritiker an meiner Edward Hopper Analogie von neulich. Mögest Du das Pausenklingeln in der nächsten Schuleinheit überhören. Und beim nächsten Grill gibt’s ein Würstl weniger. Ätschmannbätschmann.
Crisis? What crisis?
04.09.2022 – Rummel Bummel

Rummel war nie mein Ding, so wie Zirkus. Was hab ich schon als Kind die Clowns gehasst, öde Possenreißer, immer der gleiche Stremel. Und was toll daran sein soll, beim Rummel Bummel kopfüber kotzend in einem Achterbahnlooping zu hängen, hat sich mir nie erschlossen. Mir hat das Kotzen nach Alkoholabusus schon gereicht. Aber der Rummel ist einer jener kollektiven Orte, der eine Aura besitzt, bei der zivilisierte Bürgerinnen nicht gleich Reißaus nehmen müssen. Siehe Fußball- Zusammenrottungen, die mich immer an Nürnberger Reichsparteitagsaufmärsche gemahnen.
Ich bin kein sonderlich guter Fotograf, aber im Bild oben habe ich einen Teil der Aura des Rummels bei einer zufälligen Querung unlängst ganz ordentlich eingefangen. Und wenn kunstgeschichtlich Interessierte da Assoziationen zu Edward Hopper haben, liegen sie nicht ganz falsch. Ich verweilte für einen Moment, wurde dann aber gewahr, wie ein Mensch in Schützenuniform hinter dem Festzelt bräunliche Brühe erbrach, unter den Klängen eines undefinierbaren Musikbreis aus dem Zelt-Inneren, und suchte das Weite, Aura hin, Aura her. Zuhause sinnierte ich darüber, ob jemand bereit wäre, für den Ankauf meines Fotos ähnliche Summen zu investieren wie für einen Hopper. Und schon war die Aura flöten.
Keinerlei Aura zu keinem Zeitpunkt hatte der verblichene Gorbatschow für mich. Weder habe ich ihn als irgendeine Lichtgestalt und Erlöser vom Reich des Bösen gesehen noch als dämonischen Zertrümmerer des glorreichen Sowjetreichs. Große Männer machen Geschichte? Das ist bürgerlicher Geschichtsklitterungsquark, die Sowjetunion wäre so oder so über den Jordan gegangen, Gorbi hin oder her. Fakt ist aber, dass er den Fall des Eisernen Vorhangs beschleunigt hat und dafür im Westen verehrt wird.
Von den gleichen Leuten, die die Existenz zahlreicher neuer Eiserner Vorhänge weiter im Osten auf unserem Kontinent offensichtlich prima finden, tausende Kilometer Stacheldraht, meterhoch. Zig Millionen EU-Gelder werden für neue Grenzen investiert, um uns das Elend der Welt vom Hals zu halten. Hilft natürlich nix, die Flüchtlingsunterkünfte quellen gerade mal wieder über, Wasser auf die Mühlen der Nazis hierzulande
Diese dauernde bürgerliche Doppelmoral wäre zum Kotzen. Aber da ich kein Festzelt im Garten habe, lass ich das mal. Und spüre nur einer gewissen Übelkeit in mir nach, wenn ich lese, was Klerikal- und andere Faschisten diesseits des neuen Eisernen Vorhangs, in dieser Meldung vornehm Balkan-Halbinsel genannt, aktuell inszenieren, ohne dass die EU diese Länder sofort rausschmeißt. „Serbisch-Orthodoxer Bischof will Europride verfluchen“ … Wo ist der neue alte Eiserne Vorhang, wenn man ihn mal braucht?
01.09.2022 – Der praktische Nutzen des heutigen Blogs

Konzert in der Abendsonne, in der schönsten Konzertlocation der Welt, auf der Terrasse der Schwangeren Auster, Juli 2022. Cajun Music, Beausoleil with Michael Doucet. Wer dabei nicht tanzt, ist entweder tot oder sonstwie schwer verhindert. So hört sich das an.
Das also bleibt vom Sommer, Abendsonnenvergoldete Erinnerungen. Goldig erscheinen heutzutage im Krisenzeitalter auch die Erinnerungen an das in diesem Blog des Öfteren zitierte „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ in den 70ern, mit deutlichen Zuwächsen an relativem Wohlstand, Konsum, Demokratie, Ausbau von Sozialleistungen. Natürlich nur im Westen und auf Kosten der Natur. Dieses Modell wird seit dem Fall des Eiserenen Vorhangs sukzessive rückabgewickelt, das mit der Zerstörung der Natur bleibt und beschleunigt sich. Eine Ursache für dieses „Goldene Zeitalter“ war neben stabilen Währungen und politischen Verhältnissen sowie einem deutlichen Globalisierungsschub die massenhafte Existenz von billigster Energie, vor allem durch Entdeckung gigantischer Ölvorkommen im Nahen Osten. Die Tonne Rohöl kostete in der BRD 1950 noch 79 Mark, 1970 waren es 11. Die Zeit von 1950 bis 1973 war die extremste Konjunktur, die wir in der Menschheitsgeschichte hatten. Die Rohölschwemme löste einen Temperaturschub aus, der in den vergangenen 2000 Jahren einzigartig war. Innerhalb weniger Jahre wurde ein Vielfaches des Schwarzen Goldes verfeuert als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Mit entsprechendem CO2 Ausstoß, ab etwa 1990 haben sich die Temperaturen sprunghaft erhöht – zu allen Jahreszeiten. Damit begann ein klarer Rhythmuswechsel zwischen einer langsamen Klimaerwärmung zu einer schnellen Erwärmung. Da aktuell die Anfänge einer guten Klimapolitik krisenbedingt rückabgewickelt werden, verdichtet sich die Vermutung zur Gewissheit: Für die Party in den 70ern kriegen wir jetzt die Rechnung präsentiert. Eine Rechnung, die wir nicht bezahlen können, selbst wenn wir wollten. Was nicht der Fall ist. Der Mob will es nicht.
Man schaue sich nur die Szenen vor den Grundschultoren des beginnenden Schuljahres an: Eine Bande geisteskranker Vollidiotinnen karrt, das Leben der Rest- und damit auch der eigenen Brut gefährdend, ihre ätzenden Blagen in SUVs direkt vor die Schultore, obwohl es im Normalgrundschulfall nur ein paar Meter Schulweg sind. Wir haben es also mit einem pathologischen Mangel an Verstand und Ethik zu tun wie sonst nur im Kreml. Wie soll denn mit einem derartigen Gesindel, was leider wählen darf!, die Welt zu einem besseren oder auch nur überlebbaren Ort gemacht werden?
Die Zukunft war goldener, Schauer laufen mir den Rücken runter, denke ich an die Gegenwart und muss aufpassen, nicht zu sehr in die Vergangenheit zu flüchten. Kein Wunder, dass ich neulich wieder Flüge in den Süden gecheckt habe, azurblauer Himmel, tieftürkises Meer und goldene Strände.
Was hab ich heute bloß dauern mit dem Gold? Der Goldpreis liegt bei 1.700 für eine Unze, ein Plus von 30 Prozent in den letzten 5 Jahren. Ob es das ist, was meine Feder beim Schreiben des heutigen Blogs führte?
Damit der heutige Eintrag einen praktischen Nutzen für Sie, liebe Leserinnen, hat, hier die Hausaufgabe für den 01.09.2022: Suchen Sie für 10 Minuten die Stille, gehen Sie nach innen und versuchen Sie zu erahnen, was Sie in den letzten 24 Stunden zu nicht bewussten Handlungen und Gedanken geführt hat. Was also waltet und wütet in uns, jenseits von Kontrolle?
Die heutige Einheit ist nochmal kostenfrei.
28.08.2022 – Sorry, liebe Wölfe

Der Himmel über Berlin. Ein Donnerschlag und der „Jahrhundertsommer“ mit Wochen tropischer Nächte war beendet. Es war wie bei Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag, auf einmal waren alle wieder munter. Natürlich ist der jetzige Zustand normaler und gesünder, aber was ist schon normal und über den Sinn von Gesundheit lässt sich auch streiten. Solange man nicht krank ist jedenfalls. Ich fand diesen „Jahrhundertsommer“ (in „“ deshalb, weil derartige Sommer die Regel werden) nicht schlecht, irgendwie faszinierend. Ausnahmesituationen haben immer etwas Faszinierendes und man, na ja, ich jedenfalls, versucht, ihnen auf den Grund zu gehen. Wie fühlt sich Ausnahme an, wie riecht, schmeckt, tönt die? In der Glutglocke von Berlin waren, sind, alle langsamer, gedämmter, das Leben gleicht mehr einer surrealen Inszenierung denn der Benzingeschwängerten Realität. Kleidung entgleitet immer mehr ästhetischer Zumutbarkeit, überall Männer in Shorts und Socken, das Grauen, aber selbst solche optischen Infernos (Inferni find ich schöner, ist aber falsch) lassen mich kalt (sic!). Man ist noch eher geneigt, sich Faulheit zu verzeihen als eh schon. Einfach mal viere gerade sein lassen.
Ausnahmesituationen verursachen ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl, da sitzen und schwitzen tatsächlich mal alle in einem Boot. Selbst die dauernden Krisennachrichten prallen an einer Mental-Mattscheibe meist müde ab. Es wird, wenn überhaupt, mehr der Restintellekt geweckt als irgendwelche Emotionen. Erstaunt war ich dann doch über die 32 Prozent.
Lediglich 32 Prozent aller BRD-Insassen sind für eine Anhebung von Sozialleistungen in diesen Krisenzeiten. Es ist nicht so sehr die infame Niedertracht des ideellen Gesamtdoitschen, die dem Anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnt (wobei sich Butter immer weniger leisten können), die übel aufstößt. Es ist die Mischung aus grunzdummer Dämlichkeit und Mangel an jeder soziologischen Phantasie, die erstaunen macht. Nicht einzukalkulieren, dass demnächst, irgendwann, auch er, der dumme Michel, darauf angewiesen sein könnte. Oder gar schon angewiesen ist. Mehr als 10 Prozent aller Erwachsenen beziehen jetzt schon Transferleistungen. Ein großer Prozentsatz beansprucht aus Scham oder Unwissenheit keine Transferleistungen, 50 Prozent bei Hartz-IV, 60 Prozent bei Grundsicherung im Alter, dazu kommt ein Millionenheer von Prekären und Niedriglöhnerinnen, die knapp über der Grenze liegen. Und die bei der mit Riesenschritten nahenden Rezession am Arsch der Existenz sind. 40 Prozent aller Einwohnerinnen haben keinerlei Rücklagen oder Schulden. Tendenz dramatisch steigend.
Wir können also unterstellen, dass die Summe derjenigen, die Transfers beziehen, beziehen könnten oder ständig vom Absturz bedroht sind, ungefähr der Summe derer entspricht, die für eine Erhöhung ist.
Wenn wir dagegen rechnen, dass bei den oben erwähnten 32 Prozent viele, Millionen, wohlmeinende, gutverdienende Grünenwählerinnen sind, vielleicht sogar Sozis, die anderen auch mal was gönnen, kommen wir zu folgendem Schluss: Millionen armer Schweine sind gegen eine Erhöhung von Sozialleistungen, obwohl sie selbst davon profitieren, profitieren könnten oder werden.
Wie zugerichtet muss der Kopf sein, die eigenen Interessen und Bedürfnisse derartig zu verleugnen, einen Teil der eigenen Existenz derartig von sich abzuspalten und das Lied der feindlichen Wölfe mit zu heulen.
Dem Gegner die Kehle anzubieten, das funktioniert nach verlorenem Kampf im Tierreich, unter anderem bei den Wölfen. Aber nicht bei Menschen.
Kein Wunder, dass so viele Schafe aus lauter Angst und Panik bei den grauen, den braunen Wölfen mitheulen und demnächst auch laufen, wenn der Mob für die Straße mobilisiert.
Und sorry, liebe Wölfe, dass ich Euch derartig beleidigend anthropomorphisiert habe. Ist halt Grundkurs Rhetorik: In Gleichnissen reden.
27.08.2022 – Mein Nachbar ist Til Schweiger

Linke Freiräume schaffen. Mansteinstr., Berlin. Ehemals besetzt, jetzt selbstverwaltet, also in Kooperation mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Zehn Bierfässer von meiner Lieblingskneipe „Leydicke“ entfernt, stand ich davor und sinnierte den linken Freiräumen hinterher, als es feucht von oben wurde. Erst regnete es, dann ergoss sich der Himmel über Berlin mit derartiger Urgewalt, dass sogar das Fest des obersten Grüßaugust der Republik abgebrochen werden musste. Was für ein Scheisswetter, fluchte ich, und musste lachen. Endlich mal Regen, an den letzten hier kann ich mich gar nicht mehr erinnern, und dann sowas. Zurück zur Homebase, im Regen vorbei an der Yorck 59

Und die ist, so unscheinbar sie aussieht, eine Ikone in der Geschichte der Hausbesetzungen in Berlin. Mit ihrer Räumung, sie wurden alle geräumt oder in Selbstverwaltung legalisiert, verschwand 2005 das letzte linksradikale Projekt dieser Art in Berlin. Seitdem ist relative Ruhe im Karton, von Einzelfällen abgesehen. Die Berliner Baumafia in der Nachfolge eines rechtskräftig verurteilten Verbrechers wie Dietrich Garski hatte gesiegt. Der Hinterhof wurde in Luxuslofts umgewandelt, jahrelang von Security abgeschirmt. In einem davon wohnt Til Schweiger und da ich nur ein paar Häuser weiter entfernt wohne (eher kein Luxusloft), kann ich mit Fug und Recht behaupten: Mein Nachbar ist Til Schweiger.
Falls Sie, liebe Leserinnen, demnächst jemanden sichten, auf dessen T-Shirt steht: Mein Nachbar ist Til Schweiger, das bin ich. Sie dürfen mich ehrfürchtig von Ferne grüßen.
Der aktuelle Stand: 12 Prozent aller Mieter*innen liegen mit den Kosten für Unterkunft bei mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens, der absoluten Höchstgrenze für Zumutbarkeit. 2021, also vor den Krisenkulminationen. In Ballungsräumen sind das bis um die 40 Prozent aller Mieter*innen.
Von einer Hausbesetzungsszene ist weit und breit nichts in Sicht. Die Fronten sind klar, der Kampf ist vorüber. Vae victis.
26.08.2022 – Makellose Hässlichkeit

Bierpinsel, Berlin Steglitz. Bierpinsel ist ein klassischer Berolinismus, vulgo Volksmund, Berliner Schnauze. Siehe auch Schwangere Auster für das Haus der Kulturen der Welt.
Der Bierpinsel ist eins der wenigen Gebäude in Berlin im Pop Art Stil. Pop Art war in den Sechzigern die vorherrschende Kunst- und Moderichtung im Westen, trotzdem fällt mir an Gebäuden dieser Ausrichtung hier nur noch der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz ein. Komisch. Warum das wohl so ist? Nicht, dass das ein Mangel wäre. Der Bierpinsel ist von so makelloser Hässlichkeit, dass er mich sofort in seinen Bann zog

Ich umkreiste ihn, bestaunend aus allen Perspektiven.

Ergötzte mich an Details wie vermeintlichen Schießscharten. Wollte ihn natürlich besteigen, in ihn eindringen, dem Geheimnis seiner Aura nachsteigen.
Kann man vergessen. Das Spekulationsobjekt
(letzter Stand: soll ein Co-working Space werden. Was sonst…) ist seit Jahren dicht, pleite. Alles abgeriegelt, in schäbigen Ecken lagert Müll, beissender Uringestank, der sich überhaupt bei der seit Monaten anhaltenden Dampfhitze zu einer leitmotivischen Berliner Geruchsfahne entwickelt, die einen überall umweht. Dieser Sommer, in wievielen Oden des Alltags wurde er schon besungen, verflucht, von mir keine weitere dazu. Wir werden uns daran gewöhnen müssen und fangen jetzt damit an.