31.05.2021 – Fußball-EM 2021


Brüsseler Impressionen, Kulturgüter Waffles und Männeken Pis. Fußball ist eher Unkultur, findet aber statt. Niemand bedauert das mehr als ich, was zumindest den Profifußball angeht. Diesem Bedauern habe ich hier mehrfach beredt Ausdruck gegeben. Nicht nur, weil es eine Notwendigkeit der Kulturkritik war angesichts der völlig verrotteten Umstände um dieses männerbündische Gruselphänomen, sondern auch aus Abarbeitung enttäuschter Liebe, war ich doch lange Jahre durchaus enthusiasmierter Anhänger des gepflegten Rasensports. Spätestens seit der WM 1990 war die Liebe erkaltet angesichts nationalen Fahnentaumels nach dem Titelgewinn in Verbindung mit brennenden Flüchtlingsheimen. Wer noch einen Funken Anstand im Leibe hatte, wusste: Kein Tropfen Herzblut mehr für die Wegbereiter des Gesindels.
Seitdem wette ich bei jedem Fußball-Großereignis gegen „unsere“ Ostgoten, was mir bei der letzten WM 2018 nicht nur regelrechte Glücksströme durch Gemüt und Körper bescherte, sondern angesichts des vorzeitigen Ausscheidens der Ostgoten einen zusätzlichen Urlaub (klein, eher Malle als Mallediven), hatte ich doch justament darauf gewettet.
Und werde das auch heuer wieder tun, wofür die Anbieter durchgängig eine Quote von 7:1 zahlen. Leider fehlt mir mittlerweile das, was bei Fußball-Wetten nicht von Nachteil ist, nämlich jeglicher Sachverstand. Wusste ich früher noch aus eigener Anschauung über die Schwächen der hiesigen Rumpelkicker, die sie nur mit mörderischem Weltkriegs-Zwo-ähnlichen Körpereinsatz ausbügeln konnten, kenne ich heute nicht einmal mehr die Namen der beteiligten Schwachköpfe. Hummels kenn ich noch, soll wieder dabei sein, was mir Hoffnung macht, ist der Mann doch so langsam, dass selbst ich ihn noch in einem 50-Meter-Sprint abhänge.
Zu meinem Erstaunen ist Belgien an Nr. 1 der Europa-Rangliste, das wäre ein feiner Tipp als Europameister. Belgien ist klein und von einer Nation kann man da kaum reden, das sind eher drei mühsam nebeneinander dahinfunktionierende Landesteile plus Sonderfall Brüssel. Eben aber las ich, dass sich ihr Mastermind De Bruyne gerade Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch zugezogen hat. Seine EM-Teilnahme ist aber nicht gefährdet. Die fängt in 12 Tagen an. Und dann mit solchen Brüchen in Kopfballduelle gehen?
Mörderischer Weltkriegs-Zwo Körpereinsatz ist offensichtlich nicht nur eine doitsche Domäne und die Bezeichnung „Schwachköpfe“, siehe oben, ziehe ich ausdrücklich nicht zurück.
Was bleibt, sind meine Tipps: die BRD scheidet in der Vorrunde aus, das Finale lautet Frankreich gegen Belgien und Belgien wird Europameister. Wer Killer-Kicker wie De Bruyne in seinem Kadaver, äh Kader hat, dem ist alles zuzutrauen.
Auch wenn manche Belgier einen an der Waffel haben, sind ihre Waffles und Pommes Weltklasse und Brüssel ist eine über alle Maße bezaubernde Stadt. Damit am Schluss wenigstens irgendwas Versöhnliches steht.

28.05.2021 – Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen


On air. Auf Sendung. Digital. Unlängst bei einer Livestream-Diskussion zum Thema „Wohnungsnot“ des hiesigen soziokulturellen Zentrums Pavillon.
Wenn Sie sich fragen, liebe Leserinnen, warum die Grünen einen derartigen Lauf haben: Das liegt auch an der organisierten Struktur unserer Zivilgesellschaft, z. b. in Form von NGOs. Ich muss es wissen, ich arbeite für eine. So gibt es neben vielen anderen Landesarbeitsgemeinschaften eine LAG Soziokultur in Niedersachsen https://www.soziokultur-niedersachsen.de , ein – neben vielen anderen – genuines Kind der Grünen. Entstanden ist diese Sozio-Kultur aus den radikalen autonomen Jugendzentren der 70er. Aus Kindern werden Leute. Diese NGOs prägen natürlich die Alltagswelt mehr als sämtliche Arbeitskreise der SPD. Ob diese Pazifizierung und Kanalisierung subkultureller, rand- und widerständiger Strömungen der Gesellschaft nicht auch an Verlust ist?
Fakt ist, dass ich nächsten Monat die ersten Live-Veranstaltungen seit Monaten habe, wann die letzte war, weiß ich gar nicht mehr. Verloren. Analoge Diskussionen, mit leibhaftigem Publikum. Natürlich laut Veranstalter unter Wahrung der Hygienestandards. Dazu muss ich das Homeoffice verlassen und mit Öffis reisen, teils Stunden (Niedersachsen ist ein Flächenland). Ich schätze solche Veranstaltungen über alle Maßen. Ein Publikum ist immer auch ein lebendiger Organismus, insofern ist eine derartige Veranstaltung auch sinnlicher Akt und politische Bildung at its best, 10x nachhaltiger für alle Beteiligten als Buchlektüre (wenn’s gut läuft … ).
Aber ich habe keine Erinnerung mehr, wie sich sowas anfühlt. Ich hab’s eigentlich auch nicht mehr vermisst. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, richtet sich in die ödesten, ja bedrohlichsten Umstände ein, redet sie sich schön und behaglich und will am Ende gar nicht mehr anders. Ähnlich ist das mit Reisen, Restaurants, Kulturveranstaltungen. Deren Fehlen wird immer mehr zu einer abstrakten Kopferinnerungserkenntnis als zu einer körperlichen Sehnsucht. Geht doch auch so.
Ob der Appetit beim Essen wiederkommt? Eben fielen mir in meinem Schreibtisch zwei Briefmarken in die Hand. Eine aus dem Internet, prosaisch s/w, mit Barcode, eine bunt, vor Seuchenzeiten am Postschalter gekauft. Was’n analoger Anachronismus, wegen sowas das Haus zu verlassen, gar Schlange zu stehen, Lebenszeit vergeuden mit Leuten, die schlecht riechen. Und Aerosole verbreiten. Das muss ich bestimmt nicht mehr haben.
Bleibt die Frage: Was bleibt vom alten Leben, wenn das Gorgonenhaupt der Seuche seine Schrecken reduziert? Und was verschwindet? Ohne Bedauern? Immer mehr Fragen.
„.. Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen …“

24.05.2021 – Von der Kuhhaut des Patriarchats.


Geistige Getränke. Zwischen Leber und Milz ist noch Platz für ‘n Korn und ‘n Pils. Anderes Geistiges kam in Form eines sogenannten heiligen Geistes über sie, so heißt es in der Bibel zu Pfingsten. Wir können davon ausgehen, dass es sich hier um eine Drogenmetapher handelt, heißt es doch weiter: „Und sie redeten in Zungen“. Meint: Sie redeten noch mehr dummes Zeug als ohnehin. Was jeder, der mit Kiffern abgehangen hat, sofort bestätigen wird. Was Bekiffte an Blödsinn von sich geben, passt auf keine Kuhhaut.
So lustig ist ein möglicher Ursprung dieser Redewendung übrigens nicht, wurden doch Ehebrecherinnen in eine Kuhhaut eingenäht ertränkt. Ehebrecher hatten nichts zu befürchten, weil in diesem Fall ja die Erbfolge nicht angetastet wurde. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie ist nur mit der Entstehung des Kapitalismus und Privateigentums zu verstehen. Das Privateigentum ist nur in der Erbfolge der Kleinfamilie gewährleistet.
Und wer kann schon sicher sein, dass die eigene Frau einem da nicht ein Kuckucksei ins Nest legt (ca. 10 Prozent sind Kuckuckseier). Das wird mit mörderischen Konsequenzen sanktioniert und nur an diesem kleinen Beispiel sieht man (!), dass geschlechtersensible Sprache mitunter eine Frage von Leben und Tod sein kann und dass das Patriarchat auf den Misthaufen der Geschichte gehört.
Dummes Zeig schwafeln nicht nur Kiffer, sondern auch geistige Würdenträger der katholischen Kirche, wenn sie nicht gerade mit Kinderficken beschäftigt sind. Das dumme Zeug könnte man und frau begrüßen, werden dadurch doch immer mehr Abergläubige fahnenflüchtig und treten aus, wohin auch immer.
Das ist aber leider nicht dialektisch gedacht, wird die katholische Kirche dadurch perspektivisch zu einem militant-reaktionären Weiße-Alte-Männer-Bund. Was bei einem derartig harten Kern rauskommen kann, sieht man bei militanten Evangelikalen in den USA, die in Abtreibungskliniken so viel Terror und Mord verbreitet haben, dass diese sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Und so sind wir in unserer heutigen Predigt zu Pfingsten von geistigen Getränken über Kiffers Kuhhaut und das Patriarchat zu geistigen Würdenträgern gekommen, was ich zu Beginn des Schreibens nicht gedacht hätte. Beim Blogschreiben gönne ich mir den Luxus des freien Flutens, ein Begriff aus alten undogmatisch-linken Zusammenhängen, den ich schon lange nicht mehr gehört habe. Für sachdienliche Hinweise, was aus dem freien Fluten geworden ist, bin ich dankbar.
Man könnte fast meinen, ich schriebe in Zungen. Happy Pfingsten, liebe Leserinnen.

23.05.2021 – Sind so viele Fragen


Train train. Züge waren ein klassischer Topos des Blues und Rock, Sehnsucht nach der Ferne und Überdruss am eigenen Ort, Neues erleben, Altes vergessen, Aufbruch, Entdeckung, Eroberung. Spielt, soweit ich das auf dem Schirm habe, in der schwarzen Ausprägung von Pop, also Soul, Funk, Reggae (Hiphop, Rap etc. kann ich natürlich überhaupt nicht beurteilen) kaum eine Rolle, scheint mehr ein weißes Ding zu sein. Ob das das Conquistador-Gen der Weißen ist, die einen offensichtlich unstillbaren Trieb zur Eroberung äußerer und innerer Kontinente hatten und noch haben? Weshalb sie auf dem Sektor Mobilität durchaus Bahnbrechendes erfanden, während ihnen die Kenntnis von Kräutern, innerem Erleben und Spiritualität eher flöten ging. Ersatzweise entwickelten sie in der postkolonialen Ära den TUI-Imperialismus, die Eroberung und Vernichtung fremder Kulturen mittels Boeing 727, Flughafen-Transfer, Halbpension, Hotel am Strand, 7 Tage, 4 Sterne für 629 Euro. Das gehört zum Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, nach Grundgesetz Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, das beinhaltet das uneingeschränkte Recht auf Urlaubsreisen“.
Zumindest gefühlte Grundgesetz-Praxis. Solcherlei Gedanken mäanderten unlängst durch mein Hirn, als ich die stillgelegte Trasse der ehemaligen Kohlebahn hinter meinem Haus vom hiesigen Hafen zum Kraftwerk erkundete. Die Katze oben begleitete mich eine Weile.

Irgendwann war ich dann auf archaischen Bahnschwellen, die ich auch als Foto einer maroden rumänischen Karpaten-Bahnlinie verkaufen könnte, alleine unterwegs, mitten in der Natur, Stille, wo keine 100 Meter entfernt, vor dem Fenster meines Arbeitszimmers, 20.000 Autos am Tag vorbeidonnern und meinem morgendlichen Würfelhusten stündlich Zucker geben. Man muss mitunter gar nicht weit reisen, um irgendwo anzukommen.
Ich war auf den Bahnschwellen u. a. dabei, Gedankenstaub aus meinem Gemüt zu schütteln, nach einer drolligen Zoom-Sitzung, bei der ich das Missvergnügen hatte, den Host zu geben. So sehr ich analoge Moderation schätze, so wenig goutiere ich digitale. Mir fehlt jedes Gespür dafür, wie die Leute in digitalen Räumen drauf sind. Wenn ich in einem analogen Versammlungs-Raum bin, „rieche“ ich nach wenigen Momenten die Stimmung, so wie andere schon beim Auto-Motor-Anlassen hören, dass die Bremsen in 57 Tagen mal wieder geölt werden müssen, oder so. Hat halt jeder sein Ding.
In digitalen Versammlungsräumen rieche ich höchstens meine Gemüsesuppe, die in der Küche auf dem Herd köchelt. Und so muss ich mir Gedanken machen über Seuchenforcierte Digitalisierungstendenzen und deren gesellschaftliche Auswirkungen, anhand eigenen Erlebens.
Gestern z. B. saßen schon die ersten Leute in der Außengastronomie. Dieser winzige (norddeutsches Schweinenieselbibberwetter) Lichtstrahl von Hoffnung auf mehr „Normalität“ ließ mich unberührt. Frisst sich der Digital-Virus langsam ins Gemüt? Was geht an alten Fähigkeiten und Wahrnehmungen flöten? Wann wird es endlich wärmer? Und kommt der Hl. Geist zu Pfingsten über mich und macht, dass ich in fremden Sprachen rede, so wie in der Bibel?
Sind so viele Fragen …Aber das mit den Sprachen wäre ein Hammer. Griechisch ist echt so Scheißschwer, die Schrift allein …
Liebe Göttin, mach dass ….

21.05.2021 – Sie können uns kreuzweise …


Da geht’s lang. Und wo geht’s in Sachen Seuche lang? Die Diskussionen kochen hoch, resp. sind in einem Dauerhoch. Spaltung zwischen Geimpften und Noch-Nicht-Geimpften, denen so überlebensnotwendige Menschenrechte wie Reisen nach Malle erschwert werden. So what.
Das wahre Problem sind die unsolidarischen, oft quer“denkenden“ Impfverweigernde. Immerhin geschätzt ca. 10 – 25 Prozent, also bis zu 20 Millionen. Ich kann nicht einschätzen, was das für eine notwendige Ausbildung von Herdenimmunität zur Folge haben wird. Sicher ist, dass dieses Verhalten tödliche Konsequenzen haben wird. Wäre es nur für die Verweigerungsminderintelligenzlerinnen, könnte das unter dem Konto Survival of the Fittest abgebucht werden. Ein derartiges Verhalten ist ein evolutionärer Nachteil für die Spezies, auch eine eventuelle Ausbildung bei Einzelindividuen von natürlicher Immunität ist kein Vorteil, da die eher nicht vererbbar ist. Also ab inne Kiste und hauch wech die Scheiße.
Aber so einfach ist es leider nicht. Verweigernde sorgen für die Ausbreitung von Mutationen, gefährden ihr Umfeld und sind enorme Kostenträger. Früher oder später wird es sie fast alle erwischen, die Seuche verschwindet absehbar nicht, die Regeln werden allmählich gelockert, Präsenz wird die Regel und das Ansteckungsrisiko für Nichtgeimpfte potenziert sich spätestens im nächsten Winter.
10 – 20 Prozent aller Infizierten leiden Stand jetzt an Long-Covid, ein weiteres Potential von bis zu 4 Millionen Langzeit-Erkrankten, siehe oben. Die materiellen Kosten von Behandlung über Reha bis Berufsunfähigkeit dafür sind zurzeit nicht annähernd quantifizierbar, dürften aber die Kalkulationen aller derzeitigen Krankenkassen-Beitrags-Entwicklungen Makulatur werden lassen.
Festzustellen bleibt: Die sich dergestalt unsolidarisch Verhaltenden bürden die Kosten ihres Verhaltens der Solidargemeinschaft der Versicherten auf. Das finde ich inakzeptabel.
Eine Lösung: Impfverweigernde unterzeichnen einen Vertrag, kann leicht in der Impf-App hinterlegt werden, laut dem sie sämtliche Kosten einer Covid-19 Erkrankung privat tragen. Das ist natürlich illusorisch. Ergo: Impfpflicht. Wie bei Masern.
Die Debatte kommt, so sicher wie der nächste Sonnenaufgang.
Ach so: Sollten Sie, liebe Leserinnen, hier im Blog mal einen Kommentar hinterlegt und keine Reaktion drauf erhalten haben, tut mir das leid. Keine böse Absicht. Ich komme nur leider nicht dazu, die Kommentare zu moderieren. Das ist fast alles Spam und da sind so einige aufgelaufen. Stand heute: 164.908 Kommentare …

Come together. 1991. Sie können uns kreuzweise. Wahlkampf für die erste Satirepartei der BRD. Das soziale Medium war die Kneipe mit dem Bier nach der Klebeaktion und die Kommentare, die da moderiert werden mussten, waren entweder nicht druckreif oder was für den Verfassungsschutz.
Ja, wenn der Opa erzählt ….

20.05.2021 – Ausländer raus.


Demo gegen Antisemitismus am hannöverschen Holocaust-Denkmal. Nach teilweise militanten propalästinensischen Ausschreitungen nicht nur hierzulande inklusive Angriffe auf Synagogen zeigte die Zivilgesellschaft Flagge. Ein bisschen wenigstens. Leider ist bei solchen Demos immer irgendein verpeilter Naivling, der die Deutschland Fahne schwenkt. Durchaus guten Willens in Sachen Solidarität mit Israel, aber unfähig zu begreifen, dass die Wurzel von Übeln wie Rassismus und Antisemitismus auch im Nationalismus liegt, dessen Beginn immer markiert wird vom Anfang einer Fahnenstange, und zwar der der eigenen Nationalfahne. Vom Ruf „Deutschland!“ ist es nur ein kleiner Schritt zu „Deutschland über alles!“
Natürlich war auch wieder der notorische, wahnhafte Antisemit dabei, der von außen ein paar wirre Parolen reinbrüllte wie „Freiheit für Jerusalem“, womit er im Zweifel meint „Raus mit den Juden“. Und dafür bleibt nach Lage der Geografie nur das Mittelmeer.

Dankbar stürzte sich die Presse auf den Wirrkopf, dem man die Durchgeknalltheit schon an Habitus, Gestus und Sprachduktus anmerkte. Ich überlegte kurz, ihm 50 Euro anzubieten für eine Intervention bei der gleichzeitig stattfindenden Pro-Palästina-Demo nebenan, bei der er einfach reinbrüllen sollte: „Hamas verbieten! Solidarität mit Israel“. Aber selbst mein Zynismus kennt Grenzen. Bei der Pro-Palästina-Demo bildete sich übrigens ein Zug zur Kundgebung am Holocaust Denkmal, der nur durch Polizei Einsatz aufgehalten werden konnte. Was dabei angesichts dieser Unterstützer der faschistischen Terrororganisation Hamas herausgekommen wäre, ist auf diesen Bildern des Spiegel TV-Beitrags über Demos in Berlin (47 an einem Tag! Allein dafür liebe ich Berlin) abzulesen.
Gegen Ende des Beitrags sind militante Pro-Hamas Unterstützer zu sehen, mit Israel-Vernichtungs-Phantasien, Pressebedrohung inklusive. Neukölln, Sonnenallee. Berlin ist meine zweite Homebase, ich flaniere nach wie vor gerne durch Neukölln, wenn es denn die Seuche erlaubt, auch über die Sonnenallee. Ein anderer Kosmos, dessen Existenz man sich schon durch physische Präsenz annähern sollte, um zu verstehen, was das heißt: Parallelgesellschaft. Diese Gerüche, Bilder, der Lärm, all das vermittelt kein Zeit-Artikel.
Aber meiner Toleranz geht es wie meinem Zynismus. Hat Grenzen. Militante Antisemiten gehören nicht in unsere Gesellschaft, dieser wahnhafte Antisemitismus ist auch mit der Repression des Strafrechts nicht zu „heilen“, ergo zu bekämpfen. Mit dem satirischen „Ausländer raus“ im Anreißer oben ist das natürlich nicht getan, denn das sind oft Menschen mit Migrationshintergrund in der dritten Generation hier. Jugendliche mit deutschem Pass.
Da wir natürlich nach wie vor rechten – wachsenden – Antisemitismus haben, der bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht, und unausrottbar auch „linken“ Antisemitismus (was der mit „links“ zu tun haben soll, erschließt sich mir nach wie vor nicht), erweitere ich meine Forderung also wie folgt: Ausländer und Inländer raus!
Aber wohin damit? Wem will man denn dieses Volk zumuten? Und wird es dann hier nicht sehr übersichtlich, einsam?
Die Ökos würd’s ja freuen, weniger CO-zwo Output.

16.05.2021 – Das Meer ist zugeschissen – Teil 2 der Chronik


Klettertiere auf dem Weg zum Bungalow.
Hier Teil zwei unserer Chronik (nach wie vor immer dieselbe Unterkunft und Rechtschreibung im Original).
Wie war die Erreichbarkeit der Unterkunft?
„ …. Bungalows für Gemsen und Klettertiere geeignet …“
„ …. Zimmer am Berghang man braucht fast eine bergsteigerausrüstung …“

Und sonst so?
…. die darauf befindlichen Ladegeräte für`s Handy und für die Digicam standen unter Wasser. Das TV-Gerät, das extra im Prospekt angepriesen wurde, war ein 37 cm Röhrenfernsehr, der mehr tief als breit war und lediglich auf der Wandhalterung mit einer vergammelten Schnur gesichert war (über dem Stockbett = Kinderbett !). Empfangbare Programme gab es 3 – nämlich die gleichen. Das Bild flimmerte und sprang – dafür war es in türkischer Sprache mit griechischen Untertitel. …
Wie hielt der Pfeffer am Finger?
„ …. Gewürze stehen in Müslischalen zur Verwendung einfach Finger rein und gut, wenn mann ihn anleckt hält der Pfeffer besser ….“
Immerhin hatte der Oberkellner seinen Humor nicht verloren:
„ …. Der Oberkellner rannte den Gästen permanent hinein und gab den Gästen die Schuld ….“
Und wer ist schuld an allem?
„ …. Vorwiegend sind dort Tschechen und Slowaken vorherschend! …“
Wenn es wenigstens Böhmen und Mähren gewesen wären.
Natürlich habe ich mich über die teils eigenwillige Ausdrucksweise und Orthografie amüsiert. Womit ich in die Ideologiefalle der Sprachkritik getappt bin, deren oberste Maxime lauten sollte: Die herrschende Sprachnorm ist immer die Sprachnorm der Herrschenden. Also des universitär geprägten gehobenen Bürgertums, dem kläffenden Kettenhund des Kapitals, das sich nicht nur über die mangelnde Ausdrucksfähigkeit des bildungsfernen (wofür das Bürgertum verantwortlich zeichnet, das BRD-Bildungssystem verhindert soziale Mobilität wie kaum ein anderes) „Mobs“ mokiert, sondern ihn qua Sprachauslese gleich da hin duckt, wo er nach Meinung des gemeinen Bürgers hingehört, nämlich nach unten. Reine Sprachkritik ohne Berücksichtigung der Klassenverhältnisse ist immer reaktionär und wird zumeist, und allein das sollte misstrauisch machen, von weißen alten Männern geübt („Geübt“ heißt: Sie können es eben nicht). Sie haben Angst vor der Lebendigkeit von Sprache, ihrem Veränderungspotential (siehe Gendersprache, die hier kein Thema mehr ist. Irgendwann ist der Argumentations-Drops gelutscht und die Veränderung wird per Machtfrage entschieden)
Was tut man aus Angst? Man zieht sich auf Regeln und Normen zurück, die letzte Bastion, die man noch hat.
Sie, liebe Leserinnen, werden also vielleicht verstehen, warum ich vor Jahren sofort auf die Idee kam, aus dem Literatur-Potential von Tourismus-Bewertungen eine Lesung zu machen. Materialsichtung war sehr einfach: bei ohnehin schlecht bewerteten Unterkünften sortierte ich die schlimmsten Bewertungen nach vorne und hatte so eine mitunter endlos tragikomische Suada von Klagen, Beschwerden, Flüchen, Verwünschungen, Beleidigungen, eben von allem Übel dieser Erde, was da lautet: Urlaub, endlich Urlaub.

15.05.2021 – Das Meer ist zugeschissen


Mehr Meer.
Dass es einmal eine Welt in der Fremde ohne Tripadvisor und andere Touristik-Websites gegeben hat, ist Menschen unter 30 nur schwer zu vermitteln. Mir war sofort nach Erscheinen der ersten Seiten im Internet klar, welch literarische Schätze sich da erschlossen. (Abgesehen von dem unfassbar praktischen Nutzen, in Verbindung mit Google maps sind mit diesen Werkzeugen Enttäuschungen in der Fremde maximal minimierbar).
Zurück zur Literatur. Hier folgt zu Ihrer Unterhaltung am Wochenende, liebe Leserinnen, die Chronik in zwei Teilen einer Urlaubs-Unterkunft auf der Basis einer Touristik-Website (immer dieselbe, alle Zitate von unterschiedlichen Personen. Rechtschreibung im Original, dazu mehr im zweiten Teil):
Wie fing alles an?
„… Am ersten Tag mussten wir Zimmer wechseln, da wir Ratten (!!!) im Zimmer hatten.“
Und wie war das Essen?
„… Zum Essen und zum Buffet gibt es nur wenig zu sagen, bis auf dass 45% der Gäste Krank geworden sind und das was die essen nennen nicht mal von den Katzen im Speisesaal angerührt wird sagt schon alles….“
….
Wir können nur bestätigen, was bezügl. Des Durchfallpotentials usw. bereits beschrieben wurde… viele – auch wir waren betroffen. Ein kleines Kind übergab sich vor unseren Augen beim Essen!!!
…..
Nach dem zweiten Tag ging der Horror los. Ich musste mich die ganze Nacht übergeben, hatte herzrasen und war schlaflos. Am Tag nur Tee getrunken und Zwieback gegessen. In der dritten Nacht ging es dann auch bei meiner Freundin los und wir waren wieder schlaflos. Wir haben uns den ganzen Tag wieder nur von Zwieback ernährt. Zum Abendbrot trauten wir uns noch einmal an das Buffet. (Ich nur Käse und Dessert, meine Freundin Gulaschsuppe). Leider Fehlentscheidung. Wieder musste sich meine Freundin übergeben.
…..
…. großzügig Immodium verteilt…Ich lag daher auch 20 Stunden mit schwerem Fieber (die weiteren Symptome erspare ich im Detail) und weitere 4 Tage mit Beschwerden danieder. An Urlaub war nicht zu denken. Ich rate jedem aus gesundheitlichen Gründen ab, dorthin zu reisen. (Die abendliche Geräuschuntermalung bestand aus lauten Würgegeräuschen aus den umliegenden Badezimmern, statt aus Meeresrauschen.)“

Fazit?
… Man sollte das Hotel eigentlich wegen Körperverletzung anzeigen …“
Vielleicht war es gar nicht das Essen, sondern …?
“ … Das Meer ist zugeschissen, die Kloaken aller Hotels laufen durch ein 1-M-Rohr unten links direkt in die Badebucht, es gibt keine Kläranlage!…“
Und wie waren die Zimmer?
„…. somit harmonierte das Zimmer fabelhaft mit dem Essen – also auch katastrophal….“

12.05.2021 – Joseph Beuys wäre heute 100 geworden


Irgendwas mit Eichen.
Hitlerjunge Beuys war neben Warhol der Kunst-Superstar der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beide stehen mit ihrer Arbeit pars pro toto für diese Zeit: Warhol mit seiner grell-affirmativen Verehrung des Konsumismus und Beuys mit seinem vermeintlich fortschrittlich erweiterten Kunstbegriff, der sich allerdings aus trüben braunen Quellen speist. Beuys ist insofern bedeutsam, als dass sich an ihm der Zerfall eines vermeintlich aufgeklärten Bürgertums deklinieren lässt und der unaufhaltsame Aufstieg von Esoterik, allgemeinem Kasperglauben und übelster Quer“denkerei“, die keine ist, sondern einfaches Naziwesen. Beruhigend an Beuys: er ist sowas von 70er/80er Jahre BRD wie Kulenkampff und Kassettenrekorder, dass seine Bedeutungslosigkeit nur noch vom Kunstmarkt nicht begriffen wurde, wo weiße alte Männer in seliger Jugenderinnerungen schwelgend „Weißt Du noch, wie der Joseph damals im Kunstverein ….“ Millionen für den sakralen Natur-Kitsch von Filzmeister Beuys bezahlen. Nichtsdestotrotz dachte ich unlängst so für mich hin, da kann man ja mal was zu machen. Irgendwas mit Eichen. Mir ward gerad Corona-fad.
In seliger Jugenderinnerung schwelgend, denn natürlich habe auch ich den Fettfrickler Beuys damals auf der Documenta bewundert – seine Nazi-Biographie war damals nicht im Bewusstsein.
Dass es ausgerechnet Eichen waren, ist kein Zufall und darauf gründete meine Aktion „7000 Eichen richtig verkehrt rum“ zum 100. Geburtstag des Hitlerjungen Beuys. Im Rahmen der Aktion pflanze ich 7000 Eichen im öffentlichen Raumn, allerdings verkehrt rum, also richtig, und jedes Jahr eine. Heute geht’s los.
Die Eiche ist der völkische Baum schlechthin. Kaum etwas hat die Nazi-Symbolik so geprägt wie die Eiche: der Eichenkranz war Bestandteil des Parteizeichens der NSDAP, kein Dorf ohne Hitler-Eiche. Beuys hätte ja auch 7000 Birken oder Marihuana-Pflanzen nehmen können, aber der konsequent braune Faden seiner Biografie setzt sich bis ins Werk hinein durch. Das Werk ist eben nicht von der Figur Beuys zu trennen.
Beuys war Hitlerjunge und meldete sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe, wovon er sich nie distanzierte. Er war bis zum Ende glühender Verehrer des antisemitischen Anthroposophen Rudolph Steiner, umgab sich mit völkischen Nationalisten und Holocaustleugnern und war NRW-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl 1976 der AUD, einer rechten Splitterpartei.
Sein Werk ist mit geprägt vom Gedanken der Heilung, eine Kategorie, die auf die Couch des Psychiaters gehört, aber nicht in die Kunst. Ein Leitmotiv, gerade bei der Eichen-Aktion, ist bei Beuys der Körper der Gesellschaft, der geheilt werden muss. Die biologistische Vorstellung vom Körper einer Gesellschaft ist eine genuin antiaufklärerische, siehe der faschistische „Volkskörper“.
Nachhaltig an meiner Aktion: Eine Eiche hab ich privat, in meinen Garten gepflanzt. Richtig rum. Also verkehrt.

08.05.2021 – Bloß nicht auf der Seuchen-Zielgeraden schlappmachen


Das Firmenschild hängt als Memento Mori in meinem Garten. In dieser Weinhandlung (der Hinweis darauf ist im Laufe der Jahre verblasst) war ich im vorigen Jahrtausend längere Zeit Stammgast. Die Chefin des Hauses pries ihr Angebot in höchsten Tönen, trank aber selber keinen Schluck davon, sondern nur Fürst Bismarck und das in rauen Mengen. Ihre Lebensweisheiten waren sonder Zahl; teure Weine z. B kanzelte sie intern ab, wenn man und frau in trauter Zech-Runde beisammensaß, begleitet von mitunter durch die undichte Decke des Kelleretablissements in bereitgestellte Eimer plätschernden Regentropfen, mit der Einordnung: „Den Unterschied trinkste nich wech“. Und darauf einen Fü Bi.
Daran musste ich denken, als ich unlängst meine Erstimpfung (mit dem Rolls Royce aller Impfstoffe…) mit einem besonderen Tropfen feierte, einem der Fürsten aus dem Burgund. Der ein Mehrfaches dessen kostete, was ich für Alltagstropfen zahle. Etwas für ganz besondere, einmalige Anlässe eben.
Eine glatte Enttäuschung. Den Unterschied trinkste eben nich wech. Wie soll ich dann meinen abgeschlossenen Impfschutz feiern, und wie das Ende der Seuche? Wobei letzteres schwierig zu bestimmen sein wird. Es wird ja später im Jahr keine Regierungserklärung von Bundeskanzler FLaschet geben (und ich wette 5:1, dass es auf diese Nulllösung hinausläuft), in der er verkündet: „Liebes Volk, hiermit erkläre ich die Pandemie für beendet und die Party für eröffnet.“ Vermutlich wird uns die Seuche noch Jahre begleiten, unterwegs hoffentlich alle Impfquerulanten niederstrecken, peinigen und bekehren, und uns mit regelmäßiger Corona-Impfung im Herbst beglücken (kriege ich dann jedes Mal den Rolls Royce …?).
Nein, das Ende der Seuche muss jede*r für sich individuell bestimmen, Übergabe des Impfpasses, erste Auslandsreise, erster Indoor Restaurant-Besuch, whatsoever. Eingedenk der Burgunder-Pleite werde ich dann mit Sicherheit keinen edlen Tropfen köpfen. Ich werde dann etwas machen, was ich sonst fast nie mache: Ich drucke mir etwas aus (Auf dem Weg zum papierlosen Büro bin ich quasi auf der Zielgeraden). Und zwar meinen Blog von dem Tag an, wo ich das erste Mal den Begriff Corona verwendet habe, also vermutlich irgendwann im Februar oder März 2020. Diese komplette individuelle Dokumentation meiner Wahrnehmung dieser epochalen, und hier passt der Begriff ausnahmsweise, Zäsur „Corona-Pandemie“ werde ich dann binden und in aller Ruhe lesen. Wann und wo habe ich mich unter Seuchenbedingungen wie verändert, wie hat sich meine Wahrnehmung, wie hat sich die Welt geändert?
Das Ganze natürlich begleitet von einem edlen Tropfen.
Jetzt habe ich nur eine Sorge: Bloß nicht auf der Seuchen-Zielgeraden schlappmachen. Nicht auf den letzten Metern noch die Seuche einfangen. Vor der ich immer Respekt, aber nie Angst hatte. Hab sie ernst genommen, mich seriös informiert, die Regeln eingehalten, hier im Blog dafür geworben und ansonsten war ich dankbar für meine doch ziemlich privilegierte Existenz unter Seuchen-Bedingungen.
Aber jetzt, auf der Zielgeraden, werde ich doch etwas hibbelig, gurgele z. B. noch öfter als früher nach Draußen-Aufenthalten mit Dequonal. Natürlich ist eine Infektion für mich mittlerweile noch unwahrscheinlicher als früher, aber mit der Wahrscheinlichkeit ist das so eine Sache. Es soll ja auch Leute geben, die vom Blitz erschlagen werden. Oder die im Lotto Vermögen gewinnen.
Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen, und halten auch Sie auf der Zielgeraden durch.