
Zigeunersauce, eingerahmt. Gibt’s nicht mehr, heißt jetzt Paprikasauce ungarische Art. Dürfte in 30 Jahren Millionen wert sein, weil keiner sowas aufhebt und ich dann das einzige Exemplar seiner Art besitzen werde. Ob die Flasche dann wie geplant der Sicherung meines Lebensstandards im Alter dient, hängt davon ab, was für einen Standard ich dann haben werde – mein Aktionsradius wird dann vermutlich etwas reduzierter sein – und was Millionen bis dahin noch wert sind. Das drohende Gespenst der Inflation erhebt ja zur Zeit sein Haupt.
Was die Zigeuner angeht (es geht übrigens nicht darum, dass sich Sinti und Roma mitunter selbst so beschreiben, sondern um den allgemeinen, alltäglichen Sprachgebrauch und der ist bei Zigeuner fast immer denunziatorisch, niemand, der „Du Zigeuner“ sagt, meint das liebevoll), habe ich nach meiner Intervention in der Sache bei der Fa. Knorr gesucht, Jahre her. Ich bin noch nicht mal bei den verdienstvollen Kollegen unseres Stadtteilmagazins Punkt Linden fündig geworden, die die beste externeAufstellung der SCHUPPEN 68-Aktivitäten besitzen, die ich kenne. Mit einer Lücke allerdings zwischen 2014 und 2020. Trotzdem an dieser Stelle ein Dankeschön an die Kollegen, da sind so viele Perlen dabei, von denen ich keine Ahnung mehr hatte. In meinem Blog würde ich mich da dumm und dämlich suchen.
Zu dem ich unlängst ein schönes Kompliment bekam von einer mir zufällig über den Weg laufenden sehr geschätzten Kollegin: Es sei gerade in Zeiten der Seuche beim Lesen so, als ob frau sich mit jemandem unterhielte. Das hat mich erfreut, weil genau das die Absicht ist. Die zufälligen Treffs auf der Strasse sind ein soziales Highlight in diesen düsteren Kontaktreduzierten Zeiten, wenn auch nicht immer so erfreulich wie eben geschildert. Auf die Liste derer, die ich nicht mehr grüße, hat es der folgende Zeitgenosse geschafft, der mich unlängst auf der Straße abpasste und ohne Vorrede mir die Frage ans Ohr hängte: „Und, lässt Du Dich impfen?“ Über gelungenes kommunikatives Verhalten lässt sich streiten, zumal ich bis dato mit dem eher unsympathischen Manne noch nicht in der Gosse gepaddelt hatte.
Ich: „Ja, natürlich, wer denn nicht?!“ Er: „Ich.“ Ich: „Ach. Und wieso das?“ Er. „Ich nehme lieber das Original.“ Also eine Infektion.
Dem Manne, Phänotyp alter Sack Risikogruppe über 70, ist die Erfüllung seines Wunsches zu gönnen. Bei derartig asozialem Gesindel hält sich meine Empathie in Grenzen. Jetzt muss ich es nur noch hinkriegen, dass ich diesen Troglodyten so nicht grüße, dass er es merkt. Das ist die übrigens die höchste und edelste Form der Kommunikation: die sieben Varianten des Nichtgrüßens, von einfach die Straßenseite wechseln bis nachvollziehbar absichtsvolles Nichtgrüßen.
27.02.2021 – Deutsche Philatelisten – Mörder und Faschisten?

Endgültig dicht. Die vorletzte noch existierende Arbeiterkneipe im hiesigen ehemaligen Arbeiterviertel, mit Festsaal und Doppelkegelbahn. So verschwinden sang- und klanglos Reste einer untergehenden Kultur im Orkus der Geschichte. Allein die Speisekarte wäre eine Reise in eine Vergangenheit, Schnitzel mit Bratkartoffeln, Jägertoast, Filettopf, die Weine in zwei Versionen: Rot und Weiß. Eine Flasche Domestos wäre im Vergleich zu denen ein Genuss.

Singstunde jeden Dienstag. Untrennbarer, identitätsstiftender Bestandteil der Arbeiterkultur war der Gesang. Und ein historischer Ort war die Schank- und Speisewirtschaft auch, erfolgte hier doch die Gründung des Bundes Deutscher Philatelisten e. V. durch Richard Renner, Namensgeber der gleichnamigen Medaille, am 26. Oktober 1946. An dieser Stelle verdrückt der Freund des kleingezackten bunten Papieres eine stille Zähre des Gedenkens.
Früher hätte mich die Schließung der Schank- und Speisewirtschaft, diese letzte Strophe eines Schwanengesangs auf die verschwundene Arbeiterbewegung, noch leicht melancholisch gestimmt. Heute sehe ich das eher pragmatisch. Die Arbeiterklasse hat ihre historische Chance eines Aufbruchs in eine bessere, emanzipatorische Welt verbockt. Korrumpiert bis auf die Knochen ist sie erst in der Facharbeiter-Vorhölle von Kleinfamillije, Eigenheim und VW Golf gelandet, um von hier aus den Marsch in die Hölle des Dienstleistungs-Prekariats anzutreten. Identität stiftet nicht mehr die dienstägliche Singstunde eines DGB-Chors, sondern das Gegröhle eines enthemmten AfD-Mobs.
Die Nachfolge der Schank- und Speisewirtschaft wird vermutlich eine jener zahlreichen subkulturellen Kiez-Saufstuben antreten, in denen sich dutzende Vollbesoffskis gröhlend Fussballmeisterschaften wie die WM in Katar, wo tausende Zwangsarbeiter ihr Leben bei Bauarbeiten ließen, anglotzen. Ich bin kein Pazifist und gegen einen zielgenauen Einsatz von Drohnen hätte ich nichts einzuwenden, der diese Orte männerbündlerischen Grauens, gegen die die ähnlich strukturierte katholische Kirche ein Hort der Intellektualität ist, vom Erdboden tilgt.
Nichtsdestotrotz werde ich auch dann wieder hohe Wetten gegen die Ostgoten platzieren in der Hoffnung auf Finanzierung des einen oder anderen Urlaubs, der den Vorteil hat, der hiesigen Hölle zu entrinnen. Und damit sind wir wieder beim Thema: Urlaub, Fliegen, Seuche. Es ist zum Mäusemelken: Ich kann den Faden aufnehmen, wo auch immer, ich lande immer wieder bei der Seuche.
25.02.2021 – „Astra, Alter, hast Du Astra?“

Der Wolf soll bleiben! Demo vor niedersächsischem Landtag. In dem Moment, wo ich mit dem Radl an dem Transpi vorbeisauste, setzte in meiner inneren Audiothek der Song „Will the wolf survive“ der famosen Texmex-Kapelle Los Lobos ein. Synästhesie, die Kopplung zweier physisch getrennter Modalitäten der Wahrnehmung, Töne sehen eben. Und wo ein innerer Prozess in Gang kommt, ist der Nächste nicht fern, und so kam ich nach dem Ende des Songs ins Sinnieren. Los Lobos, die Wölfe aus East-Los Angeles, hab ich nie live erlebt, was umso bedauerlicher ist, als sich das vermutlich nicht nachholen lässt, die Jungs werden nicht jünger und ich auch nicht.. Für März 22 ist zwar ein Konzert im legendären Paradiso in Amsterdam avisiert.
Aber wer weiß, wie man selber bis dahin zu Indoor Konzerten steht, was dann mit der Seuchensituation ist und meine Lust, mich mit einer Milliarde bekloppter Touris, von denen ich dann einer bin, in Amsterdam rumzudrängeln, hält sich ebenso in Grenzen, wie die an der Auffrischung von Jugenderinnerungen an diesen verkifften Hippietempel Paradiso. Die nachhaltigste Erinnerung ist das Ungeziefer, das ich mir in einem Youthhostel damals eingefangen habe…Tolle Bilanz von Hippiezeiten.
Vielleicht kommt die Combo ja irgendwann in die Spandauer Zitadelle, in einer lauen Sommernacht da draußen die sehr tanzbaren Klänge des verdienten Töne-Kollektivs der mexikanischen Arbeiterklasse zu hören wäre eine Aussicht, die mich auch bis 2022 noch durchhalten lässt, zumal das 21er Programm der Zitadelle mit dem Schnulzenfuzzi Lionel Ritchie oder Scooter mich nicht gerade vom Hocker haut.
Und so drehen sich nach wie vor und weiter viele Aspekte des Alltags um die Seuche, die nach wie vor nicht alltäglich wird. Das an einem Tag, wo einiges dafürspricht, dass sich das Infektionsgeschehen endgültig dreht in Richtung Mutanten, 10 Prozent mehr Infektionen als letzten Donnerstag und die positiven Testergebnisse mehren sich, was auf eine erhöhte Dunkelziffer schließen lässt. Ob die Lockerungsübungen der Politik sich da mal nicht als üble Rohrkrepierer erweisen… Wenn die Öffnung der Frisöre wieder rückgängig gemacht werden muss, bricht doch hier eine Revolution aus. Dritte Welle, scheißegal, Hauptsache Dauerwelle. Man (frau auch, da bin ich großzügig) darf gespannt sein auf die Wahlen dieses Jahr, wenn sich Infektionszahlen und Seuchenfrust gegenseitig verstärken.
Ich hab manchmal Visionen, in denen ich mich mit hochgeklapptem Mantelkragen auf dem Impfstoff-Schwarzmarkt rumdrücken sehe, verzweifelt, ungeimpft, mit einem Flugticket nach Malle in der Tasche, und vorbeihuschenden finsteren Gesellen entgegenflüstern höre:
„Astra, Alter, hast Du Astra? Ich nehm auch Bio oder Mod!“
20.02.2021 – Heinz Erhardt, Fips Asmussen, Mario Barth und Dieter Nuhr

Wer Visionen hat, sollte den Drogenkonsum reduzieren. Gegen Utopien hingegen ist nichts einzuwenden, gerade weil wir in einem dystopischen Zeitalter leben. Kurz vor der Postapokalypse. Lustig sind auch die Groucho Letters, Briefe von und an Groucho Marx, den Godfather des Humors.
Den Folgenden schrieb er an den Kollegen Eddie Cantor auf dessen Frage nach seinen größten Lachern. Das erwähnte Varietéstück dürfte aus den Dreißigern sein, einer Zeit, in der in Deutschland die Humormesslatte bei Heinz Rühmann lag, also extrem niedrig. Die Nazis trieben dann Deutschland all das aus, was Groucho und andere in den USA ausmachte: jüdischer Witz, geistreich, anarchisch, absurd, präzise.
„Wir“ hatten dann Heinz Erhardt, Fips Asmussen, Mario Barth und Dieter Nuhr. Vae victis.
Hier der Brief, die erwähnten Zeppo und Chico waren Brüder von Groucho:
„Lieber Eddie,
In Kürze (und schnell), die zwei größten Lacher, an die ich mich erinnern kann (außer meinen drei Heiraten), waren in einem Varietestück mit dem Titel »Wieder zu Hause«.
Bei dem einen kam Zeppo aus den Kulissen und verkündete: »Dad, der Müllmann ist da.« Ich antwortete: „Sag ihm, wir brauchen nichts.«
Bei dem anderen schüttelte Chico mir die Hand und sagte: »Ich würde Ihrer Frau gerne auf Wiedersehen sagen«
Und ich sagte: »Wer nicht?«
Paß auf Dich auf.
Grüße,
Groucho Marx“
18.02.2021 – 100 Tipps für Gesundheit und Geldbörse

Urea ist nichts weiter als Harnstoff, mit medizinischer Wirkung. Gibt’s für 2 Euro fummsich im 250 ml Gebinde garantiert vegan im Drogeriemarkt Ihrer Wahl außer Rossmann und wirkt gegen unspezifische winterliche Hautreizungen und Entzündungen als Folge trockener Luft und Sonnenmangel besser als alle teuren Kosmetikprodukte oder Apothekencremes, bei denen die Werbung als Kostentreiber dient. Sobald’s juckt, spröde und rot wird, paar Tage drauf, zieht schnell ein und gut ist. Ich muss nicht alles selber machen und Harnstoff schon gar nicht. Sie können sich natürlich im Rahmen der Behandlung mit Eigenurin, was eine Zeitlang mal sehr in Mode war, auch in der Direktanwendung selbst verarzten, aber da sind die Leserinnen eindeutig im Nachteil, und selbst mir fällt die Behandlung am Schulterblatt auf dem direkten Weg schwer. Ich überlege, von diesem procedere ein Youtube Video zu erstellen und halte Sie auf dem Laufenden.
Von der Gesundheit zur Börse, was eng zusammenhängt. Sollten Sie Anfang Dezember meine Kaufempfehlungen umgesetzt haben, was AstraZeneca, Biontech, Moderna und den ETF Ökoworld RocknRoll angeht, ist die Bilanz nach nicht einmal drei Monaten so: Biontech und AstraZeneca auf gleichem Level, Moderna plus 45 Prozent, Ökoworld plus 12 Prozent. Keine schlechte Bilanz angesichts wachsender Negativzinsen auf Giro, Tagesgeld etc Konten.
Wenn Sie Ihr Geld, so Sie welches haben, 5 Jahre auf einem Tagesgeld Konto verschimmeln lassen, sind sie demnächst bei 2 Prozent Realverlust. Dazu kommt die anziehende Inflation. Da sollten Sie sich schon fragen, wenn Sie derartig strategisch vorgehen, ob Sie die eine Hälfte Ihrer Kohle nicht lieber versaufen, verkoksen und auf den Kopf hauen und die andere Hälfte einfach sinnlos verprassen.
Die „Sorgen“ haben 40 Prozent der Bevölkerung nicht, die haben entweder Schulden, gar nichts oder so wenig Rücklagen, dass sie selbst eine Notstrecke von ein paar Wochen nicht überbrücken können. Die Politik richtet sich allerdings konsequent, nein, nicht an den restlichen 60 Prozent, da wär sie ja blöd, nein, sie richtet sich konsequent an den 10 bis 20 Prozent aus, die wohlhabend bis reich sind, Geld anlegen können.
Und den Ton bestimmen, das heißt, via Bewusstseinsindustrie dem Mob klar machen, was er zu denken hat.
Sehr schön auch folgender Tipp, der für viel Gesprächsstoff in nächster Zeit sorgen wird. Wenn Sie wissen wollen, was Ihre Immobilie wert ist oder die Ihres Ex-Mannes oder Ihrer Erbtante oder von wem auch immer, hier klicken , Adresse eingeben und Freude aufkommen lassen.
Viel Freude dabei, liebe Leserinnen. Und nur kein Neid. Es ist alles gut so, wie es ist. Nur nicht dran rütteln.
Seien Sie Sie auch nächstes Mal wieder dabei, wenn es heißt: 100 Tipps für Gesundheit und Geldbörse!
16.02.2021 – Die Hölle, das ist immer der Alltag oder: 100 Tipps, wie Sie gesünder durch den Winter kommen

Korfu, irgendwo an der Westküste.
Im Winter sinkt die relative Luftfeuchtigkeit in der Wohnung schon mal unter 40 Prozent, was ungesund ist. Der Alltagseffekt sind mindestens trockene Haut, gereizte Augen, ausgedörrte Schleimhäute. Draußen kalte, trockene Luft (daher trocknet Wäsche draußen im Winter auch schneller), drinnen powert die Heizung, ruckzuck leidet das der Wildnis entwöhnte Zivilisationsweichei. Wasserbehälter auf die Heizkörper bringt nicht so viel, wie man denkt, elektrische Luftbefeuchter kosten Kohle, blasen Bakterien und Schimmelpilze in die Gegend und verbraten Strom. Da hilft das alte Hausmittel Nasenspülung mit Salzwasser. Die Nasenschleimhaut wird von Schmutzpartikeln und Krankheitserregern gereinigt und schonend befeuchtet. Auch dafür braucht man natürlich keine teuren Gerätschaften, einfach einen knappen Teelöffel Salz in einem bis Kante mit lauwarmem Wasser gefüllten Becher auflösen, den alten Riechkolben reintunken, ein Nasenloch zuhalten, Wasser ansaugen und los geht’s. Hinterher fühlen Sie sich erfrischt und gehen Ihren Alltagsgeschäften in dem beruhigenden Gefühl nach, kostengünstig, nachhaltig und naturgemäß was für Ihre Gesundheit getan zu haben. Ich fühle mich hinterher immer drei Monate jünger, mindestens. Aber keine Anwendung ohne Nebenwirkungen.
Heute Morgen hatte ich dabei urplötzlich einen Urlaubsflash. Salzwasser ist Salzwasser, ob im Nasenspülungsbecher oder im Mittelmeer, und so umflorten via Nase Urlaubsbilder und Erinnerungen mein Gemüt, eine einsame Bucht an Korfus westcoast mit einem kleinen Strandrestaurant, glasklares Wasser, herrliche Luft, ohne Befeuchter, geschwängert mit einer Note von Pinien und gegrilltem Fisch. Siehe oben.
Der Blick aus dem Fenster holte mich auf den Boden der Realität. Kotz würg.
Der Tag hatte schon nicht gut begonnen. Um die mähliche Kompostierung meines Körpers wenn schon nicht zu bremsen so doch wenigstens zu mildern gibt es mittlerweile keinen Quadratzentimeter an mir, den ich nicht mit irgendwas salbe, öle, creme oder lotioniere. Alles Routine normalerweise, aber kurz aus dem Takt gekommen stand ich heute vor der Batterie von Flaschen, Tuben, Dosen etc. pp und hatte keinen Plan mehr, was in welcher Reihenfolge wohin kommt. Nicht ganz unwichtig, wenn da Wärmecreme für die Muskeln dabei ist. Die möchten Sie eher nicht in der erwähnten Nase haben. Von anderen Stellen ganz zu schweigen. Da denkt man schon mal, jetzt sucht einen St. Dementia heim. Die Hölle, das ist immer der Alltag.
Versöhnlich-praktisches zum Schluss: Zur Not reicht es, wenn Sie, liebe Leserinnen, die Allzweckwaffe Rosmarin-Olivenöl für den Body nehmen. Ein, zwei Hände voll Rosmarinzweige zerschnippeln, eventuell mörsern, und in einem Liter Olivenöl ein paar Monate im Dunkeln ziehen lassen, auspressen, abseihen und filtern. Olivenöl ist entzündungshemmend, desinfiziert und fördert Wundheilung, Rosmarin entspannt und ist eines der ältesten antibakteriellen Hausmittel überhaupt. Für ne Bodylotion von Shiseido z. B. zahlen Sie locker das Zwanzigfache. Und Konservierungsstoffe sind da auch drin.
Wenn das hier kein Service ist, was dann. Rutschfreien Tag.
12.02.2021 – Darth Vader im Garten.

Wenn ich im Halbtran zur Morgentoilette torkele, kriege ich im morgendlichen Dunkel mitunter immer noch einen Herzinfarkt, falls mein unbebrillter Blick auf diese an Darth Vader gemahnende Skulptur im Garten fällt. Es ist aber bloß die Korfu-Olive, die einen zweiten Überzieher bekommen hat angesichts der sibirischen Fröste. Da die erste Schutzschicht zu einer Isolierung verleihenden beinharten Eisdecke gefroren ist, bin ich zuversichtlich, dass das Teil auch heuer wieder durch den Winter kommt. In südlichen Regionen werden die Blüten von Zitrusfrüchten beim selten aber doch mitunter nahendem Frost künstlich vorab beregnet, was sie im Einfrieren durch die dabei freiwerdende Kristallisationswärme vor tieferen, tödlichen Temperaturen schützt. Reisen bildet. Sowas wäre eine prima Frage für ein TV Quiz: Wie werden die Blüten von Zitrusfrüchten in südlichen Ländern vor dem Erfrieren bewahrt? 1. Durch Heizpilze 2. Durch Decken 3. Durch Wärme von Schafherden 4. Durch Kristallisationswärme. Da tippen 90 Prozent auf Heizpilze, jede Wette. Aber ich sehe es schon kommen, dass die entscheidende Frage beim nächste TV Quiz lautet: Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt? 1. Prinz Frederick 2. Prinz August 3. Prinzessin Viktoria 4. Königin Sommerlatte. Letztere konnte ich mir merken, weiß auch nicht wieso.
Dem zusammenhanglosen Gefasel hier merkt man sicher an, dass ich schwer am prokrastinieren bin, müsste dringend Terminarbeit erledigen, schwankte stattdessen noch zwischen Staubsaugen und Abwasch. Dabei rausgekommen ist das hier. Auf solche Gedanken kommt man nur im Homeoffice. Sinnvoller wäre es, auch und vor allem für mich selber, eine aktuelle Seucheneinschätzung abzugeben. Aber dafür können Sie, liebe Leserinnen, auch einfach das nachlesen, was Angela Merkel dazu sagt. Das deckt sich mit meiner Sicht. Sie sagt es in höflich. Ich sage es in ehrlich: Die Ministerpräsident*innen der Länder sind eine Bande von Idioten, Opportunisten und Versagerinnen.
Uneingeschränkt positiv hingegen finde ich die beschlossene Öffnung der Frisöre, auf der Basis des Grundgesetzes Artikel 2:
„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und eine gutsitzende Frisur.“
10.02.2021 – 30 cm

Schneehöhe Verandatisch 30 Zentimeter. Das Winterwetter hat ja auch nützliche Seiten, für zwei, drei Tage sieht die weiße Pracht im Garten ganz schön aus. Länger muss nicht sein, in der Zeit kann man ja Fotos davon machen und sie sich hinterher angucken.
Praktisch ist das Wetter für Sektkühler via Schnee. Die Minusgrade geben dem Stoff genau die richtige Temperatur. In der Literatur wird zwar allgemein 6 – 8 Grad für Sekt als Trinktemperatur angegeben, ich halte 2 – 4 Grad für angemessener. Er sollte eiskalt genossen werden. Sekt wurde klassischerweise früher nach mehreren schweißtreibenden Walzerrunden in durchtanzten Ballnächten zur Abkühlung in großen Schlucken genossen und das ist das angemessene Trinkverhalten. Sekt wird nicht genippt sondern geschluckt.
Die Perlung, je feiner, desto besser, sollte so viel Aromen transportieren, dass das Trinkvergnügen auch bei tiefen Temperaturen ein Genuss ist. Ein Sektglas sollte hauchdünn sein, maximal zwei, drei Ångström Wanddicke, daher erwärmt sich Sekt im Glas sehr schnell, er sollte also nur kurze Verweildauer dort haben. Es gibt kaum ein größeres Genussdesaster als ein Sekt, der 1,3 Grad zu warm ist. Bei Rotkäppchen oder Faber oder ähnlichen Terror-Anschlägen auf die Geschmacksnerven ist Temperatur egal, solche Tropfen können auch 40 Grad warm sein.
In besseren Etablissements setze ich die korrekte Serviertemperatur voraus. Ich habe mich schon mit hysterischen Schreikrämpfen am Boden gewälzt, wenn das edle Nass 1,3 Grad zu warm an den Tisch kam, und vom herbeigeeilten Sommelier verlangt, dass er am Tisch Harakiri begehe. Wir sind doch nicht bei der Eroberung Roms durch Ostgoten!
Beim Italiener um die Ecke würde ich natürlich nicht eine derartige Mess-latte macchiato anlegen. Da steht die Messlatte anders. Es ist alles eine Frage des Preis-Leistungsverhältnisses.
Aber bei dem erwähnten Eckenitaliener herrschen auf der Speisekarte oft mafiös-undurchschaubare Getränke-Androhungen wie: Pinot Grigio. Nichts weiter. Was nichts anderes als die Rache der Gastronomie an der Weinkultur ist. Pinot Grigio, vermutlich aus der Inneren Mongolei. Da trinke ich zum Essen lieber einen Schoppen Grappa, die Rache der Italiener an den Ostgoten für die Zerstörung Roms. Die Italiener lachen sich heute noch einen Ast darüber, dass sie den tedesci einen derartigen Traubenabfall wie Grappa in Designerflaschen versteckt als Edelgesöff andrehen können. Immerhin kann man sich damit die Hände desinfizieren oder vom Fett befreien nach dem Essen.
Und wenn Sie, liebe Leserinnen, mich jetzt fragen, welchen Sekt frau den mal probieren sollte, ist mein Rat: Lassen Sie die ersten drei Billigen aus und fangen mit dem vierten Guten an. Das Leben ist viel zu kurz für schlechte Drinks.
08.02.2021 – Faszinierende Lektüre

Adressbuch Hannover 1953.
Ich wohne in Hannover in einem Kiez, der ehemals Arbeiterviertel war, danach ins Migrant*innen – und Student*innenfach überwechselte und jetzt Zug um Zug der Gentrifizierung anheimfällt. Vergleichbares gibt es in jeder Großstadt, siehe auch Kreuzberg/Fuckhain. Mir persönlich geht dieses Kiezgetue der linksalternativen Schnarchsäcke aller Schattierungen seit Jahren eher auf den Senkel, was soll bei Leuten schon groß rauskommen, die immer nur Klimmzüge an der eigenen Kiezmauer machen. Beschränkte Horizonte in jeder Beziehung. My Kiez is my castle. Trautes Heim, Kiezglück allein.
Der Dandy und Mann von Welt ist natürlich Kosmopolit, allein schon deshalb, weil diese Geisteshaltung unter den Nazis lebensgefährlich war und im Stalinismus nicht selten im Gulag endete. Wobei wir hier bei „uns“ von Beidem weit entfernt sind.
Einerseits Göttinseidank, andererseits gibt es immer mehr Nazis, Verschwörungsidioten und ähnliches Gesindel, für die ich mir ein Umerziehungslager wünschen würde. Hört sich irgendwie Scheiße an, aber nennen Sie es einfach „Langfristigen Mentalquarantäneaufenthalt“, dann liest sich das schon humaner. Alles eine Frage der Semantik.
Im Gegensatz zur Kiez-Gegenwart überaus faszinierend und lehrreich ist dagegen die Lektüre der Vergangenheit, siehe oben

Adressbuch Hannover 1953, Bewohner*innen meines Hauses, mit Berufsbezeichnungen. Fast durchgängig proletarisch, ein Hauch vorindustrieller Prägung (Korbmacher) und von den Spuren des Krieges noch gezeichnet, Invaliden und Witwen. Auch die Anzahl der Parteien im Haus sagt etwas über den Wandel der Zeiten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass für die 14 Parteien noch ein später abgerissenes Haus dazu kam, wo jetzt der Garten ist, macht diese Belegung deutlich, dass 50 qm damals für vier, fünfköpfige Familien eher die Regel war, wo heute Singles über zu kleine 70 qm jammern.
Der geschätzte Freund & Kollege Sievers, Besitzer des Adressbuches, hat mal die Anzahl der Fleischereien nur im Stadtteilbereich Nord und Mitte recherchiert: 46. Teilweise mehrere in einer Straße, wo es heute im gesamten Stadtteil keine einzige Inhabergeführte Fleischerei mehr gibt. Allein das gäbe Anlass zu Seitenlangen stadtsoziologischen Excursionen. Ich beschränke mich hier auf den ästhetischen Mehrwert dieses Buches, dass in seiner expressiv-voluminösen Wucht, der literarischen Avantgarde-Montagetechnik und der kohärenten Gestaltungsästhetik, die die Tradition in der Moderne aufgehen lässt, an den Ulysses von James Joyce gemahnt. Das schreit nach Performance. So wird das ingeniöse Duo Gleitze & Sievers in postcoronatischen Zeiten mit dem Adressbuch auf 7-Kioske-Tournee gehen und mit einer interaktiven Perfomance Spurensicherung betreiben. Sichern Sie sich schon heute Karten, wenn Sie wissen wollen, mit welchem Pack Ihr Opa, der alte Nazi, damals alles unter einem Dach gehaust hat.
06.02.2021 – Ich arbeite gerade an einer Seuchen-Sitcom

Veranda Stillleben mit zugeschneitem Suppentopf. Wohl dem, der Veranda oder Balkon besitzt, hier können alle Gegenstände geparkt werden, die man in der Wohnung, welche, egal wie groß sie ist, immer zu klein ist, nicht gelagert werden sollen, von Wäscheständern über Turnschuhen bis hin zu Sektflaschen und Lebensmitteln. Letzteres zumindest im Winter. Man muss es dann nur wiederfinden, hätte ich zwei Stunden später heute Morgen nach meinem Suppentopf geschaut, wäre er komplett unter Schnee verschwunden.

Eingeschneit. Der Wind weht den feinpulvrigen Schnee in Richtung Veranda und häuft ihn zu undurchdringlichen arktischen Massen. Gut, dass ich Notvorräte angelegt habe, zumindest was Wermut, Wein und Sekt angeht. Sollte Armageddon über uns hereinbrechen, so werde ich die Stellung zwar nicht lange halten können, ein Topf Suppe währet nicht ewiglich, aber es wird ein fröhliches Ende werden. Hicks.
Hatte ich unlängst darüber gemährt, dass Winter in unseren Breitengraden unter anderem deshalb ätzend ist, weil er Schnee sofort in graubraun eklige Matschepampe verwandelt, hatten die Wettergöttinnen ruckzuck ein Einsehen und ließen nicht Frühling werden mit Blüten aller Orten, sondern einen Winter einbrechen wie seit Äonen nicht. Der wird wohl länger dauern, was pittoresk, siehe Suppe, aussieht und in Seuchenzeiten, wo sonst nix los ist, eine willkommene Abwechslung bietet, aber mir natürlich auch nicht recht ist. Ich möchte nicht, dass irgendwelche Göttinnen auf mich hören, weil sie eh alles in den falschen Hals kriegen, und meine täglichen Walks zwecks Stabilisierung der morschen Knochen sind nach zwei, drei Tagen auch kein Vergnügen mehr. Wenigstens ist für ein paar Momente die Seuche mal nicht Mittelpunkt und die Straße genannte Dreck- und Lärmschleuder vor meinem Fenster stellt sich selten unaufgeregt, leise und verzuckert dar. Dass an der Algarve gerade die Mandelblüte beginnt, darüber darf man allerdings nicht nachdenken.
Und der Kampf der Mutanten ist auch noch nicht entschieden. Ich arbeite gerade am Script für eine Seuchen-Sitcom, in Anlehnung an den Film „Charleys Tante“ von 1963 mit Peter Alexander, ist der Arbeitstitel: Charleys MuTante. Inhalt: Bei der Generalversammlung eines großen Wirtschaftssyndikats, zu der der junge Diplomat Dr. Otto Wilder extra aus Südamerika nach Wien gekommen ist, lernt er die attraktive, verwitwete Hauptaktionärin des Unternehmens, Carlotta Ramirez kennen, von der er sofort sehr angetan ist. Leider ist Dr. Wilder von der MuTante eines Virus befallen… ab hier ist die Sitcom ein Selbstläufer. Ich werde damit reich und berühmt und … hm, der Wunsch kommt mir bekannt vor. Hatten wir das nicht neulich erst?
Viel Spaß beim Schneeschippen, liebe Leserinnen.