
Toto mit „Africa“. Spandauer Zitadelle, 30.06.2019.
Am heißesten Tag seit Bestehen des Universums hing ich in der Spandauer Zitadelle ab, wo die Popkapelle Toto ihre über 40jährige Hitgeschichte zelebrierte. Temperaturen wie in Afrika, ich war froh, ungedörrt am Ziel anzukommen. Die Spandauer Zitadelle ist eine überaus stilvolle und angenehme Open-Air Location und vermutlich der einzige Ort auf der Welt, wo ich mir die Gegenwart von 5.000 anderen Popfans gefallen lasse, schattig, viel Platz und gut gemixte Cocktails. Toto selber betrachte ich als eine meiner wenigen Geschmacksverirrungen, eine uncoole Band, zu der man sich in Vernissage-Kreisen eher nicht bekannte. Anders als beispielsweise Steely Dan oder Little Feat, (wobei letztere allerdings Rock’n Roll pur sind). Wenn man sich zu denen bekannte, bedeutete das einen hohen Grad an Distinktion. Popkultur dient immer auch zur Abgrenzung und dem Zugewinn an Sozialstatus.
Allerdings erwartet einen bei Toto wegen der hohen handwerklichen Fähigkeiten und dem kompositorischen Geschick der Musiker immer ein perfektes Konzert. Ich vermutete als Publikum jede Menge uncoole Leute wie Männer in Shorts und mit Socken, was stimmte, und ausschließlich die Generation „Ich-hab -Rücken-und-krieg-demnächst-Rollator“. Was absolut nicht zutraf. Die Hälfte des Publikums waren junge Hüpferinnen. Das war derart eklatant, dass ich noch vor Ort googlete. Ein Nr. 1 Hit von Toto aus den Achtzigern, Africa, ist vor ein paar Jahren offensichtlich eine virale Bombe geworden. Wieso genau, weiß keine, eine Netflix Serie mit dem Titel als Filmmusik, ein Youtuber, die Coverversion einer Alternative Band…? Jedenfalls hat das Lied über eine halbe Milliarde Klicks, ein Vielfaches von dem ihrer anderen Hits zusammen, und dieses digitale Jugend-Phänomen war eben auch im Publikum zu beobachten, viral goes live. Wer will, kann sich hier ein paar Takte bis zum ersten Refrain angucken, wie junge Leute glücklich und unironisch zu dem Lied rumhüpfen. Pop ohne Ironie ist für mich eigentlich ein Unding. Pop ist im Grunde Ironie pur.
Der für ein bürgerliches Organ durchaus lesbare Berliner Tagesspiegel ist dem Phänomen auf die Spuren gestiegen und bezeichnet „Africa“ als den Popsong schlechthin. Wenn man Pop als die perfekte, aufregende und oberflächliche Widerspiegelung einer beschissenen Welt betrachtet, kann man das so sehen. Die Texte von Toto sind so flach wie ein Einzeller, nur nicht so vielschichtig.
Ich grinste mir eins, genoss ein tolles Konzert und mir fiel meine persönliche Erfahrung zu Toto wieder ein, die mich beinahe echtes Geld gekostet hätte. Die Geschichte des englischsprachigen Pops ist voller falsch verstandener Texte, z. B. aus „I’ve got the Power“ wird der Verhörklassiker „Agathe Bauer“ oder Queens „… and bad mistakes“ (in „We are the champions“) wird zu „I made me steaks“. Mein persönlich falsch verstandener Text bei Toto: Statt richtig „Hold the line“ falsch „Hold the light“. Genau das war aber die Frage bei einem TV Quiz, wobei es nicht nur um die Ehre ging: Wie heißt dieser Song?

I am nach wie vor the champion.
Bei diesem Quiz ging die Sache trotz der falschen Antwort gut aus, ich konnte den Herausforderer durch K.- O. in der letzten Runde besiegen.
Die Geschichte hatte ich vergessen und sie fiel mir schlagartig bei den ersten Takten des Liedes ein. Bei einem anderen Quiz-Ausgang hätte der Abend einen Schatten bekommen.
So aber war es Vergnügen ohne Reue.
Pop eben.
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08.07.2019 – Aus der Konkursmasse der Deutschen Bank

Psychodelisches Rock-Poster aus der Ausstellung „Summer of Love 1967“ im PalaisPopulaire, Berlin. Der PalaisPopulaire ist ein Kunsttempel, den sich die Deutsche Bank aus Imagegründen zulegte, als es ihr noch besser ging und ihr Image noch zu retten war. Weder ist ihr Image noch die Deutsche Bank selber zu retten und es ist eine Frage der Zeit, bis der PalaisPopulaire aus der Konkursmasse der Bank zu Facebook, Google oder Apple wechselt, wobei ich bei ersteren vorsichtig wäre. Früher oder später wird der Ami da mit dem Anti-Trust Hammer dazwischenhauen, wenn es um den Wettbewerb geht, kennt der Ami nix. Blöd ist er ja nicht, der Ami. Hier eine wenig bekannte Liste, wo Monopole auf Basis des Sherman-AntiTrust-Acts gnadenlos zerschlagen wurden, unter anderem die Ölindustrie im vorigen Jahrhundert und das Hollywood-Studio System. Ob die Welt dadurch besser wurde, mag man bezweifeln, aber die Beispiele zeigen, dass es kein alternativloses Agieren auf dem Markt gibt. Die Politik kann handeln, wenn sie denn will. Enteignungen sind machbar, Herr Nachbar. Es gibt immer eine Alternative. Wären es zwei, wären es auch keine Alternativen, sondern Varianten.
Die Ausstellung ist für alle, die den Begriff „Hippie“ richtig buchstabieren können, empfehlenswert. Für VW also nicht.

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Aus meiner Heimatstadt Hannover, wo man zwar Hochdeutsch spricht, aber ansonsten genauso dumm ist wie der Rest der Republik. Ignoranz hat allerdings das Kapital noch nie davon abgehalten, Mordsgeschäfte zu machen. Natürlich waren die Urhippies beim VW-Management genauso verhasst wie beim Rest der Spießer, siehe hier , aber Geschäft ist Geschäft und konsequenterweise benannte VW wenige Jahre später eine komplette Modellreihe nach Santana, einem der Headliner von Woodstock, wo der Niedergang des Hippiegedöns sich allerdings schon abzeichnete.
Und so widmet sich eine der letzten kulturellen Zuckungen der Deutschen Bank vor ihrer Agonie dem Summer of Love 1967. Was für eine Volte der Geschichte.
Ich besuchte die Ausstellung am heißesten Tag des Jahrtausends. Berlin war wie leergefegt, der Betonmoloch lag mit gefühlten 45 Grad unter einer Watteglocke versengender Hitze, man ging wie durch eine Nebelwand. Plätze waren leergefegt, förmlich verschreckt duckten sich die wenigen Resttouristen im spärlichen Gebäudeschatten an den Platzrändern. Es war eine körperlich und emotional faszinierende, seltene Erfahrung, Bilder aus dem Film „12 Uhr mittags“ schwirrten durch mein Sonnengedörrtes Hirn.
In der Ausstellung waren psychodelische Filmzuckungen zu sehen und Kiffermusik von Grateful Dead zu hören, ich war stoned, ohne einen Zug gemacht zu haben. Um es im schwammig-unpräzisen Betroffenheitsjargon zu formulieren: Solche Tage machen etwas mit einem.
Die Frage dabei ist immer nur, was. Was dabei hinten rauskommt, respektive oben ankommt.
Wo erweitert sich mein Wissen, mein Horizont? Erfahrungen sammeln kann jede, das allein macht noch keinen anderen, geschweige denn besseren Menschen. Erst die Reflexion darüber schafft Prozesse von Veränderung.
Soweit das Wort zum Montag.
Interessant auch die Erklärungen zu den Exponaten. Bei der Herstellung der psychodelischen Rockplakate (die flackerten immer so, ähnlich wie Wackelbilder) waren mindestens fünf verschiedene Berufsgruppen nötig, neben dem Künstler der Offsetlithografiedrucker, Reprofotografinnen, Druckvorlagenherstellerinnen etc. pp.
Und dann kam der Computer …
04.07.2019 – Ich bin ICH 4.0

Apotheke 4.0, Berlin-Moabit. Das liebe ich so an Berlin:für jeden Blödsinn gibt es soviel kritische Masse, dass er realisierbar ist. Apotheke 4.0? Welche drei Revolutionen vor 4.0 hab ich da im Apothekenwesen verpasst? Die mit der Erkenntnis, dass man Tabletten auch oral einnehmen kann?
Auf die Realisierung des ominösen Industrie 4.0 bin ich gespannt. 3.0 hat mit Digitalisierung im Gepäck unter anderem ein Riesenheer von Dienstleistungssklaven produziert, die von einem Job nicht mehr leben können, während ein paar Internetkonzernbesitzer unvorstellbaren Reichtum anhäuften. Vielleicht gibt es bei Apotheke 4.0 dann jede Menge kostenloser, feinster Drogen ohne Nebenwirkungen für alle, damit wir fröhlich nicht mehr merken, wie wir beschissen, belogen und betrogen werden. Schöne neue Welt 4.0. Mir ist das egal, weil ich demnächst auf Ticket der SPD in den Bundestag einziehe. Bei denen kursiert der Vorschlag, jeden fünften Listenplatz für verdiente, parteilose Persönlichkeiten wie Schichtarbeiterinnen oder Künstler zu vergeben. Bei meinem sozialpolitischen Profil bin ich sofort 1. Künstler-Wahl.
Schichtarbeiter hab ich auch schon gemacht. Lange her, aber es reicht, um mitreden zu können. Es gibt überhaupt nur ganz wenig Bereiche, wo ich nicht mitreden kann. Eigentlich bin ich der geborene Politiker. 4.0. Ich hab schließlich einen eigenen Blog, das reicht für 4.0.
Ich bin ICH 4.0.
28.06.2019 – Der rechte Arm ist zum Gruß erhoben

Nan Goldin bei Preisverleihung im Sprengelmuseum Hannover am 27.06.2019. Nan Goldin ist eine der bedeutendsten Fotografinnen weltweit. Themen ihrer Fotografien waren Sex, Drogen, Aids, Tod und spiegelten eindringlich, emphatisch und persönlich grundiert die Folgekosten des unaufhaltsamen Aufstiegs eines mörderischen Turbokapitalismus in den Achtzigern, mit dessen zerstörerischen Konsequenzen wir heute konfrontiert werden
Bei der Preisverleihung schwebte ein riesiger, weißer Elefant durch den ehrwürdigen Bürgermusentempel, auf dem in grellbraunen Lettern der Name „Leni Riefenstahl“ gedruckt war. Der Elefant kam wie folgt da hin:
Der Preis wurde überreicht durch den Stifter, einen unsäglichen Fatzke namens Alexander Baumgarte, dessen Gelaber für mich den Tatbestand der schweren Körperverletzung darstellte. Eitelkeit, Größenwahn und Dummheit fanden in dieser Kreatur einen Nährboden wie Salami in der Sonne für Schimmelpilze. Besagter Fatzke hatte auf der Homepage seiner Galerie bis vor ein paar Tagen Fotos von Leni Riefenstahl, die er für eine große Künstlerin hält. Wenn es eine prototypische faschistische Ästhetik gibt, dann in den Bildern von Leni Riefenstahl. Für faschistische Ästhetik gilt aber das Diktum: Faschismus ist keine Meinung und auch keine Kunst, sondern ein Verbrechen.
Nan Goldin wusste von der Riefenstahl Causa nichts. Nan Goldin ist Jüdin. Nan Goldin was not amused und überlegte laut „Spiegel“, ob sie den Preis annehmen sollte. Was beim Sprengel-Direktor Spieler auf Unverständnis stieß. Der Mann sitzt im Stiftungsrat des Fatzkes und dürfte dafür nicht zu knapp Kohle kassieren. Die ganze Angelegenheit stinkt also wie braune Hundekacke zum Himmel und ich war gespannt, ob irgendwer von den Labernden bei der Feierlichkeit die Angelegenheit wenigstens mit einem einzigen Nebensatz erwähnen würde. Was von Souveränität und Ehrbarkeit gezeugt hätte.
Kein Wort.
Und so schwebt da immer noch dieser riesige, weiße Elefant durch den ehrwürdigen Bürgermusentempel und auf dem Fußboden liegt ein großer, unsichtbarer Teppich, unter den nach alter Bürgermanier jeder Dreck gekehrt wird, bis es zum Himmel stinkt.

Nan Goldin wirkte leicht stoned aber sympathisch, mit einer Stimme wie Marianne Faithfull. Es gab Häppchen, Wein und leichte Gespräche.
Mein Blick fiel aus dem Fenster des Sprengelmuseums auf das gegenüberliegende Denkmal „Der Fackelträger“.

Fuck-elträger, 1936. Das Hakenkreuz wurde nach dem Krieg aus dem Sockel entfernt. Der rechte Arm ist zum Gruß erhoben und auch sonst lässt einiges grüßen.
Man darf auf die Presseberichterstattung zu dem Fall gespannt sein.
27.06.2019 – Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.

Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.
Wie setzt man die eigenen Erinnerungen und Erfahrungen in angemessene, handlungsorientierte Relation zur Gegenwart? Ältere neigen zu Einstellungen wie „Früher war alles besser“ und „Die Jugend taugt nichts“. Ich schließe mich da nicht aus. Als ich las, dass bei der großen Fridays for Future Demo neulich 50.000 waren, dachte ich:“ Gegen den Nato-Doppelbeschluss sind 1,5 Millionen im Oktober 83 bundesweit auf die Straße gegangen, im Bonner Hofgarten allein waren bei einer Demo 400.000, und der Doppelbeschluss ist trotzdem gekommen. Und wie viele von den 50.000 laufen da nur mit, weil es gerade cool ist? Wo ist da das Potential für eine soziale Bewegung analog der klassischen Arbeiter-, Frauen- oder Friedensbewegung?“
Nachhaltige politische Veränderungen bedürfen des Drucks sozialer Bewegungen, die, so lehrt es zumindest die Geschichte, auch über die Straße Druck entfalten können. Das reicht natürlich nicht, es braucht auch Unterstützung in den Medien, Akzeptanz im Mainstream, Bündnispartner wie Gewerkschaften, charismatische Führungspersonen, starke Symbole und Claims, und an den Rändern den Mut zur Militanz und Illegalität, um nur ein paar Bedingungen für das Zustandekommen und Funktionieren sozialer Bewegungen zu nennen.
Das ist allerdings sehr stark analog gedacht.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser Überlegungen ist Öffentlichkeit, eine der kostbarsten Errungenschaften der Aufklärung, die Möglichkeit, für das eigene Interesse Öffentlichkeit zu erzeugen. Nicht umsonst ist das stärkste Bestreben aller autoritären Regime, Öffentlichkeit zu kontrollieren. Der Begriff „Öffentlichkeit“ wird aber zunehmend digital aufgeladen, siehe soziale Medien, Filterblasen etc. pp. Was das für Öffentlichkeit, soziale Bewegungen und die Möglichkeit von gesellschaftlichen Veränderungen bedeutet, zeichnet sich aus meiner Sicht überhaupt erst schemenhaft am Horizont der Geschichte ab. Ich glaube nach wie vor, dass es Analoges braucht, den Druck von Vielen auf der Straße. Ich glaube allerdings auch, dass ich 120 werde.
Glauben heißt eben: nicht Wissen. Preisfrage: Wenn Wissen Macht ist, in welchem Verhältnis steht dann Glauben zur Macht?

Grübeln Sie, liebe Leserinnen, nicht zu lange darüber nach. Was bleibt: einfach mal alles wegtanzen.
25.06.2019 – Wie ich einmal als Kapitänleutnant im ewigen Fuck-Ice verschollen ging

Um was für eine Inszenierung im Detail es sich hier handelte, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Auf Grund meiner juvenilen Erscheinung und des Schreibmaschinen-Schriftbildes muss es vor dem Krieg gewesen sein. Nun müssen wir nur noch herausfinden, welcher Krieg das war: Irakkrieg, Jugoslawienkrieg, Vietnamkrieg, Golfkrieg, Kongokrieg ….
Meine damaligen Inszenierungen sinnbefreit zu nennen, wäre die Untertreibung des Jahres. Im Vergleich dazu war Dada eine valide Wissenschaft. Da sich das Ganze in der vordigitalen Zeit abspielte, in der man alles, aber auch wirklich alles in Papierordnern speicherte, wenn man es denn speicherte, die natürlich alle auf irgendwann auf dem Müll landeten, gibt es darüber keine Aufzeichnungen mehr, bis auf solche Artefakte. Einen Text damals fehlerfrei in eine Schreibmaschine zu hacken, war eine Syphilis Arbeit. Oder hieß der Typ Sisyphos? Oder Sissi?
Digitalisierung ist also ein Segen, weil sie die Arbeit erleichtert, ähnlich wie Strom oder Sackkarren beim Transport von 68 Flaschen Bier und Korn. Vielleicht war das ja die Botschaft der Inszenierung, dass selbst ein Kapitänleutnant im ewigen Fuck-Ice eine Sackkarre dabei haben sollte, wenn er 68 Flaschen Bier und Korn transportieren will. Strom und Sackkarren sind relativ einfach zu begreifen:
Volt, Watt, Ampere, Ohm
ohne Euch kein Strom.
Dann noch die Ohm’schen Gesetze und fertig ist die Laube. Mit dem Verständnis der Digitalisierung ist es schon schwieriger. Ich habe mir, zumindest im Ansatz ,den Anti-Faust auf die Fahnen geschrieben, das Bemühen um das Verständnis der Veränderungen, denen die Moderne uns unterwirft, mittels Vernunft:
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Faust hatte sich ja in diesem Bemühen um das Verständnis der Welt der Magie verschrieben, seine Seele dem Teufel überantwortet. Ein Verrat an der Vernunft, weil er an der Grenze seiner Erkenntnis verzweifelt:
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.
Ich hab also z. B. versucht, das Funktionieren von sozialen Medien zu verstehen, wozu man sich natürlich darauf einlassen muss. Mein dienstliches Facebook-Konto wurde gehackt und darüber wurden Pornos verschickt. Hab‘s kapiert und entschieden: ohne mich.
Mit der Folge, dass ich das aktuelle Abkippen des bürgerlichen Konservatismus à la CDU in eine faschistoide AfD-Reaktion in seiner vollen Dramatik erst nach der Lektüre von Artikeln von Sascha Lobo kapiert habe. Das hat mit Digitalisierung und sozialen Medien zu tun. Und das nicht zu verstehen, sich darauf nicht einzulassen, ist in heutigen Zeiten für einen Anhänger der Ideale der Aufklärung ein Todesurteil.
Gut, dass in unseren Breitengraden Todesurteile nur noch metaphorische und analoge Tüten (ohne Mythen) noch eine tragbare Bedeutung haben, wie diese hier

Von der Aktion zum Grundgesetz, einer Inszenierung voller Logik, Sinn und Verstand. Und archiviert! Digital! Im Internetz! In den Tüten konnten Quizgewinnerinnen bei der Aktion ein Exemplar des GG mit nach Hause nehmen.
Es lebe der Fortschritt.
23.06.2019 – Eher lächerliche Klage

Mein Lieblingspark in Berlin: Körnerpark, Neukölln. Ein kleiner Park aus dem vorigen Jahrhundert, der fast ausschließlich von Anwohnerinnen genutzt wird. Mit einer Orangerie inclusive kleiner Galerie und Restauration, ein paradiesischer Ort für Flaneure. Beim Anblick dieser undisziplinierten Horden, alles Familien mit Brut, quollen allerdings finstere Gedanken in mir hoch. Ich hätte gerne ein Megafon dabei gehabt und würde laut gebrüllt haben: „Habt Ihr alle Scheiße auf den Augen? Hier steht groß und deutlich „Rasen betreten verboten“!“ Ich hätte so lange gebrüllt, bis dieses Pack sich vom Rasen getrollt hätte.
Hinterher jammern sie dann nach dem Staat und der Stadt, wenn der Rasen auf Grund der auch dieses Jahr wieder sich anbahnenden Rekord-Dürre von ihrer Brut und ihren Kinderwagen und Decken einfach plattgemacht ist und nur noch wüste Öde herrscht. Himmelherrgöttin nicht noch mal, es gibt Regeln, die durchaus ihren Sinn haben. Und ich räsoniere mal wieder über den § 129a StGB, der die Bildung von kriminellen Vereinigungen unter Strafe stellt. Für mich fallen Banden, im konkreten Fall Familienbanden, eindeutig darunter.
Das Fluchen über rücksichtslose Familien in Berlin ist weder neu noch originell und im Vergleich zur anschwellenden Nazi-Barbarei im Rest der Republik auch eher lächerlich, aber dieses Bild wollte ich ebenso im Blog parken wie die folgenden.

Reminiszenz an den heutigen Sonntag, auch irgendwo in Neukölln, ich glaube Hermannstr.

Und Kioskkonzerte habe ich schon vor 6 Jahren organisiert. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte etwas weniger Avantgarde und mehr Mainstream gemacht, da hätte ich mit Kulturproduktion mehr Zaster verdient.
Aber wäre ich dann glücklicher?
Keine Ahnung. Ist mir ehrlich gesagt auch egal. Sonnigen Sonntag, liebe Leserinnen.
22.06.2019 – Riesiger Marihuana-Rauchpilz

Third World im Yaam, Juni 2019. Ab und zu befrage ich das Orakle von Delphi, vulgo Internet, ob es meine Lieblingsgruppen noch gibt und ob sie noch auf Tour gehen, um die vermutlich letzte Chance zu nutzen, die zu hören. Was eine ambivalente Geschichte ist, ich habe es auch schon erlebt, dass mir durch ein ehrgeizloses Agieren alter Säcke auf der Bühne schöne Jugenderinnerungen coram publico vernichtet wurden. Da waren dann die Mythen in Tüten sozusagen, um eine alte hannöversche NDW Combo in Erinnerung zu rufen.
Das Yaam ist der Berliner Place to be, was black music angeht. Third World war musikalisch ambitionierter als die diverse Schlabber Reggae-Combos beispielsweise des Reggae-Mythos Bob Marley und „96 degrees in the shade“ ist einer meiner 10 Lieblings-Popsongs schlechthin , also nichts wie hin. Positiv: man brauchte selber nichts zu kiffen, sobald man sich auf 20 Meter an den Laden näherte, war man nach drei Atemzügen stoned. Ich wartete jeden Moment auf das Eintreffen der Feuerwehr angesichts des riesigen Marihuana-Rauchpilzes, der über dem Gelände schwebte wie Wolke 7. Die ersten Stücke des Konzertes transportierten den Mythos, die glorreiche Erzählung seliger alter Zeiten, auch angemessen in meine tanzwütigen Knochen, aber dann protestierten meine Ohren laut(!)hals. Der Mann am Mischpult machte mit meinen Ohren das, was dereinst Hitler mit Polen gemacht hatte (Pointe nach Ernst Lubitsch). Ein dröhnender Sound-Brei mit einer Lautstärke wie bei einem Motörhead-Konzert löste bei meinen Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel Panikalarm aus und raubte dem Reggae das, was für ihn konstituierend ist, den schwebenden Grove. 96 degrees ging dann, lebte aber stark von der Erinnerung, und die Moral des Abends war: Musikalische Erinnerungen werden anders als Sauerkraut nicht besser, wenn man sie aufwärmt (Pointe nach mir selbst).
Was mich nicht davon abhält, Ende des Monats Toto in der Spandauer Zitadelle anzuhören, jeder Song ein Exkurs über den perfekten Aufbau eines Popsongs, mit garantiert gutem Sound, allerdings völlig tanzbefreit. Bei einem Konzert von Toto in Hannover, es muss vor dem ersten Weltkrieg gewesen sein, war der Gitarrist Steve Lukather von der Bühne gefallen und hatte sich einen Arm gebrochen, was ein akzeptabler Grund für einen Konzert-Abbruch ist. Seine Frisur, im Video zu bewundern, sieht heute noch so aus, als ob sie in Gips wäre. Ich weiß noch, wie ich zu einem Kumpel damals sagte: „Scheisse, wir haben zu viel geraucht. Ich verstehe immer bei den Ansagen, dass der Gitarrist sich den Arm gebrochen hat. Wie kann sich ein Gitarrist denn den Arm brechen?!“
Jugendsünden, die im Schreiben hochkommen. Allein dafür lohnt sich das Blogschreiben.
Von allgemeinerem Interesse als dieses Subjektiv-Gedöns bis hierher, und damit sind wir mitten im Thema „Wem gehört die Stadt?“, ist die Tatsache, dass das Yaam zauberhaft direkt an der Spree liegt, im Bereich von Mediaspree, einem der größten Investorenprojekte in Berlin. Ich schätze mal, dass das Yaam noch 5 Jahre hat, bevor es einem der üblichen austauschbaren Profittürmen weichen muss. Da wird den Rastafaris und ähnlich spirituell Veranlagten aus dem Umfeld des Yaam das Anrufen höherer Mächte wie Jah wenig nutzen. Spiritualität ist ebenso den Gesetzen der Ökonomie unterworfen wie das Bierbrauen, um mal legale Drogen anzuführen.
Wenn es allerdings irgendwo in der BRD gute Bedingungen für erfolgreichen, auch radikalen, politischen Widerstand gegen die völlige Unterwerfung aller menschlichen Bedürfnisse und Äußerungen unter die Gesetze des Marktes gibt, dann in Berlin. Allein dafür ist diese Stadt liebenswert und so lassen wir abschließend versöhnlich bunte Blumen der Hoffnung blühen

Veranda Morgensonne, mit blühenden bunten Blumen der Hoffnung.
20.06.2019 – Fridays For Future ergänzen durch Thursdays For Past und Saturdays for Presence

Frau Dr. Angela Merkel wird mir immer sympathischer. Es fehlt nicht mehr viel und sie nimmt in meinem Positiv-Ranking aller Kanzler*innen der BRD den ersten Platz ein, den zurzeit noch trotz erheblicher Mängel Whisky-Willy-Brandt hat, und das auch nur, weil er ein Frauenheld war.
Wenn ich demnächst noch eine Überschrift lese: Merkel übergibt sich bei Nationalhymne, hat sie es geschafft. Daher an dieser Stelle die unironisch besten Gesundheitswünsche von mir für Frau Dr. Merkel. Auch wenn ich ihre Partei und Politik eher gruselig finde, ist sie unter den derzeit agierenden Politzwerginnen die Einzige, deren Erscheinen auf dem Bildschirm mir keine Allergiepickel im Hirn hervorruft.
Da höre ich jetzt die Anhängerinnen der reinen Leere, sorry, Lehre insistieren, das sei doch ein völlig unpolitischer Ansatz.
Stimmt. Aber die böse, böse Politik vertreibt mir zunehmend die gute Laune. Mit der Politik ist es wie mit dem Teppich, unter den der ganze Dreck der bürgerlichen Gesellschaft gekehrt wird: Egal an welcher Ecke man den Teppich anhebt, es stinkt zum Himmel.
Die ganze Welt ist eine Bühne, wenn nur die Inszenierung nicht so grauenhaft wäre. Sinngemäß nach dem letzten großen Dandy Oscar Wilde.
Beispiel gefällig? Wir haben Fridays vor Future, alle Welt liebt diese jungen, rebellischen Leute, die kurz vor Familiengründung, Häusle-bauen und SUV-Kauf nochmal auf die Straße gehen und dem CO2 inbrünstig ein „No pasaran!“ entgegenschmettern. Aber ach, die böse, böse Statistik, die ich mehr als jedes Feuilletongeschwafel schätze, vermeldet: Nur zwölf Prozent der Deutschen verzichten fürs Klima auf Flugreise. Motto: Ich wähle Grün, das reicht als Klimabeitrag.
Beispiel Palmöl. Jede weiß, dass für das Zeug Regenwälder platt gemacht werden. Es gibt nachhaltige Standards, mit denen der Anbau nicht so schädlich für Mensch und Natur ist. Das kostet. Konsequenz: Das Öl, das auf dieser Basis produziert wird, liegt wie Blei in den Regalen. Den Preis zahlt die Konsumentin nicht.
Das sind nur zwei kleine Meldungen der letzten Stunden, die mir spontan einfallen. Frei nach dem Motto: Wir wählen grün, da brauchen wir keine Politik

Es wird also alles böse enden. Neukölln kurz nach der atomaren Apokalypse.
Was tun? Fridays For Future ergänzen durch Thursdays For Past und Saturdays for Presence.
17.06.2019 – Exkurs über binäre Kampfstoffe

Wirr ist das Volk. Graffito, irgendwo in Neukölln.
Seinen angemessenen Ausdruck fand der Rassismus der Eingeborenen von Ostelbien im Wende-Evergreen „Wir sind das Volk“, den erst anders Aussehende und später anders Denkende als das verstehen durften, als das es von Anbeginn gemeint war: Als tödliche Drohung. Wenn mir jemand mit der vereinnahmenden Drohung „Wir sind das Volk“ entgegentritt, halte ich ihm militant und radikal entgegen: „Du bist Volker als ich.“
Ich wünschte mir eine neue Wende, aber eher als Wende-Ansage an das Volk im Sinne eines
„Wennde mit Deinem völkischen Dreck nicht aufhörst, Volk, fliegste raus“.
Aber wohin? Wem könnte man so ein Volk wünschen? Von deutschem Boden ist schon genug „Heil“ ausgegangen.
Und so fasst man, na ja, ich jedenfalls, sich angesichts des allenthalben grassierenden völkischen Wahns an den Kopf ob der erleichterten Kommentare wegen des Sieges eines CDU Kandidaten gegen einen AfD-Mann bei der Oberbürgermeisterwahl in Görlitz, einer Stadt, aus der ich schon lange einen Baggersee gemacht hätte. Die Botschaft ist doch nicht, dass der CDUler über 50 Prozent gekriegt hat, die Botschaft ist doch, dass fast 50 Prozent den Kandidaten einer Naziverseuchten Partie gewählt haben. Und über die Gesinnung der knappen Hälfte, die gar nicht erst zur Wahl gegangen ist, sollte man, na ja, ich jedenfalls, sich keine Illusionen machen.
Ich bin mal gespannt, wie sich die staatlichen Organe bei einer weiteren völkischen Entwicklung der Dinge nicht nur in der Ostzone verhalten, wenn dadurch zunehmend verfassungswidrige Umstände eintreten. Als ein paar Teilzeit-Kommunisten in den Siebzigern die hiesigen Bolschewisten-Paranoiker in Panik versetzten, holten die mit dem Radikalen-Erlass umgehend eine Berufsverbots-Keule aus dem Schrank und drohten mit der allen kritischen Geistern, dass sie nicht in den Staatsdienst kämen, wenn sie weiterhin an wirren Idealen wie den Paragrafen 14 und 15 des Grundgesetzes (Enteignungen!)) festhielten. Das hatte nachhaltigste Wirkungen bis heute, mit der Reduzierung kritischen Potentials gegen Null, wie man am Beispiel des heutigen Baden-Württemberg- MP (bei der Abkürzung denk ich immer an was anderes als an Ministerpräsident) Kretschmann sieht, der damals Mitglied des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) war, und heute als Doppel-Null durchgeht.
Der KBW war eine Sekte, deren Mitglieder waffenscheinpflichtigen Blödsinn sondergleichen absonderten, was sich bei Kretschmann bis heute nicht geändert hat, nur ganz anders als früher. So deliriert dieser Auto- und auch sonst Narr, wie ich Hintergrund gerade auf DLF höre, Dankbarkeit über das Wahlergebnis in Görlitz in alle Mikrofone.
Das Ganze wird noch von diesem unsäglichen Wanderprediger Gauck getoppt, der gerne möchte, dass wir mit Nazis mehr kuscheln sollen.
Ex-Kommunisten und Pfaffen, das ist eine gefährliche Mischung, binäre Kampfstoffe sozusagen.
Wir sind ein rohstoffarmes Land, heißt es. Was den Rohstoff Vernunft angeht, stimmt das sicher.
Und so fragt man, na ja, ich jedenfalls, sich: Was kommt als nächstes?
Für mich der Baggersee. Sonnigen Tag, liebe Leserinnen.