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11.02.2017 – Ein bitterer Tag

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Morgen wird ein bitterer Tag für mich, ich werde wohl in den nahegelegenen Hafen flüchten und meiner Depression nachspüren. Häfen sind für mich dafür ideal.
Morgen wählt die Bundesversammlung den Bundespräsidenten, in Berlin im Reichstag. Aus Niedersachsen sind 63 Abgesandte dabei, die von den Parteien benannt werden. Vor ein paar Monaten fragten die Grünen bei mir an, ob ich mir vorstellen könnte, auf ihr Ticket dahin zu fahren, als eine Mischung aus regional teilbekannter Kulturschaffender und mittelmäßig exponierter sozialpolitischer Akteur. Das sind meine Formulierungen, trifft es aber im Kern. Letzten Endes haben sich Grünen dann für die Drag Queen Olivia Jones entschieden. Ich bin Mitglied keiner Partei, der Politikbetrieb ist mir nicht so wichtig, meine Eitelkeit befriedige ich woanders und Steinmeier hätte ich nicht gewählt. Mit Christoph Butterwegge steht ausnahmsweise mal ein für mich akzeptabler Kandidat zur Wahl. Das ist aber alles nur funktional-oberflächliches Argumentieren. Aus anderen, mir nahen Gründen wäre ich selbst mit amputierten Beinen nach Berlin gefahren. Auf Staatskosten Berlin, das volle Programm, Nobelabsteige, ohne Schlangestehen in den Reichstag, ich im Fernsehen (der Achte von links in der siebzehnten Reihe), ich hatte mir sogar schon eine Performance überlegt zur künstlerischen Kommentierung des politischen Aktes, und ein T-Shirt entworfen mit der Aufschrift: „Bundespräsidenten-Wahl 2017 – ich war dabei!“
Und bis an mein Lebensende am Lagerfeuer die Geschichte, wie ich gemessenen Schritts zur Urne schreite ….
Asche. Aber gefreut hat mich die Anfrage schon, eine schöne Geschichte ist es auch so und ich hoffe, dass Butterwegge mehr als 100 Stimmen kriegt. Das würde man dann wohl „ein kleines Zeichen“ nennen. Was aber auch nix ändert. Der Mann ist übrigens auch eitel, wie überhaupt nach meiner Wahrnehmung Männer im Durchschnitt eitler sind als Frauen. Da sie dabei meistens aber eher nicht so toll aussehen und sich mitunter eher aufführen wie Hampelmänner, geben sie im Durchschnitt ein trübes Bild ab. Butterwege habe ich des öfteren als Referent erlebt, auch auf eigenen Veranstaltungen, und wie der seine eigenen Bücher da in den Vordergrund stellt und sich in denen permanent selbst zitiert, das hat schon was peinliches. Aber er hat wenigstens Biss, ist parteiisch und kompetent sowieso. Morgen also “Sitting on the dock of the bay, watching the tide roll away”
lindener hafen
Kleine Häfen an einem Sonntag Mittag haben etwas unwirklich einsames, melancholisch-anrührendes, wie aus der Zeit von Industrie 4.0 und Digitalisierung Gefallenes.
Für meine Depression steht mir aber nur 1:30 Stunde zur Verfügung. Morgen muss noch eine PM raus. Ein Stress ist das im Moment, ich könnte ne Depression kriegen…

10.02.2017 – Es kommt alles wieder.

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Postkarten, zum Geburtstag, zunehmende Tendenz. Es gab Zeiten, da hab ich ein oder zwei gekriegt. Glückwunsch-Standard war doch lange die Mail, die SMS (heute whatsapp etc.) und das gute alte Telefon oder Handy. Postkarten waren völlig out. So wie Schallplatten. Kommt aber offensichtlich alles wieder, bei Schallplatten steigt der Umsatz auch wieder. Ich fröne ja nach wie vor Cassetten, das ist Mega-Avantgarde. Postkarten schreibe ich auch noch, weniger als früher, aber doch.
Zu meinen Lieblingsritualen im Urlaub gehört das Postkartenschreiben. In der Mittagssonne setze ich mich auf den jeweiligen Marktplatz des Urlaubsortes, mit der jeweiligen Getränkespezialität des Landes wie Port, Sherry, Marsala etc. und liebevoll ausgesuchten Motivkarten und beginne zu schreiben, nur in ganz seltenen Fällen mit konkretem Bezug zu meinem Urlaub, eher launig-absurdes freies Fluten der vom Alkohol umnebelten Gedanken.
Port ist übrigens in jeder Bar in Portugal erhältlich, mit Marsala in Sizilien sieht das schon anders aus. Orte, wo Getränke angeboten werden wie Caipiroschka, sollte man nur aufsuchen, wenn man einer Performance beiwohnen will. Oder wenn man kacken muss und keine Alternative in der Nähe ist.
Hier ist es bitterkalt.
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Polizeiwagen stehen hingeduckt im eisigen Ostwind zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt und zittern einem Räumungseinsatz im Namen der Gentrifizierung entgegen. Eigentlich hätte ich bei der Demo dagegen mitmachen sollen, aber Gottseidank kenne ich einen Teil der ca. 50 Aufrechten, die dabei waren, und zuverlässig, aber nicht immer faktenorientiert, berichten. Und außerdem musste ich zu einem Diensttermin. Eine Besprechung, in der es auch um sozialräumliche Armutsverdichtung infolge von Mangel an Wohnungen mit Belegrechten ging, was etwas andres ist als Mangel an sozialem Wohnungsbau. Die Welt ist absurd. Und kompliziert.
Und treibt mich mitunter in den Wahnsinn. Eben, im Beginn des Tages multipel mit einer Mischung aus Hausarbeit und Home Office beschäftigt, suchte ich meine Schlappen, mit denen ich in den Garten gehe. Es gibt nur zwei Orte, an denen die stehen können. Eher läuft die Zeit rückwärts oder der Apfel fällt nach oben, als dass die jemals woanders stehen. Ich bin ein außerordentlich ordentlicher und strukturierter Mensch. Ergo rannte ich tobend wie Zeus ob des Verrats des Prometheus in der Wohnung rum und suchte die verdammten Schlappen.
Ich hatte sie die ganze Zeit in der Hand.

06.02.2017 – Ausverkauft.

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„Und von da kommen nachher die Zuschauer.“ Ist es das, was Regisseur Shuan Karim den Mitgliedern des Ensembles bei der letzten Probe des Stücks „Am Bahnhof“ sagen will?
Fakt ist, dass auch die Aufführung vorgestern in der Hinterbühne wieder mehr als ausverkauft war, die Zuschauerinnen saßen teils auf Klapphockerinnen ( mehr über geschlechtergerechte Hockerinnen hier) oder sogar auf dem Boden. Und waren begeistert. Mehrere Vorhänge.
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Wobei das Anstrengendste in Projekten nicht die funktionale Arbeit ist wie Projektdesign erstellen, Mittel verwalten, Mitarbeiterinnen organisieren, Öffentlichkeitsarbeit etc. pp, sondern die subjektiven Faktoren, wie z. B: psychische Dispositionen der Beteiligten. Das sind zentrifugale Kräfte, die kaum steuerbar sind. Bin ich Therapeut oder was. Das Leben ist kein Sitzkreis, sach ich immer. Wenn 10 Abteilungsleiter aus Verbänden und Gewerkschaften einen Fachtag planen, wie bei unserem Letzten, ist das relativ einfach. Die sind qua Verantwortung ihres nicht schlecht bezahlten Jobs dazu gezwungen, Ergebnis zu liefern, egal wie. Wenn sie das nicht gelernt hätten, wären sie nicht in dieser Hierarchiestufe gelandet. Was aber wäre mit Flüchtlingen, die professionell Theater machen und merken, dass es erfolgreich wird, und dann vielleicht darauf insistieren, kein „Flüchtlingstheater“ zu machen, sondern einfach: Theater. Da kommen so viele Ebenen zusammen, Donald würde onomatopoetologisieren: seufz, kreisch, jaul, jammer. Ich kenne Konfliktsituationen in Projekten und was ich noch besser kenne, sind meine diesbezüglichen Grenzen.
Da sieht man schon mal dunkle Wolken am Horizont.
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Road to nowhere? Oder eher “Burning down the house”?
Wieviele vielversprechende Karrieren z. B. von alten Musikerkumpels sind gegen die Wand gefahren worden, nicht wegen mangelnder musikalischer Kompetenz, sondern wegen Band-Kleinkrieg. Beispiel Jane, die in den Siebzigern eine der Krautrockbands schlechthin waren, eine vielversprechendere Karriere vor sich hatten als die aus dem gleichen regionalen Subkultur-Sumpf stammenden Scorpions und Hunderttausende von Tonträgern verkauften. Das Ende vom Lied: Bizarrer Band-Huzzle vor Gericht, wo einzelne Bandmitglieder in der Beweisaufnahme auch schon mal a cappela Auszüge aus Songs vortrugen, als es um Urheberrechte ging.
Da kann man nur seufzen: Keine Macht den Drogen.

29.01.2017 – Für diesen einen Moment. Nächster Termin: 04.02.17, 20 Uhr.

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Premiere Theater „Am Bahnhof“ am 10.12.2016, Hannover, Kulturzentrum Faust.
Wir waren mehr als ausverkauft und brauchten für die über 150 Gäste zusätzliche Stühle. Langanhaltender Beifall und mehrere „Vorhänge“ waren der Lohn für ein ungewöhnliches Theatererlebnis. Die beiden Januar Termine waren auch nahezu ausverkauft.
Nächster Termin: Samstag, 04.02.2017, 20 Uhr, Hinterbühne, Hildesheimerstr. 39a, 30169 Hannover.Reservierung empfohlen, hier
Auszug aus der Premierenkritik von unserem Korrespondenten und Theaterexperten Christof (von dem auch alle Fotos sind) von der „Freistätter Online-Zeitung“:
„Unter der Regie von Shuan Karim präsentiert die Gruppe, die sich aus Profis und Amateuren zusammensetzt, und mehrsprachig agiert, eine Performance, die jederzeit mit großen Theaterproduktionen mithalten kann.“ Hier die gesamte Kritik.
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Für diesen einen Moment des Beifalls lohnt sich die ganze Mühsal der Arbeit fast eines Jahres. Die Endorphine, die da ausgeschüttet werden, können süchtig machen.
Ich beneidete die Schauspieler_innen in diesem Augenblick. Das ist mein erstes Kultur-Projekt, bei dem ich künstlerisch weder beteiligt noch mitverantwortlich bin. Ich bin Produzent, was bedeutet: das Projekt ist meine Idee, ich trage die wirtschaftliche und technische Verantwortung für die Produktion. Letzten Endes: Kohle ranschaffen, that’s all.
Das einzige Mal, wo ich auf der Bühne bin, ist bei der Premiere, um nach altem Theaterbrauch Allen rote Rosen zu überreichen.
Ich kenne das Gefühl von Endorphin-Explosionen bei Bühnen-Erlebnissen, trotz allen Stolzes über die gelungene Premiere fehlte mir an dem Abend was. Andererseits hatte ich auch ein, zwei herausragende Pleiten in meinem Kabarettleben, die ich meiner ärgsten Feindin nicht wünsche (Korrektur: doch. Wünsche ich) und ich glaube, mich hat auch eher der Adrenalinkick vor Beginn einer Aufführung süchtig gemacht.
Die Honorare waren es jedenfalls nicht.
Es gibt aber auch noch andere Momente, in denen ich weiß, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat: als nach der Aufführung Zuschauerinnen sich bei mir dafür bedankten, dass die Landesarmutskonferenz dieses Projekt ermöglicht.

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27.01.2017 – Eigentlich wollte ich heute wieder nur Nichtiges schreiben

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So was wie: Der Blick in den Garten ist schön. Ich müsste mal wieder Urlaub machen. Was macht die Kunst? Ich werde alt. Blablabla halt, irgendein Gedöns, dass ich kaum in ernsthafte Texte noch in mein reales Tagebuch schreiben würde. Und außerdem muss ich die Fotos hier ja irgendwo speichern, da kann ich sie auch gleich ins Internet packen.
Aber eben habe ich auf DLF ein Interview mit Georg Stefan Troller gehört, anlässlich des heutigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Troller ist für mich eine TV Ikone aus den 70ern, er brachte einen anderen Ton in diese graue, „wichtige Miene machende Männer“ Veranstaltungen a la Werner Höfers Frühschoppen. Troller war die mediale Vorwegnahme des später in alternativen Kreisen gepflegten „subjektiven Faktors“. Troller sprach im Interview eben lauter wunderbare wahre Sätze, geprägt von Humanismus und Souveränität. Und das im Alter von 96. Nachzulesen hier.
Das Interview war vorab aufgezeichnet und stand zum Zeitpunkt der Ausstrahlung verschriftlich zur Verfügung. Diesen Satz sollte man jedem AfD Idioten, der sein besinnungsloses Geplärre von „Lügenpresse“ bei jeder unpassenden Gelegenheit so absondert wie unsereiner Durchfall bei Noro-Virus Befall, mit einem Brandeisen auf die rechte Arschbacke brennen. Solche Gedanken sind inhuman, höre ich da jemanden denken?
An Tagen wie diesem machen sich in mir auch schon mal anti-aufklärerische Reflexe breit.
Ein Satz von Troller gab mir zu denken: „ Diese Erinnerungskultur (an den Holocaust, d. A.), die Deutschland vielleicht stärker als andere schuldige Nationen einschließlich Österreichs, meine Heimat betrieben hat, ist das einzige, wofür man Deutschland eigentlich über Jahrzehnte hinweg bewundern durfte.“
Das stimmt. Und nachdem Deutschland jahrelang in meinem Ranking der unangenehmsten Nationen Europas den unangefochtenen Spitzenplatz einnahm, liegen da mittlerweile präfaschistische Nationen-Missgeburten (das ist bestimmt sprachlich unkorrekt hoch drei) wie Ungarn, Polen, Slowakei, aber gerne auch die Schweiz, deutlich vor „uns“ in meinem Ranking.
Es fängt allerdings an zu bröckeln, wenn ich mir Höcke, Petry et. al. angucke …

25.01.2017 – Mittlerweile ermitteln mehrere Staatsanwaltschaften gegen mich

armut bekämpfen
Nützlicher Neujahrsempfang. Es ist ja nicht so, dass ich mich permanent als parasitärer Luxussauger an den prallen Brüsten des Kapitals labe, indem ich z. B. auf Neujahrsempfängen von Radio ffn abhänge. Bei einer Art Neujahrsempfang links im Bild der Partei „Die Linke“ geht es um das durchaus sinnvolle Thema wie Armut bekämpft werden kann und ich muss da sogar ackern, indem ich auf dem Podium sitze. Details gibt es hier Armut bekämpfen. Kommt massenhaft am 02.02 ins hannöversche Rathaus! Es gibt was zu saufen. Und es wird vielleicht lustig. Wenn ich auf dem Podium sitze, wird es mitunter unterhaltsam, reine Notwehr, ich will mich ja selber nicht langweilen und unter meinem Niveau informiert werden. Wie oft habe ich mich schon beim Anhören von Vernissage-Reden, von Politiker-Ansprachen, von Podiumsdiskussionen bei Mordgedanken ertappt. Alle Todsünden der Rhetorik sind da oft auf einem Haupt versammelt: vom Blatt ablesen, ohne Punkt und Komma, ohne Melodie und Rhythmus, ohne Spannung und Dramaturgie reden – da kann ich auch gleich ohne Sinn und Verstand reden. Es kommt ja nicht darauf, was ich sage, sondern es kommt darauf an, was das Publikum versteht. Der Wurm soll dem Fisch schmecken – nicht dem Angler. Gerade bei Männern hat man oft das Gefühl, denen geht vor lauter Selbstverliebtheit in ihre Verbalergüsse beim Schwafeln einer ab. Auf jedem Podium dieser Welt sollte eine Entschwafelungs-Anlage installiert sein.
Jetzt muss mir nur noch irgendwas lustiges einfallen, gerade bei so einem Depri-Thema.
Eigentlich, wenn ich es recht bedenke, möchte ich im Moment lieber irgendwo am Mittelmeer am Strand liegen, verschwitzt nach einer Radtour in der Sonne, mir reichen 18 Grad Luft und 15 Grad Wasser, rein die Fluten wie ein Delphin.
Was soll’s.
Ich bin ja schon froh, dass sich dieser Google Check hier neulich als Fehlalarm herausstellte. Ich muss ja regelmäßig im Netz gucken, was so alles über meine Arbeit da drin steht.
klaus-dieter gleitze staatsanwaltschaften
Mittlerweile ermitteln mehrere Staatsanwaltschaften gegen Klaus-Dieter Gleitze …, so las ich im Überfliegen und erbleichte. Es dauerte einen Moment, ehe ich die Realität wahrnahm.
Ein schönes Beispiel dafür, wie Realität und Wirklichkeit zwei Paar Schuhe sind

23.01.2017 – Bekiffte Käufliche Liebe

deutsche cannabis
Plus 226 Prozent: Entwicklung der Aktie „Deutsche Cannabis AG“, nachdem der Bundestag Cannabis auf Rezept für Kranke legalisiert hat.
Geld, das auf der Bank liegt, wird immer weniger. Soll man Geld anlegen, so man welches übrig hat, und wenn ja, wie? Ethische Fonds? Öko? Aktien sind doch grundsätzlich des Teufels, so alte linke Überzeugung.
Oder? Laut Marx werden alle Dinge zur Ware, wenn sie denn in den Verkehr kommen. Egal, ob es ein Pfund Butter ist oder die Aktie einer Butterproduzierenden Molkerei. Die Spekulation ist nur eine graduelle Abstufung des Kapitalismus, keine strukturelle. Selbst menschliche Beziehungen besitzen im Kapitalismus Warencharakter. „Käufliche Liebe“ meint nicht nur Prostitution. Wieviele Ehen, Freundschaften und Liebesbeziehungen unterliegen nicht dem Tausch- und Gebrauchswertprinzip? Gewogen und zu leicht befunden, der Tod der Liebe, das ist die wahre Ware.
So einfach ist das also nicht mit der Ethik von Geldanlage, da sitzt manch Öko-Investor schnell auf einem hohen Ross, das letztlich nur ein Motto herauswiehert:
Das Herz sitzt links, das Portemonnaie rechts.
Was gar nicht geht, sind Aktien der vier P: Panzer, Plutonium, Prostitution.
Cannabis ist ok. Ist doch schön, wenn der kiffende Alt-Hippie unter Beweis stellt, dass er den Grundkurs in Nationalökonomie verstanden hat und politische Entwicklungen richtig zu deuten weiß. In der nächsten Legislaturperiode wird Cannabis grundsätzlich für alle legalisiert und die Aktie wird eine Entwicklung nehmen wie weiland Apple.
Ob ich das gut finde? Ist es nicht eher so, dass das, was illegal ist, Spaß macht? Das Verbotene macht uns scharf. Und so wie das Zeug heute reinknallt, hab ich bei Heranwachsenden schwerste Bedenken. Das ist vom Wirkungsgrad her zu früher (Achtung: FRÜHER WAR ALLES BESSER!) ein Unterschied wie zwischen einem Glas Prosecco und einer halben Pulle Wodka.
Hätte ich Kinder in der Adoleszenz und würde merken, dass die kiffen, würde ich denen den Hintern versohlen. Jedenfalls wenn es mein Zeug wäre, was die rauchten.
Und da ja NSA und BKA alles mitlesen, hier ein Hinweis: die 6,8 Gramm, die ich besitze, sind in meinem Garten vergraben. Nicht dass die mir bei einer Razzia noch die Tür eintreten. Da ist es mir lieber, die graben meinen Garten um. Dann muss ich es nicht machen.
Das, liebe Genossinnen, nennt man Dialektik.

20.01.2017 – Die repressive Toleranz von 450 Prominenten

Kostenlos guten Wein verklappen, Fingerfood schaufeln, gediegene Atmosphäre, nach der Feier mit einem Shuttle nach Hause kutschiert werden und das Gefühl, wichtig zu sein. Das alles und noch viel mehr gibt es auf Neujahrsempfängen.
ffn
Wie dem von Radio ffn, einem jener Privatsender, bei denen für mich das Zuhören unter akustisches Waterboarding fällt. Fröhliche Morgenmänner foltern einem die Gehörgänge dergestalt, dass hier der Tatbestand der Verletzung der Haager Landkriegsordnung von 1899 vorliegt. Trotzdem, respektive deshalb, als Wiedergutmachung, nahm ich die Einladung an. Schließlich gehöre ich damit amtlich zu den 450 Promis hierzulande – was meine Ehrfurcht vor mir selber ins unermesslich steigerte. Ich siezte mich in den Folgetagen.
der morgenmän
ffn Morgenmänner mit Bademeister und Badenixe. Wenn das Jahr so anfängt, ist die Hölle nicht weit. Extrem hoher Lästerfaktor für mich! Besonders „freute“ ich mich auf den Auftritt von Dietmar Wischeimer, einem jener normalerweise unangenehmen Brachial- und Fäkalkomiker, die sich in der Maske des Underdogs genau über jene lustig machen. Also dieses eklig-deutsche von Oben nach Unten treten.
Leider enttäuschte Wischmeyer mich komplett, er lieferte eine präzise, kenntnisreiche, bitterböse und saukomische Entlarvung des Geschäftsmodells Privatfunk, bei dem alle Seiten ihr Fett abkriegten, von den Anteilseigern über die Politik bis hin zu den Hörern. Das einzig Nervende daran: alle lachten, von den Promi-Hörern über die Politik bis hin zu den Anteilseignern.
Mir fiel Herbert Marcuses Begriff von der repressiven Toleranz wieder ein, alles wird akzeptiert, alles ist gleich lustig. Die gegenwärtig herrschende Toleranz akzeptiert alles: Chauvinismus, Rassismus, Diskriminierung, sowie die Kritik daran und die Satire darüber, nach dem Motto: Siehe, wie tolerant wir sind.
Nachtrag: es gibt bei ffn, wie in anderen Privatsendern, gute und kritische Leute. Da wird z. B. kurz und präzise über die Vorstellung des Bundestagskandidaten der Linken, Christoph Butterwegge, in Hannover berichtet. Gab es woanders kaum was drüber zu hören.
Die Landesarmutskonferenz begrüßte das aufs Schärfste. Hörst Du hier
Das Leben ist eine einzige paradoxe Intervention, ergo: Viva ffn!

18.01.2017 – Mein Lieblings-Verleser im Januar.

Love music hate racism
Orte der Besinnung. Wie Klöster. Nur anders.
Das Leben könnte so schön sein, wenn es die Realität nicht gäbe. Manchmal kriege ich Mails, da müsste im Betreff stehen: Bitte um Schläge. Neulich kriegte ich mal wieder eine von so einer Geistes-Amöbe, wo zum Schluss stand:
Mit der Bitte um Erledigung
Ich aber las ernsthaft:
Mit der Bitte um Erniedrigung.
Da das Unterbewusstsein unsere Wahrnehmung in einem eisernen Würgegriff hält, überlegte ich einen kurzen Moment: Muss ich mir jetzt Gedanken um mich machen?
Ich kam aber wie üblich zu dem Schluss: Nöö, muss ich nicht. Der Rest der Welt schon.
Ich nicht.
De Rest der Welt wie das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil, die NPD nicht zu verbieten. Als ich das hörte, war ich einigermaßen Bundesver-fassungslos. Ich halte das Recht – neben dem Staat, und weit vor der Gesellschaft – für die letzte Klammer hier im Lande, das offensichtlich immer mehr in Richtung Idiotie und Barbarei driftet. Auf Einhaltung des Rechts ist konsequent zu bestehen – es sei denn, es geht um BTMG und ähnliches, aber das ist eine andere Diskussion.
Das heißt aber durchaus, dass unsere Rechtsprechung im Einzelfall ein Fall von Klassenjustiz sein kann, rechtsbeugend wirkt oder einfach nur weltfremd und naiv ist.
Die NPD soll also wirkungslos sein und viele Nazis wären schon lange woanders tätig als in der NPD, so der Tenor der Begründung. Dann sollen faschistische Parteien also erst dann verboten werden, wenn sie kurz vor der Machtübernahme stehen? Und ein Schwelbrand im Hausflur soll erst dann gelöscht werden, wenn der Dachstuhl mitbrennt? Und Räuber sollen dann nicht wegen Raub verurteilt werden, weil sie jetzt im Bereich Vergewaltigung tätig sind?
Das Urteil ist auch ein Schlag ins Gesicht der Leute, die in der Ostzone in national befreiten Zonen antifaschistische Arbeit leisten.
Mein Vorschlag für das nächste Mal:
Das Bundesverfassungsgericht tagt während des Verfahrens in einer national befreiten Zone, in einem Gebäude, an dem ein Schild hängt:
Keine Nazis.
Die Tagungen finden natürlich ohne Polizeischutz statt.

15.01.2017 – Alles Essig?

himbeeressig
Himbeer-Essig, selbst angesetzt, links zwei Jahre alt, rechts 6 Wochen.
Ich hab ein Gefäß zwei Jahre lang übersehen, das Ergebnis sieht man. Und man schmeckt es, den dunklen Essig kann man pur trinken, geht in Richtung Madeira, mit beeriger Kopfnote, im Abgang extrem lang. Ein Anti-Depressivum, man strahlt beim Degustieren.
Depressionen auslösen können dagegen Reisen, zumal dienstlicher Natur. Nicht wegen der Inhalte, wegen der Bilder.
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Man strandet an Bahnhöfen, die so austauschbar, so trist, so grau, so einsam, so unendlich sind, dass es einen würgt.
Dann wieder Orte, die quasi mythisch aufgeladen sind. Kennt jede, für den Wagner-Nazi Bayreuth, für die Klassikfreundin Weimar, für den Biertrinker Kulmbach. Für mich gibt es da viele: Kassel und Documenta, Bilshausen und Heimat, aber auch der Ruhrpott mit Ikonenhaften Stätten.
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Wie die Brücke der Solidarität in Rheinhausen. Diese Brücke über den Rhein wurde 1987 von tausenden Stahlarbeitern besetzt, um gegen die Schließung der Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG des Krupp-Konzerns zu protestieren. Vergeblich, nach einem faulen Kompromiss wurden das Werk 1993 dicht gemacht. In den 30 vorangegangenen Jahren war die Belegschaft auf Grund von Produktivitätsfortschritt und Rationalisierung um ca. 85 Prozent reduziert worden.
Das kann man durchaus als Masterfolie für Kapitalismus 4.0 nehmen, nur dass die Prozesse viel schneller ablaufen, den Beschäftigten im Bankengewerbe z. B. wird noch schwindelig werden, so rasend-rotierend, und zwar nach draußen, geht das.
Es gibt aber Unterschiede zwischen Heute und 1987. Damals waren Begriffe wie kollektive Gegenwehr, Klassenkampf und Utopie auch in Gewerkschaften noch nicht zu einer Satirenummer degeneriert, sondern hatten identitätsstiftende Wirkung. Die IG Metall hatte zum Beispiel 1984 den Einstieg in die 35 Stunden Woche durchgesetzt. Ich hab da mitgestreikt, war aber mehr für die 25 Stunden Woche. Heute, wo der Kampf um eine dramatische Reduzierung der Wochenarbeitszeit perspektivisch nötiger denn je wäre, weil es sogar um das Überleben von so etwas Schäbigem wie Kapitalismus geht, ist die Forderung nach drastischer Reduzierung der Wochenarbeitszeit das sichere Mittel, sich als Gewerkschaftsdelegierter, wie ich es bin, in seiner Organisation lächerlich zu machen.
Frei nach Walter Ulbricht: Was lernt uns das, Genossinnen?
Alles Essig?